Connect with:
HomeGespräche„Schach wieder Mensch gegen Mensch spielen“

„Schach wieder Mensch gegen Mensch spielen“

Foto: Lennart Ootes.


Ein Gespräch über den Einfluss der Computer und Freestyle-Schach mit Peter Heine Nielsen.

Von Thorsten Cmiel


Mein Gesprächspartner ist der dänische Schachgroßmeister Peter Heine Nielsen. Mit neun gewonnenen WM-Titelkämpfen ist der 52-Jährige der bisher erfolgreichste Sekundant der Schachgeschichte. Nachdem er zunächst für Viswanathan Anand aktiv war, ist er seit dem Weltmeisterschaftskampf 2013 für Magnus Carlsen im Einsatz. Peter vertritt sehr pointiert die These, dass der beste Schachspieler der Welt durch Freestyle-Schach (andere nennen das Chess960 oder Fischer-Schach) ermittelt werden sollte. Einige kontroverse Ansichten über das klassische Schach, die ich für überzogen, aber gleichzeitig spannend hielt, reizten mich, ihn um ein Interview zu bitten, das wir via Video-Konferenz Mitte September 2025 zeitgleich mit der letzten Runde des Grand-Swiss-Turniers in englischer Sprache führten.

Wie existentiell ist die Krise im klassischen Schach?

Als ich ihn frage, ob das klassische Schach sich in einer existentiellen Krise befinde, überrascht mich Peter mit der Einschätzung, Schach sei auf höchster Ebene weitgehend gelöst. Peter ist nicht sicher, ob klassisches Schach noch vielleicht 15 Jahre dazu dient, den Weltmeister zu bestimmen, er sieht aber in der Zukunft Probleme. Er formuliert das so: „Ich mag den allgemeinen Trend nicht, und ich versuche, ihn zu beschreiben und die Probleme zu diskutieren.“ Da Peter auf X (vormals Twitter) sehr aktiv ist, sieht er dort gelegentlich falsche Zuspitzungen seiner Position. Während des Grand-Swiss-Turniers reklamierten viele das Geschehen dort als ein gutes Beispiel dafür zu sehen, dass das klassische Schach nicht in einer Krise stecke. Das sei eine Art typischer Rhetorik auf beiden Seiten. Klassisches Schach sei natürlich weiter gut spielbar. Das beruhigt mich, aber im Nachhinein frage ich mich, was Peter Heine genau meint.

Erzwungene Unentschieden und kurze Bauernzüge

Wir kommen recht schnell auf eine konkrete Partie zu sprechen, die Peter als Beispiel dient, das Problem aus seiner Sicht zu veranschaulichen. Nikita Vitiugov hatte in der sechsten Runde in Samarkand gegen Aronian in einer der schärfsten Varianten der französischen Verteidigung einen Weg gewählt, der es seinem Gegner unmöglich machte, dem Remis auszuweichen. Peter dazu: „Das erscheint mir ein Mangel des Spiels in technischer Hinsicht zu sein. Es ist schade, dass ein Spieler dem anderen ein Remis aufzwingen kann. Wer hat ein Interesse daran, dass das Spiel einfach so endet? Ich meine, niemand, außer vielleicht der weiße Spieler, der glücklich darüber ist, dass er gegen einen etwas stärkeren Spieler unentschieden gespielt hat.“


