Titelbild: AI generiert mit artta.ai.
Matthias Blübaum fiel beim Kandidatenturnier auf Zypern vor allem durch seine Kraftausdrücke gegen sich selbst und weniger durch seine Partien auf. Einmal bezeichnete er sich als Clown. Die Idee fand ich gut, denn genau so fühlte ich mich in zwei Partien. Gewonnen haben drei Außenseiter den Tegernsee-Senioren-Cup: Jordan Nikolov aus Bulgarien vor dem Österreicher Robert Hafner und dem Italiener Carlo Luciani.
Von Thorsten Cmiel
Jedes Jahr im April findet der Senioren-Cup am Tegernsee statt. Gespielt wird im Seeforum in Rottach Egern mit sehr guten Spielbedingungen. Leider war Sandra Schmidt nicht dabei und sie fehlte an allen Ecken und Enden. Ich vermisste während der Runden aktuelle Ergebnislisten, mehr Fotos und bei den Namensschildern herrschte ebenfalls Verwirrung. Als Reaktion gab es sogar einige Teilnehmer, die nachvollziehbarerweise Sandra von den Österreichern, dort ist sie Generalsekretärin, wieder zurück nach Deutschland holen wollen. Dafür wurde von einem Teilnehmer eine Rückholung im Geiste eines Agentenaustauschs entwickelt, den ich aus Rücksichtnahme auf den Deutschen Schachbund und sein Personal nicht weiter ausführen möchte, denn zumindest unter Senioren fände sich dafür vermutlich eine klare Mehrheit. Erste Sondierungen mit anwesenden Österreichern ergaben allerdings, die wollen nicht.
Der Tegernsee bietet im Frühjahr Panoramaansichten in Postkarten-Foto-Qualität, die selbst mit durchschnittlichen Handy-Kameras Eindruck machen. Wer in einem angeschlossenen Hotel übernachtete, der erhielt eine Tegernsee-Card mit der man die Ring-Bus-Linien um den See nutzen konnte. Auch war die kostenlose Bootsfahrt zu einem Nachbarort inbegriffen. Neben dem tollen See-Ambiente versuchten fast 180 Spielerinnen und Spieler im Seniorenalter Schach zu spielen. Es gab natürlich hervorragende Momente, Dramen, Fehler und Enttäuschungen.


Berührt, geführt.
Zumindest einen Streitfall habe ich mitbekommen, aber zunächst gar nicht verstanden. Später berichtete mir ein anderer Spieler was vorgefallen ist: Der Schwarzspieler störte sich an einem nicht mittig stehenden Bauern und sagte „j’adoube„, vermutlich sehr leise, um die Sitznachbarn nicht zu stören, und adjustierte den Bauern. Sein Gegner war in dem Moment nicht am Brett, sah aber die Berührung des eigenen Bauern. Falls der Schwarzspieler nimmt, ginge ein Turm verloren, hieß es. Der Führer der weißen Figuren informierte den Schiedsrichter und wollte, dass der eigene Bauer geschlagen wird. Der Schiedsrichter entschied nach einigen hitzigen Diskussionen, dass der Weißspieler Recht hat und Schwarz den berührten Bauern schlagen muss.
Dazu mein Senf: Man kann nicht vom Schiedsrichter erwarten, dass dieser bei der geschilderten Faktenlage eine andere Entscheidung trifft. Der Spieler, der sich an einem Bauern stört, der nach seiner Ansicht nicht korrekt platziert ist, sollte grundsätzlich sichergehen, dass sein Gegner sein Zurechtrücken als solches erkennt. Ist der nicht am Brett, sollte er entweder einen Zuschauer als Zeugen suchen, der das „j’adoube“ hört, oder aber durch die Art des Verschiebens des Bauern deutlich machen, dass er diesen nicht berührt um ihn in diesem Fall vom Brett zu entfernen. Auf das Verbale kommt meines Erachtens nicht an. Den gleichen Effekt kann man durch Gesten erreichen – mit Schieben statt Greifen des Bauern beispielsweise. Falls der Bauer zwischen zwei Feldern steht, kann er ohne erreichbaren Gegner auch die Uhr anhalten und den Schiedsrichter rufen durch Handheben. Ich hätte vermutlich nicht auf das Nehmen bestanden und viele andere auch nicht, aber man muss aufpassen, dass man den moralischen schwarzen Peter nicht in Richtung des Reklamierenden verschiebt. Ich halte die Entscheidung des Schiedsrichters in diesem Fall jedenfalls für richtig. Immer vorausgesetzt, dass es sich so zugetragen hat.
Die Sieger



