Die ersten Turniere zur Qualifikation laufen bereits. Jetzt hat der Weltschachbund (FIDE) erklärt wie Spieler sich für das nächste Kandidatenturnier 2028 qualifizieren können.Klar ist: Kürzere Bedenkzeit gewinnen an Bedeutung.
Von Thorsten Cmiel
Die FIDE ist eine Suchende und ändert die Qualifikationsbedingungen zu jedem neuen Zyklus. Das ist nicht nur für Spieler, sondern auch für Schachfans oft verwirrend. Mitte Juli veröffentlichte der Weltschachbund wie es diesmal laufen soll. Schauen wir zunächst auf die Zahl der Qualifikationplätze, die je Weg vergeben werden sollen.
Beginnen wir mit den Änderungen in der offenen Klasse: Ein Platz im World Cup wurde gestrichen. Damit entfällt die Notwendigkeit den dritten Platz auszuspielen, außer man benötigt die Reihenfolge trotzdem. Diese Entscheidung überrascht, da man diesen Qualifikationsplatz erst eingeführt hatte. Weniger überraschend ist, dass der Rating-Platz inzwischen kassiert wurde. Darum gab es bei den letzten zwei Qualifikationen für die Kandidatenturnier viel Ärger. Zuletzt hatte sich Hikaru Nakamura seine Qualifikation durch das Spielen bei Mickey-Mouse-Turnieren, seine eigene Wortwahl, erspielt. Die zwei neu geschaffenen Plätze gehen an die Sieger der Total Chess Championship Tour und damit können sich Spieler erstmals in der Historie des Schachs ohne das Spielen einer einzigen Partie mit klassischer Bedenkzeit (90+ für 40 Züge + Inkrement ab Zug 1 oder 120 Minuten/40 Züge) für die klassische Weltmeisterschaft qualifizieren. Ob das eine gute Idee für die Spieler und das Schach insgesamt ist, wird man herausfinden. Dennoch ist Schnellschach eine andere Disziplin.
Die Entwicklung hin zu schnelleren Bedenkzeiten wird auch durch die neue hybride Qualifikationsphase im World Cup unterstrichen. Es bleibt dabei, dass sich der Unterlegene im WM-Kampf erneut qualifizieren muss, wobei der WM-Kampf für den FIDE-Circuit eine Menge an Punkten bringt.
Der FIDE Circuit wurde ebenfalls etwas anders gestaltet und ist vielleicht die ultimative Form der Qualifikation: Es zählen künftig die kumulativen Ergebnisse der Jahre 2026 und 2027. Damit wird Konstanz über einen längeren Zeitraum belohnt. Auch im FIDE Circuit können Schnellschach- und Blitz-Ergebnisse Punkte liefern. Wichtiger dort ist aber, dass Spieler in jedem Jahr zwei Schweizer-System-Turniere mit mindestens 50 Teilnehmern spielen müssen.
In 2027 ist das recht einfach: Das Grand-Swiss-Turnier wird als solches ausgetragen und eventuell zählt auch die Qualifikation im World Cup. Dabei können Spieler, die sich nicht direkt qualifizieren wertvolle Punkte sammeln, da klassische Open-Turniere oft weniger Punkte liefern.
Foto: Michal Walusza (FIDE Chess)
Bei den Frauen hat sich weniger verändert. Der dritte Qualifikationsplatz im World Cup, den zuletzt Koneru Humpy erringen konnte, fällt wie in der offenen Klasse weg und wird dem Frauen-Circuit zugeschlagen.
In den Regularien der FIDE ist geregelt wer wann nachrückt, falls Spieler auf die Qualifikation verzichten – Magnus Carlsen kommt da bei der TOTAL Chess WM in Betracht – oder bereits anderweitig qualifiziert sind.
Mein Fazit
Man versteht das Bemühen der FIDE mit der Zeit zu gehen. Schach muss angeblich schneller werden, um attraktiver für Sponsoren zu werden. Die letzte Änderung an der Dauer des World Cup ist verständlich und für sich genommen durchaus richtig. Gleichzeitig ist es aber sicher keine gute Idee, immer mehr Hybrid-Formate in die Qualifikation zur Weltmeisterschaft einzubauen. Das Carlsen-Büttner-Projekt Freestyle-Schach hat die Reduktion der Bedenkzeit ausprobiert und ist trotz Millioneninvestitionen bei den Fans und manchen Spitzenspielern komplett gescheitert. Relevant ist nicht was schneller ist, sondern was eine Historie vorweisen kann. Es ist sogar für junge Akteure auf der Tour ein Wert an sich und ein Lebenstraum, sich in eine Reihe mit Lasker, Capablanca und Fischer zu stellen. Das mag für die werberelevante Zielgruppe der Online-Klicker nicht sonderlich zählen, aber dieser Zeitgeist ist nur eine Episode und die FIDE täte gut daran, ihren wichtigsten Weltmeister-Titel nicht weiter zu entwerten, weil zudem einige Lautsprecher in den sozialen Medien scheinbare Trends ausrufen und es angeblich besser wissen.
Immer wieder sieht man Spieler ihre Vorbereitung schnell auf das Brett knallen und dann kippt die Partie plötzlich. Als Außenstehender weiß man oft nicht warum das passiert. Nach meiner Beobachtung gibt es dafür mehrere konkrete Gründe, aber sämtliche Szenarien haben eine gemeinsame Ursache.
Von Thorsten Cmiel
Beginnen wir unsere Betrachtungen mit einer schmerzhaften eigenen Partie. Ich spielte ein neunrundiges IM-Turnier auf Kreta und es lief einfach nicht. Ich kam in dieser Runde mit Schwarz gegen den haushohen Favoriten, einen in der Schweiz lebendenden Ukrainer, der schon seine GM-Normen beisammen hatte, kräftig unter die Räder. Ich hatte bei seinem letzten Turnier eine Siegpartie von Peng gefunden, die ich jedoch verbessern konnte. Er umschiffte das Thema, ohne nur einen Moment zu zögern – zwei Stunden Vorbereitung weg. Immerhin ich hatte mir die Partie-Variante vor der Partie ausführlich (insgesamt vier Stunden) angesehen und mit etwas Mühen und müde bereits zu Beginn der Partie die Züge zusammen bekommen.
Wir sind inzwischen im 19. Zug angekommen und ich muss mit Schwarz eine weitere Entscheidung treffen. Mein Gegner hat den Bauern auf b7 attackiert und ich muss mich entscheiden, ob ich den Bauern ein oder zwei Felder vorziehen soll. Eine andere Idee könnte es sein, den Läufer auf die lange Diagonale zu stellen und einen Bauern zu opfern. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich schnell aus dieser Stellung heraus verlor.
Lösung
Auch in dieser Partie wurde bis hierhin geblitzt. Wie sollte der deutsche Spieler mit Schwarz hier am besten fortsetzen? In der Partie unterlief ihm hier die erste von drei Ungenauigkeiten und er verlor in der Folge.
Lösung
Als ich die Fotos der Spieler in meiner Datenbank sah, erinnerte ich mich an eine Schnellschach-Partie aus Budapest 2024, die ich gegen Aron Pasti gespielt hatte und die zufällig von einem Freund aus den USA, John Brezina, festgehalten wurde. Ein guter Grund die Partie hier ohne sonstigen Kontext zu archivieren.
Was wir daraus lernen können
Nach einer längeren Partiephase, die man aus der Erinnerung heraus spielt, kommt es oft direkt danach zu einem Fehler. Ich nenne das die „Vorbereitungs-Krankheit“. Dabei gibt es zunächst einige psychologische Hürden zu überwinden. Zum einen will man keine Schwäche zeigen und blitzt daher einfach weiter und zum anderen ist man an den Zeit-Modus der Turnierpartie noch gar nicht gewöhnt. Auch das führt gelegentlich zu zu schnellem Spiel, wenn eigentlich Nachdenken angesagt wäre. Aber die Praxis zeigt nach meiner Beobachtung, dass es meist besser ist, eine Variante durch Nachdenken zu entwickeln, als ins kalte Wasser zu springen.
Direkt nachdem Spieler aus dem „Buch“ sind, sollten sie sich hinsetzen und versuchen, in die Tiefen der Position einzutauchen. Man kann diese Strategie gelegentlich bei Vincent Keymer und einigen Indern sehen, die völlig überraschend zwanzig und mehr Minuten grübeln. Eine Warnung sei noch gegeben: In solchen Phasen findet man sogar bei Spitzenspielern Fehler und unvorteilhafte Entwicklungen, da sie die Stellung nicht verstehen oder einfach keine Bindung finden. Hier sei nur an die Zweitrunden-Partie von Praggnanandhaa gegen Gukesh aus dem Kandidatenturnier in Toronto 2024 erinnert. Wer weitere Beispiele sucht, dem sei Nakamura – Nepomniachtchi und Praggnanandhaa – Nepomniachtchi aus dem gleichen Turnier zur Analyse empfohlen. Die Gukesh-Partie konnte ich mit Grzegorz Gajewski, seinem Coach, nach dem Turnier besprechen und auch die Problematik, sich vor Partien sehr lange Varianten anzusehen, diskutieren.
2027 gibt es ein neues Format für den World-Cup und den Frauen World-Cup. 2025 hatten Divya Deshmukh und Javokhir Sindarov im alten reinen K.o.-Format gewonnen. Der Weltschachbund Fide verschlankt das Event und geht mit der Zeit.
Von Thorsten Cmiel
Der World-Cup ist mit jeweils drei Qualifikanten bislang das wichtigste Turnier zur Qualifikation für die Kandidatenturniere und zwar sowohl in der offenen Klasse als auch bei den Frauen.
Der FIDE verkürzt die Gesamtdauer der Veranstaltungen von 27 bzw. 23 auf 19 Tage. Die Grundidee des K.o.-Formats, das seit 2005 besteht, bleibt nach einer hybriden Startphase erhalten. Die Teilnehmerzahl steigt im Open-Turnier von 206 auf 224 Spieler und im Frauenturnier von 103 auf 128 Spielerinnen. Neu ist: Ab 2027 bestehen beide Welt-Cup-Turniere aus zwei unterschiedlichen Qualifikationsphasen.