Ein anderes Beispiel sei das typische Remis in der Berliner Verteidigung. Peter glaubt, dass Aronian Französisch nicht spielte, um Remis zu machen, sondern weil er kämpferisch eingestellt war. Wir kommen schnell zum Kern seiner Argumentation: „Ich möchte nicht, dass ein Spieler schlechte Züge und Eröffnungen spielen muss, um ein erzwungenes Remis zu vermeiden. Und im Allgemeinen gilt das auch für Weiß.“ Zu dem Thema schrieb Peter einige Tweets, die online kontrovers diskutiert wurden. Er sieht eine Entwicklung, bei der selbst Spitzenspieler Züge spielen, die gegen klassische Prinzipien verstoßen. Das könne man natürlich auch fälschlicherweise als Evolution bezeichnen. In der ersten Runde im Sinquefield Cup hatte Fabiano Caruana gegen Jan Krzysztof Duda im dritten Zug seinen Bauern nicht nach c4 (Damengambit), sondern nach c3 gezogen. Peter: „Ich glaube nicht, dass das auf eine Evolution zurückzuführen ist. Es geht in erster Linie darum, die Vorbereitung durch den Computer zu vermeiden.“ Genau so habe Daniil Dubov in einem Interview mit New in Chess argumentiert. Beim Schach habe man einen Punkt erreicht, an dem Weiß im Allgemeinen seinen Anzugsvorteil nicht mit guten Eröffnungen in einen Vorteil umsetzen kann, sondern in der Praxis geschickter nutzt, um den Gegner auf für diesen weniger bekanntes Terrain zu locken.



Was ist ein guter Zug im Spitzenschach?

Hier kommen wir zu seinen Erfahrungen als Coach in WM-Kämpfen. Manchmal müsse man aus der Notwendigkeit heraus Züge wie h3 oder h6 spielen, um zu überraschen, meint Peter. Das sei zwar irgendwie cool, aber es seien keine großartigen Züge. Ich weise als Gegenbeispiel auf den Schwarzsieg von Gukesh beim Kandidatenturnier gegen die klassische Nimzoindisch-Variante von Nijat Abasov hin. Ein anderes Beispiel, das allerdings gescheitert ist, war Ding Lirens erste Weißpartie im WM-Kampf 2023 gegen Ian Nepomniachtchi.



Anish Giri kommentierte für Chessbase den 4. Zug von Ding Liren aus der ersten Partie des WM-Kampfes gegen Ian Nepomniachtchi so: „Rapport-Einfluss! Ding wartet mit einer frühen Überraschung auf, die mehr im Stil von Richard Rapport als von ihm selbst ist. Der wichtigste und möglicherweise einzige Punkt des Zuges ist es, den Gegner aus dem Buch zu bringen.“


Außerdem wende ich allgemeiner ein, dass Peter wohl auf der Grundlage klassischen Schachwissens argumentiere, ob ein Zug ein guter oder kein guter Schachzug ist. Peter Heine Nielsen dazu: „Ich habe keine Zweifel daran, dass 1.e4 a6 bei optimalem Spiel ein Remis ist, aber wir sagen trotzdem, dass a6 ein schlechter Zug und e5 ein guter Zug ist.“ Das würde nicht über Sieg oder Niederlage entscheiden so Nielsen. Er habe kürzlich an einem Fernschach-Turnier teilgenommen. Dort habe man den Computer als Hilfe. Man versteht dann, dass alles ein Remis ist. Der einzige Spaß bestehe also vielleicht darin, den dümmsten Zug zu spielen, der am Ende zu einem Remis reicht. Wenn man anfange, völlig absurde Züge zu spielen, nur um Spaß zu haben, dann sind natürlich b3 und c4 beide gleichwertig. (Hier bezieht sich Peter Heine auf Magnus Carlsens 6. WM-Partie gegen Ian Nepomniachtchi mit 6.b3 statt dem katalanischen Zug 6.c4).



Nach klassischen Prinzipien sei c4 ein besserer Zug als b3. Das heißt, man greife das Zentrum an und versuche, keine Zeit zu verlieren. Das sei sehr logisch: „Wenn wir Freestyle spielen, versuchen wir nach Prinzipien und logischem Denken zu spielen.“ Immerhin Peter Heine fühlt sich herausgefordert von meinem Argument und legt nochmals nach: Er könne garantieren, dass Magnus den Zug 6.b3 nicht gespielt habe, weil er diesen für einen guten Zug halte, sondern weil er seinen Gegner aus dem Buch herausdrängen wollte. „Nicht, dass wir damit vollständig erfolgreich waren oder dass Magnus das in dieser Phase wollte, aber der Hauptgrund war, dass er [Nepo] offensichtlich alle Probleme von Schwarz in dieser Eröffnung mehr oder weniger gelöst hat und wir keine Ahnung hatten, wie wir weiterkommen sollten. Den b-Bauern zu ziehen diente dazu, um mit dem Schachspielen anzufangen.“

