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Titelfoto: Yoav Nis (FIDE Chess)

In der zweiten Runde spielte der Inder Praggnanandhaa gegen den Chinesen Wei Yi eine Variante, die als fast unspielbar galt. Sein Gegner glaubte ihm ohne zu Zögern. Was war passiert und wie lässt sich die recht zahme Partieanlage des Chinesen rechtfertigen? Ein schachliches Meinungsstück in Diagrammen.

Von Thorsten Cmiel

Steigen wir direkt ein ins Geschehen und zwar optisch. Ich kannte die Varianten nicht, war aber überrascht wie schnell der Inder seine kurze Rochade (57 Sekunden) ausführte. Noch überraschender war, dass Wei Yi nach zwölf Minuten eine eher harmlose Fortsetzung wählte. Schauen wir uns den Ausgangspunkt an und wie es hätte weitergehen können.


Pragg hatte im neunten Zug kurz rochiert und Wei Yi stand vor der Entscheidung (Foto) wie er hier fortsetzen sollte. Jedem Schachspieler springt das typische Motiv des Läuferopfers auf h7 sofort ins Auge. Um das hinzubekommen muss man allerdings zunächst den Läufer von e7 ablenken. Schauen wir uns die denkbaren Folgen zunächst durch das Betrachten möglicher Zielstellungen an. Die lange Rochade wäre hier übrigens absurd gewesen, da man nach dem Bauernvormarsch nach c4 auf h7 schlagen muss und den h-Bauern vorziehen sollte.


Der kritische Zug wäre das Schlagen auf c5 gewesen. Es entsteht die betrachtete Stellung. Danach sind drei Züge plausibel: Der Damenzug nach a5 ist eine denkbare Spielweise, die noch wenig erkundet ist, aber Weiß am Brett kaum vor unlösbare Probleme stellen dürfte. Daneben gibt es zwei Möglichkeiten auf c5 zurück zu schlagen. Eine Fortsetzung ist einfach schlecht und die andere ist herausfordernd. Wobei man vermutlich lieber auf der weißen Seite des Brettes sitzen würde. Aber schauen wir es uns einfach an.


Stellung nach dem sofortigen Damenzug nach a5 als Antwort auf das Schlagen des Bauern auf c5. Beginnen wir mit diesem langsamen Zug mit der Dame, die nach a5 zieht. Damit umgeht Schwarz zumindest den Einschlag auf h7, muss sich dann aber mit der folgenden endspielartigen Stellung zufrieden geben.

Zur Visualisierung: Zielstellung nach dem Damenzug nach a5


Eine plausible Zielstellung nach der unwahrscheinlichen, aber vermutlich spielbaren Antwort mit dem Damenzug nach a5 scheint mir diese Stellung zu sein. Hier kann Weiß ohne größere Risiken weiter auf Gewinn spielen. Der Weg hierhin wäre nicht sonderlich vermint und kann mit der finalen PGN-Datei hergeleitet werden.


Die zweite denkbare Fortsetzung – das Schlagen auf c5 mit dem Läufer, sollte Schwarz in jedem Fall vermeiden. Danach tauscht Weiß auf c5 ab, opfert seinen Läufer wie geplant auf h7 und gewinnt kurz danach mit dem Damenschwenk nach f2 ein wichtiges Tempo. Schwarz wäre hilflos und wir schauen uns einfach eine mögliche Zielstellung an. Es gibt bis dahin noch einige Nebenstränge, aber die sollte ein Supergroßmeister am Brett leicht finden können.

Zur Visualisierung: Zielstellung nach dem Schlagen mit dem Läufer auf c5


Wie der schwarze Punkt am Diagramm zeigt ist hier Schwarz am Zuge, es gibt aber bereits keine Verteidigung mehr. Schwarz steht glatt auf Verlust. Wie es dazu kommen kann, entnimmt man der angefügten PGN-Datei als Anregung oder versucht selbstständig die besten Züge zu finden.


Die dritte und vermutlich beste Spielweise besteht im Wiedernehmen auf c5 mit dem Springer. Auch dann kann Weiß auf h7 seinen Läufer opfern, ein Springerschachgebot auf g5 folgen lassen und seine Dame via d3 in den Angriff führen. Diese Fortsetzung ist weitgehend mit Hilfe des Maschinenraumes ausgeleuchtet und es kommt zu einer Stellung, die immer noch Weiß einen symbolischen Vorteil verspricht.

Visualisierung: Drei Zielstellungen nach dem Schlagen auf c5 mit dem Springer


Es scheint beide Seiten müssen bis hierhin die vorgegebenen Pfade verfolgen. In dieser Stellung sollte Weiß übrigens wie weiter fortsetzen?


Im 30. Zug bog Matthias Bluebaum hier erstmals falsch ab, indem er seinen Springer nach e7 zog.


Diese Stellung ist in etwa ausgeglichen und rechtfertig damit die schwarze Spielweise. Dieses Beispiel illustriert aus meiner Sicht sehr schön wie Pragg sich auf seine Partie ungefähr vorbereitet haben dürfte. Ich habe eine klare Erwartungshaltung: Pragg wird in diesem Turnier zumindest keinem Gegner die Möglichkeit auf h7 zu schlagen mehr einräumen.

Variantenbaum als PGN

In der folgenden PGN-Datei (zum Herunterladen) finden sich die Betrachtungen mit der Engine nach dem kritischen und nicht gespielten Schlagen auf c5. Vermutlich muss die Partie aus der Bundesliga von Ivan Cheparinov, der als Sekundant von Zhu Jiner auf Zypern ist und dem deutschen Kandidaten Matthias Bluebaum herangezogen werden.


In der anschließenden Pressekonferenz gab Pragg unumwunden zu, dass er diese Variante vorbereitet hatte, aber er meinte auch, dass er nicht erwartet habe, dass sein unvorbereiteter Gegner sich darauf einlassen würde. Die Reaktion des Chinesen lässt eher den Rückschluss zu, dass er zwischen kurzer und langer Rochade schwankte und das Nehmen auf c5 nicht einmal erwogen hatte. Der Semi-Bluff von Pragg war aufgegangen. Denn nach der recht harmlosen Antwort seines Gegners hatte er in dieser Partie mit Schwarz keinerlei Probleme.

Ich halte den Semi-Bluff des Inders für vertretbar, da er mit guter Vorbereitung kein zu hohes Risiko einging. Beim Chinesen sehe ich es komplett anders: Wei Yi formulierte als Ausrede, dass er seinem Gegner nicht in die Vorbereitung laufen wollte. Meiner Meinung nach sollten Spieler auf dem Niveau des Kandidatenturniers immer die prinzipielle Fortsetzung wählen und die ist bekanntermaßen das hier vorgestellte Schlagen auf c5 inklusive des klassischen Läuferopfers auf h7. Dass er diese Fortsetzung nicht wählte, ist ein Zeichen von Schwäche, den seine Konkurrenten und deren Teams sich wahrnehmen werden.

