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Das Titelfoto zeigt eine AI-generierte Enigma

Jeder Spieler gerät gelegentlich in Schwierigkeiten. Dann zeigt sich eine Eigenschaft, die unterschätzt und nicht gut trainiert werden kann: Widerstandsfähigkeit zeigen. Anhand von Big-Swing-Partien kann man oft bei starken Spielern noch nachvollziehen wie sie eine schlecht stehende Partie noch zum Kippen gebracht haben.

Von Thorsten Cmiel

Meine Definition

Big-Swing-Partien sind Schachpartien, die für eine Seite bereits objektiv gewonnen waren, aber am Ende noch kippen oder zumindest im Verlauf gekippt sind, also in der Bewertung einen Big-Swing beinhalten (Gewinnstellung wird Ausgleich und geht im idealen Fall sogar noch verloren). Das passiert in der Praxis natürlich gelegentlich durch einen groben Fehler. Aber analytisch interessanter sind Partien in denen starke Spieler durch harte Gegenwehr solche Swings „erzwingen“. Grobe Fehler sind dabei gar nicht notwendig. Ein Vorteil kann sich auch nach mehreren Ungenauigkeiten verflüchtigen.

Kunst der Verteidigung

Natürlich muss der Gegner irgendwie mithelfen, damit eine eigentlich verlorene Partie noch remisiert oder sogar noch gewonnen werden kann. Aber wer glaubt das sei Glück, der unterschätzt den psychologischen Effekt, den Hartnäckigkeit bei der Verteidigung auslösen kann. Während starke Spieler darauf setzen sich im Verlauf zu wehren, versuchen manche Spieler einen „letzten“ Trick. Falls der nicht gut genug verpackt ist, ist das eher eine Strategie, die zur unweigerlichen Niederlage führt.

Beginnen wir mit einem Beispiel von der Schacholympiade 2022 in Chennai. 2022 hatte ich mich beim Covern auf die zweite indische Mannschaft spezialisiert und lag nicht ganz falsch mit meiner Wahl. In der indischen Presse gab es zu der folgenden Partie sogar eine eigene Nachricht. Der Volksheld Praggnanandhaa, Pragg, hatte die längste Zeit der Partie auf Verlust gestanden. Irgendwann zahlte sich sein Widerstand aus und er konnte die Stellung wieder ausgleichen. Am Ende verlor sein Gegner, der schweizerische Großmeister Yannik Pelletier, sogar auf Zeit. Pragg gelingt durch Geschick den Gegner immer wieder vor neue Aufgaben zu stellen. Beide Spieler begehen Fehler. Letztlich wird dem schweizerischen Großmeister zum Verhängnis, dass er oft viele gute Optionen hatte und die Auswahl ihn viel Zeit kostete. Es kommt unweigerlich eine Erschöpfungsphase, die beide Spieler erfasst zu haben scheint.


Die Fotos stammen von der Schacholympiade. Yannick vor der Partie und Pragg zwei Tage später.

Die Entscheidungspartie

Eine andere Partie von der Schacholympiade ist mir ebenfalls gut in Erinnerung geblieben, die sogar großen Einfluss auf die Schachgeschichte genommen hat. Nodirbek Abdusattorov verteidigt sich stoisch und auch in dieser Partie gibt der Weiße seinem Gegner Hoffnung, weil der gegnerische König lange etwas luftig steht.

Frauen Grand-Prix in Pune 2025

Es gab manche bemerkenswerte Comebacks im Turnier. Einige wollen wir uns hier kurz anschauen. Oft sind Fehler das Ergebnis hartnäckiger Verteidigung vorher und haben natürlich genauso etwas mit der Unsicherheit der Spielerinnen während der Partie zu tun. Betrachten wir zwei Partien der Bulgarin Salimova, die zwei große Vorteile letztlich nicht verwerten konnte.


Die folgende Partie ist sogar der ultimative Bewertungsswing. Beide Spielerinnen hatten Chancen einen vollen Punkt zu kassieren. Es sollte allerdings nicht sein. Solche Partien machen Zuschauern sicher mehr Spaß als Siege, die nach kleinen Ungenauigkeiten stetig aufsteigende Bewertungen zeigen und letztlich fehlerlos über die Bühne gehen. Vielleicht ist das auch der Grund weshalb Mikhail Tal so beliebt und Anatoly Karpov so unterschätzt wird. Karpovs Spielstil ist aus Sicht des Spielers sicherlich weniger emotional aufwühlend. Im Englischen spricht man von Spielstil oder einzelnen Zügen, die „karpovian“ sind.


Das Titelfoto zeigt eine AI-generierte Enigma Jeder Spieler

Die unkommentierten Partien im indischen Grand Prix der Frauen zum Nachspielen und herunterladen.

In der zweiten Hälfte ging es spannend weiter. Zhu Jiner sah lange Zeit wie die souveräne Führende aus. In der fünften Runde hatte sie nur mit Glück gegen Nurguyul Salimova einen halben Punkt erreicht und konnte so ihre Führung beibehalten. Bis sie in der siebten Runde gegen Koneru Humpy verlor, die gegen ihre beiden direkten Konkurrentinnen in diesem Turnier, Divya und Zhu, zwei volle Punkte erzielen konnte. In der achten Runde sah es nach einem erneuten Führungswechsel aus als Zhu Jiner die jüngste Inderin im Feld besiegte und Koneru Humpy lange Zeit auf Verlust stand. Die Partie ging allerdings Remis aus und in der Schlussrunde gewannen beide Führende ihre Partien souverän.

Runde 6

Die führende Chinesin Zhu Jiner gewann genau wie die Inderin Koneru Humpy, die erneut eine starke Partie ablieferte. Divya remisierte gegen ihre Landsfrau Harika Dronavalli und konnte das Tempo vorne nicht mehr mitgehen. Dramatisch verlief erneut die Partie der Bulgarin Nurgyul Salimova, die letztlich erneut nicht erfolgreich war, aber zwischendrin einen großen Vorteil bereits verspielt hatte.







Runde 7

Führungswechsel. In dieser Phase ging es vorne nur noch um die Frage, ob Zhu Jiner das Turnier ungeteilt gewinnen würde und damit ihre Chancen für die Qualifikation zum Turnier der Kandidatinnen verbessern könnte. Die direkte Begegnung zwischen den zwei Führenden im Turnier konnte insofern eine kleine Vorentscheidung bringen. Die Partie nahm einen dramatischen Verlauf und die Inderin übernahm die Führung. Divya konnte zur Chinesin durch einen schicken Sieg aufschließen und verblieb mit einer Chance auf eine Großmeisternorm.







