Foto: Michal Walusza (FIDE Chess)
Das Kandidatenturnier auf Zypern steht an. 16 Spielerinnen und Spieler kämpfen darum, einen WM-Kampf gegen den jeweiligen Titelverteidiger spielen zu dürfen. Es dürfte spannend werden.
Von Thorsten Cmiel.
Meine Reise nach Zypern beginnt am Freitag bereits um fünf Uhr morgens. Auf meine abendliche Pokerrunde mit Schach-Kumpels in der Kölner Südstadt hatte ich angesichts der frühen Abfahrtzeit um 5.48 Uhr verzichtet und hätte dennoch fast verschlafen. Glücklicherweise hatte ich schon einige Tage zuvor meine Klamotten gepackt und war insofern ausnahmsweise gut vorbereitet. Zum Start ging es mit dem ICE 511 in Richtung Frankfurt-Main Flughafen. Der Zug war weitgehend leer und die Reise daher angenehm. Um 6.46 Uhr erreicht der Zug drei Minuten zu früh sein Ziel. Zugfahren ist meine bevorzugte Reiseform, zumindest wenn man nicht bei tropischen Temperaturen und nicht funktionierender Klimaanlage oder in einem vollbesetzten Abteil unterwegs ist und die meist peinlich langweiligen Geschäftsgespräche von irgendwelchen Vertriebsmanagern mithören und veröffentlichen muss, damit sich das irgendwann einmal ändert.
In Frankfurt wandert mein Gepäck von der Gepäckannahme automatisch ins zum Glück richtige Flugzeug mit der Flugnummer LH 1292 und die 18,7 Kilogramm lassen auf dem Rückflug etwas Mehrgewicht für Souvenirs zu. Ich hatte zuletzt etwas umdisponiert und meinen Flug über Istanbul getauscht, da ich unkomfortabel vor einigen Monaten schon den türkischen Flughafen Ercan gebucht hatte und später feststellen musste, dass das keine sonderlich gute Idee war. Hinzu kam die Reiseroute, die inzwischen weniger Spaß macht. Zwar bin ich nicht ängstlich, aber eine Anreise via Europa wirkte sicherer, da die Türkei zwar nur an ihren östlichen Grenzgebieten zum Iran gefährdet zu sein scheint, aber man muss es nicht herausfordern.
Auf Zypern erwartet mich dann eine ganz besondere Herausforderung: Wegen der langen britischen Präsenz auf Zypern, zunächst als britisches Protektorat und später als Kronkolonie (1878 – 1960) fährt man auf der Insel auf der falschen Seite. Ich hatte auch hier ein fragwürdige (?!) Entscheidung getroffen und schon in Deutschland ein Auto gemietet. Ich wurde dann noch einmal vom Verleiher hereingelegt, da der gemietete Nissan Micra natürlich kein Navigationssystem an Bord hatte und ich ein Upgrade benötigte. Ich traf eine strategische Entscheidung und nahm mir vor: Im Zweifel räume ich anderen Autos grundsätzlich Vorfahrt ein, bin aber überrascht, dass es relativ gut funktionierte sich an den Linksverkehr zu gewöhnen. Mein Hotel liegt immerhin 140 Kilometer vom Flughafen Larnaca entfernt und glücklicherweise waren überwiegend lange Autobahnstrecken zu absolvieren. Abends traf ich noch Ulrich Stock von der Wochenzeitung „Die ZEIT“ zum gemeinsamen Abendessen und Austausch erster Informationen. Er hatte bereits erste Gespräche mit Spielern geführt.
Minus-Eins-Tag
Noch ein Tag bis zu den Spielen. Der Samstag ist als „Mediatag“ deklariert, bietet aber maximal Möglichkeiten sich für die kommenden Tage lose zu Gesprächen zu verabreden. Natürlich wollen Spieler so kurz vor dem Turnier keine Gespräche mehr führen. Insofern beschränkte ich mich auf das Beobachten und das Begrüßen mir bekannter Personen. Mit Rasmus Svane und Matthias Blübaum kam natürlich kein Gespräch zustande, immerhin konnte ich ihm viel Erfolg wünschen, später auf der Bühne räumte er nach der Vorstellungsrunde ein, dass sich acht mal 12,5 auf 100 addieren, er glaube seine Chancen seien niedriger, aber er nimmt diesen Hinweis gerne auf.

Die Vorstellungsrunde war wegen besserer Fragen kurzweiliger als noch in Toronto und die meisten Reden der Honoratioren recht angenehm kurz. Indien, die USA, China, Kasachstan, Usbekistan, die Niederlande und natürlich eine Vertreter Zyperns waren zur Eröffnungsfeier gekommen. Matthias Blübaum erhielt keine Unterstützung durch die deutsche Botschaft in Nikosia. Was soll ich mich aufregen, aber natürlich könnte der deutsche Botschafter auf Zypern, das ist ein gewisser Hans Peter Jugel, selbst vorbeikommen oder jemanden vorbeischicken, wenn nach 35 Jahren wieder ein deutscher Spieler versucht Weltmeister im Schach zu werden.
Bleiben wir bei den Anwesenden: Ivan Cheparinov ist als Sekundant der Favoritin Zhu Jiner angereist. Nach erfolglosen Coachings von Alireza Firouzja (Madrid 2022) und zuletzt Nurgyul Salimova (Toronto 2024), soll es diesmal mit einer echten Favoritin am Start klappen. Der russische Großmeister Daniil Dubov scheint Kateryna Lagno zu coachen, zumindest saßen die beiden bei der Eröffnungsveranstaltung zunächst zusammen, bis Lagno auf die Bühne gerufen wurde. In Toronto 2024 war noch Andrey Esipenko ihr Sekundant, der muss aber diesmal selbst ran. Einige Coaching-Beziehungen sind bekannt wie Roman Vidonyak, der für Javokhir Sindarov und vermutlich auch seine Freundin Bibisara Assaubaeva tätig ist. Smeets tauchte mit Anish Giri auf und die beiden hatten gute Laune mitgebracht. Fabiano hatte seine beiden bekannten Sekundanten Grigoriy Oparin und Christian Chirila.


