Die in der Ukraine geborene russische Großmeisterin Kateryna Lagno verzichtet auf die Teilnahme am nächsten Frauen Grand-Prix in Indien. Bei der FIDE heißt es lapidar dazu, dass Lagno aus persönlichen Gründen zurück gezogen habe. Dem widerspricht die Spielerin jetzt in einem öffentlichen Statement, das Peter Heine Nielsen bei X, vormals Twitter veröffentlichte.
Von Thorsten Cmiel
Es geht um einen Schönheitspreis, den Jekaterina Alexandrowna Lagno, 35, nicht bekommen hat, sondern Alexandra Konstantinowna Kosteniuk, 40. Wer einen neuen politisch inkorrekten vielleicht sogar frauenfeindlichen Skandal oder gar Zickenkrieg zweier Frauen vermutet, der liegt allerdings falsch. Es geht nicht um das Aussehen der beiden Spielerinnen, sondern um zwei gewonnene Partien im Schach und um Politik.
Arkadij Dvorkovich. Foto Niki Riga (FIDE Chess)
Das Statement von Lagno erfolgte via sozialen Medien und besteht in einem Schreiben an den russischen Präsidenten Arkadij Dvorkovich. Der steht vor allem bei europäischen Beobachtern ohnehin auf der Beobachtungsliste, er bevorzuge „seine Russen“ heißt es. Tatsächlich bemüht sich Dvorkovich um eine Normalisierung im Spielbetrieb. Russen dürfen bei der FIDE als Einzelsportler antreten, bekommen aber weder Hymne noch Nationalflaggen. Diese Regelung besteht seit dem Beginn des Angriffskrieges der Russen gegen die Ukraine. Bei der letzten Schacholympiade, dem wichtigsten Team-Event in der Schachwelt, in Budapest fehlten die Russen. Kritiker wie der Carlsen-Sekundant und gebürtige Däne und Schachgroßmeister Peter Heine Nielsen (51) kritisieren diese Regelung offen. Nielsen ist mit der Schachgroßmeisterin und heutigen litauischen Politikerin Viktorija Čmilytė-Nielsen (41) verheiratet.
Lagnos Statement
Kateryna Lagno wurde 1989 in Lemberg (Lwiw) in der westlichen Ukraine, damals noch Teil des Sowjetreiches, geboren. Ihre ersten schachlichen Erfolge erzielte Lagno für die Ukraine, wechselte dann aber 2014 zum russischen Schachverband. Ihr damaliger Wechsel der Verbände hatte im Jahr der Annexion der Krim für Unruhe gesorgt zwischen den Schachverbänden. Lagno ist mit dem russischen Schachgroßmeister Alexander Igorewitsch Grischtschuk (1985) verheiratet und hat vier Kinder. Der war vorher mit der Ukrainerin Natalia Zhukova (1979), ebenfalls Großmeister im Schach, verheiratet. Zhukova lebt in Odessa in der Ukraine.
Den Schönheitspreis bekam Alexandra Kosteniuk eine langjährige sportliche Gegenspielerin von Lagno im Spitzenschach der Frauen. Kosteniuk war zwischen 2008 und 2010 Schachweltmeisterin und ist gebürtige Russin (Perm, Ural). Sie hat sich allerdings vom russischen Verband inzwischen losgesagt und ist verheiratet mit dem bei der FIDE angestellten Pawel Wladimirowitsch Tregubow, 54, einem ebenfalls gebürtigen russischen Schachgroßmeister.
Kosteniuk mit Dana Reizniece Surab Asmaiparaschwili
Den Schönheitspreis vergaben der Georgier Surab Asmaiparaschwili, 65, ebenfalls Schachgroßmeister und Dana Reizniece, eine lettische Frauengroßmeisterin und ehemalige Wirtschaft- und Finanzministerin ihres Landes. Reizniece ist „Deputy Chair“ des Weltschachbundes FIDE(*) und ihr werden Ambitionen nachgesagt, Dvorkovich einmal zu folgen. Die Gemengelage im Weltschach ist allerdings sehr fragil und bisher hat die Lettin ihren Hut noch nie in den Ring geworfen und pflegt eine Coexistenz bei der FIDE. Ihr fehlender Mut anzutreten liegt vermutlich daran, dass wer Präsident oder Präsidentin des Weltschachbundes werden will, nach bisheriger Lesart Geld mitbringen sollte. Bisher gibt es letztlich eine Abhängigkeit der FIDE von russischem Geld und Sponsoren. Ein Kritikpunkt, den insbesondere Peter Heine Nielsen immer wieder anprangert. Aus diesen vielfältigen persönlichen und landmannschaftlichen Zusammenhängen wird deutlich wie wichtig der Weltschachbund FIDE für die russische Föderation zu sein scheint. Im letzten Jahrhundert dominierte die Sowjetunion das Weltschach und stellte die längste Zeit den Schachweltmeister.
(*) In einer früheren Version dieses Textes hieß es Dana Reizniece sei Vizepräsidentin der FIDE. Der Weltschachbund hat mich darauf hingewiesen, dass das falsch ist: Dana Reizniece ist „Deputy Chair“ der FIDE. Das ist missverständlich übersetzt. Dana ist auch „Deputy President“ der European Chess Union (ECU). Wer mehr über die Titel des Managements der FIDE wissen will, der kann sich hier informieren: FIDE Directory – Member Federations and Officials.
Wer sich ein Bild von den beiden erwähnten Partien machen will, der kann das anhand der folgenden Analysen tun. Beide Partien hatten spektakuläre Phasen und auch ich würde Lagnos Partie für geeigneter halten. Ich hatte selbst mal eine andere Meinung zu einem Schönheitspreis bei einer Seniorenweltmeisterschaft in Bukarest. Da ging es aber um etwas anders gelagerte Frage worauf ein Schönheitspreis achten sollte. Ob das allerdings die wahre Ursache für den öffentlichen Frust von Kateryna Lagno ist, kann nur gemutmaßt werden.
Peter Heine Nielsen ist übrigens der Meinung, dass Lagno gar keine FIDE-Turniere spielen sollte, da sie auch immer wieder bei Propaganda-Turnieren von Großmeister Sergey Karjakin, dem ehemaligen Gegner von Magnus Carlsen im WM-Kampf von 2016 in New York, antritt. Karjakin, ebenfalls wie Lagno gebürtiger Ukrainer, ist inzwischen Politiker und versucht Normalität in eroberten ukrainischen Gebiete vorzuspiegeln. Das ist das noch größere Bild im Weltschach.
Lagno – Paehtz
Fotos: Niki Riga (FIDE CHESS). Die Fotos sind in Monaco beim diesjährigen Grand-Prix der Frauen entstanden.
Hinweis
Es sei darauf hingewiesen, dass der Text im Original in deutscher Sprache geschrieben wurde. Gelegentlich gelingt es dem automatischen Übersetzer nicht die Details richtig zu übersetzen. Das gilt gerade bei schachspezifischen Kommentaren. So wurde beispielsweise in einem Text über den ehemaligen Weltmeister Ding der Name in das englische Wort „thing“ übersetzt. Oder das Wort für einen schachlichen Zug wird statt mit „move“ mit „train“ übersetzt. Wir haben keinerlei Einfluss auf solche Übersetzungsfehler der automatischen Übersetzung und können es auch nicht korrigieren – in manchen Sprachen ohnehin nicht. Wir empfehlen daher grundsätzlich das Original und etwas Humor.
Update
28. März 2025 Die Geschichte wird inzwischen bei Chess.com weiter erzählt. Es gab ein wertvolle Uhr von Cartier für den Schönheitspreis und einige Spielerinnen haben sich inzwischen geäußert. Alexandra Kosteniuk hätte sich ebenfalls für die Partie von Lagno entschieden und äußerte sich sehr diplomatisch. Einen politischen Hintergrund sieht sie offenbar nicht. Wer sich für die Weiterentwicklung der Geschichte interessiert, dem sein ein Link zum Artikel von Anthony Levin empfohlen.
An open Letter by Kateryna Lagno 🇷🇺 has been published on why she has withdrawn from the FIDE women's Grand Prix, due to FIDE being anti Russian (!!)
Ill just reiterate my position, so that there is no misunderstanding. Lagno should be banned, due to playing in Karjakins events pic.twitter.com/WwiGsszozc
Ding Chilling ist während des Wettkampfes eine Art Markenzeichen des Chinesen geworden. Es begann mit einer Frage einer Mitarbeiterin des Deutschen Schachbundes. Inzwischen gibt es sogar einstündige Videos mit unterlegter Musik zur Entspannung.
Note: There is an automatic error using „Ding“ in German language it is „thing“ in English. So I for the moment changed the name in the headline to Liren.
Leontxo García ist unzweifelhaft der Großmeister im Raum. Leontxo arbeitet als Journalist bei El País. Ich sitze zufällig neben ihm heute während die zwölfte Partie in Singapur läuft. Ding Liren scheint Gukesh früh am Wickel zu haben. Ich frage Leontxo nach Ähnlichkeiten zur Schachweltmeisterschaft 1987 zwischen Garri Kasparov und Anatoli Karpov. Kasparov war amtierender Weltmeister, hatte die 23. Partie verloren und musste die letzte Partie gewinnen. Als Leontxo antwortet, kommt mir die Idee seine Ausführungen aufzuzeichnen, er ist einverstanden. Dann sprudeln die Worte aus ihm heraus und ich erfahre viel mehr von einem, der Schach lebt und liebt.
Leontxo war 1987 Kommentator im Fernsehen
Die Weltmeisterschaft 87. Das war das vierte Match zwischen Kasparov und Karpov. Es war extrem ausgeglichen. Alles hing von der allerletzten Partie, der 24. ab. Also hatte das spanische Fernsehen jeden Abend ein Sonderprogramm. Und weil die Situation so emotional, so angespannt war, beschlossen die spanischen Fernsehbosse, die allerletzte Partie live zu übertragen. Das ganze Spiel. Laut offizieller Statistik hatten wir damals 13 Millionen spanische Zuschauer, die Schach im Fernsehen sahen. Ich bin mir sicher, dass mehr als 90 Prozent dieser 13 Millionen keine Ahnung von Schach hatten, aber sie drückten einem der beiden aus politischen oder anderen Gründen die Daumen. Ich meine, wir müssen bedenken, dass Karpov und Kasparov Symbole für zwei völlig gegensätzliche Lebensauffassungen im größten Land der Welt waren. Karpov war ein Vertreter der alten kommunistischen Garde, und Kasparov repräsentierte die Perestroika, den Erneuerungsgeist Gorbatschows. Deshalb war es möglich, dass 13 Millionen Menschen dem Schach folgten. Und das ist aus schachlicher Sicht sehr wichtig, denn das ist der Schlüsselmoment, warum Spanien seit dem folgenden Jahr, 1988, das Land in der Welt ist, das jedes Jahr mehr internationale Turniere organisiert, denn unter diesen 13 Millionen gab es natürlich viele potenzielle Sponsoren oder Medienredakteure oder Schuldirektoren oder einfach Mütter und Väter. Ich meine, viele Menschen, die mit dem Schach sympathisierten. Seit diesem Moment.
Eng Chin An (FIDE Chess)
Das Topturnier Linares. Das gibt es nicht mehr. Was ist passiert?
Es gibt nicht zwei verschiedene Realitäten. Spanien ist immer noch das Land in der Welt, das jedes Jahr die meisten internationalen Turniere organisiert. Hunderte. Wenn man Wochenendturniere, Rapid und so weiter mitzählt. Das Linares-Problem ist ein sehr spezifisches. Linares hatte zwei große Probleme zur gleichen Zeit. Zum einen die Wirtschaftskrise, die weltweite Krise im Jahr 2008, und zum anderen die lokale Krise, weil diese allgemeine Krise den Santana-Motor, den größten Industriezweig in Linares und den Schlüsselfaktor für die lokale Wirtschaft, dazu zwang die Fabrik zu schließen. Und das bedeutete, dass die Arbeitslosigkeit in Linares auf über 50 Prozent anstieg. Es war also eine schreckliche Situation eingetreten, und dann mussten sie sich entscheiden, etwas zu ändern. Es tut mir leid, dass sie ihre Herangehensweise an das Schachspiel komplett geändert haben, anstatt Geld zu investieren, um die Stadt in der ganzen Welt berühmt zu machen. Was sie nun seit vielen Jahren tun, ist, dass sie jedes Jahr einige spanische Meisterschaften in verschiedenen Kategorien organisieren, zu denen viele Leute anreisen und die Kosten selbst tragen. Und jetzt lässt das Schachspiel Geld in Linares, anstatt Geld zu nehmen.
Wie beliebt ist Schach in Spanien?
Fußball ist natürlich wie eine Religion in Spanien. Fußball ist also eine andere Kategorie. Schach ist besonders beliebt als pädagogisches Mittel. Am 11. Februar 2015. In unserem Parlament geschah etwas, was ich ein Wunder nenne. An diesem Tag war ich sehr versucht, den Vatikan anzurufen, um ein Wunder zu melden, denn alle spanischen politischen Parteien, ohne Ausnahme, waren sich einig. Dies ist ein Wunder in Spanien. Und ich hatte Schach als pädagogisches Mittel empfohlen. Nach der Empfehlung des Europäischen Parlaments vor drei Jahren hatten wir in Spanien ein föderales System für die Bildung, was bedeutet, dass jede Region, abgesehen von den sehr großen autonom über die Bildung entscheidet. Von unseren 17 Regionen haben zehn bereits Schach in den Lehrplan aufgenommen, wobei Tausende von Schulen, die Schach als außerschulische Aktivität nutzen, nicht mitgezählt werden.
Leontxo ist nicht nur Journalist…
Ganz am Anfang, als ich anfing, als Schachjournalist zu arbeiten, 1983 entdeckte ich, dass Schach sehr interessante Verbindungen zu wichtigen Bereichen des menschlichen Wissens hat: Bildung, Psychologie, Psychiatrie, Neurologie, Mathematik, künstliche Intelligenz, Kino, Literatur, internationale Politik und so weiter. Deshalb ist meine Zeitung, El Pais, diejenige in der Welt mit den meisten Schachinhalten. Einige dieser Schachinhalte sind nur Schach, für echte Schachliebhaber. Meine tägliche Kolumne beispielsweise ist eine kommentierte Partie einer Woche. Mein wöchentliches Video zeigt meist eine der brillantesten Partien der Geschichte, kommentiert von mir. Aber es gibt auch andere Inhalte. Zum Beispiel schicke ich jeden Donnerstag einen Newsletter an die Abonnenten, und nutze das als eine Art Entschuldigung, um über alles zu schreiben. Am interessantesten ist sicherlich der Bezug zum Thema Bildung. Wir haben starke wissenschaftliche Beweise und lange und ernsthafte Erfahrungen in der ganzen Welt. Man kann sagen, dass Schach ein sehr mächtiges Instrument ist oder sein kann.
sondern auch Vortragsreisender…
Ich halte viele Vorträge und gebe auch Workshops. Ich habe mehr als 30.000 Lehrerinnen und Lehrer in mehr als 30 Ländern darin geschult, wie man Schach als transversales und interdisziplinäres Werkzeug einsetzen kann. Transversal bedeutet zum Beispiel, dass Schach mit emotionaler Intelligenz kombiniert wird, was transversal für alle Fächer ist und ein sehr wichtiges Feld für innovative Bildung im 21. Interdisziplinär bedeutet, dass zum Beispiel, aber nicht nur, ein großer Teil der Mathematik, Geometrie, Arithmetik, Algebra durch Schach auf eine sehr lustige Art und Weise erklärt werden kann. Die Schüler lernen durch das Spielen und das Spielen durch das Lernen, und für die Lehrer ist das sehr effizient. Und das funktioniert sehr gut in mehreren Ländern.
und internationaler Botschafter
Ich war bisher in vielen Ländern, das am weitesten fortgeschrittene und eines der Länder, das ich als Modell für gute Praktiken empfehlen kann, ist natürlich Ungarn. Die Judit Polgar Stiftung macht das sehr gut. Einige spanische Regionen, fünf davon, nämlich Katalonien, Aragonien, Andalusien, die Kanarischen Inseln und die Balearen. Dann drei argentinische Provinzen Santa Fe, San Luis und Buenos Aires City. Und Uruguay. In Mexiko gibt es einige sehr interessante Erfahrungen an verschiedenen Orten. Die Regierungen von Panama, Paraguay und Costa Rica haben in den letzten Jahren Entscheidungen zugunsten des Schulschachs getroffen. Wir müssen also noch ein wenig auf die Entwicklung warten. Dann im Vereinigten Königreich. Diese Stiftung von Malcolm Pein läuft schon seit einigen Jahren recht gut, mit einem guten Grad an Zufriedenheit unter den Lehrern. In Deutschland, ich glaube in Hamburg, hat man einige interessante Erfahrungen gemacht, und ich spreche hier von einem rein pädagogischen Test. Wenn wir über Schach in Schulen als Sport sprechen, dann müssen wir natürlich auch über Russland, Kuba, die Türkei und einige andere Länder sprechen. Andorra habe ich nicht erwähnt. Andorra ist sehr klein, aber die Qualität dessen, was sie im Schulschach tun, ist sehr hoch. Das ist gut.
Leontxo über den Argentinier Faustino Oro
Natürlich ist ein Wunderkind wie Faustino aus Sicht der Vermarktung von Schach erfreulich. Ich kann Beispiele nennen: Jeder weiß, was Rafael Nadal für das Tennis in Spanien bedeutet. Oder wenn wir über Schach sprechen, Vishy Anand in Indien. Faustino ist ein sehr interessanter Glücksfall, kann ich sagen. Natürlich ist das nicht objektiv, aber ich bin davon überzeugt. Faustino ist der intelligenteste zehnjährige Schachspieler, den ich je gesehen habe. Ich meine, ich kann mich an keinen anderen zehnjährigen Spieler erinnern, der so gut gespielt hat wie Faustino im Alter von zehn Jahren. Aber eine Einschränkung bei historischen Betrachtungen gibt es. Wenn wir vergleichen, wie viele Stellungen pro Tag haben Bobby Fischer oder Judit Polgar jeden Tag auf Papier gesehen? Ich meine Bücher, Zeitschriften, Zeitungen. Und wir vergleichen diese Zahl mit der Zahl an Positionen die Faustino Oro jeden Tag mit der modernen Technologie sieht. Das bedeutet zunächst, dass seine Entwicklung viel schneller voran schreitet. Meine Schlussfolgerung ist, dass Faustino Oros Talent nicht unbedingt ein größeres Talent haben muss als Bobby Fischer. Aber erkennbar macht er größere Fortschritte.
Foto: Michal Walusza (FIDE Chess)
Argentinien oder Spanien?
Sie sind jetzt in Argentinien, weil Faustino die argentinische Meisterschaft gespielt hat und jetzt zur Rapid-Weltmeisterschaft in New York fährt. Aber soweit ich weiß, ist es ihr Plan, nach Badalona zurückzukehren, das ganz in der Nähe von Barcelona liegt. Faustino ist ein sehr liebenswerter Junge. Er ist nicht nur ein Kindergenie, sondern er ist auch sehr nett. Es ist sehr nett, mit ihm zu reden, ich war bei ihm zuhause. Wir sind sehr froh, ihn in Spanien zu haben, natürlich.
Während Gukesh sich während laufender Turniere grundsätzlich von Social Media fern hält, nutzt Ding Diskussionen auf Social Media zum Entspannen. Dabei bekommt der Chinese möglicherweise manche Diskussionen mit, lässt sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen, sagt er. Tatsächlich laufen auf verschiedenen Kanälen manche Diskussionen aus dem Ruder. Kommentatoren und Streamer, selbst mit meinungsstarken Maschinen bewaffnet, kritisieren die Spieler und halten das Niveau für nicht so berauschend. Objektiv betrachtet sieht es anders aus.
Einer, der sich beruflich mit Datenanalysen und deren Interpretation beschäftigt ist Mehmet Ismail, Wirtschaftswissenschaftler und Spieltheoretiker für Norway Chess im Einsatz. Ismail hat über eine Milliarde an Schachzügen einer Analyse unterzogen und seine eigenen Berechnungen angestellt, die über das einfache Interpretieren von Genauigkeitsdaten hinausgehen. Einige seiner spannendsten Erkenntnisse dazu.
Schach Weltmeisterschaften – immer präziser
Die Abbildung von Mehmet Ismail zeigt einen Trend abnehmender Fehlpunkte (zunehmende Genauigkeit) im Laufe der Zeit. Dieser Trend steht im Einklang mit einer unabhängigen Stockfish-Analyse auf Tiefe 20 und mit anderen früheren Studien sowie der allgemeinen Einschätzung führender Großmeister.
Bis zum Match 1921 lag der Durchschnitt der Spieler bei mehr als einem verpassten Punkt pro Spiel, was bedeutet, dass ihre Fehler sich zu mehr als einem bedeutenden Fehler pro Spiel summierten. Im Laufe der Jahre sind die durchschnittlich verpassten Punkte deutlich zurückgegangen.
Schon vor den Schachprogrammen lernten Schachspieler von der vorherigen Generation und die Eröffnungen verbesserten sich. Infolgedessen hat sich die Gesamtgenauigkeit erhöht. Auch Schachprogramme haben zu dieser Steigerung beigetragen.
Mehmet Ismail im Dezember 2024.
Beim Schach geht es Ismail zufolge jedoch nicht nur um Präzision, sondern auch darum, kalkulierte Risiken einzugehen. Hierfür hat der Datenexperte den Game Intelligence (GI)-Score entwickelt, der einen Kompromiss zwischen dem Spielen der Hauptvariante und dem Abweichen davon zum Eingehen von gezielten Risiken erfasst. Um die GI-Werte der Spieler zu messen, hat Ismail mehr als eine Milliarde Schachzüge analysiert. Über eine Million dieser Züge wurden von den weltbesten Schachgroßmeistern ausgeführt. Der durchschnittliche menschliche GI-Wert ist auf 100 standardisiert, mit einer Standardabweichung von 15. Dies bedeutet, dass 68 Prozent der Schachspieler einen GI-Wert zwischen 85 und 115 aufweisen.
Player
GI score
Missed points
TPR
Games
Magnus Carlsen
160,1
0,44
2848
56
Viswanathan Anand
158,7
0,43
2790
88
Vladimir Kramnik
157,2
0,54
2803
65
Garry Kasparov
157,2
0,54
2725
197
Veselin Topalov
156,4
0,52
2736
23
Liren Ding
156,4
0,56
2789
26
Anatoly Karpov
155,7
0,61
2725
194
Jose Raul Capablanca
153,6
0,72
48
Robert James Fischer
153,1
0,87
2749
20
Tigran V Petrosian
150,6
0,89
69
In dieser Tabelle von Mehmet Ismail (Stand: 2024, 12 Partien in Singapur gespielt) sind die Ergebnisse der Weltmeister bei Partien in Schachweltmeisterschaften aufgeführt.