Runde 8

Zhu Jiner schlägt in dieser Runde Divya und lässt keinen Zweifel daran, dass sie sich zurück kämpfen will an die Spitze. Ein Drama ereignete sich in der Partie von Alina Kashlinskaya und Koneru Humpy. Die Inderin stand klar auf Verlust, aber ihre Gegnerin wickelte mit Turmtausch in ein ausgeglichenes Endspiel ab.







Runde 9

Während bei manchen Spielerinnen die Luft bereits erkennbar raus war, kämpften Koneru Humpy und Zhu Jiner um den Turniersieg. Und beide lieferten. Bemerkenswerterweise hatten beide Spielerinnen nach der Zeitkontrolle ein Turm-Springer-Endspiel auf dem Brett mit ähnlicher Bewertung, die eine Gewinnstellung andeutete. Zuerst gewann die Chinesin.







Schlussbetrachtung


Offizielle Homepage

Fotos: Abhilash Shinde, Chaitanya (FIDE CHESS)


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Die unkommentierten Partien im indischen Grand Prix

Titelgrafik: Mehmet Ismail

Der Wettkampf von Ding Liren und Gukesh Ende 2024 in Singapur und der aktuellen WM-Kampf um die Frauen-Weltmeisterschaft zwischen den Chinesinnen Ju Wenjun und Tan Zhongyi sind objektiv auf ähnlich hohem Niveau gewesen. Es gab aber auch Unterschiede.

Von Thorsten Cmiel

Leider haben moderne Engines im Schach nicht nur die Objektivität der Analysen gestärkt, sondern auch die Bereitschaft Spielerinnen und Spieler verstärkt zu kritisieren. Dabei meine ich nicht in erster Linie Journalisten und Trainer, sondern Zuschauer in den sozialen Medien, die mit den stärksten Bewertungstools aller Zeiten bewaffnet sind und das Geschehen weder historisch noch praktisch einschätzen können. Wenn eine Frauenweltmeisterschaft gespielt wird, dann kommt ein anderer, ärgerlicher Faktor hinzu mit dem sich die Schachwelt schon länger auseinander setzen muss: Frauen wird oft nicht der erforderliche und verdiente Respekt gezollt. Dennoch muss man sie kritisieren dürfen, dann aber mit Fakten und Argumenten. Es folgt ein Versuch einer ausgewogenen Analyse der Frauen-Weltmeisterschaft.


„Selten verlief eine Frauen-Weltmeisterschaft so einseitig wie diese, obwohl hier mit Ju Wenjun und Tan Zhonqui die Zweite und die Dritte (…der Weltrangliste bei der…) Frauenweltmeisterschaft aufeinandertreffen.“

André Schulz (Chessbase-Redakteur) nach acht Runden.

Gerald Hertneck ist Großmeister und Leistungssportreferent des Deutschen Schachbundes, zitiert Schulz und geht zumindest in der Überschrift einen gefühlten Schritt weiter, indem er provokant fragt: „Weltmeisterschaft oder Farce?“ Leider geht Gerald der Frage nicht weiter auf den Grund. So bleibt die gestellte Frage offen und lediglich ein Eindruck, der falsch interpretiert werden könnte. Die Überschrift sollte vermutlich vor allem Aufmerksamkeit erzielen. Bevor ich der aus meiner Sicht legitimen Frage der Qualität nachgehe, seien zur besseren Einordnung einige historische Wettkampfergebnisse erwähnt.

Historisch deutliche Siege

In der Schachgeschichte gab es in einigen Wettkämpfen deutliche Resultate auf dem Weg zum Weltmeistertitel und bei den Wettkämpfen selbst. Erinnert sei zunächst an die spektakulären Siege von Robert James, genannt Bobby Fischer (1943 – 2008). Fischer deklassierte Taimanov und Larsen mit Sechs zu Null und gewann gegen Tigran Petrosjan im Finale der Kandidatenkämpfe mit 6.5 zu 2.5. Genau wie jetzt Ju Wenjun. Den Weltmeisterschaftskampf 1972 in Reykjavik gewann Fischer trotz einer kampflosen Niederlage mit 12.5 zu 8.5 deutlich nach allerdings 21 Partien. In der jüngeren Historie kann noch der letzte Weltmeisterschaftskampf von Magnus Carlsen erwähnt werden, der 2021 in Dubai gegen Ian Nepomniachtchi mit 7.5 zu 3.5 ebenfalls vorzeitig seinen Weltmeisterschaftskampf gewann. Als entscheidend für den Erfolg wurde nach ausgeglichenem Start die sechste Partie angesehen, die 136 Züge dauerte und durch die Carlsen erstmals in Führung ging. Sein Gegner war geknackt.

Singapur 2024: Gukesh – Liren

Einer, der sich beruflich mit Datenanalysen und deren Interpretation beschäftigt ist Mehmet Ismail, Wirtschaftswissenschaftler und Spieltheoretiker für Norway Chess im Einsatz. Ismail untersucht regelmäßig Top-Events im Schach und verfeinert seine Analysemethoden. So hatte Ismail den Weltmeisterschaftskampf 2024 in Singapur, den letztlich der Inder Gukesh gewann, einer historischen Analyse unterzogen. Ismail bescheinigte dem Geschehen eine historisch betrachtet hervorragende Qualität. Es mag sein, dass das Wissen um Eröffnungsvarianten und Endspiele beispielsweise Einfluss auf diesen generellen Trend im Schach genommen hat. Aber auch bei Top-Spielern kommen Fehler weiterhin vor. Wer mehr wissen will, der sei auf den Artikel hingewiesen.


Shanghai/ Chongqing: Ju Wenjun – Tan Zhongyi

Was Ju Wenjun auszeichnet

Ju Wenjun gewinnt mit diesem Wettkampf zum fünften Mal die Weltmeisterschaft der Frauen im Schach. Trotz einer frühen Niederlage hatte sie es nach eigener Aussage geschafft sich in ihre Komfortzone zu spielen. Zu den wichtigsten Stärken von Ju Wenjun gehört ihr positionelles Verständnis und ihr Endspielverständnis. Von beiden Eigenschaften profitierte die Chinesin während des Wettkampfes.

„Vielleicht hängt mein Spielstil in gewisser Weise mit meiner Erziehung zusammen – ich bin eher solide und vergleichsweise nicht so aggressiv“.

Ju Wenjun nach dem Wettkampf.

