Die in der Ukraine geborene russische Großmeisterin Kateryna Lagno verzichtet auf die Teilnahme am nächsten Frauen Grand-Prix in Indien. Bei der FIDE heißt es lapidar dazu, dass Lagno aus persönlichen Gründen zurück gezogen habe. Dem widerspricht die Spielerin jetzt in einem öffentlichen Statement, das Peter Heine Nielsen bei X, vormals Twitter veröffentlichte.
Von Thorsten Cmiel
Es geht um einen Schönheitspreis, den Jekaterina Alexandrowna Lagno, 35, nicht bekommen hat, sondern Alexandra Konstantinowna Kosteniuk, 40. Wer einen neuen politisch inkorrekten vielleicht sogar frauenfeindlichen Skandal oder gar Zickenkrieg zweier Frauen vermutet, der liegt allerdings falsch. Es geht nicht um das Aussehen der beiden Spielerinnen, sondern um zwei gewonnene Partien im Schach und um Politik.
Arkadij Dvorkovich. Foto Niki Riga (FIDE Chess)
Das Statement von Lagno erfolgte via sozialen Medien und besteht in einem Schreiben an den russischen Präsidenten Arkadij Dvorkovich. Der steht vor allem bei europäischen Beobachtern ohnehin auf der Beobachtungsliste, er bevorzuge „seine Russen“ heißt es. Tatsächlich bemüht sich Dvorkovich um eine Normalisierung im Spielbetrieb. Russen dürfen bei der FIDE als Einzelsportler antreten, bekommen aber weder Hymne noch Nationalflaggen. Diese Regelung besteht seit dem Beginn des Angriffskrieges der Russen gegen die Ukraine. Bei der letzten Schacholympiade, dem wichtigsten Team-Event in der Schachwelt, in Budapest fehlten die Russen. Kritiker wie der Carlsen-Sekundant und gebürtige Däne und Schachgroßmeister Peter Heine Nielsen (51) kritisieren diese Regelung offen. Nielsen ist mit der Schachgroßmeisterin und heutigen litauischen Politikerin Viktorija Čmilytė-Nielsen (41) verheiratet.
Lagnos Statement
Kateryna Lagno wurde 1989 in Lemberg (Lwiw) in der westlichen Ukraine, damals noch Teil des Sowjetreiches, geboren. Ihre ersten schachlichen Erfolge erzielte Lagno für die Ukraine, wechselte dann aber 2014 zum russischen Schachverband. Ihr damaliger Wechsel der Verbände hatte im Jahr der Annexion der Krim für Unruhe gesorgt zwischen den Schachverbänden. Lagno ist mit dem russischen Schachgroßmeister Alexander Igorewitsch Grischtschuk (1985) verheiratet und hat vier Kinder. Der war vorher mit der Ukrainerin Natalia Zhukova (1979), ebenfalls Großmeister im Schach, verheiratet. Zhukova lebt in Odessa in der Ukraine.
Den Schönheitspreis bekam Alexandra Kosteniuk eine langjährige sportliche Gegenspielerin von Lagno im Spitzenschach der Frauen. Kosteniuk war zwischen 2008 und 2010 Schachweltmeisterin und ist gebürtige Russin (Perm, Ural). Sie hat sich allerdings vom russischen Verband inzwischen losgesagt und ist verheiratet mit dem bei der FIDE angestellten Pawel Wladimirowitsch Tregubow, 54, einem ebenfalls gebürtigen russischen Schachgroßmeister.
Kosteniuk mit Dana Reizniece Surab Asmaiparaschwili
Den Schönheitspreis vergaben der Georgier Surab Asmaiparaschwili, 65, ebenfalls Schachgroßmeister und Dana Reizniece, eine lettische Frauengroßmeisterin und ehemalige Wirtschaft- und Finanzministerin ihres Landes. Reizniece ist „Deputy Chair“ des Weltschachbundes FIDE(*) und ihr werden Ambitionen nachgesagt, Dvorkovich einmal zu folgen. Die Gemengelage im Weltschach ist allerdings sehr fragil und bisher hat die Lettin ihren Hut noch nie in den Ring geworfen und pflegt eine Coexistenz bei der FIDE. Ihr fehlender Mut anzutreten liegt vermutlich daran, dass wer Präsident oder Präsidentin des Weltschachbundes werden will, nach bisheriger Lesart Geld mitbringen sollte. Bisher gibt es letztlich eine Abhängigkeit der FIDE von russischem Geld und Sponsoren. Ein Kritikpunkt, den insbesondere Peter Heine Nielsen immer wieder anprangert. Aus diesen vielfältigen persönlichen und landmannschaftlichen Zusammenhängen wird deutlich wie wichtig der Weltschachbund FIDE für die russische Föderation zu sein scheint. Im letzten Jahrhundert dominierte die Sowjetunion das Weltschach und stellte die längste Zeit den Schachweltmeister.
(*) In einer früheren Version dieses Textes hieß es Dana Reizniece sei Vizepräsidentin der FIDE. Der Weltschachbund hat mich darauf hingewiesen, dass das falsch ist: Dana Reizniece ist „Deputy Chair“ der FIDE. Das ist missverständlich übersetzt. Dana ist auch „Deputy President“ der European Chess Union (ECU). Wer mehr über die Titel des Managements der FIDE wissen will, der kann sich hier informieren: FIDE Directory – Member Federations and Officials.
Wer sich ein Bild von den beiden erwähnten Partien machen will, der kann das anhand der folgenden Analysen tun. Beide Partien hatten spektakuläre Phasen und auch ich würde Lagnos Partie für geeigneter halten. Ich hatte selbst mal eine andere Meinung zu einem Schönheitspreis bei einer Seniorenweltmeisterschaft in Bukarest. Da ging es aber um etwas anders gelagerte Frage worauf ein Schönheitspreis achten sollte. Ob das allerdings die wahre Ursache für den öffentlichen Frust von Kateryna Lagno ist, kann nur gemutmaßt werden.
Peter Heine Nielsen ist übrigens der Meinung, dass Lagno gar keine FIDE-Turniere spielen sollte, da sie auch immer wieder bei Propaganda-Turnieren von Großmeister Sergey Karjakin, dem ehemaligen Gegner von Magnus Carlsen im WM-Kampf von 2016 in New York, antritt. Karjakin, ebenfalls wie Lagno gebürtiger Ukrainer, ist inzwischen Politiker und versucht Normalität in eroberten ukrainischen Gebiete vorzuspiegeln. Das ist das noch größere Bild im Weltschach.
Lagno – Paehtz
Fotos: Niki Riga (FIDE CHESS). Die Fotos sind in Monaco beim diesjährigen Grand-Prix der Frauen entstanden.
Hinweis
Es sei darauf hingewiesen, dass der Text im Original in deutscher Sprache geschrieben wurde. Gelegentlich gelingt es dem automatischen Übersetzer nicht die Details richtig zu übersetzen. Das gilt gerade bei schachspezifischen Kommentaren. So wurde beispielsweise in einem Text über den ehemaligen Weltmeister Ding der Name in das englische Wort „thing“ übersetzt. Oder das Wort für einen schachlichen Zug wird statt mit „move“ mit „train“ übersetzt. Wir haben keinerlei Einfluss auf solche Übersetzungsfehler der automatischen Übersetzung und können es auch nicht korrigieren – in manchen Sprachen ohnehin nicht. Wir empfehlen daher grundsätzlich das Original und etwas Humor.
Update
28. März 2025 Die Geschichte wird inzwischen bei Chess.com weiter erzählt. Es gab ein wertvolle Uhr von Cartier für den Schönheitspreis und einige Spielerinnen haben sich inzwischen geäußert. Alexandra Kosteniuk hätte sich ebenfalls für die Partie von Lagno entschieden und äußerte sich sehr diplomatisch. Einen politischen Hintergrund sieht sie offenbar nicht. Wer sich für die Weiterentwicklung der Geschichte interessiert, dem sein ein Link zum Artikel von Anthony Levin empfohlen.
An open Letter by Kateryna Lagno 🇷🇺 has been published on why she has withdrawn from the FIDE women's Grand Prix, due to FIDE being anti Russian (!!)
Ill just reiterate my position, so that there is no misunderstanding. Lagno should be banned, due to playing in Karjakins events pic.twitter.com/WwiGsszozc
Ding Chilling ist während des Wettkampfes eine Art Markenzeichen des Chinesen geworden. Es begann mit einer Frage einer Mitarbeiterin des Deutschen Schachbundes. Inzwischen gibt es sogar einstündige Videos mit unterlegter Musik zur Entspannung.
Note: There is an automatic error using „Ding“ in German language it is „thing“ in English. So I for the moment changed the name in the headline to Liren.
Leontxo García ist unzweifelhaft der Großmeister im Raum. Leontxo arbeitet als Journalist bei El País. Ich sitze zufällig neben ihm heute während die zwölfte Partie in Singapur läuft. Ding Liren scheint Gukesh früh am Wickel zu haben. Ich frage Leontxo nach Ähnlichkeiten zur Schachweltmeisterschaft 1987 zwischen Garri Kasparov und Anatoli Karpov. Kasparov war amtierender Weltmeister, hatte die 23. Partie verloren und musste die letzte Partie gewinnen. Als Leontxo antwortet, kommt mir die Idee seine Ausführungen aufzuzeichnen, er ist einverstanden. Dann sprudeln die Worte aus ihm heraus und ich erfahre viel mehr von einem, der Schach lebt und liebt.
Leontxo war 1987 Kommentator im Fernsehen
Die Weltmeisterschaft 87. Das war das vierte Match zwischen Kasparov und Karpov. Es war extrem ausgeglichen. Alles hing von der allerletzten Partie, der 24. ab. Also hatte das spanische Fernsehen jeden Abend ein Sonderprogramm. Und weil die Situation so emotional, so angespannt war, beschlossen die spanischen Fernsehbosse, die allerletzte Partie live zu übertragen. Das ganze Spiel. Laut offizieller Statistik hatten wir damals 13 Millionen spanische Zuschauer, die Schach im Fernsehen sahen. Ich bin mir sicher, dass mehr als 90 Prozent dieser 13 Millionen keine Ahnung von Schach hatten, aber sie drückten einem der beiden aus politischen oder anderen Gründen die Daumen. Ich meine, wir müssen bedenken, dass Karpov und Kasparov Symbole für zwei völlig gegensätzliche Lebensauffassungen im größten Land der Welt waren. Karpov war ein Vertreter der alten kommunistischen Garde, und Kasparov repräsentierte die Perestroika, den Erneuerungsgeist Gorbatschows. Deshalb war es möglich, dass 13 Millionen Menschen dem Schach folgten. Und das ist aus schachlicher Sicht sehr wichtig, denn das ist der Schlüsselmoment, warum Spanien seit dem folgenden Jahr, 1988, das Land in der Welt ist, das jedes Jahr mehr internationale Turniere organisiert, denn unter diesen 13 Millionen gab es natürlich viele potenzielle Sponsoren oder Medienredakteure oder Schuldirektoren oder einfach Mütter und Väter. Ich meine, viele Menschen, die mit dem Schach sympathisierten. Seit diesem Moment.
Eng Chin An (FIDE Chess)
Das Topturnier Linares. Das gibt es nicht mehr. Was ist passiert?
Es gibt nicht zwei verschiedene Realitäten. Spanien ist immer noch das Land in der Welt, das jedes Jahr die meisten internationalen Turniere organisiert. Hunderte. Wenn man Wochenendturniere, Rapid und so weiter mitzählt. Das Linares-Problem ist ein sehr spezifisches. Linares hatte zwei große Probleme zur gleichen Zeit. Zum einen die Wirtschaftskrise, die weltweite Krise im Jahr 2008, und zum anderen die lokale Krise, weil diese allgemeine Krise den Santana-Motor, den größten Industriezweig in Linares und den Schlüsselfaktor für die lokale Wirtschaft, dazu zwang die Fabrik zu schließen. Und das bedeutete, dass die Arbeitslosigkeit in Linares auf über 50 Prozent anstieg. Es war also eine schreckliche Situation eingetreten, und dann mussten sie sich entscheiden, etwas zu ändern. Es tut mir leid, dass sie ihre Herangehensweise an das Schachspiel komplett geändert haben, anstatt Geld zu investieren, um die Stadt in der ganzen Welt berühmt zu machen. Was sie nun seit vielen Jahren tun, ist, dass sie jedes Jahr einige spanische Meisterschaften in verschiedenen Kategorien organisieren, zu denen viele Leute anreisen und die Kosten selbst tragen. Und jetzt lässt das Schachspiel Geld in Linares, anstatt Geld zu nehmen.
Wie beliebt ist Schach in Spanien?
Fußball ist natürlich wie eine Religion in Spanien. Fußball ist also eine andere Kategorie. Schach ist besonders beliebt als pädagogisches Mittel. Am 11. Februar 2015. In unserem Parlament geschah etwas, was ich ein Wunder nenne. An diesem Tag war ich sehr versucht, den Vatikan anzurufen, um ein Wunder zu melden, denn alle spanischen politischen Parteien, ohne Ausnahme, waren sich einig. Dies ist ein Wunder in Spanien. Und ich hatte Schach als pädagogisches Mittel empfohlen. Nach der Empfehlung des Europäischen Parlaments vor drei Jahren hatten wir in Spanien ein föderales System für die Bildung, was bedeutet, dass jede Region, abgesehen von den sehr großen autonom über die Bildung entscheidet. Von unseren 17 Regionen haben zehn bereits Schach in den Lehrplan aufgenommen, wobei Tausende von Schulen, die Schach als außerschulische Aktivität nutzen, nicht mitgezählt werden.
Leontxo ist nicht nur Journalist…
Ganz am Anfang, als ich anfing, als Schachjournalist zu arbeiten, 1983 entdeckte ich, dass Schach sehr interessante Verbindungen zu wichtigen Bereichen des menschlichen Wissens hat: Bildung, Psychologie, Psychiatrie, Neurologie, Mathematik, künstliche Intelligenz, Kino, Literatur, internationale Politik und so weiter. Deshalb ist meine Zeitung, El Pais, diejenige in der Welt mit den meisten Schachinhalten. Einige dieser Schachinhalte sind nur Schach, für echte Schachliebhaber. Meine tägliche Kolumne beispielsweise ist eine kommentierte Partie einer Woche. Mein wöchentliches Video zeigt meist eine der brillantesten Partien der Geschichte, kommentiert von mir. Aber es gibt auch andere Inhalte. Zum Beispiel schicke ich jeden Donnerstag einen Newsletter an die Abonnenten, und nutze das als eine Art Entschuldigung, um über alles zu schreiben. Am interessantesten ist sicherlich der Bezug zum Thema Bildung. Wir haben starke wissenschaftliche Beweise und lange und ernsthafte Erfahrungen in der ganzen Welt. Man kann sagen, dass Schach ein sehr mächtiges Instrument ist oder sein kann.
sondern auch Vortragsreisender…
Ich halte viele Vorträge und gebe auch Workshops. Ich habe mehr als 30.000 Lehrerinnen und Lehrer in mehr als 30 Ländern darin geschult, wie man Schach als transversales und interdisziplinäres Werkzeug einsetzen kann. Transversal bedeutet zum Beispiel, dass Schach mit emotionaler Intelligenz kombiniert wird, was transversal für alle Fächer ist und ein sehr wichtiges Feld für innovative Bildung im 21. Interdisziplinär bedeutet, dass zum Beispiel, aber nicht nur, ein großer Teil der Mathematik, Geometrie, Arithmetik, Algebra durch Schach auf eine sehr lustige Art und Weise erklärt werden kann. Die Schüler lernen durch das Spielen und das Spielen durch das Lernen, und für die Lehrer ist das sehr effizient. Und das funktioniert sehr gut in mehreren Ländern.
und internationaler Botschafter
Ich war bisher in vielen Ländern, das am weitesten fortgeschrittene und eines der Länder, das ich als Modell für gute Praktiken empfehlen kann, ist natürlich Ungarn. Die Judit Polgar Stiftung macht das sehr gut. Einige spanische Regionen, fünf davon, nämlich Katalonien, Aragonien, Andalusien, die Kanarischen Inseln und die Balearen. Dann drei argentinische Provinzen Santa Fe, San Luis und Buenos Aires City. Und Uruguay. In Mexiko gibt es einige sehr interessante Erfahrungen an verschiedenen Orten. Die Regierungen von Panama, Paraguay und Costa Rica haben in den letzten Jahren Entscheidungen zugunsten des Schulschachs getroffen. Wir müssen also noch ein wenig auf die Entwicklung warten. Dann im Vereinigten Königreich. Diese Stiftung von Malcolm Pein läuft schon seit einigen Jahren recht gut, mit einem guten Grad an Zufriedenheit unter den Lehrern. In Deutschland, ich glaube in Hamburg, hat man einige interessante Erfahrungen gemacht, und ich spreche hier von einem rein pädagogischen Test. Wenn wir über Schach in Schulen als Sport sprechen, dann müssen wir natürlich auch über Russland, Kuba, die Türkei und einige andere Länder sprechen. Andorra habe ich nicht erwähnt. Andorra ist sehr klein, aber die Qualität dessen, was sie im Schulschach tun, ist sehr hoch. Das ist gut.