Wie man die Daten interpretieren sollte
Wie die Tabelle zeigt, ist Viswanathan Anand mit einer durchschnittlichen Punktzahl von 0,43 pro Partie der Spieler mit der höchsten Genauigkeit. Magnus Carlsen sticht jedoch mit dem höchsten GI-Wert von 160 heraus, was darauf hindeutet, dass Carlsens Spielstil, der nicht immer dem besten Zug des Computers folgt, dazu neigt, seinen Gegnern im Vergleich zu anderen Spielern mehr Fehler zu entlocken.
WM Match Singapur zwischen Ding Liren und Gukesh
Beide Spieler haben laut der Top-Schachengine Stockfish während des Matches in den ersten 12 Partien auf identischem Niveau gespielt, obwohl es vier entscheidende Partien gab. Ihre durchschnittlichen Fehlpunkte pro Partie lagen bei lediglich 0,4. Das deutet laut Mehmet Ismail darauf hin, dass die Fehler während der Partien insgesamt weniger als einen schwerwiegenden Fehler pro Partie ausmachten. Dieses hohe Maß an Genauigkeit macht das Match zum zweitgenauesten Weltmeisterschaftsmatch der Geschichte, das nur von der legendären Begegnung zwischen Garry Kasparov und Viswanathan Anand im Jahr 1995 übertroffen wird.
Foto: Eng Chin An (FIDE Chess)
Ich kann nicht wirklich glauben, dass es das bisher genaueste Spiel ist.
Herausforderer Gukesh nach der siebten Partie.
Foto: Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess)
Vielleicht vor diesem Spiel.
Weltmeister Ding Liren nach der siebten Partie.
Analyse von Mehmet Ismail
Ich möchte drei kritische Stellungen aus der 11. Partie ansprechen, die entweder kurz vor einem Fehler stehen oder bei denen die Spieler sehr lange (mehr als 15 Minuten) zum Rechnen brauchen.
Zum Beispiel spielte Ding in dem ersten Diagramm in dieser Stellung den Damenzug nach c8. Dies führte zu einem verpassten Punkt von 0,4, was bedeutet, dass Ding, wie oben definiert, von einer fast objektiv ausgeglichenen Stellung in eine Verluststellung geriet. Beachten Sie die Logik, dass 0,5 verpasste Punkte bedeuten, dass man von einer ausgeglichenen zu einer Verluststellung übergeht.
In dem zweiten Diagramm ist die Stellung abgebildet kurz bevor Gukesh laut Engine einen Fehler begeht, indem er Tdb1 zieht. Dies ergibt 0,34 verpasste Punkte, da Weiß zwar einen bedeutenden Vorteil verliert, aber immer noch besser steht. Es handelt sich also um eine geringere verpasste Chance als bei Dings Fehler.
Im dritten Diagramm ist die Stellung vor dem Fehler mit dem Bauernzug auf e7-e6 dargestellt, der mit 0,44 verpassten Punkten erheblich ist.“
Über die Grenzen von Datenanalysen
Was die Analyse der Spielqualität im Schach betrifft, so glaubt Mehmet Ismail, dass nan versuchen sollte, die Qualität des Spiels so genau wie möglich zu messen, denn obwohl Engines viel stärker sind als Menschen, können Standardmethoden wie der Verlust von Hundertstelbauern oder die Genauigkeitsrate zu irreführenden Ergebnissen führen. Zweitens sei die Analyse der Zugqualität zwar nützlich, aber man sollte ihre Grenzen anerkennen.
Ein Beispiel dazu: Ein perfektes Spiel zu spielen und zu gewinnen ist etwas ganz anderes als ein perfektes Spiel zu spielen und ein Unentschieden zu erzielen; in beiden Fällen mag das Spiel perfekt sein, aber im ersten Fall macht der Gegner einen Fehler und im zweiten Fall nicht. Der GI-Score zielt darauf ab, die Unterschiede zwischen den beiden unterschiedlichen Spielsituationen zu erfassen. Es gibt laut Ismail noch viel mehr Möglichkeiten, Schachstatistiken aus menschlicher Sicht verständlicher und interpretierbarer zu machen.
Verwendete Definitionen und Methoden
Verpasste Punkte
Die Werte sind durchschnittliche verpasste Punkte pro Partie. 1,00 und 0,50 verpasste Punkte sind gleichbedeutend mit einem spielverlierenden Fehler in einer Gewinn- bzw. Remisstellung. Im Gegensatz dazu bedeuten 0 verpasste Punkte ein perfektes Spiel. Verpasste Punkte messen die Punkte, die ein Spieler in einem Spiel gemäß der Engine verpasst. Jeder Fehlzug wird anhand der Gewinn-Unentschieden-Verlust-Wahrscheinlichkeit des obersten Engine-Zugs und des tatsächlichen Zugs berechnet.
Wenn man beispielsweise in einer Gewinnstellung einen Fehler macht, der zur Niederlage führt, ist das 1 verpasster Punkt, während ein Fehler in einer Remisstellung 0,5 verpasste Punkte bedeutet. 0 verpasste Punkte bedeutet perfektes Spiel.
Was ist mit Spielintelligenz (GI) gemeint?
Der GI-Wert kombiniert die menschliche Leistung mit der Engine-Analyse und misst die Fähigkeit der Spieler, strategische Risiken einzugehen. Die GI-Punktzahl steigt, wenn man mehr Punkte gewinnt und gegen stärkere Gegner punktet, aber sie sinkt bei Fehlern. Der durchschnittliche GI-Wert eines Schachspielers liegt bei 100. Etwa 68 Prozent der Spieler haben einen GI-Wert zwischen 85 und 115. Die Gewinner von Superturnieren erreichen in der Regel einen GI-Wert von 160 oder mehr.
Methodenhinweise
Jeder Fehler wird anhand der Gewinn-Remis-Verlust-Wahrscheinlichkeit des besten Engine-Zuges und des tatsächlichen Zuges des Spielers berechnet. Mit diesem Verfahren ist es möglich, Probleme bei der Interpretation zu vermeiden, die mit den weit verbreiteten durchschnittlichen Bauernverlust-Metriken einhergehen. Für die Engine bedeutet eine Änderung der Bewertung von +9,0 auf +7,0 oder von +2,0 auf 0,0 einen Verlust von zwei Bauerneinheiten; aus menschlicher und praktischer Sicht gibt es jedoch einen großen Unterschied zwischen den beiden Änderungen. Aus diesem Grund liefert die Arithmetik, z. B. das Addieren und Bilden des Durchschnitts von Verlusten in Hundertstelbauern, aus menschlicher Sicht im Allgemeinen keine aussagekräftigen Ergebnisse.
Ebenso sind Ergebnisse mit prozentualer Genauigkeit möglicherweise nicht intuitiv. Beispielsweise hatten die Spieler im aktuellen WCC sowohl in Partie 2 als auch in Partie 7 eine Genauigkeit von etwa 96 %. Allerdings hatten die Spieler in Partie 2 0,07 Punkte, was ein nahezu perfektes Spiel bedeutet, während sie in Partie 7 1,00 Punkte verfehlten, was einem spielentscheidenden Fehler in einer Gewinnstellung entspricht. Spiel 7 war zwar ein ganz anderes Remis als Spiel 2, da Spiel 7 sehr lange dauerte, was jedoch den Genauigkeitswert verzerrt.
Mehmet Ismail berücksichtigt für seine Analysen alle Züge in einer Partie, beginnend mit dem ersten Zug. Er verzichtet auf das Herausnehmen von Eröffnungszügen. Das begründet Ismail so: Ihm sei erstens kein zuverlässiger Datensatz bekannt, der die ersten Züge außerhalb des Buches enthält, und zweitens würde es ohnehin wenig ändern, da verpasste Punkte eine Statistik auf Spielebene sind (sie wird nicht durch die Zuganzahl geteilt).
Über Mehmet Ismail
Mehmet Ismail ist Dozent für Wirtschaftswissenschaften an der Abteilung für politische Ökonomie des King’s College London. Zu seinem akademischen Hintergrund gehört seine Promotion in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Maastricht. Mehmet hat außerdem einen Master in angewandter Mathematik von der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne und verbrachte ein Semester an der Universität Bielefeld im Rahmen des Erasmus Mundus QEM-Programms.
Neben seiner akademischen Tätigkeit ist Mehmet ein leidenschaftlicher Schachliebhaber und ehemaliger professioneller Backgammon-Spieler. Seine Leidenschaft für Spiele geht weit über das bloße Spielen hinaus; er ist fasziniert von der facettenreichen Welt der Spiele und erforscht alles von theoretischen Grundlagen und praktischen Anwendungen bis hin zu Spieldesign, Fairness und dem Spiel selbst. Mehmet ist für Norway Chess als Experte für Spieltheorie im Einsatz.
Interessierte Leser können auf GitHub weitere Informationen und Details der Analysen von Mehmet Ismail finden.
Google ist Titelsponsor der Schachweltmeisterschaft in Singapur 2024 und hat zur Weltmeisterschaft eine sehr informative Website mit vielen Informationen zum Schach bereitgestellt. Ästhetisch sind die Informationen hochwertig präsentiert. Eine uneingeschränkte Empfehlung
Bei der Entwicklung von Alpha Zero ging es den Entwicklern darum zu Lernen um zu lernen. Dieser Prozess ging weiter mit Alpha Go und führte zur Gründung von Googles Deep Mind. Zuletzt war ein Nobelpreis in Chemie das Ergebnis an dem der Gründer Demis Hassabis (Jahrgang 1976) und John Jumper (Jahrgang 1985) von Deep Mind entscheidend mitgewirkt haben.
Zu Beginn der Weltmeisterschaft hielt ein anderer Wissenschaftler Nenad Tomasev einen Vortrag und stellte sich Fragen. Wie wird Künstliche Intelligenz unsere Welt verändern? Hier sehen wir erste Erfolge und mit Schach fing alles an.
Ding Liren und Gukesh sitzen in einer Art schalldichtem Glashaus, Cube genannt. Ein solcher Cube kam bei Weltmeisterschaften bereits vorher zum Einsatz: In London 2018 sah das räumliche Szenario ähnlich aus. Zu Beginn führt die Pressebetreuerin der FIDE akkreditierte Fotografen für einen kurzen Moment in den Raum. Die Konstruktion ist erst kurz vor der Weltmeisterschaft zusammengebaut worden, da vorher eine andere Veranstaltung am Spielort stattfand. Von draußen kann man rein, von drinnen nicht raus sehen. Es spiegelt sich.
Beide Fotos: Maria Emelianova (FIDE Chess)
Zu Beginn müssen die Spieler die üblichen Startrituale über sich ergehen lassen. Maurice Ashley gibt den Ansager wie bei einem Boxkampf und stellt die Spieler und Gäste vor. Den ersten Zug führt Demis Hassabis aus, selbst ein passabler Schachspieler und ehemaliges Wunderkind, aber vor allem ist er das Mastermind hinter Alpha Zero und später Alpha Go, einer selbstlernenden Künstlichen Intelligenz für Googles Deep Mind. Hassabis erhielt jüngst den Nobelpreis in Chemie. Gukesh flüstert ihm 1.e4 als Startzug zu und Gukesh bleibt in der Partie später dabei. Er hätte es ändern können, die Schiedsrichterin hatte den Zug auf dem Brett zurück gestellt. Vermutlich wäre das im Duell allerdings eher ein Zeichen der Schwäche gewesen. So etwas macht keiner. Die Partie beginnt also mit dem Zug des Königsbauern. Es ist nicht ungewöhnlich und strategisch im Match sinnvoll, die Eröffnungen des Gegners gegen die Hauptzüge 1.e4 und 1.d4 frühzeitig auszutesten.
Maria Emelianova (FIDE Chess)
Ding antwortet auf den Königsbauernzug seines Gegners etwas überraschend für die meisten Kommentatoren mit der Französischen Verteidigung. Dabei hat Ding immerhin über 70 Partien mit dieser Verteidigung auf dem Brett gehabt. Häufiger hat er nur klassisch geantwortet und früher war er gefürchtet für seine Angriffspartien in einigen scharfen Varianten nach der spanischen Eröffnung. Häufiger als Französisch hatte der Weltmeister die Caro-Kann-Verteidigung gespielt, wenn er nicht klassisch (1…e5) spielen wollte. In der Pressekonferenz kam später Richard Rapport der Sekundant ins Spiel, Ding lobt ihn als großen Französisch-Experten, was richtig ist, aber Richard spielt vor allem den Zug mit dem Läufer nach b4, die so genannte Winawer-Variante oder typisch Rapport den etwas ausgefalleneren Springerzug nach c6. In der klassischen Variante, die in der ersten Partie auf das Brett kam, findet man keine Partie von Richard Rapport.
Die Eröffnungswahl ging für Gukesh nicht gut aus. Der Inder hatte zuvor bereits mehrfach die Steinitz-Variante mit Vorstoß des eigenen e-Bauern nach e5 gespielt. Den sechsten Zug mit seinem Damenspringer nach e2 hatte Gukesh bisher noch nicht angewandt. Er wird diese Variante nach meiner Einschätzung in diesem Kampf auch nicht wiederholen. Die Partie wurde allerdings nicht in der Eröffnung entschieden. Der erste wirklich kritische Moment in der Partie sah so aus:
In diesem Moment entscheidet sich, ob es Weiß gelingt seine Figuren vernünftig zu koordinieren. Er sollte um das Feld c4 kämpfen und dafür seinen Läufer nach f1 umgruppieren. Dafür hätte Gukesh am besten mit dem Zug seines Läufers nach e1 begonnen, um das Feld f3 für seinen Turm freizumachen. Stattdessen entschied sich Gukesh für einen passiv gedachten Zug mit seinem a-Turm. Danach wurde es zunächst einseitig und Liren überspielte seinen jungen Gegner.
In dieser Stellung sahen beide Spieler einen kleinen taktischen Trick und brachen mit wenig Restbedenkzeit – Gukesh hatte noch etwas mehr als zehn Minuten auf der Uhr – die Berechnungen ab. Nach dem Schlagen des Bauern auf h7 sieht es zunächst gut aus für den Inder, aber Schwarz hat einen Trickzug zur Verfügung. Er gibt das ablenkende Damenschach auf d4. Weiß kann das nicht ignorieren, da der h4-Bauern nach einem Seitenschritt mit dem König mit Schach fällt.
Die Partie war nach dem Damenzugpaar nach c2 und c4 entschieden. Wer mehr wissen will, kann sich die Analyse der Partie anschauen.
Die Fotos zur Partie zeigen wie Gukesh zunächst zusammenbricht. Das erinnerte an die siebte Runde in Toronto nach seiner Niederlage gegen Alireza Firouzja. Ding war natürlich besserer Laune und erlaubte sich die Journalisten auf die eine oder andere falsche Fährte zu locken. Als er eine Frage auf chinesisch gestellt bekam und sehr schnell antwortet, wirkten die Verantwortlichen überrascht, denn eine Übersetzung fand nicht statt. In der Pressekonferenz war das Supportteam von Liren ebenfalls dabei. Sein Vater ist eher ein seltener Gast bei seinen Turnieren. Der Chinese wird normalerweise nur von seiner Mutter begleitet. Gukesh zeigte sich nachdenklich, war aber voll präsent bei der Presskonferenz. Die Schachwelt kann aufatmen. Liren hat sein Lächeln zurück gefunden.
Eng Chin An (FIDE Chess)Eng Chin An (FIDE Chess)Maria Emelianova (FIDE Chess)Maria Emelianova (FIDE Chess)Eng Chin An (FIDE Chess)
„Das war ein taktisches Versehen von mir. Das kann passieren, es ist ein langes Spiel. Was die Form meines Gegners angeht, habe ich nichts anderes erwartet. Ich habe die beste Version von ihm erwartet, und wir haben ein langes Match vor uns, also ist es jetzt nur noch spannender.“ Gukesh nach seiner Niederlage in Runde 1.
Hintergrund: Via Youtube. Diese interessante Dokumentation stellt Google Deep Mind selbst auf Youtube zur Verfügung.
Eine Schachanalyse ist die detaillierte und nachträgliche Untersuchung und Bewertung einer Schachpartie. Betrachtet werden einzelne Züge, verfolgte Strategien oder einfach bestimmte Positionen. Inzwischen weiß man, dass bei bestem Spiel beider Seiten eine Schachpartie mit Remis enden sollte. Insofern ist es eine wichtige Aufgabe Kipppunkte zu identifizieren, also Momente, bei denen die Bewertung objektiv eine Unwucht bekommt. Sie umfasst das Prüfen von Eröffnungen, Mittelspielstrategien und Endspieltechniken, um die Stärken und Schwächen eines Spiels oder eines Spielers zu erkennen. Dabei werden oft auch alternative Züge und deren mögliche Konsequenzen betrachtet. Schachanalysen können sowohl manuell durch erfahrene Spieler als auch mit Hilfe von Schachcomputern und -software durchgeführt werden. Ziel ist es, das Verständnis für das Spiel zu vertiefen und die eigenen Fähigkeiten zu verbessern.
Vier Hauptziele einer Partieanalyse
1. Kipppunkt(e) bestimmen
Es ist für die retrospektive Analyse entscheidend ab wann eine Partie von einer ausgeglichenen Stellung in eine schlechtere Stellung oder sogar in eine verlorene Stellung überführt wurde, gekippt ist. Schachengines können da helfen.
Automatische Analyse mit dem Li-Chess-Tool
Der obige Chart zeigt den Verlauf einer zufällig ausgewählten Schachpartie in der Darstellung von Lichess, einem Internetportal bei dem Spieler ihre Partien in einem Schnelldurchlauf mit einer Schachengine prüfen können. Wir erkennen, dass Weiß zu Beginn einen leichten Vorteil hatte und, dass erst im Endspiel wirklich etwas los war. Der Schwarzspieler dieser Partie stand fünfmal auf Gewinn (Zacken nach unten), bekam es aber zunächst nicht hin. Für die Analyse hieße das, dass man die Zacken und die Absturzmomente – die Extrempunkte – genauer untersuchen sollte. Genau auf diese Weise analysieren Charttechniker an der Börse Kursverläufe und hoffen daraus die richtigen Schlüsse für zukünftige Entwicklung vorherzusagen. Beim Schach hat man seine Geschicke weitgehend selbst in der Hand.
2. Fehler entdecken
Am besten kann man nach einer Schachpartie zumindest Vermutungen darüber anstellen, welche eigenen oder gegnerischen Züge nicht sonderlich gelungen waren. Dieser Teil wird heutzutage zu häufig von starken Engines wie „Stockfish“ übernommen, die taktische Überprüfungen anstellen. Wer allerdings glaubt, dass die taktischen Engineanalyse die absolute Wahrheit erzählt, liegt falsch.
3. Verbesserungen suchen
Wenn man etwas Selbstdisziplin aufbringt und ohne Rechnerhilfe nach Lösungen für praktische Probleme sucht, dann verbessert man als Schachspieler sein Verständnis des Spielgeschehens.
4. Eigene Schwächen ermitteln.
Es geht nicht darum sich selbst zu zerfleischen in der nachträglichen Partieanalyse. Aber jede Partie kann Fragen aufwerfen: Was ist in der Eröffnung falsch gelaufen? Warum habe ich im Mittelspiel keinen Plan gefunden? Warum war mein Zeitverbrauch so hoch? Konnte ich im Endspiel bestimmte Stellungen nicht bewerten? Welches Wissen fehlte mir? Und viele weitere Fragestellungen sind denkbar.
Lebenslanges Lernen ist das Ziel
Das Ziel der Partie- oder Stellungsanalysen ist es, Verbesserungsideen für das eigene Spiel zu sammeln und möglichst bei der nächsten Gelegenheit anzuwenden. Dieser Verbesserungsprozess ist für jeden Schachspieler jeder Spielstärke möglich. Weltklassegroßmeister können allerdings als schon gut ausgebildete Spieler nur kleine Schritte machen. Sogar Magnus Carlsen kann besser werden. Allerdings haben mehrere führende Großmeister seine Schwächen nicht wirklich aufdecken können in fünf Weltmeisterschaftskämpfen.
Das AI-generierte Beitragsbild zeigt ein mechanisches Schloss im Stil eines „Da Vinci“-Codeschlosses. Es besteht aus mehreren rotierbaren Ringen mit Buchstaben darauf, die in Reihen angeordnet sind. An den Enden befinden sich dekorative Kappen mit geometrischen Mustern und Symbolen. Die Oberfläche der Buchstabenringe ist metallisch und detailliert mit Gravuren. Das Schloss hat einen antiken und mystischen Charakter und scheint für ein Rätsel oder eine Geheimhaltung konstruiert worden zu sein. Dieses Design erinnert an ein mechanisches Zahlenschloss, jedoch mit Buchstaben anstelle von Zahlen, und wird oft in Abenteuerspielen oder Geschichten verwendet, um eine geheime Botschaft zu entschlüsseln. Schachpartien sind solche Rätsel zumindest für die meisten Schachspieler.
Im Ecosystem des Schachsports erscheint immer wieder ein neuer Stern, der die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zieht. Manche leuchten besonders hell. Einer dieser aufstrebenden Stars ist der junge indische Schachgroßmeister Dommaraju Gukesh. Mit seinen beeindruckenden Leistungen hat Gukesh nicht nur die indische Schachszene erobert, sondern insbesondere 2024 international für Aufsehen gesorgt. Sein nächstes großes Ziel ist der bevorstehende Weltmeisterschaftskampf in Singapur gegen den chinesischen Titelverteidiger Ding Liren.
Foto: John Brezina
Wer ist Gukesh?
Dommaraju Gukesh, so sein vollständiger Name, wurde am 29. Mai 2006 in Chennai, Indien, geboren. Als das Talent sichtbar wurde ging sein Vater, ein Arzt, mit seinem Sohn auf Reisen und förderte so die Karriere seines Sohnes. 2015 steht Gukesh als Candidate Master in den Titelbüchern und drei Jahre später war Gukesh bereits Internationaler Meister. Im Jahr 2019 folgte der Titel eines Großmeisters und war zu diesem Zeitpunkt der zweitjüngste Spieler, dem dies gelang. Mit seinen überragenden Rechenkünsten hat er sich schnell als Topgroßmeister etabliert und 2024 seinen endgültigen Durchbruch im Spitzenschach geschafft.
Gukesh 2019. Foto: Dariusz Gorzinski
Der eigene Weg – zunächst Verzicht auf Computerunterstützung
Auf Anraten seines langjährigen Trainers Vishnu Prassana verzichtete der Jungmeister lange Zeit auf den Einsatz von Computern und Schachengines bei der Vorbereitung und Analyse. Diese heutzutage eher ungewöhnliche Herangehensweise stärkte letztlich seine Rechenfähigkeiten und förderte seine Kreativität bei der Suche nach eigenen Lösungen. Gukesh gilt als der rechenstärkste Großmeister seiner Generation. Zudem hat diese Methode den positiven Nebeneffekt erzielt, dass Gukesh seinen Rechenfähigkeiten scheinbar uneingeschränkt vertraut. Selbstbewusstsein.
