Foto: Michal Walusza (FIDE Chess). Gukesh mit Sponsor, Vater und Trainer.
In Kandidatenturnieren sind die teilnehmenden Schachgroßmeister erfahrungsgemäß besser vorbereitet als in anderen Turnieren. Das war in Toronto 2024 nicht anders. Aber: Welche Trends könnten sich durchsetzen? Ein Gespräch mit dem Sekundanten des indischen Siegers Gukesh, also einem der es wissen könnte. Auszüge aus einem Gespräch.
Von Thorsten Cmiel
In Toronto und später nach der Weltmeisterschaft in Singapur 2024 konnte ich mit dem Großmeister Grzegorz Gajewski über seinen Schützling Gukesh und seine schachlichen Beobachtungen sprechen. Grzegorz wurde 1985 im polnischen Skierniewice geboren. Polnische Namen, wie mein eigener, sind für die meisten schwierig auszusprechen. Gukesh beispielsweise nennt seinen Coach etwas verkürzt „Gaju“. Die beiden Großmeister sind in Toronto bereits einige Zeit zusammen auf Tour. Organisiert wurde dieses Match zunächst von der Westbridge Anand Chess Academy (WACA), einer Art Joint Venture und Elite-Akademie, das von Vishwanathan Anand initiiert wurde. Gajewski war ein früherer Sekundant des legendären Inders und einer von vier Trainern der Akademie. Grzegorz ist ein sehr ruhiger und sehr bedachter Gesprächspartner, der auf Fotos bei Turnieren fast nie zu finden ist. Spricht man mit ihm über Schach, dann taut er sehr schnell auf und vertritt klare Positionen.
In der zweiten Runde des Turniers spielten die zwei jüngsten Teilnehmer im Feld gegeneinander. Praggnanandhaa packte mit Weiß gegen Gukesh einen sehr aggressiven Stil aus und auch in weiteren Partien war dessen Spielstil beeinflusst von Maschinen. Allerdings fand „Pragg“ trotz guter Stellungen später keine Lösungen. Sind also lange ziemlich unübersichtliche Varianten die Avantgarde und wie modernes Spitzenschach sich entwickeln wird? Ich fragte vor Ort und einen Tag nach dem Turnier Grzegorz Gajewski, den Trainer und Coach von Gukesh.
Werden wir in Zukunft Eröffnungen wie von Praggnanandhaa gegen Gukesh in der zweiten Partie häufiger im Spitzenschach sehen?
Ich glaube, dass es genau umgekehrt sein könnte. Und wenn man sich beispielsweise die Partien ansieht, die sehr interessant sind, war diese Eröffnungsvorbereitung in der ersten Hälfte des Turniers sicherlich brillant. Aber sie war ziemlich riskant. Praggnanandhaa konnte uns mit seiner aggressiven Eröffnungswahl überraschen. Gleichzeitig ging er Risiken ein. Man weiß nie, ob eine Entscheidung richtig ist, wenn man sie trifft. In dieser Partie hat es für ihn nicht funktioniert. Und was uns betrifft: Auch wenn Gukesh von dieser Wahl überrascht war, haben wir uns zu keinem Zeitpunkt der Partie unwohl gefühlt, denn es gab so viele Optionen für Schwarz, die ihm eine spielbare Stellung verschafft hätten. Selbst wenn man sich an mehr Varianten erinnert, kostet es so viel Energie, sie alle auswendig zu lernen. Deshalb bevorzuge ich den anderen Ansatz: Für Gukesh ist es völlig in Ordnung, eine Partie ab Zug fünf oder sechs ganz auf sich allein gestellt zu spielen.
Diesen anderen Ansatz konnten die Zuschauer in der zwölften Runde begutachten als Gukesh bereits im vierten Zug seinen Randbauern gegen den Aseri Nijat Abasov vorschob. Das erinnerte an die zweite Partie von Ding Liren in seinem WM-Kampf.
4.h3 war ein sehr interessanter Zug. Ich glaube an der Eröffnung selbst war nichts auszusetzen. Vielleicht war sie ein bisschen zu scharf. Sie [RR: Das Team von Ding Liren] wollten zu Beginn des Wettkampfes vermutlich ihren Ansatz für das Match verschleiern. Allerdings weiß man als Außenstehender nie was im Team so vor sich geht und bekommt nur die Züge zu sehen. Wir wissen also nicht wirklich, was hinter konkreten Zügen steckt. Wir wissen nicht, wie viel Arbeit dort geleistet wurde. Wir bekommen also nicht die ganze Geschichte mit. Im Allgemeinen mag ich diese kleinen Züge. Aber gleichzeitig muss man bedenken: Wenn es nicht klappt, darf man nicht zu ehrgeizig werden. Es ist nichts Falsches daran ab und zu ein Remis zu spielen. So ist es im modernen Schach.
Ding Liren hatte in der zweiten Partie im WM-Kampf 2023 zuletzt den Zug 4.h3 gezogen. Anish Giri kommentierte in seiner Analyse für Chessbase: „Rapport-Einfluss! Ding wartet mit einer frühen Überraschung auf, die mehr im Stil von Richard Rapport als von ihm selbst ist. Der wichtigste und möglicherweise einzige Punkt des Zuges ist es, den Gegner aus dem Buch zu bringen.“