Was bei Tan Zhongyi schief lief

Die chinesische Herausforderin hatte ihre Chancen zu Beginn des Wettkampfes. Mit fortschreitendem Verlauf wurde deutlich, dass sie auf ein eingeschränktes Repertoire setzte mit Weiß und mit Schwarz. Das muss kein grundsätzliches Problem sein, aber stellte das gegnerische Team nicht vor allzu große Herausforderungen. Gerade in Situationen, die einen Strategiewechsel in einem Zweikampf erfordern, könnte es hilfreich sein, wenn man die Gegnerin vor neue Aufgaben stellen kann. Nach dem Auftaktsieg in der zweiten Partie hatte Tan eine solche Chance den Charakter des Wettkampfes zu bestimmen. Auf den Überraschungsfaktor in der Eröffnung verzichtete Tan während des gesamten Wettkampfes. Erst in der achten Partie wechselte Tan ihren Aufschlagszug (1.c4) erstmals und zu spät, um die Vorbereitung des gegnerischen Teams noch zu testen.

Was man bei Wettkämpfen von Spielerinnen, die bereits häufig gegeneinander angetreten sind, genauer betrachten sollte, sind vorherige Begegnungen, um die Dynamik besser zu verstehen. Tan und Ju Wenjun hatten bereits 2018 einen Weltmeisterschaftskampf gegeneinander gespielt. Diesen Wettkampf hatte Ju Wenjun damals als Herausforderin gewonnen. In dem Wettkampf hatte Ju Wenjun früh mit zwei Siegen die Führung übernommen, Tan kam heran, verlor erneut, kam heran und versuchte zum Schluss des Wettkampfes in vier Partien erneut auszugleichen. In der letzten Partie hatte Ju Wenjun großen Vorteil nachdem ihre Gegnerin die Hippopotamus-Eröffnung, in deutschen Schachkreisen auch als Feustel-Eröffnung bekannt, spielte, begnügte sich aber mit einem Remis.

Wie der Kampf 2025 kippte

Beginnen wir mit einer eher qualitativen Betrachtung des Geschehens und was aus Sicht eines menschlichen Beobachters zum Wettkampf festzuhalten ist: Bekannt war bereits vor dem Wettkampf, dass Tan Zhongyi tendenziell dazu neigt weniger solide zu spielen als ihre Gegnerin. Dazu gehören gelegentlich in ihren Partien positionell anrüchig wirkende Entscheidungen und positionelle Ungenauigkeiten in ihrem Spiel. Ähnlich wie Gukesh neigt Tan zu einem eher konkreten Spielstil.

Der Zweikampf kippte zwischen der dritten und fünften Partie, die letztlich die Wende im Wettkampf brachten. Betrachten wir diese Entwicklung chronologisch. Die dritte Partie verlor Tan erst spät im Endspiel nachdem es lange Zeit nach einem Remis ausgesehen hatte.


Tan hatte zuvor bereits etwas ungenau agiert, indem sie ihren Läufer statt nach d7 nach d5 stellte. Dabei ging es vor allem um die Möglichkeit dem Eindringen des gegnerischen Königs mit dem Turmtausch via a4 zu begegnen. In der betrachteten Situation war es für diese Idee bereits zu spät. Tan erkannte das nicht und zog im 60. Zug ihren Läufer nach c6. Stattdessen konnte sie mit ihrem Turm nach e2 ziehen und das Gleichgewicht halten. Das war allerdings nicht einfach zu erkennen und mehr eine Art Folgefehler, der letztlich zum Verlust führte.


Eine bekannte Schwäche von Tan ist, dass sie gelegentlich zu schnell oder impulsiv zieht. Auch beim Kandidatenturnier in Toronto, das Tan letztlich klar gewann, gab es solche Situationen. In der hier betrachten vierten Partie hatte Ju Wenjun im 19. Zug eine zweifelhafte Entscheidung getroffen und Tan stand vor ihrem 24. Zug mit Weiß.


Tan Zhongyi zog trotz einer Restbedenkzeit von mehr als einer Stunde flott ihren Läufer nach d6. Mit der Kontrolle des Feldes b8 kam allerdings das sofortige Schlagen mit der Dame auf b6 stark in Betracht und die Instanz im Schach, also der Maschinenraum, sieht großen Vorteil für Weiß. Ein erneuter Sieg für Tan hätte dem Wettkampf mit großer Wahrscheinlichkeit eine völlig andere Dynamik verpasst. Die Partie endete schließlich mit Remis.

(Wer sich für ausführlichere Betrachtungen der dritten und vierten Partie interessiert, der klicke bitte hier.)


Die Entscheidung brachte nach meiner Einschätzung letztlich die fünfte Partie im Wettkampf. Tan war bei ihrem e6-Sizilianer geblieben und spielte diesmal einen Paulsen-Aufbau. Psychologisch geschickt hatte Ju Wenjun eine Spielweise gewählt die ihrer Gegnerin hier eine scheinbare Konzession abverlangte.


Tan steht mit Schwarz vor ihrem 11. Zug. Der eigene Läufer ist durch den weit vorgerückten c-Bauern der Gegnerin auf a7 eingesperrt. Schwarz sollte den gegnerischen Bauern sofort befragen und das funktioniert am besten mit b7-b6. Aber: So hatte Tan bereits einen Zug zuvor nicht gespielt, insofern überraschte ihre Entscheidung gegen diese Befreiungsidee nur teilweise. Stattdessen zog die Chinesin ihren b-Bauern zwei Felder vor, um sich ein Feld für den Springer zu sichern. Das Problem des Läufers auf a7 verschärfte sich dadurch jedoch und auf c4 stand der Springer wackelig, weil Weiß dessen Deckung mit seinem a-Bauernzug nach a4 untergraben konnte.


Ju Wenjun hatte im weiteren Verlauf der Partie ihre Chancen nicht optimal genutzt. Hier stand erneut Tan vor ihrem 17. Zug. Angesichts der Fesslung des c-Bauern auf der Diagonalen a7-g1 bot sich der kurze Bauernzug mit dem d-Bauern an. Tan zog stattdessen ihren f-Bauern nach f5 und schwächte ihre eigene Stellung entscheidend.

(Wer sich für eine ausführlichere Analyse der fünften Partie interessiert klicke bitte hier).

Es gibt noch mehr Gründe zu suchen oder zu erforschen über die allerdings nur die Teams oder die Spielerinnen Auskunft geben können, warum was im Wettkampf nicht wie gewünscht gelaufen ist. Wir wollen diesen Teil mit dem Gesagten bewenden lassen und folgen einer Datenanalyse, um eine objektivierte Meinung über den Wettkampf und dessen Qualität zu erhalten.


Quantitative Betrachtungen

Beim Schach geht es Mehmet Ismail zufolge nicht nur um Präzision, sondern auch darum, kalkulierte Risiken einzugehen. Hierfür hat der Datenexperte den Game Intelligence (GI)-Score entwickelt, der einen Kompromiss zwischen dem Spielen der Hauptvariante und dem Abweichen davon zum Eingehen von gezielten Risiken erfasst.