Gold bei der Schacholympiade. Foto: Nils Rohde
Rituale
In der Leichtathletik können die Zuschauer am Fernseher beobachten wie sich die Sportler auf anstehende Wettbewerbe innerlich vorbereiten. Die Sportlerinnen oder Sportler gehen dann häufig einen Hürden-Lauf oder Hochsprung beispielsweise vor dem geistigen Auge durch. Das gilt ebenfalls für Slalom-Skifahrer, die sich auf die Wendungen im anstehenden Rennen vorbereiten. Bei vielen Schachspielern ist das ähnlich, wobei hier natürlich die anstehenden Wendungen in einer Partie nicht vorweg genommen werden können. Viele Schachspieler folgen einem Ritual, um sich auf die Partie einzustimmen.
Budapest 2024. Foto: John Brezina
Bei der Schacholympiade in Budapest 2024 konnte man bei Gukesh jeden Tag den gleichen Ablauf beobachten: Nach der obligatorischen Kontrolle am Eingang, die inzwischen an Flughafenkontrollen erinnern, stürmte Gukesh zu seinem Brett. Er hatte offensichtlich keine Lust auf Smalltalk mit seinen Kolleginnen und Kollegen vor den Partien. Er war fokussiert auf die anstehende Partie. Ein Videofilmer von Chessbase India folgte Gukesh jeden Tag mit einem Abstand von ein bis zwei Metern und hatte Probleme dem Tempo von Gukesh zu folgen. Einmal am Brett begann der Inder sein tägliches Ritual, das man bei ihm vor jeder Partie beobachten kann. In Toronto hatte ich es vor jeder Runde beobachtet. Mit verschränkten Armen sitzt der Youngster am Brett, schließt die Augen, fokussiert sich auf die anstehende Aufgabe, vermutlich ist es eine Form der Meditation, die man vor den Partien bei Gukesh beobachten kann.
Sobald die Partie beginnt gibt es den obligatorischen Handschlag für den Gegner und dann kommen die vorbereiteten Züge auf das Brett. Mit dann offenen Augen spielt er seine Partien und steht eher selten vom Brett auf. Steht Gukesh länger sieht es meist gut für ihn aus. Nach einem längeren Endspiel gegen den Aseri Nijat Abasov beim Kandidatenturnier in Toronto beispielsweise beobachteten einige Zuschauer, dass Gukesh aufstand und sich reckte. In Jugendsprache, er „flexte“. Ein vermutlich unbewusstes Signal an den Gegner, dass die Sache entschieden ist.
Auch zum Partieende folgt ein Ritual. Zunächst unterschreibt er wie alle Spieler es müssen die Partieformulare, die dann von einem Schiedsrichter im Original eingesammelt werden. Der Inder falltet seinen Durchschlag akurat und steckt ihn ein. Danach bringt Gukesh das Brett in Ordnung. Er baut die Figuren auf, was nicht jeder Schachspieler macht und was auch nicht vorgeschrieben ist. Danach folgen eingespielte Handbewegungen und ein Tippen an die Stirn sowie auf den Schachtisch. Ein indischer Geschäftsmann und Sponsor von Gukesh bezeichnet das in Toronto im Gespräch als eine Respektsbekundung für das Spiel. Das scheint eine gute Interpretation zu sein.
Spielstil
Gukeshs Weg zur Spitze war von zahlreichen Erfolgen und einem stetigen Spielstärkeaufwuchs geprägt. Er war einer der aktivsten Spieler auf der Tour und nahm an vielen internationalen Open-Turnieren teil. Das war eine Notwendigkeit, um finanzielle Mittel zu generieren und weil Einladungen für Rundenturniere nicht reinkamen. Das stählt. Der Inder ist in der Regel nicht auf den schnellen Punkt aus, sondern er lernte durch Vermeiden von eigenen Fehlern viele Punkte einzusammeln. Insofern ist sein Spielstil vergleichbar mit dem von Spielern wie Magnus Carlsen oder Anatoly Karpov, um ganz oben ins Regal der Vergleiche zu greifen.
Foto: John Brezina
Supportsystem
Ich habe kein besonders ausgeprägtes Privatleben. Ich meine, mein ganzes Leben dreht sich um Schach. Um alles andere kümmern sich meine Eltern und mein Team. Mein einziger Job ist es, Schach zu spielen, das ist also ganz nett.
Gukesh in Singapur vor dem Match.
Gukesh wird gecoacht von dem 1985 geborenen polnischen Großmeister Grzegorz Gajewski. Die beiden arbeiten seit fast zwei Jahren zusammen. Das engere Team Gukesh scheint zu harmonieren. Spieler und Trainer wirken introvertiert, ruhig und bedächtig, aber wenn es um Schach geht, dann erwacht sofort die Leidenschaft und beide werden gesprächig. Der zweite Mann und ständige Reisebegleiter des jungen Inders kennt ihn schon etwas länger. Sein Vater, Rajini Kanth. Rajini ist Chirurg und hat seine Karriere aufgeben, um die Karriere seines einzigen Sohnes zu fördern. Während Gukesh meist viel Ruhe ausstrahlt, kann sein Vater die Nervosität kaum ablegen. Während der Pressekonferenz zum Auftakt folgten Gajewski und Rajini dem Geschehen: aufmerksam und vor allem ruhig, noch.
Foto: Maria Emelianova
Zum Team Gukesh gehört genau so seine Mutter, Padma. Sie ist Mikrobiologin und ist vor allem als Organisatorin zuständig. Gukesh und sein Vater waren die letzten Jahre oft längere Zeit unterwegs und die Familie kam nur eine Woche im Monat zusammen. Diese Entbehrungen, die offenbar nötig sind, um es in der Schachwelt ganz nach oben zu schaffen, zählen jetzt nicht mehr. Jetzt ist die Familie am Ziel. Gukesh spielt um die Weltmeisterschaft. Das ultimative Ziel ist nah.
Der bevorstehende WM Kampf in Singapur
Der Schach-Weltmeisterschaftskampf in Singapur wird mit klassischer Bedenkzeit ausgetragen und nicht nur in Indien herbeigesehnt. Für Gukesh ist dies seine erste Gelegenheit erneut echte Schachhistorie zu schreiben. Bei seinem Sieg im Kandidatenturnier in Toronto überzeugte der siebzehnjährige Inder bereits das Fachpublikum und bei der Schacholympiade in Budapest erzielte Gukesh eines der besten Einzelergebnisse der Schachgeschichte. Mit neun Punkten aus zehn Partien gewann Gukesh nicht nur ein individuelle Goldmedaille wie zwei Jahre zuvor am ersten Brett. Diesmal blieb der Youngster ungeschlagen und konnte mit dem Chinesen Wei Yi und dem US-Amerikaner Fabiano Caruana zwei schachliche Schwergewichte besiegen. Gukesh geht als die Nummer Fünf in der Welt ins Rennen um den WM-Titel.
Vorbereitung
In Vorbereitung auf den Kampf in Singapur absolviert Gukesh wie vor dem Kandidatenturnier in Toronto ein intensives Trainingsprogramm mit seinem Team. Er arbeitet mit einigen erfahrenen Spieler zusammen. Das Team ist im Vorfeld der Weltmeisterschaft natürlich nicht bekannt, man will dem gegnerischen Team keine wertvollen Informationen geben. Lediglich war sein Headcoach Grzegorz Gajewski gesetzt. In einem Interview im Vorfeld der Weltmeisterschaft sagte Gukesh: “Was mein Team betrifft, kann ich sagen, dass Gajewski mein Trainer für das Match sein wird, aber darüber hinaus kann ich nicht viel verraten.“ In solchen Trainingscamps wird nicht nur Schach gespielt und Eröffnungsvorbereitung betrieben. Von Gukesh ist bekannt, dass er mit Gajewski gerne und regelmäßig Tennis spielt.
Matchstrategie
Es ist nicht zu erwarten, dass Gukesh seine sehr geduldige Spielstrategie ändert und übermäßig aggressiv zu Werke geht. Das würde auch nicht zu seiner Person passen. Gukesh ist für sein Alter bereits ein sehr reflektierter junger Mann, der in Interviews seine Worte mit Bedacht wählt. Gukesh liest gerne Sportlerbiographien und sucht so bei anderen erfolgreichen Sportlern Inspirationen. Im Vorfeld wurde jetzt bekannt, dass Gukesh mit einem Mental-Coach zusammengearbeitet hat, der vor allem indische Cricketsportler gecoacht hat. In einem Interview mit Sagar Shah für Chessbase India erfährt man mehr über den geborenen Südafrikaner Paddy Upton. Er erläutert seinen Zugang zu einem Spiel, das neu für ihn war. Schach unterscheidet sich laut Upton aus seiner Sicht von den anderen 19 Sportarten in denen er vorher Leistungssportler gecoacht hat. Schach findet nur im Gehirn statt, anders als bei anderen Sportarten bei denen es letztlich um körperliche Fähigkeiten geht. Homepage Paddy Upton
Favoritenrolle für den Herausforderer
Dommaraju Gukesh überzeugte nicht nur beim Kandidatenturnier in Toronto, sondern ebenfalls im September 2024 am ersten Brett des indischen Teams bei der Schacholympiade in Budapest. Seine herausragende Leistung unterstrich seine gute Form im Vorfeld des bevorstehenden WM-Kampfes in Singapur. Gukesh gewann nicht nur individuelles Gold am ersten Brett, sondern die indische Mannschaft gewann souverän das wichtigste Teamevent im Schach. Aber Gukesh hat bereits mehrfach in Interviews erwähnt, dass er sich nicht auf einen Gegner außer Form vorbereitet, sondern einen starken Gegner erwartet.
Es wird ein Massaker.
Arjun Erigaisi, indischer Schachgroßmeister.
Es gibt nur zwei vernünftige Vorhersagen. Es wird knapp oder Gukesh wird mit deutlichem Vorsprung gewinnen. Die meisten haben auf beide Möglichkeiten gesetzt. Ich werde nicht feige sein und sage einen klaren Sieg mit +2 oder +3 für Gukesh voraus, der sich nie wie ein Wettkampf anfühlt. Ich erwarte auch, dass Ding nach dem Spiel zurücktritt, falls er verliert. Es ist traurig zu sehen, wie ein Mann so sehr darum kämpft, dass seine Träume wahr werden.
Jacob Aagaard, dänischer Schachgroßmeister, Trainer und Verleger.
Wie groß ist der Druck, der auf dem Teenager lastet?
Gefragt nach dem Druck vor dem Wettkampf sagte Gukesh: Es ist immer ein Privileg, für Indien auf so hohem Niveau zu spielen, und ich genieße diese Erfahrung. Ich denke, dass ich mit Druck vor allem durch Erfahrung umgehen kann. Ich habe schon in vielen Situationen mit hohem Druck gespielt, wenn auch nicht bei einer Weltmeisterschaft, natürlich. Aber ich freue mich auf die neue Erfahrung.
Quelle: Take Take Take via Youtube.
Pressekonferenz vor dem Match
Gukesh zeigte sich glücklich in Singapur zu sein, zumal er einen WM-Kampf herbeisehne, seit er mit dem Schachspielen begonnen hat. Er habe alle Chancen der Welt, wenn er weiterhin gutes Schach spiele und in jeder Partie die beste Version seiner selbst zeige.
„Ich bin sicherlich etwas nervös, aber ich fühle mich gut dabei. Der einzige Gedanke, den ich habe, ist, mein Bestes zu geben und zu sehen, was passiert. Es ist eine Ehre und ein Privileg für mich, für Indien bei irgendeiner Veranstaltung zu spielen, besonders bei einer Veranstaltung wie der Olympiade oder der Weltmeisterschaft. Es ist ein so großes Ereignis, mein Land zu vertreten und die Hoffnungen der Inder zu tragen: Das ist eine Ehre für mich. Ich nehme das sehr ernst. Ich werde gegen Ding Liren antreten, der seit mehr als einem Jahrzehnt zu den besten Spielern der Welt gehört.
Divya Deshmukh ist eine der talentiertesten jungen Schachspielerinnen Indiens. Schon früh zeigte sie außergewöhnliche Fähigkeiten und machte sich in der internationalen Schachszene einen Namen. Mit großem Talent und einem Ehrgeiz, der kaum zu bremsen ist, hat Divya bereits als Kind und Teenager Titel gewonnen.
Kaum eine andere Schachspielerin sammelt internationale Erfolge wie die am 9. Dezember 2005 geborene Inderin Divya Deshmukh. Nach zahlreichen nationalen und internationalen Titeln im Kindesalter ist der Teenager aus Nagpur, einer Stadt im zentralindischen Bundesstaat Maharashtra, im Jahr 2024 zu einem internationalen Superstar im Schach aufgestiegen.
Viele Schachspieler folgen einem Ritual zu Beginn und manche sogar nach dem Ende jeder Partie. Nach ihren Schachpartien unterschreibt Divya Deshmukh in Budapest die Partieformulare und baut die Figuren wieder in der Grundstellung auf. Immer. Lediglich die Könige werden in der Mitte positioniert, um zunächst der Elektronik und damit der Schachwelt das Ergebnis der Partie mitzuteilen. Nicht jeder Schachspieler ist so gut erzogen wie Divya. Das Aufbauen der Figuren bezeugt vor allem Respekt gegenüber dem Spiel. Ähnlich verhält sich ein anderer indischer Superstar, Gukesh, der sogar noch eine Art Bekreuzigungsritual anfügt.
Frühe Erfolge im Mädchenschach
Divya begann mit fünfeinhalb Jahren das Schachspiel. Zunächst wollte sie vor allem ihren Vater im Schach besiegen, also eine recht typische Motivation unter Schachspielern. Früh stellten sich erste Erfolge ein und oft war Divya die Erste, die bestimmte Leistungen erreichte. Beispielsweise war die Inderin die erste Frauen-Fidemeisterin im Alter von sieben Jahren. 2014 gewann Divya im südafrikanischen Durban die U10-Weltmeisterschaft der Mädchen und in 2017 folgte im brasilianische Poços de Caldas der WM-Titel in der Altersklasse U12. Im April 2019 gelang es Divya erstmals eine Ratingzahl von über 2400 Punkten zu erzielen, das repräsentiert einen Spielstärkelevel, der für das Erringen des zweithöchsten Titels im Schach, dem Titel eines Internationalen Meisters, notwendig ist. Dieses hohe Spielniveau konnte Divya zunächst nicht halten und ging mit einer Wertzahl von 2305 Punkten in die pandemiebedingte Zwangspause.
Partieende durch Stromausfall
2020 spielte Divya mit 14 Jahren für Indien am Frauenbrett bei der online ausgetragenen Schacholympiade, die mit gemischten Sechserteams ausgetragen wurde. Angeführt wurde das Team vom fünfmaligen Weltmeister Viswanathan Anand. Divya wurde für beide Finalpartien am Frauenbrett eingesetzt und bestand gegen die damals deutlich höher eingeschätzte Russin Polina Shuvalova. Die erste Partie endete Remis und dann in der zweiten Partie passierte aus indischer Sicht ein Drama. Es gab einen Stromausfall. Fans sahen auf dem Brett von Divya die folgende Situation.
Finale Online-Schacholympiade Divya Deshmukh – Polina Shuvalova nach 25….Kg8
Shuvalova ist komplett überspielt und hat kein Gegenspiel, da sie am Damenflügel unvorsichtig agiert hat. Gegen den heraufziehenden weißen Angriff am Königsflügel gibt es keine ausreichende Verteidigung mehr. Die Inderin wollte hier mit 26.Th2 fortsetzen Aber: Divya verlor offiziell zunächst ihre Partie, da jegliche Übertragungsfehler dem betroffenen Team angerechnet werden. Divya weinte vor laufender Kamera, fand aber wieder die Fassung. Der Leitungsausfall betraf allerdings nicht nur drei Partien der Inder an ihrem Spielort, sondern ein ganzer Kontinent war abgehängt. Der Weltschachbund fand ein nicht unumstrittenes gleichwohl salomonisches Urteil, beide Teams, Russland und Indien, wurden zu Goldmedaillengewinnern ausgerufen.
Bei der Schacholympiade 2022 in Chennai (Indien) gewann die damals 16-jährige Divya mit sieben Punkten aus neun Partien die Bronzemedaille am Reservebrett. Sie nannte diesen Erfolg zunächst „surreal“. Divya spielte für das zweite indische Team. Am ersten Brett von Indien B spielte Vantika Agrawal, die 7,5 aus elf Partien holte, ebenfalls ihre Mannschaftskameradin in Budapest 2024. Das zweite indische Team landete auf dem achten Platz. In der offenen Klasse sorgte ebenfalls Indien B für Aufregung und landete letztlich auf dem dritten Platz, einen Platz vor der ersten indischen Mannschaft.
(Foto: Lennart Ootes for Fide Chess)
2023 – überraschender Turniersieg als Ersatzspielerin
Erfolgreiche Sportler unterschiedlicher Disziplinen berichten immer wieder darüber. Es gibt Momente, die scheinbar einen Schalter umlegen und Sportlern einen Schub in ihren Karrieren verleihen. Vielleicht war der 2. September 2023 solch ein Tag in der Karriere von Divya Deshmukh. In der indischen Nationalbibliothek Bhasha Bhawan in Kalkutta gewann Divya das Tata Steel Frauen Schnellschachturnier vor der Favoritin und Weltmeisterin Ju Wenjun aus China. Dabei war die 17-jährige Inderin für das Turnier gar nicht vorgesehen. Divya sprang kurzfristig ein, da ihre Landsfrau Vaishali aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen konnte. Divya war ohnehin gut in Form und hatte im Monat zuvor bei einem Openturnier in Abu Dhabi, also in den Vereinigten Arabischen Emiraten, ihren Titel als Internationaler Meister klar gemacht.
Foto: John Brezina
Von Beginn an lief es gut für Divya, die mit der geringsten Elozahl im Feld und damit als krasse Außenseiterin startete. Nach einem Auftaktsieg gegen Harika Dronavalli und einem Unentschieden gegen die Weltmeisterin gab es scheinbar kein Halten mehr und nach fünf Siegen und zwei Remis in den ersten sieben Runden legte die Inderin ordentlich vor. Gegen die unter neutraler Flagge teilnehmende Russin Polina Shuvalova verlor Divya dann in der achten Runde nach einem unnötigen Bauernopfer, das ihre Gegnerin geschickt nutzte. Der Turniersieg schien in Gefahr, zumal Ju Wenjun zur Inderin aufschließen konnte. Divya musste mit Schwarz erstmals gegen die indische Spitzenspielerin Koneru Humpy ran und die Chinesin hatte Weiß gegen die Ukrainerin Anna Ushenina, die scheinbar einfachere Aufgabe. Dann wurde jüngere indische Schachgeschichte geschrieben und Divya erzielte ihren ersten größeren Erfolg bei den Frauen.
Humpy – Divya Tata Steel Rapid Kalkutta – Diagramm nach 39.Le2 von Weiß
Divya erkannte in dieser Stellung, dass sie eine taktische Chance hatte. Nach einem Rechenfehler ihrer Gegnerin streute die junge Inderin einen Zwischenzug ein, gewann die Partie und das Turnier. Ihr erster großer Erfolg im Frauenschach.
Pressekonferenz der Siegerinnen. Tata Steel India Rapid 2023.
Medaillen sammeln als Hobby
Divya sammelte, Stand Oktober 2024, bereits 23 Goldmedaillen bei 40 internationalen Events für Indien ein. Die Zahl der nationalen Titel kennt sie nicht einmal selbst. International ragen ihre drei Weltmeistertitel der Frauentitel in Asien 2023 heraus. Im Mai 2024 gewann Divya das Sharjah Challenger Turnier, ein Mixed-Event. Es fehlten ihr 16 Punkte bei der Performance und ein Gegner mit einem Großmeistertitel zu ihrer ersten GM-Norm. Im Monat danach gewann die Inderin in Gandhinagar, der Hauptstadt im indischen Bundesstaat Gujarat, die Weltmeisterschaft der Juniorinnen mit zehn von elf möglichen Punkten. Sie war haushohe Favoritin, aber diesem Druck, zumal im eigenen Land, muss man erst einmal standhalten. Es gelang der Inderin überzeugend. Im August 2024 übernahm Divya erstmals die Spitzenposition in der Weltrangliste der Juniorinnen. Im September kamen zwei Goldmedaillen bei der Schacholympiade hinzu im Team und am dritten Brett. Die gemischte Teamwertung nach der Schachlegende Nona Gaprindashvili benannt, gewann Indien ebenfalls. Ihre Elozahl schraubte die Inderin von 2420 im Januar 2024 auf 2490 in der Dezemberliste
Divya und ihre Mutter. Fide Chess GP Shymkent Foto: Konstantin Chalabov (Fide Chess)
Trotz harten Schachtrainings seit ihrer Kindheit absolvierte Divya ihre Schulprüfungen und in 2024 kamen ihre Examina in der Oberprimarstufe 12 hinzu. Ihre Eltern sind Doktoren, was in Indien kein seltener Background bei Schacheltern zu sein scheint. Ihre Mutter Namratha gab ihren Job auf als Divya etwa fünf Jahre alt war, um die Schachkarriere ihrer jüngsten Tochter zu fördern, als Chess Mom. Sie begleitete seither meist ihre Tochter. Divya wurde von der Schule ebenfalls unterstützt, indem ihre Ausfallzeiten für die Teilnahme an Schachturnieren und Trainings toleriert wurde. In einer Frühphase ihrer Karriere war Divya jeden Monat für eine Woche in Chennai in der Schachakademie von Ramesh RB und seiner Frau Aarthie Ramaswamy. Mit 14 Jahren sagte Divya in einem Interview mit Sagar Shah, dem Gründer von Chessbase India, dass ihre Karriereplanung wie die von Hou Yifan aussieht: Zunächst will sie Weltmeisterin werden und dann ein Studium starten.
Die Entscheidung über die Vergabe der Goldmedaille bei der Schacholympiade in Chennai fiel in einer Partie: im Duell zwischen dem Inder Gukesh und dem Usbeken Nodirbek Abdusattorov. Der 16-jährige Inder stand nach der Eröffnung besser und schließlich auf Gewinn. Doch dann glitt Gukesh die Partie nach und nach aus den Händen und Usbekistan gewann in der Folge die Goldmedaille und das indische B-Team landete auf dem dritten Platz.
