Jetzt spricht die Präsidentin und der Deutsche Schachbund nennt ihren Gesprächspartner die „internationale Schachplattform“ Chess Topics. Aber wer ist Chess Topics eigentlich? In Kurzform: Der Deutsche Schachbund veröffentlicht ein Interview mit einer KI-Plattform und wer wann die Fragen gestellt hat, die von der Präsidentin beantwortet werden, weiß man auch nicht.
Von Thorsten Cmiel
Hier auf Zypern sehen wir gerade das Erwachen eines neuen Superstars: Javokhir Sindarov aus Usbekistan dominiert seine sieben Gegner fast nach Belieben. In der zehnten Runde gewann er seine zweite Partie gegen Praggnanandhaa und zwar in ähnlichem Stil wie in der Hinrunde. Darüber berichte ich gerne. Man könnte auch erwähnen, dass Matthias Blübaum als einziger Spieler bisher zwei Remis gegen den Usbeken holte, zwar mit etwas Glück in der neunten Runde, aber am Ende zählt beim Schach das Resultat.
Auf X, vormals Twitter, wird mir zu Beginn der Runde eine Nachricht in meinen Newsfeed gespült. Die scheidende Präsidentin hatte ein Interview gegeben. Angesichts der angespannten Situation im Schachbund ist das natürlich interessant. Aber nicht zu dem Geschehen hier auf Zypern oder wann die außerordentliche Hauptversammlung stattfindet äußert sie sich, sondern in eigener Sache. Die meisten der Talking Points kannte ich bereits und ich will die darin geäußerten Vorwürfe weder weiter verbreiten noch kommentieren. Es geht mir wieder mal um Handwerk.
"We must stay alert to Russian influence undermining chess… We need to stick to our values." ⚠️
Ingrid Lauterbach speaks exclusively to Chess Topics on breaking barriers as the first female President of @Schachbund in its 149-year-long history, navigating internal federation… pic.twitter.com/NcLNHXK0OW
— Chess Topics (@ChessTopics) April 9, 2026
Als ich im Pressezentrum einen anderen deutschen Journalisten fragte, ob er das Interview gesehen habe und Chess Topics kenne, meinte der spontan es handele sich um eine Plattform, die KI generiert Texte raushaut. Tatsächlich findet man auf der Plattform weder eine Adresse noch einen namentlich verantwortlichen Menschen und nicht einmal der Name der hinter Chess Topics stehenden Organisation ist bekannt. Das widerspricht zumindest in Deutschland der Impressumspflicht. Da es keine Adresse auf der Homepage von Chess Topics gibt, kann man die Betreiber dafür nicht einmal belangen. Dubios.
Die Fragen im Interview sind durchnummeriert und vermutlich schriftlich an die Präsidentin geschickt worden. Ob da ein Mensch beteiligt war auf Seiten von „Chess Topics“? Vielleicht, vermutlich nicht.
Mein Kollege im Pressezentrum hatte noch einen anderen Hinweis für mich, falls ich das kommentiere, dann sollte ich mich vorher beim Schachbund informieren, ob nicht das Interview komplett erfunden sei, denn etwas Neues komme nicht vor. Gesagt getan. Ich setzte auf Twitter folgende Frage an den Schachbund ab.
Hallo @Schachbund, ist das ein echtes Interview der Präsidentin? Die Website @ChessTopics hat weder ein Impressum, noch eine Anschrift noch finden sich Namen von Redakteuren. Die Site scheint AI generated zu sein. https://t.co/feFlIv7Zzi
— Thorsten Cmiel (@CmielThorsten) April 9, 2026
Falls die Zeitstempel stimmen – wir haben eine Zeitverschiebung von einer Stunde – veröffentlichte der Deutsche Schachbund 17 Minuten später das Interview mit seiner Präsidentin. Es bedurfte also keiner weiteren Bestätigung mehr.
Das Veröffentlichen eines Interviews mit einer virtuellen Plattform, deren Absichten und Hintermänner und Hinterfrauen man nicht kennt, ist problematisch. Solch ein Plattform durch den Hinweis, es handele sich um eine internationale Schachplattform, zu adeln, das geht eindeutig zu weit. Der Deutsche Schachbund und seine Präsidentin haben genügend Möglichkeiten der Welt ihre Meinung zu kommunizieren. In der Vergangenheit gab es beispielsweise „große“ Interviews, die man bei Youtube immer noch finden kann. Wichtig für die Bewertung ist dabei immer, wer mit welchen eigenen Interessen Fragen gestellt hat. Falls der Schachbund oder die Präsidentin selbst sich die Fragen stellt, dann kann ein interessierter Leser oder Zuschauer diesen Zusammenhang zumindest einordnen und für sich bewerten.
Mir fällt zu dem Deutschen Schachbund und seiner Kommunikation inzwischen nichts mehr ein. Es ist nur noch bedauerlich und es bleibt zu hoffen, dass ein neues Präsidium die Kommunikation der deutschen Spitzenorganisation des Schachs baldmöglichst auf handwerklich solidere Füße stellt.
„Interview“ beim Schachbund in deutscher Übersetzung.