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Gottfried Schumacher dominiert Bad Neuenahr

Die Chess-Classics in Bad Neuenahr sahen zwei klare Sieger. Zum einen gewann der Lokalmatador Gottfried Schumacher die Nestorenklasse und zum anderen siegte Thorsten Cmiel bei den Jungsenioren ebenfalls mit einem Vorsprung. In der mittleren Altersklasse kam es zu einer Entscheidung nach Wertung, die Stephan Buchal aus Bremen vorne sah.

Von Thorsten Cmiel

Tippi Toppi. Ich lernte dieses kooperative Kartenspiel zwei Tage vor Schluss des Turniers kennen und fand zwei Norddeutsche – ich komme selbst ursprünglich aus Kiel -, die mir das Spiel beibrachten und mich mitmachen ließen. Man versucht dabei gemeinsam Aufgaben zu lösen und darf in Grenzen untereinander Informationen austauschen. Das hat überraschend viel Spaß gemacht, ich hielt mich nämlich für den typischen Wettkampf-Typ, der wettbewerbliche Spiele bevorzugt. Tippi Toppi war jedenfalls eine nette Abwechslung von dem Geschehen auf dem Schachbrett und auch gemeinsam kann man sich über das Erreichen von Spiel-Zielen freuen.

Aber im Mittelpunkt in Bad Neuenahr 2026 stand natürlich das Geschehen auf dem Schachbrett und da passierte Einiges. Vieles davon bleibt leider im Verborgenen, wird aber in Geschichten der Spieler sicherlich weiterleben. Meine Geschichten erzähle ich ich gelegentlich hier. Es gab keine Übertragungen der Partien, daher beschäftigt sich dieser Beitrag vermutlich nicht mit den echten Highlights des Events, sondern mit eigenen Partien und was ich so gesehen beim Kiebitzen. Einige Partie konnte ich für diesen Blogbeitrag nach Ende des Turniers erfassen, um darüber genauer berichten zu können.


Nestorenklasse (75+)

Gottfried Schumacher war knapp am Triple-Triumph dran. Das Blitzturnier über alle Altersklassen gewann der ungenannte Favorit, der sich immer emsig bemüht, Turniere nach Bad Neuenahr zu holen. Beim Schnellschachturnier, ebenfalls in einem gemeinsamen Turnier gespielt, reichte es diesmal nur für den zweiten Platz. So hat Schumacher im nächsten Jahr noch eine Motivation es ebenfalls in Bad Neuenahr besser zu machen. Schumacher gewann die Nestoren-Klasse mit überzeugenden acht Punkten aus neun Partien und einem deutlichen Vorsprung.

Das Glück ist mit den Tüchtigen. Durch zwei schnelle Siege in den Schlussrunden konnte Gottfried Schumacher zwei recht einfache Punkte einfahren. Das schmälert nicht seine Leistung, sondern sagt etwas über den subjektiv empfundenen Gewinndruck aus, dem seine Gegner in den Schlussrunden offenbar nicht standhalten konnten.



Georg Haubt hatte in dieser Schlussrundenpartie mit Weiß ein frühes Remis-Angebot von Gottfried Schumacher abgelehnt und fand sich mit Weiß in dieser Stellung wieder. Es droht offenkundig ein Springerschach auf d3. Was also tun?

Lösung

Georg Haubt hatte jedenfalls einen schlechten Tag und wehrte die Hauptdrohung des Schachgebots mit dem Springer ab, folgte seinem Angriffsplan, übersah jedoch eine Nebendrohung. Weiß kann zum Beispiel kurz rochieren oder seinen Springer nach d4 beordern. Dann bekommt die eigenen Dame wieder Zugang zu mehr Feldern. Stattdessen folgte die lange Rochade und nach dem Springerzug nach e4 ging bereits schweres Material verloren.


Die jüngeren Altersgruppen (50+ und 65+)

In der Altersgruppe der Jungsenioren (50+) gewann Thorsten Cmiel, also der Schreiber dieses Blogs, mit sieben Punkten vor Volker Gassmann (Essen-Katernberg) und Peter Jahn (Husum) mit jeweils sechs Punkten. In der insgesamt größten und am stärksten besetzten Gruppe (65+) sicherte sich Stephan Buchal (Bremen) vor Professor Friedbert Prüfer (Taucha) den Turniersieg mit ebenfalls sieben Zählern. Dritter wurde Gernot Klein aus Aachen.

Quelle Endstand: Förderverein der Senioren.

