Titelfoto: Rafal Oleksiewicz/FIDE
Die Spielbedingungen in der Expo-Halle sind großartig in Samarkand. Zuschauer können in einem langen Gang die Bretter ihrer Favoriten beobachten. Nach Ende der Partie gibt es einen Starwalk, der an die Oskarverleihung erinnert. Hier entstehen einige Kurzinterviews.
Von Thorsten Cmiel
Mein Hotel ist direkt an der historischen Altstadt gelegen und ich konnte zumindest einige erste Sehenswürdigkeiten anschauen. Dazu gehört eine Statue von Amir Temur (1336-1405 gestorben in Shymkent begraben in Samarkand), der ein turko-mongolischer Militärführer war und als Tyrann und Eroberer mit Hang zu Baukunst und Literatur galt. Er unterwarf große Teile des heutigen Zentralasiens, der aber China nicht mehr erobern konnte. Temur hat viele Gärten in Usbekistan angelegt. Er selbst verwies auf eine Heirat in die Familie von dem bei uns bekannteren Dschingis Khan (ca.1155 – 1227) hin. Für das Besichtigen eines nach Temur (Timur) benannten mosaikbesetzten Palastes blieb allerdings keine Zeit.



Die Anfahrt zur Seidenstraße, in der das Turnier beheimatet ist, dauerte mit dem Taxi etwa 20 Minuten. Anderthalb Kilometer vor Erreichen des Eingangsbereichs der Expo gab es eine Polizei-Absperrung und es ging mit einem Golf-Cart weiter. Nur autorisierte Busse dürfen hier passieren und die Spieler zum Spielort bringen. Einige Delegationen wie die deutschen Teams sind in einem Hotel innerhalb der Zone untergebracht. Das hat Vorteile und Nachteile. Die deutschen Frauen haben schon etwas Sightseeing hinter sich, wie Dinara Wagner, die heute nicht im Einsatz war, bestätigte.
Zunächst stehe ich vor einem typischen Henne-Ei-Problem: Um an mein Namensschild mit den Zugangsberechtigungen zu kommen, muss ich zunächst in den Bereich hinein für den man genau solch eine Zugangsberechtigung benötigt. Zum Glück hatte eine Frau am Eingang ein Einsehen und ich bekam mein „Badge“. Sobald man den Expo-Bereich betritt sieht man einen Messestand von Wadim Rosenstein (WR). Direkt nebenan hat Timur Turlov seinen Stand und wirbt natürlich mit Vishy Anand in Videos. WR Chess hat noch weitere größere Areale bestückt. Beide Kandidaten setzen zum Wecken des Interesses Hightech-Spielereien ein, der eine mit einem tanzenden Roboter und der andere mit einem schachspielenden Roboter. Jan-Henric Buettner und Malcolm Pein sind auch bereits vor Ort, aber versuchen nicht mit dem Gigantismus von Rosenstein und Turlov mitzuhalten.

Nach einigen kurzen Gesprächen mit Kollegen im Pressezentrum ging es für mich in den Spielsaal. Ich wollte Eindrücke sammeln, wie die Spielbedingungen sind und wie sich die Atmosphäre anfühlt. Der Spielsaal überzeugt mich. 205 Teams im Open und 189 Frauen-Teams sind am Start. Das bringt etwa 4000 Übernachtungen pro Tag in die Stadt und einiges an Logistikproblemen. Jedes Brett hat eine elektronische Anzeige auf einem separaten Screen. Das ist in jedem Fall eine Verbesserung gegenüber Budapest, als Tische und eigentlich alles aus Pappe und recyclebar war. Für die Technik ist wieder das Team um den Niederländer Meno Pals zuständig, wobei es im Vorfeld der Schacholympiade offenbar einen späten Wechsel hin zu seinem Team gegeben hat.
Vor der Runde kommen zunächst die Schiedsrichter in den Spielsaal und erhalten ihre Instruktionen. Dabei ging es zunächst um die Sofia-Regel – ich dachte Schiedsrichter kennen das schon: Spieler müssen für ein Remis vor dem 30. Zug den Sektorschiedsrichter fragen, hieß es. Ohnehin gibt es viele Schiedsrichter und mache so genannte Fair-Play-Beauftragte im Areal. Die Fair-Play-Maßnahmen standen bei der letzten Schacholympiade in Budapest in der Kritik. So wurde ein Großmeister wegen einer SIM-Card in seiner Geldbörse mit Partieverlust bestraft. Das wurde später revidiert. Auch die Einlasskontrollen wurden in Budapest kritisiert.
Die Wettkämpfe der vorderen Begegnungen sind vom Gang direkt und gut einzusehen. Da Deutschland am fünften Tisch antritt, konnte ich das deutsche Team kurz beobachten. Die Stimmung scheint gut. Für das deutsche Team kommt es bereits zur zweiten Begegnung mit Usbekistan, wobei das Team 2 von Pawel Eljanov gecoacht wird. Die deutschen Frauen kann man vom Mittelgang leider nicht beobachten. Die meiste Aufmerksamkeit der Videojournalisten erhalten natürlich die usbekischen Superstars Javokhir Sindarov und Nodirbek Abusattorov. Praggnanandhaa und Gukesh meditieren am Brett mit geschlossenen Augen vor ihrem Kampf gegen Italien.