Leontxo über den Argentinier Faustino Oro
Natürlich ist ein Wunderkind wie Faustino aus Sicht der Vermarktung von Schach erfreulich. Ich kann Beispiele nennen: Jeder weiß, was Rafael Nadal für das Tennis in Spanien bedeutet. Oder wenn wir über Schach sprechen, Vishy Anand in Indien. Faustino ist ein sehr interessanter Glücksfall, kann ich sagen. Natürlich ist das nicht objektiv, aber ich bin davon überzeugt. Faustino ist der intelligenteste zehnjährige Schachspieler, den ich je gesehen habe. Ich meine, ich kann mich an keinen anderen zehnjährigen Spieler erinnern, der so gut gespielt hat wie Faustino im Alter von zehn Jahren. Aber eine Einschränkung bei historischen Betrachtungen gibt es. Wenn wir vergleichen, wie viele Stellungen pro Tag haben Bobby Fischer oder Judit Polgar jeden Tag auf Papier gesehen? Ich meine Bücher, Zeitschriften, Zeitungen. Und wir vergleichen diese Zahl mit der Zahl an Positionen die Faustino Oro jeden Tag mit der modernen Technologie sieht. Das bedeutet zunächst, dass seine Entwicklung viel schneller voran schreitet. Meine Schlussfolgerung ist, dass Faustino Oros Talent nicht unbedingt ein größeres Talent haben muss als Bobby Fischer. Aber erkennbar macht er größere Fortschritte.
Foto: Michal Walusza (FIDE Chess)
Argentinien oder Spanien?
Sie sind jetzt in Argentinien, weil Faustino die argentinische Meisterschaft gespielt hat und jetzt zur Rapid-Weltmeisterschaft in New York fährt. Aber soweit ich weiß, ist es ihr Plan, nach Badalona zurückzukehren, das ganz in der Nähe von Barcelona liegt. Faustino ist ein sehr liebenswerter Junge. Er ist nicht nur ein Kindergenie, sondern er ist auch sehr nett. Es ist sehr nett, mit ihm zu reden, ich war bei ihm zuhause. Wir sind sehr froh, ihn in Spanien zu haben, natürlich.
Während Gukesh sich während laufender Turniere grundsätzlich von Social Media fern hält, nutzt Ding Diskussionen auf Social Media zum Entspannen. Dabei bekommt der Chinese möglicherweise manche Diskussionen mit, lässt sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen, sagt er. Tatsächlich laufen auf verschiedenen Kanälen manche Diskussionen aus dem Ruder. Kommentatoren und Streamer, selbst mit meinungsstarken Maschinen bewaffnet, kritisieren die Spieler und halten das Niveau für nicht so berauschend. Objektiv betrachtet sieht es anders aus.
Einer, der sich beruflich mit Datenanalysen und deren Interpretation beschäftigt ist Mehmet Ismail, Wirtschaftswissenschaftler und Spieltheoretiker für Norway Chess im Einsatz. Ismail hat über eine Milliarde an Schachzügen einer Analyse unterzogen und seine eigenen Berechnungen angestellt, die über das einfache Interpretieren von Genauigkeitsdaten hinausgehen. Einige seiner spannendsten Erkenntnisse dazu.
Schach Weltmeisterschaften – immer präziser
Die Abbildung von Mehmet Ismail zeigt einen Trend abnehmender Fehlpunkte (zunehmende Genauigkeit) im Laufe der Zeit. Dieser Trend steht im Einklang mit einer unabhängigen Stockfish-Analyse auf Tiefe 20 und mit anderen früheren Studien sowie der allgemeinen Einschätzung führender Großmeister.
Bis zum Match 1921 lag der Durchschnitt der Spieler bei mehr als einem verpassten Punkt pro Spiel, was bedeutet, dass ihre Fehler sich zu mehr als einem bedeutenden Fehler pro Spiel summierten. Im Laufe der Jahre sind die durchschnittlich verpassten Punkte deutlich zurückgegangen.
Schon vor den Schachprogrammen lernten Schachspieler von der vorherigen Generation und die Eröffnungen verbesserten sich. Infolgedessen hat sich die Gesamtgenauigkeit erhöht. Auch Schachprogramme haben zu dieser Steigerung beigetragen.
Mehmet Ismail im Dezember 2024.
Beim Schach geht es Ismail zufolge jedoch nicht nur um Präzision, sondern auch darum, kalkulierte Risiken einzugehen. Hierfür hat der Datenexperte den Game Intelligence (GI)-Score entwickelt, der einen Kompromiss zwischen dem Spielen der Hauptvariante und dem Abweichen davon zum Eingehen von gezielten Risiken erfasst. Um die GI-Werte der Spieler zu messen, hat Ismail mehr als eine Milliarde Schachzüge analysiert. Über eine Million dieser Züge wurden von den weltbesten Schachgroßmeistern ausgeführt. Der durchschnittliche menschliche GI-Wert ist auf 100 standardisiert, mit einer Standardabweichung von 15. Dies bedeutet, dass 68 Prozent der Schachspieler einen GI-Wert zwischen 85 und 115 aufweisen.
Player
GI score
Missed points
TPR
Games
Magnus Carlsen
160,1
0,44
2848
56
Viswanathan Anand
158,7
0,43
2790
88
Vladimir Kramnik
157,2
0,54
2803
65
Garry Kasparov
157,2
0,54
2725
197
Veselin Topalov
156,4
0,52
2736
23
Liren Ding
156,4
0,56
2789
26
Anatoly Karpov
155,7
0,61
2725
194
Jose Raul Capablanca
153,6
0,72
48
Robert James Fischer
153,1
0,87
2749
20
Tigran V Petrosian
150,6
0,89
69
In dieser Tabelle von Mehmet Ismail (Stand: 2024, 12 Partien in Singapur gespielt) sind die Ergebnisse der Weltmeister bei Partien in Schachweltmeisterschaften aufgeführt.
Wie man die Daten interpretieren sollte
Wie die Tabelle zeigt, ist Viswanathan Anand mit einer durchschnittlichen Punktzahl von 0,43 pro Partie der Spieler mit der höchsten Genauigkeit. Magnus Carlsen sticht jedoch mit dem höchsten GI-Wert von 160 heraus, was darauf hindeutet, dass Carlsens Spielstil, der nicht immer dem besten Zug des Computers folgt, dazu neigt, seinen Gegnern im Vergleich zu anderen Spielern mehr Fehler zu entlocken.
WM Match Singapur zwischen Ding Liren und Gukesh
Beide Spieler haben laut der Top-Schachengine Stockfish während des Matches in den ersten 12 Partien auf identischem Niveau gespielt, obwohl es vier entscheidende Partien gab. Ihre durchschnittlichen Fehlpunkte pro Partie lagen bei lediglich 0,4. Das deutet laut Mehmet Ismail darauf hin, dass die Fehler während der Partien insgesamt weniger als einen schwerwiegenden Fehler pro Partie ausmachten. Dieses hohe Maß an Genauigkeit macht das Match zum zweitgenauesten Weltmeisterschaftsmatch der Geschichte, das nur von der legendären Begegnung zwischen Garry Kasparov und Viswanathan Anand im Jahr 1995 übertroffen wird.
Foto: Eng Chin An (FIDE Chess)
Ich kann nicht wirklich glauben, dass es das bisher genaueste Spiel ist.
Herausforderer Gukesh nach der siebten Partie.
Foto: Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess)
Vielleicht vor diesem Spiel.
Weltmeister Ding Liren nach der siebten Partie.
Analyse von Mehmet Ismail
Ich möchte drei kritische Stellungen aus der 11. Partie ansprechen, die entweder kurz vor einem Fehler stehen oder bei denen die Spieler sehr lange (mehr als 15 Minuten) zum Rechnen brauchen.
Zum Beispiel spielte Ding in dem ersten Diagramm in dieser Stellung den Damenzug nach c8. Dies führte zu einem verpassten Punkt von 0,4, was bedeutet, dass Ding, wie oben definiert, von einer fast objektiv ausgeglichenen Stellung in eine Verluststellung geriet. Beachten Sie die Logik, dass 0,5 verpasste Punkte bedeuten, dass man von einer ausgeglichenen zu einer Verluststellung übergeht.
In dem zweiten Diagramm ist die Stellung abgebildet kurz bevor Gukesh laut Engine einen Fehler begeht, indem er Tdb1 zieht. Dies ergibt 0,34 verpasste Punkte, da Weiß zwar einen bedeutenden Vorteil verliert, aber immer noch besser steht. Es handelt sich also um eine geringere verpasste Chance als bei Dings Fehler.
Im dritten Diagramm ist die Stellung vor dem Fehler mit dem Bauernzug auf e7-e6 dargestellt, der mit 0,44 verpassten Punkten erheblich ist.“
Über die Grenzen von Datenanalysen
Was die Analyse der Spielqualität im Schach betrifft, so glaubt Mehmet Ismail, dass nan versuchen sollte, die Qualität des Spiels so genau wie möglich zu messen, denn obwohl Engines viel stärker sind als Menschen, können Standardmethoden wie der Verlust von Hundertstelbauern oder die Genauigkeitsrate zu irreführenden Ergebnissen führen. Zweitens sei die Analyse der Zugqualität zwar nützlich, aber man sollte ihre Grenzen anerkennen.
Ein Beispiel dazu: Ein perfektes Spiel zu spielen und zu gewinnen ist etwas ganz anderes als ein perfektes Spiel zu spielen und ein Unentschieden zu erzielen; in beiden Fällen mag das Spiel perfekt sein, aber im ersten Fall macht der Gegner einen Fehler und im zweiten Fall nicht. Der GI-Score zielt darauf ab, die Unterschiede zwischen den beiden unterschiedlichen Spielsituationen zu erfassen. Es gibt laut Ismail noch viel mehr Möglichkeiten, Schachstatistiken aus menschlicher Sicht verständlicher und interpretierbarer zu machen.
Verwendete Definitionen und Methoden
Verpasste Punkte
Die Werte sind durchschnittliche verpasste Punkte pro Partie. 1,00 und 0,50 verpasste Punkte sind gleichbedeutend mit einem spielverlierenden Fehler in einer Gewinn- bzw. Remisstellung. Im Gegensatz dazu bedeuten 0 verpasste Punkte ein perfektes Spiel. Verpasste Punkte messen die Punkte, die ein Spieler in einem Spiel gemäß der Engine verpasst. Jeder Fehlzug wird anhand der Gewinn-Unentschieden-Verlust-Wahrscheinlichkeit des obersten Engine-Zugs und des tatsächlichen Zugs berechnet.
Wenn man beispielsweise in einer Gewinnstellung einen Fehler macht, der zur Niederlage führt, ist das 1 verpasster Punkt, während ein Fehler in einer Remisstellung 0,5 verpasste Punkte bedeutet. 0 verpasste Punkte bedeutet perfektes Spiel.
Was ist mit Spielintelligenz (GI) gemeint?
Der GI-Wert kombiniert die menschliche Leistung mit der Engine-Analyse und misst die Fähigkeit der Spieler, strategische Risiken einzugehen. Die GI-Punktzahl steigt, wenn man mehr Punkte gewinnt und gegen stärkere Gegner punktet, aber sie sinkt bei Fehlern. Der durchschnittliche GI-Wert eines Schachspielers liegt bei 100. Etwa 68 Prozent der Spieler haben einen GI-Wert zwischen 85 und 115. Die Gewinner von Superturnieren erreichen in der Regel einen GI-Wert von 160 oder mehr.
Methodenhinweise
Jeder Fehler wird anhand der Gewinn-Remis-Verlust-Wahrscheinlichkeit des besten Engine-Zuges und des tatsächlichen Zuges des Spielers berechnet. Mit diesem Verfahren ist es möglich, Probleme bei der Interpretation zu vermeiden, die mit den weit verbreiteten durchschnittlichen Bauernverlust-Metriken einhergehen. Für die Engine bedeutet eine Änderung der Bewertung von +9,0 auf +7,0 oder von +2,0 auf 0,0 einen Verlust von zwei Bauerneinheiten; aus menschlicher und praktischer Sicht gibt es jedoch einen großen Unterschied zwischen den beiden Änderungen. Aus diesem Grund liefert die Arithmetik, z. B. das Addieren und Bilden des Durchschnitts von Verlusten in Hundertstelbauern, aus menschlicher Sicht im Allgemeinen keine aussagekräftigen Ergebnisse.
Ebenso sind Ergebnisse mit prozentualer Genauigkeit möglicherweise nicht intuitiv. Beispielsweise hatten die Spieler im aktuellen WCC sowohl in Partie 2 als auch in Partie 7 eine Genauigkeit von etwa 96 %. Allerdings hatten die Spieler in Partie 2 0,07 Punkte, was ein nahezu perfektes Spiel bedeutet, während sie in Partie 7 1,00 Punkte verfehlten, was einem spielentscheidenden Fehler in einer Gewinnstellung entspricht. Spiel 7 war zwar ein ganz anderes Remis als Spiel 2, da Spiel 7 sehr lange dauerte, was jedoch den Genauigkeitswert verzerrt.
Mehmet Ismail berücksichtigt für seine Analysen alle Züge in einer Partie, beginnend mit dem ersten Zug. Er verzichtet auf das Herausnehmen von Eröffnungszügen. Das begründet Ismail so: Ihm sei erstens kein zuverlässiger Datensatz bekannt, der die ersten Züge außerhalb des Buches enthält, und zweitens würde es ohnehin wenig ändern, da verpasste Punkte eine Statistik auf Spielebene sind (sie wird nicht durch die Zuganzahl geteilt).
Über Mehmet Ismail
Mehmet Ismail ist Dozent für Wirtschaftswissenschaften an der Abteilung für politische Ökonomie des King’s College London. Zu seinem akademischen Hintergrund gehört seine Promotion in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Maastricht. Mehmet hat außerdem einen Master in angewandter Mathematik von der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne und verbrachte ein Semester an der Universität Bielefeld im Rahmen des Erasmus Mundus QEM-Programms.
Neben seiner akademischen Tätigkeit ist Mehmet ein leidenschaftlicher Schachliebhaber und ehemaliger professioneller Backgammon-Spieler. Seine Leidenschaft für Spiele geht weit über das bloße Spielen hinaus; er ist fasziniert von der facettenreichen Welt der Spiele und erforscht alles von theoretischen Grundlagen und praktischen Anwendungen bis hin zu Spieldesign, Fairness und dem Spiel selbst. Mehmet ist für Norway Chess als Experte für Spieltheorie im Einsatz.
Interessierte Leser können auf GitHub weitere Informationen und Details der Analysen von Mehmet Ismail finden.
Google ist Titelsponsor der Schachweltmeisterschaft in Singapur 2024 und hat zur Weltmeisterschaft eine sehr informative Website mit vielen Informationen zum Schach bereitgestellt. Ästhetisch sind die Informationen hochwertig präsentiert. Eine uneingeschränkte Empfehlung
Bei der Entwicklung von Alpha Zero ging es den Entwicklern darum zu Lernen um zu lernen. Dieser Prozess ging weiter mit Alpha Go und führte zur Gründung von Googles Deep Mind. Zuletzt war ein Nobelpreis in Chemie das Ergebnis an dem der Gründer Demis Hassabis (Jahrgang 1976) und John Jumper (Jahrgang 1985) von Deep Mind entscheidend mitgewirkt haben.
Zu Beginn der Weltmeisterschaft hielt ein anderer Wissenschaftler Nenad Tomasev einen Vortrag und stellte sich Fragen. Wie wird Künstliche Intelligenz unsere Welt verändern? Hier sehen wir erste Erfolge und mit Schach fing alles an.
Ding Liren und Gukesh sitzen in einer Art schalldichtem Glashaus, Cube genannt. Ein solcher Cube kam bei Weltmeisterschaften bereits vorher zum Einsatz: In London 2018 sah das räumliche Szenario ähnlich aus. Zu Beginn führt die Pressebetreuerin der FIDE akkreditierte Fotografen für einen kurzen Moment in den Raum. Die Konstruktion ist erst kurz vor der Weltmeisterschaft zusammengebaut worden, da vorher eine andere Veranstaltung am Spielort stattfand. Von draußen kann man rein, von drinnen nicht raus sehen. Es spiegelt sich.
Beide Fotos: Maria Emelianova (FIDE Chess)
Zu Beginn müssen die Spieler die üblichen Startrituale über sich ergehen lassen. Maurice Ashley gibt den Ansager wie bei einem Boxkampf und stellt die Spieler und Gäste vor. Den ersten Zug führt Demis Hassabis aus, selbst ein passabler Schachspieler und ehemaliges Wunderkind, aber vor allem ist er das Mastermind hinter Alpha Zero und später Alpha Go, einer selbstlernenden Künstlichen Intelligenz für Googles Deep Mind. Hassabis erhielt jüngst den Nobelpreis in Chemie. Gukesh flüstert ihm 1.e4 als Startzug zu und Gukesh bleibt in der Partie später dabei. Er hätte es ändern können, die Schiedsrichterin hatte den Zug auf dem Brett zurück gestellt. Vermutlich wäre das im Duell allerdings eher ein Zeichen der Schwäche gewesen. So etwas macht keiner. Die Partie beginnt also mit dem Zug des Königsbauern. Es ist nicht ungewöhnlich und strategisch im Match sinnvoll, die Eröffnungen des Gegners gegen die Hauptzüge 1.e4 und 1.d4 frühzeitig auszutesten.
