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Seniorenschach in Costa Rica

Die nationalen Meisterschaften der Senioren 2025 in Costa Rica sind gespielt. Die nationalen Meister stehen noch nicht vollständig fest. Ein persönlicher Erfahrungsbericht.

Von Thorsten Cmiel

Seit Dezember 2024 bin ich nun für die meiste Zeit des Jahres in Costa Rica. Das hat familiär berufliche Gründe, die hier keine Rolle spielen. Zu den ersten Versuchen mich einzuleben gehört es meist zu schauen wie das organisierte Schach aufgestellt ist. Da ich zurzeit zufällig in der Hauptstadt San José lebe und dort die Schachföderation FCA angesiedelt ist, gab es immerhin kurze Wege. Bei meinem Besuch der Landesmeisterschaften im Dezember 2024 bekam ich die Information, dass irgendwann im März die nationalen Seniorenmeisterschaften stattfinden sollen, ich gerne mitspielen, aber nicht nationaler Champion werden könne. Das kannte ich schon, es ist in Deutschland genau so geregelt, seit Henrik Danielsen, der dänisch-isländische Großmeister, in Magdeburg 2021 Deutscher Meister wurde. Das gab Ärger, führte zu einem Protest und seither sind die Ausschreibungen des Turniers in dem Punkt klarer geregelt. Wer nationaler Meister werden will, muss unter der heimischen Flagge antreten. Fair enough.

Costa Rica

Bevor wir zum Turnier kommen, seien einige Informationen über Costa Rica erwähnt. Der Name sagt schon viel und bedeutet in spanischer Sprache so viel wie „reiche Küste“. Tatsächlich hat das Land in Zentralamerika zwei Küsten, im Osten auf der karibischen Seite und im Westen zum Pazifik hin. Aufgrund seiner tropischen Lage ist das Land vor allem sehr grün und die Natur absolut sehenswert. Ein großer Teil des Landes steht unter Naturschutz. Das Land ist zurecht stolz darauf seit 1948 keine eigene Armee mehr zu haben. Über eine Verfassung verfügt Costa Rica seit 1949. Damals wurde das Militär zugunsten des eigenen Bildungssystems abgeschafft, so heißt es. Das Land verfügt heute über eine stabile Demokratie, anders als die USA (Atlanta) und die Türkei (Istanbul), die immer wenn wir das Land nach längerem Aufenthalt wieder verlassen haben, im Chaos versanken. Ich bestreite irgendeinen Zusammenhang. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass es bei Costa Rica anders sein wird.

Die Einwohnerzahl in Costa Rica liegt geschätzt bei 5,2 Millionen und hiervon lebt etwa die Hälfte in dem Ballungsraum San José. Ein wichtiger Faktor für die heimische Wirtschaft ist neben dem Anbau von Agrarprodukten der Tourismus. Das Lebensgefühl in Costa Rica wird am besten durch die Redewendung „Pura Vida“ (Reines Leben) repräsentiert. Die Stromversorgung in Costa Rica setzt bereits zu 100 Prozent auf regenerative Energien. Vorbildlich. Einzig der Verkehr in der Hauptstadt ist eine Katastrophe. Der öffentliche Nahverkehr besteht aus einigen Bussen. So ist man auf das Nutzen privater Fahrzeuge in Costa Rica weitgehend angewiesen. Viele, vor allem Jüngere, nutzen Motorräder und klein motorisierte Zweiräder. Da die sich schneller als Autos fortbewegen können, schlängeln sie sich zwischen den Autos hin und her und kreuzen ständig auf den Straßen von einer Seite zur anderen, je nach der erhofften schnelleren Route. Das ist gleichermaßen für Autofahrer immer wieder eine Herausforderung. Fahrradwege oder Motoradspuren gibt es selten. Ein anderes Ärgernis ist, dass man praktisch nie von irgendwem in eine Straße gelassen wird, wenn man keine Vorfahrt hat. Man muss sich also als Linksabbieger brutal in eine Straße hineinwagen, um den Strom an Fahrzeugen zum Stoppen zu bringen.

Montezuma Woodworks, eine Manufaktur in Costa Rica bietet tolle handgearbeitete Brett- und Figurensets an, die eine hohe Qualität haben – ich habe ein solches Set zu Weihnachten geschenkt bekommen und bin froh endlich mal schwere Holzfiguren zu bewegen.

Wer mehr über Costa Rica, Land und Leute und seine beeindruckende Landschaft erfahren will, der findet viele Informationsangebote überall im weltweiten Netz in seiner Sprache. Ich kann einen Besuch des Landes nur empfehlen. Wer weniger Zeit als ich für einen Urlaub hat, dem sei vor allem die Pazifikküste empfohlen.

Blitzturnier

Meine erste schachliche Erfahrung konnte ich bei einem Blitzturnier sammeln. Gespielt wurde im Nationalstadion in San José, in dem die FCA wie andere Sportorganisationen auch einen eigenen Raum besitzt. Immerhin reichte es für einen zweiten Platz hinter dem Internationalen Meister Emmanuel Jimenez Garcia. Für das Ergebnis wird sich außer mir niemanden interessieren, es sei aber hier archiviert.

Seniorenmeisterschaft

Das Turnier wurde in einer schicken Grünanlage des olympischen Komitees etwas außerhalb von San José gespielt. Das Turnier begann mit 27 gemeldeten Teilnehmern. Beide Altersklassen 50+ und 65+ spielten daher zusammen. Der klare Sieger im siebenrundigen Turnier heißt Luis Michel Cespedes Rodriguez. In der Schlussrunde gewann er überzeugend nach einem Fehler seines Gegners nach der hier folgenden Wendung.