Der Partieverlauf


Fotos: Mihal Walusza, Yoav Nis (FIDE Chess).

Event-Homepage.


Titelfoto: Yoav Nis (FIDE Chess) In der zweiten

Foto: Yoav Nis.

Wer die Partien ohne Kommentare nachspielen oder herunterladen möchte, der ist hier richtig. In der Männergruppe kam es in der vierten Runde zu der bemerkenswerten Konstellation, dass die Partien nur Spieler mit einem gleichen Punktekonto zusammenführte. Im Mittelpunkt des Interesses stand naturgemäß die Begegnung von Javokhir Sindarov und Fabiano Caruana.

Am Ende gab es insgesamt vier entschiedene Partien vor dem Ruhetag. Der Usbeke Sindarov geht bereits mit einem Vorsprung von einem Punkt in die fünfte Runde. Bei den Frauen konnte sich noch keine Spielerin absetzen, aber mit der Nachrückerin Anna Muzychuk und der Kasachin Bibisara Assaubaeva, führen Spielerinnen das Feld an, die hier nicht als Duo (Indien, China, Russland) auftreten.

Grafik: FIDE Chess.

Die Partien sind sortiert in der Reihenfolge in der sie beendet wurden.









Offizielle Homepage des Kandidatenturniers.

Fotos: Yoav Nis, Michal Walusza (FIDE Chess).

Service-Hinweis

Die Partien können nicht nur nachgespielt werden. Auch der Download ist einfach. Man klickt auf den hier orange markierten Button und erhält Zugriff auf die Partie.


Foto: Yoav Nis. Wer die Partien ohne Kommentare

Titelfoto: Michal Walusza (FIDE Chess)

In der ersten Runde des Kandidatenturniers konnten drei Spieler mit den weißen Steinen einen vollen Punkt verbuchen. Es sind nicht unerwartet die drei Favoriten im Turnier: der US-Amerikaner Fabiano Caruana, der Usbeke Javohhir Sindarov und der Inder Praggnanandhaa, Pragg.

Von Thorsten Cmiel

Startphasen von Schachturnieren sind weitgehend ritualisiert und entsprechend langweilig organisiert. Besonders wichtige oder zahlende Personen führen erste Züge auf den Spitzenbrettern aus und werden dabei fotografiert oder gefilmt. Die Spieler lassen das über sich ergehen und korrigieren meist den ersten Zug des VIP wieder. Diesmal waren zwei Präsidenten am Start, die an den Spitzenbrettern die Züge ausführten. Manchmal passieren aber auch überraschende Dinge wie 2018 als der Schauspieler Woody Harrelson beim Eröffnungszug der Weltmeisterschaft in London den König von Caruana umkippte. Ich weiß bis heute nicht, ob das eine abgesprochene Schauspieleinlage war. Aber das war sozusagen die löbliche Ausnahme.

Die Kandidatenturniere begannen mit kleineren Übertragungspannen im Turniersaal. An jedem Tisch wird das Geschehen auf den Brettern an der Seite angezeigt. Das hilft den Zuschauern das Geschehen besser zu verfolgen, da man als Zuschauer als VIP sitzt oder als normaler Zuschauer oder Journalist steht. Am Tisch von Alexandra Goryachkina und Kateryna Lagno, die beiden Russinnen treten beim Kandidatinnenturnier unter neutraler FIDE-Flagge an, wurden die Züge von Divya Deshmukh gegen Anna Muzychuk angezeigt. Die Organisatoren änderten kurz später zunächst die übertragenen Partien und später die Namen.

Der Turniersaal kennt diesmal keine Tribünen und daher ist diese Neuerung, Screens an den sichtbaren Tischseiten, gegenüber Toronto begrüßenswert. Auch werden sämtlichen Partien auf einem Screen an einem Ende des recht kleinen Turniersaals dauerhaft angezeigt. In Toronto war das Geschehen auf den Brettern im Frauen- und in der offenen Klasse nur alternierend auf vier elektronischen Brettern angezeigt worden.

Erneut gab es einen Fanshop wie inzwischen bei FIDE-Veranstaltungen üblich. Dort gab es kleinere und durchaus teure Fanartikel zu kaufen, die ordentlich nachgefragt wurden. Ein Brett mit allen Unterschriften der Spieler kostete 400 Euro. Diese hatten die Spieler am Tag zuvor signiert und die meisten gingen an den Hauptsponsor Freedom Holding, hieß es. Als ich nach einer Stunde wieder im Fanbereich vorbeisah, meldete der Verkäufer zwei verkaufte Bretter. Erstaunlich.

Nach etwa einer Stunde saß Vishy Anand auf der Bühne und beantwortete die üblichen Fragen des Publikums wie: „Wie viele Stunden am Tag muss man trainieren, um Weltmeister zu werden.“ Seine Antwort war nicht nur diplomatisch, sondern auch augenzwinkernd: So lange und oft man Freude darauf habe und er hatte oft Freude.

Was auf den Brettern passierte

Zum Auftakt gab es drei Siege mit Weiß. Den überzeugendsten Auftritt hatte. Das erste Remis des Turniers produzierten Matthias Bluebaum und Wei Yi nach einer Dauerschachsequenz und einer eher wenig spektakulären Partie. Den ersten vollen Punkt holte der Usbeke Javokhir Sindarov nach einer unübersichtlichen Partie gegen Andrej Esipenko. In der Partie hatte es zuerst gute für Esipenko ausgesehen, aber eingeleitet mit einer merkwürdigen Entscheidung führten einige weniger geeignete Züge zur Niederlage des Russen, der wie seine Landsfrauen unter neutraler Flagge antritt. Praggnanandhaa lieferte für mich die überzeugendste Leistung ab. Zwar gelang es ihm nicht seine überraschende Eröffnungswahl in Zählbares auf dem Brett zu verwandeln, aber der beständige Vorteil auf der Schachuhr zahlte sich letztlich aus und Anish Giri musste erstmals in diesem Turnier hinter sich greifen. Die Partie von Fabiano Caruana war ein schöner Erolg, so sah es zumindest aus, aber kurz vor Schluss vergab der jüngere US-Amerikaner gegen den Turniersenior den Gewinn, wurde aber nicht bestraft.