Maria Emelianova (FIDE Chess)
Ding antwortet auf den Königsbauernzug seines Gegners etwas überraschend für die meisten Kommentatoren mit der Französischen Verteidigung. Dabei hat Ding immerhin über 70 Partien mit dieser Verteidigung auf dem Brett gehabt. Häufiger hat er nur klassisch geantwortet und früher war er gefürchtet für seine Angriffspartien in einigen scharfen Varianten nach der spanischen Eröffnung. Häufiger als Französisch hatte der Weltmeister die Caro-Kann-Verteidigung gespielt, wenn er nicht klassisch (1…e5) spielen wollte. In der Pressekonferenz kam später Richard Rapport der Sekundant ins Spiel, Ding lobt ihn als großen Französisch-Experten, was richtig ist, aber Richard spielt vor allem den Zug mit dem Läufer nach b4, die so genannte Winawer-Variante oder typisch Rapport den etwas ausgefalleneren Springerzug nach c6. In der klassischen Variante, die in der ersten Partie auf das Brett kam, findet man keine Partie von Richard Rapport.
Die Eröffnungswahl ging für Gukesh nicht gut aus. Der Inder hatte zuvor bereits mehrfach die Steinitz-Variante mit Vorstoß des eigenen e-Bauern nach e5 gespielt. Den sechsten Zug mit seinem Damenspringer nach e2 hatte Gukesh bisher noch nicht angewandt. Er wird diese Variante nach meiner Einschätzung in diesem Kampf auch nicht wiederholen. Die Partie wurde allerdings nicht in der Eröffnung entschieden. Der erste wirklich kritische Moment in der Partie sah so aus:
In diesem Moment entscheidet sich, ob es Weiß gelingt seine Figuren vernünftig zu koordinieren. Er sollte um das Feld c4 kämpfen und dafür seinen Läufer nach f1 umgruppieren. Dafür hätte Gukesh am besten mit dem Zug seines Läufers nach e1 begonnen, um das Feld f3 für seinen Turm freizumachen. Stattdessen entschied sich Gukesh für einen passiv gedachten Zug mit seinem a-Turm. Danach wurde es zunächst einseitig und Liren überspielte seinen jungen Gegner.
In dieser Stellung sahen beide Spieler einen kleinen taktischen Trick und brachen mit wenig Restbedenkzeit – Gukesh hatte noch etwas mehr als zehn Minuten auf der Uhr – die Berechnungen ab. Nach dem Schlagen des Bauern auf h7 sieht es zunächst gut aus für den Inder, aber Schwarz hat einen Trickzug zur Verfügung. Er gibt das ablenkende Damenschach auf d4. Weiß kann das nicht ignorieren, da der h4-Bauern nach einem Seitenschritt mit dem König mit Schach fällt.
Die Partie war nach dem Damenzugpaar nach c2 und c4 entschieden. Wer mehr wissen will, kann sich die Analyse der Partie anschauen.
Die Fotos zur Partie zeigen wie Gukesh zunächst zusammenbricht. Das erinnerte an die siebte Runde in Toronto nach seiner Niederlage gegen Alireza Firouzja. Ding war natürlich besserer Laune und erlaubte sich die Journalisten auf die eine oder andere falsche Fährte zu locken. Als er eine Frage auf chinesisch gestellt bekam und sehr schnell antwortet, wirkten die Verantwortlichen überrascht, denn eine Übersetzung fand nicht statt. In der Pressekonferenz war das Supportteam von Liren ebenfalls dabei. Sein Vater ist eher ein seltener Gast bei seinen Turnieren. Der Chinese wird normalerweise nur von seiner Mutter begleitet. Gukesh zeigte sich nachdenklich, war aber voll präsent bei der Presskonferenz. Die Schachwelt kann aufatmen. Liren hat sein Lächeln zurück gefunden.
Eng Chin An (FIDE Chess)Eng Chin An (FIDE Chess)Maria Emelianova (FIDE Chess)Maria Emelianova (FIDE Chess)Eng Chin An (FIDE Chess)
„Das war ein taktisches Versehen von mir. Das kann passieren, es ist ein langes Spiel. Was die Form meines Gegners angeht, habe ich nichts anderes erwartet. Ich habe die beste Version von ihm erwartet, und wir haben ein langes Match vor uns, also ist es jetzt nur noch spannender.“ Gukesh nach seiner Niederlage in Runde 1.
Hintergrund: Via Youtube. Diese interessante Dokumentation stellt Google Deep Mind selbst auf Youtube zur Verfügung.
Eine Schachanalyse ist die detaillierte und nachträgliche Untersuchung und Bewertung einer Schachpartie. Betrachtet werden einzelne Züge, verfolgte Strategien oder einfach bestimmte Positionen. Inzwischen weiß man, dass bei bestem Spiel beider Seiten eine Schachpartie mit Remis enden sollte. Insofern ist es eine wichtige Aufgabe Kipppunkte zu identifizieren, also Momente, bei denen die Bewertung objektiv eine Unwucht bekommt. Sie umfasst das Prüfen von Eröffnungen, Mittelspielstrategien und Endspieltechniken, um die Stärken und Schwächen eines Spiels oder eines Spielers zu erkennen. Dabei werden oft auch alternative Züge und deren mögliche Konsequenzen betrachtet. Schachanalysen können sowohl manuell durch erfahrene Spieler als auch mit Hilfe von Schachcomputern und -software durchgeführt werden. Ziel ist es, das Verständnis für das Spiel zu vertiefen und die eigenen Fähigkeiten zu verbessern.
Vier Hauptziele einer Partieanalyse
1. Kipppunkt(e) bestimmen
Es ist für die retrospektive Analyse entscheidend ab wann eine Partie von einer ausgeglichenen Stellung in eine schlechtere Stellung oder sogar in eine verlorene Stellung überführt wurde, gekippt ist. Schachengines können da helfen.
Automatische Analyse mit dem Li-Chess-Tool
Der obige Chart zeigt den Verlauf einer zufällig ausgewählten Schachpartie in der Darstellung von Lichess, einem Internetportal bei dem Spieler ihre Partien in einem Schnelldurchlauf mit einer Schachengine prüfen können. Wir erkennen, dass Weiß zu Beginn einen leichten Vorteil hatte und, dass erst im Endspiel wirklich etwas los war. Der Schwarzspieler dieser Partie stand fünfmal auf Gewinn (Zacken nach unten), bekam es aber zunächst nicht hin. Für die Analyse hieße das, dass man die Zacken und die Absturzmomente – die Extrempunkte – genauer untersuchen sollte. Genau auf diese Weise analysieren Charttechniker an der Börse Kursverläufe und hoffen daraus die richtigen Schlüsse für zukünftige Entwicklung vorherzusagen. Beim Schach hat man seine Geschicke weitgehend selbst in der Hand.
2. Fehler entdecken
Am besten kann man nach einer Schachpartie zumindest Vermutungen darüber anstellen, welche eigenen oder gegnerischen Züge nicht sonderlich gelungen waren. Dieser Teil wird heutzutage zu häufig von starken Engines wie „Stockfish“ übernommen, die taktische Überprüfungen anstellen. Wer allerdings glaubt, dass die taktischen Engineanalyse die absolute Wahrheit erzählt, liegt falsch.
3. Verbesserungen suchen
Wenn man etwas Selbstdisziplin aufbringt und ohne Rechnerhilfe nach Lösungen für praktische Probleme sucht, dann verbessert man als Schachspieler sein Verständnis des Spielgeschehens.
4. Eigene Schwächen ermitteln.
Es geht nicht darum sich selbst zu zerfleischen in der nachträglichen Partieanalyse. Aber jede Partie kann Fragen aufwerfen: Was ist in der Eröffnung falsch gelaufen? Warum habe ich im Mittelspiel keinen Plan gefunden? Warum war mein Zeitverbrauch so hoch? Konnte ich im Endspiel bestimmte Stellungen nicht bewerten? Welches Wissen fehlte mir? Und viele weitere Fragestellungen sind denkbar.
Lebenslanges Lernen ist das Ziel
Das Ziel der Partie- oder Stellungsanalysen ist es, Verbesserungsideen für das eigene Spiel zu sammeln und möglichst bei der nächsten Gelegenheit anzuwenden. Dieser Verbesserungsprozess ist für jeden Schachspieler jeder Spielstärke möglich. Weltklassegroßmeister können allerdings als schon gut ausgebildete Spieler nur kleine Schritte machen. Sogar Magnus Carlsen kann besser werden. Allerdings haben mehrere führende Großmeister seine Schwächen nicht wirklich aufdecken können in fünf Weltmeisterschaftskämpfen.
Das AI-generierte Beitragsbild zeigt ein mechanisches Schloss im Stil eines „Da Vinci“-Codeschlosses. Es besteht aus mehreren rotierbaren Ringen mit Buchstaben darauf, die in Reihen angeordnet sind. An den Enden befinden sich dekorative Kappen mit geometrischen Mustern und Symbolen. Die Oberfläche der Buchstabenringe ist metallisch und detailliert mit Gravuren. Das Schloss hat einen antiken und mystischen Charakter und scheint für ein Rätsel oder eine Geheimhaltung konstruiert worden zu sein. Dieses Design erinnert an ein mechanisches Zahlenschloss, jedoch mit Buchstaben anstelle von Zahlen, und wird oft in Abenteuerspielen oder Geschichten verwendet, um eine geheime Botschaft zu entschlüsseln. Schachpartien sind solche Rätsel zumindest für die meisten Schachspieler.
Im Ecosystem des Schachsports erscheint immer wieder ein neuer Stern, der die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zieht. Manche leuchten besonders hell. Einer dieser aufstrebenden Stars ist der junge indische Schachgroßmeister Dommaraju Gukesh. Mit seinen beeindruckenden Leistungen hat Gukesh nicht nur die indische Schachszene erobert, sondern insbesondere 2024 international für Aufsehen gesorgt. Sein nächstes großes Ziel ist der bevorstehende Weltmeisterschaftskampf in Singapur gegen den chinesischen Titelverteidiger Ding Liren.
Foto: John Brezina
Wer ist Gukesh?
Dommaraju Gukesh, so sein vollständiger Name, wurde am 29. Mai 2006 in Chennai, Indien, geboren. Als das Talent sichtbar wurde ging sein Vater, ein Arzt, mit seinem Sohn auf Reisen und förderte so die Karriere seines Sohnes. 2015 steht Gukesh als Candidate Master in den Titelbüchern und drei Jahre später war Gukesh bereits Internationaler Meister. Im Jahr 2019 folgte der Titel eines Großmeisters und war zu diesem Zeitpunkt der zweitjüngste Spieler, dem dies gelang. Mit seinen überragenden Rechenkünsten hat er sich schnell als Topgroßmeister etabliert und 2024 seinen endgültigen Durchbruch im Spitzenschach geschafft.
Gukesh 2019. Foto: Dariusz Gorzinski
Der eigene Weg – zunächst Verzicht auf Computerunterstützung
Auf Anraten seines langjährigen Trainers Vishnu Prassana verzichtete der Jungmeister lange Zeit auf den Einsatz von Computern und Schachengines bei der Vorbereitung und Analyse. Diese heutzutage eher ungewöhnliche Herangehensweise stärkte letztlich seine Rechenfähigkeiten und förderte seine Kreativität bei der Suche nach eigenen Lösungen. Gukesh gilt als der rechenstärkste Großmeister seiner Generation. Zudem hat diese Methode den positiven Nebeneffekt erzielt, dass Gukesh seinen Rechenfähigkeiten scheinbar uneingeschränkt vertraut. Selbstbewusstsein.
Gold bei der Schacholympiade. Foto: Nils Rohde
Rituale
In der Leichtathletik können die Zuschauer am Fernseher beobachten wie sich die Sportler auf anstehende Wettbewerbe innerlich vorbereiten. Die Sportlerinnen oder Sportler gehen dann häufig einen Hürden-Lauf oder Hochsprung beispielsweise vor dem geistigen Auge durch. Das gilt ebenfalls für Slalom-Skifahrer, die sich auf die Wendungen im anstehenden Rennen vorbereiten. Bei vielen Schachspielern ist das ähnlich, wobei hier natürlich die anstehenden Wendungen in einer Partie nicht vorweg genommen werden können. Viele Schachspieler folgen einem Ritual, um sich auf die Partie einzustimmen.
Budapest 2024. Foto: John Brezina
Bei der Schacholympiade in Budapest 2024 konnte man bei Gukesh jeden Tag den gleichen Ablauf beobachten: Nach der obligatorischen Kontrolle am Eingang, die inzwischen an Flughafenkontrollen erinnern, stürmte Gukesh zu seinem Brett. Er hatte offensichtlich keine Lust auf Smalltalk mit seinen Kolleginnen und Kollegen vor den Partien. Er war fokussiert auf die anstehende Partie. Ein Videofilmer von Chessbase India folgte Gukesh jeden Tag mit einem Abstand von ein bis zwei Metern und hatte Probleme dem Tempo von Gukesh zu folgen. Einmal am Brett begann der Inder sein tägliches Ritual, das man bei ihm vor jeder Partie beobachten kann. In Toronto hatte ich es vor jeder Runde beobachtet. Mit verschränkten Armen sitzt der Youngster am Brett, schließt die Augen, fokussiert sich auf die anstehende Aufgabe, vermutlich ist es eine Form der Meditation, die man vor den Partien bei Gukesh beobachten kann.
Sobald die Partie beginnt gibt es den obligatorischen Handschlag für den Gegner und dann kommen die vorbereiteten Züge auf das Brett. Mit dann offenen Augen spielt er seine Partien und steht eher selten vom Brett auf. Steht Gukesh länger sieht es meist gut für ihn aus. Nach einem längeren Endspiel gegen den Aseri Nijat Abasov beim Kandidatenturnier in Toronto beispielsweise beobachteten einige Zuschauer, dass Gukesh aufstand und sich reckte. In Jugendsprache, er „flexte“. Ein vermutlich unbewusstes Signal an den Gegner, dass die Sache entschieden ist.
Auch zum Partieende folgt ein Ritual. Zunächst unterschreibt er wie alle Spieler es müssen die Partieformulare, die dann von einem Schiedsrichter im Original eingesammelt werden. Der Inder falltet seinen Durchschlag akurat und steckt ihn ein. Danach bringt Gukesh das Brett in Ordnung. Er baut die Figuren auf, was nicht jeder Schachspieler macht und was auch nicht vorgeschrieben ist. Danach folgen eingespielte Handbewegungen und ein Tippen an die Stirn sowie auf den Schachtisch. Ein indischer Geschäftsmann und Sponsor von Gukesh bezeichnet das in Toronto im Gespräch als eine Respektsbekundung für das Spiel. Das scheint eine gute Interpretation zu sein.
Spielstil
Gukeshs Weg zur Spitze war von zahlreichen Erfolgen und einem stetigen Spielstärkeaufwuchs geprägt. Er war einer der aktivsten Spieler auf der Tour und nahm an vielen internationalen Open-Turnieren teil. Das war eine Notwendigkeit, um finanzielle Mittel zu generieren und weil Einladungen für Rundenturniere nicht reinkamen. Das stählt. Der Inder ist in der Regel nicht auf den schnellen Punkt aus, sondern er lernte durch Vermeiden von eigenen Fehlern viele Punkte einzusammeln. Insofern ist sein Spielstil vergleichbar mit dem von Spielern wie Magnus Carlsen oder Anatoly Karpov, um ganz oben ins Regal der Vergleiche zu greifen.
Foto: John Brezina
Supportsystem
Ich habe kein besonders ausgeprägtes Privatleben. Ich meine, mein ganzes Leben dreht sich um Schach. Um alles andere kümmern sich meine Eltern und mein Team. Mein einziger Job ist es, Schach zu spielen, das ist also ganz nett.
Gukesh in Singapur vor dem Match.
Gukesh wird gecoacht von dem 1985 geborenen polnischen Großmeister Grzegorz Gajewski. Die beiden arbeiten seit fast zwei Jahren zusammen. Das engere Team Gukesh scheint zu harmonieren. Spieler und Trainer wirken introvertiert, ruhig und bedächtig, aber wenn es um Schach geht, dann erwacht sofort die Leidenschaft und beide werden gesprächig. Der zweite Mann und ständige Reisebegleiter des jungen Inders kennt ihn schon etwas länger. Sein Vater, Rajini Kanth. Rajini ist Chirurg und hat seine Karriere aufgeben, um die Karriere seines einzigen Sohnes zu fördern. Während Gukesh meist viel Ruhe ausstrahlt, kann sein Vater die Nervosität kaum ablegen. Während der Pressekonferenz zum Auftakt folgten Gajewski und Rajini dem Geschehen: aufmerksam und vor allem ruhig, noch.
Foto: Maria Emelianova
Zum Team Gukesh gehört genau so seine Mutter, Padma. Sie ist Mikrobiologin und ist vor allem als Organisatorin zuständig. Gukesh und sein Vater waren die letzten Jahre oft längere Zeit unterwegs und die Familie kam nur eine Woche im Monat zusammen. Diese Entbehrungen, die offenbar nötig sind, um es in der Schachwelt ganz nach oben zu schaffen, zählen jetzt nicht mehr. Jetzt ist die Familie am Ziel. Gukesh spielt um die Weltmeisterschaft. Das ultimative Ziel ist nah.
