Das allseitige Stöhnen war unüberhörbar. Viele Teilnehmer beim European-Club-Cup in Budva hatten eine beschwerliche Anreise. Ein persönlicher Erfahrungsbericht über einen 16-Stunden-Trip.
Von Thorsten Cmiel
Der Anreisetag zum European-Club-Cup 2026 ins montegrinische Budva startet früh um 4.40 Uhr, so früh, dass ich mir ein Taxi nehmen muss, statt die nahe U-Bahn-Linie M4 nutzen zu können. Der Vorteil der frühen Stunde ist, dass ich den Verkehr in Milano nicht mitbekomme, denn noch sind die Straßen autoleer und der Italiener schläft noch. Die Gepäckaufgabe am Flughafen Linate ist schnell erledigt und mein Flieger geht in 40 Minuten. Zunächst geht es nach Wien und nach einem Aufenthalt dort soll ich um 12.15 Uhr in Dubrovnik ankommen. Die Organisatoren vor Ort haben am Tag zuvor lange Listen mit Namen rumgeschickt und sind für den Transport nach Budva verantwortlich. Ich bin skeptisch und erwarte Chaos bei der Anreise vom Flughafen zum Hotel. Es wird viel schlimmer, fängt früher an und endet später als erwartet.
Ausfall der Systeme
Das Chaos trifft mich dann bereits in Italien. Nach dem pünktlichen Boarding geht es im Bus zum Flugzeug von Austrian, einer Lufthansa-Airline. Dort offenbart uns der Flugkapitän, dass in ganz Norditalien das Flug-Kontroll-System ausgefallen sei. Wir dürfen mit einer Verzögerung von etwa drei Stunden rechnen. Es geht zurück zum Flughafen-Terminal. Damit klappt mein Anschlussflug nach Dubrovnik, zweieinhalb Stunden später, vermutlich nicht – im Zweifel schafft es mindestens mein Gepäck nicht umgeladen zu werden. Ohne Gepäck in Montenegro ankommen wäre fast noch schlimmer, immerhin meinen Laptop und Medikamente habe ich im Handgepäck dabei. Auf meiner letzten Reise ins Baltikum war ich bei einer 7-Tage-Reise von Riga nach Vilnius, zurück nach Riga und dann nach Tallin, vier Tage ohne Koffer geblieben, da das Nachsenden nicht klappte.
Kein Verlass auf Künstliche Intelligenz
Ich lerne per KI-Anfrage bei Google: „Ein Zusammenbruch oder Ausfall der externen Flugsicherung bzw. des Flugkontrollsystems fällt unter die sogenannten „außergewöhnlichen Umstände“ im Sinne der EU-Fluggastrechteverordnung. Da dieser Fehler außerhalb des Kontrollbereichs der Airline liegt und von ihr nicht verhindert werden kann, entfällt die Pflicht zur pauschalen Ausgleichszahlung (von 250 bis 600 Euro).“ Als Quelle wird die Bundesregierung zitiert. Klingt logisch.
„Ihr Zubringerflug OS 530 von Mailand-Linate (LIN) nach Wien (VIE) befindet sich aktuell in der Luft, ist jedoch massiv verspätet.“ So formuliert die Künstliche Intelligenz und prognostiziert eine Verspätung von 2 Stunden und 45 Minuten für einen Flug, der etwas mehr als eine Stunde dauert. Ich starte aus purer Langeweile eine Diskussion mit Google im KI-Modus und gewinne das Duell überzeugend. Der folgende Dialog dreht sich um eine reine Logik-Frage.
Mach dich mal locker. Ein Flug, der etwas mehr als eine Stunde dauert kann nicht um 7.48 Uhr schon unterwegs sein und sich dann fast drei Stunden verspäten. Also was ist richtig? Bist du sicher, dass deine Logik funktioniert? (TC)
Google KI (Gemini): Sie haben absolut recht – da hat sich die Logik der automatischen Datenberechnung komplett verheddert. Ein reiner Flug von etwas über einer Stunde kann bei pünktlichem Abflug um 07:00 Uhr nicht erst um 11:10 Uhr landen. Der Grund für diesen Widerspruch im System: Die Flugsicherungsdaten melden das Flugzeug offiziell als „In der Luft“ (pünktlich um 07:00 Uhr das Gate verlassen), gleichzeitig hat das System aber eine voraussichtliche Ankunftszeit von 11:10 Uhr hinterlegt.