Pragg mit Auftaktsieg

Diesmal setzt Pragg in seinem Team nicht auf die großen Namen, sondern arbeitet mit einem vermutlich indischen Team, wir Praggs Langzeit-Coach Ramesh RB der Hindustan Times verriet. Zudem nimmt er sich dem Thema Fitness und Yoga an. Zwei Sekundanten von Toronto sind auch diesmal wieder in neuer Funktion dabei. Jan Gustafsson, im Nebenberuf deutscher Nationaltrainer, und Peter Swidler arbeiten als Kommentatorenteam im Übertragungsstudio und kommentieren das Geschehen mehrere Stunden live. In Toronoto 2024 war Gustafsson noch für den Russen Ian Nepomniachti und Peter Swidler eben für Pragg dabei. Sekundanten sind meist für die Eröffnungswahl zuständig.

Auf Zypern schlug der indische Großmeister Vaibhav Suri, der Pragg ins St. Georges-Hotel begleitet hat, den Grand-Prix-Angriff als Überraschung vor. Mit Erfolg – der 20-jährige Inder spielte die überzeugendste Partie im Feld und gewann seine Partie. Fehler der Gegner sind natürlich immer notwendig. Giri lag durch die Eröffnungsüberraschung zeitlich hinten und am Ende dürfte das seinen Fehler zum Schluss teilweise erklären.


Der entscheidende Moment in dieser Partie. Anish Giri blieben hier noch drei Minuten und 24 Sekunden für vier Züge. Die Spieler müssen die Züge mit weniger als fünf Minuten auf der Uhr und ohne Inkrement nicht mehr genau aufschreiben. Dennoch verblieben Pragg noch etwas mehr als 17 Minuten und dieser Vorteil entschied letztlich, da Anish Giri hier nicht ausreichend akkurat agierte. Die Auflösung findet sich in der folgenden kurzen Partieanalyse.


Sindarov – Esipenko – nach spannender Partie vorne

Für beide Spieler war es der erste Auftritt auf der größten Schachbühne. Es entwickelte sich eine höchst unterhaltsame Partie bei der zunächst der Russe Andrej Esipenko die Nase vorne hatte. In der folgenden Stellung begann Andrej aber seine leicht bessere Stellung systematisch zu verschlechtern.


Schwarz steht eindeutig besser. Er hat die potentiell mobile Bauernmasse am Damenflügel, sein Läufer auf h4 fesselt den gegnerischen Springer und die weißen Figuren sind kaum aktiv postiert. Wie sollte Schwarz hier am besten fortsetzen? Was halten sie von der Entscheidung des Russen, der auf f3 den weißen Springer herausnahm?


In dieser Stellung opferte Andrej Esipenko auf e5 eine Qualität, aber wie geht es nach dem Zurückschlagen mit dem Turm weiter?


Caruana – Druck ausgeübt und dann fast noch verzockt

Einen guten Start hatte der US-Amerikaner Fabiano Caruana mit seiner Partie gegen seinen Landsmann Hikaru Nakamura. Fabiano spielte eine überzeugende Partie und zeigte eine überzeugende Leistung. Bis am Ende ein grober Fehler seine Leistung schmälerte in der folgenden Situation und unter Zeitnot passierte ein schachliches Drama.


Wie sollte Weiß hier am besten fortsetzen? Fabiano Caruana hatte eine Idee wie er in diesem Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern weiterkommen sollte. Ich gebe eine Fifty-Fifty-Chance, auch wenn es noch andere Züge gab, die den Gewinn zumindest nicht verderben. 79.f5-f6+ und 79.Kxd5.


Eine weitere Fifty-Fifty-Frage. Wohin sollte der schwarze König sich verdrücken? Zur Auswahl stehen die Felder c7 und e7.


Hikaru Nakamura nimmt im Anschluss seine Arbeit als Streamer auf und kommentiert seine Partien und manchmal haut er spannende Kommentare raus. Hier jetzt eine Reaktion auf einer seiner Aussagen. Trash-Talk.

Das Gespräch mit Fabiano Caruana führt Mike Klein, Chess Mike, für die Spielplattform Chess.com.

Out of Topic: Schachpolitik am Rande

Bei den Veranstaltungen der FIDE lassen sich Sponsoren und manche Schachpolitiker sehen. Diese sind wie immer abgeschirmt im VIP-Bereich, der aber von einigen dort als recht langweilig bezeichnet wird. Das war in Toronto nicht anders. Dort gab es dann irgendwann den Zwischenfall als es in der Familie Firouzja zu Handgreiflichkeiten kam. Letztlich kommen im Turnierhotel VIP, also besonders wichtige Personen, aus der siebten Etage, dort ist deren Lounge, herunter, um die Partien live zu verfolgen. Manche kommen dann noch in der Fanzone vorbei. Dort und auch in Gesprächen mit Kollegen erfährt man die neuesten Gerüchte und wenn die Quellen stimmen, dann ist es oft mehr als nur ein Gerücht: Die noch amtierende Präsidentin des Deutschen Schachbundes, Ingrid Lauterbach wollte auf dem Ticket des georgischen Präsidenten Zurab Azmaiparashvili ins Präsidium der Europäischen Schachunion. Daraus scheint nichts zu werden. Der Georgier will offenbar eine Föderationen-Präsidentin in seinem Team sehen und das scheint die Deutsche nicht anbieten zu können, falls in einigen Wochen eine außerordentliche Hauptversammlung ihre Abwahl beschließt.

Die internationale Gerüchteküche brodelt: Kolportiert wurde am Mittwoch auf Zypern, dass Timor Turlov, CEO der an der Nasdaq notierten Freedom Holding und Hauptsponsor des Kandidatenturniers, Präsident der FIDE werden soll. Turlov ist nicht nur Sponsor, sondern auch Präsident der kasachischen Schachföderation. Der bisherige russische Präsident, Arkadij Dvorkovich, der vor seiner umstrittenen dritten Amtszeit stehen würde, soll in ein anderes Gremium wechseln und würde so etwas aus der Schusslinie geraten, heißt es. Aber diese Nachricht erreichte mich bemerkenswerterweise am 1. April, dem Fools Day. Also sollte dieses Gerücht einigermaßen mit Vorsicht genossen werden.

Fotos: Yoav Nis und Michal Walusza (FIDE Chess).

Event-Homepage.

Titelfoto: Michal Walusza (FIDE Chess) In der ersten

Foto: Yoav Nis (FIDE Chess)

Perfektes Schach ist unmöglich, zumindest für Menschen. Bei den Frauen endeten die ersten acht Partien mit Remis. Aber es hätte auch anders ausgehen können. Beim Turnierschach entscheidet auch die Bedenkzeit über Partieergebnisse und so kam unter anderem deshalb in den folgenden spannenden Momenten nicht das „richtige“, das objektiv perfekte Ergebnis zustande.