Der bevorstehende WM Kampf in Singapur
Der Schach-Weltmeisterschaftskampf in Singapur wird mit klassischer Bedenkzeit ausgetragen und nicht nur in Indien herbeigesehnt. Für Gukesh ist dies seine erste Gelegenheit erneut echte Schachhistorie zu schreiben. Bei seinem Sieg im Kandidatenturnier in Toronto überzeugte der siebzehnjährige Inder bereits das Fachpublikum und bei der Schacholympiade in Budapest erzielte Gukesh eines der besten Einzelergebnisse der Schachgeschichte. Mit neun Punkten aus zehn Partien gewann Gukesh nicht nur ein individuelle Goldmedaille wie zwei Jahre zuvor am ersten Brett. Diesmal blieb der Youngster ungeschlagen und konnte mit dem Chinesen Wei Yi und dem US-Amerikaner Fabiano Caruana zwei schachliche Schwergewichte besiegen. Gukesh geht als die Nummer Fünf in der Welt ins Rennen um den WM-Titel.
Vorbereitung
In Vorbereitung auf den Kampf in Singapur absolviert Gukesh wie vor dem Kandidatenturnier in Toronto ein intensives Trainingsprogramm mit seinem Team. Er arbeitet mit einigen erfahrenen Spieler zusammen. Das Team ist im Vorfeld der Weltmeisterschaft natürlich nicht bekannt, man will dem gegnerischen Team keine wertvollen Informationen geben. Lediglich war sein Headcoach Grzegorz Gajewski gesetzt. In einem Interview im Vorfeld der Weltmeisterschaft sagte Gukesh: “Was mein Team betrifft, kann ich sagen, dass Gajewski mein Trainer für das Match sein wird, aber darüber hinaus kann ich nicht viel verraten.“ In solchen Trainingscamps wird nicht nur Schach gespielt und Eröffnungsvorbereitung betrieben. Von Gukesh ist bekannt, dass er mit Gajewski gerne und regelmäßig Tennis spielt.
Matchstrategie
Es ist nicht zu erwarten, dass Gukesh seine sehr geduldige Spielstrategie ändert und übermäßig aggressiv zu Werke geht. Das würde auch nicht zu seiner Person passen. Gukesh ist für sein Alter bereits ein sehr reflektierter junger Mann, der in Interviews seine Worte mit Bedacht wählt. Gukesh liest gerne Sportlerbiographien und sucht so bei anderen erfolgreichen Sportlern Inspirationen. Im Vorfeld wurde jetzt bekannt, dass Gukesh mit einem Mental-Coach zusammengearbeitet hat, der vor allem indische Cricketsportler gecoacht hat. In einem Interview mit Sagar Shah für Chessbase India erfährt man mehr über den geborenen Südafrikaner Paddy Upton. Er erläutert seinen Zugang zu einem Spiel, das neu für ihn war. Schach unterscheidet sich laut Upton aus seiner Sicht von den anderen 19 Sportarten in denen er vorher Leistungssportler gecoacht hat. Schach findet nur im Gehirn statt, anders als bei anderen Sportarten bei denen es letztlich um körperliche Fähigkeiten geht. Homepage Paddy Upton
Favoritenrolle für den Herausforderer
Dommaraju Gukesh überzeugte nicht nur beim Kandidatenturnier in Toronto, sondern ebenfalls im September 2024 am ersten Brett des indischen Teams bei der Schacholympiade in Budapest. Seine herausragende Leistung unterstrich seine gute Form im Vorfeld des bevorstehenden WM-Kampfes in Singapur. Gukesh gewann nicht nur individuelles Gold am ersten Brett, sondern die indische Mannschaft gewann souverän das wichtigste Teamevent im Schach. Aber Gukesh hat bereits mehrfach in Interviews erwähnt, dass er sich nicht auf einen Gegner außer Form vorbereitet, sondern einen starken Gegner erwartet.
Es wird ein Massaker.
Arjun Erigaisi, indischer Schachgroßmeister.
Es gibt nur zwei vernünftige Vorhersagen. Es wird knapp oder Gukesh wird mit deutlichem Vorsprung gewinnen. Die meisten haben auf beide Möglichkeiten gesetzt. Ich werde nicht feige sein und sage einen klaren Sieg mit +2 oder +3 für Gukesh voraus, der sich nie wie ein Wettkampf anfühlt. Ich erwarte auch, dass Ding nach dem Spiel zurücktritt, falls er verliert. Es ist traurig zu sehen, wie ein Mann so sehr darum kämpft, dass seine Träume wahr werden.
Jacob Aagaard, dänischer Schachgroßmeister, Trainer und Verleger.
Wie groß ist der Druck, der auf dem Teenager lastet?
Gefragt nach dem Druck vor dem Wettkampf sagte Gukesh: Es ist immer ein Privileg, für Indien auf so hohem Niveau zu spielen, und ich genieße diese Erfahrung. Ich denke, dass ich mit Druck vor allem durch Erfahrung umgehen kann. Ich habe schon in vielen Situationen mit hohem Druck gespielt, wenn auch nicht bei einer Weltmeisterschaft, natürlich. Aber ich freue mich auf die neue Erfahrung.
Quelle: Take Take Take via Youtube.
Pressekonferenz vor dem Match
Gukesh zeigte sich glücklich in Singapur zu sein, zumal er einen WM-Kampf herbeisehne, seit er mit dem Schachspielen begonnen hat. Er habe alle Chancen der Welt, wenn er weiterhin gutes Schach spiele und in jeder Partie die beste Version seiner selbst zeige.
„Ich bin sicherlich etwas nervös, aber ich fühle mich gut dabei. Der einzige Gedanke, den ich habe, ist, mein Bestes zu geben und zu sehen, was passiert. Es ist eine Ehre und ein Privileg für mich, für Indien bei irgendeiner Veranstaltung zu spielen, besonders bei einer Veranstaltung wie der Olympiade oder der Weltmeisterschaft. Es ist ein so großes Ereignis, mein Land zu vertreten und die Hoffnungen der Inder zu tragen: Das ist eine Ehre für mich. Ich nehme das sehr ernst. Ich werde gegen Ding Liren antreten, der seit mehr als einem Jahrzehnt zu den besten Spielern der Welt gehört.
Divya Deshmukh ist eine der talentiertesten jungen Schachspielerinnen Indiens. Schon früh zeigte sie außergewöhnliche Fähigkeiten und machte sich in der internationalen Schachszene einen Namen. Mit großem Talent und einem Ehrgeiz, der kaum zu bremsen ist, hat Divya bereits als Kind und Teenager Titel gewonnen.
Kaum eine andere Schachspielerin sammelt internationale Erfolge wie die am 9. Dezember 2005 geborene Inderin Divya Deshmukh. Nach zahlreichen nationalen und internationalen Titeln im Kindesalter ist der Teenager aus Nagpur, einer Stadt im zentralindischen Bundesstaat Maharashtra, im Jahr 2024 zu einem internationalen Superstar im Schach aufgestiegen.
Viele Schachspieler folgen einem Ritual zu Beginn und manche sogar nach dem Ende jeder Partie. Nach ihren Schachpartien unterschreibt Divya Deshmukh in Budapest die Partieformulare und baut die Figuren wieder in der Grundstellung auf. Immer. Lediglich die Könige werden in der Mitte positioniert, um zunächst der Elektronik und damit der Schachwelt das Ergebnis der Partie mitzuteilen. Nicht jeder Schachspieler ist so gut erzogen wie Divya. Das Aufbauen der Figuren bezeugt vor allem Respekt gegenüber dem Spiel. Ähnlich verhält sich ein anderer indischer Superstar, Gukesh, der sogar noch eine Art Bekreuzigungsritual anfügt.
Frühe Erfolge im Mädchenschach
Divya begann mit fünfeinhalb Jahren das Schachspiel. Zunächst wollte sie vor allem ihren Vater im Schach besiegen, also eine recht typische Motivation unter Schachspielern. Früh stellten sich erste Erfolge ein und oft war Divya die Erste, die bestimmte Leistungen erreichte. Beispielsweise war die Inderin die erste Frauen-Fidemeisterin im Alter von sieben Jahren. 2014 gewann Divya im südafrikanischen Durban die U10-Weltmeisterschaft der Mädchen und in 2017 folgte im brasilianische Poços de Caldas der WM-Titel in der Altersklasse U12. Im April 2019 gelang es Divya erstmals eine Ratingzahl von über 2400 Punkten zu erzielen, das repräsentiert einen Spielstärkelevel, der für das Erringen des zweithöchsten Titels im Schach, dem Titel eines Internationalen Meisters, notwendig ist. Dieses hohe Spielniveau konnte Divya zunächst nicht halten und ging mit einer Wertzahl von 2305 Punkten in die pandemiebedingte Zwangspause.
Partieende durch Stromausfall
2020 spielte Divya mit 14 Jahren für Indien am Frauenbrett bei der online ausgetragenen Schacholympiade, die mit gemischten Sechserteams ausgetragen wurde. Angeführt wurde das Team vom fünfmaligen Weltmeister Viswanathan Anand. Divya wurde für beide Finalpartien am Frauenbrett eingesetzt und bestand gegen die damals deutlich höher eingeschätzte Russin Polina Shuvalova. Die erste Partie endete Remis und dann in der zweiten Partie passierte aus indischer Sicht ein Drama. Es gab einen Stromausfall. Fans sahen auf dem Brett von Divya die folgende Situation.
Finale Online-Schacholympiade Divya Deshmukh – Polina Shuvalova nach 25….Kg8
Shuvalova ist komplett überspielt und hat kein Gegenspiel, da sie am Damenflügel unvorsichtig agiert hat. Gegen den heraufziehenden weißen Angriff am Königsflügel gibt es keine ausreichende Verteidigung mehr. Die Inderin wollte hier mit 26.Th2 fortsetzen Aber: Divya verlor offiziell zunächst ihre Partie, da jegliche Übertragungsfehler dem betroffenen Team angerechnet werden. Divya weinte vor laufender Kamera, fand aber wieder die Fassung. Der Leitungsausfall betraf allerdings nicht nur drei Partien der Inder an ihrem Spielort, sondern ein ganzer Kontinent war abgehängt. Der Weltschachbund fand ein nicht unumstrittenes gleichwohl salomonisches Urteil, beide Teams, Russland und Indien, wurden zu Goldmedaillengewinnern ausgerufen.
Bei der Schacholympiade 2022 in Chennai (Indien) gewann die damals 16-jährige Divya mit sieben Punkten aus neun Partien die Bronzemedaille am Reservebrett. Sie nannte diesen Erfolg zunächst „surreal“. Divya spielte für das zweite indische Team. Am ersten Brett von Indien B spielte Vantika Agrawal, die 7,5 aus elf Partien holte, ebenfalls ihre Mannschaftskameradin in Budapest 2024. Das zweite indische Team landete auf dem achten Platz. In der offenen Klasse sorgte ebenfalls Indien B für Aufregung und landete letztlich auf dem dritten Platz, einen Platz vor der ersten indischen Mannschaft.
(Foto: Lennart Ootes for Fide Chess)
2023 – überraschender Turniersieg als Ersatzspielerin
Erfolgreiche Sportler unterschiedlicher Disziplinen berichten immer wieder darüber. Es gibt Momente, die scheinbar einen Schalter umlegen und Sportlern einen Schub in ihren Karrieren verleihen. Vielleicht war der 2. September 2023 solch ein Tag in der Karriere von Divya Deshmukh. In der indischen Nationalbibliothek Bhasha Bhawan in Kalkutta gewann Divya das Tata Steel Frauen Schnellschachturnier vor der Favoritin und Weltmeisterin Ju Wenjun aus China. Dabei war die 17-jährige Inderin für das Turnier gar nicht vorgesehen. Divya sprang kurzfristig ein, da ihre Landsfrau Vaishali aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen konnte. Divya war ohnehin gut in Form und hatte im Monat zuvor bei einem Openturnier in Abu Dhabi, also in den Vereinigten Arabischen Emiraten, ihren Titel als Internationaler Meister klar gemacht.
Foto: John Brezina
Von Beginn an lief es gut für Divya, die mit der geringsten Elozahl im Feld und damit als krasse Außenseiterin startete. Nach einem Auftaktsieg gegen Harika Dronavalli und einem Unentschieden gegen die Weltmeisterin gab es scheinbar kein Halten mehr und nach fünf Siegen und zwei Remis in den ersten sieben Runden legte die Inderin ordentlich vor. Gegen die unter neutraler Flagge teilnehmende Russin Polina Shuvalova verlor Divya dann in der achten Runde nach einem unnötigen Bauernopfer, das ihre Gegnerin geschickt nutzte. Der Turniersieg schien in Gefahr, zumal Ju Wenjun zur Inderin aufschließen konnte. Divya musste mit Schwarz erstmals gegen die indische Spitzenspielerin Koneru Humpy ran und die Chinesin hatte Weiß gegen die Ukrainerin Anna Ushenina, die scheinbar einfachere Aufgabe. Dann wurde jüngere indische Schachgeschichte geschrieben und Divya erzielte ihren ersten größeren Erfolg bei den Frauen.
Humpy – Divya Tata Steel Rapid Kalkutta – Diagramm nach 39.Le2 von Weiß
Divya erkannte in dieser Stellung, dass sie eine taktische Chance hatte. Nach einem Rechenfehler ihrer Gegnerin streute die junge Inderin einen Zwischenzug ein, gewann die Partie und das Turnier. Ihr erster großer Erfolg im Frauenschach.
Pressekonferenz der Siegerinnen. Tata Steel India Rapid 2023.
Medaillen sammeln als Hobby
Divya sammelte, Stand Oktober 2024, bereits 23 Goldmedaillen bei 40 internationalen Events für Indien ein. Die Zahl der nationalen Titel kennt sie nicht einmal selbst. International ragen ihre drei Weltmeistertitel der Frauentitel in Asien 2023 heraus. Im Mai 2024 gewann Divya das Sharjah Challenger Turnier, ein Mixed-Event. Es fehlten ihr 16 Punkte bei der Performance und ein Gegner mit einem Großmeistertitel zu ihrer ersten GM-Norm. Im Monat danach gewann die Inderin in Gandhinagar, der Hauptstadt im indischen Bundesstaat Gujarat, die Weltmeisterschaft der Juniorinnen mit zehn von elf möglichen Punkten. Sie war haushohe Favoritin, aber diesem Druck, zumal im eigenen Land, muss man erst einmal standhalten. Es gelang der Inderin überzeugend. Im August 2024 übernahm Divya erstmals die Spitzenposition in der Weltrangliste der Juniorinnen. Im September kamen zwei Goldmedaillen bei der Schacholympiade hinzu im Team und am dritten Brett. Die gemischte Teamwertung nach der Schachlegende Nona Gaprindashvili benannt, gewann Indien ebenfalls. Ihre Elozahl schraubte die Inderin von 2420 im Januar 2024 auf 2490 in der Dezemberliste
Divya und ihre Mutter. Fide Chess GP Shymkent Foto: Konstantin Chalabov (Fide Chess)
Trotz harten Schachtrainings seit ihrer Kindheit absolvierte Divya ihre Schulprüfungen und in 2024 kamen ihre Examina in der Oberprimarstufe 12 hinzu. Ihre Eltern sind Doktoren, was in Indien kein seltener Background bei Schacheltern zu sein scheint. Ihre Mutter Namratha gab ihren Job auf als Divya etwa fünf Jahre alt war, um die Schachkarriere ihrer jüngsten Tochter zu fördern, als Chess Mom. Sie begleitete seither meist ihre Tochter. Divya wurde von der Schule ebenfalls unterstützt, indem ihre Ausfallzeiten für die Teilnahme an Schachturnieren und Trainings toleriert wurde. In einer Frühphase ihrer Karriere war Divya jeden Monat für eine Woche in Chennai in der Schachakademie von Ramesh RB und seiner Frau Aarthie Ramaswamy. Mit 14 Jahren sagte Divya in einem Interview mit Sagar Shah, dem Gründer von Chessbase India, dass ihre Karriereplanung wie die von Hou Yifan aussieht: Zunächst will sie Weltmeisterin werden und dann ein Studium starten.
Die Entscheidung über die Vergabe der Goldmedaille bei der Schacholympiade in Chennai fiel in einer Partie: im Duell zwischen dem Inder Gukesh und dem Usbeken Nodirbek Abdusattorov. Der 16-jährige Inder stand nach der Eröffnung besser und schließlich auf Gewinn. Doch dann glitt Gukesh die Partie nach und nach aus den Händen und Usbekistan gewann in der Folge die Goldmedaille und das indische B-Team landete auf dem dritten Platz.
Anatomie eines schachlichen Unfalls
Chennai. In der zehnten Runde kam es bei der 44. Schacholympiade 2022 zum Kampf der zwei Überraschungsmannschaften. Die Youngster von Indien 2 spielten endlich gegen Usbekistan. Die Usbeken lagen zu diesem Zeitpunkt mit einem Matchpunkt vorne. Damit war klar, dass dieser Wettkampf eine Vorentscheidung für die Goldmedaille in der offenen Klasse bringen würde. Es lief zunächst hervorragend für die Inder, die mit Schwarz zwei Remis erreichten. Kurz vor der Zeitkontrolle war klar, dass Praggnanandhaa, Pragg, seine Partie gegen Sindarov gewinnen würde. Am ersten Brett spielten die zwei überragenden Spieler am Spitzenbrett gegeneinander. Gukesh für Indien und Nodirbek Abdusattorov für Usbekistan.
Der Verlauf der Partie ist einfach erzählt: Gukesh hatte erneut einen hervorragenden Tag erwischt. Nodirbek stand hinten drin und nach 32 Zügen sah es nach einem klaren Sieg für Indien aus. Gukesh musterhafte Partieführung hatte zu der folgenden Stellung geführt.
