Foto: Lennart Ootes (Tata Steel Chess)
Nach dem Ruhetag ist selbige schnell vorbei. Für die größte Bestürzung sorgte der grobe Fehler von Gukesh gegen Nodirbek Abdusattorov, der inzwischen die Führung übernommen hat. In überzeugender Manier gewann Vincent Keymer gegen Hans Niemann und bleibt vorne dran. Seinen ersten vollen Punkt sicherte sich der 14-jährige Türke Yağız Kaan Erdoğmuş.
Von Thorsten Cmiel
Die recht groben Fehler im Masters bleiben den Zuschauern erhalten. Es scheint jeden Spieler mal zu treffen. Diesmal war der indische Weltmeister Gukesh dran – ausgerechnet erneut gegen seinen Angstgegner Nodirbek Abdusattorov. Die beiden hatten 2022 in Chennai die entscheidende Partie um die Goldmedaille gespielt und Gukesh hatte eine vorteilhafte Stellung verspielt und am Ende sogar noch verloren. Vincent Keymer zeigte erneut eine hervorragende Leistung und Hans Niemann zeigte diesmal ernsthafte positionelle Schwächen. Er war zumindest an diesem Tag nicht in der Lage das Manövrierspiel des Deutschen mitzuhalten.
Vincent der Dominator
Hans lehnte im frühen Mittelspiel eine Art stilles Remis-Angebot von Vincent ab. Warum eigentlich? Berechtigte Frage, denn Hans war dem Deutschen positionell hoffnungslos unterlegen.

Hier rückte Hans Niemann mit Weiß seines d-Bauern ein Feld vor. Was ist davon zu halten?
Hier attackierte Hans mit seinem f-Bauern, den er zwei Felder vorrückte. Was ist davon zu halten?
In diesem Moment fand der deutsche Großmeister mit Schwarz ein sehr gutes Manöver. Vorschläge?

Weltmeisterliche Schachblindheit
Es ist weitgehend unergründet warum grobe Fehler und Aussetzer wie derjenige von Gukesh in der sechsten Runde passieren. Manchmal ist man schon einen Zug weiter und vergisst den davor auszuführen. Oder man hat eine Art Knoten in einfachsten Berechnungen. Es gibt einfach keine Erklärungen für solche Situationen, die offensichtlich nicht nur sterbliche Schachspieler, sondern auch Top-Spieler gelegentlich ereilen. Darf nicht passieren ist leichter gesagt als in der Praxis umgesetzt. Da können Coaches dutzendmal Blunder-Checks der Spieler anmahnen.
In dieser Stellung zog der indische Weltmeister Gukesh seinen Turm von g6 nach g5 und gab nach dem offensichtlichen nächsten Zug seines Gegners auf. Schachblindheit kommt immer wieder vor und jeder Turnierspieler kennt solche Momente aus eigener Erfahrung. Brutal. Nodirbek zeigte später im offiziellen Interview mit Fiona Stein-Antoni Mitgefühl mit seinem Gegner.
🚨The World Champion blunders and resigns instantly! This brings Nodirbek Abdusattorov to 4,5/6 with a chance to take sole lead in the #TataSteelMasters! 😱
Tune in live 👉 https://t.co/ZYpYZGpket#TataSteelChess pic.twitter.com/MGGxcL3Lkm
— Tata Steel Chess Tournament (@tatasteelchess) January 23, 2026


Yağız Kaan Erdoğmuş punktet voll
Am Spieltag zuvor hatte der junge Türke noch nach hartem Kampf hinter sich greifen müssen. Diesmal lief es anders und der Junge aus der Millionenstadt Bursa, der bisher in Wijk eine solide Vorstellung auf der großen Bühne gibt.
Hier war Yagis Kaan mit weiß am Zuge und fand einen überzeugenden Zug, der ihm die Initiative sicherte. Was hat er gespielt?
Sollte Schwarz hier auf a3 den Bauern schlagen? Was könnte der Nachteil sein?

Weiß ist am Zuge. Welcher Zug ist ihm zu empfehlen?
Remis-Partien
Erneut gab es vier Unentschieden, die aber völlig unterschiedliche Spannungsverläufe aufwiesen. Lange Zeit sah es so aus als würden an diesem Spieltag die beiden Kandidaten Sindarov und Blübaum ihre Partien gewinnen können. Die beiden anderen Kandidaten vom Tabellenende, der Niederländer Giri und der Inder Praggnanandhaa, hatten keine Chancen in dieser sechsten Runde und spielten ebenfalls Remis. Pragg spielte eine Seeschlange mit 123 Zügen. Er verteidigte ein Turmendspiel mit einem Bauern weniger ohne größere Probleme gegen Vladimir Fedoseev. Das Freizeitangebot in Wijk und zudem während eines Schachturniers ist ohnehin nicht groß und erinnert an ein legendäres Interview bei dem der indische Großmeister Adibhan auf die Frage antwortete, ob er alle Verwicklungen in seiner komplexen Partie berechnet habe. Adhiban entlarvend ehrlich: „Ich hatte nichts anderes zu tun.“
Matthias mit vielen Chancen
Manche Kommentatoren bezeichnen den Inder Arjun Erigaisi als verrückt angesichts seiner vergleichsweise großen Risiken, die er in der Eröffnung bereits eingeht. So war es auch in dieser Partie. Dabei sollte man beachten, dass es Erigaisi war, der ausgangs der Eröffnung ganz ordentlich stand. Später wurde es allerdings lange Zeit eine einseitige Paarung. Matthias Blübaum gelang es allerdings nicht seine teilweise ordentlichen Vorteile zu verwerten. Für Matthias und sein Team dürfte das eine wichtige Partie gewesen sein. Gleichzeitig gibt die zweite Partie im Königsinder Anhaltspunkte für die eigene Spielweise auf Zypern.

Wie sollte Matthias mit Schwarz auf den Angriff gegen den eigenen g-Bauern am besten reagieren? Dieser Moment stammt aus einer kurzen Phase in der dem Deutschen die Partie etwas entglitten ist.
Das ist eine typische Stellung für den gefährlichen Spielstil von Arjun Erigaisi. Matthias Blübaum hat genau einen Zug, der nicht verliert, sondern ihm sogar weiterhin Vorteil sichert.
Entstanden ist eine komplexe Stellung. Weiß hat den gegnerischen Damenflügel unter Kontrolle und ist eindeutig vorzuziehen. Aber wie groß ist der Vorteil wirklich? Wie sollte Matthias Blübaum hier mit den weißen Steinen fortsetzen?

Remis mit Spannung pur
Beide Spieler operierten in dieser Partie teilweise am offenen Herzen. Vor allem der usbekische Kandidat konnte mehr erreichen als eine Punkteteilung. Kurz vor der Zeitkontrolle wurde es richtig kompliziert und beide Spieler blickten nicht mehr vollkommen durch.

Zuletzt hatte Sindarov auf den d5 einen Bauern geschlagen. Wie sollte der Inder hier mit Weiß reagieren?
Javokhir Sindarov muss seinen Kontrollzug (40.) ausführen. Was soll er spielen?

Zwei Kandidaten ohne Sieg – bisher
Anish Giri und Pragg spielen nicht einmal mit in diesem Turnier. Das muss nichts bedeuten für das Kandidatenturnier in zwei Monaten, aber das Tanken von Selbstbewusstsein durch ein gutes Abschneiden käme den Spielern und ihren Teams sicher auch gelegen.


Tabellen mit Einzelergebnissen


Tabellen erstellt mit Chessbase.
Ergebnisse bei Chess Results.
Fotos: Lennart Ootes (Tata Steel Chess).