Betrachten wir die Ergebnisse von Ismail um Weltmeisterschaftswettkampf 2025. Vor allem die Siegerin bringt einen sehr hohen GI-Score von etwa 160 auf die Waage und hat nur relativ wenige Chancen verpasst. Das mag auch an den unterschiedlichen Spielstilen der beiden Spielerinnen liegen, aber zeigt sich natürlich auch im Resultat des Wettkampfes. Ismails Fazit lautet:

„Obwohl es in beiden Wettkämpfen große Unterschiede in den einzelnen Partien gibt, zeigt sich, dass das durchschnittliche Spielniveau gemessen nach den Stockfish-Fehlern mehr oder weniger gleich ist.“


Was die Genauigkeit des Spiels war in beiden Wettkämpfen ähnlich hoch. Das zeigen die Durchschnittswerte der verpassten Punkte. In den Wettkämpfen Liren – Gukesh und Ju – Tan lag der Durchschnitt der verpassten Punkte bei 0,43 bzw. 0,46. Das bedeutet, dass im Durchschnitt in jeder Partie jeder Spieler in einer ausgeglichenen Stellung fast einen Fehler machte, der zum Partieverlust führte.

Wie aus den blauen Balken in der Abbildung ersichtlich ist, stiegen die verpassten Punkte im Wettkampf der Frauen bis zur vierten Partie allmählich an und gingen dann langsam zurück, als Ju Wenjun eine Siegesserie von vier Partien hinlegte. Das Match zwischen Ding und Gukesh war volatiler im Verlauf mit Höhen und Tiefen.


Wer mehr über die Analysen wissen will


Über Mehmet Ismail

Mehmet Ismail ist Dozent für Wirtschaftswissenschaften an der Abteilung für politische Ökonomie des King’s College London. Zu seinem akademischen Hintergrund gehört seine Promotion in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Maastricht. Mehmet hat außerdem einen Master in angewandter Mathematik von der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne und verbrachte ein Semester an der Universität Bielefeld im Rahmen des Erasmus Mundus QEM-Programms.

Neben seiner akademischen Tätigkeit ist Mehmet ein leidenschaftlicher Schachliebhaber und ehemaliger professioneller Backgammon-Spieler. Seine Leidenschaft für Spiele geht weit über das bloße Spielen hinaus; er ist fasziniert von der facettenreichen Welt der Spiele und erforscht alles von theoretischen Grundlagen und praktischen Anwendungen bis hin zu Spieldesign, Fairness und dem Spiel selbst. Mehmet ist für Norway Chess als Experte für Spieltheorie im Einsatz.

Interessierte Leser können auf GitHub weitere Informationen und Details der Analysen von Mehmet Ismail finden.

Fotos: Anna Shtourman (FIDE CHESS), privat.

Hinweis

Der Text wurde in deutscher Sprache erstellt. Wer die Übersetzungen in anderen Sprachen nutzt, muss manchmal mit bemerkenswerten Übersetzungen rechnen. So wird aus dem Zug, gemeint ist natürlich der Schachzug, im Englischen gelegentlich ein „train“, also Eisenbahnzug. Leider haben wir keinen Einfluss auf solche Fehler und können sie auch nicht korrigieren. Daher empfehlen wir Lesern etwas Humor beim Nutzen der modernen Möglichkeiten von automatischen Übersetzungen.




Dieser Chart von Mehmet Ismail zeigt den

Die unkommentierten Partien im indischen Grand Prix der Frauen zum Nachspielen und herunterladen.

Bei den Grand-Prix-Turnieren der Frauen wird in der Regel sehr kämpferisch gespielt. So auch hier. Von 25 Partien endeten nur elf Partien mit Remis. Und manche Remispartien waren ausgekämpft.

Runde 1

In der ersten Runde gab es bereits vier entschiedene Partien. Der Kampfgeist war bei allen Spielerinnen groß. Die längste Partie spielte die Mongolin Munguntuul gegen die Newcomerin im Grand-Prix-Circuit die Georgierin Salome Melia. Heraus kam ein tolles Endspiel, das man sich gesondert anschauen sollte.







Runde 2

Der Aufreger der Runde war sicherlich das grobe Versehen in der Eröffnung von Vaishali in ihrer Partie gegen Divya. Die Mongolin war erneut in ein Endspiel verwickelt. Diesmal ging es aber nicht gut aus, zumindest aus ihrer Sicht. Das Turmendspiel gegen Zhu Jiner bietet gutes Anschauungsmaterial.







Runde 3

Erneut bringt die Partie von Batkhuyag Muntunguul eine Entscheidung. Diesmal kommt es aber nicht erst zu einem Endspiel. Gegen die Gewinnerin des ersten Grand Prix, Alina Kashlinskaya, gewinnt die Mongolin zum Schluss diesmal im Mattangriff.







Runde 4

Die vierte Runde brachte erneut vier entschiedene Partien hervor. Besonders überzeugend gewannen die Chinesin Zhu Jiner und Koneru Humpy, die auch die Tabelle anführten. Lediglich Divya konnte sich von der Niederlage am Tag zuvor erholen und gewann bereits ihre dritte Partie.







Runde 5

Vaishali holte in dieser Runde ihren ersten vollen Punkt. Der Aufreger der Runde war jedoch die Partie von Nurgyul Salimova gegen die Führende Zhu Jiner, die Partie sollte die Bulgarin eigentlich nach dem „Damenopfer“ gewinnen, aber dann gab es mit wenig Zeit einige Wirrrungen und die Partie endete friedlich, weshalb die Chinesin weiterhin die Führung behaupten konnte. Die Mongolin Batkhuyag Muntuguul hatte schon in der Runde zuvor unglücklich verloren und dürfte den Ruhetag am meisten benötigen.







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Fotos: Abhilash (FIDE CHESS)


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Die unkommentierten Partien im indischen Grand Prix

Die Frauenweltmeisterschaft 2025 ist entschieden. In der letzten Partie geht es erwartungsgemäß schnell. Die Spielerinnen finden in der neunten Partie einen Weg zum Remis. Damit regiert Ju Wenjun mindestens zwei weitere Jahre bei den Frauen.

Von Thorsten Cmiel

Der zweite Teil des Matches in Chongquing ging bereits nach drei Partien zu Ende. Letztlich zeigten sich im Gesamtverlauf des Wettkampfes immer positionelle Schwächen der Herausforderin Tan Zhongyi, die aber im Verlauf durchaus immer wieder Chancen hatte, aber typisch für ihre Herangehensweise immer wieder zu schnell spielte. Eine generelle Schwäche war in diesem Match vermutlich ihre fehlende Flexibilität mit Schwarz auf Remis spielen zu können. Insbesondere in der dritten Partie gab Tan ihrer Gegnerin mit der erneuten Wahl der sizilianischen Eröffnung die sofortige Chance zum Comeback.

