Foto: Lennart Ootes (St. Louis Chess Club)
Die beiden 21-jährigen Großmeister Vincent Keymer und Praggnanandhaa sind momentan im klassischen Schach auf Augenhöhe. In den schnelleren Formaten liegt der Inder momentan vorne. Die Begegnungen der beiden Junggroßmeister könnten in Zukunft zu einer klassischen Rivalität werden.
Von Thorsten Cmiel
Unter den jungen Wilden gibt es einige Spieler, die unverändert den Titel des klassischen Weltmeisters als oberstes Ziel haben und daher vor allem auf die langsameren Formate setzen. Der Inder Praggnanandhaa, Pragg, und der Deutsche Vincent Keymer gehören dazu. Anders als bei Partien des Klassenprimus Magnus Carlsen hat man nicht den Eindruck, dass klassisches Schach langweilig und komplett analysiert ist. Es kommt auf die Einstellung der Protagonisten an. Vincent und Pragg vermitteln jedenfalls ihren Spaß an langen Partien.
Einer, der lange als Kronprinz gehandelt wurde, ist der Wahlfranzose Alireza Firouzja, der zweimal bereits im Kandidatenturnier gescheitert ist und zuletzt das schnelle Geld einer Spaßveranstaltung dem harten Geschäft in St. Louis vorgezogen hat. Das dürfte ihn die Teilnahme an der Grand Chess Tour mindestens im nächsten Jahr kosten. So sieht es wohl auch Leonard Barden in seiner Kolumne im Guardian.
Vincent – Pragg in St. Louis 2026

Die drei Partien mit klassischer Bedenkzeit gingen unentschieden aus. Die drei Schnellschach-Partien gewann Pragg mit 3-0. Nach der Rapid-Phase des Halbfinals war der Wettkampf bereits entschieden. Die folgenden Blitz-Partien hatten also keine sportliche Bedeutung mehr – Vincent gewann mit 3 – 1.
Ich habe mir die relevanten Partien (Klassik und Rapid) genauer angesehen. Blitzpartien zu analysieren bringt nur wenig Erkenntnisse, insbesondere wenn der Wettkampf vier Partien vor Schluss bereits entschieden ist.
Formschwankungen gehören zum Geschäft
2026 ist bisher für Pragg ein Jahr mit schwankenden Resultaten: In Wijk aan Zee 2026 kam der Inder auf fünfeinhalb Punkte in 13 Partien. Beim Kandidatenturnier auf Zypern holte Pragg sechs Punkte aus 14 Partien und wurde Siebter. In Rumänien holte Pragg fünfzig Prozent im ersten Turnier mit klassischer Bedenkzeit. Dann gewann Pragg nach einem furiosen Schlussspurt in Oslo das Superturnier „Norway Chess“ und gewann gegen Carlsen beide Partien mit klassischer Bedenkzeit. Im Sinquefield-Cup reichte es für den geteilten ersten Platz zusammen mit Wesley So gegen den er im Stichkampf erst in einer Entscheidungspartie unterlag. Im Schnellschach war der Inder immer vorne dabei. In Kroatien teilte sich Pragg den Turniersieg mit Alireza Firouzja und wurde nach dem Blitzen Vierter in der Gesamtwertung. In St. Louis gewann Pragg Anfang August das Schnellschach- und das Blitzturnier.

In 2026 spielte Vincent ebenfalls erfolgreich und hatte die Zahl seiner entschiedenen Partien weiter ausgebaut: In Wijk aan Zee gewann und verlor er vier Partien. In Prag verlor Vincent drei Partien und gewann zwei Begegnungen. Dann folgte der Sieg im Super Chess Classic der Grand Chess Tour in Bukarest. Dort gewann er drei Partien und verlor nur gegen den Usbeken Sindarov. Das Turnierergebnis war wegen des Ausstiegs von Alireza Firouzja, gegen den Vincent kampflos gewann, etwas verzerrt. Im Sinquefield-Cup teilte sich Vincent mit Javokhir Sindarov den dritten Platz (drei Siege und zwei Niederlagen) und qualifizierte sich für das Finalturnier. Dabei kam es im Halbfinale jetzt zum Aufeinandertreffen mit dem Inder. Klar verbesserungsbedürftig sind die Ergebnisse im Blitz- und Schnellschach: In der Kombinationswertung wurde Vincent Fünfter und Neunter in der diesjährigen Grand Chess Tour. Beim Norway-Chess-Turnier spielte Vincent achtmal Remis und verlor sämtliche Entscheidungen im Armageddon.

Saint Louis Rapid & Blitz
Im kombinierten Rapid- und Blitzturnier, das traditionell vor dem Sinquefield-Cup stattfindet, unterlag Vincent dem Inder in beiden Blitzpartien mit einem halben Punkt aus zwei Partien und vorher in der Schnellschach-Partie.

Die Schnellschach-Partie
Die entscheidende Phase dieser spannenden Partie hatte ich bereits thematisch aufbereitet. Diesmal schauen wir uns das spannende Geschehen bis dahin etwas genauer an.

Drei klassische Partien
Die erste Begegnung der beiden Großmeister war Teil des Sinquefield-Cup. Es folgten zwei weitere Turnierpartien, die im Halbfinale der Finalrunde der Grand-Chess-Tour (GCT) stattfanden. Insgesamt ging es Unentschieden aus, aber es waren zumindest in den zwei späteren Partien auch andere Resultate denkbar.



Die folgende Entscheidung in Zeitnot ist inzwischen überall in der Schachwelt kommentiert und kritisiert worden. Vincent sollte hier seinen Springer nach e3 ziehen, den Bauern c2 und den Turm auf d1 angreifen und seinen Turm auf g2 decken. Stattdessen gab Vincent auf d2 ein Schach und kam nach dem Schlagen mit seinem Turm in Probleme. Durch diese Niederlage lag der Inder deutlich vorne und kaum jemand erwartete ein Comeback des Deutschen.
Ich denke niemand sollte zu kritisch mit den Spielkern und ihren wenigen Fehlern umgehen. Das Format des Turniers ist extrem anstrengend und alle Spieler können nicht mehr ihre volle Leistungskraft nach mehreren Wochen in St. Louis bringen.


Schnellschach-Partien im GCT-Finale
Pragg hatte zuvor das Schnellschach- und Blitz-Turnier in St. Louis gewonnen. Er war also ohnehin großer Favorit. Vincent wird zwangsläufig in den schnelleren Disziplinen zulegen müssen, da viele Turniere letztlich in diesen Kadenzen entschieden werden.

Blitz-Partien im GCT-Finale
Nachdem der Wettkampf entschieden war, gab es dennoch vier weitere Blitzpartien, die ich hier nur als Chronist und unkommentiert aufliste. Vincent gewann diesen Blitz-Wettkampf mit 3 zu 1 Punkten.
Nach dem Wettkampf mit Vincent liegt Pragg als sechster der Weltrangliste bei 2765 Punkten und damit einen Punkt vor Vincent Keymer. Dabei ist das für beide Spieler nur eine Momentaufnahme. Vincent wird ohne Frage seine Ergebnisse in den schnelleren Formaten verbessern müssen. Dazu hat er bereits im November 2026 bei dem Auftaktevent der Total-Weltmeisterschaft in Budapest die Möglichkeit. Auch werden viele klassische Turniere inzwischen mit Entscheidungsformaten angeboten und dafür wäre es sicher hilfreich wenn Vincent zukünftig auch in schnelleren Formaten kompetitiver wäre.
Fotos: Lennart Ootes (St. Louis Chess Club), gekennzeichnet. Sonstige John Brezina.