Der Bauer auf c5 geht verloren und die einzige Aufgabe von Weiß besteht darin, das Eindringen der gegnerischen Dame zu verhindern. Gukesh kann den Bauern hier schlagen, aber sein Zug mit dem f-Bauern von f2 nach f3 ist ebenfalls bestens geeignet. Der Usbeke weiß nicht wie er überhaupt weiterspielen soll, zieht seine Dame nach d6 und nimmt das Feld g3 ins Visier. Nach diesem Zug kann der Inder mit dem Springer auf c5 nehmen, den Läufer angreifen und mit dem Springer zurück nach d3 ziehen. Es kann nicht mehr lange dauern und Indien jubelt, denkt man.
Statt den Bauern auf c5 zu schlagen spielt Gukesh zunächst seinen König nach f1, vermutlich um mit seinem König von e2 oder e1 das Eindringen auf der eigenen Grundreihe zu verhindern und erst dann auf c5 mit dem Springer, oder mit einem König auf e2 mit der Dame auf c5 zu nehmen. Diese Methode wirkt etwas umständlich, sollte aber ebenfalls funktionieren.
Zeitkontrolle geschafft. Weiß steht klar auf Gewinn. Der Usbeke hatte seinen Läufer kurzzeitig auf f5 eingesetzt und Gukesh den a-Bauern gegen den e-Bauern seines Gegners getauscht. Aber erstmals stört eine gegnerische Drohung, wäre Schwarz hier am Zuge, er würde ein Schach auf g1 geben. Gukesh wehrt mit einem Springerzug nach c5 die Drohung seines Gegners ab und arbeitet weiter an der Verwertung seines Vorteils. Dennoch ahnt man als erfahrener Spieler, dass der weiße König langfristig ein sicheres Versteck benötigt, um gegnerischen Schachgeboten auszuweichen. Nach dem Springerzug nach c5 und Zug der gegnerischen Dame nach a5, antwortet Gukesh hier mit dem Zug seines Königs nach d1. Erstmals bekommt man als Beobachter kleine Zweifel an einem zweiten Sieg heute für Indien. Der König wäre gefühlt auf h2 sicherer, besser dorthin unterwegs und würde nebenbei den eigenen Bauern auf g2 verteidigen. Aber Gukesh ist ein hervorragender Rechner und wird schon wissen was er macht, beruhigen sich erstmals zweifelnde Beobachter.
Einzig die weiße Königsstellung ohne Schutz gibt Schwarz hier noch etwas Hoffnung auf ein Remis. Aber der weiße König steht auf c2 so postiert, dass der gegnerischen Dame auf der d-Linie keine Einbruchsfelder verbleiben. Läuft gut. Der nächste Zug von Gukesh überrascht, verblüfft, erschreckt den Zuschauer. Es ist der erste Zug ohne erkennbaren, nachvollziehbaren Hintergrund in dieser Partie, vermutlich in diesem Turnier. Der Inder zieht seinen König nach b2. Stand dieser König nicht auf c2 besser? Teamkollege Praggnanandhaa am Nebenbrett kennt die entscheidende Hürde in seinem Endspiel mit Turm und h-Bauer gegen Läufer offensichtlich und insofern wäre ein Unentschieden kein großer Verlust. Beruhigungspillen.
Einige Züge später sieht die Situation auf dem Brett so aus.
Die gegnerische Dame ist auf g1 eingedrungen und Weiß kann hier seine Dame erneut nach c2 ziehen und Nodirbek bleibt vermutlich nichts anderes als mit dem Damenzug nach c5 und nach erneutem Seitenstep der Dame nach d2 den Gegner zu fragen, ob er nach Damenzug nach g1 weiterzuspielen gedenkt. Falls er das will, weil er muss, kann Gukesh und damit Indien einen kleinen Erfolg melden. Die angedrohte Stellungswiederholung wäre in jedem Fall eine sichere Testmethode, die nichts kostet. Gukesh versucht es nicht einmal, sondern zieht seinen König nach c2. Das ist typisch für die junge Generation, aber kritikwürdig. Peter Svidler versteht es nicht und die Fans von Indien müssen weiter zittern, denn die Partie geht weiter in objektiv etwa gleicher Stellung. Es kam dann wie es häufig kommt in solchen Situationen Gukesh verlor nach einem groben Fehler.
Das Drama
Gukesh verschmähte das wahrscheinliche Remis und wird vom amtierenden Schnellschachweltmeister aus Usbekistan zunächst gekontert. Die Bewertung schwappt hin und her zwischen Ausgleich und Vorteil für Nodirbek. Bis dann der plötzliche Tod durch ein grobes Versehen eintritt. Gukesh sackt in sich zusammen.
Lennart Ootes (FIDE Chess)
Die Fotos fangen eine für das Schachspiel typische Situation ein, einem Spieler unterläuft ein grober Fehler, und man weiß weder als Betroffener noch als Glückspilz wie man reagieren soll. Gukesh fällt in sich zusammen, lässt seine Bedenkzeit ablaufen und bleibt zunächst konsterniert sitzen. Der Usbeke ist ebenfalls erkennbar geschockt über die Situation, vermutlich fühlt der Usbeke einen kurzen Moment mit seinem Gegner mit. Ein Lächeln kann ihm erst sein Team-Captain Ivan Sokolov aufs Gesicht zaubern.
Lennart Ootes (FIDE Chess)Lennart Ootes (FIDE Chess)
Solche Situationen kommen vor im Schach, oft. Selten ist der Einsatz allerdings so hoch wie hier. Vergleichbar ist diese Wucht der Emotion für die Beteiligten vermutlich nur mit einem Weltmeisterschaftskampf oder einer finalen Runde in einem Kandidatenturnier oder einer WM-Partie.
Über den Tag hinaus
Gukesh wird einen Tag später sagen, dass seine Entscheidung unverantwortlich war. Tatsächlich ist dies der Kippmoment dieses Turniers, welcher Indien die Goldmedallie gekostet haben könnte, wobei man so nicht argumentieren darf in der Retrospektive, aber es fühlt sich so an. Vishy Anand erklärt die Situation ausführlich in seiner täglichen Kolumne zur Schacholympiade im The Hindu. (Kolumne von Anand) Gukesh habe auf Autopilot geschaltet und bekam den bisherigen Verlauf der Partie bei einer objektiven Bewertung nicht mehr aus dem Kopf. Aufmunternd schreibt er, dass das ihm selbst schon öfters passiert sei. Er, Anand, habe auf das Unentschieden gehofft, denn es komme unweigerlich sonst ein Punkt ohne Umkehr. Später wurde bekannt, dass Anand nachts im Hotel bei Gukesh vorbei schaute und mit ihm ein längeres Gespräch führte. Gukesh trat am nächsten Tag an und remisierte problemlos mit der deutschen Nummer 1 Vincent Keymer. Die zweite indische Mannschaft gewann souverän mit drei zu eins Punkten. Gukesh gewann die Goldmedaille am ersten Brett. Sicher kein Trost.
Maria Emelianova Chess.com
Bei der Siegerpressekonferenz der Schacholympiade in Budapest 2024 – diesmal gewann Indien Gold – wird Gukesh nach dieser einen Partie, der Entscheidungspartie 2022, gefragt. Die verpasste Chance wurmte den Inder offenbar noch immer. Gukesh formulierte es so:
Ich musste eine Schuld begleichen.
Gukesh in Budapest 2024.
Dieser Text wurde erstmals am 09.08.2022 bei Chessbase veröffentlicht. Leichte Änderungen und Ergänzungen.
Selbst in Turnierpartien kommen immer wieder Fehler vor, die kaum jemand erklären kann. Ein aktueller Vorfall und eine Warnung.
Von Thorsten Cmiel
In meiner Jugend war ich von einem Bild in einem Comic fasziniert, das eine Unmöglichkeit zeigt: Lucky Luke. „Der Mann, der schneller zieht als sein Schatten.“ Lucky Luke ist die weltberühmte Cowboy-Titelfigur einer belgischen Comic-Serie des Zeichners Maurice De Bevere alias Morris, die 1946 erstmals erschien.
Adaptiert man dieses Gedankenbild für das Schachspiel, dann kommt es zu einer etwas anderen Nuancierung. Seit einiger Zeit hat sich insbesondere im englischen Sprachraum das Bild von „Handzügen“ verfestigt. Gemeint ist, dass es Situationen gibt in denen die Finger einen scheinbar natürlichen Zug ausführen wollen und es dann tatsächlich tun, obwohl die Idee noch gar nicht richtig durchdacht ist. Das ist beim Schach natürlich eine nicht unerhebliche Fehlerquelle. Anmerkung: Manche Trainer und Spieler formulieren etwas nachlässiger und meinen Züge, die so einfach sind, dass sie kein Nachdenken erfordern.
Das Vorspiel
Wenige Tage zuvor hatte der Usbeke in einer Remis-Stellung gegen Ian Nepomniachtchi noch rumgealbert mit seinem Springer. das fanden einige Fans und Moderatoren cool. In Wirklichkeit zeigt das Video einen Mangel an Professionalität und einen Anflug an Überheblichkeit.
In der Partie der achten Runde des Masters im usbekischen Tashkent ist es dem Turnierfavoriten Nodirbek Abdusattorov nicht gelungen, eine mehr als ausgeglichene Stellung gegen den griechischen Großmeister Nikolas Theodorou herauszuholen. Dann passierte in der folgenden Stellung dem Usbeken ein Unfall auf dem Schachbrett, der eine Art Vorgänger hat.
Mit seinem letzten Zug hatte der Grieche seinen König von h4 nach g3 gezogen und damit den schwarzen Turm attackiert. Abdusattorov schrieb den Zug auf und wollte seinen König nach d5 ziehen. Dann bemerkte er sein Malheur. Sein Gegner hatte nicht wie erwartet auf g6 mit dem Turm ein weiteres Schach geboten, sondern zunächst den gegnerischen Turm auf f2 attackiert. Nodirbek reagierte also auf den falschen Zug. Dieser Aussetzer kostet den Usbeken etwa fünf Ratingpunkte und möglicherweise die Top-Position im usbekischen Team bei der heimischen Schach-Olympiade.
Die Turnierregeln besagen, dass man eine Figur, die man mit der Absicht sie zu ziehen berührt hat auch ziehen muss. Da der Usbeke keine Ausrede mehr hatte – er konnte mit dem König den Turm nicht angreifen beispielsweise – und den König ziehen musste, ging in der Konsequenz ein ganzer Turm verloren. Nodirbek gab nach einigen Augenblicken auf.
Der Shankland-Unfall
Bei der Schacholympiade 2022 in Chennai ist neben der Entscheidungspartie von Gukesh und Nodirbek Abdusattorov vor allem eine Szene in Erinnerung geblieben, die eine Ähnlichkeit mit dem aktuellen Fall hatte und die US-Amerikaner letztlich zurückwarf im Rennen um die Goldmedaille.
Der Armenier Robert Hovhannisyan überlegte an seinem Zug mit Schwarz. Der wahrscheinlichste Zug ist hier das Schachgebot mit der schwarzen Dame auf h1. Gegen den Zug musste sich der US-Amerikaner Sam Shankland vorbereiten. Er war allerdings zu sehr im Tunnel und bemerkte ein winziges Detail nicht.
Wie man solch eine Situation vermeidet
Manche Trainer empfehlen ihren Schützlingen sich auf die eigenen Hände zu setzen. Vielleicht kein schlechter Rat. Im Turnierschach kann vermutlich jeder Spieler in seiner Karriere über mehrere solcher „Fingerfehler“ berichten. Bei Großmeistern und in Turnierpartien mit klassischer Bedenkzeit sind solche Aussetzer natürlich seltener und werden heutzutage zumindest in wichtigen Turnieren auf Video festgehalten.
Die Chess-Classics in Bad Neuenahr sahen zwei klare Sieger. Zum einen gewann der Lokalmatador Gottfried Schumacher die Nestorenklasse und zum anderen siegte Thorsten Cmiel bei den Jungsenioren ebenfalls mit einem Vorsprung. In der mittleren Altersklasse kam es zu einer Entscheidung nach Wertung, die Stephan Buchal aus Bremen vorne sah.
Von Thorsten Cmiel
Tippi Toppi. Ich lernte dieses kooperative Kartenspiel zwei Tage vor Schluss des Turniers kennen und fand zwei Norddeutsche – ich komme selbst ursprünglich aus Kiel -, die mir das Spiel beibrachten und mich mitmachen ließen. Man versucht dabei gemeinsam Aufgaben zu lösen und darf in Grenzen untereinander Informationen austauschen. Das hat überraschend viel Spaß gemacht, ich hielt mich nämlich für den typischen Wettkampf-Typ, der wettbewerbliche Spiele bevorzugt. Tippi Toppi war jedenfalls eine nette Abwechslung von dem Geschehen auf dem Schachbrett und auch gemeinsam kann man sich über das Erreichen von Spiel-Zielen freuen.
Aber im Mittelpunkt in Bad Neuenahr 2026 stand natürlich das Geschehen auf dem Schachbrett und da passierte Einiges. Vieles davon bleibt leider im Verborgenen, wird aber in Geschichten der Spieler sicherlich weiterleben. Meine Geschichten erzähle ich ich gelegentlich hier. Es gab keine Übertragungen der Partien, daher beschäftigt sich dieser Beitrag vermutlich nicht mit den echten Highlights des Events, sondern mit eigenen Partien und was ich so gesehen habe beim Kiebitzen. Einige Partie konnte ich für diesen Blogbeitrag nach Ende des Turniers erfassen, um darüber genauer berichten zu können.
Nestorenklasse (75+)
Gottfried Schumacher war knapp am Triple-Triumph dran. Das Blitzturnier über alle Altersklassen gewann der ungenannte Favorit, der sich immer emsig bemüht, Turniere nach Bad Neuenahr zu holen. Beim Schnellschachturnier, ebenfalls in einem gemeinsamen Turnier gespielt, reichte es diesmal nur für den zweiten Platz. So hat Schumacher im nächsten Jahr noch eine Motivation es ebenfalls in Bad Neuenahr besser zu machen. Schumacher gewann die Nestoren-Klasse mit überzeugenden acht Punkten aus neun Partien und einem deutlichen Vorsprung.
Das Glück ist mit den Tüchtigen. Durch zwei schnelle Siege in den Schlussrunden konnte Gottfried Schumacher zwei recht einfache Punkte einfahren. Das schmälert nicht seine Leistung, sondern sagt etwas über den subjektiv empfundenen Gewinndruck aus, dem seine Gegner in den Schlussrunden offenbar nicht standhalten konnten.
Georg Haubt hatte in dieser Schlussrundenpartie mit Weiß ein frühes Remis-Angebot von Gottfried Schumacher abgelehnt und fand sich mit Weiß in dieser Stellung wieder. Es droht offenkundig ein Springerschach auf d3. Was also tun?
Lösung
Georg Haubt hatte jedenfalls einen schlechten Tag und wehrte die Hauptdrohung des Schachgebots mit dem Springer ab, folgte seinem Angriffsplan, übersah jedoch eine Nebendrohung. Weiß kann zum Beispiel kurz rochieren oder seinen Springer nach d4 beordern. Dann bekommt die eigenen Dame wieder Zugang zu mehr Feldern. Stattdessen folgte die lange Rochade und nach dem Springerzug nach e4 ging bereits schweres Material verloren.
Blick in den Spielsaal: 75+
Die jüngeren Altersgruppen (50+ und 65+)
In der Altersgruppe der Jungsenioren (50+) gewann Thorsten Cmiel, also der Schreiber dieses Blogs, mit sieben Punkten vor Volker Gassmann (Essen-Katernberg) und Peter Jahn (Husum) mit jeweils sechs Punkten. In der insgesamt größten und am stärksten besetzten Gruppe (65+) sicherte sich Stephan Buchal (Bremen) vor Professor Friedbert Prüfer (Taucha) den Turniersieg mit ebenfalls sieben Zählern. Dritter wurde Gernot Klein aus Aachen.
In der siebten Runde hatte ich recht zügig gewonnen und etwas mehr Zeit, um die Begegnungen der mittelalten Gruppe zu beobachten. Der Zufall wollte, dass ich zwei für das Endergebnis wichtige Partien beobachten durfte. Dabei war folgendes Mittelspiel in dem es mehrfach zu einer Art Führungswechsel in der Bewertung kam. Beide Spieler hatten ihre guten Phasen und am Ende wäre vielleicht ein Unentschieden gerecht gewesen. Aber darum geht es im Turnierschach natürlich nicht. Es gewinnt immer der Spieler mit dem vorletzten Fehler.
Hier steht der Schwarze, Rene Duchene, vor seinem 30. Zug. Wie sollte er am besten fortsetzen?
Beide Spieler hatten zunächst nicht optimal fortgesetzt. Erneut ist Schwarz dran, wie man an der Markierung des Diagramms erkennt. Was nun?
Diesmal ist Friedbert Prüfer mit Weiß am Zuge. Sein Gegner hat einen scheinbar mächtigen Angriff. Wie sollte Weiß hier warum weiterspielen?
Weiß kann diese Stellung nicht überleben, oder? Wie sollte Schwarz hier seinen Angriff am besten fortsetzen?
Bis hierhin ist noch Einiges mehr passiert als in den Diagrammen angedeutet. Ich empfehle diese spannende Partiephase komplett durchzuspielen. Es lohnt sich. Hier ist jetzt Schwarz am Zuge und sollte wie fortsetzen? Was ist von dem Zug 58….f5 zu halten? Welche Alternativen kommen in Betracht? Alle Lösungshinweise der vorherigen Diagramme finden sich in der ausführlichen Partieanalyse direkt unter diesem Diagramm.