Match 2025123456789Gesamt
Ju Wenjun1/2011/211111/26 1/2
Tan Zhongyi1/2101/200001/22 1/2

Fotos: Anna Shtourman (FIDE CHESS)


Die Frauenweltmeisterschaft 2025 ist entschieden. In der

Diesmal wurde die Mongolin Munguntuul aus einem damenlosen Mittelspiel in ein Doppel-Turmendspiel verwickelt. Allerdings war es in der zweiten Runde im Frauen-Grand-Prix in Pune diesmal ihre Gegnerin, die alle Trümpfe hielt und schließlich deutlich gewann.

Von Thorsten Cmiel

Auch komplexe Endspiele sollte man meines Erachtens abschnittweise analysieren. Das Endspiel aus der zweiten Runde in Pune zwischen Batkhuyag Munguntuul und Zhu Jiner entstand aus einer typischen sizilianischen Struktur und bietet viele Wendungen. Wir steigen ein in einem Moment, den man vermutlich als ausgeglichen bezeichnen sollte.



Die beiden Spielerinnen haben eine typische Bauernstruktur in einer sizilianischen Eröffnung auf dem Brett. Schwarz übt Druck auf der halboffenen c-Linie aus. Auffällig ist, dass der e-Bauer und der h-Bauer „fehlen“. Der weiße Springer auf d5 ist dominant im Zentrum postiert, greift aber keine gegnerische Schwäche beispielsweise an. Schwarz wiederum hat einen blockierten und schwachen Bauern auf d6, der aber zumindest noch nicht von einer weißen Leichtfigur angegriffen werden kann und zuverlässig vom Läufer auf f8 gedeckt wird. Der weiße Läufer auf f2 zielt ebenfalls ins Leere. Auch der Schwarzspieler hat Aktiva, die zu seinen Gunsten sprechen sollten. Vor allem zu nennen ist der weiße Bauer auf c3, der keine Unterstützung durch seinen b-Bauern erhält. Die weit vorne postierten schwarzen Bauern auf b5, e5 und f5 sichern ausreichend Raum für den Nachziehenden und seine Figuren. Zunächst muss Schwarz die drohende Springergabel auf b6 entschärfen. In der Partiefolge zeigte sich, dass vor allem die Mongolin Probleme damit hatte, einen konstruktiven Plan zu entwickeln.


Die Türme stehen auf der d-Linie recht wenig effektiv. Der Bauer auf d6 ist ausreichend vom König und einem Turm gedeckt. Damit hat Schwarz potentiell einen freien Turm, um im gegnerischen Lager zu wüten. Die Frage lautet also wie man die weiße Verteidigung hier am effektivsten organisiert. Man kann aus meiner Sicht zwei Ansätze verfolgen: Den Status quo erhalten oder man versucht beispielsweise durch Schlagen auf a4 die Struktur zu verändern. Aber geht das sofort?


Schwarz hat im Vergleich zu den vorher betrachteten Positionen erkennbar Fortschritte erzielt. Das Finden des stärksten Zuges gestaltet sich hier nicht als allzu schwierig, umso überraschender, dass die chinesische Großmeisterin für einen Moment nachlässt. Fündig wird wer sich systematisch auf die Suche begibt. Oder?


Die Aufgabe besteht für Betkhuyag Muntuguul darin, möglichst viel Widerstand zu leisten. Ausgleich ist bereits weit weg. Der letzte objektiv kritische Moment in diesem Endspiel scheint in dieser Stellung erreicht zu sein. Die Mongolin muss dringend einen Turm aktivieren, um Kompensation für den verlorenen Bauern zu finden. Sie wählt einen drastischen, aber verständlichen Weg und opfert zeitweise einen zweiten Bauern. Wer geht da mit ihr mit? In der Partie folgten noch später einige weitere spannende Momente, da beide Spielerinnen mit wenig Zeit nicht immer die genauesten Züge fanden.


Diesmal wurde die Mongolin Munguntuul aus einem

Beim fünften FIDE Frauen Grand-Prix-Turnier im indischen Pune kam es direkt in der ersten Runde zu einem hochspannenden Endspiel mit jeweils zwei Leichtfiguren und einem Mehrbauern für Weiß. Lange war das Endspiel zwischen der Mongolin Batkhuyag Muntuguul und Salome Melia ausgeglichen, aber die mit den schwarzen Steinen spielende Georgierin war die gesamte hier betrachtete Endspielphase in hochgradiger Zeitnot und das entschied letztlich über den Ausgang der Partie.

Von Thorsten Cmiel

Grundsätzlich und sozusagen vor die Klammer gezogen stellt sich für die Spieleinnen in allen Situationen die Frage, wie die folgenden Stellungen jeweils einzuschätzen sind. Das ist eine gute Übung zur Stellungsbeurteilung für diejenigen, die sich etwas Zeit für die Analyse dieses Endspiels nehmen und konkrete Berechnungen anstellen.


In der Partie führte die Georgierin hier mit drei Sekunden auf der Uhr ihren Springer nach c2. Was ist davon zu halten? Die Aufgabe kann nicht intuitiv gelöst werden, entsprechend lagen die Spielerinnen gelegentlich in diesem Endspiel falsch. Mit mehr Zeit als dreißig Sekunden pro Zug dürften die Chancen steigen durch das kurze Labyrinth der Fragen hier zu manövrieren.



Wie soll Schwarz hier seine Verteidigung organisieren? Welche der drei Figuren soll er ziehen und im Zweifel wohin damit? Auch hier wird man ohne Kalkulation nicht die richtige Lösung finden. Wir erinnern uns, dass die Schwarzspielerin hier keine Zeit hatte diese Berechnungen anzustellen. Sie griff fehl. Das kann man als Beobachter natürlich besser lösen, oder?



Wie sollte Weiß hier im 73. Zug am besten fortsetzen? Der Läufer ist angegriffen, aber wohin damit und warum? Auch die Mongolin hatte nur wenig Zeit. Bei diesem Zug waren es noch etwas mehr als dreieinhalb Minuten. Sie spielte einen völlig natürlichen Zug ohne längeres Nachdenken und lag falsch. Wer hier Zeit zum Rechnen hat, dürfte Vorteile haben.



Mit seinem 76. Zug gibt Weiß den Bauern auf. Soll Schwarz den Bauern schlagen oder nicht? In der Partie entschied sich die Georgierin richtig, um einen Zug später dann tragischerweise letztlich an praktisch der gleichen Aufgabe zu scheitern. Auch hier half konkretes Rechnen. Aber auch dann gab es bei ungenauem Spiel noch Fallstricke, die man jedoch auch als Normalsterblicher umschiffen konnte.