Ältere Senioren

Bei den Senioren 65+ teilten sich Juan Leon Jimenez Molina und Carlos Araya Umana den ersten Platz und müssen jetzt noch einen Stichkampf folgen lassen. Die beiden kennen sich seit Jahrzehnten und sind gut befreundet, wie Carlos anmerkte.

Leider ist es auch in Costa Rica wie fast überall auf der Welt so, dass nur wenige ältere Frauen bei Schachturnieren dabei sind. Die beiden Frauen im Feld will ich nicht unterschlagen. Es sind Magdalena Pazmino Acosta (65+) und Jean Adrien Wilberge (50+).

Übertragungen und Partien. Tabelle.

Beobachtungen

Bevor wir zu Beobachtungen auf dem Schachbrett kommen: Zwei Partien wurden wegen klingelnder Handys verloren. Beide Mobiltelefone waren beim Schiedsrichter deponiert, aber nicht abgeschaltet. Das ist nicht nur für die Spieler selbst, sondern auch für die Gegner ärgerlich. Ich gewann nach fünf Zügen meine Partie in der ersten Runde und fuhr wieder zurück nach Hause. Leider ist es heutzutage nicht nur bei Turnieren der jüngeren Generation so, dass Turniere mit Doppelrunden gespielt werden. Darunter leidet sicherlich die Qualität der Partien bei manchen Spielern. Bei der Meisterschaft bekam jeder Spieler 90 Minuten pro Partie und 30 Sekunden pro Zug. Das ist eine recht flotte Bedenkzeit und bei Doppelrunden natürlich angebracht.

Wie überall bei Schachturnieren geht es manchmal hoch her in Diskussionen. Ein Zwischenfall passierte online im Whattsapp-Chat, den der Turnierleiter, Jose Antonio Meza Vega, eingerichtet hatte, um Informationen wie Fotos zu teilen. Wie es oft kommt, fühlte sich jemand beleidigt, wobei ich, bewaffnet mit einem Übersetzungsprogramm, das eher nicht verstanden habe. Ein anderer Fall passierte während einer Runde und drohte sogar zu eskalieren. Das Spielen von Schachpartien ist eben eine sehr emotionale Angelegenheit.

Springerendspiele

Gerardo Herrera Retana spielte ständig Springerendspiele. Das fiel mir auf, nachdem wir eine Partie in der vierten Runde gegeneinander gespielt hatten. In unserer Partie passierte nicht viel – die Maschine sah nicht einmal eine Ungenauigkeit – und in der folgenden Situation entschied sich Gerardo richtig. In den anderen zwei Endspielen hatte er weniger Erfolg.





Schlechte Verwertungen

Ich habe mir nach dem Turnier zwei eigene Partien genauer angesehen. In beiden hatte ich mir eine Gewinnstellung erarbeitet und in beiden Fällen verdaddelte ich meine Vorteile spektakulär wieder. Die erste der beiden Partieanalysen habe ich in Abschnitte eingeteilt. Das hilft mir zumindest ein klareres Bild von der Partie zu zeichnen und Wendepunkte besser zu markieren.





Alte Lieben rosten nicht

Die folgende Partie in der fünften Runde lief für mich zunächst wie auf Schienen, aber dann kamen zwei größere Rechenfehler hinzu und die Stellung war plötzlich wieder ausgeglichen.


Der Drachentöter ist ein in deutsche Sprache geschriebenes Buch über das Fianchettosystem gegen den Drachen, das ich zunächst 1991 geschrieben habe. Es wurde später bei einem anderen Verleger wieder überarbeitet und erst 2004 veröffentlicht. Damals musste man Partien noch in mühsamer Handarbeit analysieren, bekam dadurch aber auch die Chance tiefer in die Stellungen einzusteigen. In der Partie bei der Seniorenmeisterschaft kamen dann einige mir bestens bekannte Muster auf das Brett. Bekomme ich die Chance diesen Stellungstyp auf das Brett zu bekommen, sage ich selten nein.

Studienmaterial zum Drachentöter




Kampfgeist ist gefragt

Am Sonntag, parallel zur letzten Runde, fand nebenan in einer Sporthalle anderer Kampfsport statt. Zuerst Ringen und dann Taekwondo, ein koreanischer Kampfvariante, die eine bewegte Geschichte vorweisen kann. Die Wettkämpfe auf der Matte dauerten netto fünf Minuten, falls kein Kämpfer vorher aufgibt natürlich. Es gab Punkte und Verwarnungen, um den Sieger auch ohne vorheriges Ende bestimmen zu können. Die Zuschauer in der Halle gehen mit und, anders als beim Schach, versuchen alle inklusive Trainern den Sportlern während der Wettkämpfe und in den Pausen Tipps zu geben. Tritte und Schläge auch gegen den Kopf sind erlaubt, wobei die Sportler ihre Schienbeine und ihren Kopf schützen. Im Schwergewicht kam es sogar zu blutigen Szenen und manchmal blieb einem Kämpfer für einige Minuten die Luft weg. Kleinere Blessuren sind Teil des Sports. Ich wünschte mir manchmal mehr eigenen Kampfgeist. Vermutlich sind kleine Blessuren weniger dramatisch als der Verlust einer Schachpartie in die man lange Bedenkzeit investiert hat.

Fotos: Arleth Gonzalez, Federación Costarricense de Ajedrez (FCA), private Fotos.


Servicehinweis

Die oben analysierten Partien können heruntergeladen werden. Dafür muss man auf den hier rot markierten Button bei jeder Partie klicken.

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