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Tan gewinnt Cairns Cup

Foto: John Brezina

Eine Chinesin reicht um drei Inderinnen zu stoppen. Die zwei US-Frauen Carissa Yip und Alice Lee hingegen überzeugen und Alice sichert sich mit sechs Punkten als Zweite sogar eine Großmeisternorm. Bemerkenswert: Die nächste Herausforderin um den WM-Titel der Frauen, die Inderin Vaishali, ist weiter in einer Formkrise und landet auf dem letzten Platz.

Von Thorsten Cmiel

Auffällig war wieder einmal der unterschiedliche Umgang mit der Bedenkzeit der Spielerinnen. Während Alice Lee meist sehr schnell ihre Entscheidungen traf, geriet Vaishali wie immer regelmäßig in Zeitnot, allerdings ohne besonderen Grund durch die Partieverläufe. Falls ihre Trainer diese destruktive Angewohnheit nicht in den Griff bekommen und bei der Spielerin für eine ökonomischeres Bedenkzeit-Management sorgen, könnte die Frauen-Weltmeisterschaft 2027 erneut eine einseitige Veranstaltung werden.

Das Turnier wurde von Tan Zhongyi dominiert, die bis zur vorletzten Runde wie im Turnier der Kandidatinnen in Toronto 2024 souverän wirkte. Tan hat seit dem Kandidatinnen-Turnier auf Zypern ihr zu schnelles, manchmal oberflächliches Spiel scheinbar abgelegt. In Erinnerung ist mir der grobe Fehler mit dem die Chinesin gegen Vaishali ihr Turnier in der siebten Runde in Pegeia einfach schrottete, als sie in einem technischen Endspiel mit einem Bauern mehr einen Läufer einstellte. Auf Zypern wurde Tan geteilte Letzte und Vaishali gewann. Diesmal war es umgekehrt.

Der Cairns Cup heißt so weil es der Mädchen-Name von Jeanne Sinquefield, der Frau von Rex Sinquefield, ist. Dieses Jahr wurde ein Preisfonds in Höhe von 250.000 US-Dollar ausgespielt. Die Siegerin erhielt 65.000 Dollar. Wenn man den Frauen jedoch mehr Aufmerksamkeit gönnen will, sollte man die Events wieder voneinander trennen. Räumlich ist das im etwa 550 Quadratmeter großen Areal allerdings nicht notwendig.

Der St.-Louis-Chess-Club schafft es mit vier Großmeistern im Studio und zwei weiteren Kommentatorinnen nicht, beide stattfindenden Turniere, Cairns Cup und Sinquefield Cup, gleichzeitig live zu kommentieren. Aus diesem Grund verzichte ich darauf das Turnier der offenen Klasse hier zu covern. Die Ergebnisse und Analysen der Partien kann man woanders finden und nachspielen.

Auch die Informationen zur Grand Chess Tour sind bei den US-Amerikanern nur schwierig zu finden. Ich habe mir über die Jahre angewöhnt gar nicht mehr auf deren Homepage zu suchen, sondern gleich zu Wikipedia zu gehen. Das schlechte Darstellen von Informationen scheint eine amerikanische Eigenschaft zu sein. Wer einmal versucht hat auf der Plattform des größten kommerziellen Anbieters von Online-Schach Informationen zu aktuellen, sogar deren eigenen Turnieren zu finden, der weiß was ich meine. Das ist schade angesichts des Aufwandes, der ansonsten betrieben wird.

Tan Zhongyi ist zurück

Natürlich profitierte die spätere Turniersiegerin gelegentlich von Fehlern ihrer Gegnerinnen. Mit Siegen gegen die US-Amerikanerin Carissa Yip und Koneru Humpy gelang der Start von Tan Zhongyi. Es folgte ein belangloses Unentschieden gegen Anna Muzychuk und ein überzeugender Sieg gegen Vaishali. Der Sieg von Tan Zhongyi gegen die Inderin Divya Deshmukh fiel etwas knapper aus. In der achten Runde überspielte Tan die zweite Dominatorin aus Zypern, Bibisara Assaubaeva, deutlich und sicherte sich einen Vorsprung von einem Punkt vor der letzten Runde. In dieser gewann jedoch die Griechin Stavroula Tsolakidou gegen die Chinesin. Gleichzeitig sicherte sich Alice Lee in einer ausgeglichen verlaufenen Partie den entscheidenden halben Punkt für die Großmeister-Norm gegen ihre Landsfrau Carissa Yip.


Tan Zhongyi – Carissa Yip (Runde 1), Cairns Cup 2026. 35. Zug.