Blick in den Spielsaal: 65+
Blick in den Spielsaal: 50+
Eigene Partien und Momente
Beginnen wir mit meiner Partie aus der dritten Runde, die letztlich für den Turniersieg in der Gruppe der Jungsenioren mitentscheidend sein würde. Mein Gegner Volker Gassmann aus Essen-Katernberg hatte irgendetwas falsch gemacht in der Eröffnung und es kam zu folgender interessanter Stellung mit viel Material und einer starken Dame-Läufer-Batterie auf der langen Diagonalen.
Zuletzt hatte mein Gegner seine Dame von d8 nach d7 gezogen. Damit reagierte er auf die potentielle Drohung des g-Bauern-Vormarsches. Das war eigentlich in dieser Partie der erste Moment in dem ich etwas nachdenken musste und ich scheiterte. Was sollte Weiß hier am besten warum folgen lassen?
Lösung (Hier Klicken)
Ich hatte meinem Gegner Remis angeboten, da die Stellung mir wenig Hoffnung für beide Seiten zu bieten schien. In der Tat ist die Partie nach dem 26. Zug von Weiß inzwischen komplett ausgeglichen. Mein Gegner entschied sich für den Damentausch via c8 und lehnte ab. Das entstehende Turmendspiel bietet potentiell Weiß die Chance einen entfernten Freibauern zu schaffen und sollte damit wenig Probleme beinhalten. Tatsächlich war die folgende Partiephase für beide Spieler sehr intensiv. Der maschinelle Juror war lange Zeit zufrieden mit dem weiteren Spielverlauf.
Das ist die Stellung nach dem Kontrollzug und Weiß steht inzwischen keinesfalls schlechter. Sein Turm wird nach dem Schachgebot auf der sechsten Reihe erscheinen und den Bauern f7 verteidigen, den schwarzen Turm von der f-Linie vertreiben und sich dem gegnerischen b-Bauern widmen. Turmendspiele haben jedoch die Tendenz viel auszuhalten und insofern war das Remis eigentlich eine Frage weiterer Tauschaktionen.
15 Züge später hatten wir diese Stellung auf dem Brett und mein maschineller Helfer spricht vermutlich aus Langeweile bereits von einem tödlichen Remis („deadly draw“). Das ist vielleicht so wenn man eine Tablebase, also ein perfektes Spiel zugeschaltet hat. In Wirklichkeit werden in der Praxis viele Turnierpartien erst genau in dieser Phase mit zwei gegen einen Bauern im Turmendspiel entschieden. Das hatte ich vor einiger Zeit für das Chessbase-Magazin in einer umfassenden Datenrecherche herausgefunden. In der Praxis hält sich dennoch die scheinbare Weisheit vieler Trainer, dass Turmendspiele mit 4 gegen 3 Bauern mehr Chancen bieten als mit reduzierter Bauernzahl. Das ist datenbasiert falsch. Während es mit mehr Bauern oft gar nicht möglich ist Gewinnstellungen zu produzieren, kommt es mit weniger Bauern häufiger zu Fehlern und damit entschiedenen Partieausgängen. In dieser Stellung versuchte mein Gegner meinem König den Zugang zum Feld f5 zu verwehren und spielte seinen Turm nach a5. Was ist davon zu halten? Der Clown in mir mischte in dieser Partie später ebenfalls wieder kräftig mit.
Hier benötigte mein Gegner eine Idee, um sich weiter zu verteidigen. Was ist ihr Ratschlag? Den Bauern g5 gegen den f7 zu tauschen ist eine solche Idee, aber wie sollte man das am besten anstellen? Den weißen König zunächst vertreiben?
Clownesques
In dieser Stellung stand ich mit Weiß eindeutig überlegen – in höherem Sinne steht Weiß bereits auf Gewinn. Wie sollte ich hier zudem mit einer überlegenen Zeit-Ausstattung fortsetzen?
Lösung (Hier Klicken)
Meine schlechteste Entscheidung dieses Turniers. In der Folge entstand die einzige Spielphase im gesamten Turnier in der ich in Bewertungskategorien schlechter stand. Ich hatte in der sechsten Runde bis hierhin etwas riskant agiert und einen Bauern mitgenommen. Zuletzt hatte mein Gegner seine Dame nach d2 gezogen und dadurch seinen Springer c3 entfesselt. Es stand also ein Damenzug an. Welchen Zug sollte ich hier aus zwei Kandidaten (welche eigentlich) auswählen? Ich griff natürlich daneben und fühlte mich nach der sofortigen Antwort meines Gegners schlecht.
Lösung (Hier Klicken)
Aljechin – eine alte unspielbare Variante
Die folgende Partie aus der achten Runde ist ein Beispiel dafür, welche Bedeutung bei den Senioren das Thema Vorbereiten für Turnierpartien haben kann. Manchmal ist das Wissen Halbwissen und manchmal erinnert man sich nach vielleicht vierzig Jahren noch an die eine oder andere Feinheit. Manches hält sogar im Engine-Zeitalter noch stand.
Diese Stellung kannte ich bereits und war mir sicher, dass man so als Schwarzer nicht spielen kann. Volker Gassmann versuchte es mit Schwarz trotzdem und ich einigte mich schnell auf Remis mit meinem Gegner in der achten Runde, denn neben bereits einem halben Punkt Vorsprung drohte dieser sich fast von alleine auszubauen. Meine Einschätzung war jedenfalls richtig und ich durfte mit einem Punkt Vorsprung in die letzte Runde gehen.
Exkurs: Wertungen
Es gab in der letzten Runde noch eine kleine theoretische Chance, dass Volker und ich bei sieben identischen Gegnern noch eine gleich hohe Buchholz-Wertung aufweisen konnten – vorausgesetzt ich würde eine Niederlage kassieren und er gewinnen. Zudem mussten drei Partien zu meinen Ungunsten ausgehen und nur dann wäre es auf die zweite Wertung angekommen. Ich versuchte diese Zweitwertung zu verstehen und bekam auch von den Organisatoren nur vage Auskünfte und nicht hilfreiche Hinweise auf die FIDE. Das Problem war beispielsweise, dass ich einen meiner zwei relevanten Gegner hatte, der zwischendrin ein Bye genommen hatte. Dann gibt es wohl eine komplizierte Berechnungsformel der Buchholzwertung, die dann für ihn angewandt werden würde. Ich konnte es jedenfalls nicht ausschließen, dass es knapp werden würde. Ich verstehe nicht warum Organisatoren solche absurden Wertungen als Zweitwertungen zum Einsatz bringen, statt eine Wertung zu nutzen, die etwas mit dem Spiel der Akteure zu tun hat und vor der letzten Runde berechenbar oder zumindest eindeutig sind. In Betracht kommen in hier beliebiger Reihenfolge: Direkter Vergleich, Anzahl der Weiß- und Schwarz-Partien, Summenwertung – hierbei werden die Punkte der betroffenen Spieler nach Fortschritt im Turnier zusammenaddiert, Rating-Performance und so weiter. Es gibt sicher noch andere sinnvolle Wertungen, die vor der Buchholzsummenwertung zum Einsatz kommen sollten. Immerhin ich erfuhr, dass es keine Streichergebnisse gibt. Der FIDE ist in ihrem Handbuch übrigens herzlich egal welche Wertung man für das Bestimmen der Reihenfolge in einem Turnier einsetzt und das Auslosungsprogramm ist ohnehin nur ein Rechenknecht. Gefühlt in jedem Turnier wechselt das. Am Tegernsee beim Senioren-Cup gibt es als Erstwertung übrigens den Gegnerschnitt. Hierzu könnte ich eine kuriose Geschichte erzählen, aber das würde vermutlich zu weit führen. Ich löste mein Problem der Unberechenbarkeit mit dem Angebot eines frühen Unentschiedens und machte mich an das Erfassen einiger Partie, die ich in diesem Beitrag veröffentliche.
Bei den anderen Gruppen kam es wegen der höheren Teilnehmerzahlen jedenfalls zu keinen ähnlichen Problemen. Bei den Nestoren enteilte Gottfried Schumacher ohnehin.
Volker ist natürlich unglücklich darüber, dass von ihm zwei Verlustpartien hier veröffentlicht werden. Er hat mir daher versprochen, mir eine gute eigene Partie aus dem Turnier zu schicken, die werde ich natürlich gerne später anfügen. Seine Idee, ich könnte auch meine Verlustpartie vor über zwanzig Jahren aus einem Mannschaftskampf gegen ihn bringen, fand ich im Kontext nicht so toll. Erwähnt sei aber: Volker hatte damals gegen mich Aljechin gespielt und damit komplett zerstört. Die Partie findet sich in den Datenbanken und die Partie sei hier zum Nachspielen empfohlen.
Bad Neuenahr: Mein Fazit
Zwischen einem für viele potentielle Teilnehmer zu hohem Startgeld (140 Euro inklusive Getränken, die etwas auswahlreicher ausfallen könnten) und sensationellen Spielbedingungen bewegt sich für mich irgendwo die Bewertungslinie dieses Turnierangebots. Für mich bietet das Turnier ein ausreichendes Preis-Leistungsverhältnis, aber das sieht nicht jeder so. Mit 100 Euro pro Nacht und Frühstück im Steigenberger-Hotel Bad Neuenahr kann man als Frühbucher bisher eigentlich nichts falsch machen. Es gibt ein Schwimmbad und einen Spa-Bereich, der eventuell im nächsten Jahr sogar noch größer ausfällt, da der Badbetrieb nebenan vermutlich bald wieder eröffnet werden dürfte. Für Autofahrer kommt das Parken im Parkhaus nebenan mit 135 Euro hinzu – es soll auch irgendwo kostenlos möglich sein – und man muss zumindest eine weitere warme Mahlzeit einplanen. Für mich bieten die Seniorenturniere am Tegernsee und in Bad Neuenahr jedenfalls erfreulich gehobene Spielbedingungen für die ich gerne etwas mehr Geld investiere. Wer wie ich mal ein Turnier der FIDE in Bukarest in einem am Rande der Stadt gelegenen untragbaren Hotel buchen musste, der wird die persönliche Freiheit der Wahl seiner Unterkunft zu schätzen wissen. Ich komme jedenfalls gerne wieder nach Bad Neuenahr, falls es im nächsten Mai passt.
Einige Fotos dieses Beitrags stammen von der Veranstaltung und wurden mit artta.ai bearbeitet.
Service-Hinweis
Die Analysen können als PGN-Dateien heruntergeladen werden. Dafür muss man in der nebenan dargestellten Diagrammposition der gewünschten Partie auf den rot markierten Button klicken.
Hinweis in eigener Sache
Dieser Blog dient mir als eine Art schachliches Tagebuch über als Berichterstatter miterlebte Top-Events, die zur klassischen Weltmeisterschaft bei den Frauen und in der so genannten offenen Klasse, also zurzeit bei den Männern, führen. Ich habe vor langer Zeit internationale Turniere gespielt, beispielsweise in Ungarn, Frankreich, Belgien und in den Niederlanden und meine Partien aus der damaligen Zeit (80er und beginnende 90er-Jahre) sind verloren und vermutlich in irgendeinem Schuhkarton im Keller meiner Wohnung in Köln. Berichte über Turniere kommen auf diesem Blog vor, sind aber nicht das Ziel dieser Webpräsenz. Im Mittelpunkt stehen meine eigenen Highlights und Schreckmomente, um daraus möglichst etwas zu lernen. Abrufbar sind Beiträge auch via Mobiltelefon, aber das optimiere ich nicht mal auf Wunsch eines Kollegen, da ich keine kommerziellen Interessen verfolge und es mir egal ist, wie mein Blog von wem genutzt wird. Aber: Wer Schach überwiegend auf dem Handy nebenbei und oberflächlich konsumiert, der verpasst ohnehin das Beste am klassischen Schach. Mich nerven Werbeangebote auf den meisten (Schach-)Websites und daher wird es hier auch keine geben. Wer will kann gerne aus meinen Analysen Profit auf dem Schachbrett ziehen, sofern das überhaupt möglich ist. Freuen würde ich mich darüber allemal. (TC)
Trainer erzählen ihren Schülern, dass man aus eigenen Fehlern lernt. Das stimmt sicherlich, aber diese Methode kostet viel Kraft. Schauen wir auf einige aktuelle Momente, die lehrreich sein können, zumindest wenn man intensiv darüber nachdenkt.
Von Thorsten Cmiel
Beim Durchspielen von aktuellen Partien findet man ohne große Mühe interessante Momente und dabei müssen es nicht unbedingt Partien aus der absoluten Weltspitze sein, die uns helfen selbst besser zu werden. Wer etwas systematischer vorgeht, der sollte ein Buch zur Hand nehmen oder noch besser einen Trainer suchen, der zu bestimmten Themen spezielle Aufgaben auswählt und thematisch sortiert. In der Praxis von Turnierspielern kommen in jeder Partie mehrere Aufgaben auf die Spieler zu, die sich in unterschiedlichen Partiephasen fast zwangsläufig ergeben.
In dieser Stellung aus der aktuellen Frauen-Europameisterschaft war die stärkste Teilnehmerin hier mit den schwarzen Steinen am Start. Sie hatte unter einer Minute Restbedenkzeit – gespielt wurde mit 30 Sekunden Inkrement – und war mit den schwarzen Steinen hier am Zuge. Schwarz ist erkennbar im Vorteil angesichts seiner zwei weit vorgerückten Bauern. Aber wie sollte Stavroula Tsolakidou aus Griechenland hier am besten fortsetzen?
In dieser Stellung aus Norwegen muss sich Schwarz gut verteidigen, um die Stellung zusammen zu halten. Alireza Firouzja mit Weiß droht offensichtlich seinen Turm nach f5 zu überführen. Der Inder Praggnanandhaa sollte also versuchen eine spielbare Stellung zu finden. Wie sollte er hier fortsetzen?
Magnus Carlsen hatte gegen Vincent Keymer freiwillig eine Figur geopfert. Der Deutsche stand also unter einem erheblichen Druck. Immerhin, Vincent hatte mit etwas mehr als zwanzig Minuten doppelt so viel Zeit wie sein Gegner. Wie sollte er hier warum fortsetzen?
Die drei hier betrachteten Beispiele sind natürlich von unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. Erkennbar wird zudem wie schwierig vor allem das Verteidigen im Vergleich zum Entwickeln eines klaren Angriffsplanes wie im ersten Beispiel ist. In der Partie von Alireza gegen Pragg war die Folge eines positionellen Fehlers letztlich entscheidend für den Ausgang der Partie. In der Partie von Magnus Carlsen hatte dieser eine Figur geopfert und dadurch Druck auf seinen Gegner ausgeübt. Der passiver Ansatz des Deutschen erwies sich als Fehler. In der Folge hatte der Norweger zwei Gewinnchancen ausgelassen und Vincent eine bessere Verteidigung durch ein Qualitätsopfer.
Das zweite Camp der Schach-Akademie „Killer Chess Training“ fand erneut in Roquetas de Mar in Spanien statt. Diesmal ging es um das Thema Angriff. Welche Ideen und Motive gibt es um einen erfolgreichen Angriff zu etablieren? Drei Großmeister versuchten etwa zwei Dutzend Teilnehmern Denkhilfen anzubieten.
Von Thorsten Cmiel
Wie greift man in einer Schachpartie am effektivsten an? Vor etwa 40 Jahren erklärte mir ein damals bekannter und inzwischen verstorbener Schachspieler aus Köln, dass man auf der Seite des gegnerischen Königs mindestens zwei Leichtfiguren im Vorteil sein sollte, um erfolgreich im Königsangriff sein zu können. Der Ratschlag ist nicht komplett falsch und beschreibt das Thema materielle Überlegenheit. Aber das ist längst nicht alles was man über das Thema Angriff wissen sollte.
In Spanien ging es dem Team um Jacob Aagaard (GM Renier Castellanos und GM Julen Arizmendi) vor allem um eine didaktische Herangehensweise und viele Beispiele, Übungen und Lernmethoden kamen zum Einsatz, um die Motive zu erläutern und zu erlernen. Das Auffinden von Lösungen erwies sich trotz der Kenntnis der Thematik des jeweiligen Kapitel meist als schwierig. Die Teilnehmer waren diesmal in zwei Rating-Leistungsgruppen (2000+ war die obere Gruppe, wobei Spieler über 1900 sich selbst entscheiden konnten) eingeteilt, um den potentiellen Lernerfolg zu verbessern, denn Spieler unterschiedlicher Spielstärke stellen oft andere Fragen zu identischen Stellungen.
Vor allem hat es allen Teilnehmern Spaß bereitet und jeder, den ich am letzten Abend gesprochen habe, will im nächsten Jahr wieder dabei sein. Dann vermutlich an einem anderen Ort, der hoffentlich eine Wasserrutsche aufweist. Denn es gehört zur Tradition des Camps, dass am letzten Tag einige mutige Teilnehmer das Gelernte in die Praxis umsetzen. Denn Momentum spielt natürlich auch beim „Watersliding“ eine wichtige Rolle.
Der Zeitplan
Der inhaltliche Trainingsplan folgte dem Aufbau eines neuen Buches („A Killer Guide To Attacking Chess“), das laut NIC-Website am 17. Juni 2026 erscheinen soll. Die Teilnehmer erhielten sozusagen druckfrisch ihre Exemplare und können das gelernte an weiteren Beispielaufgaben vertiefen oder besser erfassen. Wer sich frühzeitig für die Akademie anmeldete bekam zudem zusätzlich sechs statt vier Büchern aus dem Quality-Chess-Verlag, der zum Aagard-Verlags-Imperium gehört.