Von Thorsten Cmiel

Bei den Frauen gingen die ersten acht Partien Remis aus. Wer oberflächlich nur das Ergebnis betrachtet könnte den Eindruck gewinnen, bei den Frauen sei nichts los. Das ist mitnichten der Fall. Es zeigt sich durch die Verläufe der Partien bereits wer wie in Form ist, wer bereit ist in der Eröffnungen gezielte Risiken einzugehen und welche Schwächen manche Spielerinnen haben. Auffällig bei dieser Aufstellung ist beispielweise, dass zwei Spielerinnen in zwei Beispielen vorkommen und andere Spielerinnen würden mit ihrer soliden Spielweise in den ersten zwei Runden vermutlich nie in eine Auswahl mit taktischen Fehlern kommen, aber sie werden mit ihrer Spielweise zum Auftakt wahrscheinlich keine Partien gewinnen. Aber das dürfte sich mit fortschreitendem Turnierverlauf schnell ändern. Wir können sicher sein, dass auch die Sekundanten genau hinschauen und die Gegnerinnen ihrer Schützlinge beobachten.

Goryachkina – Lagno (Runde 1)

Den Anfang unseres Rückblicks auf die verpassten Chancen macht ein Stellung aus der Startrunde in dem innerrussischen Duell von Alexandra Goryachkina und Kateryna Lagno.


Die erste Chance verpasste eine der Favoritinnen, die Russin Alexandra Gorychkina. In dieser Stellung gilt es eine recht einfache Lösung zu finden, die es kaum in ein Taktikbuch für Fortgeschrittene schaffen würde. Dennoch stellt sich natürlich die Frage, welche Fortsetzung verpasste Goryachkina hier mit den weißen Steinen?

Vaishali – Assaubaeva (Runde 1)

Ebenfalls in der ersten Runde hatte die Kazachin Bibisara Assaubaeva mit Schwarz eine gute Stellung gegen die Inderin Vaishali erreicht.


Assaubaeva steht mit ihrem Läuferpaar und dem Mehrbauern aussichtsreich. Aber wie sollte sie hier mit Schwarz fortsetzen, um ihren offensichtlichen Vorteil zu erhalten?

Kateryna Lagno – Zhu Jiner (Runde 2)

In der zweiten Runde hatte zunächst die Chinesin Zhu Jiner, aber auch ihre Gegnerin einige Chancen ausgelassen. Schauen wir uns aus ihrer Partie gegen Kateryna Lagno die vielleicht besten drei Momente an.


In dieser Stellung fand die Chinesin im 18. Zug die beste Fortsetzung mit Schwarz. Wie sollte es hier weitergehen?


In dieser Situation konnte Kateryna Lagno im 28. Zug mit Weiß die Partie ausgleichen. Sie fand es nicht, aber sie sicher, oder? Aber Vorsicht: Die Lösung ist nichts für Anfänger.


Der letzte Fehler entscheidet im Schach über das Ergebnis. Wie sollte die Chinesin hier im 28. Zug am besten fortsetzen, um den vollen Punkt einzufahren?

Divya – Vaishali (Runde 2)

Beide Spielerinnen hatten nur wenig Restzeit in der folgenden Situation. Aber anders als im Männerturnier – ich halte wenig davon das Kandidatenturnier als offene Klasse zu bezeichnen solange nur Männer hier mitspielen. Vielleicht ist das ein Ansporn für die eine oder andere Spielerin es künftig Judit Polgar gleichzutun und im Kandidatenturnier mitzuwirken – gibt es bei jedem Zug eine Zeitgutschrift von 30 Sekunden je Zug.


Der kritische Moment in der Begegnung der zwei Inderinnen. Vaishali hatte zuvor einem alten Muster folgend in Zeitnot den Versuch unternommen die Dinge zu forcieren und dabei etwas Wichtiges übersehen. In dieser Stellung war Divya am Zuge und musste auf den Angriff auf die eigene Dame reagieren. Was sollte sie hier spielen?

Live-Footage

Die indischen Edelfans, Amruta und Sagar Shah von „Chessbase India“ sind in Zypern dabei und kommentieren vor allem die Partien ihrer Landsleute live von ihrem Hotelzimmer im St. Georges aus. Hier die entscheidende Phase der Partie. Die Emotionen gingen mit den beiden kurz durch, denn natürlich sind sie neutral und wünschen beiden Spielerinnen Erfolge.

Zwar gab es bisher nur Remispartien in diesem Turnier, aber die Russin Kateryna Lagno und die Inderin Vaishali strapazierten bisher zweimal ihr Glück, da beide in ihren Partien auf der jeweils „schwächeren“ Seite des Unentschieden verbrachten. Das muss nichts heißen, könnte aber ein erstes Zeichen für eine aktuelle Formschwäche sein. Zum Glück stehen für alle Spielerinnen noch zwölf weitere Runden an.

Fotos: Michal Walusza und Yoav Nis beide für (FIDE Chess).


Foto: Yoav Nis (FIDE Chess) Perfektes Schach ist

Titelfoto: Michal Walusza (FIDE Chess)

Wer die Partien ohne Kommentare nachspielen oder herunterladen möchte, der ist hier richtig. Erstmals gab es im Frauenturnier entschiedene Partien. Im Kandidatenturnier der offenen Klasse, bei den Männern, liegen jetzt Fabiano Caruana undJavokhir Sindarov mit plus zwei Punkten klar vorne.

Die Partien sind sortiert in der Reihenfolge in der sie am Spieltag beendet wurden. Den Auftakt machte in der zweiten Runde Fabiano Caruana, der den Chinesen Wei Yi in einer Kurzpartie besiegte.









Dieser Partien-Bericht beinhaltet drei Video-Interviews von Li-Chess der weltweit technologisch führenden Spielplattform. Mit freundlicher Genehmigung.

Offizielle Homepage des Kandidatenturniers.

Fotos: Yoav Nisenbaum, Michal Walusza (FIDE Chess).

Service-Hinweis

Die Partien können nicht nur nachgespielt werden. Auch der Download ist einfach. Man klickt auf den hier orange markierten Button und erhält Zugriff auf die Partie.


https://chessecosystem.com/2026/03/30/runde-1-partien-pur-2

Titelfoto: Michal Walusza (FIDE Chess) Wer die Partien

Wer die Partien ohne Kommentare nachspielen oder herunterladen möchte, der ist hier richtig. Heute war die erste beendete Partie bei den Frauen die Begegnung zwischen Anna Muzychuk und Tan Zhongyi.

Die Partien sind sortiert in der Reihenfolge in der sie am Spieltag beendet wurden.









Eingebunden habe ich zwei hervorragende Interview-Videos der Spielplattform Lichess, die Theo Waits geführt hat. Mit freundlicher Genehmigung.

Offizielle Homepage des Kandidatenturniers.

Fotos: Michal Walusza (FIDE Chess).

Service-Hinweis

Die Partien können nicht nur nachgespielt werden. Auch der Download ist einfach. Man klickt auf den hier orange markierten Button und erhält Zugriff auf die Partie.