Anatomie eines schachlichen Unfalls
Chennai. In der zehnten Runde kam es bei der 44. Schacholympiade 2022 zum Kampf der zwei Überraschungsmannschaften. Die Youngster von Indien 2 spielten endlich gegen Usbekistan. Die Usbeken lagen zu diesem Zeitpunkt mit einem Matchpunkt vorne. Damit war klar, dass dieser Wettkampf eine Vorentscheidung für die Goldmedaille in der offenen Klasse bringen würde. Es lief zunächst hervorragend für die Inder, die mit Schwarz zwei Remis erreichten. Kurz vor der Zeitkontrolle war klar, dass Praggnanandhaa, Pragg, seine Partie gegen Sindarov gewinnen würde. Am ersten Brett spielten die zwei überragenden Spieler am Spitzenbrett gegeneinander. Gukesh für Indien und Nodirbek Abdusattorov für Usbekistan.
Der Verlauf der Partie ist einfach erzählt: Gukesh hatte erneut einen hervorragenden Tag erwischt. Nodirbek stand hinten drin und nach 32 Zügen sah es nach einem klaren Sieg für Indien aus. Gukesh musterhafte Partieführung hatte zu der folgenden Stellung geführt.
Der Bauer auf c5 geht verloren und die einzige Aufgabe von Weiß besteht darin, das Eindringen der gegnerischen Dame zu verhindern. Gukesh kann den Bauern hier schlagen, aber sein Zug mit dem f-Bauern von f2 nach f3 ist ebenfalls bestens geeignet. Der Usbeke weiß nicht wie er überhaupt weiterspielen soll, zieht seine Dame nach d6 und nimmt das Feld g3 ins Visier. Nach diesem Zug kann der Inder mit dem Springer auf c5 nehmen, den Läufer angreifen und mit dem Springer zurück nach d3 ziehen. Es kann nicht mehr lange dauern und Indien jubelt, denkt man.
Statt den Bauern auf c5 zu schlagen spielt Gukesh zunächst seinen König nach f1, vermutlich um mit seinem König von e2 oder e1 das Eindringen auf der eigenen Grundreihe zu verhindern und erst dann auf c5 mit dem Springer, oder mit einem König auf e2 mit der Dame auf c5 zu nehmen. Diese Methode wirkt etwas umständlich, sollte aber ebenfalls funktionieren.
Zeitkontrolle geschafft. Weiß steht klar auf Gewinn. Der Usbeke hatte seinen Läufer kurzzeitig auf f5 eingesetzt und Gukesh den a-Bauern gegen den e-Bauern seines Gegners getauscht. Aber erstmals stört eine gegnerische Drohung, wäre Schwarz hier am Zuge, er würde ein Schach auf g1 geben. Gukesh wehrt mit einem Springerzug nach c5 die Drohung seines Gegners ab und arbeitet weiter an der Verwertung seines Vorteils. Dennoch ahnt man als erfahrener Spieler, dass der weiße König langfristig ein sicheres Versteck benötigt, um gegnerischen Schachgeboten auszuweichen. Nach dem Springerzug nach c5 und Zug der gegnerischen Dame nach a5, antwortet Gukesh hier mit dem Zug seines Königs nach d1. Erstmals bekommt man als Beobachter kleine Zweifel an einem zweiten Sieg heute für Indien. Der König wäre gefühlt auf h2 sicherer, besser dorthin unterwegs und würde nebenbei den eigenen Bauern auf g2 verteidigen. Aber Gukesh ist ein hervorragender Rechner und wird schon wissen was er macht, beruhigen sich erstmals zweifelnde Beobachter.
Einzig die weiße Königsstellung ohne Schutz gibt Schwarz hier noch etwas Hoffnung auf ein Remis. Aber der weiße König steht auf c2 so postiert, dass der gegnerischen Dame auf der d-Linie keine Einbruchsfelder verbleiben. Läuft gut. Der nächste Zug von Gukesh überrascht, verblüfft, erschreckt den Zuschauer. Es ist der erste Zug ohne erkennbaren, nachvollziehbaren Hintergrund in dieser Partie, vermutlich in diesem Turnier. Der Inder zieht seinen König nach b2. Stand dieser König nicht auf c2 besser? Teamkollege Praggnanandhaa am Nebenbrett kennt die entscheidende Hürde in seinem Endspiel mit Turm und h-Bauer gegen Läufer offensichtlich und insofern wäre ein Unentschieden kein großer Verlust. Beruhigungspillen.
Einige Züge später sieht die Situation auf dem Brett so aus.
Die gegnerische Dame ist auf g1 eingedrungen und Weiß kann hier seine Dame erneut nach c2 ziehen und Nodirbek bleibt vermutlich nichts anderes als mit dem Damenzug nach c5 und nach erneutem Seitenstep der Dame nach d2 den Gegner zu fragen, ob er nach Damenzug nach g1 weiterzuspielen gedenkt. Falls er das will, weil er muss, kann Gukesh und damit Indien einen kleinen Erfolg melden. Die angedrohte Stellungswiederholung wäre in jedem Fall eine sichere Testmethode, die nichts kostet. Gukesh versucht es nicht einmal, sondern zieht seinen König nach c2. Das ist typisch für die junge Generation, aber kritikwürdig. Peter Svidler versteht es nicht und die Fans von Indien müssen weiter zittern, denn die Partie geht weiter in objektiv etwa gleicher Stellung. Es kam dann wie es häufig kommt in solchen Situationen Gukesh verlor nach einem groben Fehler.
Das Drama
Gukesh verschmähte das wahrscheinliche Remis und wird vom amtierenden Schnellschachweltmeister aus Usbekistan zunächst gekontert. Die Bewertung schwappt hin und her zwischen Ausgleich und Vorteil für Nodirbek. Bis dann der plötzliche Tod durch ein grobes Versehen eintritt. Gukesh sackt in sich zusammen.
Lennart Ootes (FIDE Chess)
Die Fotos fangen eine für das Schachspiel typische Situation ein, einem Spieler unterläuft ein grober Fehler, und man weiß weder als Betroffener noch als Glückspilz wie man reagieren soll. Gukesh fällt in sich zusammen, lässt seine Bedenkzeit ablaufen und bleibt zunächst konsterniert sitzen. Der Usbeke ist ebenfalls erkennbar geschockt über die Situation, vermutlich fühlt der Usbeke einen kurzen Moment mit seinem Gegner mit. Ein Lächeln kann ihm erst sein Team-Captain Ivan Sokolov aufs Gesicht zaubern.
Lennart Ootes (FIDE Chess)Lennart Ootes (FIDE Chess)
Solche Situationen kommen vor im Schach, oft. Selten ist der Einsatz allerdings so hoch wie hier. Vergleichbar ist diese Wucht der Emotion für die Beteiligten vermutlich nur mit einem Weltmeisterschaftskampf oder einer finalen Runde in einem Kandidatenturnier oder einer WM-Partie.
Über den Tag hinaus
Gukesh wird einen Tag später sagen, dass seine Entscheidung unverantwortlich war. Tatsächlich ist dies der Kippmoment dieses Turniers, welcher Indien die Goldmedallie gekostet haben könnte, wobei man so nicht argumentieren darf in der Retrospektive, aber es fühlt sich so an. Vishy Anand erklärt die Situation ausführlich in seiner täglichen Kolumne zur Schacholympiade im The Hindu. (Kolumne von Anand) Gukesh habe auf Autopilot geschaltet und bekam den bisherigen Verlauf der Partie bei einer objektiven Bewertung nicht mehr aus dem Kopf. Aufmunternd schreibt er, dass das ihm selbst schon öfters passiert sei. Er, Anand, habe auf das Unentschieden gehofft, denn es komme unweigerlich sonst ein Punkt ohne Umkehr. Später wurde bekannt, dass Anand nachts im Hotel bei Gukesh vorbei schaute und mit ihm ein längeres Gespräch führte. Gukesh trat am nächsten Tag an und remisierte problemlos mit der deutschen Nummer 1 Vincent Keymer. Die zweite indische Mannschaft gewann souverän mit drei zu eins Punkten. Gukesh gewann die Goldmedaille am ersten Brett. Sicher kein Trost.
Maria Emelianova Chess.com
Bei der Siegerpressekonferenz der Schacholympiade in Budapest 2024 – diesmal gewann Indien Gold – wird Gukesh nach dieser einen Partie, der Entscheidungspartie 2022, gefragt. Die verpasste Chance wurmte den Inder offenbar noch immer. Gukesh formulierte es so:
Ich musste eine Schuld begleichen.
Gukesh in Budapest 2024.
Dieser Text wurde erstmals am 09.08.2022 bei Chessbase veröffentlicht. Leichte Änderungen und Ergänzungen.
Die beiden 21-jährigen Großmeister Vincent Keymer und Praggnanandhaa sind momentan im klassischen Schach auf Augenhöhe. In den schnelleren Formaten liegt der Inder momentan vorne. Die Begegnungen der beiden Junggroßmeister könnten in Zukunft zu einer klassischen Rivalität werden.
Von Thorsten Cmiel
Unter den jungen Wilden gibt es einige Spieler, die unverändert den Titel des klassischen Weltmeisters als oberstes Ziel haben und daher vor allem auf die langsameren Formate setzen. Der Inder Praggnanandhaa, Pragg, und der Deutsche Vincent Keymer gehören dazu. Anders als bei Partien des Klassenprimus Magnus Carlsen hat man nicht den Eindruck, dass klassisches Schach langweilig und komplett analysiert ist. Es kommt auf die Einstellung der Protagonisten an. Vincent und Pragg vermitteln jedenfalls ihren Spaß an langen Partien.
Einer, der lange als Kronprinz gehandelt wurde, ist der Wahlfranzose Alireza Firouzja, der zweimal bereits im Kandidatenturnier gescheitert ist und zuletzt das schnelle Geld einer Spaßveranstaltung dem harten Geschäft in St. Louis vorgezogen hat. Das dürfte ihn die Teilnahme an der Grand Chess Tour mindestens im nächsten Jahr kosten. So sieht es wohl auch Leonard Barden in seiner Kolumne im Guardian.
Vincent – Pragg in St. Louis 2026
Die drei Partien mit klassischer Bedenkzeit gingen unentschieden aus. Die drei Schnellschach-Partien gewann Pragg mit 3-0. Nach der Rapid-Phase des Halbfinals war der Wettkampf bereits entschieden. Die folgenden Blitz-Partien hatten also keine sportliche Bedeutung mehr – Vincent gewann mit 3 – 1.
Ich habe mir die relevanten Partien (Klassik und Rapid) genauer angesehen. Blitzpartien zu analysieren bringt nur wenig Erkenntnisse, insbesondere wenn der Wettkampf vier Partien vor Schluss bereits entschieden ist.
Formschwankungen gehören zum Geschäft
2026 ist bisher für Pragg ein Jahr mit schwankenden Resultaten: In Wijk aan Zee 2026 kam der Inder auf fünfeinhalb Punkte in 13 Partien. Beim Kandidatenturnier auf Zypern holte Pragg sechs Punkte aus 14 Partien und wurde Siebter. In Rumänien holte Pragg fünfzig Prozent im ersten Turnier mit klassischer Bedenkzeit. Dann gewann Pragg nach einem furiosen Schlussspurt in Oslo das Superturnier „Norway Chess“ und gewann gegen Carlsen beide Partien mit klassischer Bedenkzeit. Im Sinquefield-Cup reichte es für den geteilten ersten Platz zusammen mit Wesley So gegen den er im Stichkampf erst in einer Entscheidungspartie unterlag. Im Schnellschach war der Inder immer vorne dabei. In Kroatien teilte sich Pragg den Turniersieg mit Alireza Firouzja und wurde nach dem Blitzen Vierter in der Gesamtwertung. In St. Louis gewann Pragg Anfang August das Schnellschach- und das Blitzturnier.
In 2026 spielte Vincent ebenfalls erfolgreich und hatte die Zahl seiner entschiedenen Partien weiter ausgebaut: In Wijk aan Zee gewann und verlor er vier Partien. In Prag verlor Vincent drei Partien und gewann zwei Begegnungen. Dann folgte der Sieg im Super Chess Classic der Grand Chess Tour in Bukarest. Dort gewann er drei Partien und verlor nur gegen den Usbeken Sindarov. Das Turnierergebnis war wegen des Ausstiegs von Alireza Firouzja, gegen den Vincent kampflos gewann, etwas verzerrt. Im Sinquefield-Cup teilte sich Vincent mit Javokhir Sindarov den dritten Platz (drei Siege und zwei Niederlagen) und qualifizierte sich für das Finalturnier. Dabei kam es im Halbfinale jetzt zum Aufeinandertreffen mit dem Inder. Klar verbesserungsbedürftig sind die Ergebnisse im Blitz- und Schnellschach: In der Kombinationswertung wurde Vincent Fünfter und Neunter in der diesjährigen Grand Chess Tour. Beim Norway-Chess-Turnier spielte Vincent achtmal Remis und verlor sämtliche Entscheidungen im Armageddon.
Saint Louis Rapid & Blitz
Im kombinierten Rapid- und Blitzturnier, das traditionell vor dem Sinquefield-Cup stattfindet, unterlag Vincent dem Inder in beiden Blitzpartien mit einem halben Punkt aus zwei Partien und vorher in der Schnellschach-Partie.
Die Schnellschach-Partie
Die entscheidende Phase dieser spannenden Partie hatte ich bereits thematisch aufbereitet. Diesmal schauen wir uns das spannende Geschehen bis dahin etwas genauer an.
Die erste Begegnung der beiden Großmeister war Teil des Sinquefield-Cup. Es folgten zwei weitere Turnierpartien, die im Halbfinale der Finalrunde der Grand-Chess-Tour (GCT) stattfanden. Insgesamt ging es Unentschieden aus, aber es waren zumindest in den zwei späteren Partien auch andere Resultate denkbar.
Beide: Lennart Ootes (St. Louis Chess Club)
Die folgende Entscheidung in Zeitnot ist inzwischen überall in der Schachwelt kommentiert und kritisiert worden. Vincent sollte hier seinen Springer nach e3 ziehen, den Bauern c2 und den Turm auf d1 angreifen und seinen Turm auf g2 decken. Stattdessen gab Vincent auf d2 ein Schach und kam nach dem Schlagen mit seinem Turm in Probleme. Durch diese Niederlage lag der Inder deutlich vorne und kaum jemand erwartete ein Comeback des Deutschen.
Ich denke niemand sollte zu kritisch mit den Spielkern und ihren wenigen Fehlern umgehen. Das Format des Turniers ist extrem anstrengend und alle Spieler können nicht mehr ihre volle Leistungskraft nach mehreren Wochen in St. Louis bringen.
Beide: Lennart Ootes (St. Louis Chess Club)
Schnellschach-Partien im GCT-Finale
Pragg hatte zuvor das Schnellschach- und Blitz-Turnier in St. Louis gewonnen. Er war also ohnehin großer Favorit. Vincent wird zwangsläufig in den schnelleren Disziplinen zulegen müssen, da viele Turniere letztlich in diesen Kadenzen entschieden werden.
Blitz-Partien im GCT-Finale
Nachdem der Wettkampf entschieden war, gab es dennoch vier weitere Blitzpartien, die ich hier nur als Chronist und unkommentiert aufliste. Vincent gewann diesen Blitz-Wettkampf mit 3 zu 1 Punkten.
Nach dem Wettkampf mit Vincent liegt Pragg als sechster der Weltrangliste bei 2765 Punkten und damit einen Punkt vor Vincent Keymer. Dabei ist das für beide Spieler nur eine Momentaufnahme. Vincent wird ohne Frage seine Ergebnisse in den schnelleren Formaten verbessern müssen. Dazu hat er bereits im November 2026 bei dem Auftaktevent der Total-Weltmeisterschaft in Budapest die Möglichkeit. Auch werden viele klassische Turniere inzwischen mit Entscheidungsformaten angeboten und dafür wäre es sicher hilfreich wenn Vincent zukünftig auch in schnelleren Formaten kompetitiver wäre.
Fotos: Lennart Ootes (St. Louis Chess Club), gekennzeichnet. Sonstige John Brezina.
Eine Chinesin reicht um drei Inderinnen zu stoppen. Die zwei US-Frauen Carissa Yip und Alice Lee hingegen überzeugen und Alice sichert sich mit sechs Punkten als Zweite sogar eine Großmeisternorm. Bemerkenswert: Die nächste Herausforderin um den WM-Titel der Frauen, die Inderin Vaishali, ist weiter in einer Formkrise und landet auf dem letzten Platz.
Von Thorsten Cmiel
Auffällig war wieder einmal der unterschiedliche Umgang mit der Bedenkzeit der Spielerinnen. Während Alice Lee meist sehr schnell ihre Entscheidungen traf, geriet Vaishali wie immer regelmäßig in Zeitnot, allerdings ohne besonderen Grund durch die Partieverläufe. Falls ihre Trainer diese destruktive Angewohnheit nicht in den Griff bekommen und bei der Spielerin für eine ökonomischeres Bedenkzeit-Management sorgen, könnte die Frauen-Weltmeisterschaft 2027 erneut eine einseitige Veranstaltung werden.
Das Turnier wurde von Tan Zhongyi dominiert, die bis zur vorletzten Runde wie im Turnier der Kandidatinnen in Toronto 2024 souverän wirkte. Tan hat seit dem Kandidatinnen-Turnier auf Zypern ihr zu schnelles, manchmal oberflächliches Spiel scheinbar abgelegt. In Erinnerung ist mir der grobe Fehler mit dem die Chinesin gegen Vaishali ihr Turnier in der siebten Runde in Pegeia einfach schrottete, als sie in einem technischen Endspiel mit einem Bauern mehr einen Läufer einstellte. Auf Zypern wurde Tan geteilte Letzte und Vaishali gewann. Diesmal war es umgekehrt.
Lennart Ootes
Der Cairns Cup heißt so weil es der Mädchen-Name von Jeanne Sinquefield, der Frau von Rex Sinquefield, ist. Dieses Jahr wurde ein Preisfonds in Höhe von 250.000 US-Dollar ausgespielt. Die Siegerin erhielt 65.000 Dollar. Wenn man den Frauen jedoch mehr Aufmerksamkeit gönnen will, sollte man die Events wieder voneinander trennen. Räumlich ist das im etwa 550 Quadratmeter großen Areal allerdings nicht notwendig.
Der St.-Louis-Chess-Club schafft es mit vier Großmeistern im Studio und zwei weiteren Kommentatorinnen nicht, beide stattfindenden Turniere, Cairns Cup und Sinquefield Cup, gleichzeitig live zu kommentieren. Aus diesem Grund verzichte ich darauf das Turnier der offenen Klasse hier zu covern. Die Ergebnisse und Analysen der Partien kann man woanders finden und nachspielen.
Auch die Informationen zur Grand Chess Tour sind bei den US-Amerikanern nur schwierig zu finden. Ich habe mir über die Jahre angewöhnt gar nicht mehr auf deren Homepage zu suchen, sondern gleich zu Wikipedia zu gehen. Das schlechte Darstellen von Informationen scheint eine amerikanische Eigenschaft zu sein. Wer einmal versucht hat auf der Plattform des größten kommerziellen Anbieters von Online-Schach Informationen zu aktuellen, sogar deren eigenen Turnieren zu finden, der weiß was ich meine. Das ist schade angesichts des Aufwandes, der ansonsten betrieben wird.
Lennart OotesAustin FullerAustin Fuller
Tan Zhongyi ist zurück
Natürlich profitierte die spätere Turniersiegerin gelegentlich von Fehlern ihrer Gegnerinnen. Mit Siegen gegen die US-Amerikanerin Carissa Yip und Koneru Humpy gelang der Start von Tan Zhongyi. Es folgte ein belangloses Unentschieden gegen Anna Muzychuk und ein überzeugender Sieg gegen Vaishali. Der Sieg von Tan Zhongyi gegen die Inderin Divya Deshmukh fiel etwas knapper aus. In der achten Runde überspielte Tan die zweite Dominatorin aus Zypern, Bibisara Assaubaeva, deutlich und sicherte sich einen Vorsprung von einem Punkt vor der letzten Runde. In dieser gewann jedoch die Griechin Stavroula Tsolakidou gegen die Chinesin. Gleichzeitig sicherte sich Alice Lee in einer ausgeglichen verlaufenen Partie den entscheidenden halben Punkt für die Großmeister-Norm gegen ihre Landsfrau Carissa Yip.
Lennart Ootes
Tan Zhongyi – Carissa Yip (Runde 1), Cairns Cup 2026. 35. Zug.
Hier war die Schwarzspielerin nach einem bis dahin nervenaufreibendem Verlauf vor eine letzte Aufgabe gestellt. Beide Spielerinnen haben weniger als drei Minuten auf der Uhr. Was tun?
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Tan Zhongyi – Koneru Humpy (Runde 2). Cairns Cup 2026. 24. Zug.
Hier sollte die Inderin mit Schwarz wie reagieren? Sie entschied sich völlig überraschend falsch und geriet in der Folge arg unter die Räder.
Lösung
Tan Zhongyi – Bibisara Assaubaeva (Runde 8). Cairns Cup 2026. 48. Zug.
Weiß steht natürlich auf Gewinn. Wie hat die Chinesin hier wohl fortgesetzt?
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Die Inderinnen
Die indische Nummer Eins laut Elozahl ist weiterhin Koneru Humpy, die beim Turnier der Kandidatinnen auf Zypern ausgestiegen war. Ihr Turnierergebnis und ihr Spiel in St. Louis waren unspektakulär bis wenig inspirierend. Mit ihrem Vorturnier in Norwegen erzielte Humpy ein Ergebnis von Minus vier und konnte dabei in 19 Partien keine einzige Partie gewinnen. Gegen Tan Zhongyi kam Humpy nach zwei Ungenauigkeiten früh im Turnier unter die Räder. Auch gegen die zweite Topspielerin des Turniers verlor die Inderin. Auffällig waren die taktischen Fehler der Inderin, die ein besseres Ergebnis verhinderten.
Lennart Ootes
Koneru Humpy – Alice Lee (Runde 6). Cairns Cup. 30. Zug.
In dieser Stellung war die Inderin nah am vollen Punkt. Wie sollte sie hier am besten fortsetzen?
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Vaishali hatte nach dem Gewinn des Turniers der Kandidatinnen im Juli in Biel fünf Turnierpartien gespielt und dabei nur drei Remis geholt. Gegen die US-Amerikanerin Carissa Yip hatte Vaishali dort verloren. Diesmal war deren Partie recht ereignislos verlaufen. Dafür musste die Inderin gegen die andere US-Frau hinter sich greifen. Seit Zypern hat Vaishali in 14 Partien insgesamt einen Score von Minus sechs bei acht Remispartien.
Vaishali steht vor dem größten Kampf ihres Lebens, aber sie hat die größte Schwäche ihres Spiels immer noch nicht im Griff: ihr Zeitmanagement ist weiterhin eine Katastrophe. Zumal sie anders als beispielsweise der russische Großmeister Grishuk in solchen Momenten des schnellen Spiels eher schlechter als sonst unterwegs ist. In der Form nach ihrem etwas glücklichen Sieg beim Turnier der Kandidatinnen dürfte die Inderin beim noch nich terminierten Wettkampf gegen die Chinesin Yu Wenjun keine Chance haben.
