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Chancen zur Halbzeit

Titelfoto Credit: Michal Walusza (FIDE Chess).

Während in der offenen Klasse bereits eine Vorentscheidung gefallen zu sein scheint, ist bei den Frauen noch alles möglich. Die besten Chancen hat die Nachrückerin Anna Muzychuk aus der Ukraine. Dabei war ihr Auftritt bisher solide. Die anderen Spielerinnen müssen aufholen.

Von Thorsten Cmiel

Bevor ich einzelne Spielerinnen und ihr bisheriges Spiel vorstelle, sei der aktuelle Turnierstand betrachtet. Anna Muzychuk hat nur einen kleinen Vorsprung und das Feld ist recht kompakt aufgestellt. Wir haben in den letzten zwei Runden gesehen, dass Spielerinnen sehr schnell aus einem Minus ein Plus machen können. Das gelang der Inderin Vaishali, die trotz zuletzt zweier Siege nicht zufrieden ist mit ihrem Spiel. Immerhin ist sie inzwischen in der Lauerposition. Gespielt wird wie in der Hinrunde nur mit vertauschten Farben. Die sechste und siebte Runde werden getauscht, damit keine Spielerin dreimal Weiß oder Schwarz hintereinander bekommt.

Anna Muzychuk (Ukraine)

Anna Muzychuk wurde am 28. Februar 1990 in Lemberg (Lwiw) in der Ukraine geboren. Anna war als Nachrückerin ins Teilnehmerfeld gekommen, da die Inderin Humpy Koneru eine Woche vor Turnierbeginn auf ihre Teilnahme verzichtete. Anna ist eine ausgezeichnete Blitz.- und Schnellschachspielerin und war bereits zweimalige Blitz-Weltmeisterin (2014 + 2016) und einmalige Schnellschach-Weltmeisterin (2016). 2017 verlor Anna gegen die hier ebenfalls mitspielende Chinesin Tan Zhongyi einen Kampf um den WM-Titel. Anna bleiben in der zweiten Hälfte noch vier Weißpartien. Ihre Chancen das Turnier zu gewinnen sind nicht nur wegen des halben Punktes Vorsprung hoch. Ich möchte ihr eine Gewinnwahrscheinlichkeit von 35 Prozent zusprechen.


Nach drei Remis in den ersten Runden konnte Anna mit Weiß in der vierten Runde gegen ihre ehemalige Landsfrau Kateryna Lagno voll punkten. Deren Hilfe war an dieser Stelle allerdings notwendig. Wie sollte Lagno mit Schwarz hier fortsetzen?



Die Chinesin Zhu Jiner war in der sechsten Runde dran und musste ihren 34. Zug ausführen. Sie zog ihren Springer nach g4 und erwachte unsanft. Wie verstärkte Anna danach ihre Stellung?


Vaishali (Indien)

Die Inderin Vaishali wurde am 21. Juni 2001 in Chennai geboren. Die 24-jährige Inderin war mehrfach in Jugend-Altersklassen Weltmeisterin und lieferte sich scheinbar einen Wettlauf mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder, Praggnanandhaa. Vaishali errang 2024 als dritte Inderin überhaupt den Großmeistertitel und schneidet historisch gut beim Grand-Swiss ab. 2023 und 2025 gewann Vaishali dieses elfrundige Qualifikationsturnier für die Kandidatenturniere, das nach Schweizer System ausgetragen wird. Das Kandidatenturnier auf Zypern ist nach Toronto 2024 ihr zweiter Auftritt auf der ganz großen Bühne, die zum WM-Kampf führen kann. Ihre Gewinnchancen sind natürlich einen halben Punkt besser als die der folgenden vier Spielerinnen. Gleichzeitig hat Vaishali bislang nicht sonderlich überzeugend agiert. Sie hat eine Chance von etwa 15 Prozent.


In dieser Stellung spielte die Chinesin Tan Zhongyi gegen Vaishali den schockierenden Turmzug nach a1. Es erscheint mir nicht einmal angemessen diese Situation danach weiter aufzulösen.


Wichtiger ist das Verständnis, dass diese Stellung nicht gewinnbar ist. Der schwarze Turm kann nur durch einen Trick oder ein Schachgebot befreit werden. Die Stellungsbewertung ändert sich nicht wenn der weiße König auf g2 steht.

