Trainer erzählen ihren Schülern, dass man aus eigenen Fehlern lernt. Das stimmt sicherlich, aber diese Methode kostet viel Kraft. Schauen wir auf einige aktuelle Momente, die lehrreich sein können, zumindest wenn man intensiv darüber nachdenkt.
Von Thorsten Cmiel
Beim Durchspielen von aktuellen Partien findet man ohne große Mühe interessante Momente und dabei müssen es nicht unbedingt Partien aus der absoluten Weltspitze sein, die uns helfen selbst besser zu werden. Wer etwas systematischer vorgeht, der sollte ein Buch zur Hand nehmen oder noch besser einen Trainer suchen, der zu bestimmten Themen spezielle Aufgaben auswählt und thematisch sortiert. In der Praxis von Turnierspielern kommen in jeder Partie mehrere Aufgaben auf die Spieler zu, die sich in unterschiedlichen Partiephasen fast zwangsläufig ergeben.
In dieser Stellung aus der aktuellen Frauen-Europameisterschaft war die stärkste Teilnehmerin hier mit den schwarzen Steinen am Start. Sie hatte unter einer Minute Restbedenkzeit – gespielt wurde mit 30 Sekunden Inkrement – und war mit den schwarzen Steinen hier am Zuge. Schwarz ist erkennbar im Vorteil angesichts seiner zwei weit vorgerückten Bauern. Aber wie sollte Stavroula Tsolakidou aus Griechenland hier am besten fortsetzen?
In dieser Stellung aus Norwegen muss sich Schwarz gut verteidigen, um die Stellung zusammen zu halten. Alireza Firouzja mit Weiß droht offensichtlich seinen Turm nach f5 zu überführen. Der Inder Praggnanandhaa sollte also versuchen eine spielbare Stellung zu finden. Wie sollte er hier fortsetzen?
Magnus Carlsen hatte gegen Vincent Keymer freiwillig eine Figur geopfert. Der Deutsche stand also unter einem erheblichen Druck. Immerhin, Vincent hatte mit etwas mehr als zwanzig Minuten doppelt so viel Zeit wie sein Gegner. Wie sollte er hier warum fortsetzen?
Die drei hier betrachteten Beispiele sind natürlich von unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. Erkennbar wird zudem wie schwierig vor allem das Verteidigen im Vergleich zum Entwickeln eines klaren Angriffsplanes wie im ersten Beispiel ist. In der Partie von Alireza gegen Pragg war die Folge eines positionellen Fehlers letztlich entscheidend für den Ausgang der Partie. In der Partie von Magnus Carlsen hatte dieser eine Figur geopfert und dadurch Druck auf seinen Gegner ausgeübt. Der passiver Ansatz des Deutschen erwies sich als Fehler. In der Folge hatte der Norweger zwei Gewinnchancen ausgelassen und Vincent eine bessere Verteidigung durch ein Qualitätsopfer.