In der zwölften Runde in Toronto überraschte Gukesh mit Schwarz seinen Gegner Nijat Abasov (Aserbaidschan) in der klassischen Variante der Nimzoindischen Verteidigung mit dem unscheinbaren Randbauernzug 4…h6. Die Partie wurde später nicht dadurch entschieden, aber der Inder hatte seinen Gegner aus der Eröffnung heraus vor neue Probleme gestellt. Mich erinnerte diese Situation an die Partie aus Astana, weshalb ich bei Grzegorz nachfragte.

Die älteren Spieler in Toronto schienen mit Weiß auf Gewinn zu spielen und mit Schwarz war Remis das angestrebte Ziel. War das eine aussterbende Profi-Strategie der älteren Generation?
Ich denke, es fällt den jüngeren Spielern einfach leichter, sich an die neue Realität anzupassen. Und die neue Realität ist, dass Weiß nicht mehr so weiß ist wie früher und Schwarz nicht mehr so schwarz wie früher. Es ist also viel schwieriger, mit Weiß gleich von der Eröffnung an irgendeine Art von Initiative zu erlangen. Gleichzeitig spürt man den psychologischen Druck, wegen dieser weißen Farbe auf einen Sieg zu drängen. Manchmal hilft es die weißen Steine zu führen, aber manchmal kann das auch das Gegenteil bewirken, weil man aus der Eröffnung nichts herausholt, aber weiter Versuche unternimmt auf Vorteil zu spielen. Dasselbe gilt für Schwarz: Mit Schwarz ist es viel einfacher auszugleichen. Das bedeutet aber auch, dass man sich nicht einfach mit dem Remis zufrieden geben sollte. Man sollte Chancen nutzen, wann immer es möglich ist. Ich denke für die Spieler der älteren Generationen ist es schwieriger, sich daran anzupassen. Für die jüngeren Spieler hingegen ist das etwas ganz Natürliches.
Neuer Trend oder doch nicht?
Über die Partie zwischen Praggnanandhaa und Gukesh aus der zweiten Runde in Toronto hatten wir in unserem Gespräch ausführlich gesprochen. Pragg opfert zunächst drei Bauern und Gukesh gerät unter Druck. Dann weicht Gukesh von der besten Spielweise ab und beide Akteure operieren in der Folge am offenen Herzen und ohne Blaupause. Die folgende Spielphase ist eine der intensivsten Begegnungen im gesamten Kandidatenturnier 2024.