Wer die Partien ohne Kommentare nachspielen oder

Wer die Partien ohne Kommentare nachspielen oder herunterladen möchte, der ist hier richtig. Die erste Partie in der Startrunde endete in der offenen Klasse nach knapp zweieinhalb Stunden mit Dauerschach. Der deutsche Großmeister Matthias Bluebaum ließ sich auf ein Unentschieden durch Dauerschach ein.

Die Partien sind sortiert in der Reihenfolge in der sie beendet wurden.









Offizielle Homepage des Kandidatenturniers.

Fotos: (FIDE Chess).

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Wer die Partien ohne Kommentare nachspielen oder

Foto: Michal Walusza (FIDE Chess)

Das Kandidatenturnier auf Zypern steht an. 16 Spielerinnen und Spieler kämpfen darum, einen WM-Kampf gegen den jeweiligen Titelverteidiger spielen zu dürfen. Es dürfte spannend werden.

Von Thorsten Cmiel.

Meine Reise nach Zypern beginnt am Freitag bereits um fünf Uhr morgens. Auf meine abendliche Pokerrunde mit Schach-Kumpels in der Kölner Südstadt hatte ich angesichts der frühen Abfahrtzeit um 5.48 Uhr verzichtet und hätte dennoch fast verschlafen. Glücklicherweise hatte ich schon einige Tage zuvor meine Klamotten gepackt und war insofern ausnahmsweise gut vorbereitet. Zum Start ging es mit dem ICE 511 in Richtung Frankfurt-Main Flughafen. Der Zug war weitgehend leer und die Reise daher angenehm. Um 6.46 Uhr erreicht der Zug drei Minuten zu früh sein Ziel. Zugfahren ist meine bevorzugte Reiseform, zumindest wenn man nicht bei tropischen Temperaturen und nicht funktionierender Klimaanlage oder in einem vollbesetzten Abteil unterwegs ist und die meist peinlich langweiligen Geschäftsgespräche von irgendwelchen Vertriebsmanagern mithören und veröffentlichen muss, damit sich das irgendwann einmal ändert.

In Frankfurt wandert mein Gepäck von der Gepäckannahme automatisch ins zum Glück richtige Flugzeug mit der Flugnummer LH 1292 und die 18,7 Kilogramm lassen auf dem Rückflug etwas Mehrgewicht für Souvenirs zu. Ich hatte zuletzt etwas umdisponiert und meinen Flug über Istanbul getauscht, da ich unkomfortabel vor einigen Monaten schon den türkischen Flughafen Ercan gebucht hatte und später feststellen musste, dass das keine sonderlich gute Idee war. Hinzu kam die Reiseroute, die inzwischen weniger Spaß macht. Zwar bin ich nicht ängstlich, aber eine Anreise via Europa wirkte sicherer, da die Türkei zwar nur an ihren östlichen Grenzgebieten zum Iran gefährdet zu sein scheint, aber man muss es nicht herausfordern.

Auf Zypern erwartet mich dann eine ganz besondere Herausforderung: Wegen der langen britischen Präsenz auf Zypern, zunächst als britisches Protektorat und später als Kronkolonie (1878 – 1960) fährt man auf der Insel auf der falschen Seite. Ich hatte auch hier ein fragwürdige (?!) Entscheidung getroffen und schon in Deutschland ein Auto gemietet. Ich wurde dann noch einmal vom Verleiher hereingelegt, da der gemietete Nissan Micra natürlich kein Navigationssystem an Bord hatte und ich ein Upgrade benötigte. Ich traf eine strategische Entscheidung und nahm mir vor: Im Zweifel räume ich anderen Autos grundsätzlich Vorfahrt ein, bin aber überrascht, dass es relativ gut funktionierte sich an den Linksverkehr zu gewöhnen. Mein Hotel liegt immerhin 140 Kilometer vom Flughafen Larnaca entfernt und glücklicherweise waren überwiegend lange Autobahnstrecken zu absolvieren. Abends traf ich noch Ulrich Stock von der Wochenzeitung „Die ZEIT“ zum gemeinsamen Abendessen und Austausch erster Informationen. Er hatte bereits erste Gespräche mit Spielern geführt.

Minus-Eins-Tag

Noch ein Tag bis zu den Spielen. Der Samstag ist als „Mediatag“ deklariert, bietet aber maximal Möglichkeiten sich für die kommenden Tage lose zu Gesprächen zu verabreden. Natürlich wollen Spieler so kurz vor dem Turnier keine Gespräche mehr führen. Insofern beschränkte ich mich auf das Beobachten und das Begrüßen mir bekannter Personen. Mit Rasmus Svane und Matthias Blübaum kam natürlich kein Gespräch zustande, immerhin konnte ich ihm viel Erfolg wünschen, später auf der Bühne räumte er nach der Vorstellungsrunde ein, dass sich acht mal 12,5 auf 100 addieren, er glaube seine Chancen seien niedriger, aber er nimmt diesen Hinweis gerne auf.

Die Vorstellungsrunde war wegen besserer Fragen kurzweiliger als noch in Toronto und die meisten Reden der Honoratioren recht angenehm kurz. Indien, die USA, China, Kasachstan, Usbekistan, die Niederlande und natürlich eine Vertreter Zyperns waren zur Eröffnungsfeier gekommen. Matthias Blübaum erhielt keine Unterstützung durch die deutsche Botschaft in Nikosia. Was soll ich mich aufregen, aber natürlich könnte der deutsche Botschafter auf Zypern, das ist ein gewisser Hans Peter Jugel, selbst vorbeikommen oder jemanden vorbeischicken, wenn nach 35 Jahren wieder ein deutscher Spieler versucht Weltmeister im Schach zu werden.

Bleiben wir bei den Anwesenden: Ivan Cheparinov ist als Sekundant der Favoritin Zhu Jiner angereist. Nach erfolglosen Coachings von Alireza Firouzja (Madrid 2022) und zuletzt Nurgyul Salimova (Toronto 2024), soll es diesmal mit einer echten Favoritin am Start klappen. Der russische Großmeister Daniil Dubov scheint Kateryna Lagno zu coachen, zumindest saßen die beiden bei der Eröffnungsveranstaltung zunächst zusammen, bis Lagno auf die Bühne gerufen wurde. In Toronto 2024 war noch Andrey Esipenko ihr Sekundant, der muss aber diesmal selbst ran. Einige Coaching-Beziehungen sind bekannt wie Roman Vidonyak, der für Javokhir Sindarov und vermutlich auch seine Freundin Bibisara Assaubaeva tätig ist. Smeets tauchte mit Anish Giri auf und die beiden hatten gute Laune mitgebracht. Fabiano hatte seine beiden bekannten Sekundanten Grigoriy Oparin und Christian Chirila.

