Connect with:
HomeMeinungNorweger greifen „Schach-Mafia“ an

Norweger greifen „Schach-Mafia“ an

Erstellt mit Nano Banana 2.

Am Ruhetag auf Zypern gab das norwegische Unternehmen „Take Take Take“ eine exklusive Kooperation mit dem Open-Source-Infrastrukturanbieter Lichess bekannt. Die Kooperation markiert gleichzeitig eine Zusammenarbeit der Norweger mit dem US-Branchenriesen Chess.com. Künftig sind die beiden Unternehmen Konkurrenten. Zwischen die Stühle gerät der ehemalige Schachweltmeister Magnus Carlsen, der als Markenbotschafter für die US-Amerikaner vertraglich verpflichtet und Anteilseigner bei beiden Unternehmen ist.

Ein Kommentar von Thorsten Cmiel

Diese Nachricht schlägt in der Schachwelt ein wie eine Bombe. Mats André Kristiansen, CEO von „Take Take Take“, verkündete den Bruch mit dem US-Unternehmen „Chess.com“. Man sei mit der Zusammenarbeit nicht zufrieden und sieht wohl das eigene Wachstum durch den Verzicht auf Spielfunktionen bei der eigenen Lern-App gefährdet. Das ergibt Sinn, denn gerade beim Schach liegt für viele Nutzer der Spaß in der Kombination von Lernen und Spielen. Die US-Amerikaner wollten durch Vereinbarungen offenbar ihre Monopolstellung verteidigen. Mit „Lichess“ steht jetzt für die Norweger ein technologisch aus meiner Perspektive besser aufgestellter Partner bereit. Lichess hat zwar weniger Nutzer weltweit, aber die kritische Masse von ständig verfügbaren Online-Nutzern dürfte das Charity-Unternehmen bieten. Damit fordern die Norweger das Quasi-Monopol von Chess.com im Online-Schachmarkt offen heraus. Die US-Amerikaner und ihre Investoren dürften die Nachricht nicht gerne gehört haben, da ein eigener Börsengang in den nächsten Monaten zu erwarten war. Ein neuer Konkurrent könnte die erzielbare Marge von Chess.com langfristig reduzieren, zumindest wenn es den Norwegern gelingt ein attraktiveres Angebot auf den Markt zu bringen. Sogar unter Großmeistern wird immer wieder Kritik am US-Unternehmen laut, da die Spielplattform von Chess.com technologisch nicht zufrieden stellend ist, so Kritiker.

Die US-Amerikaner kompensieren technische Probleme bisher mit finanziellen Anreizen für Spitzenspieler, die unter anderem bei der Titled-Tuesday-Serie jede Woche Preisgeld gewinnen oder sich für andere Events qualifizieren können. Diese Turniere sind allerdings nur die Spitze des Eisbergs zahlreicher Online-Events mit denen das US-Unternehmen seine dominante Position dokumentieren möchte. Die typischen Online-Nutzer ohne internationalen Titel, also die große Mehrheit der zahlenden Abonnenten, hat nur einen begrenzten Nutzen davon. Ausgerechnet über diese Turnierserie berichtete das norwegische Unternehmen in der Vergangenheit ausführlich und zahlte den US-Amerikanern sogar noch das Preisgeld, um dafür in einem Video verhöhnt zu werden. Kristiansen kommentiert das Video und zeigt einen Ausschnitt, der die Norweger zum Nachdenken gebracht hat. Kein guter Deal für die Norweger also, zumal Chess.com der eigenen technologischen Entwicklung im Weg stand. Konfliktäre Ziele und Interessen führen zwangsläufig zu Trennungen von Unternehmenspartnerschaften, so auch hier.

Zusätzliche Brisanz bekommt die Nachricht, die zeitgleich durch neun weitere Ankündigungen im Blog flankiert wurde, durch die Doppelrolle von Magnus Carlsen, der Anteile an beiden Unternehmen hält. Der Superstar der Schachszene war seinerzeit der Hauptgrund weshalb Chess.com die Play-Magnus-Gruppe 2022 für einen vermutlich überhöhten Preis übernahm. Dafür verpflichtete sich Carlsen als Botschafter für Chess.com exklusiv tätig zu sein. Für ihr Produkt müssen die Norweger auf Magnus Carlsen jedenfalls noch verzichten. In gewisser Weise zeigen sie dabei Humor, indem sie einen Satz von Hans Niemann etwas abgewandelt in ihrer Pressemeldung untergebracht haben.