Dass Spieler wie Caruana oder Gukesh beide früh Züge wie c2-c3 spielen, sei noch ein stärkeres Zeichen, weil es sich um sehr passive Züge handelt. Es seien Züge, die vor 150 Jahren gespielt wurden, weil man die Dynamik nicht verstanden habe. Jetzt seien wir an einem Punkt angelangt, an dem sämtliche dynamischen Positionen gelöst seien und Topspieler etwas Langweiliges spielen müssen, nur um das Spiel in Gang zu bringen. Königsindisch sieht er auf höchstem Niveau dagegen fast gar nicht mehr.



„Mein Argument ist, dass wenn wir Freestyle-Schach spielen, sich niemand an Lösungen für 900 Positionen erinnern kann, was bedeutet, dass wir anfangen können, auf der Grundlage allgemeiner Prinzipien Schach zu spielen, Mensch gegen Mensch. Mein allgemeiner Punkt ist, dass man beim Freestyle-Schach sieht, wie Spieler denken, während man beim klassischen Schach in hohem Maße sieht, wie Leute versuchen, sich zu erinnern.“ Auch hier gebe ich Peter Heine unwillkürlich Recht.

Die Stärke der Engines

Es sei wichtig zu verstehen, dass es in seiner Karriere einen großen Unterschied in der Computertechnologie gab. Früher habe man teilweise Züge vorbereitet, die nach modernen Maßstäben zum Verlust führen. Gleichzeitig habe man Dinge entdeckt, die sich über die Zeit bewährt haben. Die Arbeit als Sekundant war also viel abwechslungsreicher. Heutzutage habe er den Eindruck, dass Computer so stark seien, dass die Hardware kaum noch eine Rolle spiele. Das war früher anders: In Bonn war das Team Anand noch sehr stolz darauf, eine Art Remote-Engine einzusetzen. 2010 war klar, dass Topalov einen stärkeren Computer hatte, und das machte dem Team im Grunde genommen große Angst. „Wir versuchten, Anti-Computer-Schach zu spielen, was glücklicherweise gut zu Vishys Stil gegen Topalov passte. Aber heute sind die Engines meiner Meinung nach so stark, dass es keine Rolle mehr spielt.“ Das sehe ich genauso und frage mich, warum Spieler, die sich nicht für Weltmeisterschaftskämpfe vorbereiten, überhaupt Cloud-Engines nutzen.

„Heutzutage liefert die Engine meist die Lösung mehr oder weniger sofort. Die Dinge haben sich also dramatisch verändert. Meine gesamte Karriere als Sekundant in einem Atemzug zu betrachten, funktioniert also nicht. Aber natürlich versuchten wir sowohl mit Vishy als auch mit Magnus bis zu einem gewissen Grad, die Dinge mit mathematischer Präzision zu planen.“ Praktische Überlegungen spielten eine große Rolle. Manchmal wurde etwas probiert, was man früher als „freien Zug” bezeichnete. Man versucht dabei ein forciertes Abspiel zu spielen, bei dem der Gegner, wenn er sich nicht gut erinnert oder das Problem nicht lösen kann, verliere oder es zu einem Unentschieden komme. In anderen Fällen versuche man, einige praktische Ansätze zu verfolgen, die weniger scharf sind.

Wer trifft die Entscheidungen in der Eröffnung, was unterschied Carlsen und Anand?