Eine Showeinlage und ein gemeinsames Essen beschlossen den Tag und manche zogen noch in den Nachtklub des Hotels weiter. Dort ließ sich immerhin FIDE-Präsident Arkadij Dvorkovic blicken. Spielerinnen und Spieler sowie die meisten Sekundanten und Moderatoren gingen allerdings wohl früh schlafen.

Was mich erwartet und ich erwarte

Drei Wochen erstklassiges und vermutlich dramatisches Schach liegen vor mir und der Schachwelt. Auf Zypern finden die Kandidatenturniere in der offenen Klasse, also der Männer, und der Frauen statt. Jeweils acht Spielerinnen und Spieler treten zweimal mit vertauschten Farben gegeneinander an und ermitteln die Herausforderer für die Weltmeister. Bei den Frauen ist das die Chinesin Ju Wenjun, die seit 2018 Weltmeisterin im klassischen Schach ist. Bei den Männern wartet der 19-jährige Gukesh Domaraju, der in Singapur 2024 den Thron bestieg.

Die Frauen bekommen weniger Zeit zum Nachdenken und zwar bis zum 40. Zug 90 Minuten und 30 Sekunden für jeden ausgeführten Zug (Inkrement). Den Männern gönnt die FIDE zwei Stunden für 40 Züge und erst danach gibt es in beiden Turnieren 30 Minuten für die Restpartie und den üblichen Zeitaufschlag von 30 Sekunden je Zug. Der Unterschied kam wegen unterschiedlicher Umfrageergebnissen von Spielerinnen und Spielern zustande.

Die Favoriten sind bei den Männern nach meiner Einschätzung ein US-Amerikaner, ein Inder und ein Usbeke. Erfreulich ist die Teilnahme des deutschen Schachgroßmeisters Matthias Blübaum, der als erster Deutscher seit Robert Hübner seine Hand in Richtung Weltmeistertitel – Matthias würde sich selbst vermutlich nur einen Finger zugestehen – ausstreckt. Der Schach-Reporter und Herausgeber Stefan Löffler, hatte im FAZ-Sportteil am Freitag gemeldet, dass Vincent Keymer seinen Nationalmannschaftskameraden ebenfalls unterstützt hat: „Keymer ist nicht ganz draußen sondern als Sparringspartner dabei. Geheime Trainingspartien haben sie gespielt, damit Blübaum sich auf die selten praktizierte Bedenkzeitregelung ohne 30-Sekunden-Bonus vor dem 40.Zug einstellen konnte.“

Der Weltschachbund FIDE übernimmt die Kosten für die Unterkunft der Spieler ab Donnerstag (26. März), insofern waren einige Spielerinnen und Spieler im Luxus-Ressort St. Georges bei Pegeia auf Zypern bereits etwas länger anwesend. Die Deutschen waren am Donnerstag angereist. Los geht es am Sonntag.

Bei den Frauen ist die Situation vor dem Turnier ebenfalls spannend. Eine Turnierfavoritin, die Inderin Koneru Humpy, ist wegen Sicherheitsbedenken – eine Drohne oder Rakete, abgeschossen von der libanesischen Terrorgruppe Hisbollah, hatte Anfang März für kleinere Schäden auf einem britischen Militärflughafen Akrotiri gesorgt und eine Sperrung des Flughafen Paphos wurde durch Drohnen verursacht – bereits ausgestiegen und wurde von der Ukrainerin Anna Muzychuk kurzfristig als Teilnehmerin ersetzt. Die ersten Partien sind zeitgleich ebenfalls am Sonntag vorgesehen.

Divya Deshmukh (IND) – Anna Muzychuk (UKR)

Vaishali (IND) – Bibisara Assaubaeva (KAZ)

Alexandra Goryachkina (RUS) – Kateryna Lagno (RUS)

Zhu Jiner (CHN) – Tan Zhongyi (CHN)

Die Favoritinnen sind sicherlich die zwei Chinesinnen Zhu Jiner und Tan Zhongyi, die das letzte Kandidatenturnier dominierte, aber an ihrer Landsfrau im Titelkampf scheiterte. Im Feld der Frauen sind noch zwei starke Russinnen und zwei Inderinnen dabei. Es geht im Kandidatenturnier auch um die Vorherrschaft der Chinesinnen im Weltschach. Zwar hatten die Inderinnen bei der letzten Schacholympiade in Budapest 2024 gewonnen, aber China war nur mit einem B-Team angetreten.

Der Zeitplan folgt dem gleichen Schema wie im letzten Kandidatenturnier in Toronto 2024. Nach vier Runden folgt der erste Ruhetag. Dann wissen wir vermutlich mehr über die Chancen der Teilnehmer. Statistische Auswertungen ergaben, dass spätere Sieger immer in einer der ersten zwei Partien voll punkteten. Auch waren Sieger bereits zur Halbzeit zumindest gemeinsam vorne.

Offizielle Homepage

Fotos: Michal Walusza (FIDE Chess).


Foto: Michal Walusza (FIDE Chess) Das Kandidatenturnier auf

Foto: Lennart Ootes (FIDE Chess).

Koneru Humpy verzichtet auf die Teilnahme am Turnier der Kandidatinnen, das in sechs Tagen im Luxusressort St. Georges auf Zypern starten soll. Die Regularien sehen vor, dass die nächste noch nicht qualifizierte Spielerin aus der Frauen-Serie nachrückt. Das ist die Ukrainerin Anna Muzychuk. Das gab die FIDE am Sonntagabend bekannt.

Die Inderin Humpy Koneru hatte in einem Interview mit Susan Ninan von der Hindustan Times bereits angekündigt, dass für sie die Sicherheit auf Zypern nicht gewährleistet scheint. Sie kündigte ihren Rückzug auf X, vormals Twitter, an und kurz darauf folgte eine erklärende Nachricht des Weltschachbundes FIDE. Als Reaktion auf Humpy Konerus Bedenken hatte der deutsche Unternehmer und Schach-Mäzen Wadim Rosenstein per X-Tweet angeboten die Organisation und Kosten der Kandidatenturniere in Deutschland zu übernehmen. Das Angebot kam entweder zu spät (19. März 2026) oder wurde gar nicht erwogen.

Die Regularien sehen als erste Nachrückerin die Ukrainerin Anna Muzychuk vor, die schon in Toronto 2024 dabei war. Anna Muzychuk war bereits Blitz- und Schnellschach-Weltmeisterin und gehört seit etwa einem Jahrzehnt zu den aussichtsreichsten Anwärterinnen auf den Weltmeistertitel der Frauen. Am nächsten dran am klassischen Titel war Anna im Jahr 2017 als sie im Finale gegen die Chinesin Tan Zhongyi, die auch auf Zypern dabei ist, unterlag.