Diese letzte Stellung ist mit Schwarz, aber auch mit Weiß am Zuge eine bemerkenswerte Form von Zugzwang. Sie kam in der Partie nicht vor, aber in einer der angegebenen Varianten. Die Stellung ist gleichzeitig eine Ermahnung, Partien möglichst lange weiter zu spielen, wenn es irgendeine Hoffnung gibt. Leider werden heutzutage auch hoffnungslose Endspiele wie Turm und Springer gegen den Turm lange weitergespielt. Diese Kulturlosigkeit ist hier nicht gemeint.


Fotos: FIDE CHESS.

Beim fünften FIDE Frauen Grand-Prix-Turnier im indischen

Die Frauen-Weltmeisterschaft im Schach steht vor dem vorzeitigem Ende. Ju Wenjun gewann die siebte und die achte Partie. Sie muss jetzt nur noch ein Remis in vier ausstehenden Partien holen.

Von Thorsten Cmiel

Die zweite Hälfte des Frauen-WM-Matches 2025 findet in Chongquing statt. Chongquing ist eine zentralchinesische Millionenstadt. Bezieht man die gesamten Verwaltungseinheiten ein, dann ist die Stadt mit etwa 32 Millionen Einwohnern die größte Stadt der Welt. In der engeren City wohnen etwa sieben Millionen Menschen. Seit 2004 ist Düsseldorf Partnerstadt von Chongquing. Schachfans vor Ort können sich in den nächsten Tagen in der Stadt als Touristen umschauen.

Der Wettkampf scheint deutlich früher zu enden als gedacht und von den Organisatoren geplant. Tan Zhongyi hatte zuletzt einen Einbruch, der an den letzten WM-Wettkampf von Magnus Carlsen erinnert, der nach einem wichtigen Sieg gegen Ian Nepomniachtchi in der sechsten Partie plötzlich scheinbar ohne Widerstand den Kampf klar verlor.

Frauen-WM 2025Partie 1Partie 2Partie 3Partie 4Partie 5Partie 6Partie 7Partie 8Gesamt
Ju Wenjun1/2011/211116
Tan Zhongyi1/2101/200002

Partie 7: Tan mit Chancen. Ju Wenjun gewinnt.

Bevor man sich einer Partie analytisch nähert, sollte man die Partie ruhig mehrfach schnell durchspielen. Das bietet die FIDE an und wir nutzen es hier für genau diesen Zweck. (Ich empfehle aber den Ton abzustellen).


Schwarz ist hier am Zuge und Tan sollte ihr Gegenspiel vorbereiten. Welche Ideen kommen hier in Betracht? Die Auflösung findet sich in der Partiefanalyse am Ende dieses Abschnitts zur siebten Partie.


Was sind die wichtigsten Stellungsmerkmale? Wie sollte Weiß hier am besten fortsetzen? Wer seine Lösung überprüfen möchte, der schaut in die Partieanalyse.


Schwarz hat einen Mehrbauern, steht aber mit dem rückständigen c-Bauer und dem recht wenig agilen Läufer auf c8 anfällig. Wie sollte Schwarz hier fortsetzen? Tan konnte das Problem nicht lösen. Die Lösung gibt es in der Partieanalyse.


Partie 8:

Erstmals in diesem Wettkampf zieht Tan Zhongyi einen anderen ersten Eröffnungszug als den mit dem c-Bauern. Dieser Wechsel des Startzuges kommt zu spät im Wettkampf. Vielleicht ist das die Folge eines frühen Sieges gewesen. Allerdings lag dieser Erfolg nicht an der Eröffnung. Üblicher ist es die Eröffnungsvorbereitung des Kontrahenten frühzeitig im Kampf zu testen, um spezifischere Vorbereitungen vornehmen zu können. Beide Spielerinnen scheinen in diesem Kampf wenig Wert auf Eröffnungsvorteil gelegt zu haben und im Nachhinein rächt sich das, zumindest für Tan.

In dieser Stellung war Ju Wenjun mit Schwarz am Zuge. Die Lösung ist nicht zu schwierig, aber instruktiv.

Hier steht ein starker klassischer Zug an, den Ju Wenjun leider auslässt. Wer den Zug nicht so einfach findet, dem sei der folgende Artikel empfohlen. Danach fällt der Groschen garantiert.



Fotos: Anna Shtourman (FIDE CHESS)

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Die Partieanalysen können heruntergeladen werden. Dafür muss man auf den hier orange markierten Button klicken.


Die Frauen-Weltmeisterschaft im Schach steht vor dem

Titelfoto: Dariusz Gorzinski. Dortmund 2024.

Wäre das Ergebnis ein Team-Resultat bei einer Schacholympiade, dann hätte das deutsche Team elf Punkte geholt und wäre im Mittelfeld gelandet. Die jüngsten Resultate sind allerdings von der Frauen-Europameisterschaft auf Rhodos, also einem Einzelturnier. Ein Kommentar.

Von Thorsten Cmiel

Es ist natürlich angenehmer über Erfolge der deutschen Spitzenspielerinnen und Spieler zu schreiben. Da gab es kürzlich Positives zu berichten: Das hervorragende Abschneiden von Matthias Bluebaum und Frederik Svane bei der Europameisterschaft 2025 beispielsweise. Oder Vincent Keymer, der ordentlich Geld bei Spaßturnieren einsammeln konnte.

Bei den Frauen hatte zuletzt die langjährige deutsche Spitzenspielerin Elisabeth Pähtz (40) eingeräumt, dass sie international mit den jüngeren Spielerinnen nicht mehr mithalten kann. Ihre Auftritte bei den letzten Grand-Prix-Turnieren missglückten sämtlich. Folgerichtig kündigte sie (erneut) ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft an, vermutlich wird der eine oder andere Funktionär im deutschen Schach das bedauern, denn hinter Elisabeth ist in den letzten Jahren nur wenig Hoffnung hinzugekommen. Das räumt sogar der aktuelle Leistungssportreferent des Deutschen Schachbundes irgendwie ein.

Deutsche Frauen bei der EM auf Rhodos

Quelle: Chess-Results.

Elisabeth Pähtz meldet sich

Als bei Facebook Kritik am Abschneiden der deutschen Frauen aufkam, verteidigte Pähtz ihre früheren Mitstreiterinnen. In Kurzform: Es war kein Betreuer auf Rhodos dabei und unter dem vorherigen Präsidenten war die Unterstützung besser.