„Bis zu einem gewissen Grad kann man argumentieren, dass das ein Geheimnis ist, aber ich denke Magnus spielt keine Matches mehr. Wir schicken Magnus etwas, und er sieht es sich an. Bei Vishy wäre es ein gemeinsamer Prozess, bei dem wir darüber sprechen und diskutieren. Aber bei Magnus war es eher eine einseitige Kommunikation. Wie trifft er also seine endgültigen Entscheidungen? Die ehrliche Antwort lautet: Ich weiß es nicht.“

Hängepartien

Zwischendurch will ich wissen, ob Peter schon einmal Hängepartien gespielt hat, denn deren Abschaffung war eine der größten Veränderungen, die der Einsatz von Computern und inzwischen Engines für das Wettkampfschach gebracht hat. Peter sagt, er seit alt genug, um schon einmal Hängepartien gespielt zu haben, allerdings nur sehr wenige bei dänischen Meisterschaften, und es sei nichts Besonderes dabei gewesen. Nach etwas Nachdenken erinnert er sich an Hängepartien in Budapest und in Belarus, die er falsch eingeschätzt hatte und nicht gewinnen konnte. „Ich stimme zu, es war eine interessante Sache, und es gibt großartige Momente von vertagten Partien in der Schachgeschichte. Aber ich denke, wir alle verstehen jetzt, dass es keinen Sinn mehr macht.“

Experimente

„Wir haben ein wenig mit Hassabis [gemeint ist Demis Hassabis, dessen Team Alpha Zero und Alpha Go entwickelt hat] geplaudert, bevor er Experimente durchführte, bei denen eine Regel des Schachspiels geändert wurde, um zu sehen, ob es das Spiel verbessert. Ich war ein großer Fan dieses Experiments. Ich hoffte, dass sagen wir mal, die Patt-Regel abgeschafft wird und Schach dadurch besser wird. Aber das ist nicht der Fall. Als die neuronalen Netze aufkamen, war es für mich eine erstaunliche Erfahrung, mir für alle möglichen Schacheröffnungen, mit denen ich mich mein Leben lang beschäftigt habe, zu verstehen, was die neueste KI darüber denkt.“

Warum Freestyle?

„Freestyle war ein langjähriger Traum von Magnus. Wir dachten zunächst, dass man klassisches Schach mit langer Zeitkontrolle und Freestyle-Schach mit kurzer Bedenkzeit spielen sollte. Magnus dachte, dass es genau umgekehrt sein sollte. Die Freestyle-Serie war eine Gelegenheit, es auszuprobieren. Ich glaube nicht, dass Magnus klassisches Schach abschaffen will, aber dass es seine am wenigsten bevorzugte Form des Schachspiels ist.“

Erklärbarkeit

Ich konfrontiere Peter Heine Nielsen mit dem Problem, dass selbst starke Großmeister die Züge beim Freestyle ohne Rechnerhilfe nicht erklären können. Ich bin zunächst überrascht über seine Antwort: „Ich stimme dieser Sichtweise im Prinzip zu. Das ist natürlich ein Nachteil. Sie sagen, dass es für Großmeister schwierig ist, dem zu folgen, aber ich meine, wie viele können die laufende Finalrunde im Grand Swiss verstehen, in der um zwei Kandidatenplätze gekämpft wird, und ich meine: wirklich verstehen. Das erfordert ein sehr gutes Verständnis. Ich meine, man muss die Partien verstehen, das Tiebreak-System verstehen und so weiter.“ In dem Punkt bin ich nicht bei ihm, denn ich glaube, klassisches Schach ist für Interessierte durchaus erklärbar und zwar für Zuschauer ganz unterschiedlicher Spielstärken.