Bemerkenswertes bei den Senioren 65+

In der siebten Runde hatte ich recht zügig gewonnen und etwas mehr Zeit, um die Begegnungen der mittelalten Gruppe zu beobachten. Der Zufall wollte, dass ich zwei für das Endergebnis wichtige Partien beobachten durfte. Dabei war folgendes Mittelspiel in dem es mehrfach zu einer Art Führungswechsel in der Bewertung kam. Beide Spieler hatten ihre guten Phasen und am Ende wäre vielleicht ein Unentschieden gerecht gewesen. Aber darum geht es im Turnierschach natürlich nicht. Es gewinnt immer der Spieler mit dem vorletzten Fehler.


Hier steht der Schwarze, Rene Duchene, vor seinem 30. Zug. Wie sollte er am besten fortsetzen?


Beide Spieler hatten zunächst nicht optimal fortgesetzt. Erneut ist Schwarz dran, wie man an der Markierung des Diagramms erkennt. Was nun?


Diesmal ist Friedbert Prüfer mit Weiß am Zuge. Sein Gegner hat einen scheinbar mächtigen Angriff. Wie sollte Weiß hier warum weiterspielen?


Weiß kann diese Stellung nicht überleben, oder? Wie sollte Schwarz hier seinen Angriff am besten fortsetzen?


Bis hierhin ist noch Einiges mehr passiert als in den Diagrammen angedeutet. Ich empfehle diese spannende Partiephase komplett durchzuspielen. Es lohnt sich. Hier ist jetzt Schwarz am Zuge und sollte wie fortsetzen? Was ist von dem Zug 58….f5 zu halten? Welche Alternativen kommen in Betracht? Alle Lösungshinweise der vorherigen Diagramme finden sich in der ausführlichen Partieanalyse direkt unter diesem Diagramm.



Eigene Partien und Momente

Beginnen wir mit meiner Partie aus der dritten Runde, die letztlich für den Turniersieg in der Gruppe der Jungsenioren mitentscheidend sein würde. Mein Gegner Volker Gassmann aus Essen-Katernberg hatte irgendetwas falsch gemacht in der Eröffnung und es kam zu folgender interessanter Stellung mit viel Material und einer starken Dame-Läufer-Batterie auf der langen Diagonalen.


Zuletzt hatte mein Gegner seine Dame von d8 nach d7 gezogen. Damit reagierte er auf die potentielle Drohung des g-Bauern-Vormarsches. Das war eigentlich in dieser Partie der erste Moment in dem ich etwas nachdenken musste und ich scheiterte. Was sollte Weiß hier am besten warum folgen lassen?


Ich hatte meinem Gegner Remis angeboten, da die Stellung mir wenig Hoffnung für beide Seiten zu bieten schien. In der Tat ist die Partie nach dem 26. Zug von Weiß inzwischen komplett ausgeglichen. Mein Gegner entschied sich für den Damentausch via c8 und lehnte ab. Das entstehende Turmendspiel bietet potentiell Weiß die Chance einen entfernten Freibauern zu schaffen und sollte damit wenig Probleme beinhalten. Tatsächlich war die folgende Partiephase für beide Spieler sehr intensiv. Der maschinelle Juror war lange Zeit zufrieden mit dem weiteren Spielverlauf.


Das ist die Stellung nach dem Kontrollzug und Weiß steht inzwischen keinesfalls schlechter. Sein Turm wird nach dem Schachgebot auf der sechsten Reihe erscheinen und den Bauern f6 verteidigen, den schwarzen Turm von der f-Linie vertreiben und sich dem gegnerischen b-Bauern widmen. Turmendspiele haben jedoch die Tendenz viel auszuhalten und insofern war das Remis eigentlich eine Frage weiterer Tauschaktionen.


15 Züge später hatten wir diese Stellung auf dem Brett und mein maschineller Helfer spricht vermutlich aus Langeweile bereits von einem tödlichen Remis („deadly draw“). Das ist vielleicht so wenn man eine Tablebase, also ein perfektes Spiel zugeschaltet hat. In Wirklichkeit werden in der Praxis viele Turnierpartien erst genau in dieser Phase mit zwei gegen einen Bauern im Turmendspiel entschieden. Das hatte ich vor einiger Zeit für das Chessbase-Magazin in einer umfassenden Datenrecherche herausgefunden. In der Praxis hält sich dennoch die scheinbare Weisheit vieler Trainer, dass Turmendspiele mit 4 gegen 3 Bauern mehr Chancen bieten als mit reduzierter Bauernzahl. Das ist datenbasiert falsch. Während es mit mehr Bauern oft gar nicht möglich ist Gewinnstellungen zu produzieren, kommt es mit weniger Bauern häufiger zu Fehlern und damit entschiedenen Partieausgängen. In dieser Stellung versuchte mein Gegner meinem König den Zugang zum Feld f5 zu verwehren und spielte seinen Turm nach a5. Was ist davon zu halten? Der Clown in mir mischte in dieser Partie später ebenfalls wieder kräftig mit.