„Magnus Carlsen, co-founder of Take Take Take, will not be actively promoting the platform at launch. With Take Take Take now offering a full play and learning experience, it enters territory that conflicts with his ambassador agreement with Chess.com. He remains a co-founder and the company’s largest shareholder, and the team expects his involvement to resume once those contractual constraints change. For now, the product will have to speak for itself.“ (Originalzitat aus der Pressemeldung von Take Take Take vom 6. April 2026)


Es mag ein Zufall sein, aber einen Tag (7. April) später startet Netflix seine Dokumentation zur Kontroverse Carlsen-Niemann. Einen stehenden Begriff hat Hans Niemann eingeführt, der Danny Rensch, den CCO, den Chief Chess Officer, von Chess.com nach eigener Aussage hart getroffen hat. Niemann bezeichnete seine Gegner in der Kontroverse als Schach-Mafia, wobei er Magnus Carlsen und Hikaru Nakamura ursprünglich mit einbezog. Inzwischen scheint Niemann diesen Begriff vor allem für den Monopolisten Chess.com zu verwenden. Niemann selbst versucht mit „Endgame.ai“ eine eigene Spiel-Plattform zu promoten. Unabhängig davon wer sich in Zukunft mit welchem Geschäftsmodell durchsetzt. Konkurrenz könnte der Branche und sogar Chess.com helfen, eine bessere Online-Erlebniswelt zu schaffen. Schachspieler sollten die jüngsten Entwicklungen also begrüßen. Noch ist keine Antwort der Platzhirsche aus den USA bekannt, aber man kann sich auf manche Wortgefechte in den nächsten Tagen und Wochen freuen.


Was angekündigt wurde (6. April 2026)

Das norwegische Unternehmen „Take, Take, Take“ bringt ein größeres Update auf den Markt: eine umfassende soziale Schachplattform mit Spiel- und Lernfunktionen. Die Norweger setzen dabei auf künstliche Intelligenz, um Spielern unterschiedlicher Spielstärke Erklärungen zu Plänen, Drohungen und Zugalternativen liefern zu können. Die später kostenpflichtige App ermöglicht zudem das einfache Teilen von Partien mit Freunden und soll den sozialen Aspekt von Online-Schachspielen betonen. Das ist eine wegweisende Neuerung für das Unternehmen, wie deren CEO Mats André Kristiansen erklärt. Die Ankündigung hat strategische Bedeutung im weltweiten Online-Schach-Geschäft. Bislang habe man wegen der Zusammenarbeit mit dem US-Branchenprimus „Chess.com“ eine eigene Spielzone vermieden. Die Norweger stellten laut Kristiansen fest, dass die Zusammenarbeit mit Chess.com nicht auf der Basis gemeinsamer Ziele vorankam. Jetzt wurde eine exklusive Partnerschaft mit dem Open-Source Unternehmen und Technologieführer „Lichess“ verkündet, um zukünftig den Nutzern der eigenen App jederzeitiges Spielen zu ermöglichen. Schach lernen ohne es direkt Ausprobieren zu können hat für die Norweger keine Zukunft. Jetzt folgt der Bruch mit den US-Amerikanern. Künftig können Nutzer durch die Zusammenarbeit mit Lichess jederzeit Gegner finden.

Der „Director of Operations“ von Lichess, Theo Wait, betonte in einem eingebundenen Interview zur Presseerklärung der Norweger, dass die Zusammenarbeit aus seiner Sicht ein wettbewerbsorientiertes, gesünderes Schach-Ökosystem schaffe [ich mag den Begriff]. Lichess bleibt weiterhin seiner Unternehmensphilosophie „Open Source“ verbunden und ist weiterhin in seiner Schnittstelle offen. Für Anwender bleibt die Spielplattform kostenlos. „Take Take Take“ wird im Gegenzug finanziell zur Weiterentwicklung von Lichess beitragen, heißt es.


Netflix bringt mehrere „Untold“-Dokumentationen über Sportgeschichten in Spielfilmlänge heraus. „Chess Mates“ heißt die Netflix-Folge zu den Betrugsvorwürfen von Magnus Carlsen und Hans Niemann. Die Folge erscheint am 7. April 2026 und dürfte für weltweite Aufmerksamkeit sorgen.

Pressemeldung Take Take Take

Lichess-Meldung zur Kooperation

Reuters-Meldung

Fotos: Dariusz Gorzinski (Karlsruhe April 2026).


No comments

Sorry, the comment form is closed at this time.