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HomeToronto 2024Fast ausgefallen: Toronto 2024

Fast ausgefallen: Toronto 2024

Foto: Michal Walusza (FIDE Chess).

Die Weltpolitik hätte beinahe das erste Kandidatenturnier im Schach auf dem amerikanischen Kontinent verhindert. Im Frühjahr 2024 erschütterten Visa-Fragen die Schachwelt. Einen Monat vor Turnierbeginn wurde über die Verlegung des Turniers nach Madrid spekuliert.

Von Thorsten Cmiel

Kanadische Regierungen und Behörden sind recht prinzipiell und lassen nicht jeden in ihr Land. Das bemerkten zwei Jahre nach dem Kandidatenturnier in Toronto sogar die Fußballer bei der gerade laufenden FIFA-Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada. Gegen einen 32-jährigen ghanaischen Spieler läuft seit Juli 2025 ein Verfahren wegen mehrfacher Vergewaltigung und sexueller Nötigung in London, aus einer Zeit als dieser noch für den FC Arsenal auflief. Der Prozess steht noch aus und der Fußballer bestreitet die Vorwürfe, aber den kanadischen Behörden genügte es, um dem Spieler die Einreise zu verweigern.

Ein weiterer Fall in Kanada betraf einen ivorischen Spieler, der im Juni 2026 gegen Deutschland fast nicht zum Einsatz gekommen wäre. Dem Spieler war erst kurz vor der Fußballweltmeisterschaft in Frankreich Wett- und Spielmanipulation vorgeworfen worden, aber eine formelle Anschuldigung gab es bis dahin nicht. Wegen der Vorwürfe erhielt der Verband erst recht spät die Einreisegenehmigungen. Das ist keine untypische Entwicklung, wie der Weltschachverband FIDE bestätigen kann.

Visa-Fragen erschüttern Kandidatenturnier

Wirtschaftsspionage, ein mutmaßlicher Regierungs-Mord und ein Krieg gefährdeten das Kandidatenturnier in Toronto. 2018 hatte Kanada die Finanzchefin des chinesischen Huawei-Konzerns auf Ersuchen der US-Justiz wegen des Umgehens von Sanktionen gegen den Iran festgesetzt. Im Gegenzug hatten die Chinesen zwei Kanadier der Spionage bezichtigt und festgenommen. Drei Jahre später war es zu einer Art diplomatischem Austausch von Gefangenen gekommen. Gegenseitige Hindernisse bei der Einreise blieben. Im Juni 2023 war ein kanadischer Staatsbürger und Aktivist, der einen unabhängigen Sikh-Staat errichten wollte auf dem Parkplatz eines Tempels in Kanada erschossen worden. Die indischen Behörden warfen dem Sikh Terrorismus und Verschwörung vor. Die kanadische Regierung von Premierminister Justin Trudeau beschuldigte die indische Regierung der Beteiligung an dem Mord. 2022 hatte Russland die Ukraine angegriffen. Kanada hatte der Ukraine seine Solidarität zugesichert und seine Visums-Politik gegenüber Ukrainern erleichtert und gegenüber Russen verschärft.

Diplomatisch war die Gemengelage vor dem Kandidatenturnier also in höchstem Maße angespannt. Anfang März, einen Monat vor dem geplanten Start des Turniers, appellierte der Weltschachbund an die kanadische Regierung für Spieler und Begleitpersonen dreier Länder die notwendigen Visa zu erteilen, sonst könnte die Veranstaltung nicht stattfinden. Es ging um etwa 40 Personen ohne Einreisegenehmigung. Eine Woche später gab es dann Entwarnung: die Spielerinnen und Spieler sowie die wichtigsten Begleitpersonen hatten ihre Einreisepapiere erhalten.

Im Hintergrund hatte der Präsident des kanadischen Schachverbandes, Vlad Drkulec, gewirkt und mit etwa einem Dutzend Abgeordneten gesprochen, um Druck auf die Regierung auszuüben. Letztlich waren seine Bemühungen erfolgreich. Aber: Der ehemalige russische Vize-Premierminister und damals aktuelle Präsident der FIDE, Arkadij Dvorkovic, kam nie in Toronto vorbei. Er soll keinen Antrag auf Erteilen einer Einreiseerlaubnis gestellt haben, vermutlich war das ein diplomatischer Preis im Hintergrund der Veranstaltung.

Letztlich fand das Turnier der Kandidatinnen und Kandidaten in Toronto doch im geplanten Zeitablauf statt und die Eröffnungsrede wurde vom fünfmaligen Weltmeister Vishwanathan Anand, der als Kommentator vor Ort war und der FIDE als Vizepräsident diente.

Wer mehr über das Turnier in Toronto und andere Kandidatenturniere wissen will, dem sei die aktuelle Ausgabe (02/2026) des Schach- und Kulturmagazins Karl empfohlen. Der Chefredakteur Harry Schaack erläutert im Editorial was man im Heft findet.

Fotos: Michal Walusza (FIDE Chess).


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