Hier benötigte mein Gegner eine Idee, um sich weiter zu verteidigen. Was ist ihr Ratschlag? Den Bauern g5 gegen den f7 zu tauschen ist eine solche Idee, aber wie sollte man das am besten anstellen? Den weißen König zunächst vertreiben?


Clownesques


In dieser Stellung stand ich mit Weiß eindeutig überlegen – in höherem Sinne steht Weiß bereits auf Gewinn. Wie sollte ich hier zudem mit einer überlegenen Zeit-Ausstattung fortsetzen?



Meine schlechteste Entscheidung dieses Turniers. In der Folge entstand die einzige Spielphase im gesamten Turnier in der ich in Bewertungskategorien schlechter stand. Ich hatte in der sechsten Runde bis hierhin etwas riskant agiert und einen Bauern mitgenommen. Zuletzt hatte mein Gegner seine Dame nach d2 gezogen und dadurch seinen Springer c3 entfesselt. Es stand also ein Damenzug an. Welchen Zug sollte ich hier aus zwei Kandidaten (welche eigentlich) auswählen? Ich griff natürlich daneben und fühlte mich nach der sofortigen Antwort meines Gegners schlecht.


Aljechin – eine alte unspielbare Variante

Die folgende Partie aus der achten Runde ist ein Beispiel dafür, welche Bedeutung bei den Senioren das Thema Vorbereiten für Turnierpartien haben kann. Manchmal ist das Wissen Halbwissen und manchmal erinnert man sich nach vielleicht vierzig Jahren noch an die eine oder andere Feinheit. Manches hält sogar im Engine-Zeitalter noch stand.


Diese Stellung kannte ich bereits und war mir sicher, dass man so als Schwarzer nicht spielen kann. Volker Gassmann versuchte es mit Schwarz trotzdem und ich einigte mich schnell auf Remis mit meinem Gegner in der achten Runde, denn neben bereits einem halben Punkt Vorsprung drohte dieser sich fast von alleine auszubauen. Meine Einschätzung war jedenfalls richtig und ich durfte mit einem Punkt Vorsprung in die letzte Runde gehen.

Exkurs: Wertungen

Es gab in der letzten Runde noch eine kleine theoretische Chance, dass Volker und ich bei sieben identischen Gegnern noch eine gleich hohe Buchholz-Wertung aufweisen konnten – vorausgesetzt ich würde eine Niederlage kassieren und er gewinnen. Zudem mussten drei Partien zu meinen Ungunsten ausgehen und nur dann wäre es auf die zweite Wertung angekommen. Ich versuchte diese Zweitwertung zu verstehen und bekam auch von den Organisatoren nur vage Auskünfte und nicht hilfreiche Hinweise auf die FIDE. Das Problem war beispielsweise, dass ich einen meiner zwei relevanten Gegner hatte, der zwischendrin ein Bye genommen hatte. Dann gibt es wohl eine komplizierte Berechnungsformel der Buchholzwertung, die dann für ihn angewandt werden würde. Ich konnte es jedenfalls nicht ausschließen, dass es knapp werden würde. Ich verstehe nicht warum Organisatoren solche absurden Wertungen als Zweitwertungen zum Einsatz bringen, statt eine Wertung zu nutzen, die etwas mit dem Spiel der Akteure zu tun hat und vor der letzten Runde berechenbar oder zumindest eindeutig sind. In Betracht kommen in hier beliebiger Reihenfolge: Direkter Vergleich, Anzahl der Weiß- und Schwarz-Partien, Summenwertung – hierbei werden die Punkte der betroffenen Spieler nach Fortschritt im Turnier zusammenaddiert, Rating-Performance und so weiter. Es gibt sicher noch andere sinnvolle Wertungen, die vor der Buchholzsummenwertung zum Einsatz kommen sollten. Immerhin ich erfuhr, dass es keine Streichergebnisse gibt. Der FIDE ist in ihrem Handbuch übrigens herzlich egal welche Wertung man für das Bestimmen der Reihenfolge in einem Turnier einsetzt und das Auslosungsprogramm ist ohnehin nur ein Rechenknecht. Gefühlt in jedem Turnier wechselt das. Am Tegernsee beim Senioren-Cup gibt es als Erstwertung übrigens den Gegnerschnitt. Hierzu könnte ich eine kuriose Geschichte erzählen, aber das würde vermutlich zu weit führen. Ich löste mein Problem der Unberechenbarkeit mit dem Angebot eines frühen Unentschiedens und machte mich an das Erfassen einiger Partie, die ich in diesem Beitrag veröffentliche.

