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HomeDiskussionen in der SchachweltShevchenko: Drei Jahre für Cheatingversuch

Shevchenko: Drei Jahre für Cheatingversuch

Titelfoto: Maria Emelianova (Chess.com)

Jetzt wurde das Urteil im spektakulären Cheating-Fall aus dem letzten Jahr bekannt. Drei Jahre Sperre von denen ein Jahr auf Bewährung ausgesetzt wurde. Der 22-jährige Kirill Shevchenko behält seinen Titel als Schachgroßmeister. Der Fall bleibt rätselhaft.

Von Thorsten Cmiel

Zu den Fakten: Die Spanische Mannschaftsmeisterschaft wurde vom 12. bis 18. Oktober 2024 in Melilla, Spanien, ausgetragen. Am 13. Oktober 2024 wurde ein Telefon in einer der Toiletten gefunden. Beim Telefon fand sich eine handschriftliche Notiz mit der Aufschrift „Nicht berühren! Das Telefon ist für einen Gast, der nachts rangeht.“ Die Schiedsrichter fanden heraus , dass eine der Putzfrauen am Tag zuvor ein anderes Telefon im Badezimmer gefunden hatte. Als das Telefon, ohne den Eigentümer ermittelt zu können. Der Hauptschiedsrichter ordnete an, die Toilette zu verschließen, um zu sehen, ob jemand zurückkehren würde, um das Telefon zu benutzen. Kirill Shevchenko wurde dann dabei beobachtet, wie er erfolglos versuchte, die verschlossene Toilette zu betreten. In Kombination dieser Beobachtung und aufgrund von Beschwerden der Großmeister Bassem Amin und Vallejo Pons – ihnen waren ständige Toilettengänge ihres Gegners aufgefallen, leiteten die Schiedsrichter eine Untersuchung ein.

Am 17. Oktober 2024 wurde Shevchenko vorläufig für 75 Tage suspendiert. Diese Sperre wurde nach den eingeräumten Verstößen des Spielers dann später verlängert. Inzwischen ist der Verstoß gegen die Regeln vom Spieler und seinem Anwalt eingeräumt worden. Es handelt sich also diesbezüglich nicht mehr um eine Vermutung wie noch kurz nach dem Bekanntwerden des Falles.

Prozeduren und Verteidigung

Die Fair Play Commission (FPL) des Weltschachbundes hatte den Verstoß gegen die Regeln festgestellt. Shevchenko war geständig. Es war jetzt Aufgabe eines anderen Gremiums, das für Ethik und Disziplinarangelegenheiten (EDC), die Strafe festzulegen. Soweit zu den Abläufen innerhalb des Weltschachbundes. Die FPL versucht vor allem eine maximal Strafe für den Spieler, der die Integrität des Schachsportes mit seinem Betrugsversuch in Verruf gebracht hat, durchzusetzen. Gefordert wurde die Aberkennung des Großmeistertitels. Für einen erstmaligen Verstoß sehen die Regeln eine Maximalstrafe von drei Jahren vor. Die forderte die FPL natürlich ebenfalls.

Der Anwalt des inzwischen für Rumänien startenden Großmeisters führt die aus seiner Sicht entlastenden Gründe für ein niedriges Urteil zur Bestrafung seines Klienten an. Dazu gehört natürlich, dass es zum Betrug nicht gekommen sei. Sein Klient habe sich zu ungeschickt angestellt heißt es.

„In diesem Fall gibt es die ungeschickten Versuche von GM Shevchenko, ein elektronisches Gerät zu benutzen um zu betrügen, nicht effektiv waren und das Verhalten des Spielers – obwohl verwerflich – keinen Einfluss auf das Ergebnis der Partien, die er spielte, hatte. In der Tat gibt es keine Beweise in diesem Sinne; außerdem gab es nach den Feststellungen von Prof. Regan keine Standardabweichungen der Leistung des Spielers in diesem speziellen Turnier von seiner typischen Ratingleistung ab.“ Statement der Anwälte von Sevchenko (deutsche Übersetzung).

