Foto: Lennart Ootes (Tata Steel Chess).
In der achten Runde spielte Gukesh nach zwei schmerzhaften Niederlagen in Folge erneut eine engagierte Partie, der man phasenweise nur staunend zuschauen kann. Der Weltmeister geht weiterhin Risiken ein und vertraut seinen Rechenkünsten. Kritik am Weltmeister kommt bisher vor allem von Couch-Analysten aus den Sozialen Medien, die Klicks wollen. Sie sollten zukünftig stumm bleiben und den 19-jährigen Weltmeister sich weiter entwickeln lassen. Die anderen dürfen sich aus grandiose Leistungen des Jungen aus Chennai freuen.
Gukesh hat bekanntlich einen ganz besonderen Weg an die Weltspitze zurück gelegt. In den ersten Jahren bis zur Großmeisterreife verzichtete er auf das Arbeiten am Rechner und entwickelte was heutzutage seine größte Stärke ist: seine Kalkulationen sind tiefer als die anderer Spieler. Aber pures Rechnen hilft oft nur bis zu einem bestimmten Punkt. Man muss die vor dem geistigen Auge vorhandenen Stellungen auch richtig bewerten können. Die vorliegenden Partie gegen Vladimir Fedoseev (31), der Russland wegen des Ukraine-Krieges den Rücken gekehrt hat und inzwischen für Slowenien antritt.
Gukesh ist sein eigener Kopf. In einem Interview sagte der indischen Großmeister Vishnu Prasanna, sinngemäß den aus meiner Sicht legendären Satz: Würde Gukesh die gleichen Lösungen im Kopf haben wie er, würde er sich als Trainer Sorgen machen.

Die Eröffnungsphase ist vorbei und die Stellung scheint etwa ausgeglichen zu sein. In dieser Stellung ist Gukesh am Zuge. Es geht darum, eine wichtige grundsätzliche Entscheidung vorzubereiten. Weiß will offensichtlich jetzt oder nach weiterer Vorbereitung im Zentrum zuschlagen. Die grundlegende Frage lautet also: wie man mit Schwarz dem begegnen will. Oft haben Züge Vor- aber auch Nachteile. Wie sollte Schwarz hier warum fortsetzen?
Hier ist erneut Schwarz am Zuge. Wie sollte Gukesh auf den Schlag im Zentrum reagieren? Wer in der vorherigen Diagrammstellung wie Gukesh seinen Turm nach c8 gezogen hat, sollte die Antwort auf den e-Bauern bereits berechnet haben. Oder?

Vladimir Fedosseev hatte zuletzt seinen e-Bauern vorgezogen. Wie geht es weiter? Und vor allem wie ist die Stellung nach der besten Fortsetzung einzuschätzen? Spoiler: Gukesh lag natürlich richtig.
Hat sich Gukesh verrechnet? Jetzt sind beide schwarzen Läufer angegriffen (g7 und b7). Wie sollte er hier fortsetzen und was ist von der Stellung zu halten? Wer die vorherigen Verwicklungen richtig berechnet hat, der kann sich überlegen, ob die eigene Entscheidung vorher richtig war.

Relativ einfach diesmal. Gukesh hat aktuell einen Bauern für die Figur weniger. Noch allerdings ist die weiße Springer aus dem Spiel. Gukesh musste also möglichst energisch nachsetzen. Wie sollte er hier weiterspielen und das Materialverhältnis etwas zu seinen Gunsten verbessern?
Ein bekanntes Prinzip bei der Stellungsbewertung lautet, dass es nicht darauf ankommt wie Figuren aktuell wirken, sondern welche Figuren auf dem Brett übrig bleiben. Man kann das noch etwas anders formulieren und adaptieren. Welchen Zug hat Gukesh hier wohl gespielt?
Das Ende naht. Welchen Zug spielte der Inder hier?
André Schulz war zu Beginn des Turniers in Wijk aan Zee dabei und hat seine Eindrücke für die Newssite von Chessbase ausführlich beschrieben. Den größten Fanandrang verursacht natürlich der Schach-Weltmeister aus Indien.

Diese Grafik ist ein Screenshot von Lichess, die einen sehr gut organisierten Eindruck macht, anders als die Turnierdarstellung beim Marktführer Chess.com. Dort ist der Informationsbereich zum verfolgen von Turnieren eher schlecht organisiert.
Fotos: Lennart Ootes (Tata Steel Chess), Dariusz Gorzinski.