Crystal Fuller
Vaishali – Alice Lee (Runde 8). Cairns Cup. 31. Zug.
Hier ist eine Idee gesucht wie Weiß trotz seines geringen Materialnachteils möglichst ausgleichen sollte.
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Divya (20) hat diesmal ein ungewöhnliches Resultat erspielt. Bisher waren bei ihr vor allem ihre Schwarzresultate ihr Problem. Diesmal weist die Inderin eine solide Leistung mit den schwarzen Steinen (zwei Siege und drei Remis) auf. Kämpferisch war ihr Schach in jedem Fall in St. Louis voll da. Bei der Schacholympiade wird es interessant sein, die Team-Aufstellung der Inderinnen zu beobachten – ich erwarte letztmals ein Team, das von Koneru Humpy angeführt wird. Während Vaishali und Koneru angeschlagen wirken zeigt die Formkurve von Divya etwas nach oben. Allerdings lässt sich Divya immer noch gelegentlich von ihren Gegnerinnen bluffen. Wie bekannt wurde erhält Divya den Arjuna Award, das ist die zweithöchste sportliche Auszeichnung im indischen Sport. Sie folgt damit Vaishali.
Divya Deshmukh – Alice Lee (Runde 2). Cairns Cup 2026. 40. Zug.
Die Inderin muss noch ihren Kontrollzug machen. Wie sollte sie vorgehen? Divya griff hier fehl.
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Divya Desmukh – Tan Zhongyi (Runde 7). Cairns Cup 2026.25. Zug.
Tan hatte vorher freiwillig eine Qualität geopfert. Wie sollte Divya hier am besten fortsetzen?
Divya Desmukh – Tan Zhongyi (Runde 7). Cairns Cup 2026. 32. Zug.
Wie sollte die Weißspielerin hier fortsetzen, um ihren Vorteil festzuhalten?
Divya Desmukh – Tan Zhongyi (Runde 7). Cairns Cup 2026. 37. Zug.
Zuletzt ist die Partie nicht gut gelaufen für Divya. Wie sollte sie hier am besten fortsetzen?
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Die drei indischen Großmeisterinnen waren zuletzt nicht in allzu guter Form. Dennoch ist Indien nach dem Gewinn in Budapest Favorit im Frauenturnier in Samarkand. Das indische Team wird ergänzt durch die Internationalen Meisterinnen Vantika Agrawal und Savitha Shri. Auf dem zweiten Startplatz folgt Georgien, ebenfalls mit drei Großmeisterinnen und zwei Internationalen Meistern. In der Startrangliste ist China nur auf dem dritten Platz, da das Team erneut ohne Vier (Hou Yifan, Yu Wenjun, Tan Zhongyi und Lei Tingjie) antritt. Die US-Amerikanerinnen sind nach Kazakhstan auf dem fünften Platz in der Startrangliste.
Die US-Amerikanerinnen
Die 22-jährige Carissa Yip ist bereits vierfache US-Meisterin und Titelverteidigerin als Siegerin des Cairns Cup 2025. Carissa hat bereits zwei Großmeister-Normen erzielt und spielte ein solides Turnier mit einer Niederlage zum Auftakt und zwei Siegen.
Drei Bauern an zwei Flügeln sind für einen verteidigenden Springer zu viel, oder? Wie sollte Carissa hier fortsetzen?
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Crystal Fuller
Alice Lee holte den Titel eine Internationalen Meisters bereits mit 13 Jahren und war 2026 die Überraschung des Turniers, die zudem mit vier Siegen bei einer Niederlage ein ansprechendes Ergebnis erzielte. Als Zweite gewann sie nicht nur 50.000 US-Dollar, sondern erzielte ihre erste Großmeister-Norm. Für US-Spielerinnen, die den Großmeister-Titel holen gibt es 100.000 US-Dollar als Prämie. Die Frage lautet eigentlich nur noch welche der beiden US-Spielerinnen zuerst diese Anreizprämie kassiert.
Lennart Ootes
Vaishali – Alice Lee (Runde 8). Cairns Cup 2026. 22. Zug.
Einmal Kandidaten raten bitte: Ich vermute den Zug von Vaishali in dieser Stellung findet niemand. In dem Fall liegt es aber nicht daran, dass ihr Zug so gut war. Es folgte eine Manöverphase an deren Ende die US-Amerikanerin eine schöne Chance hatte.
Vaishali – Alice Lee (Runde 8). Cairns Cup 2026. 26. Zug.
Vaishali hatte zuletzt mit ihrem h-Bauern den Springer auf g6 attackiert. Wie sollte Alice Lee hier am besten reagieren?
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Die 16-jährige Alice Lee erspielte sich eine Großmeister-Norm in St. Louis und betrachtet man ihre Partien und vor allem ihre Endspiele, dann war sogar ein deutlich besseres Resultat drin. Alice Lee scheint jetzt endgültig aus dem Schatten von Carissa Yip herauszutreten. Wobei die beiden besten US-Frauen beide eine positive Entwicklung zeigen. An Alice und Carissa wird es in Samarkand sicher nicht liegen, falls die US-Frauen bei der Schach-Olympiade unter den Erwartungen abschneiden sollten.
Die übrigen Teilnehmerinnen
Die Ex-Weltmeisterin Alexandra Kosteniuk (42) war zuletzt viel unterwegs und hatte im Turnier nach einem schwachen Start nie wieder Anschluss gefunden. Anna Muzychuk (36), die auf Zypern für Koneru Humpy ins Feld aufrückte, spielte neun wenig ambitionierte Remispartien. Nur gegen Alice Lee war ihre Partie einige Zeit aus dem Gleichgewicht. Besser stand Muzychuk in keiner Partie – wer es positiv formulieren will: acht perfekte Partien gespielt von der Ukrainerin und ihrer jeweiligen Gegnerin. Anders ist das Spiel der Griechin Stavroula Tsolakidou (26) einzuschätzen, die in der letzten Runde die Siegerin überzeugend besiegte und letztlich zwei Siege gegen die Führenden aufweist. Bibisara Assaubaeva hatte im Verlauf nie wirklich Chancen auf den Turniersieg, erzielte aber ein solides Ergebnis.
Fotos: John Brezina. Link. Lennart Ootes, Crystal und Austin Fuller (alle St. Louis Chess Club), jeweils gekennzeichnet.
Erfahrene Spieler wissen um die Wirkkraft zweier benachbarter freier Bauer, Hans Kmoch nannte das ein Bauernduo. Die stärkste Aufstellung ist wenn die Bauern nebeneinander auf einer Reihe postiert sind und zwar so weit vorne wie möglich. Eine kleine Untersuchung aktueller Beispiele.
Von Thorsten Cmiel
Es ist teilweise absurd, wenn in Artikeln jüngere Großmeister zitiert werden, denn die wichtigsten Erkenntnisse über die Wirksamkeit im Zusammenspiel von Figuren und Bauern im Schach sind oft bereits jahrhundertealtes Wissen. Der in Wien geborene Meisterspieler und spätere Journalist und Autor Hans Kmoch, (25. Juli 1894 – 13. Februar 1973) schrieb 1956 beispielsweise sein Meisterwerk „Die Kunst der Bauernführung“. Dort beschäftigte er sich unter anderem mit der Frage wie die Bauernstruktur die Entwicklung des Spiels beeinflusst. Zwar ist man inzwischen auch theoretisch etwas weiter und heutzutage spielen dynamische Aspekte bei der Stellungsbewertung eine zunehmend größere Rolle, aber nichts ist falsch daran, die grundlegenden Strukturen zu kennen. Dazu beschäftigen wir uns hier mit dem Bauernduo.
Bauernduo
Zwei Bauern nebeneinander sind eine mächtige Kraft im Schach. Sie kontrollieren vier Felder unterschiedlicher Farbe vor sich.
Diese einfache Erkenntnis verriet mir ein Schachspieler in meinem zweiten Schachverein vor etwa 45 Jahren. Denkt man darüber nach, dann klingt es wie eine Binse. Dennoch kann man im Turnierschach immer wieder beobachten wie Spieler ihre Bauern unmotiviert nach vorne werfen und sich so ihr Einfluss auf das Geschehen auf dem Brett reduziert und im Hinterland und vor den Bauern Felder-Schwächen entstehen.
Verändern wir die erste Aufstellung der Bauern indem wir einen Bauern ein Feld weiter vorschieben: Jetzt deckt ein Bauer den anderen. Dadurch wird der Einfluss der beiden Bauern auf nur noch drei freie Felder reduziert und alle kontrollierten Felder sind von der gleichen Farbe (hier ebenfalls durch grüne und rote Pfeile markiert). Vor den Bauern entstehen jeweils erkennbare Felder-Schwächen auf der anderen Farbe.
Jetzt gibt es in einer Schachpartie natürlich immer gute Gründe, einen der zwei Bauern ein Feld nach vorne zu schieben. Oft sollte es aber das Ziel sein, den anderen Bauern ebenfalls nach vorne zu schicken. Gelegentlich und das werden wir an einem aktuellen Beispiel sehen, kommt es darauf an den richtigen Bauern zuerst zu bewegen.
Schwarz hat ein starkes Bauernduo auf der vierten Reihe. Etwas überraschend hatte Rainer Knaak das durch einen Schlagfall auf d4 zugelassen. Der Schwarzspieler hat erkennbar gute Chancen in dem Endspiel.
Nach dem Schlagen auf c6 muss Schwarz jetzt entscheiden welchen Bauern er vorziehen soll. Es gibt Argumente welchen Bauern man hier vorziehen sollte. Wie beschrieben sollte es die primäre Idee sein, das Bauernduo langfristig intakt zu halten. Also welcher Bauer muss nach vorne?
Fotos Dresden: Finn Engesser (DSB)
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Wo der König hingehört
Die folgenden zwei Großmeister-Partien wurden im August 2026 gespielt und weisen interessante und überraschende Parallelen auf. In beiden Fällen sind die verbundenen Freibauern ein Argument im Partieverlauf.
Michael Adams – Harry Grieve. Britische Meisterschaft 2026 (Runde 7). Warwick.
Michael Adams ist einer der besten Positionsspieler auf dem Planeten. Er versteht natürlich die Bedeutung und Stärke von verbundenen Bauern und vielleicht ist das manchmal ein Hindernis. Wie sollte Micky hier am besten fortsetzen?
Rasmus Svane – Robert Prieb. Dortmund A-Open 2026 (Runde 1).
Wie sollte der deutsche Großmeister hier gegen die vier Bauern antreten?
Fotos: Dariusz Gorzinski (Dortmund. Runde 1))
Lösung (Hier Klicken)
Wie stoppt man verbundene Bauern?
Im letzten Beispiel haben wir im Endspiel von Rasmus Svane eine effektive Methode gesehen: Er hat den Turm hinter den am weitesten vorne postierten Bauern gestellt, um einen weiteren Vormarsch zu stoppen. So wenige Beispiele reichen natürlich nicht aus, um eine allgemeine Aussage zu treffen, aber wir haben eine gute erste Idee.
Patrick Duncan – Ben Hirsch. Britische Senioren-Meisterschaft (50+) 2026 (Runde 6). Warwick.
Wie sollte Ben hier den gegnerischen d-Freibauern stoppen? Nach der Vorrede ist die Antwort darauf vermutlich nicht allzu schwer. Oder?
Patrick Duncan – Ben Hirsch. Britische Senioren-Meisterschaft (50+) 2026 (Runde 6). Warwick.
Wie sollte Schwarz sich weiter verteidigen? Das folgende Symbolfoto von Dariusz Gorzinski ist sehr ausdrucksstark und stammt von einer gemeinschaftlichen Simultan-Partie gegen Judit Polgar, das während des Ruhetags bei der Schacholympiade in Bupapest 2024 gespielt wurde.
Foto: Dariusz Gorzinski (Budapest 2024).
Patrick Duncan – Ben Hirsch. Britische Senioren-Meisterschaft (50+) 2026 (Runde 6). Warwick.
Hier ist Weiß am Zuge. Wie sollte er hier die Blockade des d-Bauern aufbrechen und die Kraft des Bauernduos effektiv einsetzen.
Lösung (Hier Klicken)
Die Kraft des Bauernduos
Verbundene Freibauern als Bauernduo sind besonders in der Nähe des gegnerischen Königs und kurz vor der Umwandlung eine gefährliche Waffe in einer Schachpartie. Schauen wir uns einige aktuelle Beispiele an.
Wie ist diese Stellung mit einem Bauernduo auf der gegnerische dritten Reihe als Kompensation für eine Leichtfigur zu bewerten?
Lösung (Hier klicken)
Accordion Content
Fotos: Dariusz Gorzinski (Wijk aan Zee 2026).
Praggnanandhaa – Vincent Keymer. Rapid+Blitz St. Louis 2026.
Beide Spieler haben verbundene Freibauern. Die schwarzen Bauern sind aber etwas weiter vorgerückt. Der schwarze Läufer auf d5 ist angegriffen. Aber zunächst muss Pragg auf das Schachgebot reagieren. Wie sollte er es tun?
Praggnanandhaa – Vincent Keymer. Rapid+Blitz St. Louis 2026.
Wie sollte Schwarz fortsetzen und warum? Hier beginnt bestenfalls eine interessante Rechenarbeit.
Praggnanandhaa – Vincent Keymer. Rapid+Blitz St. Louis 2026.
Das ist eine Analysestellung. Die Frage lautet: Wie ist die Stellung objektiv zu bewerten und wie könnte es weitergehen?
Lösung
Fazit
Das Bauernduo ist eine dynamische Waffe im Positionskampf. Oft kann man in der Praxis beobachten, dass eine Seite Material opfert, um ein starkes Duo ins Rennen zu schicken. Mit der Unterstützung von Leichtfiguren sind insbesondere bei weit vorgerückten Freibauern Matt- und Angriffsmotive nicht zu unterschätzen.
Die deutschen Seniorenmeisterschaften waren in beiden Altersklassen stark umkämpft. Letztlich gab es drei verdiente Sieger. Bei den Jungsenioren gewann Dieter Kaiser aus Dresden, der zeitweise dem Feld enteilt war. In der älteren Senioren-Gruppe gewann der Lausitzer Großmeister Rainer Knaak vor dem Internationalen Meister Joachim Brüggemann aus Erfurt, der zugleich deutscher Nestorenmeister wurde.
Von Thorsten Cmiel
Sehr positiv an der Deutschen Meisterschaft in Dresden war, dass in beiden Gruppen 180 Partien erfasst wurden. Damit gibt es für eine Berichterstattung eine größere Auswahl und bessere Analyse-Möglichkeiten. Ich habe mich entschieden, für beide Turniere die Partien mehrerer Spieler vorne genauer unter die Lupe zu nehmen.
Beginnen wir mit den älteren Senioren. Das Turnier hat einen klaren Sieger hervorgebracht. Wenn man dessen Partien genauer beobachtete, dann waren die acht Punkte von Rainer Knaak, allerdings gar nicht erwartbar. Mir sind vor allem seine Endspiele aufgefallen. Das spricht für seinen Kampfgeist und seine immer noch vorhandene Widerstandskraft in kritischen Stellungen. Gleichzeitig zeigt sich, dass nicht mal ein Ex-Weltmeister so einfach durch ein Feld bei den deutschen Senioren durchmarschieren kann, ohne ordentlich Gegenwehr erfahren zu haben.
Endtabelle Deutsche Senioreneinzelmeisterschaft 65+
DSEM 65+. Dresden 2026. 230 Teilnehmer. Vollständige Tabelle und Quelle.
Um bei den älteren Senioren unter die Top-5-Spieler zu kommen, so wenige Hauptpreise (1.000, 700, 500, 300 und 100 Euro) gab es in beiden Gruppen jeweils, musste man mindestens sieben Punkte holen. Das gelang sechs Spielern von denen vier Akteure eine Performance von mehr als 2300 Punkten erreichten. Eine sehr starke Leistung der Spieler.
Etwa hier ging Elisabeth Pähtz bei der Live-Kommentierung in die Pause und kündigte ein baldiges Remis an. Als sie zurück kam stand Rainer glatt auf Gewinn. Was war passiert? Immerhin mir half das Beschäftigen mit dieser Partie einen Tag später, ein Endspiel mit ungleichen Läufer und einem Bauern weniger souverän zu remisieren.
Ein Gedankenspiel
Gehirnakrobatik
Diese Stellung ist Zugzwang und gewonnen für Schwarz trotz des falschen Läufers. Dieses Problem hatte ich mir beim Zuschauen von Rainer Knaaks Partie als Begründung dafür überlegt, weshalb ich das Festlegen der Bauern auf a5 und a6 unterlassen hätte. Vermutlich kann man diese Stellung nicht erzwingen, nachdem Weiß seinen Läufer für e- und h-Bauern geopfert hat. Aber die pure Existenz dieser Konstellation mahnt zur Vorsicht.
Glück gehört zum Geschäft
Karl-Heinz Kannenberg spielte in der dritten Runde eine sehr starke Partie gegen den haushohen Turnierfavoriten, der ein frühes und typisches Bauernopfer nicht rechtfertigen konnte und die meiste Zeit der Partie hinten lag im Verlauf der Partiebewertung.
Hier gibt es zwei Bauernzüge mit dem bereits weit vorgepreschten Bauernduo auf c4 und d4. Fifty-Fifty. Einer gewinnt und der andere nicht. Ihre Wahl.
Jungsenioren (50+)
Der Schwerpunkt meiner Betrachtungen liegt natürlich auf dem Turnier (DSEM 50+) an dem ich teilgenommen habe. Es wurde sehr intensiv gekämpft und in der Spitzengruppe gab es viele entschiedene Partien (als kleine Informationshilfe zum Lesen der folgenden Tabelle: Wer sieben Punkte bei fünf Siegen erzielte, der ist ohne Niederlage geblieben und so weiter).
Endtabelle Deutsche Senioreneinzelmeisterschaft 50+
DSEM 50+. Dresden 2026. 75 Teilnehmer. Vollständige Tabelle und Quelle.
Bei den Jungsenioren war das notwendige Gesamtergebnis für einen Spitzenplatz wegen der geringeren Teilnehmerzahl niedriger. Der spätere Sieger Dieter Kaiser aus Dresden war mit fünfeinhalb Punkten aus sechs Partien grandios gestartet und remisierte seine letzten drei Partien. Bemerkenswert ist vielleicht noch, dass keiner der drei Elo-Favoriten mit Zahlen über 2300 es in die Top-Drei schaffte. Die Elo-Verluste der drei Favoriten summierten sich auf 41 Punkte. Das zeigt einmal mehr, dass Elozahlen keineswegs einfach auf den Tisch gelegt werden können, um Schachpartien zu gewinnen, wie man in Dresden 2026 ebenfalls im Masters der offenen Klasse beobachten konnte.
Der Kaiser von Dresden
In Magdeburg 2021 war ein Lokalmatador nah dran am Titel. Mike Stolz aus Magdeburg verlor seinen Titel am grünen Tisch, da irgendein Gremium beim Schachbund dem Isländer Henrik Danielsen den ausgerufenen Titel beließ. Inzwischen ist man beim Spitzenverband des deutschen Schach weiter. Deutscher Meister kann nur werden, wer entweder geborener deutscher Staatsbürger oder FIDE-Deutscher ist. Angeblich geht das aus der Verklausulierung in der Turnierordnung hervor, so die Information des Schachbundes auf meine Anfrage vor Dresden. Immerhin man will das Thema präziser fassen.
Aber: Falls die Turnierordnung so eindeutig ist, müsste der Deutsche Schachbund Mike Stolz nachträglich zum deutschen Seniorenmeister (50+) 2021 ernennen. Denn Änderungen an der Turnierordnung hat es meiner Kenntnis nach seither diesbezüglich nicht gegeben. Lediglich in den Ausschreibungen der Folgejahre fand sich eine scheinbare Präzisierung: FIDE-Deutscher sollte der Sieger sein, hieß es. Das war ebenfalls nicht treffsicher. Natürlich konnte auch die ehemalige Präsidentin des Schachbundes deutsche Meisterin werden, obwohl sie bis vor gar nicht so langer Zeit FIDE-Engländerin war. Als Deutsche rechnete sie sich bessere Chancen bei der Wahl ins Präsidium der European Chess Union (ECU) aus und plötzlich war möglich was vorher nicht ging, aber viele Schachspieler in Deutschland aufregte.
Nach den Wagner-Spielen in 2025 gewann dieses mal Dieter Kaiser aus Dresden. Er ist nicht der erste gefeierte Kaiser in Dresden. Bereits am 14. September 1882 hatte Kaiser Wilhelm I. Dresden einen Besuch abgestattet. Diesmal ging es allerdings nicht um Politik und Dieter Kaiser, der bei Grün-Weiß Dresden spielt, war schon vor Ort.
Hinweis: Leider habe ich kein Foto von Dieter Kaiser beim Schachbund gefunden – bevorzugt am Brett. Es gibt ein Foto des Siegers in einer Kollage. Ich selbst habe keine Fotos im Turniersaal gemacht, da das Verwenden von Handys dort verständlicherweise verboten ist und ich grundsätzlich mein Mobiltelefon im Hotel lasse. Daher ist man als Berichterstatter auf die Fotos des Veranstalters angewiesen. Aus der Not geboren habe ich die Künstliche Intelligenz beauftragt etwas im historischen Kontext zu basteln. Das ist keine Respektlosigkeit dem Sieger gegenüber, zumindest nicht von mir.
Dieter Kaiser – Frank Belke (Runde 3). DSEM 50+. Dresden.
Die Eröffnung ist dem Schwarzspieler in dieser Partie erkennbar misslungen. Weiß steht vor seinem 17. Zug und sollte wie fortsetzen?
Dieter Kaiser – Markus Hochgräfe (Runde 6). DSEM 50+. Dresden 2026.
Die kritische Stellung in dieser Partie, die vermutlich über den Titelgewinn mitentschieden hat. Wie sollte Weiß hier am besten fortsetzen? Ich schlage vor, man beginnt mit der Kandidatenauswahl. Die Lösung gibt es in der ausführlichen Partieanalyse.
Cliff Wichmann ist neuer deutscher Senioren(50+)-Schnellschachmeister und lag zu diesem Zeitpunkt des Turniers einen halben Punkt hinter Dieter Kaiser. In dieser Stellung macht der Internationale Meister mächtig Druck gegen den rückständigen Bauern b6 und hätte er hier seinen e- oder seinen c-Bauern vorgezogen, wäre die Verteidigungsaufgabe für Dieter Kaiser schwierig geworden. Cliff Wichmann zog seinen Läufer nach e4, Schwarz konterte mit dem Damenzug nach h6 und konnte die Stellung im Gleichgewicht halten. Nach zwei weiteren Remis kam es dann zur Krönung.