Phase 1 als Schweizer System
Die Eröffnungsphase besteht aus neunrundigen Turnieren an fünf Tagen nach dem Schweizer System, die mit einer Zeitkontrolle von 45 Minuten und 30 Sekunden pro Zug ausgetragen werden. Das ist die eigentliche Revolution des neuen Spielmodus, die zur Verkürzung des Gesamtevents geführt hat.
Der Open-Weltcup umfasst in der offenen Klasse vier Gruppen, wohingegen der Frauen-Weltcup in zwei Gruppen unterteilt ist. Die Gruppen sollen von der Spielstärke her gleichstark sein.
Phase 2 im K.o.-Modus
Die besten Spielerinnen jeder Gruppe ziehen in die K.o.-Phase ein. In der offenen Klasse kommen die vier besten Spieler aus jeder Gruppe weiter. Im Frauen-Weltcup die acht besten Spielerinnen aus jeder der beiden Gruppen. Damit kommen insgesamt 16 Spielerinnen und Spieler weiter.
Hybride Bedenkzeit: Das Achtelfinale, das Viertelfinale, das Halbfinale und das Finale werden nach dem bestehenden Weltcup-Format und mit klassischer Bedenkzeit ausgetragen.
Preisgeld
Das Gesamtpreisgeld für die beiden Veranstaltungen wurde deutlich erhöht, von 2,67 Millionen US-Dollar im Jahr 2025 auf 3,3 Millionen US-Dollar im Jahr 2027. Das Preisgeld wird auf alle Teilnehmer verteilt, wobei der der Preis für den Sieger unverändert bleibt.
Mein Kommentar
Durch das neue kürzere Format wird ein wesentlicher Schwachpunkt der bisherigen Welt-Cup-Turniere behoben. Dadurch ist das Einbauen in die Turnierkalender von Profis einfacher, da zuletzt immer häufiger Terminkollisionen auftraten. So musste die Freestyle-Bewegung beispielsweise weichen. Auch zwischen E-Sport-Events und Traditionsturnieren gab es 2026 Clashes, die manche Spieler in Loyalitätskonflikte bringt. Auf der anderen Seite erhalten die Favoriten nicht mehr das Privileg erst zur zweiten Runde anreisen zu dürfen. Das ist eine grundsätzlich gute Entwicklung, aber der Preis ist nicht zu unterschätzen: Das neue Schnellschach-Format (45 Minuten + Inkrement von 30 Sekunden) hält Einzug in die Qualifikation zur Weltmeisterschaft. Noch ist nicht bekannt wie viele Qualifikanten sich aus der neuen Total-Schach-Serie qualifizieren. Aber auch hier gewinnen kürzere Bedenkzeiten an Bedeutung.
Nachdem der Inder Gukesh das Kandidatenturnier in Toronto gewonnen hatte, wollte ich auch beim WM-Kampf dabei sein. Im Vordergrund standen natürlich der Wettkampf und das Geschehen auf dem Brett. Einige persönlichere Eindrücke folgen mit etwas Verzögerung aus der Rubrik Schubladentexte.
Von Thorsten Cmiel
Der erste Eindruck zählt bekanntlich am meisten. Mit Singapur Airlines bin ich am 24. November 2024 von Frankfurt nach Singapur geflogen. Etwas übermüdet steige ich nach zwölfstündigem Flug aus dem Airbus A380. Jetzt ist vermutlich Schlangestehen angesagt am 1981 eröffneten Singapurer Changi Flughafen. Wir Passagiere laufen durch die üblichen langen Gänge und hohen Hallen moderner Flughäfen. Ich hatte die Formalitäten noch nicht vollständig erledigt. Per iPad gebe ich an einer dafür vorgesehenen Einrichtung die notwendigen Angaben in ein elektronisches Formular und der freundliche Mitarbeiter des Flughafens rät mir ein Foto mit dem Handy davon zu machen, das würde ich später immer wieder benötigen. Das ging schnell.
Danach geht es zur elektronischen Passkontrolle. Man kennt solche Kontrollen in Europa für Europäer, aber ich wechsele immerhin den Kontinent und doch reicht die elektronische Kontrolle, die ich ebenfalls zügig an einem der unzähligen Zugänge absolviere. Das Gepäckband läuft bereits als ich dort ankomme. Koffer nehmen und dann geht es per Metro in Richtung Sentosa Island, hier ist mein Hotel und der Spielort. Auffällig ist sofort, alles ist modern und sauber. Als Kölner ist man das nicht unbedingt gewohnt. Der Grund dafür könnte sein, dass die Regierenden drastische Strafen für achtlos weggeworfenen Alltagsmüll aufrufen. Die Regel gefällt mir.
Jünger, schneller, weiter
Auffällig sind die vielen jungen Menschen, die einem begegnen in Singapur. Immerhin meine Hausaufgaben habe ich gemacht: Für das Jahr 2024 wird das Durchschnittsalter in Singapur auf etwa 35,6 Jahre prognostiziert. In einem Vierteljahrhundert soll das Durchschnittsalter bei ungefähr 51 Jahren liegen. Dass Gesellschaften altern ist nicht schlimm, sondern oft ein Zeichen besserer Gesundheitsversorgung. Eine alternde Gesellschaft wird jedoch mit neuen politischen Herausforderungen konfrontiert, bei der Altersvorsorge und in der Pflege beispielsweise. Der durchschnittliche Deutsche ist zurzeit 47,8 Jahre alt, statistisch betrachtet. Junge Gesellschaften sind natürlich dynamischer, innovativer und lebendiger. Das spürt man in Metropolen wie Singapur sofort.
Ökonomisch betrachtet ist Singapur ein echtes Powerhaus. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, eine Art Messgröße der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, beträgt fast 89.370 US-Dollar. Für die nächsten fünf Jahre wird ein Anstieg um 22 Prozent erwartet. Es gibt unterschiedliche Messmethoden, die Länder vergleichbar machen, aber es reicht aus zu wissen, dass Singapur im Vergleich die weltweite Nummer zwei und Deutschland auf Rang 20 rangiert.
Jüngere Geschichte
Die frühere britische Kronkolonie Singapur gibt es in der jetzigen Form erst seit 1965, wir sind sozusagen gleichaltrig. 1963 hatte das Land sein Glück in einer Föderation mit Malaysia, Nord Borneo und Sarawak versucht. Allerdings gab es Spannungen und ethnische Unruhen in Malaysia und Singapur. In der Folge wurde Singapur aus der Föderation ausgeschlossen und stand vor einer ungewissen Zukunft, so wird es heute beschrieben. Irgendetwas hat man danach richtig gemacht. Politische Stabilität scheint ein wichtiger Faktor zu sein. Seit der Unabhängigkeit regiert erst der vierte Premierminister das Land. Wirtschaftlich relevant sind für Singapur vor allem seine Frachthäfen. Ein anderer wichtiger Wirtschaftsfaktor für Singapur ist der Finanzsektor. Geldströme nach Singapur führen zu Wohlstand, da der Stadtstaat sich liberal und offen zeigt. Der dritte Faktor für den Wohlstand des kleinsten Staatsgebiets in Südostasien ist der Tourismus. Zur Schachweltmeisterschaft beispielsweise kann man herkommen.
FIDE trifft gute Wahl
Etwa ein halbes Jahr vor Beginn der Schachweltmeisterschaft hatte der Weltschachbund FIDE den Zuschlag für den Weltmeisterschaftskampf an das neutrale Singapur vergeben. Chennai und Delhi waren verständlicherweise schnell aus dem Rennen, obwohl sie das geforderte Finanzvolumen von 8,5 Millionen US-Dollar ebenfalls stemmen wollten. Der Stadtstaat in Südostasien ist aus mehreren Gründen bestens geeignet, um den Wettkampf zwischen einem chinesischen und einem indischen Spieler auszutragen. Zunächst liegen beide Staaten größtenteils in benachbarten Zeitzonen. Zwischen Chennai und Peking beträgt der Zeitunterschied zweieinhalb Stunden. In Singapur gilt die selbe Zeit wie in China.
Singapur ist ein internationaler Schmelztiegel mit Einflüssen aus vielen asiatischen Regionen. Anekdotisch sei erwähnt, dass es in Singapur eine Chinatown und ein Little India als eigene Stadtteile gibt. In Singapur, das etwa 5,7 Millionen Einwohner zählt, gibt es sogar vier offizielle Landessprachen, Malaiisch, Mandarin, Tamil und Englisch. Von der ersten Runde wurden bei den Pressekonferenzen Fragen an Ding Liren in seiner Landessprache gerichtet und der freute sich riesig darüber und lächelte manchmal nur dann. Zur siebten Partie kam erstmals ein indischer Journalist auf die Idee, Gukesh in Tamil eine Frage zu stellen. In allen Fällen wirkten die FIDE-Vertreter überrascht und Maurice Ashley auf der Bühne machte gute Miene zum unverstandenen Spiel. Immerhin für die Frau, die für das Singapurer Organisationsteam ihre Fragen an Ding Liren auf chinesisch richtete, gab es nach einigen Runden einen Übersetzer. Der Inder übersetzte seine Fragen gleich mit. Gukesh wirkte ebenfalls überrascht, begann in Englisch und wechselte in seine Landessprache. Wie Anand und Praggnanandhaa kommt er aus Chennai, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Tamil Nadu.