Peter gibt zu, dass er gegenüber Freestyle-Schach zunächst ebenfalls äußerst skeptisch war, und er hat eine bemerkenswerte Begründung parat: „Die Leute behandeln mich inzwischen wie jemanden, der Schach-Eröffnungen nicht mag, aber ich bin ein führender Experte. [Er bezieht sich hier offensichtlich auf Diskussionen in Sozialen Medien.] Zumindest denke ich das seit vielen Jahren. Zuerst als Spieler war ich immer viel besser in Eröffnungen, und ich habe es zu meinem Lebensunterhalt für zwei ziemlich starke Spieler gemacht. Ich liebe es, über Schacheröffnungen nachzudenken. Und das ist immer noch das, was ich täglich mache. Ich verbringe täglich Stunden damit, Schachöffnungen zu analysieren und neue Ideen für Magnus zu entwickeln.“

Die akademische Sicht

Schach werde durch den Einfluss von Computern und die Tatsache, dass man immer die gleiche Ausgangsposition habe, ziemlich künstlich. „Deshalb bin ich im Laufe der Zeit dazu gekommen, es aus akademischer Sicht zu betrachten: Was ist das beste Spiel? Ich denke, Freestyle-Schach ist ein besseres Spiel als normales Schach.“

Ich bringe den Einwand von Danny Rensch, dass die Fans ihre Eröffnungen wiedererkennen wollen. Das könnte durchaus sein, meint Peter dazu. Schach sei in seinem Sinne verstanden eine Elitesportart. In keinem Sport gibt es so viele Unentschieden wie im Schach. In keinem anderen Sport gibt es Sportler, die sich derart lange Computer- und computerbasierte Vorbereitungen zu merken versuchen. Es gäbe viele Sportarten, die sich mit Einsatz moderner Datenanalysen stark verändert haben. Er nennt Baseball und Basketball, aber es seien immer noch Menschen, die rausgehen und versuchen die neuen Erkenntnisse umzusetzen: “Nur weil ein Dreipunktewurf etwas effizienter ist als ein Zweipunktewurf, heißt das nicht, dass man ihn einfach so ausführen kann. Schach ist ein nicht-physischer Sport. Und natürlich sind wir viel stärker von Computern beeinflusst. Das ist auch der Grund, warum wir das Problem des Betrugs haben.“

Kommerzielle Erwägungen, neue Formate, Bedenkzeiten

Bei der Frage, ob ein Spiel dessen Geschehen kaum jemand versteht, kommerziell erfolgreich sein kann, liegen wir tatsächlich auseinander. Peter argumentiert mit einigen jüngeren Erfahrungen für seine Position. „Magnus hielt das E-Sport-Turnier für einen wichtigen Schritt in der Vermarktung, und es handelte sich um ein echtes Zuschauererlebnis. Es gibt Leute, die das verfolgen und die jubeln. Gespielt wird in einer Art Stadion, und man beschränkt sich auf eineinhalb bis zwei Stunden Zeit. Das fühlt sich wie ein ziemlich intensives Event an. Für mich war das ein spannendes Erlebnis, Magnus gegen Nakamura zuzusehen. Gespielt wurde auf sehr hohem Niveau. Nun, natürlich sind die Geschmäcker verschieden, aber für mich war es interessanter als zum Beispiel eine klassische Partie zu sehen. Einige würden sagen, dass das Grand-Swiss-Turnier sehr spannend war. Ich weiß nicht, ob ich dem zustimme. Wie viele schauen sich solch eine Partie sieben Stunden lang live an? Ich würde nicht denken, dass es so viele sind. Und das ist mein Punkt: Wir schauen Schach, das im Fernsehen lange Zeit übertragen wird. Zwischendurch schreiben wir E-Mails, schauen eine Fernsehserie, holen die Kinder von der Schule ab und so weiter. Ist das wirklich die Art und Weise, wie man Sport schaut?“

Zuschauerfreundlichkeit

„Mein Argument ist, dass ich Schach in dieser Hinsicht für schwierig halte. Nicht nur Freestyle-Schach. Ich meine, es ist ein Wunder, dass man eine Million Norweger dazu bringen kann, Schach zu schauen. Aber in Wirklichkeit schalten sie wegen Magnus Carlsen ein.“

Man könne argumentieren, er versuche die klassische Zeitkontrolle zu retten. Das sei eine gute Kombination mit Freestyle. Ob Freestyle-Schach in dieser Hinsicht ein kommerzieller Blockbuster sein kann, weiß Peter nicht. Schach werde es vermutlich nie wirklich sein. Fußball wird wahrscheinlich immer weitaus mehr Zuschauer haben als Schach. Und so sei es nun einmal.