Partieanalysen
Der Geier
In der ersten und in der dritten Runde saß ich Reiner Heimrath gegenüber, der einen alten Bekannten wiederbelebte. Eine Eröffnung, die auf die Arbeiten von Stefan Bücker zurückgehen, der in der Gruppe 65+ als Dritter recht erfolgreich dabei war, aber insgesamt diesmal solider als in seiner Jugend agierte.
Erstellt mit KI (artta.ai)
Den Geier habe ich vor ca. 40 Jahren in einigen Blitzpartien selbst regelmäßig ausprobiert, um dann zum Benko-Gambit zurückzukehren. Heutzutage ist es noch mutiger den Vogel zu aktivieren. Der charakteristische Springerzug ins Zentrum und falls notwendig zurück nach d6 ist objektiv allerdings ohne Zweifel fragwürdig.
Endspiele und andere Kapriolen
Philidor-Stellung und Regelkenntnis
In Turmendspielen passieren manchmal überraschende Dinge, aber auch bei den Großmeistern ging manches Turmendspiel in Dresden schief. Das war jetzt mein zweites Turnier in Folge in dem ein Spieler trotz Philidor-Stellung verloren hat. Der Schwarze hatte zum Schluss sogar noch eine Alternative.
Frank Belke – Michael Lehmann (Runde 2). DSEM 50+. Dresden 2026.
Hier sollte und konnte der Schwarzspieler auf c7 im 148. Zug mit einem Turmschach auf c7 und einem weiteren Turmschach unter angekündigtem Opfer das Remis erreichen. Denn der letzte weiße Bauernzug, der ein Schlagfall im 99. Zug auf d5 war, ist dann lange genug zurück. Freilich war so viel Regelkenntnis gar nicht notwendig, da die Stellung auch ohne „Turmopfer“ immer noch ausgeglichen war.
Frank Belke – Michael Lehmann (Runde 2). DSEM 50+. Dresden 2026.
Aus einer früheren Phase der gleichen Partie. Weiß steht ohne Zweifel auf Gewinn. Welche Gewinnfortsetzung ist Weiß hier zu empfehlen?
Frank Belke – Michael Lehmann (Runde 2). DSEM 50+. Dresden 2026.
Wie sollte Weiß hier am besten fortsetzen, um den vollen Punkt einzufahren? Es gibt mehr als einen Weg.
Erstellt mit KI (artta.ai)
Gleichfarbige Läufer
Ein Endspiel der Jungsenioren zeigt wie schwierig es in Endspielen oft ist, den richtigen Gewinnplan zu finden oder die richtige Verteidigung. Die Partie ist meines Erachtens zum weiteren Selbststudium geeignet und bedarf sicherlich weiterer Analysen. Wenn man den Maschinenraum befragt, gab es sechs oder sieben Bewertungs-Swings, so wie ich es nennen würde. Der letzte Fehler entschied die Partie
Eine der vielen schwierigen Situationen in dieser Partie: Wie sollte Schwarz sich verteidigen? Ist die Stellung überhaupt noch haltbar? Mehr dazu und ähnlichen Stellungen im Verlauf findet sich in der Partieanalyse.
Ein Turm ihn zu knechten!
In der folgenden Stellung kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Dennoch passieren solche Unglücke immer wieder. Das Missgeschick im folgenden Diagramm unterlief Arnold Huhndorf aus Köln, der nach einem grandiosen Start der Titelheld dieser Geschichte und des gesamten Turniers hätte sein können. Er stand sich aber selbst im Weg.
Vielleicht hätte hier der Highländer-Spruch, es kann nur einen geben, besser gepasst. Aber auch der Herr-der-Ringe-Spruch passt. Welchen Zug sollte Weiß hier mit verbundenen Augen spielen?
Ihor Tymoshenko – Arnold Huhndorf (Runde 6). DSEM50+. Dresden 2026.
Bereits eine Runde zuvor hatte Arnold sein Turnier – gestartet war er mit 4 aus 5 und hatte in Runde 6 bereits die Ranglistenersten Eins bis Vier hinter sich – geschrottet. Sein Gegner war nicht wirklich mit seinem Angriff am Königsflügel durchgedrungen, sondern hatte ihm mit seinem letzten Zug, der Springer war von e2 nach g3 gezogen, etwas Zeit gelassen. Welchen Zug sollte Schwarz hier und später noch in jedem Fall spielen.
Schlusskämpfe
Schlussrundenpartien folgen ihrer besonderen Logik, zumindest wenn beide Spieler gewinnen wollen. In den folgenden drei Partien aus der Schlussrunde gab es teilweise schon früh größere Unwuchten und nicht in jedem Fall ging es so aus wie der Maschinenraum ausgerechnet hatte.
Markus Hochgräfe – Frank Schwarz (Runde 9). DSEM 50+. Dresden 2026.
Schwarz hat zuletzt ein Schach geboten. Weiß kann nach vorne ziehen oder zurück weichen. Was ist stärker?
Markus Hochgräfe – Frank Schwarz (Runde 9). DSEM 50+. Dresden 2026.
Weiß steht vor seinem 41. Zug. Wie geht es am besten weiter?
Markus Hochgräfe – Frank Schwarz (Runde 9). DSEM 50+. Dresden 2026.
Erkennbar ist die Partie deutlich verwickelter als noch einige Züge zuvor. Wie sollte Weiß im 63. Zug fortsetzen und wie ist die Stellung inzwischen zu bewerten?
Erstellt mit KI (artta.ai)
Frank Zeller – Gerald Löw (Runde 9). DSEM 50+. Dresden.
Gerald Löw hatte mit 7…h7-h5 den Fehdehandschuh auf das Brett geworfen. Nicht jeder spielt so riskant in einer Schlussrunde. Die Partie verlief in der Folge allerdings nicht in seinem Sinne. In dieser Stellung sollte Schwarz wie fortsetzen?
Leningrad fällt
Frank Reinemer blieb seinem Repertoire auch in der letzten Runde treu, hatte später Ausgleich und verpasste seine Chance. Aber auch so blieb er der Spieler mit dem zweitgrößten Elo-Zuwachs in der Spitzengruppe.
Mein eigenes Turnier
Dieser Blog ist für mich eine Art Hilfsmittel, um mich regelmäßig mit Schach und meiner eigenen Entwicklung zu beschäftigen, hier einige Momente aus meinen eigenen Partien.
Mein ärgerlichstes Erlebnis im Turnier hatte ich rückblickend betrachtet bereits in der zweiten Runde als ich später in Gewinnstellung Remis gab. Das eigentliche Problem waren aber meine manchmal sehr genauen und zu oft etwas oberflächlichen Kalkulationen vorher.
Ich hatte mit Schwarz eine sehr gute Partieanlage hingelegt und war jetzt gefordert. Wie sollte ich hier am besten fortsetzen? Mein erster Gedanke war es den Turm nach h4 zu ziehen, um den Angriff weiter fortzusetzen. Schwarz droht bereits mit dem weiteren Vormarsch des Bauern nach d4. Aber wie geht es nach dem Königszug nach g2 – deckt f3 und h3 – weiter? Ich spielte hier einen Zug, der rein gar nichts mit anspruchsvollem Schach zu tun hat. Ich zog meinen Turm nach b5, da ich dachte das würde auch ausreichen. Nach dem Läuferzug nach f4 stand ich plötzlich schlechter. Der Zug mit dem Turm war vermutlich mein schlechtester Zug im gesamten Turnier und verspielte meine Gewinnstellung – in der Folge hatte ich zunächst Glück. Am Ende wurde es dann komplett absurd.
Nach dem Kontrollzug hatten wir diese Stellung auf dem Brett. Beide Seiten haben einen starken Freibauern auf der gegnerischen dritten Reihe. Ich war optimistisch, weil ich einige Varianten bereits kalkuliert hatte, zumal die Partie den erwarteten Verlauf nahm. Bis dahin stimmte meine Kalkulation wieder. Dann kam es zu folgender Situation.
Gibt es einen Unterschied, ob man auf e4 zunächst ein Schachgebot unterbringt, oder ist es einfach egal und das Umwandeln des d-Bauern genügt zum Gewinn? Ich scheiterte natürlich an dieser einfachen Aufgabe. Entscheidend war das diesmal allerdings noch nicht.
Die Eröffnungsvorbereitung war mal aufgegangen. Inzwischen sind wir bereits im Freestyle der Partie. Was sollte ich mit Schwarz hier am besten spielen? Die Partie bot später noch andere spannende Momente, aber die blende ich hier einfach aus. Die ausführlich Lösung gibt es übrigens ebenfalls nicht öffentlich, sondern nur den besten Zug. Nur so viel: Ich fand hier nicht die beste Fortsetzung. Viel Erfolg damit es besser zu machen.
Lösung (Hier Klicken)
Ich sollte hier kaltblütig mit dem a-Bauern zwei Felder vorpreschen. Stattdessen nahm ich auf c3.
Performance okay, Chancenverwertung nicht
Mein eigenes Ergebnis war zwar eine kleine Steigerung bei der Performance zu den Vorjahren (2274 in Dresden 2026, nach 2271 in Bad Neuenahr 2025, 2225 in Bad Wildungen 2024 und 2100 in 2023). Aber leider ging mir gesundheitlich hintenraus wieder die Kraft aus – ich habe teilweise nur gezogen, Hand-Züge ausgeführt sagt man heutzutage im angelsächsischen Raum. Dabei gab es noch eine schicke Chance in der achten Runde, nachdem meinem Gegner ein Fehler unterlaufen war. Mich stören aber mehr eigene Fehler und in der folgenden Stellung musste ich mit Schwarz eine Entscheidung treffen. Ich fand in dieser Stellung meinen zweiten groben Fehler des Turniers und zum Glück bestrafte mein Gegner mich nicht einmal. Danach gab es noch weitere kritische Phasen in denen ich erneut mit einer Qualität mehr am Gewinn vorbei spielte.
Mein Gegner hat einen „Budenzauber“ gestartet als er auf h7 nahm. Meine Frage lautete hier. Soll ich den Springer nehmen? Ich rechnete richtig und entschied mich dennoch aus praktischer Sicht falsch.
Das Foto stammt von einer früheren Deutschen Meisterschaft. (Gerhard Meiwald)
Nach diesem frustrierenden Partieverlauf in der achten Runde wollte ich nicht mehr weitermachen. Dabei war mein Turnier bis dahin objektiv gar nicht so schlecht gewesen und die durchschnittliche Züge-Zahl lag bei anständigen 39 Zügen. In drei Schwarzpartien hatte ich zwischendrin und als erster Spieler der Partie Gewinnstellungen erreicht und remisierte dennoch sämtliche Partien. Ein Fortschritt war aus meiner Sicht allerdings, die Chancen überhaupt erzielt zu haben. 30 Elo-Punkte und die viertbeste Performance (hinter den beiden Turniersiegern und Arnold Huhndorf) im Feld sind allerdings weiterhin klar verbesserungsbedürftig.
Fotos vom Schachgipfel Dresden: Finn Engesser (DSB). Andere gesondert gekennzeichnet.
Li-Chess (übertragene Partien vom Schachgipfel – kann man herunterladen – leider fehlt bei Li-chess die korrekte Beschreibung des Turniers und bei den Daten gibt es eine Art Bug bei der ersten Partie eines Tages).
Service-Hinweis
Die Partie-Analysen können als PGN-Datei heruntergeladen werden, indem man im Partie-Fenster den hier markierten Button nutzt.
Das alte Präsidium des Deutschen Schachbundes ignorierte und boykottierte jahrelang das Schachspiel der Senioren. Dresden war insofern ein Höhepunkt, leider. Immerhin Besserung ist versprochen und die ersten Weichen sind gestellt. Dennoch sollte man die zahlreichen konzeptionell-planerischen Fehler von Dresden nicht verschweigen, damit sich so etwas keinesfalls wiederholt.
Ein Kommentar von Thorsten Cmiel
Ich beginne mit einigen positiven Aspekten und wir kommen dann zu den zahlreichen planerischen Unzulänglichkeiten: Dresden ist ein tolle Stadt mit vielen grandiosen Gebäuden und hervorragenden kulinarischen Möglichkeiten. Ein Fixpunkt ist der Platz rund um die Frauenkirche Dresden. Neben der spanischen Küche kann man gutbürgerliche, italienische und asiatische Restaurants besuchen.
Das Touristik-Programm des Schachbundes war eher lieblos zusammengestellt und bot Teilnehmern trotz Gruppenangebots Nachteile. Nach Auskunft mancher Teilnehmer waren die Schachbund-Konditionen teurer als Einzelbuchungen – eine Fotolizenz in der Semperoper und eine „ungenießbare Currywurst“ waren andere irritierende Themen. Das bringt uns zur Sicht auf Organisation und wie der Schachbund eine Großveranstaltung interpretiert.
Uneingeschränkt positiv war: Bei den Senioren wurde mit Holzfiguren gespielt und es gab in beiden Altersgruppen zwanzig Übertragungsbretter. Die Partien der Senioren wurden abwechselnd von den Großmeistern Klaus Bischoff und Elisabeth Pähtz kommentiert. Als Sidekick war die Streamerin Katharina Reinecke im Einsatz. Leider fand die Übertragung im Open Space statt und daher musste etwas leise gesprochen werden, was Zuschauer im Schachdeutschland.tv vermutlich nicht mitbekommen haben, aber das Live-Erlebnis vor Ort etwas beeinträchtigte.
Dieses schicke Event-Logo wurde von der Grafik-Designerin Uta Büttner für den Schachgipfel erstellt. sie hat schon einige Erfahrung mit Schachaufträgen.
Schach verkauft sich gerne unter der Vokabel der Inklusion, schließlich können Spieler mit Behinderung an den gleichen Turnieren wie andere teilnehmen. Das ist ein großes Plus für das Schachspiel im Wettbewerb der Sportarten und wird bereits seit Jahrzehnten in Hunderten Schachvereinen wie selbstverständlich praktiziert. Die Spielbedingungen im Congresscenter in Dresden waren insgesamt hervorragend, allerdings teilweise nicht alters- und behindertengerecht. Bedenken gegen den Spielort wurden unter der alten Führung des Schachbundes weggewischt und unter Frust eines Engagierten ignoriert von einer Überschätzten.
Besonders grob: Um zur Toilette zu gelangen, mussten die Senioren eine steile Treppe erklimmen. Dass nichts passierte an den neun Turniertagen grenzt an ein Wunder. Die Spieler mit Behinderung hatten glücklicherweise auf der Spielebene Zugang zu Toiletten, immerhin. Die Großmeister, alle jung und noch bestens zu Fuß unterwegs, hatten es ebenfalls leichter zum Klo.
Gipfel ohne Höhepunkt
Erst am Tag der Abschlussveranstaltung wurde vielen Senioren klar, dass sie dort nicht vorkommen sollten. Die deutschen Seniorenmeister wurden eingeladen, aber einer wurde zu spät erst bei der Siegerehrung kurz vorher informiert. Ich persönlich wäre aus Solidarität nicht einmal auf Einladung zu einer solchen Veranstaltung gegangen, die Senioren konzeptionell exkludierte. Ich sah unter Senioren Reaktionen wie Kopfschütteln, Sprachlosigkeit und einer nannte es den „Gipfel der Gipfellosigkeit“.
Von den Organisatoren wurde angeführt, dass es schlicht keine Räumlichkeiten für die Teilnehmer aus allen Turnieren gegeben habe, denn sogar ohne Senioren kamen über 650 Teilnehmer zum Galadiner. Wir, einige Senioren, endeten letztlich privat beim Spanier und hatten einen sehr netten Abend ohne Selbstbeweihräucherung von Funktionären. Die Spieler mit Behinderung hatten übrigens ihre eigenes Diner in ihrer Gemeinschaftsunterkunft. Sie wollten es so, hieß es. Selbst falls dieser Hinweis stimmt, auch das ist das Gegenteil von Inklusion.
Kein kommunikatives Konzept
Ein Großereignis sollte als solches erkennbar und erlebbar sein. Ein Kommunikationskonzept unter einem Thema oder Motto gab es schlicht nicht und insofern zerfaserten die vielen wahrscheinlich spannenden Veranstaltungen ohne eine mögliche größere Aufmerksamkeit. Ein gemeinsames Gipfel-Gefühl kam jedenfalls nie auf. Als Infos gab es auf der Website des Schachgipfels täglich eine kleine Übersicht und pro Tag einen kurzen Bericht mit Informationen.
Es wäre einfach gewesen, eine Gipfel-Zeitung beispielsweise von einem kleinen Team erstellen zu lassen, und während des Events herauszugeben, um Themen zu setzen und turnier- und themenübergreifende Interessen zu schaffen. Das bekommen andere Organisationen in anderen Sportarten und natürlich die Deutsche Schachjugend mit deutlich kleinerem Gesamtetat bestens hin.
Planerische Unverschämtheit gegenüber Senioren
Bereits im Spätsommer 2025 hatte es unter Senioren Kritik an der Hotelvergabe gegeben, da es kein Kontingent mit Sonderkonditionen im Maritim-Hotel für Senioren gab. Vielen Senioren planen längerfristig und hatten frühzeitig versucht, ihre Hotelreservierungen im nahegelegenen Maritim vorzunehmen. Der Preis „normaler“ Anfragen war allerdings für manche mit 180 Euro pro Nacht zu hoch. Der noch recht neue Seniorenreferent, Wolfgang Cleve-Prinz, reagierte auf das Unverständnis mit einem Schreiben in dem er auf andere Hotels mit ausgehandelten Sonderkonditionen hinweisen musste. Die Ursache, die den Senioren nicht mitgeteilt wurde: Der Schachbund hatte sehr wohl ein Kontingent bekommen, aber seine Leute, also neben einigen Spielergruppen aus verschiedenen anderen deutschen Meisterschaften, seine Funktionäre und Schiedsrichter zu den Sonderkonditionen untergebracht. Eine ohnehin eher teure Idee, die wiederum von manchen Landesverbandsvertretern wegen erwartbarer Budgetüberschreitungen der Tagessätze kritisiert wurde. (Redaktioneller Hinweis: Der folgende präzisierende Zusatz wurde noch am 28.7.2026 um 7 Uhr eingefügt.) Die Rechnung sah ungefähr so aus: Der Schachbund hatte im Maritim ein Kontingent von 900 Übernachtungen zu 120 Euro bekommen und schöpfte das aus. Eine existierende Alternative von 80 Euro für Schiedsrichter, Kandidaten und Funktionäre in einem anderen Hotel wurde ausgeschlagen und führte bekanntermaßen zu internen Konflikten zwischen dem Finanzverantwortlichen und den zwei Vertretern der Schiedsrichter im Präsidium.
Jetzt könnte man einwenden, dass Senioren zukünftig etwas lockerer mit ihren Hotelbuchungen unterwegs sein könnten und die Rabatte später einsammeln, beispielsweise über Portale, die sich auf das Vertreiben von Restkontingenten spezialisiert haben. Da sind oft zwischen 40 und 60 Prozent Preisreduktion in Luxushotels drin – ich mache das meist so. Diese Argumentation greift allerdings zu kurz: Manche Senioren sind auf das nächstgelegene Hotel physisch angewiesen und suchen schnell Planungssicherheit. Klappt das nicht, verzichten Dauergäste der Seniorenturniere schon mal. Insofern war die Vergabepolitik des Schachbundes nicht nur reichlich egoistisch, sondern meines Erachtens eine planerische Unverschämtheit. Will man es freundlicher formulieren, dann lag diesbezüglich ein konzeptioneller Planungsmangel vor.
Ähnliche Beobachtungen machten übrigens jüngst auch die Radfahrer, die während der Tour-de-France als Teams in regelrechten Absteigen schon mal gemeinsam mit Spinnweben untergebracht wurden. Der deutsche Radfahr-Teamchef Ralph Denk kommentierte ein Phänomen aus dem organisierten Sport am Wochenende treffend: „Was auch Fakt ist, ich habe noch nie irgendwelche Funktionäre in schlechten Hotels gesehen…“ (Sebastian Kayser: „Der Tennisspieler ist richtig bezahlt, der Radsportler nicht“; in: Welt am Sonntag Nr. 30 vom 26.Juli 2026). Das erinnerte mich an die typischen Regularien der FIDE, die dem Präsidenten fünf Sterne und Spielern bei Weltmeisterschaftskämpfen nur vier Sterne garantiert.
Fehlender Respekt
Der Deutsche Schachbund hatte ohnehin vorsichtig in seiner Ausschreibung angekündigt, man garantiere den Preisfonds von 8.350 Euro bei den Senioren ab 250 Teilnehmern. Zu zahlen waren 75 Euro Startgeld und 25 Euro Organisationsbeitrag. Der Startgeld-Anteil spielte bei insgesamt 305 Teilnehmern also mindestens 22.875 Euro ein. Der Deutsche Schachbund muss die Veranstaltung aus eigener Kraft abhalten, da es eine satzungsgemäßes Turnier ist. Eine Ausschüttungsquote der Startgelder von etwas mehr als einem Drittel und jeweils fünf Hauptpreisen (1000, 700, 500, 300 und 100 Euro) ist bemerkenswert niedrig. Ich will es vermeiden Vergleiche mit den anderen deutlich besser dotierten, aus Sicht des Schachbundes stark defizitären Turnieren anzustellen. Aus eigenem Recht sind bei den Senioren fünf Hauptpreise bei 230 Teilnehmern vor allem in der (65+)-Klasse rein quantitativ und im Vergleich in der Höhe schlicht respektlos.
Der Funke Hoffnung
Paul Meyer-Dunker, der neue Präsident des Schachbundes, lässt sich mit einem uneingeschränkten Lob der Veranstaltung zitieren und zeigt sich zufrieden in der allgemeinen Presse. Typischer Politikersprech also, den man für den Moment hinnehmen muss, da er einen Großteil der konzeptionellen Mängel geerbt haben dürfte.
Meyer-Dunker verweist für die Zukunft zurecht auf zwei wegweisende Entscheidungen, die schon für den nächsten Schachgipfel in Stuttgart 2027 Verbesserungen bringen sollten: Die Deutsche-Amateur-Meisterschaft (DSAM) soll nicht mehr Teil des Gipfels sein. Außerdem war kurz vor Dresden bekannt geworden, dass mit Sandra Schmidt in Zukunft eine erfahrene Organisatorin beim Schachbund möglichst bald ein Organisations-Team aufbauen soll, das für Veranstaltungen über die DSAM hinaus zuständig ist. Die Senioren-Team-Weltmeisterschaft in Magdeburg 2027 könnte man als eine Art ersten Test und Stuttgart 2027 als Kür bezeichnen.