Sentosa Island
Gespielt wird auf der Vergnügungsinsel Sentosa, eine kleine singapurische Insel, die durch Landgewinnung entstand und ein Areal von etwa fünf Quadratkilometern ausmacht. Die Insel diente früher den Briten als Militärstützpunkt und ist inzwischen eine Art Naherholungsgebiet für die Bevölkerung Singapurs. Jedes Jahr kommen über fünf Millionen Touristen nach Sentosa. Es gibt neben zumeist teuren Hotels und Luxusläden auf der Insel einige Attraktionen, die vor allem für Kinder, aber auch für Erwachsene etwas bieten können. Neben dem riesigen S.E.A. Aquarium gibt es die Universal Studios Singapur, die einen Tagesausflug rechtfertigen. Hier kann man hinter gut imitierte Filmkulissen schauen und erfahren wie Spezialeffekte beim Film entstehen. An zwei Attraktionen wurden 3D-Brillen ausgegeben und eine Tour mit einer Art Raumshuttle in eine Kampfszene aus Transformers war das Eintrittsgeld von etwa 75 Euro für den ganzen Tag alleine wert. Leider weiß man beim Anstellen für Attraktionen nicht so genau was passiert und so erlebte ich ein nasse Überraschung bei einer Bootstour in der Jurassic World. Zwar hatte man die Möglichkeit Capes für sechs Singapur Dollar zu kaufen, aber etwa die Hälfte der Besucher verzichtete und ich ebenfalls. Immerhin die Betreiber haben offensichtlich Humor und sind zugleich geschäftstüchtig, denn für fünf Dollar konnte man sich danach in eine Art Trockenkabine stellen. Ich verzichtete erneut, denn ganzjährig ist das Klima in Singapur tropisch-feucht, man ist also ohnehin immer irgendwie nass. Die hohe Luftfeuchtigkeit dürfte nicht jedermanns Sache sein. Es gab noch andere Erlebniswelten wie die Welt von Shrek, einem inzwischen in die Jahre gekommenen grünen Helden. Die Waterworld oder ägyptische Kulissen aus einem Abenteuerfilm, in dem auch eine Mumie vorkommt, sind ebenfalls Teil der Attraktionen. Kinder dürften auch die Magie von Harry Potter in einem anderen Vergnügungstempel mögen, aber fast fünfzig Euro für eine Tour von etwas mehr als einer halben Stunde, sind im Vergleich zu dem Angebot in den Universal Studios nicht gerechtfertigt. Wer will kann einen schwerelosen Flug erleben. Für 120 Singapur Dollar bekommt man eine Einweisung, eine Fluganzug und darf 45 Sekunden fliegen. Spaß ist teuer.
Wo die Schachwelt hinschaut
Der Weltmeisterschaftskampf zwischen Titelverteidiger Ding Liren und dem indischen Herausforderer Gukesh wird im Equarius Hotel, einem luxuriösem Fünf-Sterne-Hotel ausgetragen. Dafür haben die Organisatoren einen Tag vor Beginn eine Art Glashaus errichten lassen, bei dem die Spieler von innen nicht in den ohnehin abgedunkelten Raum sehen können. Man kann den Spielern beim Denken zuschauen und das Geschehen auf dem Brett auf zwei Monitoren verfolgen. Drinnen hört man nur wenn es draußen Applaus gibt. In dem Zuschauerraum gibt es etwa dreihundert Sitzplätze von denen etwa 60 für VIP`s reserviert sind. Die übliche Aufenthaltszeit beträgt dreißig Minuten für Einfachzahler. Die „wichtigen“ Leute sind näher dran am Geschehen, können sich in gemütlicheren Sesseln lümmeln, an Simultanevents teilnehmen und sich in einer speziellen Lounge verköstigen lassen. Dafür müssen diese Gäste etwas tiefer in die Tasche greifen. Ein Tagesticket kostet schachlich korrekte 64 Singapur Dollar und die VIP-Version 380 Dollar. Rabatte gibt es bei Mehrfachbesuchen. Zur Einschätzung: Ein Singapur-Dollar ist ungefähr 70 Eurocent wert. Für das Fußvolk unter den Gästen gibt es eine Fanzone, die wie schon in Toronto sehr gut ankommt. Hier finden manchmal Interviews statt mit im besten Fall bekannten Großmeistern oder Streamingpromis. Wer will kann Blitzpartien spielen oder dem offiziellen Kommentar von David Howell und Jovanka Houska folgen. Im Foyer hat der Titelsponsor Google eine Ausstellung, welche die Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz nutzt und das Projekt Alpha Zero und die Folgeprojekte vorstellt. Einer der Ehrengäste zu Beginn war Demis Hassabis, der Gründer von Deepmind und seit diesem Herbst Nobelpreisträger für Chemie. Er hatte zusammen mit David Baker und seinem Kollegen John Jumper für das Entschlüsseln von Protein Strukturen diese Auszeichnung erhalten.
Maria Emelianova (FIDE Chess)
Kantine
Der Presseraum ist klein, aber funktional ausgefallen, spannend dürften die letzten Tage werden, wenn die Zahl der 179 akkreditierten Journalisten erreicht wird. Aus Deutschland sind drei Medienvertreter länger vor Ort: Harry Schaack, Herausgeber vom KARL, Ulrich Stock von Die Zeit und ich für Chess Ecosystem. Wie in Budapest gibt es keine ordentliche Verpflegung für Medienvertreter. Das ist insofern ärgerlich als die Partien erst um 17 Uhr beginnen und ab 21.30 Uhr die Garküchen im Einkaufszentrum Vivo City auf dem Festland bereits dicht machen. Um das Festland zu erreichen kann man den kostenlosen Sentosa Express, eine moderne kostenlose Bahnverbindung nutzen. In der siebten Runde beispielsweise war die Pressekonferenz erst kurz von elf Uhr zu Ende. Ulrich Stock, der schon bei der Auftaktveranstaltung anwesend war, hat dafür früh eine Lösung gefunden und so gehörte es zu unserer regelmäßigen Routine, dass wir nach Ende der Pressekonferenz ins Kasino gehen. Das ist Teil des Hotelkomplexes in der Nähe des Spiellokals. Um in den Spieltempel zu gelangen muss man seinen Reisepass und das Einreisedokument auf dem Handy parat haben. Das Kasino selbst ist groß, riesengroß. Es blinkt von überall her von den zahllosen Monitoren und Automaten. Viele Spielerinnen und Spieler sitzen vermutlich stundenlang scheinbar emotionslos vor den einarmigen Banditen ohne jemals etwas zu gewinnen oder Spaß zu haben. Selbst altehrwürdige Spiele wie Roulette werden hier nur noch elektronisch angeboten. Die Spieler sitzen in einem großen Kreis an Tischen und eigenen Eingabegeräten, um möglichst effizient ihre Gebote abzugeben. Das ist schneller als in klassischen Spieltempeln und dürfte für die Betreiber daher deutlich lukrativer sein.
In der Kantine gibt es günstige frisch zubereitete asiatische Gerichte. Hier können Spieler rund um die Uhr einkehren, wenn das Geld an der Geräten zur Neige geht und eine letzte warme Mahlzeit noch drin sein muss.
Grandiose asiatische Küche
Am zweiten Ruhetag, also nach der sechsten Runde, schaffe ich es endlich auf das Festland und sehe einige grandiose architektonische Bauwerke und Gebäude von weitem beispielsweise das Marina Bay Sands, das einigen als Kulisse dient Das Gebäude ist ein bekanntes Luxushotel auf drei Säulen in der unmittelbaren Nähe des Finanzviertels mit seinen vielen Wolkenkratzern und seinem arroganten Charme. Auf der Straße begegnet man Männern in Anzügen und Frauen in Kostümen, die beschäftigt wirken und sich gelegentlich bei Starbucks mit Kaffeegetränken eindecken. Dann plötzlich, es ist mittags und ich habe ohnehin Appetit, sehe ich einige Straßengarküchen in einer Art Galerie, mitten im Finanzdistrikt. Ich bin am Telok Ayer Markt angelangt, der heute Palau Pa Sat heißt. Das Gebäude hat ein markantes achteckiges Design, existierte bereits in den 1820er Jahren und wurde später im viktorianischen Stil neu entworfen. Das Gebäude verwendet filigrane Guss- und Schmiedeeisenteile, die aus Glasgow importiert wurden. Im Markt gibt es ein buntes Treiben mit findet man unzählige Garküchen mit chinesischen, koreanischen, indischen, philippinischen, japanischen und singapurischen Gerichten unterschiedlicher Art. Ich entscheide mich für Wanton Nudeln, eine Suppe, die nach Fischsuppe mit einer Art Tortellini-Einlage gab es dazu. Der Preis ist ansprechend niedrig. Tatsächlich findet man solche Möglichkeiten in vielen Vierteln in Singapur. Bei meinem Weg aus dem Finanzviertel komme ich an verschiedenen Kulinariktempeln vorbei, die Franchisecharme versprühen. Die Preise sind deutlich höher, dafür gibt es freies W-Lan und viele freie Plätze.
Von Partien und Exporten
Die Pressekonferenzen finden nicht im Equarius Hotel, sondern an einem anderen Ort in der Nähe statt, im Convention Centre. Dahin müssen Journalisten und Fotografen entweder nach der Partie zu Fuß eilen oder sie nehmen einen gemeinsamen Bus. Während die Spieler in einem Kleinbus abgeholt werden, sind gelegentlich die Mutter und der Vater von Ding Liren ebenfalls beim Pressetross dabei, insbesondere wenn es zufällig gerade regnet.
Im Convention Centre finden nicht nur die Pressekonferenzen, sondern auch das Singapur Open in zwei Gruppen statt. Ein internationales Turnier mit vielen Großmeistern. Vor allem Spieler aus Asien sind dabei. Immerhin spielt auch der Europameister Aleksandar Indjic mit. Das Turnier erweist sich gelegentlich – inzwischen sind sieben Runden gespielt – als Rutschpartie für manche Großmeister. Ich habe es mir zur täglichen Routine gemacht die Bretter 25 bis etwa 30 zu konsultieren. Hier fand ich meist gestrandete Großmeister mit einem Ergebnis von etwa Plus Eins. Das funktionierte bis zur siebten Runde bestens.
Es ist faszinierend manchen Partien zuzuschauen und manchmal entdeckt man echte Perlen. Leider wurden nur die ersten zehn Bretter übertragen und ich kann mich bei einer solchen Partie nur an das wichtigste Stellungsmerkmal erinnern. In der sechsten Runde sah ich an Brett 13 eine bemerkenswerte Stellung in der Partie zweier Großmeister. Mit Weiß spielte Darwin Laylo (2402) von den Philippinen gegen Arseniy Nesterov (2599), einem Spieler unter FIDE-Flagge. Ich dachte mir ein isolierter b-Doppelbauer, ein isolierter f-Tripelbauer und zwei isolierte Bauern auf d4 und h2 müssen die schlechteste Bauernstruktur aller Zeiten sein. Meine Überraschung war groß als ich exakt diese Bauernstruktur in einer anderen Partie fand, die 1998 in Italien gespielt worden ist.
