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Was bei den deutschen Frauen jetzt ansteht

Foto: Dariusz Gorzinski. Bearbeitet mit KI.

Paul Meyer-Dunker kann sich noch kurze Zeit freuen über das Abschneiden des Männerteams in Samarkand. Will der Präsident des Deutschen Schachbundes ebenfalls die Frauen auf einen langfristig erfolgreichen Pfad in die Zukunft führen, dann kommt es jetzt auf seine Führung an. Denn ein „Weiter so“ und etwas Kosmetik hat keine Chance auf mittelfristigen Erfolg.

Ein Debattenbeitrag von Thorsten Cmiel

Beginnen wir unsere Betrachtungen mit einer Momentaufnahme in Samarkand. Dem deutschen Frauen-Team ging nach erfolgreichem Start nach hinten heraus erkennbar die Puste aus. Allerdings war schon früh sichtbar, dass die Spielerinnen in keiner guten Form waren. Vorne startete Elisabeth Pähtz zunächst durch und Dinara spielte zumindest sicher, man hatte aber selten den Verdacht, dass sie nah an einem vollen Punkt ist. Ihr fehlt gefühlt seit einiger Zeit die notwendige Risikobereitschaft scheint mir. Auch für das deutsche Team galt natürlich, dass für eine Platzierung auf dem Setzlistenplatz alle Spielerinnen ungefähr ihre Normalleistung bringen sollten. Es lief leider anders: Addiert man die eingefahrenen Ratingverluste der deutschen Frauen zusammen, kommt man auf ein Minus von etwa 59 Elo-Punkten. Vor allem die Spielerinnen an den Brettern vier und fünf blieben weit hinter ihren Erwartungen zurück. Von den Einzelkämpfen her sind Niederlagen gegen die Teams aus Kasachstan (1.5 – 2.5) und Indien (0.5 – 3.5) durchaus einzupreisen. Die Niederlagen gegen Indonesien und Lettland waren eher negativ überraschend.

Für den etwas verwegenen Blick nach ganz vorne sollte man beachten, dass die Top-Teams aus Profispielerinnen bestehen und die deutschen Spielerinnen weitgehend Amateure sind. Daher ist eine Medaille bei den Frauen auf Weltniveau für Deutschland perspektivisch mit diesem Kader eher nicht erreichbar. In Europa ist ein gutes Abschneiden schon eher drin. Das Ergebnis der Frauen in Samarkand ist allerdings unter dem Maßstab der eigenen Erwartungshaltung – das Team war auf Platz 10 in der Setzliste – zu beurteilen und kann nur als unzureichend quantifiziert werden.

Der ehemalige Leistungssportreferent des Deutschen Schachbundes bezeichnet das Abschneiden der Deutschen Frauen als Tiefpunkt. Dabei erwähnt Gerald Hertneck auch sein eigenes Powergirls-Konzept als gescheitert. Tatsächlich argumentiert Hertneck ständig mit Elozahlen und ist damit selbst symptomatisch für ein grundsätzliches Problem, nämlich der strukturellen deutschen Kurzsichtigkeit im Leistungsschach und fehlender konzeptioneller Herangehensweise. Sicherlich erkannt ist inzwischen: Es reicht nicht einfach nur mehr Geld in die Hand zu nehmen.

Was jetzt passieren soll

Der Präsident des Deutschen Schachbundes will neue Mittel für Spitzensport bei den Frauen einsetzen und hofft auf mehr Talente durch eine breitere Förderung. Dabei setzt er sich einem Interview zufolge für harte Kriterien ein: Wer nicht genügend spielt, wird im Zweifel „ausgekadert“. Ein erkennbares Ergebnis verstärkter Bemühungen im Leistungssport bei den Frauen und Mädchen kann man realistischerweise frühestens in sechs bis acht Jahren erhoffen. Bei den Mädchen ist eine größere und frühere Auswahl zum Herausfiltern der Top-Talente sicherlich der erste notwendige Schritt. Danach kann man auf eine gezielte Förderung besonders motivierter und herausragender Talente, ähnlich wie bei der 2008 installierten Prinzen-Gruppe, hoffen. Aber das wird nicht reichen. Kaderspielerinnen sollten perspektivisch auf den Titel des Internationalen Meisters hinarbeiten und nicht nur auf Frauenturniere setzen.