Was für Freestyle mit langer Bedenkzeit spricht

Ist es nicht ein Widerspruch, dass Magnus sich für eine kürzere Bedenkzeit im klassischen Schach ausspricht, aber bei Freestyle für längere Bedenkzeiten ist?

„Ich weiß nicht, ob ich mir selbst widerspreche. Ich denke, dass Freestyle-Schach für die besten Spieler der Welt so schwierig ist, dass sie eigentlich eine klassische Zeitkontrolle bekommen sollten, um gutes Schach spielen zu können. Wenn man sich zum Beispiel die Partien von Magnus und Nakamura ansieht, spielen sie großartiges Schach, obwohl sie jeweils nur zehn Minuten Zeit haben. Natürlich machen sie Fehler. Aber um ehrlich zu sein, dieses Turnier, das gerade zu Ende gegangen ist – übrigens herzlichen Glückwunsch an Matthias Blübaum. Es wurde auch durch Vincent Keymer entschieden, der gegen ihn einen großen Fehler gemacht hat. Keymer tut mir wirklich leid. Er hat fantastisch gespielt, ist großes Risiko eingegangen und hat wirklich sein Bestes gegeben. Und dann kommt er so zu kurz vor dem Ende ins Straucheln.“



Wer profitiert, wenn statt klassisch Freestyle gespielt wird?

Ich frage mich schon einige Zeit, welcher Spielertyp beim Freestyle größere Chancen hätte. Meine Vermutung war, dass so genannte Kreativspieler im Freestyle besser abschneiden könnten. Die Antwort von Peter überrascht mich.

„Natürlich schadet es vor allem den Spielern, die stark auf die Eröffnung setzen, wie ich zum Beispiel. Als aktiver Spieler habe ich Chess960 deshalb nicht gemocht, weil es meine größte Stärke zunichte gemacht hätte. Ich war eine Art Serve-and-Volley-Spieler, der viel Energie in seinen Aufschlag investiert hat. Nakamura wurde 2022 Weltmeister. Er kann gut mit kürzeren Zeitkontrollen umgehen, wie sie in diesem Turnier gespielt wurden. Es ist nicht so, dass er ein Spezialist für Chess960 ist. Die lange Bedenkzeit begünstigt nach meiner Einschätzung vor allem strategische Spieler, weil man tatsächlich beim Freestyle viel über seine Strategie nachdenken muss und sollte. Oft haben wir gesehen, dass Spieler mit Weiß sehr schnell eine dominante Position erlangten, weil deren Gegner strategische Dinge falsch verstanden hatten. Im Vergleich dazu kennen wir im klassischen Schach die allgemeinen Strategien. Es gibt Spieler, die sie tiefer und besser verstehen, vor allem Magnus. Ich spreche nicht von 1000 Spielern. Ich spreche von 20, mich selbst nicht mitgerechnet. Freestyle-Schach begünstigt Spieler, die ein gutes allgemeines Verständnis der Schachprinzipien haben, und Spieler die offen dafür sind, Dingen auf den Grund zu gehen. Natürlich hilft es, wenn man das Spiel liebt. Wenn man es interessant findet und gerne spielt, dann analysiert man es etwas tiefer und bleibt neugierig, anstatt es nur zu spielen, weil es ein gut bezahltes Event ist.“

(Hinweis: Peter Heine hat eine Zusammenfassung der deutschen Version gegengelesen und autorisiert. Wer den Text auf der Website in einer anderen Sprache liest, der erhält eine automatische Übersetzung und keine Garantie für die Richtigkeit der Übersetzung.)





No comments

Sorry, the comment form is closed at this time.