Zhu Jiner (China)

Die 23-jährige Chinesin war die Spielerin des Jahres 2025. Zhu ist seit 2023 Großmeister und profitierte von der Absage von Lei Tingjie, die auf die Teilnahme an der Grand-Prix-Serie 2024/25 verzichtete. Zhu sprang ein, gewann die Eventserie und qualifizierte sich direkt für das Turnier der Kandidatinnen. In 2026 trat sie beim Challenger-Turnier in Prag an und hatte etwas mehr Schwierigkeiten als die Inderin Divya. Das direkte Duell gewann die Chinesin, die eine Art Angstgegnerin für die Inderin zu sein scheint. Inzwischen kämpft Zhu nach Rating sogar um die Vormachtstellung im chinesischen Frauenschach. In der ersten Turnierhälfte gewann und verlor Zhu Jiner zwei Partien. Sie hat wie die anderen Spielerinnen eine Qualifikationschance von etwa zehn Prozent, also etwas weniger als zu Beginn des Turniers. Zhu hat mit dem Bulgaren Ivan Cheparinov einen erfahrenen Sekundanten und das könnte ihr in den letzten Runden helfen.

Aleksandra Goryachkina (Russland unter FIDE-Flagge)

Die drei russischen Teilnehmer im Turnier kann man kaum einschätzen.Die 27-jährigen Russin war bereits im Jugendalter sehr erfolgreich bei Welt- und Europameisterschaften. Auch hatte sie 2025 und 2017 Chancen auf den WM-Titel. Goryachkina spielt immer wieder auch starke Open-Turniere, anders als Anna Muzychuk, Tan Zhonghyi und andere etablierte Topspielerinnen, im Nahen Osten und versucht sich mit starken Großmeistern zu messen. Aleksandra hatte in den ersten sieben Partien drei Gewinnstellungen, scheiterte aber immer wieder an sich selbst. Wie Zhu Jiner sind ihre Chancen auf den Turniersieg etwas zurückgegangen.


Divya (Indien)

Die zwanzigjährige Inderin ist die jüngste Teilnehmerin im Feld. Sie hat im Kinder- und Jugendschach alle Titel abgeräumt, die sie bekommen konnte. Die indische Prinzessin verpasste in der siebten Runde gegen Kateryna Lagno eine gute Chance auf ein Plus im Turnier. Divya ist längst ein Social-Media-Star der Schachszene, einer der meist geklickten Momente zeigt eine Szene in der sie sich scheinbar bei einer Uhr entschuldigt. Divya selbst will allerdings durch ihr Schach auffallen und da hat die Inderin viele interessante Partien zu bieten. Ihre Chancen sind genau wie die der anderen Spielerinnen mit aktuell fünfzig Prozent einzuschätzen.

Kateryna Lagno (Russland hier unter neutraler Flagge)

Kateryna Lagno ist genauso alt wie die Ukranierin Anna Muzychuk und stammt ebenfalls aus Lemberg (Lwiw) in der Ukraine. Sie entschied sich 2014 für einen Föderationswechsel nach Russland. Lagno ist besonders als ausgezeichnete Blitz- und Schnellschachspielerin bekannt. Sie ist verheiratet mit dem russischen Großmeister Alexander Grischuk. Begleitet wird sie beim Kandidatenturnier auf Zypern allerdings von Daniil Dubow (29), der ihr Sekundant ist. Kateryna hatte bisher in jeder Partie mindestens einmal eine Verluststellung. Ihr Spielstil ist für Zuschauer unterhaltsam, dürfte aber ihre Anhänger einiges an Lebenszeit kosten. Genau wie die anderen Spielerinnen mit dreieinhalb Punkten. Gegen Tan Zhongyi gelang Katerina das bisherige Highlight des Turniers.


Die beste taktische Lösung i Turnier der Kandidatinnen bisher. In dieser Stellung fand Kateryna Lagno mit Schwarz einen beeindruckenden Ausheber. Dessen eigentliche Pointe ist ein überraschender Zug etwas später, den man allerdings ohne Hinweis darauf leicht übersehen kann.


Bibisara Assaubaeva (Kasachstan) und Tan Zhongyi (China)

Die beiden verbliebenen zwei Spielerinnen haben weniger als 50 Prozent der Punkte geholt und es bleibt eine theoretische Restchance, dass eine der beiden Spielerinnen es doch noch schafft sich zu qualifizieren. Bibisara waren nach gutem Start ins Turnier zwei Partien misslungen. Da das Turnier bisher nicht durch Konstanz der Spielerinnen aufgefallen ist, könnte vor allem die Kasachin noch vorne eingreifen.

„Mehmet Mars Seven“ errechnet den Game Intelligence (GI) Score, der auf Genauigkeitswerten der gespielten Partien beruht. Kateryna Lagno hatte in jeder ihrer sieben Partien irgendwann eine verlorene Stellung. Daher ist sie ganz hinten in dieser Liste zu finden. Am Ende zählen aber die Punkte.

Die verpassten Punkte sind noch aussagekräftiger. Anna Muzychuk hat insofern alles aus ihren Partien herausgeholt.

Quelle: https://x.com/MehmetMars7/status/2041157436417945615?s=20

Fotos: Michal Walusza (FIDE Chess).


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