Hier war die Schwarzspielerin nach einem bis dahin nervenaufreibendem Verlauf vor eine letzte Aufgabe gestellt. Beide Spielerinnen haben weniger als drei Minuten auf der Uhr. Was tun?


Tan Zhongyi – Koneru Humpy (Runde 2). Cairns Cup 2026. 24. Zug.

Hier sollte die Inderin mit Schwarz wie reagieren? Sie entschied sich völlig überraschend falsch und geriet in der Folge arg unter die Räder.


Tan Zhongyi – Bibisara Assaubaeva (Runde 8). Cairns Cup 2026. 48. Zug.

Weiß steht natürlich auf Gewinn. Wie hat die Chinesin hier wohl fortgesetzt?

Die Inderinnen

Die indische Nummer Eins laut Elozahl ist weiterhin Koneru Humpy, die beim Turnier der Kandidatinnen auf Zypern ausgestiegen war. Ihr Turnierergebnis und ihr Spiel in St. Louis waren unspektakulär bis wenig inspirierend. Mit ihrem Vorturnier in Norwegen erzielte Humpy ein Ergebnis von Minus vier und konnte dabei in 19 Partien keine einzige Partie gewinnen. Gegen Tan Zhongyi kam Humpy nach zwei Ungenauigkeiten früh im Turnier unter die Räder. Auch gegen die zweite Topspielerin des Turniers verlor die Inderin. Auffällig waren die taktischen Fehler der Inderin, die ein besseres Ergebnis verhinderten.


Koneru Humpy – Alice Lee (Runde 6). Cairns Cup. 30. Zug.

In dieser Stellung war die Inderin nah am vollen Punkt. Wie sollte sie hier am besten fortsetzen?

Vaishali hatte nach dem Gewinn des Turniers der Kandidatinnen im Juli in Biel fünf Turnierpartien gespielt und dabei nur drei Remis geholt. Gegen die US-Amerikanerin Carissa Yip hatte Vaishali dort verloren. Diesmal war deren Partie recht ereignislos verlaufen. Dafür musste die Inderin gegen die andere US-Frau hinter sich greifen. Seit Zypern hat Vaishali in 14 Partien insgesamt einen Score von Minus sechs bei acht Remispartien.

Vaishali steht vor dem größten Kampf ihres Lebens, aber sie hat die größte Schwäche ihres Spiels immer noch nicht im Griff: ihr Zeitmanagement ist weiterhin eine Katastrophe. Zumal sie anders als beispielsweise der russische Großmeister Grishuk in solchen Momenten des schnellen Spiels eher schlechter als sonst unterwegs ist. In der Form nach ihrem etwas glücklichen Sieg beim Turnier der Kandidatinnen dürfte die Inderin beim noch nich terminierten Wettkampf gegen die Chinesin Yu Wenjun keine Chance haben.


Vaishali – Alice Lee (Runde 8). Cairns Cup. 31. Zug.

Hier ist eine Idee gesucht wie Weiß trotz seines geringen Materialnachteils möglichst ausgleichen sollte.

Divya (20) hat diesmal ein ungewöhnliches Resultat erspielt. Bisher waren bei ihr vor allem ihre Schwarzresultate ihr Problem. Diesmal weist die Inderin eine solide Leistung mit den schwarzen Steinen (zwei Siege und drei Remis) auf. Kämpferisch war ihr Schach in jedem Fall in St. Louis voll da. Bei der Schacholympiade wird es interessant sein, die Team-Aufstellung der Inderinnen zu beobachten – ich erwarte letztmals ein Team, das von Koneru Humpy angeführt wird. Während Vaishali und Koneru angeschlagen wirken zeigt die Formkurve von Divya etwas nach oben. Allerdings lässt sich Divya immer noch gelegentlich von ihren Gegnerinnen bluffen. Wie bekannt wurde erhält Divya den Arjuna Award, das ist die zweithöchste sportliche Auszeichnung im indischen Sport. Sie folgt damit Vaishali.


Divya Deshmukh – Alice Lee (Runde 2). Cairns Cup 2026. 40. Zug.

Die Inderin muss noch ihren Kontrollzug machen. Wie sollte sie vorgehen? Divya griff hier fehl.


Divya Desmukh – Tan Zhongyi (Runde 7). Cairns Cup 2026. 25. Zug.

Tan hatte vorher freiwillig eine Qualität geopfert. Wie sollte Divya hier am besten fortsetzen?


Divya Desmukh – Tan Zhongyi (Runde 7). Cairns Cup 2026. 32. Zug.

Wie sollte die Weißspielerin hier fortsetzen, um ihren Vorteil festzuhalten?