Kontroverses
Der Endstand richtet sich beim Tegernsee-Cup in den Punktegruppen nach dem gegnerischen Elo-Schnitt mit einer Streichwertung. Die zweite Wertung ist die Buchholzwertung, also die Summe der Gegnerpunkte, die aber letztlich keine Rolle spielt, da der Gegnerschnitt praktisch immer unterschiedlich hoch ausfällt.
Manche Besonderheiten des Tegernsee-Cup gefallen nicht jedem: Die ungewöhnlich lange Bedenkzeit von 2 Stunden und zehn Minuten pro Partie und Spiel, plus 30 Sekunden Inkrement von Beginn an beispielsweise, führt zu längeren Partien als notwendig und eliminiert ein Element, die Zeitkontrolle im vierzigsten Zug, fällt dadurch weg. Ein anderes Thema, das einen Spieler ärgerte war, dass seine Partien immer veröffentlicht wurden und die von seinen Gegnern mit niedrigeren Ratings nicht. Zur Erläuterung: Die Organisatoren gaben die Partien der ersten zehn Bretter ein und veröffentlichten diese meist am Tag danach – leider nicht am Tag nach dem Turnier. Der Punkt des Erbosten (Name ist der Redaktion bekannt) war, dass er und andere höher Gerankte einen Wettbewerbsnachteil hatten. Gleiches gilt dann ebenfalls für Turniere mit Übertragungen von einigen Brettern.
Ich persönlich finde die Auslosung in Kombination mit der Wertung und späteren Preisvergabe nach dem Gegnerschnitt schwierig. Ich wiederhole, dass die Fortschrittswertung eine mehr am Turnier-Geschehen orientierte Wertung wäre. Genau wie bei der Buchholzwertung ist beim Gegnerschnitt ein Streichergebnis vorgesehen. Aber der spätere Turniersieger profitierte ebenfalls von einem kampflosen Punkt gegen einen erkrankten Elo-starken Gegner. Es ergibt sich in solchen Fällen die Frage, ob dieser Gegner in die Wertung einbezogen werden sollte. Weitere Folge-Fragen je nach Fallkonstruktion sind denkbar. Das hätte am Resultat diesmal übrigens nichts geändert. Ich persönlich fände es eine Idee die letzte Runde nach Performance auszulosen, statt im Schema der ohnehin nicht aussagekräftigen Elo-Zahlen zu bleiben, wenn das überhaupt möglich ist.
Je nach erstem Wertungskriterium wären die ersten fünf Plätze anders aufgeteilt worden. Auch die Buchholz hat durch die vielen Aussteiger in der letzten Runde einen grundsätzlichen Nachteil. In der obigen Tabelle sieht man wie die Reihenfolge anders gewesen wäre bei der Wertung nach Buchholz. Der Fünftplatzierte wäre bei dieser üblicheren Wertung als Sieger vom Platz gegangen. Auch die ebenfalls denkbare Performance als Wertung hätte eine andere Reihenfolge hervorgebracht (Nikolov 2248 (5.), Hafner 2269 (2.), Luciani 2275 (1.), Wallner 2257 (4.), Tscharotschkin (3.) 2263). Die Performance als Wertung hätte diesmal berücksichtigt, dass der spätere Sieger einen kampflosen Punkt erzielt hat. Wie man es regelt spielt letztlich keine Rolle und immer finden sich bei jeder Wertung Nachteile, aber das Preisgeld bei Punktgleichheit nach den gleichen Kriterien wie die Plätze zu vergeben, Teilung wäre meines Erachtens angemessener, ist im Kontext einen über den Durst.
Endspiel zur Post
Das folgende Endspiel entstand in der Partie von Manfred Olbrisch und Robert Hafner in der sechsten Runde. Ich sah es zufällig vor einer Bootstour und war von der Entscheidung des Schwarzspielers in der folgenden Situation überrascht. Dabei erinnerte ich die Bauernstruktur (der schwarze Bauer stand auf g7 und nicht g6) falsch, aber das spielt für die Bewertung keine Rolle. Wir sahen uns das Endspiel nach einer Bootsfahrt bis Bad Wiessee an. Es war letztlich gar nicht so einfach sich durch die Stellung zu finden. Jedenfalls stimmte unsere Einschätzung, dass die Stellung bei bestem Spiel ausgeglichen ist, mit der Engine-Bewertung überein.
Die spannende Frage lautet m. E: Soll und kann Schwarz hier die Damen auf c5 tauschen? Man kann diese Entscheidung kaum per Rechnen fundieren, sondern sollte zunächst allgemeine Kriterien zur Stellungsbewertung heranziehen. Wir sahen uns die Stellung in einem Wirtshaus in Bad Wiessee an – ich bei Stangenspargel mit Wiener Schnitzel – und kamen zu einer recht eindeutigen Einschätzung – Schwarz sollte die Damen hier tauschen. Nachträglich gibt es dann noch die Partiefolge und ein zumindest für mich überraschendes Ergebnis.