Eine Showeinlage und ein gemeinsames Essen beschlossen den Tag und manche zogen noch in den Nachtklub des Hotels weiter. Dort ließ sich immerhin FIDE-Präsident Arkadij Dvorkovic blicken. Spielerinnen und Spieler sowie die meisten Sekundanten und Moderatoren gingen allerdings wohl früh schlafen.


Was mich erwartet und ich erwarte
Drei Wochen erstklassiges und vermutlich dramatisches Schach liegen vor mir und der Schachwelt. Auf Zypern finden die Kandidatenturniere in der offenen Klasse, also der Männer, und der Frauen statt. Jeweils acht Spielerinnen und Spieler treten zweimal mit vertauschten Farben gegeneinander an und ermitteln die Herausforderer für die Weltmeister. Bei den Frauen ist das die Chinesin Ju Wenjun, die seit 2018 Weltmeisterin im klassischen Schach ist. Bei den Männern wartet der 19-jährige Gukesh Domaraju, der in Singapur 2024 den Thron bestieg.
Die Frauen bekommen weniger Zeit zum Nachdenken und zwar bis zum 40. Zug 90 Minuten und 30 Sekunden für jeden ausgeführten Zug (Inkrement). Den Männern gönnt die FIDE zwei Stunden für 40 Züge und erst danach gibt es in beiden Turnieren 30 Minuten für die Restpartie und den üblichen Zeitaufschlag von 30 Sekunden je Zug. Der Unterschied kam wegen unterschiedlicher Umfrageergebnissen von Spielerinnen und Spielern zustande.
Die Favoriten sind bei den Männern nach meiner Einschätzung ein US-Amerikaner, ein Inder und ein Usbeke. Erfreulich ist die Teilnahme des deutschen Schachgroßmeisters Matthias Blübaum, der als erster Deutscher seit Robert Hübner seine Hand in Richtung Weltmeistertitel – Matthias würde sich selbst vermutlich nur einen Finger zugestehen – ausstreckt. Der Schach-Reporter und Herausgeber Stefan Löffler, hatte im FAZ-Sportteil am Freitag gemeldet, dass Vincent Keymer seinen Nationalmannschaftskameraden ebenfalls unterstützt hat: „Keymer ist nicht ganz draußen sondern als Sparringspartner dabei. Geheime Trainingspartien haben sie gespielt, damit Blübaum sich auf die selten praktizierte Bedenkzeitregelung ohne 30-Sekunden-Bonus vor dem 40.Zug einstellen konnte.“
Der Weltschachbund FIDE übernimmt die Kosten für die Unterkunft der Spieler ab Donnerstag (26. März), insofern waren einige Spielerinnen und Spieler im Luxus-Ressort St. Georges bei Pegeia auf Zypern bereits etwas länger anwesend. Die Deutschen waren am Donnerstag angereist. Los geht es am Sonntag.

Bei den Frauen ist die Situation vor dem Turnier ebenfalls spannend. Eine Turnierfavoritin, die Inderin Koneru Humpy, ist wegen Sicherheitsbedenken – eine Drohne oder Rakete, abgeschossen von der libanesischen Terrorgruppe Hisbollah, hatte Anfang März für kleinere Schäden auf einem britischen Militärflughafen Akrotiri gesorgt und eine Sperrung des Flughafen Paphos wurde durch Drohnen verursacht – bereits ausgestiegen und wurde von der Ukrainerin Anna Muzychuk kurzfristig als Teilnehmerin ersetzt. Die ersten Partien sind zeitgleich ebenfalls am Sonntag vorgesehen.
Divya Deshmukh (IND) – Anna Muzychuk (UKR)
Vaishali (IND) – Bibisara Assaubaeva (KAZ)
Alexandra Goryachkina (RUS) – Kateryna Lagno (RUS)
Zhu Jiner (CHN) – Tan Zhongyi (CHN)
Die Favoritinnen sind sicherlich die zwei Chinesinnen Zhu Jiner und Tan Zhongyi, die das letzte Kandidatenturnier dominierte, aber an ihrer Landsfrau im Titelkampf scheiterte. Im Feld der Frauen sind noch zwei starke Russinnen und zwei Inderinnen dabei. Es geht im Kandidatenturnier auch um die Vorherrschaft der Chinesinnen im Weltschach. Zwar hatten die Inderinnen bei der letzten Schacholympiade in Budapest 2024 gewonnen, aber China war nur mit einem B-Team angetreten.
Der Zeitplan folgt dem gleichen Schema wie im letzten Kandidatenturnier in Toronto 2024. Nach vier Runden folgt der erste Ruhetag. Dann wissen wir vermutlich mehr über die Chancen der Teilnehmer. Statistische Auswertungen ergaben, dass spätere Sieger immer in einer der ersten zwei Partien voll punkteten. Auch waren Sieger bereits zur Halbzeit zumindest gemeinsam vorne.
Fotos: Michal Walusza (FIDE Chess).