Weltmeisterliche Siege
Sowohl Gukesh als auch Ding Liren gewinnen ihre Partien nach souveränem Spiel und geben sich in der Mixed-Zone gelöst und sind durchaus auskunftsfreudig. So erklärt der Inder, dass er sich dem Mannschaftsziel unterordnet und die Aufstellung auch seine Idee war. In der Tat wirkt Gukesh wie der souveräne Teenager, der 2024 in Pressekonferenzen in Toronto und in Singapur einen sehr reflektierten Eindruck auf mich hinterließ. Noch ist es zu früh eine Prognose zu wagen, aber falls Gukesh hier ordentlich Selbstvertrauen tankt, dann ist der WM-Kampf in Genf völlig offen, davon bin ich überzeugt.
Der Chinese Liren kokettiert etwas mit seinen Fähigkeiten der Stellungsbeurteilung, er schätze seine Stellungen oft zu schlecht ein. In der dritten Runde gab er dem Nomaden Arkadij Naiditsch, der inzwischen für Bulgarien antritt, keine Chance und gewann eine stark gespielte Partie.
Die Favoriten aus Indien kommen nach ihrem langsamen Start in Fahrt scheint es. Nihal punktet auch in seiner dritten Partie voll und Indien gewinnt überzeugend gegen Italien. Sindarov ist zum zweiten Mal im Einsatz und gewinnt ebenfalls erneut deutlich, diesmal gegen den Österreicher Felix Blohberger. Der seine Partie anschließend bei Youtube selbst analysiert.
Deutschland bleibt ungeschlagen
Im Männer-Team, irgendwer nennt das die offene Klasse, war eindeutig mehr drin als ein 2.5 zu 1.5. Matthias Blübaum hatte keine Versuche unternommen, da Vincent zu dem Zeitpunkt bereits klar auf Gewinn stand und auch die anderen Begegnungen besser für das deutsche Team aussahen. Von Peter Leko erfahre ich, dass er mitbekommen hat, dass sein Schützling auf Gewinn steht. Während längerer Nachdenkphasen sei aber seine verpasste Chance im Kopf. Es geht selbst Legenden wie uns allen, denke ich mir.


Glücklicher Sieg für die deutschen Frauen
Bei den deutschen Frauen war es ein Wechselbad der Gefühle heute. Dinara Wagner war es im Hotel offenbar etwas langweilig, sie schaute jedenfalls im Expo-Center und im Pressezentrum vorbei. Sie empfahl mir dabei auch das Innere des Palastes zu erkunden. Bei ihr sieht die Tagesroutine normalerweise etwa so aus: Es wird abends nach Bekanntgabe der Team-Paarungen mit dem Bundestrainer besprochen wer am nächsten Tag ran muss und die Spielerinnen bereiten sich grob auf zwei Gegnerinnen vor, sofern fünf Spielerinnen gemeldet sind. Um zehn Uhr morgens, also vier Stunden vor der Partie, kommen die Einzel-Paarungen raus und die Vorbereitung nimmt Fahrt auf. Dinara steht dabei ihr Heimtrainer, ihr großmeisterlicher Ehemann Dennis, als Hilfe zur Verfügung.
Die heutigen Gegnerinnen seien sämtlich unterbewertet, wie die Ergebnisse bei der letzten Europameisterschaft gezeigt haben. Als Dinara uns von ihrer Routine berichtet klingt sie ganz optimistisch für das Team. Der Kollege Johannes Fischer von Chessbase hatte allerdings kurz zuvor die Partien der deutschen Frauen angesehen und war der Bote einer schlechten Nachricht.
Nika Venskaya – Jana Schneider. Schacholympiade 2026.
Die belarussische Gegnerin von Jana befragte den Springer auf c6 und die Deutsche reagierte nach 37 Sekunden mit dem Springerzug nach b4, der aber wegen des ebenfalls attackierten Läufers auf f5 nach dem einfachen Turmzug nach d4 Material kostet. Dinara wirkte kurz überrascht und meinte noch, letztlich hellsichtig, dass die Partie nicht zu Ende sei. Wie die Partien im Wettkampf ausgingen erläutert Josefine Safarli in ihrem Video.
Anish Giri – der Kämpfer
Der niederländische Top-Großmeister und Zweite im letzten Kandidatenturnier wird von vielen Amateuren falsch beurteilt. In Mannschaftsturnieren zeigt Anish regelmäßig kämpferische Qualitäten. So auch an diesem Freitag in Samarkand. Der Australier Bobby Cheng kommt nach ausgeglichenem Partieverlauf in rasante Zeitnot und der Niederländer übernimmt ab Zug 50 etwa das Kommando. Ein Fehler unterläuft ihm dabei, aber der Australier kann das nicht nutzen und verliert.






Wie es weitergeht
Heute stehen für die Top-Teams erstmals echte Tests an. Die deutschen Männer bekommen es mit den starken Polen zu tun und treten in nomineller Bestbesetzung an. Für die deutschen Frauen geht es gegen Israel und Jana Schneider bekommt eine Verschnaufpause. Das handhaben viele Teams so. die US-Amerikaner haben es anders versucht und prompt hat Awonder Liang zwei Partien hintereinander verloren.
Bei den Frauen hat Georgien bereits in der zweiten Runde überraschend ein Unentschieden zugelassen. In der dritten Runde verzichtete die Ukraine auf den Einsatz ihrer Spitzenspielerin und Europameisterin Anastasiia Hnatyshyn und verlor klar gegen die Argentinerinnen, die von einer ehemaligen Juniorinnen-Weltmeisterin angeführt werden.

Offizielle Homepage der Schacholympiade.