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Praggs französischer Semi-Bluff

Titelfoto: Yoav Nis (FIDE Chess)

In der zweiten Runde spielte der Inder Praggnanandhaa gegen den Chinesen Wei Yi eine Variante, die als fast unspielbar galt. Sein Gegner glaubte ihm ohne zu Zögern. Was war passiert und wie lässt sich die recht zahme Partieanlage des Chinesen rechtfertigen? Ein schachliches Meinungsstück in Diagrammen.

Von Thorsten Cmiel

Steigen wir direkt ein ins Geschehen und zwar optisch. Ich kannte die Varianten nicht, war aber überrascht wie schnell der Inder seine kurze Rochade (57 Sekunden) ausführte. Noch überraschender war, dass Wei Yi nach zwölf Minuten eine eher harmlose Fortsetzung wählte. Schauen wir uns den Ausgangspunkt an und wie es hätte weitergehen können.


Pragg hatte im neunten Zug kurz rochiert und Wei Yi stand vor der Entscheidung (Foto) wie er hier fortsetzen sollte. Jedem Schachspieler springt das typische Motiv des Läuferopfers auf h7 sofort ins Auge. Um das hinzubekommen muss man allerdings zunächst den Läufer von e7 ablenken. Schauen wir uns die denkbaren Folgen zunächst durch das Betrachten möglicher Zielstellungen an. Die lange Rochade wäre hier übrigens absurd gewesen, da man nach dem Bauernvormarsch nach c4 auf h7 schlagen muss und den h-Bauern vorziehen sollte.


Der kritische Zug wäre das Schlagen auf c5 gewesen. Es entsteht die betrachtete Stellung. Danach sind drei Züge plausibel: Der Damenzug nach a5 ist eine denkbare Spielweise, die noch wenig erkundet ist, aber Weiß am Brett kaum vor unlösbare Probleme stellen dürfte. Daneben gibt es zwei Möglichkeiten auf c5 zurück zu schlagen. Eine Fortsetzung ist einfach schlecht und die andere ist herausfordernd. Wobei man vermutlich lieber auf der weißen Seite des Brettes sitzen würde. Aber schauen wir es uns einfach an.


Stellung nach dem sofortigen Damenzug nach a5 als Antwort auf das Schlagen des Bauern auf c5. Beginnen wir mit diesem langsamen Zug mit der Dame, die nach a5 zieht. Damit umgeht Schwarz zumindest den Einschlag auf h7, muss sich dann aber mit der folgenden endspielartigen Stellung zufrieden geben.

Zur Visualisierung: Zielstellung nach dem Damenzug nach a5


Eine plausible Zielstellung nach der unwahrscheinlichen, aber vermutlich spielbaren Antwort mit dem Damenzug nach a5 scheint mir diese Stellung zu sein. Hier kann Weiß ohne größere Risiken weiter auf Gewinn spielen. Der Weg hierhin wäre nicht sonderlich vermint und kann mit der finalen PGN-Datei hergeleitet werden.


Die zweite denkbare Fortsetzung – das Schlagen auf c5 mit dem Läufer, sollte Schwarz in jedem Fall vermeiden. Danach tauscht Weiß auf c5 ab, opfert seinen Läufer wie geplant auf h7 und gewinnt kurz danach mit dem Damenschwenk nach f2 ein wichtiges Tempo. Schwarz wäre hilflos und wir schauen uns einfach eine mögliche Zielstellung an. Es gibt bis dahin noch einige Nebenstränge, aber die sollte ein Supergroßmeister am Brett leicht finden können.

Zur Visualisierung: Zielstellung nach dem Schlagen mit dem Läufer auf c5


Wie der schwarze Punkt am Diagramm zeigt ist hier Schwarz am Zuge, es gibt aber bereits keine Verteidigung mehr. Schwarz steht glatt auf Verlust. Wie es dazu kommen kann, entnimmt man der angefügten PGN-Datei als Anregung oder versucht selbstständig die besten Züge zu finden.


Die dritte und vermutlich beste Spielweise besteht im Wiedernehmen auf c5 mit dem Springer. Auch dann kann Weiß auf h7 seinen Läufer opfern, ein Springerschachgebot auf g5 folgen lassen und seine Dame via d3 in den Angriff führen. Diese Fortsetzung ist weitgehend mit Hilfe des Maschinenraumes ausgeleuchtet und es kommt zu einer Stellung, die immer noch Weiß einen symbolischen Vorteil verspricht.

Visualisierung: Drei Zielstellungen nach dem Schlagen auf c5 mit dem Springer


Es scheint beide Seiten müssen bis hierhin die vorgegebenen Pfade verfolgen. In dieser Stellung sollte Weiß übrigens wie weiter fortsetzen?


Im 30. Zug bog Matthias Bluebaum hier erstmals falsch ab, indem er seinen Springer nach e7 zog.


Diese Stellung ist in etwa ausgeglichen und rechtfertig damit die schwarze Spielweise. Dieses Beispiel illustriert aus meiner Sicht sehr schön wie Pragg sich auf seine Partie ungefähr vorbereitet haben dürfte. Ich habe eine klare Erwartungshaltung: Pragg wird in diesem Turnier zumindest keinem Gegner die Möglichkeit auf h7 zu schlagen mehr einräumen.

Variantenbaum als PGN

In der folgenden PGN-Datei (zum Herunterladen) finden sich die Betrachtungen mit der Engine nach dem kritischen und nicht gespielten Schlagen auf c5. Vermutlich muss die Partie aus der Bundesliga von Ivan Cheparinov, der als Sekundant von Zhu Jiner auf Zypern ist und dem deutschen Kandidaten Matthias Bluebaum herangezogen werden.


In der anschließenden Pressekonferenz gab Pragg unumwunden zu, dass er diese Variante vorbereitet hatte, aber er meinte auch, dass er nicht erwartet habe, dass sein unvorbereiteter Gegner sich darauf einlassen würde. Die Reaktion des Chinesen lässt eher den Rückschluss zu, dass er zwischen kurzer und langer Rochade schwankte und das Nehmen auf c5 nicht einmal erwogen hatte. Der Semi-Bluff von Pragg war aufgegangen. Denn nach der recht harmlosen Antwort seines Gegners hatte er in dieser Partie mit Schwarz keinerlei Probleme.

Ich halte den Semi-Bluff des Inders für vertretbar, da er mit guter Vorbereitung kein zu hohes Risiko einging. Beim Chinesen sehe ich es komplett anders: Wei Yi formulierte als Ausrede, dass er seinem Gegner nicht in die Vorbereitung laufen wollte. Meiner Meinung nach sollten Spieler auf dem Niveau des Kandidatenturniers immer die prinzipielle Fortsetzung wählen und die ist bekanntermaßen das hier vorgestellte Schlagen auf c5 inklusive des klassischen Läuferopfers auf h7. Dass er diese Fortsetzung nicht wählte, ist ein Zeichen von Schwäche, den seine Konkurrenten und deren Teams sich wahrnehmen werden.

Der Partieverlauf


Fotos: Mihal Walusza, Yoav Nis (FIDE Chess).

Event-Homepage.


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