Titelfoto: Michal Walusza /FIDE.
Endlich Gewissheit. Die Zeit der Gerüchte und Schmutzattacken ist vorbei im Weltschach. Der Gewinner und neue Präsident des Weltschachbundes FIDE ist der 38-jährige kasachische Milliardär und Unternehmer Timur Turlov. Er hat einiges versprochen inklusive mehr Transparenz, modernere Managementstrukturen und eigenes Geld.
Von Thorsten Cmiel
Heute zählt es. Die Versammlung des Weltschachbundes beginnt am Samstag um neun Uhr morgens im Kongresszentrum in der Nähe der Expo, in der in diesen Tagen die Schacholympiade stattfindet. Der Tag soll nach einem Grußwort von Abdulla Aripov, dem usbekischen Premierminister, und einigen formalen Runden unter der Leitung von Vishwanathan Anand direkt mit der Wahl des neuen Präsidenten beginnen. Damit geht eine dreimonatige Wahlfrist und eine Reihe von festgelegten Prozeduren zu Ende.
Zur Wahl stehen zunächst im ersten Wahlgang die drei angekündigten Präsidententickets. Dabei gilt: Jeder Delegierte einer zugelassenen nationalen Föderation hat in geheimer Abstimmung eine Stimme. Nach dem ersten Wahlgang der Präsidentenwahl wird man weitersehen. Erhält keines der Tickets eine absolute Mehrheit, scheidet ein Team aus und es folgt ein zweiter Wahlgang. Danach ist die Wahl von unabhängigen Vizepräsidenten vorgesehen, dann bestätigt die Versammlung einige weitere Vorstandsposten auf Vorschlag des neuen Präsidenten und die neue Führungsstruktur steht.
Es geht wie immer um Geld
Tatsächlich steht für die Delegierten neben der Präsidentenwahl einiges zur Entscheidung an: Ein Gremium (Verification Commission) des Weltverbandes warnt in seinem Report die Versammlung eindringlich, dass die Finanzen zuletzt an Stabilität verloren haben. Dabei kritisiert das Gremium manche freihändige Ausgaben und nicht ausreichend definierte Bonuszahlungen über die in den Mitarbeiterverträgen Regelungen vorhanden sind. Es wird Transparenz angemahnt. Zur Abgrenzung dient der Entwicklungsfonds der FIDE. Während die Einkünfte zuletzt rückläufig waren, gab es diesen Trend bei den Ausgaben nicht in dem Maße. Es geht für Schachorganisationen immer um Geld. Der Kandidat Timur Turlov garantierte den Entwicklungs-Fonds der FIDE bereits in einem Interview mit Peter Heine Nielsen persönlich. So etwas kommt an bei den Delegierten. Es ist gleichzeitig eine wichtige Aufgabe der neuen Führung, der Weltschachbund sollte nicht abhängig von einem reichen Präsidenten sein, wie in der Vergangenheit immer wieder gesehen.


Quelle: Annex 2.3 Verification Comission zur Hauptversammlung Samarkand 2026.
Erste Runde mit drei Kandidaten


Für die Vorstellung erhalten die drei Kandidaten 15 Minuten zur freien Gestaltung. Den Anfang macht Wadim Rosenstein. Er entschied sich für eine klassische und kurze Rede. Seine Botschaft klingt versöhnlich. Er danke seinen Mitbewerbern und sende seine Botschaft „FIDE belongs to chess!“ Es folgt Jan Henric Buettner, der mit einem kurzen Film beginnt und eine deutlich programmatischere und längere, mehrsprachige Rede hält. Als letzter Kandidat ist Timur Turlov dran. Er betont seine Erfahrung als jemand, der als Präsident des kasachischen Schachverbands Erfahrung mit den organisierten Strukturen hat. Bei politischen Reden wird bei Parteiveranstaltungen die Länge des Applauses gemessen. Zieht man dieses Kriterium heran, dann ist Timur Turlov der Favorit für die anstehenden Wahlen. Er konnte zudem mit seinem beliebten Vize Vishy Anand punkten