Asien – jünger und stärker
Im Untergeschoss des Convention Center sitzen dutzende Frauen und Männer auf dem Teppichboden. Aber diese Menschen, von denen viele unablässig auf ihre mobilen Endgeräte schauen, sind keine Wegelagerer, sondern Eltern von Schach spielenden Kindern. Beim Schach müssen Eltern draußen bleiben. Im B-Turnier beispielsweise spielen sechsjährige Mädchen aus Singapur und China mit. Alter spielt keine Rolle: Mancher international erfahrene Spieler musste gegen zehnjährige Spielerinnen und Spieler im A-Turnier hinter sich greifen.
Die Turniere haben einen Gesamtpreisfonds von 100.000 Singapur Dollar (70.000 Euro) und Großmeister erhalten Konditionen. Meistens geht alles glatt und die Spieler melden sich rechtzeitig an oder ab. Das ist aber offenbar nicht immer so: Über einen hat sich der Cheforganisator Kevin Goh Wei Ming geärgert und zwar per Social Media. Das Hotelzimmer war für ihn bezahlt, gekommen ist er nicht. Kevin, ein sehr freundlicher Mensch, will den Namen des Spielers nicht nennen, denn der Großmeister sei immerhin ein Schachspieler. Ich vermute es handelt sich um einen Junggroßmeister, der stattdessen in London im Masters mitspielt, vielleicht sah er dort bessere Chancen für sich.
Vom Exportgeschäft
Fünf deutsche Spielerinnen und Spieler haben sich ebenfalls nach Singapur aufgemacht. Nach sieben Runden macht Deutschland seinem Titel Exportweltmeister alle Ehre. Netto gehen 130 Elo-Punkte der deutschen Delegation nach Asien. Ich habe mir vorgenommen auch in das Elo-Exportgeschäft einzusteigen und am letzten Turniertag das Blitzturnier mitzuspielen. Dafür schwänze ich sogar die ersten Züge in der neunten Partie von Gukesh gegen Ding. Gelohnt hat es sich für die anderen. 45 Blitz-Ratingpunkte weg.
Hinweis zur Schublade: Diesen Text habe ich für eine monatlich erscheinende Schachzeitung, die SCHACH im Namen trägt, geschrieben. Ob der Text so oder gekürzt veröffentlicht wurde, weiß ich nicht. Denn ich bekam nicht einmal eine Rückmeldung oder gar ein Belegexemplar, obwohl ich vor dem Turnier um einen Beitrag vor Ort vom neuen Chefredakteur angebettelt wurde.
Foto: Michal Walusza (FIDE Chess). Gukesh mit Sponsor, Vater und Trainer.
In Kandidatenturnieren sind die teilnehmenden Schachgroßmeister erfahrungsgemäß besser vorbereitet als in anderen Turnieren. Das war in Toronto 2024 nicht anders. Aber: Welche Trends könnten sich durchsetzen? Ein Gespräch mit dem Sekundanten des indischen Siegers Gukesh, also einem der es wissen könnte. Auszüge aus einem Gespräch.
Von Thorsten Cmiel
In Toronto und später nach der Weltmeisterschaft in Singapur 2024 konnte ich mit dem Großmeister Grzegorz Gajewski über seinen Schützling Gukesh und seine schachlichen Beobachtungen sprechen. Grzegorz wurde 1985 im polnischen Skierniewice geboren. Polnische Namen, wie mein eigener, sind für die meisten schwierig auszusprechen. Gukesh beispielsweise nennt seinen Coach etwas verkürzt „Gaju“. Die beiden Großmeister sind in Toronto bereits einige Zeit zusammen auf Tour. Organisiert wurde dieses Match zunächst von der Westbridge Anand Chess Academy (WACA), einer Art Joint Venture und Elite-Akademie, das von Vishwanathan Anand initiiert wurde. Gajewski war ein früherer Sekundant des legendären Inders und einer von vier Trainern der Akademie. Grzegorz ist ein sehr ruhiger und sehr bedachter Gesprächspartner, der auf Fotos bei Turnieren fast nie zu finden ist. Spricht man mit ihm über Schach, dann taut er sehr schnell auf und vertritt klare Positionen.
In der zweiten Runde des Turniers spielten die zwei jüngsten Teilnehmer im Feld gegeneinander. Praggnanandhaa packte mit Weiß gegen Gukesh einen sehr aggressiven Stil aus und auch in weiteren Partien war dessen Spielstil beeinflusst von Maschinen. Allerdings fand „Pragg“ trotz guter Stellungen später keine Lösungen. Sind also lange ziemlich unübersichtliche Varianten die Avantgarde und wie modernes Spitzenschach sich entwickeln wird? Ich fragte vor Ort und einen Tag nach dem Turnier Grzegorz Gajewski, den Trainer und Coach von Gukesh.
Werden wir in Zukunft Eröffnungen wie von Praggnanandhaa gegen Gukesh in der zweiten Partie häufiger im Spitzenschach sehen?
Ich glaube, dass es genau umgekehrt sein könnte. Und wenn man sich beispielsweise die Partien ansieht, die sehr interessant sind, war diese Eröffnungsvorbereitung in der ersten Hälfte des Turniers sicherlich brillant. Aber sie war ziemlich riskant. Praggnanandhaa konnte uns mit seiner aggressiven Eröffnungswahl überraschen. Gleichzeitig ging er Risiken ein. Man weiß nie, ob eine Entscheidung richtig ist, wenn man sie trifft. In dieser Partie hat es für ihn nicht funktioniert. Und was uns betrifft: Auch wenn Gukesh von dieser Wahl überrascht war, haben wir uns zu keinem Zeitpunkt der Partie unwohl gefühlt, denn es gab so viele Optionen für Schwarz, die ihm eine spielbare Stellung verschafft hätten. Selbst wenn man sich an mehr Varianten erinnert, kostet es so viel Energie, sie alle auswendig zu lernen. Deshalb bevorzuge ich den anderen Ansatz: Für Gukesh ist es völlig in Ordnung, eine Partie ab Zug fünf oder sechs ganz auf sich allein gestellt zu spielen.
Diesen anderen Ansatz konnten die Zuschauer in der zwölften Runde begutachten als Gukesh bereits im vierten Zug seinen Randbauern gegen den Aseri Nijat Abasov vorschob. Das erinnerte an die zweite Partie von Ding Liren in seinem WM-Kampf.
4.h3 war ein sehr interessanter Zug. Ich glaube an der Eröffnung selbst war nichts auszusetzen. Vielleicht war sie ein bisschen zu scharf. Sie [RR: Das Team von Ding Liren] wollten zu Beginn des Wettkampfes vermutlich ihren Ansatz für das Match verschleiern. Allerdings weiß man als Außenstehender nie was im Team so vor sich geht und bekommt nur die Züge zu sehen. Wir wissen also nicht wirklich, was hinter konkreten Zügen steckt. Wir wissen nicht, wie viel Arbeit dort geleistet wurde. Wir bekommen also nicht die ganze Geschichte mit. Im Allgemeinen mag ich diese kleinen Züge. Aber gleichzeitig muss man bedenken: Wenn es nicht klappt, darf man nicht zu ehrgeizig werden. Es ist nichts Falsches daran ab und zu ein Remis zu spielen. So ist es im modernen Schach.
Ding Liren hatte in der zweiten Partie im WM-Kampf 2023 zuletzt den Zug 4.h3 gezogen. Anish Giri kommentierte in seiner Analyse für Chessbase: „Rapport-Einfluss! Ding wartet mit einer frühen Überraschung auf, die mehr im Stil von Richard Rapport als von ihm selbst ist. Der wichtigste und möglicherweise einzige Punkt des Zuges ist es, den Gegner aus dem Buch zu bringen.“
Anna Shtourman (FIDE Chess), Runde 2 in Astana.
In der zwölften Runde in Toronto überraschte Gukesh mit Schwarz seinen Gegner Nijat Abasov (Aserbaidschan) in der klassischen Variante der Nimzoindischen Verteidigung mit dem unscheinbaren Randbauernzug 4…h6. Die Partie wurde später nicht dadurch entschieden, aber der Inder hatte seinen Gegner aus der Eröffnung heraus vor neue Probleme gestellt. Mich erinnerte diese Situation an die Partie aus Astana, weshalb ich bei Grzegorz nachfragte.
Die älteren Spieler in Toronto schienen mit Weiß auf Gewinn zu spielen und mit Schwarz war Remis das angestrebte Ziel. War das eine aussterbende Profi-Strategie der älteren Generation?
Ich denke, es fällt den jüngeren Spielern einfach leichter, sich an die neue Realität anzupassen. Und die neue Realität ist, dass Weiß nicht mehr so weiß ist wie früher und Schwarz nicht mehr so schwarz wie früher. Es ist also viel schwieriger, mit Weiß gleich von der Eröffnung an irgendeine Art von Initiative zu erlangen. Gleichzeitig spürt man den psychologischen Druck, wegen dieser weißen Farbe auf einen Sieg zu drängen. Manchmal hilft es die weißen Steine zu führen, aber manchmal kann das auch das Gegenteil bewirken, weil man aus der Eröffnung nichts herausholt, aber weiter Versuche unternimmt auf Vorteil zu spielen. Dasselbe gilt für Schwarz: Mit Schwarz ist es viel einfacher auszugleichen. Das bedeutet aber auch, dass man sich nicht einfach mit dem Remis zufrieden geben sollte. Man sollte Chancen nutzen, wann immer es möglich ist. Ich denke für die Spieler der älteren Generationen ist es schwieriger, sich daran anzupassen. Für die jüngeren Spieler hingegen ist das etwas ganz Natürliches.
Neuer Trend oder doch nicht?