Das „System“ weist dann zurecht darauf hin, dass ich meinen Anschlussflug verpasse, ich hoffe nicht zu triumphierend. Das hätte ich allerdings auch ohne die Künstliche Intelligenz herausgefunden. Die Frage ist nun wann ich umbuchen kann und welchen Flug ich nehmen kann. Für heute habe ich jedenfalls genug von dieser Unterhaltung und schalte wieder auf den analogen Modus um.
Dann gibt es Hoffnung mit einer Verspätung von etwas mehr als einer Stunde wird erneut und überraschend das Boarding ausgerufen. Im Flugzeug gibt es dann die Ankündigung einer weiteren Verspätung. Es scheint bei mir knapp für meinen Anschlussflug zu reichen, da ich drei Stunden zwischen den Flügen habe. So viel potentielles Glück hat eine andere Frau offenbar nicht, die ein engeres Zeitgerüst hat, sie will aus der Maschine plötzlich wieder raus. Zum Glück überzeugt das Flugpersonal sie könne hoffen es doch noch zu schaffen in Wien. Puh, diese zusätzliche Verzögerung bleibt uns erspart, denn wenn Fluggäste aussteigen, dann muss deren Gepäck auch ausgeladen werden.
Wiener Aufenthalt
Ich müsse nach der Ankunft so schnell wie möglich zum Gate F30 gehen für meinen Flug nach Dubrovnik. „Das sollte sich ausgehen“, wie der Österreicher sagt. Leider war mir wegen der kurzen Umsteigezeit nicht so klar, ob mein Gepäck es auch schaffen würde. Es gab also für mich eine Art Wundertüte bei der Ankunft in Montenegro. Dann kam heraus, dass der Flug nach Dubrovnik sich ebenfalls verspäten würde. Zunächst ging ich von wenigen Minuten aus. Die Maschine sei in Zürich noch gar nicht losgeflogen hieß es plötzlich. Letztlich hatten wir über drei Stunden Verspätung. Immerhin mein Gepäck würde jetzt sicher mitfliegen. In der Zwischenzeit gab es Nachrichten von meinen Team-Kollegen, die mir von zwei Grenzkontrollen auf der Strecke von Dubrovnik nach Budva berichteten. Zum Glück bekam ich die Bestätigung, dass der Personalausweis reichen sollte.
Von Dubrovnik nach Budva
Der Turnierort Budva liegt in Montenegro, einem kleinen südeuropäischem Balkanstaat an der Adriaküste, der sich anschickt der Europäischen Union beizutreten. Bis dahin muss sich allerdings noch einiges ändern, angefangen vom Grenzregime mit dem EU-Staat Kroatien, das wegen Spannungen zwischen den beiden Staaten aus ihrer gemeinsamen jugoslawischen Vergangenheit immer noch stark belastet ist.


In Dubrovnik wurden wir erwartet und stiegen mit etwa zwanzig Schachspielern in den Shuttlebus. Kurz vor 17 Uhr ging es los und ich dachte mir etwas mehr als 90 Kilometer sollten, wie von Google prognostiziert, in etwa zwei Stunden absolviert werden können. Das war natürlich ein frommer Wunsch von einem Ungläubigen. Es folgten zunächst zwei Grenzkontrollen bei denen nur die Ausweispapiere geprüft wurden. Nach etwa dreieinhalb Stunden inklusive kurzer Fährfahrt war das letzte Stück meiner heutigen Tour beendet. Vor Ort erhielt man dann die üblichen Bändchen der Massentouristik umgelegt und musste ein Identitätsdokument an der Rezeption abgeben. Auf meinem Schlüssel stand das Gebäude verzeichnet und ich machte mich mit einem Lageplan bewaffnet dahin auf.


Leider waren die Organisatoren offenbar nicht in der Lage gewesen statt ein C ein G aufzudrucken und ich musste wieder zurück zur Rezeption, da es im C-Block gar kein Zimmer mit meiner Nummer gab. Als Folge verpasste ich die Chance auf einen ersten Besuch im Restaurant der Hotelanlage. Um 21.30 Uhr traf ich dann völlig erschöpft andere Spieler aus meinem Team in einer „Village-Bar“, dort ging dann das Bier aus und wir zogen in eine Pool-Bar, die um 23 Uhr das Licht ausmachte. Unser Kapitän kam dann sogar gegen Mitternacht an. Ich hörte von vielen anderen Spielern ähnliche Anreise-Strapazen wie ich diese an diesem Tag erlebt hatte.
Wie es im Turnier weitergeht
Am Abend stand zunächst ein technisches Meeting der Mannschaftskapitäne im Foyer des Hotels an. Am nächsten Tag folgt irgendwann die Auslosung. Wir, ich spiele in einem belgischen Team aus Lüttich (TAL), stehen in der ersten Runde vor einer hohen französischen Hürde. Da wir laut Setzliste etwas unterhalb der Mitte angesiedelt sind, steht in der ersten Runde also ein echte Brocken an und ein Fischer-Resultat wäre ärgerlich, aber keine Katastrophe. Jeder halbe Punkt für uns ist ein sehr gutes Ergebnis und ein voller Punkt dürfte den jeweiligen Gegner bereits in eine Krise stürzen. Ich setze in der ersten Runde aus, schaue als Captain live zu und kommentiere später den Wettkampf von der Seitenlinie.



Mir bleibt mangels Vorbereitung auf die Erstrundenpartie etwas mehr Zeit als üblich, um mich mit den Regeln des Team-Events vertraut zu machen. Eine absurde Regelung ist beispielsweise, dass man sich für das Superfinale im nächsten Frühjahr durch Anmelden einiger starker Spieler qualifiziert. Die ersten vier Teams der Ausgabe 2026 qualifizieren sich für die European Chess Super League und das nach Setzliste beste weitere Team. Anders formuliert das Favoriten-Team ist faktisch bereits qualifiziert. Man stelle sich mal vor, dass im Fußball in der Champions-League Paris, Barcelona, Real Madrid und Bayern München zwar die Qualifikation mitspielen, aber einen Platz für die K.o.-Runde garantiert bekommen. Für das Erfinden solch einer Regelung muss man vermutlich hoher Schachfunktionär sein. Hoffentlich ist zumindest die Organisation des Events und unser Spiel besser als meine Anreise und diese Regel aus der Hölle.
Fotos: Privat und European Chess Union (gekennzeichnet).