Eine schicke Schlussphase
Ingo Lindam aus Hilchenbach spielte in der achten Runde gegen die litauische FIDE-Frauenmeisterin Margarita Baliuniene. Hier war Ingo mit Schwarz am Zuge. Zugegeben, nicht so schwierig, wenn man die Frage an dieser Stelle gestellt bekommt.
Einmal exekutieren bitte. In einer praktischen Partie hat man die Hilfe der Diagrammauswahl natürlich nicht und ein Foto des Schwarzspielers mit der Lösung ebenfalls nicht.

Spitzenfehler
Wenn man manche Stellungen und Partien durchklickt, dann stellt man fest, dass nicht nur die eigenen Partien komische Phasen aufweisen. Der spätere Turniersieger gewann in den letzten zwei Runden aus zwei klaren Verluststellungen heraus. Auch das Verteidigen von schlechten Ausgangslagen ist eine wichtige Kunst und fragt man Roman Vidonyak, dann wird er bestätigen, dass Widerstandskraft eine wichtige Eigenschaft ist. Das werden naturgemäß in den folgenden zwei Partien die Gegner von Roman Nikolov anders sehen.
Hier schlug der Schwarzspieler mit seinem Turm spektakulär auf g3. Wie geht es danach weiter und wie ist die Stellung zu bewerten? Eine mehr objektive Frage lautet, ob Schwarz anders hätte spielen sollen.
Hier ist Schwarz am Zuge. Wie sollte er hier weiter fortsetzen? Es hilft übrigens die letzte Diagramm-Stellung richtig gelöst zu haben. Der Schwarzspieler in dieser Partie fand die richtige Fortsetzung leider nicht. Das ist ein typisches Phänomen, das Schachspieler kennen.
Schach ist brutal, manchmal
Die folgende Partie entschied letztlich über den Turniersieg und ist ein typisches Beispiel für Schachblindheit, also das Phänomen, das niemand erklären und man vermutlich in Zeitnot nur durch mentales Training abstellen kann. Man sei an Ding Liren in Singapur erinnert, der seinen Läufer völlig unnötig auf a8 parkte. Am Tegernsee gab es natürlich auch einige solche Blüten zu bewundern. Beginnen wir mit einer wichtigen Entscheidung.
Carlos Finale
Den größten Kampfgeist zeigte jede Runde Carlo Luciani aus Italien. Er führte mit sechs Punkten aus sieben Partien und hatte dann zwei schwierige Schlusspartien. Beide Partien schauen wir uns genauer an. In der ersten Partie kam der Italiener mit Schwarz gegen Michael Tscharotschkin unter die Räder, was wie ein Spiel auf ein Tor aussieht entpuppt bei genauem Hinschauen als nicht mehr eindeutig. In der Schlussrunde schien Carlo gegen Hans-Joachim Vatter ebenfalls zu verlieren und dann kam es zu einem unerklärlichen Kollaps von Vatter.


Wie sollte Weiß am Zuge hier fortsetzen? Ein Klassiker. Manchmal sollte man sich nicht zu viel mit Berechnungen aufhalten. Wie geht es weiter?
Diesmal verpasste Carlo eine bessere Fortsetzung. Wie sollte er hier fortsetzen?
Hier fehlt die Schlussrunden-Partie von Carlo Luciani und Hans-Joachim Vatter. Leider ist sie noch nicht online vorhanden. Das ist der Nachteil wenn es keine elektronische Übertragung gibt. Die wichtigen Partien zum Schluss fehlen für Berichte. So wie ich es gesehen habe, hatte Carlo gegen die Aljechin-Verteidigung seines Gegners zunächst mächtig angegriffen, aber dann entweder die Traute verloren oder es ging einfach nichts. In der späteren Phase dann hatte Vatter in Gewinnstellung einen groben Fehler gemacht. Ich ergänze die irgendwann hier, wenn sie mir bekannt wird. Für den Augenblick bleibt es als Platzhalter bei der Grundstellung.
Pleiten, Pech, L…
Michael Lambertz ist für den Rheydter SV am Start, wird aber eher als Kölner verortet, er ist 49 Jahre alt und spielte sein erstes Seniorenturnier. Dabei lief es auf dem Brett nicht immer gut und sein Handy fing Feuer. Das tat der Stimmung jedoch keinen Abbruch.