Bei den anderen Gruppen kam es wegen der höheren Teilnehmerzahlen jedenfalls zu keinen ähnlichen Problemen. Bei den Nestoren enteilte Gottfried Schumacher ohnehin.


Volker ist natürlich unglücklich darüber, dass von ihm zwei Verlustpartien hier veröffentlicht werden. Er hat mir daher versprochen, mir eine gute eigene Partie aus dem Turnier zu schicken, die werde ich natürlich gerne später anfügen. Seine Idee, ich könnte auch meine Verlustpartie vor über zwanzig Jahren aus einem Mannschaftskampf gegen ihn bringen fand ich im Kontext nicht so toll. Erwähnt sei aber: Volker hatte damals gegen mich Aljechin gespielt und damit komplett zerstört. Die Partie findet sich in den Datenbanken und die Partie sei hier zum Nachspielen empfohlen.

Bad Neuenahr: Mein Fazit

Zwischen einem für viele potentielle Teilnehmer zu hohem Startgeld (140 Euro inklusive Getränken, die etwas auswahlreicher ausfallen könnten) und sensationellen Spielbedingungen bewegt sich für mich irgendwo die Bewertungslinie dieses Turnierangebots. Für mich bietet das Turnier ein ausreichendes Preis-Leistungsverhältnis, aber das sieht nicht jeder so. Mit 100 Euro pro Nacht und Frühstück im Steigenberger-Hotel Bad Neuenahr kann man als Frühbucher bisher eigentlich nichts falsch machen. Es gibt ein Schwimmbad und einen Spa-Bereich, der eventuell im nächsten Jahr sogar noch größer ausfällt, da der Badbetrieb nebenan vermutlich bald wieder eröffnet werden dürfte. Für Autofahrer kommt das Parken im Parkhaus nebenan mit 135 Euro hinzu – es soll auch irgendwo kostenlos möglich sein – und man muss zumindest eine weitere warme Mahlzeit einplanen. Für mich bieten die Seniorenturniere am Tegernsee und in Bad Neuenahr jedenfalls erfreulich gehobene Spielbedingungen für die ich gerne etwas mehr Geld investiere. Wer wie ich mal ein Turnier der FIDE in Bukarest in einem am Rande der Stadt gelegenen untragbaren Hotel buchen musste, der wird die persönliche Freiheit der Wahl seiner Unterkunft zu schätzen wissen. Ich komme jedenfalls gerne wieder nach Bad Neuenahr, falls es im nächsten Mai passt.

Fotos und Ergebnisse beim Förderkreis der Senioren. Fotograf: Gerhard Meiwald.

Ergebnisse bei Chess-Results.

Einige Fotos dieses Beitrags stammen von der Veranstaltung und wurden mit artta.ai bearbeitet.


Service-Hinweis

Die Analysen können als PGN-Dateien heruntergeladen werden. Dafür muss man in der nebenan dargestellten Diagrammposition der gewünschten Partie auf den rot markierten Button klicken.

Hinweis in eigener Sache

Dieser Blog dient mir als eine Art eigenes schachliches Tagebuch über als Berichterstattet miterlebte Top-Events , die zur klassischen Weltmeisterschaft bei den Frauen und in der so genannten offenen Klasse, also zurzeit bei den Männern, führen. Ich habe vor langer Zeit internationale Turniere gespielt, beispielsweise in Ungarn, Frankreich, Belgien und in den Niederlanden und meine Partien aus der damaligen Zeit (80er und beginnende 90er-Jahre) sind verloren und vermutlich in irgendeinem Schuhkarton im Keller meiner Wohnung in Köln. Berichte über Turniere kommen vor, sind aber nicht das Ziel dieser Webpräsenz. Im Mittelpunkt stehen meine eigenen Highlights und Schreckmomente, um daraus möglichst etwas zu lernen. Abrufbar sind Beiträge auch via Mobiltelefon, aber das optimiere ich nicht mal auf Wunsch eines Kollegen, da ich keine kommerziellen Interessen verfolge und es mir egal ist wie mein Blog von wem genutzt wird. Aber: Wer Schach überwiegend auf dem Handy nebenbei und oberflächlich konsumiert, der verpasst ohnehin das Beste am klassischen Schach. Mich nerven Werbeangebote auf den meisten (Schach-)Websites und daher wird es hier auch keine geben. Wer will kann gerne aus meinen Analysen Profit auf dem Schachbrett ziehen, sofern das überhaupt möglich ist. Freuen würde es mich darüber allemal. (TC)


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