Ein Funktionär aus den Ländern, der hier anonym bleiben soll, äußerte sich dazu so: „Ich sag mal so: damit Elisabeth, die ja an Ullrich Krause und Markus Fenner wenig Gutes auszusetzen hatte, sich so äußert, da muss schon echt eine Menge passieren.“ Dieser Funtionär sieht Veränderungsbedarf: „Zur Leistungssportförderung im DSB ließe sich viel sagen, aber belassen wir es erstmal bei ’so wie es ist, kann es nicht weitergehen‘.“

Elisabeth Pähtz zu der hier zitierten Einschätzung über Ullrich Krause.


Auszüge aus dem aktuellen Lagebericht

Gerald Hertneck – Referent für Leistungssport beim Deutschen Schachbund – bezeichnet das Turnier als „durchwachsen“ in seinem aktuellen Bericht über die Frauen. Zu beachten ist, dass der folgende Textauszug am 8. April 2025 verfasst wurde, es waren sieben Runden auf Rhodos gespielt. Danach verschärfte sich die Situation im Turnier, gemeint ist die Europameisterschaft auf Rhodos, leider noch weiter.

„Aktuell bewegen sich die Platzierungen aller Spielerinnen um den 40. Platz herum. Besonders unsere Spitzenspielerin IM Dinara Wagner spielt deutlich unter ihren Möglichkeiten, das muss man ganz klar sagen. Auch aus Elo-Sicht können die Frauen schwer mit der Spitze im internationalen Frauenschach mithalten, denn nur eine Spielerin hat über 2400 Elo, und übrigens kratzt GM Elisabeth Pähtz inzwischen auch an der 2400-er Marke, d.h. sie liegt nur noch knapp drüber. Alle anderen Spitzenspielerinnen liegen eher bei Elo 2300.


Leider, das muss man sagen, ist das deutsche Frauenschach derzeit nicht in der besten Verfassung, und ist auch nicht klar, wie man das ändern kann, nachdem das Programm Powergirls nicht die gewünschten Erfolge gezeigt hat, d.h. zu keiner nachhaltigen Verbesserung der Spielstärken der Nationalspielerinnen geführt hat…“

Immerhin ist Geld durchaus vorhanden wie Hertneck im weiteren Berichtstext anmerkt:

Stand der Kürzungen im Budget Leistungssport


„Das Budget für den Bereich Leistungssport (Nachtrag 2025) sowie Planung für die Jahre 2026 und 2027 wurden im März mit dem Vizepräsidenten Finanzen besprochen, und liegt wie immer im sechsstelligen Bereich. Das klingt nach viel, ist es aber in der Praxis nicht, weil auch viele Turniere zu bedienen sind, sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern, bei den Nachwuchsspielern als auch bei den Nationalspielern, sowie bei den Einzel- als auch bei den Mannschaftsmeisterschaften! Das Ganze dann noch auf deutscher, europäischer und internationaler Ebene! Jedoch konnte in Abstimmung mit dem Vizepräsidenten Finanzen eine teilweise Rücknahme der Kürzungen erreicht werden, allerdings noch nicht in dem Maße, dass der Leistungssport wieder auf dem Niveau von vor der Kürzung (Jahr 2022) liegt. Wir danken dafür, dass das Präsidium ein offenes Ohr für die Belange des Leistungssports gezeigt hat.“

Der vollständige Bericht von Gerald Hertneck zum Nachlesen.

Gerald Hertneck war ein glühender Verfechter und einer der Initiatoren der „Powergirls“. Das ist ein von der der Immobiliengruppe Krulich gefördertes Programm, um die deutschen Spitzenfrauen im Schach zu fördern. Das Programm startete im August 2021.

Mehr Informationen zu den Powergirls.


Eingeständnis der Ratlosigkeit

Beim Deutschen Schachbund gibt es neben Gerald Hertneck auf Funktionärsebene und im Hauptamt mehrere Verantwortliche. Zu nennen sind neben dem Referenten für Leistungssport noch der Vizepräsident Sport, der Bundestrainer der Frauen und ein hauptamtlicher Sportdirektor. Jetzt sollte man die Spielerinnen, die natürlich in erster Linie selbst verantwortlich sind für ihre Ergebnisse, nicht unerwähnt lassen, aber die Frage ist wer sich für die Misserfolge vor das Team stellt und wer das Ruder konzeptionell herumreißt? Denn es ist auch nach der eher durchwachsenen Schacholympiade erneut deutlich geworden, dass trotz Förderung irgendetwas nicht funktioniert bei den besten deutschen Frauen.

Unrealistische Ziele

Die Idee war eindeutig zu ambitioniert bei Spielerinnen über zwanzig Jahren eine signifikante Spielstärkeentwicklung zu erwarten. Das Powergirls-Programm musste insofern scheitern. Der Autor dieses Kommentars hatte hierzu früh einen Austausch mit Hertneck via Facebook und leider Recht behalten. Das Verfehlen dieses Zieles sollte man den aktuellen Spielerinnen nicht vorwerfen. Sie versuchen mit Sicherheit ihr Bestes. Die Frage ist wie es jetzt weitergeht mit den bisherigen Förderkonzepten. Man darf gespannt sein.

Was jetzt folgen sollte

In wenigen Wochen findet in Paderborn der Bundeskongress des Deutschen Schachbundes statt bei dem sich zumindest die zwei ehrenamtlichen Funktionäre (Vizepräsident Sport und Leistungssportreferent) erneut zur Wahl stellen müssen. Es bleibt zu hoffen, dass die Delegierten aus den Landesverbänden die Berichte – auch zu anderen Themen – nicht wie in der Vergangenheit zu oft – einfach nur zur Kenntnis nehmen, sondern diskutieren und, falls als sinnvoll erachtet, Veränderungen einfordern. Möglicherweise muss man die Spitzenförderung für Frauen im deutschen Schach neu denken. Es ist die Aufgabe von Funktionären und Delegierten die Weichen möglichst geschickt zu stellen und von einem Bundestrainer und dem Sportdirektor den Zug dann auf das richtige Gleis setzen zu lassen. Auch deren spezifischer Beitrag ist grundsätzlich zu hinterfragen.

Es wäre in jedem Fall erfreulich, wenn die Verantwortlichen im Schachbund künftig eine Idee entwickeln würden, wie man die Frauen zumindest mittelfristig wieder an die europäische Spitze heranführt. Mehr Geld war bisher immer die Antwort und vor allem bei Kürzungen die Entschuldigung der Verantwortlichen. Das verkommt aber zur Ausrede, wenn man kein mittelfristiges inhaltliches Konzept, das über gelegentliche Kadertrainings und Turnierzuschüsse hinausgeht, hinterlegt.