Divya Desmukh – Tan Zhongyi (Runde 7). Cairns Cup 2026. 37. Zug.

Zuletzt ist die Partie nicht gut gelaufen für Divya. Wie sollte sie hier am besten fortsetzen?

Die drei indischen Großmeisterinnen waren zuletzt nicht in allzu guter Form. Dennoch ist Indien nach dem Gewinn in Budapest Favorit im Frauenturnier in Samarkand. Das indische Team wird ergänzt durch die Internationalen Meisterinnen Vantika Agrawal und Savitha Shri. Auf dem zweiten Startplatz folgt Georgien, ebenfalls mit drei Großmeisterinnen und zwei Internationalen Meistern. In der Startrangliste ist China nur auf dem dritten Platz, da das Team erneut ohne Vier (Hou Yifan, Yu Wenjun, Tan Zhongyi und Lei Tingjie) antritt. Die US-Amerikanerinnen sind nach Kazakhstan auf dem fünften Platz in der Startrangliste.

Die US-Amerikanerinnen

Die 22-jährige Carissa Yip ist bereits vierfache US-Meisterin und Titelverteidigerin als Siegerin des Cairns Cup 2025. Carissa hat bereits zwei Großmeister-Normen erzielt und spielte ein solides Turnier mit einer Niederlage zum Auftakt und zwei Siegen.


Carissa Yip – Divya Deshmukh (Runde 4). Cairns Cup 2026. 57. Zug

Drei Bauern an zwei Flügeln sind für einen verteidigenden Springer zu viel, oder? Wie sollte Carissa hier fortsetzen?

Alice Lee holte den Titel eine Internationalen Meisters bereits mit 13 Jahren und war 2026 die Überraschung des Turniers, die zudem mit vier Siegen bei einer Niederlage ein ansprechendes Ergebnis erzielte. Als Zweite gewann sie nicht nur 50.000 US-Dollar, sondern erzielte ihre erste Großmeister-Norm. Für US-Spielerinnen, die den Großmeister-Titel holen gibt es 100.000 US-Dollar als Prämie. Die Frage lautet eigentlich nur noch welche der beiden US-Spielerinnen zuerst diese Anreizprämie kassiert.


Vaishali – Alice Lee (Runde 8). Cairns Cup 2026. 22. Zug.

Einmal Kandidaten raten bitte: Ich vermute den Zug von Vaishali in dieser Stellung findet niemand. In dem Fall liegt es aber nicht daran, dass ihr Zug so gut war. Es folgte eine Manöverphase an deren Ende die US-Amerikanerin eine schöne Chance hatte.


Vaishali – Alice Lee (Runde 8). Cairns Cup 2026. 26. Zug.

Vaishali hatte zuletzt mit ihrem h-Bauern den Springer auf g6 attackiert. Wie sollte Alice Lee hier am besten reagieren?

Die 16-jährige Alice Lee erspielte sich eine Großmeister-Norm in St. Louis und betrachtet man ihre Partien und vor allem ihre Endspiele, dann war sogar ein deutlich besseres Resultat drin. Alice Lee scheint jetzt endgültig aus dem Schatten von Carissa Yip herauszutreten. Wobei die beiden besten US-Frauen beide eine positive Entwicklung zeigen. An Alice und Carissa wird es in Samarkand sicher nicht liegen, falls die US-Frauen bei der Schach-Olympiade unter den Erwartungen abschneiden sollten.

Die übrigen Teilnehmerinnen

Die Ex-Weltmeisterin Alexandra Kosteniuk (42) war zuletzt viel unterwegs und hatte im Turnier nach einem schwachen Start nie wieder Anschluss gefunden. Anna Muzychuk (36), die auf Zypern für Koneru Humpy ins Feld aufrückte, spielte neun wenig ambitionierte Remispartien. Nur gegen Alice Lee war ihre Partie einige Zeit aus dem Gleichgewicht. Besser stand Muzychuk in keiner Partie – wer es positiv formulieren will: acht perfekte Partien gespielt von der Ukrainerin und ihrer jeweiligen Gegnerin. Anders ist das Spiel der Griechin Stavroula Tsolakidou (26) einzuschätzen, die in der letzten Runde die Siegerin überzeugend besiegte und letztlich zwei Siege gegen die Führenden aufweist. Bibisara Assaubaeva hatte im Verlauf nie wirklich Chancen auf den Turniersieg, erzielte aber ein solides Ergebnis.

Fotos: John Brezina. Link. Lennart Ootes, Crystal und Austin Fuller (alle St. Louis Chess Club), jeweils gekennzeichnet.


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