Übertragung
Die FIDE-Veranstaltung wurde am Wahltag live übertragen und kann bei Youtube angesehen werden.
Erster Wahlgang bringt keinen Sieger
Eine Stimme fehlte dem Turlov-Lager im ersten Wahlgang. Es konnte kaum spannender sein. Die Vermutung der meisten Beobachter war, dass Turlov bereits im ersten Wahlgang gewählt werden würde. Aber es war dann doch knapper.
Die erste Stimmabgabe und Auszählung dauerte fast drei Stunden. Das Ergebnis: 196 Delegierte gaben ihre Stimme ab. Vier waren ungültig. Für Buettner stimmten 20 Delegierte. auf die Rosenstein-Kampagne entfielen 76 Stimmen und für Timur Turlov stimmten 96 Delegierte. Damit lag die Zustimmung für den Kandidaten bei exakt 50 Prozent und eine Stimme unter dem Durst zum Gewinn der Wahl. Die Frage lautet nun, was werden die Buettner-Unterstützer tun? Wie stimmen die vier Delegierten ab, die den Wahlzettel absichtlich oder versehentlich falsch ausgefüllt hatten?


Zwischen den Wahlgängen gaben sich Turlov und Malcolm Pein, der Vize von Buettner, demonstrativ die Hand auf offener Bühne. Jubel brandete kurz auf. Die erwartete Unterstützung für Turlov, Pein hatte bereits zuvor den ECU-Präsidenten Asmajparashvili öffentlich attackiert, weil der im Rosenstein-Team war, materialisierte sich in diesem Moment. Die Wahl war entschieden, überraschte Gesichter bei den Unterstützern von Rosenstein. Tatsächlich können Pein und Rosenstein nicht miteinander hieß es schon vorher. Die Zukunft wird zeigen, welche Verwendung Turlov für Malcolm Pein finden wird, denn so funktioniert die FIDE in der Regel, meinte einer, der schon öfter als ich dabei war. Pein trat dann für einen der unabhängigen Vize-Präsidenten-Posten an.
Today is a victory for chess – for every player, every federation and everyone who believes in the potential of our game!
We are all one family and we will continue working as one. This is a great responsibility and a vote for a better future of our sport.
Now is the time to… pic.twitter.com/ieF9HmGQf5
— Timur Turlov (@TurlovforChess) September 26, 2026
Entscheidung im zweiten Wahlgang
Kurz vor Rundenbeginn der 10. Runde bei der Schacholympiade kam das Ergebnis raus: 110 Stimmen für Turlov und 85 Stimmen für Wadim Rosenstein bei einer ungültigen Stimme, so lautete das Ergebnis des zweiten Wahlgangs. FIDE-Präsident ist nach einigen intensiven Wochen des Wahlkampfs Timur Turlov.



Deutschland mit Pechsträne
Eine weitere Niederlage für Deutschland, nachdem am Tag zuvor noch alles drin war als Gukesh gegen Alexander Donchenko kurz vor der Aufgabe stand, bis der Deutsche einen vergifteten Bauern nahm, die Initiative und Partie verlor. Bei den Frauen setzte es eine eher knappe Klatsche gegen Indonesien.

Statement von Paul Meyer Dunker (Präsident des Schachbundes)
„Wadim Rosenstein und der Deutsche Schachbund können auf dieses Ergebnis stolz sein. 85 Stimmen in der Stichwahl zeigen, dass es einen sehr großen Wunsch nach Veränderung innerhalb der FIDE gibt. Natürlich tut es weh, so knapp an einem Wechsel vorbeigeschrammt zu sein.
Wir haben Wadim unterstützt, weil wir überzeugt waren, dass er für die Themen steht, die für die Zukunft des internationalen Schachs entscheidend sind: modernere Strukturen, mehr Digitalisierung, stärkere nationale Verbände, mehr Transparenz und insgesamt den Anspruch, Schach international weiterzuentwickeln und größer zu machen. Auch die Frage nach mehr Unabhängigkeit von politischen Einflussnahmen war für uns dabei von großer Bedeutung. In diesen Punkten haben wir in Wadims Konzept die klarsten Perspektiven gesehen.
Das Wahlergebnis nehmen wir zur Kenntnis. Für uns ändert es nichts an den Themen, für die wir stehen und die wir innerhalb der FIDE weiter mit Nachdruck vertreten werden. Nun muss sich zeigen, wie die neue Führung mit Kritik, unterschiedlichen Positionen und den nationalen Verbänden umgeht. Wir werden unsere Interessen selbstbewusst vertreten und überall dort den Austausch suchen, wo er dem deutschen Schach und der Weiterentwicklung des internationalen Schachs dient.“
Die Agenda der Generalversammlung.
Kongress der FIDE in Samarkand.
Fotos: Michal Walusza /FIDE.