Foto: Lennart Ootes (Tata Steel Chess)
Heute stand die Begegnung der zwei Kandidaten Anish Giri und Javokhir Sindarov im Mittelpunkt des Interesses. Beide Kandidaten zeigten Schwächen in Präzision und im Rechenteil des Bauernendspiels. Praggnanandhaa verlor gegen Nodirbek Abdusattorov ein Turmendspiel, das er als potentieller Weltmeister nicht verlieren darf. Vincent Keymer verlor wegen einer taktischen Unaufmerksamkeit Partie und Führung.
Von Thorsten Cmiel
Das Masters in Wijk aan Zee hat eine lange Tradition mit herausragenden Partien, aber auch manche überraschende Kurzpartie war dabei. Der erste Spieltag 2026 war insofern mit dem Sieg von Niemann in 16 Zügen keineswegs ein historisches Ereignis. 32 Jahre zuvor verlor Ex-Weltmeister Anatoly Karpov eine legendäre Kurzpartie bei der er eine Figur nach einem einfachen Doppelangriff verlor. Darauf verweist ein X-Eintrag von Douglas Griffin. Das Turnier 1993 fand in einem K.o.-Modus statt und Karpov gewann seinen Wettkampf später noch und war ebenfalls im Turnier siegreich.
On this day in 1993 at Wijk aan Zee – Larry Christiansen defeats Anatoly Karpov in 12 moves after the latter blunders a piece to a double attack – a unique event in the ex-World Champion's career.
Christiansen is pictured in the bar later.
(📷: https://t.co/djJ1PufDtO.) #chess pic.twitter.com/1ZGrogDoUp— Douglas Griffin (@dgriffinchess) January 18, 2026
Wijk 2026 in Zahlen
In der Schachwelt stellen manche Statistiker historische Vergleiche an. Daher soll hier erwähnt werden, dass die Ausgabe 2026 mit einem Elo-Durchschnitt von 2726 der Kategorie 20 entspricht. Die Ausgabe 2025 hatte eine identische durchschnittliche Rating aufgewiesen. Die Turnier-Kategorie 20 war in den 2020er-Jahre die angestrebte Größenordnung. Anders als Turniere im Sinquefield-Cup oder bei Norway-Chess sind Kategorie-Rekorde mit 14 Teilnehmern kaum zu erreichen und auch nicht notwendig.
Aus den unterschiedlichen Elozahlen der Teilnehmer – von Vincent Keymer (2776) bis hin zu Thai Dai Van Nguyen (2656) – ergeben sich spezifische Erwartungswerte für die Ergebnisse. So müssen die ersten sechs Spieler im Feld ein Ergebnis von Plus Zwei (7.5 Punkte aus 13) vorweisen, um keine Ratingpunkte zu verlieren. Nguyen am anderen Ende des Spektrums benötigt „lediglich“ ein Ergebnis von Minus Zwei (5.5 Punkte), um sogar etwas Rating hinzuzugewinnen.
Die Bedenkzeit 2026 wurde angepasst an das diesjährige Kandidatenturnier (Open) auf Zypern. Es wird mit einer Startbedenkzeit von 120 Minuten für die ersten vierzig Züge gespielt. Danach erhalten die Spieler einen erneuten Zeitzuschlag von 30 Minuten für den Rest der Partie inklusive 30 Sekunden je Zug ab dem 41. Zug. Im letzten Jahr sah die Zeiteinteilung noch eine sehr lange Bedenkzeitregelung (100+50+15 bei 30 Sekunden pro Zug vom ersten Zug an) vor.
Wie es lief in Runde 2 im Masters
Diesmal gab es zwei entschiedene Partien. Erneut hätten es aber vier Entscheidungen sein müssen: Sowohl der Usbeke Javokhir Sindarov als auch Anish Giri dürften mit ihrer Frühform nicht vollkommen zufrieden sein. Mit Praggnanandhaa leistete sich der Titelverteidiger aus dem Vorjahr und einer der als Mitfavorit gehandelten Spieler beim Kandidatenturnier, einen Fehlstart. Wie der 20-jährige Inder seine Partie in einem technischen Endspiel verlor dürfte in Chennai die Alarmglocken läuten lassen. Diese Partie schauen wir uns wegen ihrer grundsätzlichen Bedeutung in den nächsten Tagen gesondert an. Die zweite entschiedene Partie dürfte insbesondere die deutschen Fans enttäuschen: Der deutsche Starspieler Vincent Keymer verlor nach einer nicht allzu schwierigen, aber dennoch schönen taktischen Finesse diesmal deutlich.
Giri mit Ungenauigkeiten
Anish Giri zeigte am zweiten Tag hintereinander eine scheinbar schluderige Leistung. Sein Gegner allerdings war nicht in der Lage die Fehler seines Gegners auszunutzen. Es begann mit einem Rechenfehler beider Spieler. Aber der zweite Höhepunkt war ein von Giri schlecht gespieltes Bauernendspiel. Erneut bestrafte sein usbekischer Gegner das nicht.
In der Partie der beiden Kandidaten hatte Anish Giri einen taktischen Fehler in seine Kalkulation eingebaut und zuvor den zentralen Bauern auf d4 verloren. Sindarov ging ihm letztlich auf den Leim und bemerkte seinen Fehler sofort. Wie sollte er in der Diagrammstellung fortsetzen?
Sindarov fails to punish Giri's blunder — both players see the funny side! https://t.co/Ee7cHoKLW5 pic.twitter.com/C9EU8GhjkS
— chess24 (@chess24com) January 18, 2026
In diesem Bauernendspiel ist Anish Giri mit Weiß am Zuge. Schwarz wird in der Konstellation einen gedeckten Freibauern bilden können. Die Frage ist wie man die Stellung mit Weiß trotzdem Remis halten kann.
Der Moment der Wahrheit. Sindarov war am Zuge und sollte was spielen? Er tat es nicht und zog sehr schnell, um sich in der Nachbetrachtung dann vermutlich zu ärgern.