Über die Partie zwischen Praggnanandhaa und Gukesh aus der zweiten Runde in Toronto hatten wir in unserem Gespräch ausführlich gesprochen. Pragg opfert zunächst drei Bauern und Gukesh gerät unter Druck. Dann weicht Gukesh von der besten Spielweise ab und beide Akteure operieren in der Folge am offenen Herzen und ohne Blaupause. Die folgende Spielphase ist eine der intensivsten Begegnungen im gesamten Kandidatenturnier 2024.
Praggnanandhaa, Pragg, hat in der Eröffnung einen Bauern geopfert. Dafür verfügt er über die bessere Zentrumskontrolle mit seinen mobilen Zentralbauern. Das ist eine typische Kompensation im modernen Schach und dürfte auch für erfahrene Turnierspieler eine nachvollziehbare Herangehensweise in der Eröffnungsphase sein.
Kurze Zeit später war hier Pragg, der ältere der beiden Inder (Jahrgang 2005), erneut am Zuge. In dieser Stellung blitzte er erneut seinen nächsten Zug auf das Brett: Statt auf d5 zurückzuschlagen zog er seinen e-Bauern vorbei und opferte damit einen zweiten Bauern in dieser Partie.
Hier opferte Pragg mit dem weiteren Vorziehen des e-Bauern seinen dritten Bauern in dieser Partie. Die Annahme des Bauern ist laut Instanz sehr gut spielbar und die richtige Reaktion. Nach der Partie fand man hierzu eine ältere (aus 2011) Korrespondenzpartie, per e-Mail gespielt, die laut modernen Engine-Analysen allerdings nicht völlig fehlerfrei verlief. Diese Partie dürfte Pragg, anders als sein Gegner, gekannt haben. Jetzt passierte das Typische in solch einer Situation: Gukesh verschmähte diesen dritten Bauern und zog seinen f-Bauern zwei Felder vor, nur der drittbeste Zug in Maschinenbewertung. Ab hier war auch Pragg aus seiner Vorbereitung und es entwickelte sich ein faszinierender Kampf Mann gegen Mann mit vielen weiteren bemerkenswerten Momenten.
Hier fand Gukesh mit Schwarz zunächst einen hervorragenden Verteidigungszug.
Hier hatte Pragg mit Weiß eine bemerkenswerte Chance das Spiel etwa ausgeglichen zu gestalten. Dazu muss man vermutlich etwa vier Kandidaten untersuchen und die Folgen mancher der betrachteten Züge genauer kalkulieren und zudem eine Einschätzung der Stellungsbewertung vornehmen. Die Lösung besteht im Figurenopfer auf d5. Nach Einschätzung des Rechenknechtes führen beide Figurenopfer (mit Turm oder Springer) auf d5 zu gleichem Spiel. Die entstehenden Entwicklungen sind komplex und man verliert schnell den Überblick. Viel Spaß dabei.
Der entscheidende Moment in dieser Partie. Erneut muss Pragg gefühlt die schwierigeren Aufgaben lösen. Wie sollte er hier mit Weiß agieren, um die Chancen auszugleichen? Die Lösung finden Neugierige in der folgenden Partieanalyse. Pragg fand nur den zweitbesten Zug und verlor die Partie nach nur wenigen weiteren Zügen.
Sundararajan Kidambi
Diese Analyse war für ein anderes Projekt geplant und ist von Sundararajan Kidambi (geboren 1982), ebenfalls aus Chennai. Einige seiner Ansichten sind als Blogbeiträge hier zu finden. Sundararajan ist ein indischer Schachgroßmeister, Trainer und profilierter Kenner der Schachgeschichte und historischer Partien, der Klassiker im Schach. Seine Einsichten sind für die eigene Entwicklung wertvoller als Engine-Varianten, die jeder mit Tastendrücken in Sekundenschnelle „erarbeiten“ kann. (Foto. privat)
Gukesh im Presseraum nach seiner Zweitrundenpartie gegen Pragg.
Fotos: Maria Emelianova (Chess.com, FIDE Chess), Michal Walusza (FIDE Chess), Anna Shtourman (FIDE Chess), Astana.
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Hinweis in eigener Sache
Ich halte nichts vom Online-Nachspielen von kommentierten Partien via Mobilgerät, wie es vielerorts inzwischen propagiert und als Standard bezeichnet wird. Das oberflächliche Konsumieren von Schachpartien ist unter Lerngesichtspunkten meist reine Zeitverschwendung. Daher werden die Partien und dieser Webauftritt nicht für den Konsum mit dem Mobilgerät optimiert. Für das Analysieren von Schachpartien sollten Schachliebhaber sich ausreichend Zeit gönnen. Es lohnt sich. (TC)
Die Weltpolitik hätte beinahe das erste Kandidatenturnier im Schach auf dem amerikanischen Kontinent verhindert. Im Frühjahr 2024 erschütterten Visa-Fragen die Schachwelt. Einen Monat vor Turnierbeginn wurde über die Verlegung des Turniers nach Madrid spekuliert.
Von Thorsten Cmiel
Kanadische Regierungen und Behörden sind recht prinzipiell und lassen nicht jeden in ihr Land. Das bemerkten zwei Jahre nach dem Kandidatenturnier in Toronto sogar die Fußballer bei der gerade laufenden FIFA-Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada. Gegen einen 32-jährigen ghanaischen Spieler läuft seit Juli 2025 ein Verfahren wegen mehrfacher Vergewaltigung und sexueller Nötigung in London, aus einer Zeit als dieser noch für den FC Arsenal auflief. Der Prozess steht noch aus und der Fußballer bestreitet die Vorwürfe, aber den kanadischen Behörden genügte es, um dem Spieler die Einreise zu verweigern.
Ein weiterer Fall in Kanada betraf einen ivorischen Spieler, der im Juni 2026 gegen Deutschland fast nicht zum Einsatz gekommen wäre. Dem Spieler war erst kurz vor der Fußballweltmeisterschaft in Frankreich Wett- und Spielmanipulation vorgeworfen worden, aber eine formelle Anschuldigung gab es bis dahin nicht. Wegen der Vorwürfe erhielt der Verband erst recht spät die Einreisegenehmigungen. Das ist keine untypische Entwicklung, wie der Weltschachverband FIDE bestätigen kann.
Visa-Fragen erschüttern Kandidatenturnier
Wirtschaftsspionage, ein mutmaßlicher Regierungs-Mord und ein Krieg gefährdeten das Kandidatenturnier in Toronto. 2018 hatte Kanada die Finanzchefin des chinesischen Huawei-Konzerns auf Ersuchen der US-Justiz wegen des Umgehens von Sanktionen gegen den Iran festgesetzt. Im Gegenzug hatten die Chinesen zwei Kanadier der Spionage bezichtigt und festgenommen. Drei Jahre später war es zu einer Art diplomatischem Austausch von Gefangenen gekommen. Gegenseitige Hindernisse bei der Einreise blieben. Im Juni 2023 war ein kanadischer Staatsbürger und Aktivist, der einen unabhängigen Sikh-Staat errichten wollte auf dem Parkplatz eines Tempels in Kanada erschossen worden. Die indischen Behörden warfen dem Sikh Terrorismus und Verschwörung vor. Die kanadische Regierung von Premierminister Justin Trudeau beschuldigte die indische Regierung der Beteiligung an dem Mord. 2022 hatte Russland die Ukraine angegriffen. Kanada hatte der Ukraine seine Solidarität zugesichert und seine Visums-Politik gegenüber Ukrainern erleichtert und gegenüber Russen verschärft.
Diplomatisch war die Gemengelage vor dem Kandidatenturnier also in höchstem Maße angespannt. Anfang März, einen Monat vor dem geplanten Start des Turniers, appellierte der Weltschachbund an die kanadische Regierung für Spieler und Begleitpersonen dreier Länder die notwendigen Visa zu erteilen, sonst könnte die Veranstaltung nicht stattfinden. Es ging um etwa 40 Personen ohne Einreisegenehmigung. Eine Woche später gab es dann Entwarnung: die Spielerinnen und Spieler sowie die wichtigsten Begleitpersonen hatten ihre Einreisepapiere erhalten.
Vlad Drkulec bei der Eröffnungszeremonie
Im Hintergrund hatte der Präsident des kanadischen Schachverbandes, Vlad Drkulec, gewirkt und mit etwa einem Dutzend Abgeordneten gesprochen, um Druck auf die Regierung auszuüben. Letztlich waren seine Bemühungen erfolgreich. Aber: Der ehemalige russische Vize-Premierminister und damals aktuelle Präsident der FIDE, Arkadij Dvorkovic, kam nie in Toronto vorbei. Er soll keinen Antrag auf Erteilen einer Einreiseerlaubnis gestellt haben, vermutlich war das ein diplomatischer Preis im Hintergrund der Veranstaltung.
Letztlich fand das Turnier der Kandidatinnen und Kandidaten in Toronto doch im geplanten Zeitablauf statt und die Eröffnungsrede wurde vom fünfmaligen Weltmeister Vishwanathan Anand, der als Kommentator vor Ort war und der FIDE als Vizepräsident diente.
Wer mehr über das Turnier in Toronto und andere Kandidatenturniere wissen will, dem sei die aktuelle Ausgabe (02/2026) des Schach- und Kulturmagazins Karl empfohlen. Der Chefredakteur Harry Schaack erläutert im Editorial was man im Heft findet.
Magnus Carlsen, der beste Spieler des Planeten, musste viermal hintereinander hinter sich greifen und stieg bei der Schnellschach-Team-WM aus. Andere übernehmen: Pragg, Alireza und Arjun überzeugten in Hongkong.
Von Thorsten Cmiel
Das deutschgesponserte WR-Team von Wadim Rosenstein startete als großer Favorit ins Turnier. Selbst der Coach vor Ort, Bundestrainer Jan Gustafsson hätte die meisten Teams als Spieler verstärken können. Inzwischen dürfte klar sein, dass man nicht nur große Namen einkaufen und im Privatflieger anreisen sollte, sondern für einen Team-Wettbewerb ist mehr notwendig. Das war auch schon im Vorjahr so als die zusammengekauften Superstars im Schnellschach-Team-Wettbewerb verkümmerten und dann immerhin im weniger prestigeträchtigen Blitzturnier gewannen.