„A Killer Guide to Attacking Chess“ bietet eine fachkundige Einführung in die wichtigsten Elemente eines guten Angriffsschachs. Von den grundlegenden Konzepten wie „Momentum“ und „Alle Figuren in den Angriff einbeziehen“ bis hin zu eher situationsbezogenen Ideen wie „Den schwächsten Feld angreifen“, „Den stärksten Feld angreifen“, „Evolution/Revolution“, „Killzone“ und vielem mehr. Indem wir das Angriffsspiel in leicht erkennbare Elemente zerlegen, die jeder verstehen kann, erkennen wir, dass Angriffsspiel nicht das Ergebnis eines Genies in Aktion ist, sondern eine Folge der im Spiel befindlichen positionellen Faktoren. (Verlagstext)
Beginnen wir mit einem ersten Beispiel an dem ich knapp gescheitert bin. Es stammt aus einer der vielen unter Zeitdruck selbst zu lösenden Trainingsaufgaben. In der folgenden Stellung aus einer Partie von Antal Gergely und Emre Can stammt die folgende Stellung mit Weiß am Zuge. Weiß sollte offensichtlich versuchen seinen Angriff weiter voran zu bringen. Nach etwas Nachdenken – die anderen zahlreichen Aufgaben standen ebenfalls an – hatte ich eine Idee in die ich sofort „verliebt“ war – ich wollte meinen Turm nach g5 ziehen. Ganz schlecht. Die Idee war es den gegnerischen Läufer abzulenken, der die schwarze Dame auf c7 deckt. Das wäre relevant nach sofortigem Schlagen auf f7 – Schwarz antwortet kaltblütig mit dem Läuferzug nach c6. Was war mir entgangen und was war die richtige Lösung?
Das KC-Camp-Team: Jacob, Kallia, Raluca, Renier, Julen.
Social Solving
Beim gemeinsamen Lösen von Aufgaben kommen zusätzliche Aspekte ins Spiel. Auf der einen Seite profitiert man von unterschiedlichen Ideen in einer Gruppe, aber andererseits muss man aufpassen, dass man sich nicht von manchen enthusiastisch vorgetragenen Ideen auf die falsche Fährte locken lässt. Als noch schwieriger erweist sich das gemeinsame Spielen in Gruppen – auch das stand auf dem Lehrplan. In unserem Fall waren wir ein Veteranen-Team. Die Spielbedingungen waren einfach. Jedes Team bekam 40 Minuten mit Inkrement für die gesamte Partie. Da das Thema Angriff war, bekam man je Team eine Gewinn- und eine Verluststellung zugeteilt und trat gegen unterschiedliche Teams an. Allerdings zeigte sich im Verlauf oft, dass die Stellungen schwierig genug sind und oft drei Ergebnisse möglich waren. Betrachten wir die Ereignisse einer der zwei Sessionen (je zwei Partien) meines Teams aus unserer Sicht.
Gedrillt auf Angriff hatten wir zwei Züge zur Auswahl. Entweder wir schlagen zuerst den Bauern auf g3 und lassen dann den f-Bauern folgen oder wir beginnen mit dem f-Bauern. Ein weiterer Zug kam uns nicht einmal in den Sinn. Nach etwas mehr als zehn Minuten gab es eine Entscheidung und wir lagen besser als Garry Kasparov.
Die zweite Partie war offensichtlich die Partie in der wir uns verteidigen mussten. Die Stellung ist erkennbar aus einer französischen Verteidigung entstanden.
Zu den Highlights gehörte ein Uhren-Simultan und eine Meisterklasse mit der 12. Weltmeisterin im Schach der Frauen, Alexandra Kosteniuk. Alexandra stellte drei aktuelle Partien vor und erläuterte was so alles schief gehen kann auch bei Topspielern. Das Uhrensimultan (1.30 vs. 30 Minuten + Inkrement) erwies sich dann als extreme Herausforderung für die Wahlschweizerin, die von einem Event zum nächsten unterwegs ist.
Aufgaben ohne Worte
Nicht zum offiziellen Camp-Programm gehörte morgendliches Lösen von Aufgaben, dennoch machte etwa die Hälfte der Teilnehmer mit. Inoffiziell war das Wasserrutschen einiger Teilnehmer, wobei die Videos dazu privat bleiben sollen. Ein Blitzturnier mit 72 Teilnehmern, das vom örtlichen Verein ausgerichtet wurde, rundete die Aktivitäten ab. Ich persönlich bemerkte in der letzten Runde wie schwierig es ist ohne Blitz-Praxis mit einem Turm mehr zu gewinnen. Zwei Runden zuvor war ich bei dem Versuch mit Läufer und Springer mattzusetzen natürlich gescheitert.
Alle Teilnehmer erhielten neben mindestens vier Büchern zwei T-Shirts und KCT-Schreibmaterial. Etwa eine Woche nach dem Trainings-Camp gibt es zudem sämtliche Beispiele mit Lösungen im PGN-Format. Ich habe mich entschlossen die Lösungen hier nicht anzugeben, sondern die Aufgaben zum Selberlösen ohne Kommentar zu belassen. Der Lerneffekt ist mit Sicherheit größer und man bekommt einen besseren Eindruck vom Schwierigkeitsgrad mancher Aufgaben. Wer die Lösungen nächstes Jahr etwas komfortabler zugeschickt bekommen will, der sollte eine Teilnahme am Camp von Killer Chess Training erwägen. Es war ein Riesenspaß.
Eigenes
Die folgenden Stellungen stammen aus einer eigenen Partie aus der Seniorenweltmeisterschaft 2019 in Bukarest – ich hatte Weiß. Mir war die Eröffnung nicht sonderlich gelungen, aber immerhin waren wir in einer Stellung mit größerem materiellem Ungleichgewicht gelandet. Ich frage mich natürlich ob ich oder mein Gegner mit etwas systematischerer Herangehensweise in den entscheidenden Momenten bessere Entscheidungen getroffen hätten.
Schwarz steht eindeutig aussichtsreicher bei ungefährem materiellem Gleichstand. Wichtiger aber ist die Kontrolle der c-Linie. Hier ist Schwarz am Zuge und sollte am besten wie fortsetzen?
Hier hatte ich genug und opferte auf f7 mit der Idee insgesamt einen Turm auf Chance zu geben. Aber wie ist die Stellung objektiv einzuschätzen und wie geht es bei bester schwarzer Verteidigung nach dem Springereinschlag auf f7 weiter? Gab es in der Diagrammposition einen besseren Zug als das Schlagen auf f7?
Fotos: Raluca Sgircea und privat.
Homepage von Killer Chess Training (es gibt eine Altersabfrage, was vermutlich an dem ersten Teil des Akademie-Namens liegt).
Die Partien und Analysen auf dieser Website können im jeweiligen Partiefenster durch Klicken auf den links markierten Button einfach als PGN-Dateien heruntergeladen werden.
In der ersten Runde beim Tata-Steel-Turnier in Wijk aan Zee spielte der indische Schach-Weltmeister Gukesh gegen den Usbeken Javokhir Sindarov, der inzwischen sein Herausforderer ist. Gukesh verpasste den vollen Punkt nach einer ansonsten starken Leistung. Bei der Grand Chess Tour kam es jetzt zur ersten Begegnung der beiden Junggroßmeister nachdem klar ist, dass Javokhir Sindarov im November Gukesh herausfordern wird. Der Inder gewann die Schnellschachpartie und Javokhir beide Blitzpartien. Zusammen gab es zwei Punkte im Gesamtklassement für beide Spieler. Unentschieden.
Von Thorsten Cmiel
Als Fan kommt man kaum noch mit. Ständig finden Turniere mit Teilnehmern auf höchster Rating-Ebene statt. Für mich zählt nur am Brett und wenn beide Spieler ausreichend Zeit zur Verfügung haben. Das nennt man die klassische Bedenkzeit. Mit dieser langen Bedenkzeit gewann der Usbeke Javokhir Sindarov vor wenigen Wochen äußerst überzeugend das Kandidatenturnier. Ende des Jahres steht also ein Weltmeisterkampf zwischen zwei zwanzigjährigen Großmeistern an um die Krone im Schach. Der indische Titelträger Gukesh konnte seit seinem Weltmeisterschaftskampf nur selten überzeugen, vor allem sich selbst nicht. Vermutlich ist der jüngste Weltmeister aller Zeiten ein Opfer seines eigenen Anspruchs und überzogener öffentlicher Erwartungen. Zuletzt hatte sich Gukesh aus dem klassischen Teil der Grand Chess Tour zurückgezogen und ausgerechnet Sindarov nimmt seinen Platz ein. Der in Deutschland lebende Coach von Javokhir, Roman Vidonyak, sieht das als Chance für seinen Schützling, der mehr Erfahrungen auf höchster Ebene sammeln kann.
Entscheidend für den WM-Kampf der beiden Junggroßmeister dürfte die dann aktuelle Form der Kontrahenten sein. Die Schachwelt rätselt noch, ob Gukesh bis dahin wieder an seine starke Form aus dem Jahr 2024 anknüpfen kann. Gukesh hatte das Kandidatenturnier gewonnen, eine legendäre Schacholympiade in Budapest gespielt und Ende des Jahres gegen Ding Liren den WM-Titel errungen. Vidonyak nennt den Inder in Topform respektvoll „Monster-Gukesh“. Sollte Gukesh in der Form von 2024 antreten, dann sieht Vidonyak die Chancen mit 53 Prozent zugunsten seines Schützlings. Das ist der übliche diplomatische Zweckoptimismus klingt aber ziemlich nach gleichen Chancen in beidseits guter Form. Das ist eine faire Einschätzung. Und tatsächlich können sich Schachfans auf den Wettkampf freuen, anders als bei den meisten Kämpfen des so hochgelobten Magnus Carlsen, der oft mit einer eher destruktiven Match-Strategie Erfolg hatte. Die vier Partien der beiden WM-Kämpfer und die Spielweise von Javokhir im Kandidatenturnier deuten auf Freude am Spiel hin. Der WM-Kampf könnte mit offenem Visier geführt werden.
GCT Schnellschach und Blitz in Polen
Beim Schnellschach- und Blitzturnier der Grand Chess Tour in Polen gab es drei Begegnungen der zwei Kontrahenten. Für einen Sieg im Schnellschach gibt es zwei Punkte und für jeden Sieg im Blitz den üblichen einen Punkt. Insofern kam es zum Unentschieden. Beide Spieler suchten die Konfrontation. Im Zusammenspiel der Turniere lag Gukesh dann vorne.
Die üblichen Kritiker des Weltmeisters auf Social Media verlieren durch die Ergebnisse in Polen übrigens ein Argument ihrer sinnlosen Kritik. Sowohl Gukesh als auch der Dominator von Zypern erzielten mit kürzerer Bedenkzeit Ergebnisse im Mittelfeld. Das könnte bei beiden daran liegen, dass sie sich auf die klassische Bedenkzeit konzentriert haben bisher. Ein anderer ehemaliger Anwärter auf den Thron, Alireza Firouzja, erzielt offenbar Ergebnisse, die umso besser ausfallen desto kürzer die Bedenkzeit ist. Der Franzose mit iranischen Wurzeln hatte in 2022 und 2024 bei den Kandidatenturnieren nichts erreicht und wirkte überfordert. 2026 war er nicht mal dabei.
GCT-Schnellschach
GCT-Blitzpartie 1
GCT-Blitzpartie 2
Wijk aan Zee 2026
Die Partie von Gukesh in den Niederlanden hatte ich ausführlich analysiert und kommentiert. Es handelt sich dabei um eine grandiose Kampfpartie, die Lust auf mehr macht. Wer die Partie mit Trainingsfragen nachspielen möchte, der findet sie in dem Beitrag zur ersten Runde. Längere Partien mit größerer Tiefe analysiere ich bevorzugt in Abschnitten. Die Erstrundenbegegnung von Sindarov und Gukesh war so eine Partie. Stark von beiden Seiten.
Matthias Blübaum fiel beim Kandidatenturnier auf Zypern vor allem durch seine Kraftausdrücke gegen sich selbst und weniger durch seine Partien auf. Einmal bezeichnete er sich als Clown. Die Idee fand ich gut, denn genau so fühlte ich mich in zwei Partien. Gewonnen haben drei Außenseiter den Tegernsee-Senioren-Cup: Jordan Nikolov aus Bulgarien vor dem Österreicher Robert Hafner und dem Italiener Carlo Luciani.
Von Thorsten Cmiel
Jedes Jahr im April findet der Senioren-Cup am Tegernsee statt. Gespielt wird im Seeforum in Rottach Egern mit sehr guten Spielbedingungen. Leider war Sandra Schmidt nicht dabei und sie fehlte an allen Ecken und Enden. Ich vermisste während der Runden aktuelle Ergebnislisten, mehr Fotos und bei den Namensschildern herrschte ebenfalls Verwirrung. Als Reaktion gab es sogar einige Teilnehmer, die nachvollziehbarerweise Sandra von den Österreichern, dort ist sie Generalsekretärin, wieder zurück nach Deutschland holen wollen. Dafür wurde von einem Teilnehmer eine Rückholung im Geiste eines Agentenaustauschs entwickelt, den ich aus Rücksichtnahme auf den Deutschen Schachbund und sein Personal nicht weiter ausführen möchte, denn zumindest unter Senioren fände sich dafür vermutlich eine klare Mehrheit. Erste Sondierungen mit anwesenden Österreichern ergaben allerdings, die wollen nicht.
Der Tegernsee bietet im Frühjahr Panoramaansichten in Postkarten-Foto-Qualität, die selbst mit durchschnittlichen Handy-Kameras Eindruck machen. Wer in einem angeschlossenen Hotel übernachtete, der erhielt eine Tegernsee-Card mit der man die Ring-Bus-Linien um den See nutzen konnte. Auch war die kostenlose Bootsfahrt zu einem Nachbarort inbegriffen. Neben dem tollen See-Ambiente versuchten fast 180 Spielerinnen und Spieler im Seniorenalter Schach zu spielen. Es gab natürlich hervorragende Momente, Dramen, Fehler und Enttäuschungen.
Berührt, geführt.
Zumindest einen Streitfall habe ich mitbekommen, aber zunächst gar nicht verstanden. Später berichtete mir ein anderer Spieler was vorgefallen ist: Der Schwarzspieler störte sich an einem nicht mittig stehenden Bauern und sagte „j’adoube„, vermutlich sehr leise, um die Sitznachbarn nicht zu stören, und adjustierte den Bauern. Sein Gegner war in dem Moment nicht am Brett, sah aber die Berührung des eigenen Bauern. Falls der Schwarzspieler nimmt, ginge ein Turm verloren, hieß es. Der Führer der weißen Figuren informierte den Schiedsrichter und wollte, dass der eigene Bauer geschlagen wird. Der Schiedsrichter entschied nach einigen hitzigen Diskussionen, dass der Weißspieler Recht hat und Schwarz den berührten Bauern schlagen muss.
Dazu mein Senf: Man kann nicht vom Schiedsrichter erwarten, dass dieser bei der geschilderten Faktenlage eine andere Entscheidung trifft. Der Spieler, der sich an einem Bauern stört, der nach seiner Ansicht nicht korrekt platziert ist, sollte grundsätzlich sichergehen, dass sein Gegner sein Zurechtrücken als solches erkennt. Ist der nicht am Brett, sollte er entweder einen Zuschauer als Zeugen suchen, der das „j’adoube“ hört, oder aber durch die Art des Verschiebens des Bauern deutlich machen, dass er diesen nicht berührt um ihn in diesem Fall vom Brett zu entfernen. Auf das Verbale kommt meines Erachtens nicht an. Den gleichen Effekt kann man durch Gesten erreichen – mit Schieben statt Greifen des Bauern beispielsweise. Falls der Bauer zwischen zwei Feldern steht, kann er ohne erreichbaren Gegner auch die Uhr anhalten und den Schiedsrichter rufen durch Handheben. Ich hätte vermutlich nicht auf das Nehmen bestanden und viele andere auch nicht, aber man muss aufpassen, dass man den moralischen schwarzen Peter nicht in Richtung des Reklamierenden verschiebt. Ich halte die Entscheidung des Schiedsrichters in diesem Fall jedenfalls für richtig. Immer vorausgesetzt, dass es sich so zugetragen hat.
Die Sieger
Internationaler-Schach Senioren Cup 2026 Rottach-Egern SeeforumInternationaler-Schach Senioren Cup 2026 Rottach-Egern Seeforum
Kontroverses
Der Endstand richtet sich beim Tegernsee-Cup in den Punktegruppen nach dem gegnerischen Elo-Schnitt mit einer Streichwertung. Die zweite Wertung ist die Buchholzwertung, also die Summe der Gegnerpunkte, die aber letztlich keine Rolle spielt, da der Gegnerschnitt praktisch immer unterschiedlich hoch ausfällt.