Praggnanandhaa, Pragg, hat in der Eröffnung einen Bauern geopfert. Dafür verfügt er über die bessere Zentrumskontrolle mit seinen mobilen Zentralbauern. Das ist eine typische Kompensation im modernen Schach und dürfte auch für erfahrene Turnierspieler eine nachvollziehbare Herangehensweise in der Eröffnungsphase sein.
Kurze Zeit später war hier Pragg, der ältere der beiden Inder (Jahrgang 2005), erneut am Zuge. In dieser Stellung blitzte er erneut seinen nächsten Zug auf das Brett: Statt auf d5 zurückzuschlagen zog er seinen e-Bauern vorbei und opferte damit einen zweiten Bauern in dieser Partie.
Hier opferte Pragg mit dem weiteren Vorziehen des e-Bauern seinen dritten Bauern in dieser Partie. Die Annahme des Bauern ist laut Instanz sehr gut spielbar und die richtige Reaktion. Nach der Partie fand man hierzu eine ältere (aus 2011) Korrespondenzpartie, per e-Mail gespielt, die laut modernen Engine-Analysen allerdings nicht völlig fehlerfrei verlief. Diese Partie dürfte Pragg, anders als sein Gegner, gekannt haben. Jetzt passierte das Typische in solch einer Situation: Gukesh verschmähte diesen dritten Bauern und zog seinen f-Bauern zwei Felder vor, nur der drittbeste Zug in Maschinenbewertung. Ab hier war auch Pragg aus seiner Vorbereitung und es entwickelte sich ein faszinierender Kampf Mann gegen Mann mit vielen weiteren bemerkenswerten Momenten.

Hier fand Gukesh mit Schwarz zunächst einen hervorragenden Verteidigungszug.
Hier hatte Pragg mit Weiß eine bemerkenswerte Chance das Spiel etwa ausgeglichen zu gestalten. Dazu muss man vermutlich etwa vier Kandidaten untersuchen und die Folgen mancher der betrachteten Züge genauer kalkulieren und zudem eine Einschätzung der Stellungsbewertung vornehmen. Die Lösung besteht im Figurenopfer auf d5. Nach Einschätzung des Rechenknechtes führen beide Figurenopfer (mit Turm oder Springer) auf d5 zu gleichem Spiel. Die entstehenden Entwicklungen sind komplex und man verliert schnell den Überblick. Viel Spaß dabei.
Der entscheidende Moment in dieser Partie. Erneut muss Pragg gefühlt die schwierigeren Aufgaben lösen. Wie sollte er hier mit Weiß agieren, um die Chancen auszugleichen? Die Lösung finden Neugierige in der folgenden Partieanalyse. Pragg fand nur den zweitbesten Zug und verlor die Partie nach nur wenigen weiteren Zügen.


Sundararajan Kidambi
Diese Analyse war für ein anderes Projekt geplant und ist von Sundararajan Kidambi (geboren 1982), ebenfalls aus Chennai. Einige seiner Ansichten sind als Blogbeiträge hier zu finden. Sundararajan ist ein indischer Schachgroßmeister, Trainer und profilierter Kenner der Schachgeschichte und historischer Partien, der Klassiker im Schach. Seine Einsichten sind für die eigene Entwicklung wertvoller als Engine-Varianten, die jeder mit Tastendrücken in Sekundenschnelle „erarbeiten“ kann. (Foto. privat)


Fotos: Maria Emelianova (Chess.com, FIDE Chess), Michal Walusza (FIDE Chess), Anna Shtourman (FIDE Chess), Astana.

Service-Hinweis
Die Partien können heruntergeladen werden. Durch Doppelklicken auf den hier links rot markierten Button erhält man die einzelnen PGN-Dateien zur tiefere Betrachtungen mit dem Tool oder Programm der eigenen Wahl.
Hinweis in eigener Sache
Ich halte nichts vom Online-Nachspielen von kommentierten Partien via Mobilgerät, wie es vielerorts inzwischen propagiert und als Standard bezeichnet wird. Das oberflächliche Konsumieren von Schachpartien ist unter Lerngesichtspunkten meist reine Zeitverschwendung. Daher werden die Partien und dieser Webauftritt nicht für den Konsum mit dem Mobilgerät optimiert. Für das Analysieren von Schachpartien sollten Schachliebhaber sich ausreichend Zeit gönnen. Es lohnt sich. (TC)