Mein Fazit
Ich erwarte vom Seniorenreferenten, dass er proaktiv die Interessen etwa eines Drittels der Mitglieder im Schachbund, allesamt Vollzahler, vertritt und Teilhabe einfordert. Um es klar zu formulieren: Der Schachgipfel hat nur als Großveranstaltung eine Chance mediale Aufmerksamkeit in der allgemeinen Presse zu erhalten und der Schachbund dürfte bei seinen finanziellen Verhandlungen mit der Stadt Dresden auf die über dreitausend Übernachtungen der Senioren verwiesen haben. Wenn es also bei institutionalisierten Unverschämtheiten wie in Dresden bliebe, dann sollten die Senioren meines Erachtens ihre Meisterschaft wieder separat austragen und der Seniorenreferent einen öffentlichen Konflikt um die Seniorenmeisterschaften nicht scheuen. Das ist zum Glück kein Szenario, das ich für wahrscheinlich halte.
Aus meiner Sicht kommt es nicht nur auf einen künftigen Anstieg des Etats an, sondern darauf, dass unter der Leitung des neuen Präsidenten der Schachsport der Senioren wieder mit Respekt behandelt wird. Übrigens wurden Senioren-Weltmeisterschaften in Deutschland erfunden und mit einer Vielzahl von hochwertigen Turnieren ist das Schach der Senioren international führend und eine Stärke des Schachsports in Deutschland.
Ich hoffe das ist für lange Zeit mein letzter Kommentar zum Deutschen Schachbund, da wir ab Dresden 2026 mit dem Schachsport der Senioren in Deutschland in eine gleichberechtigtere Zukunft unterwegs sind und nur noch tolle Events vor uns haben.
Die ersten Turniere zur Qualifikation laufen bereits. Jetzt hat der Weltschachbund (FIDE) erklärt wie Spieler sich für das nächste Kandidatenturnier 2028 qualifizieren können.Klar ist: Kürzere Bedenkzeit gewinnen an Bedeutung.
Von Thorsten Cmiel
Die FIDE ist eine Suchende und ändert die Qualifikationsbedingungen zu jedem neuen Zyklus. Das ist nicht nur für Spieler, sondern auch für Schachfans oft verwirrend. Mitte Juli veröffentlichte der Weltschachbund wie es diesmal laufen soll. Schauen wir zunächst auf die Zahl der Qualifikationplätze, die je Weg vergeben werden sollen.
Beginnen wir mit den Änderungen in der offenen Klasse: Ein Platz im World Cup wurde gestrichen. Damit entfällt die Notwendigkeit den dritten Platz auszuspielen, außer man benötigt die Reihenfolge trotzdem. Diese Entscheidung überrascht, da man diesen Qualifikationsplatz erst eingeführt hatte. Weniger überraschend ist, dass der Rating-Platz inzwischen kassiert wurde. Darum gab es bei den letzten zwei Qualifikationen für die Kandidatenturnier viel Ärger. Zuletzt hatte sich Hikaru Nakamura seine Qualifikation durch das Spielen bei Mickey-Mouse-Turnieren, seine eigene Wortwahl, erspielt. Die zwei neu geschaffenen Plätze gehen an die Sieger der Total Chess Championship Tour und damit können sich Spieler erstmals in der Historie des Schachs ohne das Spielen einer einzigen Partie mit klassischer Bedenkzeit (90+ für 40 Züge + Inkrement ab Zug 1 oder 120 Minuten/40 Züge) für die klassische Weltmeisterschaft qualifizieren. Ob das eine gute Idee für die Spieler und das Schach insgesamt ist, wird man herausfinden. Dennoch ist Schnellschach eine andere Disziplin.
Die Entwicklung hin zu schnelleren Bedenkzeiten wird auch durch die neue hybride Qualifikationsphase im World Cup unterstrichen. Es bleibt dabei, dass sich der Unterlegene im WM-Kampf erneut qualifizieren muss, wobei der WM-Kampf für den FIDE-Circuit eine Menge an Punkten bringt.
Der FIDE Circuit wurde ebenfalls etwas anders gestaltet und ist vielleicht die ultimative Form der Qualifikation: Es zählen künftig die kumulativen Ergebnisse der Jahre 2026 und 2027. Damit wird Konstanz über einen längeren Zeitraum belohnt. Auch im FIDE Circuit können Schnellschach- und Blitz-Ergebnisse Punkte liefern. Wichtiger dort ist aber, dass Spieler in jedem Jahr zwei Schweizer-System-Turniere mit mindestens 50 Teilnehmern spielen müssen.
In 2027 ist das recht einfach: Das Grand-Swiss-Turnier wird als solches ausgetragen und eventuell zählt auch die Qualifikation im World Cup. Dabei können Spieler, die sich nicht direkt qualifizieren wertvolle Punkte sammeln, da klassische Open-Turniere oft weniger Punkte liefern.
Foto: Michal Walusza (FIDE Chess)
Bei den Frauen hat sich weniger verändert. Der dritte Qualifikationsplatz im World Cup, den zuletzt Koneru Humpy erringen konnte, fällt wie in der offenen Klasse weg und wird dem Frauen-Circuit zugeschlagen.
In den Regularien der FIDE ist geregelt wer wann nachrückt, falls Spieler auf die Qualifikation verzichten – Magnus Carlsen kommt da bei der TOTAL Chess WM in Betracht – oder bereits anderweitig qualifiziert sind.
Mein Fazit
Man versteht das Bemühen der FIDE mit der Zeit zu gehen. Schach muss angeblich schneller werden, um attraktiver für Sponsoren zu werden. Die letzte Änderung an der Dauer des World Cup ist verständlich und für sich genommen durchaus richtig. Gleichzeitig ist es aber sicher keine gute Idee, immer mehr Hybrid-Formate in die Qualifikation zur Weltmeisterschaft einzubauen. Das Carlsen-Büttner-Projekt Freestyle-Schach hat die Reduktion der Bedenkzeit ausprobiert und ist trotz Millioneninvestitionen bei den Fans und manchen Spitzenspielern komplett gescheitert. Relevant ist nicht was schneller ist, sondern was eine Historie vorweisen kann. Es ist sogar für junge Akteure auf der Tour ein Wert an sich und ein Lebenstraum, sich in eine Reihe mit Lasker, Capablanca und Fischer zu stellen. Das mag für die werberelevante Zielgruppe der Online-Klicker nicht sonderlich zählen, aber dieser Zeitgeist ist nur eine Episode und die FIDE täte gut daran, ihren wichtigsten Weltmeister-Titel nicht weiter zu entwerten, weil zudem einige Lautsprecher in den sozialen Medien scheinbare Trends ausrufen und es angeblich besser wissen.
Immer wieder sieht man Spieler ihre Vorbereitung schnell auf das Brett knallen und dann kippt die Partie plötzlich. Als Außenstehender weiß man oft nicht warum das passiert. Nach meiner Beobachtung gibt es dafür mehrere konkrete Gründe, aber sämtliche Szenarien haben eine gemeinsame Ursache.
Von Thorsten Cmiel
Beginnen wir unsere Betrachtungen mit einer schmerzhaften eigenen Partie. Ich spielte ein neunrundiges IM-Turnier auf Kreta und es lief einfach nicht. Ich kam in dieser Runde mit Schwarz gegen den haushohen Favoriten, einen in der Schweiz lebendenden Ukrainer, der schon seine GM-Normen beisammen hatte, kräftig unter die Räder. Ich hatte bei seinem letzten Turnier eine Siegpartie von Peng gefunden, die ich jedoch verbessern konnte. Er umschiffte das Thema, ohne nur einen Moment zu zögern – zwei Stunden Vorbereitung weg. Immerhin ich hatte mir die Partie-Variante vor der Partie ausführlich (insgesamt vier Stunden) angesehen und mit etwas Mühen und müde bereits zu Beginn der Partie die Züge zusammen bekommen.
Wir sind inzwischen im 19. Zug angekommen und ich muss mit Schwarz eine weitere Entscheidung treffen. Mein Gegner hat den Bauern auf b7 attackiert und ich muss mich entscheiden, ob ich den Bauern ein oder zwei Felder vorziehen soll. Eine andere Idee könnte es sein, den Läufer auf die lange Diagonale zu stellen und einen Bauern zu opfern. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich schnell aus dieser Stellung heraus verlor.
Lösung
Auch in dieser Partie wurde bis hierhin geblitzt. Wie sollte der deutsche Spieler mit Schwarz hier am besten fortsetzen? In der Partie unterlief ihm hier die erste von drei Ungenauigkeiten und er verlor in der Folge.
Lösung
Als ich die Fotos der Spieler in meiner Datenbank sah, erinnerte ich mich an eine Schnellschach-Partie aus Budapest 2024, die ich gegen Aron Pasti gespielt hatte und die zufällig von einem Freund aus den USA, John Brezina, festgehalten wurde. Ein guter Grund die Partie hier ohne sonstigen Kontext zu archivieren.
Was wir daraus lernen können
Nach einer längeren Partiephase, die man aus der Erinnerung heraus spielt, kommt es oft direkt danach zu einem Fehler. Ich nenne das die „Vorbereitungs-Krankheit“. Dabei gibt es zunächst einige psychologische Hürden zu überwinden. Zum einen will man keine Schwäche zeigen und blitzt daher einfach weiter und zum anderen ist man an den Zeit-Modus der Turnierpartie noch gar nicht gewöhnt. Auch das führt gelegentlich zu zu schnellem Spiel, wenn eigentlich Nachdenken angesagt wäre. Aber die Praxis zeigt nach meiner Beobachtung, dass es meist besser ist, eine Variante durch Nachdenken zu entwickeln, als ins kalte Wasser zu springen.
Direkt nachdem Spieler aus dem „Buch“ sind, sollten sie sich hinsetzen und versuchen, in die Tiefen der Position einzutauchen. Man kann diese Strategie gelegentlich bei Vincent Keymer und einigen Indern sehen, die völlig überraschend zwanzig und mehr Minuten grübeln. Eine Warnung sei noch gegeben: In solchen Phasen findet man sogar bei Spitzenspielern Fehler und unvorteilhafte Entwicklungen, da sie die Stellung nicht verstehen oder einfach keine Bindung finden. Hier sei nur an die Zweitrunden-Partie von Praggnanandhaa gegen Gukesh aus dem Kandidatenturnier in Toronto 2024 erinnert. Wer weitere Beispiele sucht, dem sei Nakamura – Nepomniachtchi und Praggnanandhaa – Nepomniachtchi aus dem gleichen Turnier zur Analyse empfohlen. Die Gukesh-Partie konnte ich mit Grzegorz Gajewski, seinem Coach, nach dem Turnier besprechen und auch die Problematik, sich vor Partien sehr lange Varianten anzusehen, diskutieren.
2027 gibt es ein neues Format für den World-Cup und den Frauen World-Cup. 2025 hatten Divya Deshmukh und Javokhir Sindarov im alten reinen K.o.-Format gewonnen. Der Weltschachbund Fide verschlankt das Event und geht mit der Zeit.
Von Thorsten Cmiel
Der World-Cup ist mit jeweils drei Qualifikanten bislang das wichtigste Turnier zur Qualifikation für die Kandidatenturniere und zwar sowohl in der offenen Klasse als auch bei den Frauen.
Der FIDE verkürzt die Gesamtdauer der Veranstaltungen von 27 bzw. 23 auf 19 Tage. Die Grundidee des K.o.-Formats, das seit 2005 besteht, bleibt nach einer hybriden Startphase erhalten. Die Teilnehmerzahl steigt im Open-Turnier von 206 auf 224 Spieler und im Frauenturnier von 103 auf 128 Spielerinnen. Neu ist: Ab 2027 bestehen beide Welt-Cup-Turniere aus zwei unterschiedlichen Qualifikationsphasen.
Phase 1 als Schweizer System
Die Eröffnungsphase besteht aus neunrundigen Turnieren an fünf Tagen nach dem Schweizer System, die mit einer Zeitkontrolle von 45 Minuten und 30 Sekunden pro Zug ausgetragen werden. Das ist die eigentliche Revolution des neuen Spielmodus, die zur Verkürzung des Gesamtevents geführt hat.
Der Open-Weltcup umfasst in der offenen Klasse vier Gruppen, wohingegen der Frauen-Weltcup in zwei Gruppen unterteilt ist. Die Gruppen sollen von der Spielstärke her gleichstark sein.
Phase 2 im K.o.-Modus
Die besten Spielerinnen jeder Gruppe ziehen in die K.o.-Phase ein. In der offenen Klasse kommen die vier besten Spieler aus jeder Gruppe weiter. Im Frauen-Weltcup die acht besten Spielerinnen aus jeder der beiden Gruppen. Damit kommen insgesamt 16 Spielerinnen und Spieler weiter.
Hybride Bedenkzeit: Das Achtelfinale, das Viertelfinale, das Halbfinale und das Finale werden nach dem bestehenden Weltcup-Format und mit klassischer Bedenkzeit ausgetragen.
Preisgeld
Das Gesamtpreisgeld für die beiden Veranstaltungen wurde deutlich erhöht, von 2,67 Millionen US-Dollar im Jahr 2025 auf 3,3 Millionen US-Dollar im Jahr 2027. Das Preisgeld wird auf alle Teilnehmer verteilt, wobei der der Preis für den Sieger unverändert bleibt.
Mein Kommentar
Durch das neue kürzere Format wird ein wesentlicher Schwachpunkt der bisherigen Welt-Cup-Turniere behoben. Dadurch ist das Einbauen in die Turnierkalender von Profis einfacher, da zuletzt immer häufiger Terminkollisionen auftraten. So musste die Freestyle-Bewegung beispielsweise weichen. Auch zwischen E-Sport-Events und Traditionsturnieren gab es 2026 Clashes, die manche Spieler in Loyalitätskonflikte bringt. Auf der anderen Seite erhalten die Favoriten nicht mehr das Privileg erst zur zweiten Runde anreisen zu dürfen. Das ist eine grundsätzlich gute Entwicklung, aber der Preis ist nicht zu unterschätzen: Das neue Schnellschach-Format (45 Minuten + Inkrement von 30 Sekunden) hält Einzug in die Qualifikation zur Weltmeisterschaft. Noch ist nicht bekannt wie viele Qualifikanten sich aus der neuen Total-Schach-Serie qualifizieren. Aber auch hier gewinnen kürzere Bedenkzeiten an Bedeutung.
Nachdem der Inder Gukesh das Kandidatenturnier in Toronto gewonnen hatte, wollte ich auch beim WM-Kampf dabei sein. Im Vordergrund standen natürlich der Wettkampf und das Geschehen auf dem Brett. Einige persönlichere Eindrücke folgen mit etwas Verzögerung aus der Rubrik Schubladentexte.
Von Thorsten Cmiel
Der erste Eindruck zählt bekanntlich am meisten. Mit Singapur Airlines bin ich am 24. November 2024 von Frankfurt nach Singapur geflogen. Etwas übermüdet steige ich nach zwölfstündigem Flug aus dem Airbus A380. Jetzt ist vermutlich Schlangestehen angesagt am 1981 eröffneten Singapurer Changi Flughafen. Wir Passagiere laufen durch die üblichen langen Gänge und hohen Hallen moderner Flughäfen. Ich hatte die Formalitäten noch nicht vollständig erledigt. Per iPad gebe ich an einer dafür vorgesehenen Einrichtung die notwendigen Angaben in ein elektronisches Formular und der freundliche Mitarbeiter des Flughafens rät mir ein Foto mit dem Handy davon zu machen, das würde ich später immer wieder benötigen. Das ging schnell.
Danach geht es zur elektronischen Passkontrolle. Man kennt solche Kontrollen in Europa für Europäer, aber ich wechsele immerhin den Kontinent und doch reicht die elektronische Kontrolle, die ich ebenfalls zügig an einem der unzähligen Zugänge absolviere. Das Gepäckband läuft bereits als ich dort ankomme. Koffer nehmen und dann geht es per Metro in Richtung Sentosa Island, hier ist mein Hotel und der Spielort. Auffällig ist sofort, alles ist modern und sauber. Als Kölner ist man das nicht unbedingt gewohnt. Der Grund dafür könnte sein, dass die Regierenden drastische Strafen für achtlos weggeworfenen Alltagsmüll aufrufen. Die Regel gefällt mir.
Jünger, schneller, weiter
Auffällig sind die vielen jungen Menschen, die einem begegnen in Singapur. Immerhin meine Hausaufgaben habe ich gemacht: Für das Jahr 2024 wird das Durchschnittsalter in Singapur auf etwa 35,6 Jahre prognostiziert. In einem Vierteljahrhundert soll das Durchschnittsalter bei ungefähr 51 Jahren liegen. Dass Gesellschaften altern ist nicht schlimm, sondern oft ein Zeichen besserer Gesundheitsversorgung. Eine alternde Gesellschaft wird jedoch mit neuen politischen Herausforderungen konfrontiert, bei der Altersvorsorge und in der Pflege beispielsweise. Der durchschnittliche Deutsche ist zurzeit 47,8 Jahre alt, statistisch betrachtet. Junge Gesellschaften sind natürlich dynamischer, innovativer und lebendiger. Das spürt man in Metropolen wie Singapur sofort.
Ökonomisch betrachtet ist Singapur ein echtes Powerhaus. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, eine Art Messgröße der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, beträgt fast 89.370 US-Dollar. Für die nächsten fünf Jahre wird ein Anstieg um 22 Prozent erwartet. Es gibt unterschiedliche Messmethoden, die Länder vergleichbar machen, aber es reicht aus zu wissen, dass Singapur im Vergleich die weltweite Nummer zwei und Deutschland auf Rang 20 rangiert.
Jüngere Geschichte
Die frühere britische Kronkolonie Singapur gibt es in der jetzigen Form erst seit 1965, wir sind sozusagen gleichaltrig. 1963 hatte das Land sein Glück in einer Föderation mit Malaysia, Nord Borneo und Sarawak versucht. Allerdings gab es Spannungen und ethnische Unruhen in Malaysia und Singapur. In der Folge wurde Singapur aus der Föderation ausgeschlossen und stand vor einer ungewissen Zukunft, so wird es heute beschrieben. Irgendetwas hat man danach richtig gemacht. Politische Stabilität scheint ein wichtiger Faktor zu sein. Seit der Unabhängigkeit regiert erst der vierte Premierminister das Land. Wirtschaftlich relevant sind für Singapur vor allem seine Frachthäfen. Ein anderer wichtiger Wirtschaftsfaktor für Singapur ist der Finanzsektor. Geldströme nach Singapur führen zu Wohlstand, da der Stadtstaat sich liberal und offen zeigt. Der dritte Faktor für den Wohlstand des kleinsten Staatsgebiets in Südostasien ist der Tourismus. Zur Schachweltmeisterschaft beispielsweise kann man herkommen.
FIDE trifft gute Wahl
Etwa ein halbes Jahr vor Beginn der Schachweltmeisterschaft hatte der Weltschachbund FIDE den Zuschlag für den Weltmeisterschaftskampf an das neutrale Singapur vergeben. Chennai und Delhi waren verständlicherweise schnell aus dem Rennen, obwohl sie das geforderte Finanzvolumen von 8,5 Millionen US-Dollar ebenfalls stemmen wollten. Der Stadtstaat in Südostasien ist aus mehreren Gründen bestens geeignet, um den Wettkampf zwischen einem chinesischen und einem indischen Spieler auszutragen. Zunächst liegen beide Staaten größtenteils in benachbarten Zeitzonen. Zwischen Chennai und Peking beträgt der Zeitunterschied zweieinhalb Stunden. In Singapur gilt die selbe Zeit wie in China.
Singapur ist ein internationaler Schmelztiegel mit Einflüssen aus vielen asiatischen Regionen. Anekdotisch sei erwähnt, dass es in Singapur eine Chinatown und ein Little India als eigene Stadtteile gibt. In Singapur, das etwa 5,7 Millionen Einwohner zählt, gibt es sogar vier offizielle Landessprachen, Malaiisch, Mandarin, Tamil und Englisch. Von der ersten Runde wurden bei den Pressekonferenzen Fragen an Ding Liren in seiner Landessprache gerichtet und der freute sich riesig darüber und lächelte manchmal nur dann. Zur siebten Partie kam erstmals ein indischer Journalist auf die Idee, Gukesh in Tamil eine Frage zu stellen. In allen Fällen wirkten die FIDE-Vertreter überrascht und Maurice Ashley auf der Bühne machte gute Miene zum unverstandenen Spiel. Immerhin für die Frau, die für das Singapurer Organisationsteam ihre Fragen an Ding Liren auf chinesisch richtete, gab es nach einigen Runden einen Übersetzer. Der Inder übersetzte seine Fragen gleich mit. Gukesh wirkte ebenfalls überrascht, begann in Englisch und wechselte in seine Landessprache. Wie Anand und Praggnanandhaa kommt er aus Chennai, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Tamil Nadu.
Sentosa Island
Gespielt wird auf der Vergnügungsinsel Sentosa, eine kleine singapurische Insel, die durch Landgewinnung entstand und ein Areal von etwa fünf Quadratkilometern ausmacht. Die Insel diente früher den Briten als Militärstützpunkt und ist inzwischen eine Art Naherholungsgebiet für die Bevölkerung Singapurs. Jedes Jahr kommen über fünf Millionen Touristen nach Sentosa. Es gibt neben zumeist teuren Hotels und Luxusläden auf der Insel einige Attraktionen, die vor allem für Kinder, aber auch für Erwachsene etwas bieten können. Neben dem riesigen S.E.A. Aquarium gibt es die Universal Studios Singapur, die einen Tagesausflug rechtfertigen. Hier kann man hinter gut imitierte Filmkulissen schauen und erfahren wie Spezialeffekte beim Film entstehen. An zwei Attraktionen wurden 3D-Brillen ausgegeben und eine Tour mit einer Art Raumshuttle in eine Kampfszene aus Transformers war das Eintrittsgeld von etwa 75 Euro für den ganzen Tag alleine wert. Leider weiß man beim Anstellen für Attraktionen nicht so genau was passiert und so erlebte ich ein nasse Überraschung bei einer Bootstour in der Jurassic World. Zwar hatte man die Möglichkeit Capes für sechs Singapur Dollar zu kaufen, aber etwa die Hälfte der Besucher verzichtete und ich ebenfalls. Immerhin die Betreiber haben offensichtlich Humor und sind zugleich geschäftstüchtig, denn für fünf Dollar konnte man sich danach in eine Art Trockenkabine stellen. Ich verzichtete erneut, denn ganzjährig ist das Klima in Singapur tropisch-feucht, man ist also ohnehin immer irgendwie nass. Die hohe Luftfeuchtigkeit dürfte nicht jedermanns Sache sein. Es gab noch andere Erlebniswelten wie die Welt von Shrek, einem inzwischen in die Jahre gekommenen grünen Helden. Die Waterworld oder ägyptische Kulissen aus einem Abenteuerfilm, in dem auch eine Mumie vorkommt, sind ebenfalls Teil der Attraktionen. Kinder dürften auch die Magie von Harry Potter in einem anderen Vergnügungstempel mögen, aber fast fünfzig Euro für eine Tour von etwas mehr als einer halben Stunde, sind im Vergleich zu dem Angebot in den Universal Studios nicht gerechtfertigt. Wer will kann einen schwerelosen Flug erleben. Für 120 Singapur Dollar bekommt man eine Einweisung, eine Fluganzug und darf 45 Sekunden fliegen. Spaß ist teuer.
