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Pragg punktet zu Beginn

Titelfoto: Michal Walusza (FIDE Chess)

In der ersten Runde des Kandidatenturniers konnten drei Spieler mit den weißen Steinen einen vollen Punkt verbuchen. Es sind nicht unerwartet die drei Favoriten im Turnier: der US-Amerikaner Fabiano Caruana, der Usbeke Javohhir Sindarov und der Inder Praggnanandhaa, Pragg.

Von Thorsten Cmiel

Startphasen von Schachturnieren sind weitgehend ritualisiert und entsprechend langweilig organisiert. Besonders wichtige oder zahlende Personen führen erste Züge auf den Spitzenbrettern aus und werden dabei fotografiert oder gefilmt. Die Spieler lassen das über sich ergehen und korrigieren meist den ersten Zug des VIP wieder. Diesmal waren zwei Präsidenten am Start, die an den Spitzenbrettern die Züge ausführten. Manchmal passieren aber auch überraschende Dinge wie 2018 als der Schauspieler Woody Harrelson beim Eröffnungszug der Weltmeisterschaft in London den König von Caruana umkippte. Ich weiß bis heute nicht, ob das eine abgesprochene Schauspieleinlage war. Aber das war sozusagen die löbliche Ausnahme.

Die Kandidatenturniere begannen mit kleineren Übertragungspannen im Turniersaal. An jedem Tisch wird das Geschehen auf den Brettern an der Seite angezeigt. Das hilft den Zuschauern das Geschehen besser zu verfolgen, da man als Zuschauer als VIP sitzt oder als normaler Zuschauer oder Journalist steht. Am Tisch von Alexandra Goryachkina und Kateryna Lagno, die beiden Russinnen treten beim Kandidatinnenturnier unter neutraler FIDE-Flagge an, wurden die Züge von Divya Deshmukh gegen Anna Muzychuk angezeigt. Die Organisatoren änderten kurz später zunächst die übertragenen Partien und später die Namen.

Der Turniersaal kennt diesmal keine Tribünen und daher ist diese Neuerung, Screens an den sichtbaren Tischseiten, gegenüber Toronto begrüßenswert. Auch werden sämtlichen Partien auf einem Screen an einem Ende des recht kleinen Turniersaals dauerhaft angezeigt. In Toronto war das Geschehen auf den Brettern im Frauen- und in der offenen Klasse nur alternierend auf vier elektronischen Brettern angezeigt worden.

Erneut gab es einen Fanshop wie inzwischen bei FIDE-Veranstaltungen üblich. Dort gab es kleinere und durchaus teure Fanartikel zu kaufen, die ordentlich nachgefragt wurden. Ein Brett mit allen Unterschriften der Spieler kostete 400 Euro. Diese hatten die Spieler am Tag zuvor signiert und die meisten gingen an den Hauptsponsor Freedom Holding, hieß es. Als ich nach einer Stunde wieder im Fanbereich vorbeisah, meldete der Verkäufer zwei verkaufte Bretter. Erstaunlich.

Nach etwa einer Stunde saß Vishy Anand auf der Bühne und beantwortete die üblichen Fragen des Publikums wie: „Wie viele Stunden am Tag muss man trainieren, um Weltmeister zu werden.“ Seine Antwort war nicht nur diplomatisch, sondern auch augenzwinkernd: So lange und oft man Freude darauf habe und er hatte oft Freude.

Was auf den Brettern passierte

Zum Auftakt gab es drei Siege mit Weiß. Den überzeugendsten Auftritt hatte. Das erste Remis des Turniers produzierten Matthias Bluebaum und Wei Yi nach einer Dauerschachsequenz und einer eher wenig spektakulären Partie. Den ersten vollen Punkt holte der Usbeke Javokhir Sindarov nach einer unübersichtlichen Partie gegen Andrej Esipenko. In der Partie hatte es zuerst gute für Esipenko ausgesehen, aber eingeleitet mit einer merkwürdigen Entscheidung führten einige weniger geeignete Züge zur Niederlage des Russen, der wie seine Landsfrauen unter neutraler Flagge antritt. Praggnanandhaa lieferte für mich die überzeugendste Leistung ab. Zwar gelang es ihm nicht seine überraschende Eröffnungswahl in Zählbares auf dem Brett zu verwandeln, aber der beständige Vorteil auf der Schachuhr zahlte sich letztlich aus und Anish Giri musste erstmals in diesem Turnier hinter sich greifen. Die Partie von Fabiano Caruana war ein schöner Erolg, so sah es zumindest aus, aber kurz vor Schluss vergab der jüngere US-Amerikaner gegen den Turniersenior den Gewinn, wurde aber nicht bestraft.

Pragg mit Auftaktsieg

Diesmal setzt Pragg in seinem Team nicht auf die großen Namen, sondern arbeitet mit einem vermutlich indischen Team, wir Praggs Langzeit-Coach Ramesh RB der Hindustan Times verriet. Zudem nimmt er sich dem Thema Fitness und Yoga an. Zwei Sekundanten von Toronto sind auch diesmal wieder in neuer Funktion dabei. Jan Gustafsson, im Nebenberuf deutscher Nationaltrainer, und Peter Swidler arbeiten als Kommentatorenteam im Übertragungsstudio und kommentieren das Geschehen mehrere Stunden live. In Toronoto 2024 war Gustafsson noch für den Russen Ian Nepomniachti und Peter Swidler eben für Pragg dabei. Sekundanten sind meist für die Eröffnungswahl zuständig.

