Foto: Nikki Riga (FIDE Chess)
Die ersten Turniere zur Qualifikation laufen bereits. Jetzt hat der Weltschachbund (FIDE) erklärt wie Spieler sich für das nächste Kandidatenturnier 2028 qualifizieren können. Klar ist: Kürzere Bedenkzeit gewinnen an Bedeutung.
Von Thorsten Cmiel
Die FIDE ist eine Suchende und ändert die Qualifikationsbedingungen zu jedem neuen Zyklus. Das ist nicht nur für Spieler, sondern auch für Schachfans oft verwirrend. Mitte Juli veröffentlichte der Weltschachbund wie es diesmal laufen soll. Schauen wir zunächst auf die Zahl der Qualifikationplätze, die je Weg vergeben werden sollen.

Beginnen wir mit den Änderungen in der offenen Klasse: Ein Platz im World Cup wurde gestrichen. Damit entfällt die Notwendigkeit den dritten Platz auszuspielen, außer man benötigt die Reihenfolge trotzdem. Diese Entscheidung überrascht, da man diesen Qualifikationsplatz erst eingeführt hatte. Weniger überraschend ist, dass der Rating-Platz inzwischen kassiert wurde. Darum gab es bei den letzten zwei Qualifikationen für die Kandidatenturnier viel Ärger. Zuletzt hatte sich Hikaru Nakamura seine Qualifikation durch das Spielen bei Mickey-Mouse-Turnieren, seine eigene Wortwahl, erspielt. Die zwei neu geschaffenen Plätze gehen an die Sieger der Total Chess Championship Tour und damit können sich Spieler erstmals in der Historie des Schachs ohne das Spielen einer einzigen Partie mit klassischer Bedenkzeit (90+ für 40 Züge + Inkrement ab Zug 1 oder 120 Minuten/40 Züge) für die klassische Weltmeisterschaft qualifizieren. Ob das eine gute Idee für die Spieler und das Schach insgesamt ist, wird man herausfinden. Dennoch ist Schnellschach eine andere Disziplin.
Die Entwicklung hin zu schnelleren Bedenkzeiten wird auch durch die neue hybride Qualifikationsphase im World Cup unterstrichen. Es bleibt dabei, dass sich der Unterlegene im WM-Kampf erneut qualifizieren muss, wobei der WM-Kampf für den FIDE-Circuit eine Menge an Punkten bringt.
Der FIDE Circuit wurde ebenfalls etwas anders gestaltet und ist vielleicht die ultimative Form der Qualifikation: Es zählen künftig die kumulativen Ergebnisse der Jahre 2026 und 2027. Damit wird Konstanz über einen längeren Zeitraum belohnt. Auch im FIDE Circuit können Schnellschach- und Blitz-Ergebnisse Punkte liefern. Wichtiger dort ist aber, dass Spieler in jedem Jahr zwei Schweizer-System-Turniere mit mindestens 50 Teilnehmern spielen müssen.
In 2027 ist das recht einfach: Das Grand-Swiss-Turnier wird als solches ausgetragen und eventuell zählt auch die Qualifikation im World Cup. Dabei können Spieler, die sich nicht direkt qualifizieren wertvolle Punkte sammeln, da klassische Open-Turniere oft weniger Punkte liefern.

Bei den Frauen hat sich weniger verändert. Der dritte Qualifikationsplatz im World Cup, den zuletzt Koneru Humpy erringen konnte, fällt wie in der offenen Klasse weg und wird dem Frauen-Circuit zugeschlagen.
In den Regularien der FIDE ist geregelt wer wann nachrückt, falls Spieler auf die Qualifikation verzichten – Magnus Carlsen kommt da bei der TOTAL Chess WM in Betracht – oder bereits anderweitig qualifiziert sind.
Mein Fazit
Man versteht das Bemühen der FIDE mit der Zeit zu gehen. Schach muss angeblich schneller werden, um attraktiver für Sponsoren zu werden. Die letzte Änderung an der Dauer des World Cup ist verständlich und für sich genommen durchaus richtig. Gleichzeitig ist es aber sicher keine gute Idee, immer mehr Hybrid-Formate in die Qualifikation zur Weltmeisterschaft einzubauen. Das Carlsen-Büttner-Projekt Freestyle-Schach hat die Reduktion der Bedenkzeit ausprobiert und ist trotz Millioneninvestitionen bei den Fans und manchen Spitzenspielern komplett gescheitert. Relevant ist nicht was schneller ist, sondern was eine Historie vorweisen kann. Es ist sogar für junge Akteure auf der Tour ein Wert an sich und ein Lebenstraum, sich in eine Reihe mit Lasker, Capablanca und Fischer zu stellen. Das mag für die werberelevante Zielgruppe der Online-Klicker nicht sonderlich zählen, aber dieser Zeitgeist ist nur eine Episode und die FIDE täte gut daran, ihren wichtigsten Weltmeister-Titel nicht weiter zu entwerten, weil zudem einige Lautsprecher in den sozialen Medien scheinbare Trends ausrufen und es angeblich besser wissen.
Qualifikationswege offene Klasse (PDF)
Qualifikationswege Frauen (PDF)