Foto: Dariusz Gorzinski. Wijk aan Zee 2026.
Selbst in Turnierpartien kommen immer wieder Fehler vor, die kaum jemand erklären kann. Ein aktueller Vorfall und eine Warnung.
Von Thorsten Cmiel
In meiner Jugend war ich von einem Bild in einem Comic fasziniert, das eine Unmöglichkeit zeigt: Lucky Luke. „Der Mann, der schneller zieht als sein Schatten.“ Lucky Luke ist die weltberühmte Cowboy-Titelfigur einer belgischen Comic-Serie des Zeichners Maurice De Bevere alias Morris, die 1946 erstmals erschien.
Adaptiert man dieses Gedankenbild für das Schachspiel, dann kommt es zu einer etwas anderen Nuancierung. Seit einiger Zeit hat sich insbesondere im englischen Sprachraum das Bild von „Handzügen“ verfestigt. Gemeint ist, dass es Situationen gibt in denen die Finger einen scheinbar natürlichen Zug ausführen wollen und es dann tatsächlich tun, obwohl die Idee noch gar nicht richtig durchdacht ist. Das ist beim Schach natürlich eine nicht unerhebliche Fehlerquelle. Anmerkung: Manche Trainer und Spieler formulieren etwas nachlässiger und meinen Züge, die so einfach sind, dass sie kein Nachdenken erfordern.
Das Vorspiel
Wenige Tage zuvor hatte der Usbeke in einer Remis-Stellung gegen Ian Nepomniachtchi noch rumgealbert mit seinem Springer. das fanden einige Fans und Moderatoren cool. In Wirklichkeit zeigt das Video einen Mangel an Professionalität und einen Anflug an Überheblichkeit.
We Got Pro Chess Players RageBaiting in 2026 🤯 🎷 pic.twitter.com/GicdYMGGFw
— JustMoveChess (@justmovechess) June 10, 2026
Das Malheur des jungen Nodirbek
In der Partie der achten Runde des Masters im usbekischen Tashkent ist es dem Turnierfavoriten Nodirbek Abdusattorov nicht gelungen, eine mehr als ausgeglichene Stellung gegen den griechischen Großmeister Nikolas Theodorou herauszuholen. Dann passierte in der folgenden Stellung dem Usbeken ein Unfall auf dem Schachbrett, der eine Art Vorgänger hat.
Mit seinem letzten Zug hatte der Grieche seinen König von h4 nach g3 gezogen und damit den schwarzen Turm attackiert. Abdusattorov schrieb den Zug auf und wollte seinen König nach d5 ziehen. Dann bemerkte er sein Malheur. Sein Gegner hatte nicht wie erwartet auf g6 mit dem Turm ein weiteres Schach geboten, sondern zunächst den gegnerischen Turm auf f2 attackiert. Nodirbek reagierte also auf den falschen Zug. Dieser Aussetzer kostet den Usbeken etwa fünf Ratingpunkte und möglicherweise die Top-Position im usbekischen Team bei der heimischen Schach-Olympiade.
Check out that moment when Nodirbek Abdusattorov blundered a full Rook and had to resign against @NikTheodorou in Round 8 of the @UzchessCup Masters 2026! pic.twitter.com/0t6SHb2LnZ
— ChessBase India (@ChessbaseIndia) June 14, 2026
Die Turnierregeln besagen, dass man eine Figur, die man mit der Absicht sie zu ziehen berührt hat auch ziehen muss. Da der Usbeke keine Ausrede mehr hatte – er konnte mit dem König den Turm nicht angreifen beispielsweise – und den König ziehen musste, ging in der Konsequenz ein ganzer Turm verloren. Nodirbek gab nach einigen Augenblicken auf.
Der Shankland-Unfall
Bei der Schacholympiade 2022 in Chennai ist neben der Entscheidungspartie von Gukesh und Nodirbek Abdusattorov vor allem eine Szene in Erinnerung geblieben, die eine Ähnlichkeit mit dem aktuellen Fall hatte und die US-Amerikaner letztlich zurückwarf im Rennen um die Goldmedaille.
Der Armenier Robert Hovhannisyan überlegte an seinem Zug mit Schwarz. Der wahrscheinlichste Zug ist hier das Schachgebot mit der schwarzen Dame auf h1. Gegen den Zug musste sich der US-Amerikaner Sam Shankland vorbereiten. Er war allerdings zu sehr im Tunnel und bemerkte ein winziges Detail nicht.
Wie man solch eine Situation vermeidet
Manche Trainer empfehlen ihren Schützlingen sich auf die eigenen Hände zu setzen. Vielleicht kein schlechter Rat. Im Turnierschach kann vermutlich jeder Spieler in seiner Karriere über mehrere solcher „Fingerfehler“ berichten. Bei Großmeistern und in Turnierpartien mit klassischer Bedenkzeit sind solche Aussetzer natürlich seltener und werden heutzutage zumindest in wichtigen Turnieren auf Video festgehalten.