Magnus Fails
Mit großem Vorsprung (91 Ratingpunkte) in der Weltrangliste im Schnellschach liegt Magnus Carlsen vorne. Sein Anspruch und die Erwartungshaltung sind entsprechend hoch an sich selbst und bei Schachfans. Tatsächlich verlor Magnus Carlsen vier Partien hintereinander und auch vorher sah es nicht gut aus um den zuletzt erfolgreichsten Spieler der Welt.
Im Sport zählen vergangene Erfolge aber nur für die Geschichtsschreibung. Magnus hatte zuletzt beim Masters in Oslo (Norway Chess) keine überzeugende Leistung gezeigt und einen Teil seines Vorsprungs in der klassischen Weltrangliste verloren. Der jüngste Stern ist der Inder Praggnananda, Pragg. Dieser hatte allerdings beim Kandidatenturnier auf Zypern keine Rolle gespielt, da ein anderer, der Usbeke Javokhir Sindarov glänzte. Vier andere potentielle Kronprinzen, Arjun Erigaisi, Alireza Firouzja, Nodirbek Abdusattorov und Vincent Keymer hatten nicht einmal die Qualifikation für das Kandidatenturnier geschafft.
Norwegische Leiden
Man konnte es ahnen. Bereits in der vierten Runde des ersten Tages hatte Magnus viel Glück gehabt, da sein Gegner, ein weitgehend unbekannter chinesischer Großmeister zunächst Vorteil ausließ und später sogar noch verlor.
Zuletzt hatte Magnus Carlsen seinen Springer von d7 nach c5 gezogen. Dieser Zug hat einen Nachteil und den muss der Weißspieler hier finden. Was sollte er hier spielen?
Lösung (Hier Klicken)
Für die aufstrebenden Spieler sind Partien gegen Magnus Carlsen wichtige Momente, um sich auszuzeichnen und Selbstbewusstsein zu tanken. Das gilt natürlich für die Jungstars wie in diesem Fall den Inder Arjun Erigaisi, der hier zunächst in ausgeglichener Stellung mit Schwarz einen sehr starken Zug auspackte. Welchen?
Der Verlauf der Partie war nicht so einseitig wie es nur zwei Diagramme veranschaulichen. Magnus bekam seine Chance zum Ausgleich, verpasste diese aber erneut und verlor nach einem spektakulären Schlusszug in der nächsten Diagrammstellung. Arjun packte seinen Gegner direkt an der Gurgel.
Wie setzte Arjun Erigaisi seinem bisherigen Spiel die Krone auf? Nicht schwierig, aber nett anzusehen.
Lösungen (Hier Klicken)
Kurzzüger
Zu den hervorragendsten Eigenschaften des Weltranglistenersten gehört es, dass er nach Niederlagen meist schnell zurück kommt. Bei Magnus kann man zuletzt beobachten, dass sein Ehrgeiz ihm etwas im Wege steht, nämlich wenn es objektiv keinen Grund zu Optimismus gibt.
Schachtrainer empfehlen oft zu häufig, aber verbunden mit einer didaktischen Idee, innezuhalten und nach Stellungsmerkmalen Ausschau zu halten. In Schnellschachpartien ist das natürlich schwierig und es kommt eher auf die Instinkte an und genau in dieser Schnüffeldisziplin liegt Magnus normalerweise weit vorne an diesem Donnerstag im Juni 2026 allerdings nicht.. Wie sollte Magnus hier warum am besten fortsetzen?
Magnus stand hier vor einer Fifty-Fifty-Frage. Was ist von den beiden Alternativen Schlagen auf c6 und als Alternative dem Damenzug nach b5 zu halten und was sind die Folgen beider Züge?
Zuletzt hatte der Aseri Aydin Suleymanli seinen Turm nach b4 gezogen und Turmtausch angeboten. Magnus hat 33 Sekunden und normalerweise entscheidet er Fifty-Fifty-Fragen meist richtig. Wie sollte er hier damit umgehen? Turm tauschen oder nicht?
Es ist viel zu früh einen Abgesang auf den bekanntesten und immer noch besten Spieler der Welt zu starten. Die zwei letzten Turniere zeigen jedoch, dass der Norweger keineswegs mehr unangefochten auf seinem Thron sitzt. Er wird von jungen, nachrückenden Generationen von Spielern herausgefordert. Immer wenn er sich seinen Gegnern stellt, ist allerdings nichts von seiner früheren Dominanz erkennbar. Anders als beim Tennis muss man in der Schachwelt aber gar nicht antreten, um seine Weltranglistenposition zu halten. Beim Schach gibt es die Elozahlen und die verfallen nicht oder gehen verloren. Das wird noch viel deutlicher beim US-Amerikaner Hikaru Nakamura, der als Elo-Favorit nach Zypern anreiste, dann aber an seiner mangelnden Spielpraxis scheiterte.
Selbst in Turnierpartien kommen immer wieder Fehler vor, die kaum jemand erklären kann. Ein aktueller Vorfall und eine Warnung.
Von Thorsten Cmiel
In meiner Jugend war ich von einem Bild in einem Comic fasziniert, das eine Unmöglichkeit zeigt: Lucky Luke. „Der Mann, der schneller zieht als sein Schatten.“ Lucky Luke ist die weltberühmte Cowboy-Titelfigur einer belgischen Comic-Serie des Zeichners Maurice De Bevere alias Morris, die 1946 erstmals erschien.
Adaptiert man dieses Gedankenbild für das Schachspiel, dann kommt es zu einer etwas anderen Nuancierung. Seit einiger Zeit hat sich insbesondere im englischen Sprachraum das Bild von „Handzügen“ verfestigt. Gemeint ist, dass es Situationen gibt in denen die Finger einen scheinbar natürlichen Zug ausführen wollen und es dann tatsächlich tun, obwohl die Idee noch gar nicht richtig durchdacht ist. Das ist beim Schach natürlich eine nicht unerhebliche Fehlerquelle. Anmerkung: Manche Trainer und Spieler formulieren etwas nachlässiger und meinen Züge, die so einfach sind, dass sie kein Nachdenken erfordern.
Das Vorspiel
Wenige Tage zuvor hatte der Usbeke in einer Remis-Stellung gegen Ian Nepomniachtchi noch rumgealbert mit seinem Springer. das fanden einige Fans und Moderatoren cool. In Wirklichkeit zeigt das Video einen Mangel an Professionalität und einen Anflug an Überheblichkeit.
In der Partie der achten Runde des Masters im usbekischen Tashkent ist es dem Turnierfavoriten Nodirbek Abdusattorov nicht gelungen, eine mehr als ausgeglichene Stellung gegen den griechischen Großmeister Nikolas Theodorou herauszuholen. Dann passierte in der folgenden Stellung dem Usbeken ein Unfall auf dem Schachbrett, der eine Art Vorgänger hat.
Mit seinem letzten Zug hatte der Grieche seinen König von h4 nach g3 gezogen und damit den schwarzen Turm attackiert. Abdusattorov schrieb den Zug auf und wollte seinen König nach d5 ziehen. Dann bemerkte er sein Malheur. Sein Gegner hatte nicht wie erwartet auf g6 mit dem Turm ein weiteres Schach geboten, sondern zunächst den gegnerischen Turm auf f2 attackiert. Nodirbek reagierte also auf den falschen Zug. Dieser Aussetzer kostet den Usbeken etwa fünf Ratingpunkte und möglicherweise die Top-Position im usbekischen Team bei der heimischen Schach-Olympiade.
Die Turnierregeln besagen, dass man eine Figur, die man mit der Absicht sie zu ziehen berührt hat auch ziehen muss. Da der Usbeke keine Ausrede mehr hatte – er konnte mit dem König den Turm nicht angreifen beispielsweise – und den König ziehen musste, ging in der Konsequenz ein ganzer Turm verloren. Nodirbek gab nach einigen Augenblicken auf.
Der Shankland-Unfall
Bei der Schacholympiade 2022 in Chennai ist neben der Entscheidungspartie von Gukesh und Nodirbek Abdusattorov vor allem eine Szene in Erinnerung geblieben, die eine Ähnlichkeit mit dem aktuellen Fall hatte und die US-Amerikaner letztlich zurückwarf im Rennen um die Goldmedaille.
Der Armenier Robert Hovhannisyan überlegte an seinem Zug mit Schwarz. Der wahrscheinlichste Zug ist hier das Schachgebot mit der schwarzen Dame auf h1. Gegen den Zug musste sich der US-Amerikaner Sam Shankland vorbereiten. Er war allerdings zu sehr im Tunnel und bemerkte ein winziges Detail nicht.
Wie man solch eine Situation vermeidet
Manche Trainer empfehlen ihren Schützlingen sich auf die eigenen Hände zu setzen. Vielleicht kein schlechter Rat. Im Turnierschach kann vermutlich jeder Spieler in seiner Karriere über mehrere solcher „Fingerfehler“ berichten. Bei Großmeistern und in Turnierpartien mit klassischer Bedenkzeit sind solche Aussetzer natürlich seltener und werden heutzutage zumindest in wichtigen Turnieren auf Video festgehalten.
Die Chess-Classics in Bad Neuenahr sahen zwei klare Sieger. Zum einen gewann der Lokalmatador Gottfried Schumacher die Nestorenklasse und zum anderen siegte Thorsten Cmiel bei den Jungsenioren ebenfalls mit einem Vorsprung. In der mittleren Altersklasse kam es zu einer Entscheidung nach Wertung, die Stephan Buchal aus Bremen vorne sah.
Von Thorsten Cmiel
Tippi Toppi. Ich lernte dieses kooperative Kartenspiel zwei Tage vor Schluss des Turniers kennen und fand zwei Norddeutsche – ich komme selbst ursprünglich aus Kiel -, die mir das Spiel beibrachten und mich mitmachen ließen. Man versucht dabei gemeinsam Aufgaben zu lösen und darf in Grenzen untereinander Informationen austauschen. Das hat überraschend viel Spaß gemacht, ich hielt mich nämlich für den typischen Wettkampf-Typ, der wettbewerbliche Spiele bevorzugt. Tippi Toppi war jedenfalls eine nette Abwechslung von dem Geschehen auf dem Schachbrett und auch gemeinsam kann man sich über das Erreichen von Spiel-Zielen freuen.
