Immer wieder sieht man Spieler ihre Vorbereitung schnell auf das Brett knallen und dann kippt die Partie plötzlich. Als Außenstehender weiß man oft nicht warum das passiert. Nach meiner Beobachtung gibt es dafür mehrere konkrete Gründe, aber sämtliche Szenarien haben eine gemeinsame Ursache.
Von Thorsten Cmiel
Beginnen wir unsere Betrachtungen mit einer schmerzhaften eigenen Partie. Ich spielte ein neunrundiges IM-Turnier auf Kreta und es lief einfach nicht. Ich kam in dieser Runde mit Schwarz gegen den haushohen Favoriten, einen in der Schweiz lebendenden Ukrainer, der schon seine GM-Normen beisammen hatte, kräftig unter die Räder. Ich hatte bei seinem letzten Turnier eine Siegpartie von Peng gefunden, die ich jedoch verbessern konnte. Er umschiffte das Thema, ohne nur einen Moment zu zögern – zwei Stunden Vorbereitung weg. Immerhin ich hatte mir die Partie-Variante vor der Partie ausführlich (insgesamt vier Stunden) angesehen und mit etwas Mühen und müde bereits zu Beginn der Partie die Züge zusammen bekommen.
Wir sind inzwischen im 19. Zug angekommen und ich muss mit Schwarz eine weitere Entscheidung treffen. Mein Gegner hat den Bauern auf b7 attackiert und ich muss mich entscheiden, ob ich den Bauern ein oder zwei Felder vorziehen soll. Eine andere Idee könnte es sein, den Läufer auf die lange Diagonale zu stellen und einen Bauern zu opfern. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich schnell aus dieser Stellung heraus verlor.
Lösung
Auch in dieser Partie wurde bis hierhin geblitzt. Wie sollte der deutsche Spieler mit Schwarz hier am besten fortsetzen? In der Partie unterlief ihm hier die erste von drei Ungenauigkeiten und er verlor in der Folge.
Lösung
Als ich die Fotos der Spieler in meiner Datenbank sah, erinnerte ich mich an eine Schnellschach-Partie aus Budapest 2024, die ich gegen Aron Pasti gespielt hatte und die zufällig von einem Freund aus den USA, John Brezina, festgehalten wurde. Ein guter Grund die Partie hier ohne sonstigen Kontext zu archivieren.
Was wir daraus lernen können
Nach einer längeren Partiephase, die man aus der Erinnerung heraus spielt, kommt es oft direkt danach zu einem Fehler. Ich nenne das die „Vorbereitungs-Krankheit“. Dabei gibt es zunächst einige psychologische Hürden zu überwinden. Zum einen will man keine Schwäche zeigen und blitzt daher einfach weiter und zum anderen ist man an den Zeit-Modus der Turnierpartie noch gar nicht gewöhnt. Auch das führt gelegentlich zu zu schnellem Spiel, wenn eigentlich Nachdenken angesagt wäre. Aber die Praxis zeigt nach meiner Beobachtung, dass es meist besser ist, eine Variante durch Nachdenken zu entwickeln, als ins kalte Wasser zu springen.
Direkt nachdem Spieler aus dem „Buch“ sind, sollten sie sich hinsetzen und versuchen, in die Tiefen der Position einzutauchen. Man kann diese Strategie gelegentlich bei Vincent Keymer und einigen Indern sehen, die völlig überraschend zwanzig und mehr Minuten grübeln. Eine Warnung sei noch gegeben: In solchen Phasen findet man sogar bei Spitzenspielern Fehler und unvorteilhafte Entwicklungen, da sie die Stellung nicht verstehen oder einfach keine Bindung finden. Hier sei nur an die Zweitrunden-Partie von Praggnanandhaa gegen Gukesh aus dem Kandidatenturnier in Toronto 2024 erinnert. Wer weitere Beispiele sucht, dem sei Nakamura – Nepomniachtchi und Praggnanandhaa – Nepomniachtchi aus dem gleichen Turnier zur Analyse empfohlen. Die Gukesh-Partie konnte ich mit Grzegorz Gajewski, seinem Coach, nach dem Turnier besprechen und auch die Problematik, sich vor Partien sehr lange Varianten anzusehen, diskutieren.