Alles muss auf den Tisch: Sollen vorhandene Mittel gezielter für wenige etablierte Spielerinnen eingesetzt werden? Vielleicht verzichtet man auf das Beschicken von Kinderturnieren bei den Mädchen? Andersrum wäre es genauso denkbar: Der DSB könnte einige Jahre Team-Turniere abschenken und verstärkt auf den Nachwuchs, also auf die jüngeren Generationen U20, setzen. Eine Diskussion zu führen und ein Meinungsbild einzuholen in Paderborn wäre immerhin ein Anfang.


Titelfoto: Dariusz Gorzinski. Dortmund 2024. Wäre das

Bei Dinara Wagner lief es auf Rhodos bisher nicht. Wenn es nicht läuft auf dem Brett, dann kommt es immer wieder zu kleinen Ungenauigkeiten, die letztlich verpasste Chancen ausmachen können. So auch hier. Am Ende war es dann ganz schlimm. Das hatte aber nichts mit der Eröffnung zu tun, sondern mehr mit Zeitnot und vermutlich Frust und Ermüdung.

Von Thorsten Cmiel

Katalanisch ist eine der typischen Profieröffnungen. Weiß strebt in der Regel nicht nach schnellem Erfolg durch scharfes Eröffnungsspiel, sondern es geht hier meist um die feinere Klinge. Chancen bekommt man meist nur wenige umso wichtiger ist es dann aufmerksam zu sein. Gelegentlich verschwimmen die Systeme etwas, aber die weißen und schwarzen Aufmarschpläne sind oft ähnlicher Natur. Viele Motive sind bekannt und dennoch kommt es immer wieder zu neuen Details, die man entdecken kann. Wie das hier.


In dieser Stellung steht Weiß vor einer bekannten Entscheidung. Schwarz hat bereits etwas unvorsichtig agiert und Weiß kann jetzt die lange Diagonale und den ungedeckten Läufer auf b7 für das Aktivieren ihres Springers via dem Feld c4 nutzen. Die eigentliche Frage ist aber etwas komplexer. Sollte Weiß hier zunächst auf d7 die Springer tauschen. Und falls ja, warum?

Ja, Weiß erreicht mehr durch vorherigen Tausch des Springers auf d7. Die Bedenkzeit von Dinara, die unter einer Minute verbrauchte und sofort ihren Springer von d2 nach c4 zog, zeigt fehlende Aufmerksamkeit für ein wichtiges Detail. Schwarz kann nach dem Tausch nicht gut auf d7 mit der Dame schlagen, da hiernach Weiß später auf f6 den Springer schlägt und Schwarz mit einer katastrophalen Bauernstruktur übrig bliebe. Einen Zug später ist diese Chance verpasst, da Schwarz den Läufer nach e7 beordert und der Tausch f6 keine Zugeständnisse mehr notwendig machen würde.

Eigentlich wollte ich zu dieser Partie nur diesen einen Moment genauer betrachten. Es war für Dinara eine verpasste Chance schneller einen ordentlichen positionellen Vorteil zu erzielen. Irgendwann stand Dinara nach der Eröffnung klar auf Gewinn. Mit einem ordentlichen Zeitunterschied war es in Costa Rica kurz vor Mittag als ich zum Einkaufen fuhr. Zunächst gab es eine andere Überraschung, die meine Aufmerksamkeit weckte: Der US-Präsident, den ich nur den „Orangenen“ nenne, konnte den Druck wegen seiner katastrophal törichten Zollpolitik vermutlich nicht mehr ertragen, kündigte eine Art Moratorium seiner wenige Tage zuvor verkündeten Strafzölle an und schickte die internationalen Aktienmärkte gen Norden. Nachdem ich mir das mediale Chaos angesehen hatte, warf ich einen Blick auf die Stellung von Dinara. Die war plötzlich nur noch ausgeglichen in einem Turmendspiel mit zwei Bauern weniger, das man aber halten können sollte. Es gab wieder etwas mediale Ablenkung, da sich in Deutschland an diesem Tage eine neue Regierung aufmacht endlich das eine oder andere politische Thema zu adressieren und zu lösen. Ich sah ein Replay einer Pressekonferenz mit Friedrich Merz, Markus Söder, Lars Klingbeil und Saskia Esken. Auch das war kein Vergnügen. Inzwischen sah ich noch nicht das Ende, aber das Ergebnis der Partie von Dinara. Die genaue Analyse wirkt vielleicht auf den einen oder die andere wie Leichenfledderei, aber aus solchen Partien kann man oft mehr lernen als aus Partie wie sie eine andere Deutsche am gleichen Tag gespielt hat. Ich verzichte auf weitergehende Kommentare, aber die Gegnerin spielte eine ultrascharfe, interessante Variante und kannte sich offenbar nicht aus.



Zurück zu der Partie von Dinara Wagner. Die deutsche Spitzenspielerin spielte eine lange Partie, die ich neuerdings in Portionen analysiere, um dadurch das Spiel vor allem bei Eigenanalysen besser zu erfassen und Schwachpunkte des eigenen Spiels zu benennen. Folgen wir unserem Plan die verschiedenen Spielphasen nacheinander abzuarbeiten und die Knackpunkte nachzuarbeiten. Oft reichen vier Analysephasen. Diesmal sind es sechs.

Bevor man in die Details einer Analyse geht, sollte man meines Erachtens eine Partie möglichst mehrfach schnell durchspielen, um das Geschehen möglichst zu erfassen und sich Fragen zu notieren. Dazu findet man hier die komplette Partie unkommentiert. Um die Partie nachzuspielen klickt man auf einen beliebigen Zug und ein Partiefenster poppt auf. Mit den Pfeiltasten kann man die Partie vor und zurück nachspielen.


Die Eröffnungsphase lief gut für Weiß auch ohne das beschriebene Detail in der Eröffnung gelang es Dinara sich eine aussichtsreiche Stellung zu erspielen. Es ging zunächst erfreulich weiter bis sich dann im finalen Teil der Partie ein größerer Unfall ereignete. Der vermutlich auf Ermüdung und Zeitnot zurückzuführen ist. Die meiste Zeit hatte Dinara nicht nur die bessere Stellung, sondern auch die bessere Restbedenkzeit. Erst in der Schlussphase als Dinara ein Turmendspiel mit zwei Bauern eigentlich halten sollte, lag die Deutsche auch auf der Uhr zurück. Es kam wie es sprichwörtlich kommen musste…







Ich hoffe in naher Zukunft eine überzeugende Partie von Dinara Wagner hier präsentieren zu können. Ein spannendes Endspiel aus der Runde danach kommt in jedem Fall in Kürze.


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Bei Dinara Wagner lief es auf Rhodos