Wäre Paul Meyer-Dunker mutig, dann würde er erkennen und zugeben, dass die aktuelle Nominierungspraxis für die Nationalmannschaft bei den Frauen und Mädchen neu justiert gehört. Formulieren wir es ein wenig populistisch: Der deutsche Leistungssport folgt seit Jahrzehnten im organisierten Schach dem Bonmot: Viele Köche verderben den Brei.

Der Deutsche Schachbund hat beim Thema Förderung des Spitzenschach bei den Frauen einen Bundestrainer, einen Leistungssportreferenten, einen Kommission für Leistungssport, einen Sportdirektor, einen Vizepräsidenten Sport, eine Frauenreferentin, eine Aktivensprecherin und neuerdings noch einen Präsidenten, den das Thema ebenfalls interessiert. Alle haben natürlich ihre wichtigen Aufgaben und ihre Berechtigung. Diese komplexe Struktur mit Stakeholdern wird allerdings kaum die Kraft aufbringen, Änderungen bei der Nominierung der Nationalmannschaft herbeizuführen und möglicherweise harte Entscheidungen zu treffen bei der Kaderaufstellung. Das wäre konzeptionelle Chefsache.

Der jetzige Kader hat keinerlei Perspektive bei den anstehenden nächsten internationalen Aufgaben wesentlich erfolgreicher zu sein. Wäre Meyer-Dunker mutig, dann würde er sich das jetzt eingestehen. Der Deutsche Schachbund könnte sogar bei der nächsten Schacholympiade wie andere Nationen – am ersten Brett von England spielt beispielsweise Bodhana Siwanandan mit elf Jahren bereits ihre zweite Schacholympiade – neben einer oder zwei erfahrenen Spielerinnen verstärkt auf die nächste Generation setzen und dadurch bereits jetzt einen Wettlauf um die Plätze initiieren. Solch ein Schritt wäre nicht leicht umzusetzen in der Breistruktur des Schachbundes, denn die Ratings als wichtigstes Auswahlkriterium müssten bei den Frauen ausgesetzt werden. Ein mutiger Präsident in dem Sinne wäre angreifbar, Kevin Högy und Paul Meyer-Dunker müssten einen solchen Weg wegen möglicher Risiken beim Abschneiden in Abu Dhabi 2028 daher vorbereiten in der Öffentlichkeit und vor allem im Brei.

Es wäre für die Spielerinnen künftiger Generationen jedenfalls wertvoll, früh Erfahrungen auf der größten Bühne sammeln zu können. Bei den älteren aktuellen Nationalspielerinnen müsste Meyer-Dunker für eine solche Lösung freilich noch werben, denn die eine oder andere würde gefühlt ihren Platz verlieren. Es wäre erfreulich, wenn dem Schachbund gelänge, die jetzige Generation (Dinara Wagner 27, Elisabeth Pähtz 41, Hanna Marie Klek 31, Jana Schneider 24, Lara Schulze 24 und Josefine Safarli 28) der Kaderspielerinnen dauerhaft und möglichst vollständig in ein weitergehendes Leistungssportkonzept als Mentorinnen oder Trainerinnen einzubinden. Der Deutsche Schachbund scheint einen zuvor beschriebenen Teil übrigens schon anzugehen. Ich bin also ganz guter Dinge, dass wir in einigen Jahren eine erfolgreichere Frauenmannschaft sehen werden und nicht wieder von weiteren Tiefpunkten hören.

Fotos: Michal Walusza und Rafal Oleksiewicz/FIDE.


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