Wo die Schachwelt hinschaut
Der Weltmeisterschaftskampf zwischen Titelverteidiger Ding Liren und dem indischen Herausforderer Gukesh wird im Equarius Hotel, einem luxuriösem Fünf-Sterne-Hotel ausgetragen. Dafür haben die Organisatoren einen Tag vor Beginn eine Art Glashaus errichten lassen, bei dem die Spieler von innen nicht in den ohnehin abgedunkelten Raum sehen können. Man kann den Spielern beim Denken zuschauen und das Geschehen auf dem Brett auf zwei Monitoren verfolgen. Drinnen hört man nur wenn es draußen Applaus gibt. In dem Zuschauerraum gibt es etwa dreihundert Sitzplätze von denen etwa 60 für VIP`s reserviert sind. Die übliche Aufenthaltszeit beträgt dreißig Minuten für Einfachzahler. Die „wichtigen“ Leute sind näher dran am Geschehen, können sich in gemütlicheren Sesseln lümmeln, an Simultanevents teilnehmen und sich in einer speziellen Lounge verköstigen lassen. Dafür müssen diese Gäste etwas tiefer in die Tasche greifen. Ein Tagesticket kostet schachlich korrekte 64 Singapur Dollar und die VIP-Version 380 Dollar. Rabatte gibt es bei Mehrfachbesuchen. Zur Einschätzung: Ein Singapur-Dollar ist ungefähr 70 Eurocent wert. Für das Fußvolk unter den Gästen gibt es eine Fanzone, die wie schon in Toronto sehr gut ankommt. Hier finden manchmal Interviews statt mit im besten Fall bekannten Großmeistern oder Streamingpromis. Wer will kann Blitzpartien spielen oder dem offiziellen Kommentar von David Howell und Jovanka Houska folgen. Im Foyer hat der Titelsponsor Google eine Ausstellung, welche die Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz nutzt und das Projekt Alpha Zero und die Folgeprojekte vorstellt. Einer der Ehrengäste zu Beginn war Demis Hassabis, der Gründer von Deepmind und seit diesem Herbst Nobelpreisträger für Chemie. Er hatte zusammen mit David Baker und seinem Kollegen John Jumper für das Entschlüsseln von Protein Strukturen diese Auszeichnung erhalten.
Maria Emelianova (FIDE Chess)
Kantine
Der Presseraum ist klein, aber funktional ausgefallen, spannend dürften die letzten Tage werden, wenn die Zahl der 179 akkreditierten Journalisten erreicht wird. Aus Deutschland sind drei Medienvertreter länger vor Ort: Harry Schaack, Herausgeber vom KARL, Ulrich Stock von Die Zeit und ich für Chess Ecosystem. Wie in Budapest gibt es keine ordentliche Verpflegung für Medienvertreter. Das ist insofern ärgerlich als die Partien erst um 17 Uhr beginnen und ab 21.30 Uhr die Garküchen im Einkaufszentrum Vivo City auf dem Festland bereits dicht machen. Um das Festland zu erreichen kann man den kostenlosen Sentosa Express, eine moderne kostenlose Bahnverbindung nutzen. In der siebten Runde beispielsweise war die Pressekonferenz erst kurz von elf Uhr zu Ende. Ulrich Stock, der schon bei der Auftaktveranstaltung anwesend war, hat dafür früh eine Lösung gefunden und so gehörte es zu unserer regelmäßigen Routine, dass wir nach Ende der Pressekonferenz ins Kasino gehen. Das ist Teil des Hotelkomplexes in der Nähe des Spiellokals. Um in den Spieltempel zu gelangen muss man seinen Reisepass und das Einreisedokument auf dem Handy parat haben. Das Kasino selbst ist groß, riesengroß. Es blinkt von überall her von den zahllosen Monitoren und Automaten. Viele Spielerinnen und Spieler sitzen vermutlich stundenlang scheinbar emotionslos vor den einarmigen Banditen ohne jemals etwas zu gewinnen oder Spaß zu haben. Selbst altehrwürdige Spiele wie Roulette werden hier nur noch elektronisch angeboten. Die Spieler sitzen in einem großen Kreis an Tischen und eigenen Eingabegeräten, um möglichst effizient ihre Gebote abzugeben. Das ist schneller als in klassischen Spieltempeln und dürfte für die Betreiber daher deutlich lukrativer sein.
In der Kantine gibt es günstige frisch zubereitete asiatische Gerichte. Hier können Spieler rund um die Uhr einkehren, wenn das Geld an der Geräten zur Neige geht und eine letzte warme Mahlzeit noch drin sein muss.
Grandiose asiatische Küche
Am zweiten Ruhetag, also nach der sechsten Runde, schaffe ich es endlich auf das Festland und sehe einige grandiose architektonische Bauwerke und Gebäude von weitem beispielsweise das Marina Bay Sands, das einigen als Kulisse dient Das Gebäude ist ein bekanntes Luxushotel auf drei Säulen in der unmittelbaren Nähe des Finanzviertels mit seinen vielen Wolkenkratzern und seinem arroganten Charme. Auf der Straße begegnet man Männern in Anzügen und Frauen in Kostümen, die beschäftigt wirken und sich gelegentlich bei Starbucks mit Kaffeegetränken eindecken. Dann plötzlich, es ist mittags und ich habe ohnehin Appetit, sehe ich einige Straßengarküchen in einer Art Galerie, mitten im Finanzdistrikt. Ich bin am Telok Ayer Markt angelangt, der heute Palau Pa Sat heißt. Das Gebäude hat ein markantes achteckiges Design, existierte bereits in den 1820er Jahren und wurde später im viktorianischen Stil neu entworfen. Das Gebäude verwendet filigrane Guss- und Schmiedeeisenteile, die aus Glasgow importiert wurden. Im Markt gibt es ein buntes Treiben mit findet man unzählige Garküchen mit chinesischen, koreanischen, indischen, philippinischen, japanischen und singapurischen Gerichten unterschiedlicher Art. Ich entscheide mich für Wanton Nudeln, eine Suppe, die nach Fischsuppe mit einer Art Tortellini-Einlage gab es dazu. Der Preis ist ansprechend niedrig. Tatsächlich findet man solche Möglichkeiten in vielen Vierteln in Singapur. Bei meinem Weg aus dem Finanzviertel komme ich an verschiedenen Kulinariktempeln vorbei, die Franchisecharme versprühen. Die Preise sind deutlich höher, dafür gibt es freies W-Lan und viele freie Plätze.
Von Partien und Exporten
Die Pressekonferenzen finden nicht im Equarius Hotel, sondern an einem anderen Ort in der Nähe statt, im Convention Centre. Dahin müssen Journalisten und Fotografen entweder nach der Partie zu Fuß eilen oder sie nehmen einen gemeinsamen Bus. Während die Spieler in einem Kleinbus abgeholt werden, sind gelegentlich die Mutter und der Vater von Ding Liren ebenfalls beim Pressetross dabei, insbesondere wenn es zufällig gerade regnet.
Im Convention Centre finden nicht nur die Pressekonferenzen, sondern auch das Singapur Open in zwei Gruppen statt. Ein internationales Turnier mit vielen Großmeistern. Vor allem Spieler aus Asien sind dabei. Immerhin spielt auch der Europameister Aleksandar Indjic mit. Das Turnier erweist sich gelegentlich – inzwischen sind sieben Runden gespielt – als Rutschpartie für manche Großmeister. Ich habe es mir zur täglichen Routine gemacht die Bretter 25 bis etwa 30 zu konsultieren. Hier fand ich meist gestrandete Großmeister mit einem Ergebnis von etwa Plus Eins. Das funktionierte bis zur siebten Runde bestens.
Es ist faszinierend manchen Partien zuzuschauen und manchmal entdeckt man echte Perlen. Leider wurden nur die ersten zehn Bretter übertragen und ich kann mich bei einer solchen Partie nur an das wichtigste Stellungsmerkmal erinnern. In der sechsten Runde sah ich an Brett 13 eine bemerkenswerte Stellung in der Partie zweier Großmeister. Mit Weiß spielte Darwin Laylo (2402) von den Philippinen gegen Arseniy Nesterov (2599), einem Spieler unter FIDE-Flagge. Ich dachte mir ein isolierter b-Doppelbauer, ein isolierter f-Tripelbauer und zwei isolierte Bauern auf d4 und h2 müssen die schlechteste Bauernstruktur aller Zeiten sein. Meine Überraschung war groß als ich exakt diese Bauernstruktur in einer anderen Partie fand, die 1998 in Italien gespielt worden ist.
Asien – jünger und stärker
Im Untergeschoss des Convention Center sitzen dutzende Frauen und Männer auf dem Teppichboden. Aber diese Menschen, von denen viele unablässig auf ihre mobilen Endgeräte schauen, sind keine Wegelagerer, sondern Eltern von Schach spielenden Kindern. Beim Schach müssen Eltern draußen bleiben. Im B-Turnier beispielsweise spielen sechsjährige Mädchen aus Singapur und China mit. Alter spielt keine Rolle: Mancher international erfahrene Spieler musste gegen zehnjährige Spielerinnen und Spieler im A-Turnier hinter sich greifen.
Die Turniere haben einen Gesamtpreisfonds von 100.000 Singapur Dollar (70.000 Euro) und Großmeister erhalten Konditionen. Meistens geht alles glatt und die Spieler melden sich rechtzeitig an oder ab. Das ist aber offenbar nicht immer so: Über einen hat sich der Cheforganisator Kevin Goh Wei Ming geärgert und zwar per Social Media. Das Hotelzimmer war für ihn bezahlt, gekommen ist er nicht. Kevin, ein sehr freundlicher Mensch, will den Namen des Spielers nicht nennen, denn der Großmeister sei immerhin ein Schachspieler. Ich vermute es handelt sich um einen Junggroßmeister, der stattdessen in London im Masters mitspielt, vielleicht sah er dort bessere Chancen für sich.
Vom Exportgeschäft
Fünf deutsche Spielerinnen und Spieler haben sich ebenfalls nach Singapur aufgemacht. Nach sieben Runden macht Deutschland seinem Titel Exportweltmeister alle Ehre. Netto gehen 130 Elo-Punkte der deutschen Delegation nach Asien. Ich habe mir vorgenommen auch in das Elo-Exportgeschäft einzusteigen und am letzten Turniertag das Blitzturnier mitzuspielen. Dafür schwänze ich sogar die ersten Züge in der neunten Partie von Gukesh gegen Ding. Gelohnt hat es sich für die anderen. 45 Blitz-Ratingpunkte weg.
Hinweis zur Schublade: Diesen Text habe ich für eine monatlich erscheinende Schachzeitung, die SCHACH im Namen trägt, geschrieben. Ob der Text so oder gekürzt veröffentlicht wurde, weiß ich nicht. Denn ich bekam nicht einmal eine Rückmeldung oder gar ein Belegexemplar, obwohl ich vor dem Turnier um einen Beitrag vor Ort vom neuen Chefredakteur angebettelt wurde.
Foto: Michal Walusza (FIDE Chess). Gukesh mit Sponsor, Vater und Trainer.
In Kandidatenturnieren sind die teilnehmenden Schachgroßmeister erfahrungsgemäß besser vorbereitet als in anderen Turnieren. Das war in Toronto 2024 nicht anders. Aber: Welche Trends könnten sich durchsetzen? Ein Gespräch mit dem Sekundanten des indischen Siegers Gukesh, also einem der es wissen könnte. Auszüge aus einem Gespräch.
Von Thorsten Cmiel
In Toronto und später nach der Weltmeisterschaft in Singapur 2024 konnte ich mit dem Großmeister Grzegorz Gajewski über seinen Schützling Gukesh und seine schachlichen Beobachtungen sprechen. Grzegorz wurde 1985 im polnischen Skierniewice geboren. Polnische Namen, wie mein eigener, sind für die meisten schwierig auszusprechen. Gukesh beispielsweise nennt seinen Coach etwas verkürzt „Gaju“. Die beiden Großmeister sind in Toronto bereits einige Zeit zusammen auf Tour. Organisiert wurde dieses Match zunächst von der Westbridge Anand Chess Academy (WACA), einer Art Joint Venture und Elite-Akademie, das von Vishwanathan Anand initiiert wurde. Gajewski war ein früherer Sekundant des legendären Inders und einer von vier Trainern der Akademie. Grzegorz ist ein sehr ruhiger und sehr bedachter Gesprächspartner, der auf Fotos bei Turnieren fast nie zu finden ist. Spricht man mit ihm über Schach, dann taut er sehr schnell auf und vertritt klare Positionen.
In der zweiten Runde des Turniers spielten die zwei jüngsten Teilnehmer im Feld gegeneinander. Praggnanandhaa packte mit Weiß gegen Gukesh einen sehr aggressiven Stil aus und auch in weiteren Partien war dessen Spielstil beeinflusst von Maschinen. Allerdings fand „Pragg“ trotz guter Stellungen später keine Lösungen. Sind also lange ziemlich unübersichtliche Varianten die Avantgarde und wie modernes Spitzenschach sich entwickeln wird? Ich fragte vor Ort und einen Tag nach dem Turnier Grzegorz Gajewski, den Trainer und Coach von Gukesh.
Werden wir in Zukunft Eröffnungen wie von Praggnanandhaa gegen Gukesh in der zweiten Partie häufiger im Spitzenschach sehen?
Ich glaube, dass es genau umgekehrt sein könnte. Und wenn man sich beispielsweise die Partien ansieht, die sehr interessant sind, war diese Eröffnungsvorbereitung in der ersten Hälfte des Turniers sicherlich brillant. Aber sie war ziemlich riskant. Praggnanandhaa konnte uns mit seiner aggressiven Eröffnungswahl überraschen. Gleichzeitig ging er Risiken ein. Man weiß nie, ob eine Entscheidung richtig ist, wenn man sie trifft. In dieser Partie hat es für ihn nicht funktioniert. Und was uns betrifft: Auch wenn Gukesh von dieser Wahl überrascht war, haben wir uns zu keinem Zeitpunkt der Partie unwohl gefühlt, denn es gab so viele Optionen für Schwarz, die ihm eine spielbare Stellung verschafft hätten. Selbst wenn man sich an mehr Varianten erinnert, kostet es so viel Energie, sie alle auswendig zu lernen. Deshalb bevorzuge ich den anderen Ansatz: Für Gukesh ist es völlig in Ordnung, eine Partie ab Zug fünf oder sechs ganz auf sich allein gestellt zu spielen.
Diesen anderen Ansatz konnten die Zuschauer in der zwölften Runde begutachten als Gukesh bereits im vierten Zug seinen Randbauern gegen den Aseri Nijat Abasov vorschob. Das erinnerte an die zweite Partie von Ding Liren in seinem WM-Kampf.
4.h3 war ein sehr interessanter Zug. Ich glaube an der Eröffnung selbst war nichts auszusetzen. Vielleicht war sie ein bisschen zu scharf. Sie [RR: Das Team von Ding Liren] wollten zu Beginn des Wettkampfes vermutlich ihren Ansatz für das Match verschleiern. Allerdings weiß man als Außenstehender nie was im Team so vor sich geht und bekommt nur die Züge zu sehen. Wir wissen also nicht wirklich, was hinter konkreten Zügen steckt. Wir wissen nicht, wie viel Arbeit dort geleistet wurde. Wir bekommen also nicht die ganze Geschichte mit. Im Allgemeinen mag ich diese kleinen Züge. Aber gleichzeitig muss man bedenken: Wenn es nicht klappt, darf man nicht zu ehrgeizig werden. Es ist nichts Falsches daran ab und zu ein Remis zu spielen. So ist es im modernen Schach.
Ding Liren hatte in der zweiten Partie im WM-Kampf 2023 zuletzt den Zug 4.h3 gezogen. Anish Giri kommentierte in seiner Analyse für Chessbase: „Rapport-Einfluss! Ding wartet mit einer frühen Überraschung auf, die mehr im Stil von Richard Rapport als von ihm selbst ist. Der wichtigste und möglicherweise einzige Punkt des Zuges ist es, den Gegner aus dem Buch zu bringen.“
Anna Shtourman (FIDE Chess), Runde 2 in Astana.
In der zwölften Runde in Toronto überraschte Gukesh mit Schwarz seinen Gegner Nijat Abasov (Aserbaidschan) in der klassischen Variante der Nimzoindischen Verteidigung mit dem unscheinbaren Randbauernzug 4…h6. Die Partie wurde später nicht dadurch entschieden, aber der Inder hatte seinen Gegner aus der Eröffnung heraus vor neue Probleme gestellt. Mich erinnerte diese Situation an die Partie aus Astana, weshalb ich bei Grzegorz nachfragte.
Die älteren Spieler in Toronto schienen mit Weiß auf Gewinn zu spielen und mit Schwarz war Remis das angestrebte Ziel. War das eine aussterbende Profi-Strategie der älteren Generation?
Ich denke, es fällt den jüngeren Spielern einfach leichter, sich an die neue Realität anzupassen. Und die neue Realität ist, dass Weiß nicht mehr so weiß ist wie früher und Schwarz nicht mehr so schwarz wie früher. Es ist also viel schwieriger, mit Weiß gleich von der Eröffnung an irgendeine Art von Initiative zu erlangen. Gleichzeitig spürt man den psychologischen Druck, wegen dieser weißen Farbe auf einen Sieg zu drängen. Manchmal hilft es die weißen Steine zu führen, aber manchmal kann das auch das Gegenteil bewirken, weil man aus der Eröffnung nichts herausholt, aber weiter Versuche unternimmt auf Vorteil zu spielen. Dasselbe gilt für Schwarz: Mit Schwarz ist es viel einfacher auszugleichen. Das bedeutet aber auch, dass man sich nicht einfach mit dem Remis zufrieden geben sollte. Man sollte Chancen nutzen, wann immer es möglich ist. Ich denke für die Spieler der älteren Generationen ist es schwieriger, sich daran anzupassen. Für die jüngeren Spieler hingegen ist das etwas ganz Natürliches.
Neuer Trend oder doch nicht?
Über die Partie zwischen Praggnanandhaa und Gukesh aus der zweiten Runde in Toronto hatten wir in unserem Gespräch ausführlich gesprochen. Pragg opfert zunächst drei Bauern und Gukesh gerät unter Druck. Dann weicht Gukesh von der besten Spielweise ab und beide Akteure operieren in der Folge am offenen Herzen und ohne Blaupause. Die folgende Spielphase ist eine der intensivsten Begegnungen im gesamten Kandidatenturnier 2024.
Praggnanandhaa, Pragg, hat in der Eröffnung einen Bauern geopfert. Dafür verfügt er über die bessere Zentrumskontrolle mit seinen mobilen Zentralbauern. Das ist eine typische Kompensation im modernen Schach und dürfte auch für erfahrene Turnierspieler eine nachvollziehbare Herangehensweise in der Eröffnungsphase sein.
Kurze Zeit später war hier Pragg, der ältere der beiden Inder (Jahrgang 2005), erneut am Zuge. In dieser Stellung blitzte er erneut seinen nächsten Zug auf das Brett: Statt auf d5 zurückzuschlagen zog er seinen e-Bauern vorbei und opferte damit einen zweiten Bauern in dieser Partie.
Hier opferte Pragg mit dem weiteren Vorziehen des e-Bauern seinen dritten Bauern in dieser Partie. Die Annahme des Bauern ist laut Instanz sehr gut spielbar und die richtige Reaktion. Nach der Partie fand man hierzu eine ältere (aus 2011) Korrespondenzpartie, per e-Mail gespielt, die laut modernen Engine-Analysen allerdings nicht völlig fehlerfrei verlief. Diese Partie dürfte Pragg, anders als sein Gegner, gekannt haben. Jetzt passierte das Typische in solch einer Situation: Gukesh verschmähte diesen dritten Bauern und zog seinen f-Bauern zwei Felder vor, nur der drittbeste Zug in Maschinenbewertung. Ab hier war auch Pragg aus seiner Vorbereitung und es entwickelte sich ein faszinierender Kampf Mann gegen Mann mit vielen weiteren bemerkenswerten Momenten.
Hier fand Gukesh mit Schwarz zunächst einen hervorragenden Verteidigungszug.
Hier hatte Pragg mit Weiß eine bemerkenswerte Chance das Spiel etwa ausgeglichen zu gestalten. Dazu muss man vermutlich etwa vier Kandidaten untersuchen und die Folgen mancher der betrachteten Züge genauer kalkulieren und zudem eine Einschätzung der Stellungsbewertung vornehmen. Die Lösung besteht im Figurenopfer auf d5. Nach Einschätzung des Rechenknechtes führen beide Figurenopfer (mit Turm oder Springer) auf d5 zu gleichem Spiel. Die entstehenden Entwicklungen sind komplex und man verliert schnell den Überblick. Viel Spaß dabei.
Der entscheidende Moment in dieser Partie. Erneut muss Pragg gefühlt die schwierigeren Aufgaben lösen. Wie sollte er hier mit Weiß agieren, um die Chancen auszugleichen? Die Lösung finden Neugierige in der folgenden Partieanalyse. Pragg fand nur den zweitbesten Zug und verlor die Partie nach nur wenigen weiteren Zügen.
Sundararajan Kidambi
Diese Analyse war für ein anderes Projekt geplant und ist von Sundararajan Kidambi (geboren 1982), ebenfalls aus Chennai. Einige seiner Ansichten sind als Blogbeiträge hier zu finden. Sundararajan ist ein indischer Schachgroßmeister, Trainer und profilierter Kenner der Schachgeschichte und historischer Partien, der Klassiker im Schach. Seine Einsichten sind für die eigene Entwicklung wertvoller als Engine-Varianten, die jeder mit Tastendrücken in Sekundenschnelle „erarbeiten“ kann. (Foto. privat)
Gukesh im Presseraum nach seiner Zweitrundenpartie gegen Pragg.
Fotos: Maria Emelianova (Chess.com, FIDE Chess), Michal Walusza (FIDE Chess), Anna Shtourman (FIDE Chess), Astana.
Service-Hinweis
Die Partien können heruntergeladen werden. Durch Doppelklicken auf den hier links rot markierten Button erhält man die einzelnen PGN-Dateien zur tiefere Betrachtungen mit dem Tool oder Programm der eigenen Wahl.
Hinweis in eigener Sache
Ich halte nichts vom Online-Nachspielen von kommentierten Partien via Mobilgerät, wie es vielerorts inzwischen propagiert und als Standard bezeichnet wird. Das oberflächliche Konsumieren von Schachpartien ist unter Lerngesichtspunkten meist reine Zeitverschwendung. Daher werden die Partien und dieser Webauftritt nicht für den Konsum mit dem Mobilgerät optimiert. Für das Analysieren von Schachpartien sollten Schachliebhaber sich ausreichend Zeit gönnen. Es lohnt sich. (TC)