Auf Zypern schlug der indische Großmeister Vaibhav Suri, der Pragg ins St. Georges-Hotel begleitet hat, den Grand-Prix-Angriff als Überraschung vor. Mit Erfolg – der 20-jährige Inder spielte die überzeugendste Partie im Feld und gewann seine Partie. Fehler der Gegner sind natürlich immer notwendig. Giri lag durch die Eröffnungsüberraschung zeitlich hinten und am Ende dürfte das seinen Fehler zum Schluss teilweise erklären.


Der entscheidende Moment in dieser Partie. Anish Giri blieben hier noch drei Minuten und 24 Sekunden für vier Züge. Die Spieler müssen die Züge mit weniger als fünf Minuten auf der Uhr und ohne Inkrement nicht mehr genau aufschreiben. Dennoch verblieben Pragg noch etwas mehr als 17 Minuten und dieser Vorteil entschied letztlich, da Anish Giri hier nicht ausreichend akkurat agierte. Die Auflösung findet sich in der folgenden kurzen Partieanalyse.


Sindarov – Esipenko – nach spannender Partie vorne

Für beide Spieler war es der erste Auftritt auf der größten Schachbühne. Es entwickelte sich eine höchst unterhaltsame Partie bei der zunächst der Russe Andrej Esipenko die Nase vorne hatte. In der folgenden Stellung begann Andrej aber seine leicht bessere Stellung systematisch zu verschlechtern.


Schwarz steht eindeutig besser. Er hat die potentiell mobile Bauernmasse am Damenflügel, sein Läufer auf h4 fesselt den gegnerischen Springer und die weißen Figuren sind kaum aktiv postiert. Wie sollte Schwarz hier am besten fortsetzen? Was halten sie von der Entscheidung des Russen, der auf f3 den weißen Springer herausnahm?


In dieser Stellung opferte Andrej Esipenko auf e5 eine Qualität, aber wie geht es nach dem Zurückschlagen mit dem Turm weiter?


Caruana – Druck ausgeübt und dann fast noch verzockt

Einen guten Start hatte der US-Amerikaner Fabiano Caruana mit seiner Partie gegen seinen Landsmann Hikaru Nakamura. Fabiano spielte eine überzeugende Partie und zeigte eine überzeugende Leistung. Bis am Ende ein grober Fehler seine Leistung schmälerte in der folgenden Situation und unter Zeitnot passierte ein schachliches Drama.


Wie sollte Weiß hier am besten fortsetzen? Fabiano Caruana hatte eine Idee wie er in diesem Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern weiterkommen sollte. Ich gebe eine Fifty-Fifty-Chance, auch wenn es noch andere Züge gab, die den Gewinn zumindest nicht verderben. 79.f5-f6+ und 79.Kxd5.


Eine weitere Fifty-Fifty-Frage. Wohin sollte der schwarze König sich verdrücken? Zur Auswahl stehen die Felder c7 und e7.


Hikaru Nakamura nimmt im Anschluss seine Arbeit als Streamer auf und kommentiert seine Partien und manchmal haut er spannende Kommentare raus. Hier jetzt eine Reaktion auf einer seiner Aussagen. Trash-Talk.

Out of Topic: Schachpolitik am Rande

Bei den Veranstaltungen der FIDE lassen sich Sponsoren und manche Schachpolitiker sehen. Diese sind wie immer abgeschirmt im VIP-Bereich, der aber von einigen dort als recht langweilig bezeichnet wird. Das war in Toronto nicht anders. Dort gab es dann irgendwann den Zwischenfall als es in der Familie Firouzja zu Handgreiflichkeiten kam. Letztlich kommen im Turnierhotel VIP, also besonders wichtige Personen, aus der siebten Etage, dort ist deren Lounge, herunter, um die Partien live zu verfolgen. Manche kommen dann noch in der Fanzone vorbei. Dort und auch in Gesprächen mit Kollegen erfährt man die neuesten Gerüchte und wenn die Quellen stimmen, dann ist es oft mehr als nur ein Gerücht: Die noch amtierende Präsidentin des Deutschen Schachbundes, Ingrid Lauterbach wollte auf dem Ticket des georgischen Präsidenten Zurab Azmaiparashvili ins Präsidium der Europäischen Schachunion. Daraus scheint nichts zu werden. Der Georgier will offenbar eine Föderationen-Präsidentin in seinem Team sehen und das scheint die Deutsche nicht anbieten zu können, falls in einigen Wochen eine außerordentliche Hauptversammlung ihre Abwahl beschließt.

Die internationale Gerüchteküche brodelt: Kolportiert wurde am Mittwoch auf Zypern, dass Timor Turlov, CEO der an der Nasdaq notierten Freedom Holding und Hauptsponsor des Kandidatenturniers, Präsident der FIDE werden soll. Turlov ist nicht nur Sponsor, sondern auch Präsident der kasachischen Schachföderation. Der bisherige russische Präsident, Arkadij Dvorkovich, der vor seiner umstrittenen dritten Amtszeit stehen würde, soll in ein anderes Gremium wechseln und würde so etwas aus der Schusslinie geraten, heißt es. Aber diese Nachricht erreichte mich bemerkenswerterweise am 1. April, dem Fools Day. Also sollte dieses Gerücht einigermaßen mit Vorsicht genossen werden.

Fotos: Yoav Nis und Michal Walusza (FIDE Chess).

Event-Homepage.

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