Manche Besonderheiten des Tegernsee-Cup gefallen nicht jedem: Die ungewöhnlich lange Bedenkzeit von 2 Stunden und zehn Minuten pro Partie und Spiel, plus 30 Sekunden Inkrement von Beginn an beispielsweise, führt zu längeren Partien als notwendig und eliminiert ein Element, die Zeitkontrolle im vierzigsten Zug, fällt dadurch weg. Ein anderes Thema, das einen Spieler ärgerte war, dass seine Partien immer veröffentlicht wurden und die von seinen Gegnern mit niedrigeren Ratings nicht. Zur Erläuterung: Die Organisatoren gaben die Partien der ersten zehn Bretter ein und veröffentlichten diese meist am Tag danach – leider nicht am Tag nach dem Turnier. Der Punkt des Erbosten (Name ist der Redaktion bekannt) war, dass er und andere höher Gerankte einen Wettbewerbsnachteil hatten. Gleiches gilt dann ebenfalls für Turniere mit Übertragungen von einigen Brettern.
Ich persönlich finde die Auslosung in Kombination mit der Wertung und späteren Preisvergabe nach dem Gegnerschnitt schwierig. Ich wiederhole, dass die Fortschrittswertung eine mehr am Turnier-Geschehen orientierte Wertung wäre. Genau wie bei der Buchholzwertung ist beim Gegnerschnitt ein Streichergebnis vorgesehen. Aber der spätere Turniersieger profitierte ebenfalls von einem kampflosen Punkt gegen einen erkrankten Elo-starken Gegner. Es ergibt sich in solchen Fällen die Frage, ob dieser Gegner in die Wertung einbezogen werden sollte. Weitere Folge-Fragen je nach Fallkonstruktion sind denkbar. Das hätte am Resultat diesmal übrigens nichts geändert. Ich persönlich fände es eine Idee die letzte Runde nach Performance auszulosen, statt im Schema der ohnehin nicht aussagekräftigen Elo-Zahlen zu bleiben, wenn das überhaupt möglich ist.
Je nach erstem Wertungskriterium wären die ersten fünf Plätze anders aufgeteilt worden. Auch die Buchholz hat durch die vielen Aussteiger in der letzten Runde einen grundsätzlichen Nachteil. In der obigen Tabelle sieht man wie die Reihenfolge anders gewesen wäre bei der Wertung nach Buchholz. Der Fünftplatzierte wäre bei dieser üblicheren Wertung als Sieger vom Platz gegangen. Auch die ebenfalls denkbare Performance als Wertung hätte eine andere Reihenfolge hervorgebracht (Nikolov 2248 (5.), Hafner 2269 (2.), Luciani 2275 (1.), Wallner 2257 (4.), Tscharotschkin (3.) 2263). Die Performance als Wertung hätte diesmal berücksichtigt, dass der spätere Sieger einen kampflosen Punkt erzielt hat. Wie man es regelt spielt letztlich keine Rolle und immer finden sich bei jeder Wertung Nachteile, aber das Preisgeld bei Punktgleichheit nach den gleichen Kriterien wie die Plätze zu vergeben, Teilung wäre meines Erachtens angemessener, ist im Kontext einen über den Durst.
Endspiel zur Post
Das folgende Endspiel entstand in der Partie von Manfred Olbrisch und Robert Hafner in der sechsten Runde. Ich sah es zufällig vor einer Bootstour und war von der Entscheidung des Schwarzspielers in der folgenden Situation überrascht. Dabei erinnerte ich die Bauernstruktur (der schwarze Bauer stand auf g7 und nicht g6) falsch, aber das spielt für die Bewertung keine Rolle. Wir sahen uns das Endspiel nach einer Bootsfahrt bis Bad Wiessee an. Es war letztlich gar nicht so einfach sich durch die Stellung zu finden. Jedenfalls stimmte unsere Einschätzung, dass die Stellung bei bestem Spiel ausgeglichen ist, mit der Engine-Bewertung überein.
Die spannende Frage lautet m. E: Soll und kann Schwarz hier die Damen auf c5 tauschen? Man kann diese Entscheidung kaum per Rechnen fundieren, sondern sollte zunächst allgemeine Kriterien zur Stellungsbewertung heranziehen. Wir sahen uns die Stellung in einem Wirtshaus in Bad Wiessee an – ich bei Stangenspargel mit Wiener Schnitzel – und kamen zu einer recht eindeutigen Einschätzung – Schwarz sollte die Damen hier tauschen. Nachträglich gibt es dann noch die Partiefolge und ein zumindest für mich überraschendes Ergebnis.
Bauernphalanx: Schwarz steht auf Gewinn.
Eine schicke Schlussphase
Ingo Lindam aus Hilchenbach spielte in der achten Runde gegen die litauische FIDE-Frauenmeisterin Margarita Baliuniene. Hier war Ingo mit Schwarz am Zuge. Zugegeben, nicht so schwierig, wenn man die Frage an dieser Stelle gestellt bekommt.
Einmal exekutieren bitte. In einer praktischen Partie hat man die Hilfe der Diagrammauswahl natürlich nicht und ein Foto des Schwarzspielers mit der Lösung ebenfalls nicht.
Spitzenfehler
Wenn man manche Stellungen und Partien durchklickt, dann stellt man fest, dass nicht nur die eigenen Partien komische Phasen aufweisen. Der spätere Turniersieger gewann in den letzten zwei Runden aus zwei klaren Verluststellungen heraus. Auch das Verteidigen von schlechten Ausgangslagen ist eine wichtige Kunst und fragt man Roman Vidonyak, dann wird er bestätigen, dass Widerstandskraft eine wichtige Eigenschaft ist. Das werden naturgemäß in den folgenden zwei Partien die Gegner von Roman Nikolov anders sehen.
Hier schlug der Schwarzspieler mit seinem Turm spektakulär auf g3. Wie geht es danach weiter und wie ist die Stellung zu bewerten? Eine mehr objektive Frage lautet, ob Schwarz anders hätte spielen sollen.
Hier ist Schwarz am Zuge. Wie sollte er hier weiter fortsetzen? Es hilft übrigens die letzte Diagramm-Stellung richtig gelöst zu haben. Der Schwarzspieler in dieser Partie fand die richtige Fortsetzung leider nicht. Das ist ein typisches Phänomen, das Schachspieler kennen.
Schach ist brutal, manchmal
Die folgende Partie entschied letztlich über den Turniersieg und ist ein typisches Beispiel für Schachblindheit, also das Phänomen, das niemand erklären und man vermutlich in Zeitnot nur durch mentales Training abstellen kann. Man sei an Ding Liren in Singapur erinnert, der seinen Läufer völlig unnötig auf a8 parkte. Am Tegernsee gab es natürlich auch einige solche Blüten zu bewundern. Beginnen wir mit einer wichtigen Entscheidung.
Carlos Finale
Den größten Kampfgeist zeigte jede Runde Carlo Luciani aus Italien. Er führte mit sechs Punkten aus sieben Partien und hatte dann zwei schwierige Schlusspartien. Beide Partien schauen wir uns genauer an. In der ersten Partie kam der Italiener mit Schwarz gegen Michael Tscharotschkin unter die Räder, was wie ein Spiel auf ein Tor aussieht entpuppt bei genauem Hinschauen als nicht mehr eindeutig. In der Schlussrunde schien Carlo gegen Hans-Joachim Vatter ebenfalls zu verlieren und dann kam es zu einem unerklärlichen Kollaps von Vatter.
Wie sollte Weiß am Zuge hier fortsetzen? Ein Klassiker. Manchmal sollte man sich nicht zu viel mit Berechnungen aufhalten. Wie geht es weiter?
Diesmal verpasste Carlo eine bessere Fortsetzung. Wie sollte er hier fortsetzen?
Hier fehlt die Schlussrunden-Partie von Carlo Luciani und Hans-Joachim Vatter. Leider ist sie noch nicht online vorhanden. Das ist der Nachteil wenn es keine elektronische Übertragung gibt. Die wichtigen Partien zum Schluss fehlen für Berichte. So wie ich es gesehen habe, hatte Carlo gegen die Aljechin-Verteidigung seines Gegners zunächst mächtig angegriffen, aber dann entweder die Traute verloren oder es ging einfach nichts. In der späteren Phase dann hatte Vatter in Gewinnstellung einen groben Fehler gemacht. Ich ergänze die irgendwann hier, wenn sie mir bekannt wird. Für den Augenblick bleibt es als Platzhalter bei der Grundstellung.
Pleiten, Pech, L…
Michael Lambertz ist für den Rheydter SV am Start, wird aber eher als Kölner verortet, er ist 49 Jahre alt und spielte sein erstes Seniorenturnier. Dabei lief es auf dem Brett nicht immer gut und sein Handy fing Feuer. Das tat der Stimmung jedoch keinen Abbruch.
Die Stellung zum Bild. Michael Lambertz mit Weiß sollte hier wie fortsetzen? In der Partie wollte Michael einen Zuschauer beeindrucken und zog zu schnell.
Kunterbunte Momente
Eine kleine Auswahl von aus meiner Sicht bemerkenswerten Situationen, teilweise Grobschlächtiges. Ich suche nicht einfach nach Kombinationen, sondern wenn es mir auffällt, dann kommen auch Situationen in Endspielen oder Positionsmanöver in diese Auflistung. Los geht’s.
Zuletzt hatte Weiß seinen Turm nach g5 gezogen. Wie sollte Schwarz hier warum fortsetzen?
Lösung (Hier Klicken)
Aus einer weiteren Partie von Carlo Luciani. Bei dem war in den letzten Runden immer etwas los. Wie sollte Weiß hier seine Verteidigungsstrategie organisieren? Schachlehrer werden dieses Beispiel aus didaktischen Gründen lieben.
Die Schlussstellung in der sich die beiden Gegner auf Remis einigten nach einer Zugwiederholung. Meine Frage lautet: Ist das objektiv das richtige Ergebnis? Die Auflösung kann in der folgenden partiellen Analyse gefunden werden.
In dieser Stellung war der Weißspieler am Zuge. Schwarz hat das stärkere Zentrum, aber das kann auch zur Schwäche neigen. Wie sollte er hier fortsetzen?
Lösung (Hier Klicken)
Clownereien
Ich beschränke mich auf zwei absurde eigene Entscheidungen, ohne sie weiter zu erläutern oder hier komplett aufzulösen. Zu den Partien gibt es natürlich mehr spannende Momente. Das bleibt allerdings diesmal hausintern und für das Schach-Camp von Killer-Chess-Training im Mai in Spanien vorbehalten.
In dieser Stellung war ich mit Schwarz am Zuge. Da ich vorher fast die Zeit überschritten hatte, war ich mit 33 Sekunden am Start. Was sollte der Clown dieser Geschichte hier spielen? Meine Grundidee vorher schon war es auf b8 mattzusetzen.
Ich hatte die Lust auf das Turnier verloren. Es folgten zwei Remis-Partien in jeweils acht Zügen. In der achten Runde machte es mir mein Gegner durch seine Eröffnungswahl unmöglich Remis anzubieten. Ich hatte in der folgenden Situation eine Stunde Zeit-Vorteil und eine Gewinnstellung mit den weißen Steinen.
Ich hatte den letzten Zug meines Gegners, der hatte seinen Springer von e7 nach c6 und nicht nach c8 gezogen, nicht gesehen. Jetzt ergibt sich im Vergleich ein Problem mit dem Bauern auf e2. Das ist nicht unlösbar, im Gegenteil. Aber ohne Konzentration und mit Wut im Bauch geht es nicht. Ich fand den schlechtesten Zug meines Turniers und schlug den Springer auf a7. Clowns sind wortlose Akteure und mir fehlen tatsächlich die Worte.
Epilog
Es ist immer wieder schee am Tegernsee. Die Rückfahrt mit der Bahn via München verlief reibungslos und der ICE kam zwei Minuten vor der Zeit in Köln an. Für mich ist das Turnier nicht verlaufen wie erhofft, aber das nächste Turnier wird bestimmt besser. So oder so ähnlich denken vermutlich alle Teilnehmer, die mit ihrem Ergebnis nicht zufrieden sind. Ich versuche auch nächstes Jahr wieder mitzuspielen, zumal Jahre ohne Kandidatenturniere terminlich meist entspannter sind. Nächstes Jahr findet der Tegernsee-Cup für Senioren vom 17. bis zum 25.April statt.
Die 24-jährige Inderin Vaishali aus Chennai war die unwahrscheinlichste Siegerin im Turnier der Kandidatinnen. Am Ende setzte sie sich trotz zahlreicher Rückschläge während des Turniers durch und erreicht jetzt als zweite indische Spielerin überhaupt einen Kampf um die Krone der Weltmeisterin im Schach.
Von Thorsten Cmiel
Das Frauenturnier war deutlich spannender als das Turnier in der offenen Klasse. Das lag nicht nur an den recht zahlreichen Fehlern der Spielerinnen im Turnier, sondern auch am Fehlen einer dominierenden Akteurin und wechselnden Führungen. In der zwölften Runde hatte die Inderin noch ihre große Chance in ihrer Partie gegen Zhu Jiner verpasst. Aber die Chinesin verlor erneut in Runde 13 und lag vor der Schlussrunde wieder einen halben Punkt hinten. Stattdessen war die Kasachin Bibisara Assaubaeva punktgleich mit vorne.
Die drei Spielerinnen mit Chancen vor der finalen Runde
In der Finalrunde behielt dann die Inderin Vaishali die Nerven und gewann ihre Partie gegen die Russin Kateryna Lagno, die ein eher zweifelhaftes Abspiel im Drachen wählte und daher früh schlechter stand. Ihre Landsfrau Divya hatte ihr den Weg bereitet, indem sie gegen Assaubaeva einen halben Punkt holte, obwohl ihre Leistung zuletzt regelrecht eingebrochen war.
In dieser Stellung konnte Indien erstmals große Hoffnungen hegen. Divya, die vor längerer Zeit in Chennai ebenfalls einige Zeit bei Ramesh RB und Aarthie Ramaswamy trainiert hatte, zeigte in der letzten Runde nach einem Leistungseinbruch, aus den letzten fünf Partien hatte Divya nur einen halben Punkt geholt, jedenfalls ein sehr gute Leistung. Hier allerdings verpasste sie ein große Chance. Welchen Zug konnte die Inderin hier entkorken?
Die entscheidende Partie
Die Partie von Vaishali gegen Kateryna Lagno ist schnell nacherzählt: Die Russin kannte sich offenbar in der Nebenvariante der Inderin nicht aus und geriet früh in eine schwierige Stellung mit einem geopferten Bauern, der keine Kompensation fand. In einer späteren Phase entglitt der Inderin die Kontrolle an einer Stelle etwas, aber Lagno konnte das nicht nutzen und verlor letztlich deutlich. Die Inderin gewann damit nach zwei Grand-Swiss-Turnieren in Folge ein weiteres Top-Turnier.
Endtabelle
Die FIDE selbst gibt die Reihenfolge ohne Feinwertung an und platziert die Spielerinnen auf einem geteilten Platz. Die Siegerin erhält 28.000 Euro als Preisgeld plus eine Punkteprämie von 4400 Euro pro vollem Punkt. Vaishali kommt also auf ein Preisgeld von 65.400 Euro plus WM-Kampf.
Die besten Kurz-Interviews beim Kandidatenturnier auf Zypern sind meines Erachtens die von Theo Waits, dem COO von Lichess, dem weltweiten Technologieführer bei der Spielplattform-Infrastruktur im Online-Schach.
An meinem Geburtstag im Jahr 2023 hatte ich einen Text bei Chessbase nach Vaishalis dritter GM-Norm veröffentlicht, der mit dem folgendem Satz endete: „Ich werde nie mehr erwähnen, dass Vaishali die Schwester von Pragg ist, außer die beiden gehen wieder gemeinsam durch ein Ziel, werden zum Beispiel beide Einzelweltmeister. Denn Vaishali ist eine hervorragende Spielerin aus eigenem Recht.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
Wer die Partien ohne Kommentare nachspielen oder herunterladen möchte, der ist hier richtig. Die erste Partie des Tages endete mit Unentschieden zwischen Divya und Bibisara Assaubaeva. Beinahe hätte die Inderin ihrer Landsfrau sogar eine bessere Vorlage geliefert. Am Ende gewann Vaishali ihre eigene Partie und qualifizierte sich als Siegerin für den WM-Kampf um die Krone im Schach der Frauen.
Die Partien sind sortiert in der Reihenfolge in der sie beendet wurden.
Die Partien können nicht nur nachgespielt werden. Auch der Download ist einfach. Man klickt auf den hier orange markierten Button und erhält Zugriff auf die Partie.
Wer die Partien ohne Kommentare nachspielen oder herunterladen möchte, der ist hier richtig. Die erste beendete Partie war die zwischen Javokhir Sindarov und Wei Yi um 15.38,44 Ortzeit war es schon vorbei. Matthias Blübaum versuchte zum zweiten Mal die lange Rochade gegen die gegnerische kurze Rochade und verlor diesmal. Fabiano Caruana gewann seine letzte Partie gegen einen sichtbar mitgenommenen Andreij Esipenko.
Die Partien sind sortiert in der Reihenfolge in der sie beendet wurden.
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Wer die Partien ohne Kommentare nachspielen oder herunterladen möchte, der ist hier richtig. Die erste beendete Partie ohne größere Höhepunkte beendeten der US-Amerikaner Hikaru Nakamura und der deutsche Großmeister Matthias Blübaum. Es folgte das Remis der beiden führenden Spieler Anish Giri und Javokhir Sindarov aus Usbekistan, der sein erstes Kandidatenturnier souverän nach Hause brachte. Fabiano Caruana spielte eine starke Partie mit Figurenopfer scheiterte dann aber vor der Zeitkontrolle und remisierte gegen den Inder Praggnanandhaa.
Die Partien sind sortiert in der Reihenfolge in der sie beendet wurden.
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