Titelfoto: Michal Walusza (FIDE Chess)
Manchmal findet man in Partien oder Turnieren interessante, überraschende Parallelen. Zweimal hatte der chinesische Großmeister größere Sorgen mit den weißen Steinen. Zweimal konnten seine Gegner ihn mit dem gleichen Zug ausschalten. Nur der Dominator fand den Zug und zwar einige Runden vor dem niederländischen Großmeister Anish Giri, der scheiterte.
Von Thorsten Cmiel
In der sechsten Runde gewann Javokhir Sindarov bereits seine fünfte Partie und die Konkurrenten im Kandidatenturnier in Pegeia auf Zypern gaben spätestens danach die Hoffnung auf den einzig relevanten Platz auf. Beginnen wir mit der folgenden Stellung aus der sechsten Runde. Hikaru Nakamura gab an, bereits nach seiner Niederlage in Runde 5 die Hoffnung aufgegeben zu haben. Fabiano Caruana gab schon die vierte Runde, da hatte er gegen den Usbeken verloren, als entscheidend an. Ich vermute würde man den Inder Praggnanandhaa fragen welche Runde ihm den Schneid gekostet hat, dann würde dieser ohne zu zögern die dritte Runde nennen, genau in dieser Runde hatte er gegen Javokhir hinter sich greifen müssen.

In dieser Stellung spielte Javokhir den nicht schwer zu entdeckenden Zug mit der Dame nach e3. Wei Yi nahm daraufhin seine Dame in die Hand und wollte sie nach h4 stellen. Plötzlich zögerte er und setzte die Dame doch nicht ab. Von seinen etwas mehr als fünf Minuten für neun Züge investierte der Chinese danach etwa dreieinhalb Minuten und zog die eigene Dame letztlich nach f3. Er hatte gesehen, dass nach dem geplanten Damenzug nach h4 sein Gegner seine Monarchin nach g3 gezogen hätte und die Grundreihe ein Problem wäre.

In der zwölften Runde hatte Wei Yi wieder eine schwierige Stellung und sein Gegner, diesmal der niederländische Großmeister war in der folgenden Stellung am Zuge.
In dieser Stellung konnte Anish seine Dame ebenfalls nach e3 ziehen. Allerdings waren die zu berechnenden Varianten deutlich komplexer und wegen des geschwächten schwarzen Königs schwieriger zu berechnen als bei Javokhir einige Runden zuvor. Weiß musste zwei Antworten prüfen zum einen natürlich das Schachgebot mit der weißen Dame auf d5 und den Zwischenzug mit dem c-Bauern, der den gegnerischen Turm attackiert sowie Kombinationen dieser Züge.


Wie sollte der Niederländer hier weiter fortsetzen? Für menschliche Rechenkünste sind solche Stellungen nach über fünf Stunden intensiver Arbeit nur schwierig zu lösen und Anish fand hier in der Tat nicht den überzeugendsten Weg. Es ist natürlich einfach als Fan oder Journalist auf die besten Züge zu verweisen, aber jeder Schachspieler kennt solche Situationen aus eigener Erfahrung und versteht instinktiv, dass die Sache nicht einfach zu lösen ist. Auch wenn die Lösung hier naheliegend zu sein scheint.



Die letzte und entscheidende Spielphase kann im über fünfstündigen Video hier bei Youtube abgerufen werden. Nachdem Anish Giri seine Dame nach d5 zieht bemerkt der Chinese sehr schnell, dass die entstandene Stellung bereits dreimal auf dem Brett steht, wenn er seinen König nach g2 zieht. Wei Yi hält Ausschau nach einem Schiedsrichter (etwa 1.36 Restzeit). Er schreibt seinen Zug auf, aber er führt ihn auf dem Brett nicht aus, sondern bittet per Handsignal darum, dass ein Schiedsrichter vorbei kommt. Das ist die richtige Prozedur. Er stellt nach dem Ruf des Schiedsrichters die Uhr ab (Restzeit 1.32), was Turnierspieler ungerne machen, weil sie bei Gegner für Verwirrung sorgen könnten – hat mein Gegner soeben aufgegeben? Aber hier war alles in Ordnung.
Anish Giri fragt, ob er sich die Prüfung anschauen könne, bekommt offenbar ein ja und verschwindet ebenfalls vom Brett. Was dann passiert ist, wurde vor allem mit Fotos dokumentiert. Eine Frage stellte sich doch, denn auf dem Foto ist zu sehen, dass der Zug des Königs nach g2, den Wei Yi angekündigt hat, ausgeführt ist. Tatsächlich hatte die Schiedsrichterin den Zug auf das Brett gebracht. Hätte Wei Yi den Zug ausgeführt und erst danach reklamiert, dann wäre die Reklamation fehlerhaft gewesen. Puristen werden sich danach vermutlich streiten, ob der Zug ausgeführt wurde, weil die Uhr ja nicht gedrückt, sondern angehalten wurde. Aber dazu gibt es vermutlich schon haufenweise Urteile von Schiedsgerichten.
Die Spieler besprechen sich kurz und kommen sofort zu dem Moment in dem die schwarze Dame nach e3 ziehen konnte. Anish bringt den Einwand des Bauernzuges nach h3. Nach etwas Nachdenken schlägt Wei Yi den Vormarsch des f-Bauern vor und die Spieler stellen die Figuren aufs Brett, da sie offenbar beide erschöpft sind.
Wir halten fest: Javokhir bekommt die Variante mit dem Damenzug nach e3 inklusive dem Bauernzug f4-f3 zum Laufen und sein direkter Verfolger nicht. Ein kleiner, aber feiner usbekischer Unterschied.
Fotos: Michal Walusza, Niki Riga (FIDE Chess)