Auch interessant ist, dass die Paarungen wie vorgesehen bestehen bleiben, denn eigentlich müssen föderationsgleiche Spielerinnen und Spieler in der ersten Runde gegeneinander antreten. Statt gegen Humpy Koneru spielt Divya Deshmukh in der ersten Runde jetzt mit Weiß gegen Anna Muzychuk. In der zweiten Runde spielen dann die zwei verbliebenen Inderinnen gegeneinander und Anna Muzychuk muss gegen Tan Zhongyi ran.

Bei den Frauen ist die Nachrücker-Regelung einfach organisiert. In der offenen Klasse sind die Regeln in der Tat komplexer angelegt und die FIDE hat insofern Glück, dass bislang kein männlicher Spieler ausgestiegen ist. In Zukunft dürfte der Weltschachbund an dieser Stelle eine bessere Regulierung für kurzfristigen Ersatz anstreben. Ein Fall eines Nachrückens betraf das Kandidatenturnier 2024 in Toronto als Magnus Carlsen als Gewinner des World-Cup 2023 und nicht überraschend frühzeitig absagte. Der Azeri Nijat Abasov hatte ausreichend Zeit zur Vorbereitung.

Wer bei welchem Aussteiger nachrückt hängt von dem ursprünglichen Qualifikationspfad des Ausscheidenden ab. Vier Spieler könnten theoretisch kurzfristig angefragt werden. Sollte beispielsweise Hikaru Nakamura aussteigen, dann rückt der Usbeke Nodirbek Abdusattorov nach, der das Jahr mit zwei Siegen in Wijk aan Zee und Prag gestartet ist (eine Korrektur erfolgte durch den Autor des X-Tweets selbst). Die Spekulationen waren zuletzt in den sozialen Medien durch einen Tweet von Nakamura angeheizt worden bei dem sich der US-Amerikaner über einen Stromausfall auf Zypern geäußert hat. Stromausfälle hängen auf Zypern allerdings nicht mit der aktuellen Risiko-Situation zusammen, sondern kommen Berichten zufolge auf der Insel immer mal wieder vor. Man sollte zudem erwarten, dass in einem Luxusresort ein Generator vorhanden ist, um kurzfristige Stromschwankungen auszugleichen. Bei einem Stromausfall könnte am ehesten die Übertragung in die Schachwelt leiden.

Tatsächlich befinden sich bereits erste Spieler und Spielerinnen auf Zypern und beziehen ab dem 26. März ihre Hotelzimmer im Luxusresort. Weitere Spielerinnen oder Spieler hatten sich bisher zumindest öffentlich nicht für eine Verlegung ausgesprochen und jetzt ist es für eine Verlegung bei Einhalten des Zeitplans zu spät.

Pressemeldung der FIDE

Kandidatenturniere auf Zypern

Weiterführender Link zur Diskussion (nachträglich eingefügt)


Foto: Lennart Ootes (FIDE Chess). Koneru Humpy verzichtet

Foto: AI (FIDE Chess Image Event Homepage)

Ende März 2026 soll das Kandidatenturnier bei Paphos auf Zypern starten. Veranstaltungsort ist das Luxusressort Cap St. Georges fast an der westlichen Spitze der Insel. In der Nacht vom ersten auf den zweiten März gab es einen Angriff auf einen britischen Luftwaffenstützpunkt im Süden der Insel. Eine Spielerin hat öffentlich ihre Besorgnis ausgesprochen und könnte nicht teilnehmen. Was nun?

Von Thorsten Cmiel

Beginnen wir mit den Fakten: Der erste Anschlag auf Zypern erfolgte mit einer „Kamikaze-Drohne“ vom iranischen Typ Shahed, die einen Hangar auf dem Flugfeld des Luftwaffenstützpunktes RAF Akrotiri beschädigte. Der Stützpunkt ist britisches Hoheitsgebiet und damit Territorium der NATO. Entsprechend haben Großbritannien und Frankreich reagiert und Kriegsschiffe in die Region verlegt. Dieser Drohnen-Waffentyp ist bekannt aus dem Krieg von Russland mit der Ukraine – da der Iran seine Drohnen ins befreundete Russland verkauft. An den folgenden Tagen wurden weitere Drohnen von verschiedenen Verteidigungssystemen abgewehrt, heißt es recht unbestimmt. Die eingeschlagene Drohne wurde vermutlich von der pro-iranischen Terrororganisation Hezbollah vom Libanon aus gestartet. Hintergrund ist der Krieg im Iran, der sich zurzeit seit etwas mehr als zwei Wochen vor allem Luftangriffen aus den Vereinigten Staaten und Israel ausgesetzt sieht. Die Hezbollah selbst ist zudem inzwischen in Kampfhandlungen mit der israelischen Luftwaffe verwickelt. Auch der zivile Flughafen Paphos wurde kurzzeitig geräumt, als ein verdächtiges Objekt auf dem Radar erschien, so heißt es Meldungen zufolge.

Zwischen dem Flugplatz der britischen Luftwaffe (roter Pfeil) und dem Spielort St. Georges (grüner Pfeil) ist die Entfernung mit dem Auto laut Google Maps (Karte) etwa 80 Kilometer. Luftlinie ist es etwas weniger.

Der Iran selbst hat in ersten Reaktionen Militärbasen der US-Amerikaner in umliegenden Staaten attackiert. Für die Spielerinnen und Spieler des Kandidatenturniers relevant dürfte sein: Die Reisen nach Zypern aus Asien führen meist über die Flugdrehkreuze Doha oder Dubai und beide Flughäfen könnten Ziele für Anschläge sein. Eine Anreise über Europa oder Istanbul scheint daher sicherer zu sein. Eine gewisse Verunsicherung unter den Spielern ist also nachvollziehbar.

Die Fragen wurden lauter und Emil Sutovsky, CEO des Weltschachbundes FIDE, gab Sagar Shah ein Interview zur Lage aus Sicht der organisierenden Föderation.


Eine kurze Zusammenfassung: Die Vorbereitungen für das Kandidatenturnier auf Zypern laufen wie geplant und der Starttermin am 28. März bleibt bestehen. Die FIDE beobachtet die Entwicklungen in der Region genau und steht in Verbindung mit den zuständigen Behörden. Zypern sei nicht direkt in den Konflikt verwickelt und Sutovsky sieht keinen Grund für eine Verschiebung oder Verlegung. Das derzeit größte Problem betrifft die Fluglogistik für einige Spielerinnen und Spieler, die über Drehkreuze im Nahen Osten reisen; hier wird Abhilfe durch alternative europäische Routen und die Übernahme der Kosten für die Spieler geschaffen. Die Anfragen der Spieler betrafen laut Sutovsky größtenteils allgemeine Bedenken und Reisefragen; die Kommunikation sei transparent, und es gäbe keine ungelösten kritischen Probleme. Lehren aus vergangenen Veranstaltungen, insbesondere Anpassungen während der COVID-Zeit, bilden die Grundlage. Ansonsten machte Emil Sutovsky Werbung für das Event.