Aber im Mittelpunkt in Bad Neuenahr 2026 stand natürlich das Geschehen auf dem Schachbrett und da passierte Einiges. Vieles davon bleibt leider im Verborgenen, wird aber in Geschichten der Spieler sicherlich weiterleben. Meine Geschichten erzähle ich ich gelegentlich hier. Es gab keine Übertragungen der Partien, daher beschäftigt sich dieser Beitrag vermutlich nicht mit den echten Highlights des Events, sondern mit eigenen Partien und was ich so gesehen habe beim Kiebitzen. Einige Partie konnte ich für diesen Blogbeitrag nach Ende des Turniers erfassen, um darüber genauer berichten zu können.
Nestorenklasse (75+)
Gottfried Schumacher war knapp am Triple-Triumph dran. Das Blitzturnier über alle Altersklassen gewann der ungenannte Favorit, der sich immer emsig bemüht, Turniere nach Bad Neuenahr zu holen. Beim Schnellschachturnier, ebenfalls in einem gemeinsamen Turnier gespielt, reichte es diesmal nur für den zweiten Platz. So hat Schumacher im nächsten Jahr noch eine Motivation es ebenfalls in Bad Neuenahr besser zu machen. Schumacher gewann die Nestoren-Klasse mit überzeugenden acht Punkten aus neun Partien und einem deutlichen Vorsprung.
Das Glück ist mit den Tüchtigen. Durch zwei schnelle Siege in den Schlussrunden konnte Gottfried Schumacher zwei recht einfache Punkte einfahren. Das schmälert nicht seine Leistung, sondern sagt etwas über den subjektiv empfundenen Gewinndruck aus, dem seine Gegner in den Schlussrunden offenbar nicht standhalten konnten.
Georg Haubt hatte in dieser Schlussrundenpartie mit Weiß ein frühes Remis-Angebot von Gottfried Schumacher abgelehnt und fand sich mit Weiß in dieser Stellung wieder. Es droht offenkundig ein Springerschach auf d3. Was also tun?
Lösung
Georg Haubt hatte jedenfalls einen schlechten Tag und wehrte die Hauptdrohung des Schachgebots mit dem Springer ab, folgte seinem Angriffsplan, übersah jedoch eine Nebendrohung. Weiß kann zum Beispiel kurz rochieren oder seinen Springer nach d4 beordern. Dann bekommt die eigenen Dame wieder Zugang zu mehr Feldern. Stattdessen folgte die lange Rochade und nach dem Springerzug nach e4 ging bereits schweres Material verloren.
Blick in den Spielsaal: 75+
Die jüngeren Altersgruppen (50+ und 65+)
In der Altersgruppe der Jungsenioren (50+) gewann Thorsten Cmiel, also der Schreiber dieses Blogs, mit sieben Punkten vor Volker Gassmann (Essen-Katernberg) und Peter Jahn (Husum) mit jeweils sechs Punkten. In der insgesamt größten und am stärksten besetzten Gruppe (65+) sicherte sich Stephan Buchal (Bremen) vor Professor Friedbert Prüfer (Taucha) den Turniersieg mit ebenfalls sieben Zählern. Dritter wurde Gernot Klein aus Aachen.
In der siebten Runde hatte ich recht zügig gewonnen und etwas mehr Zeit, um die Begegnungen der mittelalten Gruppe zu beobachten. Der Zufall wollte, dass ich zwei für das Endergebnis wichtige Partien beobachten durfte. Dabei war folgendes Mittelspiel in dem es mehrfach zu einer Art Führungswechsel in der Bewertung kam. Beide Spieler hatten ihre guten Phasen und am Ende wäre vielleicht ein Unentschieden gerecht gewesen. Aber darum geht es im Turnierschach natürlich nicht. Es gewinnt immer der Spieler mit dem vorletzten Fehler.
Hier steht der Schwarze, Rene Duchene, vor seinem 30. Zug. Wie sollte er am besten fortsetzen?
Beide Spieler hatten zunächst nicht optimal fortgesetzt. Erneut ist Schwarz dran, wie man an der Markierung des Diagramms erkennt. Was nun?
Diesmal ist Friedbert Prüfer mit Weiß am Zuge. Sein Gegner hat einen scheinbar mächtigen Angriff. Wie sollte Weiß hier warum weiterspielen?
Weiß kann diese Stellung nicht überleben, oder? Wie sollte Schwarz hier seinen Angriff am besten fortsetzen?
Bis hierhin ist noch Einiges mehr passiert als in den Diagrammen angedeutet. Ich empfehle diese spannende Partiephase komplett durchzuspielen. Es lohnt sich. Hier ist jetzt Schwarz am Zuge und sollte wie fortsetzen? Was ist von dem Zug 58….f5 zu halten? Welche Alternativen kommen in Betracht? Alle Lösungshinweise der vorherigen Diagramme finden sich in der ausführlichen Partieanalyse direkt unter diesem Diagramm.
Blick in den Spielsaal: 65+
Blick in den Spielsaal: 50+
Eigene Partien und Momente
Beginnen wir mit meiner Partie aus der dritten Runde, die letztlich für den Turniersieg in der Gruppe der Jungsenioren mitentscheidend sein würde. Mein Gegner Volker Gassmann aus Essen-Katernberg hatte irgendetwas falsch gemacht in der Eröffnung und es kam zu folgender interessanter Stellung mit viel Material und einer starken Dame-Läufer-Batterie auf der langen Diagonalen.
Zuletzt hatte mein Gegner seine Dame von d8 nach d7 gezogen. Damit reagierte er auf die potentielle Drohung des g-Bauern-Vormarsches. Das war eigentlich in dieser Partie der erste Moment in dem ich etwas nachdenken musste und ich scheiterte. Was sollte Weiß hier am besten warum folgen lassen?
Lösung (Hier Klicken)
Ich hatte meinem Gegner Remis angeboten, da die Stellung mir wenig Hoffnung für beide Seiten zu bieten schien. In der Tat ist die Partie nach dem 26. Zug von Weiß inzwischen komplett ausgeglichen. Mein Gegner entschied sich für den Damentausch via c8 und lehnte ab. Das entstehende Turmendspiel bietet potentiell Weiß die Chance einen entfernten Freibauern zu schaffen und sollte damit wenig Probleme beinhalten. Tatsächlich war die folgende Partiephase für beide Spieler sehr intensiv. Der maschinelle Juror war lange Zeit zufrieden mit dem weiteren Spielverlauf.
Das ist die Stellung nach dem Kontrollzug und Weiß steht inzwischen keinesfalls schlechter. Sein Turm wird nach dem Schachgebot auf der sechsten Reihe erscheinen und den Bauern f7 verteidigen, den schwarzen Turm von der f-Linie vertreiben und sich dem gegnerischen b-Bauern widmen. Turmendspiele haben jedoch die Tendenz viel auszuhalten und insofern war das Remis eigentlich eine Frage weiterer Tauschaktionen.
15 Züge später hatten wir diese Stellung auf dem Brett und mein maschineller Helfer spricht vermutlich aus Langeweile bereits von einem tödlichen Remis („deadly draw“). Das ist vielleicht so wenn man eine Tablebase, also ein perfektes Spiel zugeschaltet hat. In Wirklichkeit werden in der Praxis viele Turnierpartien erst genau in dieser Phase mit zwei gegen einen Bauern im Turmendspiel entschieden. Das hatte ich vor einiger Zeit für das Chessbase-Magazin in einer umfassenden Datenrecherche herausgefunden. In der Praxis hält sich dennoch die scheinbare Weisheit vieler Trainer, dass Turmendspiele mit 4 gegen 3 Bauern mehr Chancen bieten als mit reduzierter Bauernzahl. Das ist datenbasiert falsch. Während es mit mehr Bauern oft gar nicht möglich ist Gewinnstellungen zu produzieren, kommt es mit weniger Bauern häufiger zu Fehlern und damit entschiedenen Partieausgängen. In dieser Stellung versuchte mein Gegner meinem König den Zugang zum Feld f5 zu verwehren und spielte seinen Turm nach a5. Was ist davon zu halten? Der Clown in mir mischte in dieser Partie später ebenfalls wieder kräftig mit.
Hier benötigte mein Gegner eine Idee, um sich weiter zu verteidigen. Was ist ihr Ratschlag? Den Bauern g5 gegen den f7 zu tauschen ist eine solche Idee, aber wie sollte man das am besten anstellen? Den weißen König zunächst vertreiben?
Clownesques
In dieser Stellung stand ich mit Weiß eindeutig überlegen – in höherem Sinne steht Weiß bereits auf Gewinn. Wie sollte ich hier zudem mit einer überlegenen Zeit-Ausstattung fortsetzen?
Lösung (Hier Klicken)
Meine schlechteste Entscheidung dieses Turniers. In der Folge entstand die einzige Spielphase im gesamten Turnier in der ich in Bewertungskategorien schlechter stand. Ich hatte in der sechsten Runde bis hierhin etwas riskant agiert und einen Bauern mitgenommen. Zuletzt hatte mein Gegner seine Dame nach d2 gezogen und dadurch seinen Springer c3 entfesselt. Es stand also ein Damenzug an. Welchen Zug sollte ich hier aus zwei Kandidaten (welche eigentlich) auswählen? Ich griff natürlich daneben und fühlte mich nach der sofortigen Antwort meines Gegners schlecht.
Lösung (Hier Klicken)
Aljechin – eine alte unspielbare Variante
Die folgende Partie aus der achten Runde ist ein Beispiel dafür, welche Bedeutung bei den Senioren das Thema Vorbereiten für Turnierpartien haben kann. Manchmal ist das Wissen Halbwissen und manchmal erinnert man sich nach vielleicht vierzig Jahren noch an die eine oder andere Feinheit. Manches hält sogar im Engine-Zeitalter noch stand.