Das Comeback von Vladimir Fedoseev
Die Niederlage vom Vortag provozierte einige grundsätzliche Fragen. Das erläuterte Fedoseev im Interview nach der Partie und kommentierte ausführlich seinen Sieg gegen Vincent Keymer. Der entscheidende Moment war in der folgende Stellung gekommen. Dabei schockte mich mehr eine Entscheidung von Vincent Keymer kurz zuvor. Schach mag im Zeitalter der Engines noch mehr ein konkretes Spiel sein, aber das ist insbesondere bei Vincents bevorzugten Positionsspiel-Stil diesmal kein Argument.
In dieser Stellung fand Vladimir Fedoseev einen sehr starken Zug, wobei die scheinbar einfachen Folgen komplexer sind als man mit einem schnellen Blick feststellen kann.


Pragg mit Fehlstart
Ein Spieler muss bei Rundenturnieren mit zwei Schwarzpartien beginnen. Diesmal traf es den Inder mit der Startnummer acht, also einen über dem Durst sozusagen. Dennoch ist es eher selten, dass Spieler mit einer Doppelnull beginnen. In einem der Vorjahre gewann Gukesh mit der gleichen Startnummer sogar seine beiden Auftaktpartien. Am ersten Tag war Pragg seinem Kumpel in die Variante gelaufen und diesmal scheiterte er im Endspiel. Das Endspiel mit vier gegen drei Bauern und einem wenig entfernten Freibauern ist ein theoretisches Remis, aber die Sache ist in der Praxis nie einfach. Wir betrachten diese Partie und die entscheidende Spielphase gesondert, weil es vermutlich einiges zu lernen gibt.


Spannende Remis-Partien
Die Partie zwischen dem 14jährigen Türken Yağız Kaan Erdoğmuş und dem Inder Aravindh Chithambaram hatte einige taktische Momente, welche die Spieler nach der Partie im gemeinsamen Interview mit Fiona Steil-Antoni beleuchteten.
Partien ohne Swing
Nach etwas mehr als anderthalb Stunden war die zweite Partie des Kandidaten Matthias Blübaum gegen Hans Niemann vorbei. Erneut ohne Makel, aber auch nicht sonderlich ereignisreich.


Paarungen der Kandidaten
| Anish Giri | Praggnanandhaa | Sindarov | Bluebaum | |
| Anish Giri | X | Runde 5 | 0.5 – 0.5 | Runde 10 |
| Praggnanandhaa | Runde 5 | X | Runde 12 | Runde 7 |
| Sindarov | 0.5 – 0-5 | Runde 12 | X | Runde 4 |
| Bluebaum | Runde 10 | Runde 7 | Runde 4 | X |
Ergebnisse Masters 2026

Ergebnisse Challengers 2026

Was im Challenger geschieht
Am zweiten Tag verloren die drei niederländischen Spieler sämtliche Partien und weisen im Challenger-Turnier einen Score von Null aus Sechs auf. Auch im Masters läuft es noch nicht für die heimischen Spieler. Es gibt natürlich auch erfreuliche Meldungen je nach Perspektive: Lu Miaoyi gewann ihre Schwarzpartie gegen den Inder Panesar Vedant und führt das Turnier mit Zwei aus Zwei an. Die Kandidatin Bibisara Assaubaeva benötigte mit Schwarz etwas Glück, um diesmal die Punkte zu teilen.

Ergebnisse Chess-Results.
Fotos: Darius Gorzinski, Lennart Ootes (Tata Steel Chess), Jurriaan Hoefsmit (Tata Steel Chess).