Einen Tag später wurde ein Interview der indischen Spitzenspielerin Koneru Humpy mit Susan Nihan in der Hindustan Times öffentlich. Die Überschrift sagt schon einiges aus: Humpy Koneru sieht ihre Befürchtungen offenbar nicht ausreichend reflektiert und erwägt einen Ausstieg aus dem Turnier wegen Sicherheitsbedenken. Zum Interview. Humpy wörtlich: „Das ergibt einfach keinen Sinn. Es ist derzeit gefährlich, in die Nähe von Westasien zu reisen, wo doch so große Spannungen und Unsicherheit herrschen. Der Krieg hat vor etwa zwei Wochen begonnen, er dauert immer noch an, und das Turnier steht in weniger als zwei Wochen bevor. Ich glaube nicht, dass sich irgendeine offizielle Stelle derzeit trauen würde, eine Veranstaltung in dieser Region auszurichten.“

Diese Kritik sitzt. Inzwischen haben vor allem indische Medien das Thema aufgegriffen. Ex-Weltmeister und FIDE-Vize Viswanathan Anand meldete ich via Firstpost. Anand, der selbst als gelegentlicher Kommentator vor Ort sein soll, argumentiert ähnlich wie Sutovsky zuvor. „Die FIDE versucht zunächst, einen guten, hochwertigen Austragungsort zu finden, und ich glaube, das ist uns gelungen. Zypern wird ein sehr guter Austragungsort sein, und ich denke, die Bedingungen werden fantastisch sein; wir versuchen, die Spieler auf dem Laufenden zu halten.“

Auch dieser Kommentar dürfte die indische Spielerin kaum beruhigt haben und zum Umdenken bewegt haben. Humpy Koneru hat eine Flugverbindung via Frankfurt und will beobachten wie sich die Situation entwickelt. Immerhin hat der Weltschachbund Erfahrungen bereits mehrfach mit unsicheren Situationen gesammelt. Beim Kandidatenturnier in Toronto 2024 gab es Widerstände der Kanadier beim Erteilen der Visa der indischen, russischen und chinesischen Spielerinnen und Spieler. Wenige Wochen vor Veranstaltungsbeginn gab es einen ausweichplan für die Veranstaltung. Letztlich gelang es den Kanadiern mit persönlichem Einsatz und Kontakten zu Abgeordneten dann das Problem aus der Welt zu schaffen. Der Rest ist Schachgeschichte. Der 17-jährige Inder Gukesh gewann in der offenen Klasse und die Chinesin Tan Zhongyi bei den Frauen. Beim Kandidatenturnier in Yekaterinenburg 2020 gab es im Vorfeld Bedenken wegen der heraufziehenden Covid-Pandemie. Ein Spieler wollte nicht mitspielen und stieg aus. Die FIDE setzte dem aserbaidschanischen Großmeister Teimur Radjabov ein Datum bis zu dem er sich entscheiden musste teilzunehmen. Der entschied sich sich gegen die Teilnahme und wurde von einem französischen Schachgroßmeister ersetzt. Nach sieben Runden wiederum wurde das Kandidatenturnier unterbrochen und ein Jahr später fortgesetzt. Nepomniachtchi gewann vor dem Franzosen und trat gegen Magnus Carlsen später in 2021 zum Titelkampf an.

Man kann beide Positionen verstehen. Spielerinnen und Spieler wollen möglichst keine Störung im Vorfeld erleben und Krieg in relativer Nähe ist für sensible Spielerinnen und Spieler ein erheblicher Störfaktor. Auf der anderen Seite sind die Vorbereitungen inklusive Logistik bereits angelaufen und ein Wechsel in einen anderen Spielort ist so kurzfristig nur schwer vorstellbar. Für das Turnier selbst stellt eine neue Spielerin im Feld für alle anderen Spielerinnen eine zusätzliche Herausforderung dar. Das beschrieb einmal Ian Nepomniachtchi, der zur Halbzeit mit dem Franzosen Maxime Vachier-Lagrave (MVL) vorne lag und sich im nachhinein nicht sicher war, ob irgendwer den Franzosen noch gestoppt hätte, falls das Turnier nicht für ein Jahr unterbrochen worden wäre. Neben den Teams deren finanziellen Aufwendungen von der FIDE gedeckt werden, sind auch andere Gruppen wie Fotografen und Journalisten betroffen, die teilweise auf eigene Kosten anreisen. Eine Änderung des Veranstaltungsortes oder des Zeitplans hätte auch für diesen Gruppen finanzielle Konsequenzen oder zumindest Herausforderung bei Umbuchungen zur Folge, zumindest solange keine offiziellen Reisewarnungen beispielsweise geplante Flüge und Hotels stornierbar machen. Es spricht derzeit also wenig für eine Verlegung.

Damit ist ein Ausstieg von Koneru Humpy wahrscheinlich, aber nicht sicher. Bis wann sich die Inderin für eine Teilnahme entscheiden muss ist hingegen unbekannt und die aktuelle Situation ist insofern nicht vergleichbar. Neue Drohnenangriff auf Zypern könnten die Einschätzung der Sicherheitslage verändern. Es ist daher wahrscheinlich, dass eine Ersatzspielerin anreisen könnte, um einzuspringen. Tatsächlich gibt es in den Regularien eine festgelegte Reihenfolge: Die Ukrainerin Anna Muzychuk ist nach Artikel 2.2 der Turnierregeln als bestplatzierte nicht qualifizierte Spielerin in der Frauen-Turnier-Serie als Nachrückerin vorgesehen – es folgen zwei Chinesinnen. Das ist eine vernünftige Regelung, denn würde man wie 2024 in der offenen Klasse verfahren müssen, als Nijat Abasov als Vierter im World-Cup den Sieger Magnus Carlsen ersetzte, dann müsste es ohne zeitlichen Vorlauf diesmal mehrere Spielerinnen in Warteposition geben. Vierte im Frauen-World-Cup wurde die Chinesin Lei Tingjie, die erst dritte Nachrückerin in der Frauen-Serie ist.

Turnierseite

Emil Sutovsky: „Kandidatenturnier findet statt“ (Carlos Colodro bei Chessbase)

Allgemeiner Hinweis: Dieser Blog erscheint in deutscher Sprache. Wer eine automatische Rückübersetzung nutzt wird möglicherweise bei Zitaten in englischer Sprache ein leicht veränderte Übersetzung finden. Wer sicher sein will sollte in der angegebenen Originalquelle nachlesen.


Foto: AI (FIDE Chess Image Event Homepage) Ende