Diese Stellung kannte ich bereits und war mir sicher, dass man so als Schwarzer nicht spielen kann. Volker Gassmann versuchte es mit Schwarz trotzdem und ich einigte mich schnell auf Remis mit meinem Gegner in der achten Runde, denn neben bereits einem halben Punkt Vorsprung drohte dieser sich fast von alleine auszubauen. Meine Einschätzung war jedenfalls richtig und ich durfte mit einem Punkt Vorsprung in die letzte Runde gehen.
Exkurs: Wertungen
Es gab in der letzten Runde noch eine kleine theoretische Chance, dass Volker und ich bei sieben identischen Gegnern noch eine gleich hohe Buchholz-Wertung aufweisen konnten – vorausgesetzt ich würde eine Niederlage kassieren und er gewinnen. Zudem mussten drei Partien zu meinen Ungunsten ausgehen und nur dann wäre es auf die zweite Wertung angekommen. Ich versuchte diese Zweitwertung zu verstehen und bekam auch von den Organisatoren nur vage Auskünfte und nicht hilfreiche Hinweise auf die FIDE. Das Problem war beispielsweise, dass ich einen meiner zwei relevanten Gegner hatte, der zwischendrin ein Bye genommen hatte. Dann gibt es wohl eine komplizierte Berechnungsformel der Buchholzwertung, die dann für ihn angewandt werden würde. Ich konnte es jedenfalls nicht ausschließen, dass es knapp werden würde. Ich verstehe nicht warum Organisatoren solche absurden Wertungen als Zweitwertungen zum Einsatz bringen, statt eine Wertung zu nutzen, die etwas mit dem Spiel der Akteure zu tun hat und vor der letzten Runde berechenbar oder zumindest eindeutig sind. In Betracht kommen in hier beliebiger Reihenfolge: Direkter Vergleich, Anzahl der Weiß- und Schwarz-Partien, Summenwertung – hierbei werden die Punkte der betroffenen Spieler nach Fortschritt im Turnier zusammenaddiert, Rating-Performance und so weiter. Es gibt sicher noch andere sinnvolle Wertungen, die vor der Buchholzsummenwertung zum Einsatz kommen sollten. Immerhin ich erfuhr, dass es keine Streichergebnisse gibt. Der FIDE ist in ihrem Handbuch übrigens herzlich egal welche Wertung man für das Bestimmen der Reihenfolge in einem Turnier einsetzt und das Auslosungsprogramm ist ohnehin nur ein Rechenknecht. Gefühlt in jedem Turnier wechselt das. Am Tegernsee beim Senioren-Cup gibt es als Erstwertung übrigens den Gegnerschnitt. Hierzu könnte ich eine kuriose Geschichte erzählen, aber das würde vermutlich zu weit führen. Ich löste mein Problem der Unberechenbarkeit mit dem Angebot eines frühen Unentschiedens und machte mich an das Erfassen einiger Partie, die ich in diesem Beitrag veröffentliche.
Bei den anderen Gruppen kam es wegen der höheren Teilnehmerzahlen jedenfalls zu keinen ähnlichen Problemen. Bei den Nestoren enteilte Gottfried Schumacher ohnehin.
Volker ist natürlich unglücklich darüber, dass von ihm zwei Verlustpartien hier veröffentlicht werden. Er hat mir daher versprochen, mir eine gute eigene Partie aus dem Turnier zu schicken, die werde ich natürlich gerne später anfügen. Seine Idee, ich könnte auch meine Verlustpartie vor über zwanzig Jahren aus einem Mannschaftskampf gegen ihn bringen, fand ich im Kontext nicht so toll. Erwähnt sei aber: Volker hatte damals gegen mich Aljechin gespielt und damit komplett zerstört. Die Partie findet sich in den Datenbanken und die Partie sei hier zum Nachspielen empfohlen.
Bad Neuenahr: Mein Fazit
Zwischen einem für viele potentielle Teilnehmer zu hohem Startgeld (140 Euro inklusive Getränken, die etwas auswahlreicher ausfallen könnten) und sensationellen Spielbedingungen bewegt sich für mich irgendwo die Bewertungslinie dieses Turnierangebots. Für mich bietet das Turnier ein ausreichendes Preis-Leistungsverhältnis, aber das sieht nicht jeder so. Mit 100 Euro pro Nacht und Frühstück im Steigenberger-Hotel Bad Neuenahr kann man als Frühbucher bisher eigentlich nichts falsch machen. Es gibt ein Schwimmbad und einen Spa-Bereich, der eventuell im nächsten Jahr sogar noch größer ausfällt, da der Badbetrieb nebenan vermutlich bald wieder eröffnet werden dürfte. Für Autofahrer kommt das Parken im Parkhaus nebenan mit 135 Euro hinzu – es soll auch irgendwo kostenlos möglich sein – und man muss zumindest eine weitere warme Mahlzeit einplanen. Für mich bieten die Seniorenturniere am Tegernsee und in Bad Neuenahr jedenfalls erfreulich gehobene Spielbedingungen für die ich gerne etwas mehr Geld investiere. Wer wie ich mal ein Turnier der FIDE in Bukarest in einem am Rande der Stadt gelegenen untragbaren Hotel buchen musste, der wird die persönliche Freiheit der Wahl seiner Unterkunft zu schätzen wissen. Ich komme jedenfalls gerne wieder nach Bad Neuenahr, falls es im nächsten Mai passt.
Einige Fotos dieses Beitrags stammen von der Veranstaltung und wurden mit artta.ai bearbeitet.
Service-Hinweis
Die Analysen können als PGN-Dateien heruntergeladen werden. Dafür muss man in der nebenan dargestellten Diagrammposition der gewünschten Partie auf den rot markierten Button klicken.
Hinweis in eigener Sache
Dieser Blog dient mir als eine Art schachliches Tagebuch über als Berichterstatter miterlebte Top-Events, die zur klassischen Weltmeisterschaft bei den Frauen und in der so genannten offenen Klasse, also zurzeit bei den Männern, führen. Ich habe vor langer Zeit internationale Turniere gespielt, beispielsweise in Ungarn, Frankreich, Belgien und in den Niederlanden und meine Partien aus der damaligen Zeit (80er und beginnende 90er-Jahre) sind verloren und vermutlich in irgendeinem Schuhkarton im Keller meiner Wohnung in Köln. Berichte über Turniere kommen auf diesem Blog vor, sind aber nicht das Ziel dieser Webpräsenz. Im Mittelpunkt stehen meine eigenen Highlights und Schreckmomente, um daraus möglichst etwas zu lernen. Abrufbar sind Beiträge auch via Mobiltelefon, aber das optimiere ich nicht mal auf Wunsch eines Kollegen, da ich keine kommerziellen Interessen verfolge und es mir egal ist, wie mein Blog von wem genutzt wird. Aber: Wer Schach überwiegend auf dem Handy nebenbei und oberflächlich konsumiert, der verpasst ohnehin das Beste am klassischen Schach. Mich nerven Werbeangebote auf den meisten (Schach-)Websites und daher wird es hier auch keine geben. Wer will kann gerne aus meinen Analysen Profit auf dem Schachbrett ziehen, sofern das überhaupt möglich ist. Freuen würde ich mich darüber allemal. (TC)
Trainer erzählen ihren Schülern, dass man aus eigenen Fehlern lernt. Das stimmt sicherlich, aber diese Methode kostet viel Kraft. Schauen wir auf einige aktuelle Momente, die lehrreich sein können, zumindest wenn man intensiv darüber nachdenkt.
Von Thorsten Cmiel
Beim Durchspielen von aktuellen Partien findet man ohne große Mühe interessante Momente und dabei müssen es nicht unbedingt Partien aus der absoluten Weltspitze sein, die uns helfen selbst besser zu werden. Wer etwas systematischer vorgeht, der sollte ein Buch zur Hand nehmen oder noch besser einen Trainer suchen, der zu bestimmten Themen spezielle Aufgaben auswählt und thematisch sortiert. In der Praxis von Turnierspielern kommen in jeder Partie mehrere Aufgaben auf die Spieler zu, die sich in unterschiedlichen Partiephasen fast zwangsläufig ergeben.
In dieser Stellung aus der aktuellen Frauen-Europameisterschaft war die stärkste Teilnehmerin hier mit den schwarzen Steinen am Start. Sie hatte unter einer Minute Restbedenkzeit – gespielt wurde mit 30 Sekunden Inkrement – und war mit den schwarzen Steinen hier am Zuge. Schwarz ist erkennbar im Vorteil angesichts seiner zwei weit vorgerückten Bauern. Aber wie sollte Stavroula Tsolakidou aus Griechenland hier am besten fortsetzen?
In dieser Stellung aus Norwegen muss sich Schwarz gut verteidigen, um die Stellung zusammen zu halten. Alireza Firouzja mit Weiß droht offensichtlich seinen Turm nach f5 zu überführen. Der Inder Praggnanandhaa sollte also versuchen eine spielbare Stellung zu finden. Wie sollte er hier fortsetzen?
Magnus Carlsen hatte gegen Vincent Keymer freiwillig eine Figur geopfert. Der Deutsche stand also unter einem erheblichen Druck. Immerhin, Vincent hatte mit etwas mehr als zwanzig Minuten doppelt so viel Zeit wie sein Gegner. Wie sollte er hier warum fortsetzen?
Die drei hier betrachteten Beispiele sind natürlich von unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. Erkennbar wird zudem wie schwierig vor allem das Verteidigen im Vergleich zum Entwickeln eines klaren Angriffsplanes wie im ersten Beispiel ist. In der Partie von Alireza gegen Pragg war die Folge eines positionellen Fehlers letztlich entscheidend für den Ausgang der Partie. In der Partie von Magnus Carlsen hatte dieser eine Figur geopfert und dadurch Druck auf seinen Gegner ausgeübt. Der passiver Ansatz des Deutschen erwies sich als Fehler. In der Folge hatte der Norweger zwei Gewinnchancen ausgelassen und Vincent eine bessere Verteidigung durch ein Qualitätsopfer.