Die Stellung zum Bild. Michael Lambertz mit Weiß sollte hier wie fortsetzen? In der Partie wollte Michael einen Zuschauer beeindrucken und zog zu schnell.
Kunterbunte Momente
Eine kleine Auswahl von aus meiner Sicht bemerkenswerten Situationen, teilweise Grobschlächtiges. Ich suche nicht einfach nach Kombinationen, sondern wenn es mir auffällt, dann kommen auch Situationen in Endspielen oder Positionsmanöver in diese Auflistung. Los geht’s.
Zuletzt hatte Weiß seinen Turm nach g5 gezogen. Wie sollte Schwarz hier warum fortsetzen?
Lösung (Hier Klicken)


Aus einer weiteren Partie von Carlo Luciani. Bei dem war in den letzten Runden immer etwas los. Wie sollte Weiß hier seine Verteidigungsstrategie organisieren? Schachlehrer werden dieses Beispiel aus didaktischen Gründen lieben.
Die Schlussstellung in der sich die beiden Gegner auf Remis einigten nach einer Zugwiederholung. Meine Frage lautet: Ist das objektiv das richtige Ergebnis? Die Auflösung kann in der folgenden partiellen Analyse gefunden werden.
In dieser Stellung war der Weißspieler am Zuge. Schwarz hat das stärkere Zentrum, aber das kann auch zur Schwäche neigen. Wie sollte er hier fortsetzen?
Lösung (Hier Klicken)

Clownereien
Ich beschränke mich auf zwei absurde eigene Entscheidungen, ohne sie weiter zu erläutern oder hier komplett aufzulösen. Zu den Partien gibt es natürlich mehr spannende Momente. Das bleibt allerdings diesmal hausintern und für das Schach-Camp von Killer-Chess-Training im Mai in Spanien vorbehalten.
In dieser Stellung war ich mit Schwarz am Zuge. Da ich vorher fast die Zeit überschritten hatte, war ich mit 33 Sekunden am Start. Was sollte der Clown dieser Geschichte hier spielen? Meine Grundidee vorher schon war es auf b8 mattzusetzen.
Ich hatte die Lust auf das Turnier verloren. Es folgten zwei Remis-Partien in jeweils acht Zügen. In der achten Runde machte es mir mein Gegner durch seine Eröffnungswahl unmöglich Remis anzubieten. Ich hatte in der folgenden Situation eine Stunde Zeit-Vorteil und eine Gewinnstellung mit den weißen Steinen.
Ich hatte den letzten Zug meines Gegners, der hatte seinen Springer von e7 nach c6 und nicht nach c8 gezogen, nicht gesehen. Jetzt ergibt sich im Vergleich ein Problem mit dem Bauern auf e2. Das ist nicht unlösbar, im Gegenteil. Aber ohne Konzentration und mit Wut im Bauch geht es nicht. Ich fand den schlechtesten Zug meines Turniers und schlug den Springer auf a7. Clowns sind wortlose Akteure und mir fehlen tatsächlich die Worte.
Epilog
Es ist immer wieder schee am Tegernsee. Die Rückfahrt mit der Bahn via München verlief reibungslos und der ICE kam zwei Minuten vor der Zeit in Köln an. Für mich ist das Turnier nicht verlaufen wie erhofft, aber das nächste Turnier wird bestimmt besser. So oder so ähnlich denken vermutlich alle Teilnehmer, die mit ihrem Ergebnis nicht zufrieden sind. Ich versuche auch nächstes Jahr wieder mitzuspielen, zumal Jahre ohne Kandidatenturniere terminlich meist entspannter sind. Nächstes Jahr findet der Tegernsee-Cup für Senioren vom 17. bis zum 25.April statt.
Ergebnisse und Partien bei Chess-Results.
Fotos: Privat und Tegernseer Tal Tourismus.

Service-Hinweis
Die Partie und Analysen können heruntergeladen werden. Dafür muss man in der Diagrammansicht auf den hier rot markierten Punkt klicken.