Zur Urteilsfindung

Die EDC benennt im Urteil Gründe, die für und gegen Kirill Shevchenko sprechen. Er habe bisher eine weiße Weste bei der FIDE mit der Ausnahme einer Verwarnung wegen einer nicht geschüttelten Hand 2023. Der Ukrainer hatte bei der Blitz- und Schnellschachweltmeisterschaft dem russischen Großmeister Kobaila den Handschlag verweigert. Für den Junggroßmeister spricht, dass ihm in den betreffenden zwei Partien kein Betrug nachweisbar war. Dafür hatte die FPC bereits den weltweit anerkanntesten Spezialisten Kenneth W. Regan seine Analysen durchführen lassen. Da es keine Hinweise auch auf Betrug beim Erwerb des Großmeistertitels gab, entschied sich das EDC Shevchenko den Großmeistertitel nicht abzuerkennen. Es gab bisher keine Präzendenzfälle bei denen kein Betrug, sondern nur der Versuch zu bestrafen war, so die EDC in ihrer Urteilsbegründung. Es wurden gleichwohl Vergleiche mit vorherigen Fällen (Rausis, Nigalidze) angestellt. Den Großmeistertitel verlor nur, wer erneut erwischt wurde.

Reaktionen

Beide Seiten, die FPL und die Anwälte von Shevchenko zeigten sich auf Nachfrage des norwegischen Schachjournalisten Tarjei Svensen unzufrieden mit dem Urteil des EDC und könnten in Berufung gehen. Bei Shevchenko wäre das dann vermutlich der Internationale Sportgerichtshof (CAS). Bis dahin bleibt beiden Parteien eine 21-tägige Einspruchsfrist.

„Während wir die Schwere des Vergehens anerkennen, ist es wichtig zu betonen, dass unser Mandant zu diesem Zeitpunkt unter extremem psychischen Druck stand, da er glaubwürdige Morddrohungen, einschließlich Videos mit Schusswaffen, von Personen in der Nähe des Turnierortes erhalten hatte, die sich ausdrücklich auf seinen Aufenthaltsort in Melilla bezogen. Diese Drohungen waren sowohl real als auch schwerwiegend und hätten unserer Ansicht nach von der FIDE-Ethik- und Disziplinarkommission als triftige Gründe für die Verhängung einer geringeren Sanktion berücksichtigt werden müssen.“ (zitiert nach Svensen in deutscher Übersetzung).

Kommentar

Das Statement der Anwälte lässt einen Betrachter weitgehend ratlos zurück. Die Aktion von Sevchenko wirkte derart tölpelhaft, dass man meinen könnte, er wollte gefasst werden. Die Entlastung mit einer möglichen Erpressung des Spielers passt in das konfuse Bild des gesamten Falles. Ob es eine reale oder nur eine gefühlte Bedrohung des Spielers gab, dürfte zumindest für die öffentliche Bewertung des Spielers eine Rolle spielen, scheint die FIDE aber nicht interessiert zu haben.

Es bleibt in jedem Fall zu hoffen, dass der Spieler psychisch gesund ist und bleibt. Zweifel daran sind angebracht. Erinnert wurde ich an einen Fall, der sich in Deutschland in der Schachspielerszene abgespielt hat, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht vor über 35 Jahren. Ein nicht ganz unbekannter deutscher Spieler hatte Schulden bei den falschen Leuten angehäuft und beging mutmaßlich einen Bankraub, aber nicht um das Geld zu beschaffen, sondern erwischt zu werden und so von seinen Gläubigern in Ruhe gelassen zu werden. Ob die Geschichte sich tatsächlich so zugespielt hat, lässt sich nicht mehr klären.


Hintergründe

ZEIT-Meldung vom 17. Oktober 2024.

Artikel Tarjei J. Svensen für Chess.com.

Die Fair Play Kommission (FPL).

Die Ethics & Disciplinary Commission (EDC).

Das Urteil (8 Seiten) der EDC kann zum weiteren Vertiefen bei der FIDE heruntergeladen werden.

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