Die letzten beiden Begegnungen gewann die Chinesin in Prag und jetzt beim Turnier der Kandidatinnen. Aber Divya konnte Zhu Jiner immerhin beim World-Cup mit Weiß schlagen und sich später für Zypern qualifizieren. Dennoch bleibt der Eindruck, dass die Inderin mit dem Spielstil der Chinesin oft nicht zurechtkommt. Eine Spurensuche.
Von Thorsten Cmiel
Es gibt im Turnierschach Gegner gegen die man mehr Schwierigkeiten hat als diesen von der Spielstärke her im Ergebnis zusteht. In der April-Ratingliste 2026 liegt Divya bei 2510 und Zhu Jiner bei 2554) Umgangssprachlich nennt man das eine Kundenbeziehung. Ein Kunde liefert regelmäßig Punkte ab. Jetzt wäre es zu früh Divya eine solche Beziehung anzudichten, aber die bisherigen Begegnungen zwischen den beiden Spielerinnen sprechen eine eindeutige Sprache, zumindest in Partien mit klassischer Bedenkzeit steht es nach der ersten Begegnung im Kandidatenturnier fünf zu eins für die Chinesin. Nimmt man alle Begegnungen inklusive Blitz, Schnellschach und einer Online-Begegnung, dann kommt Divya auf dreieinhalb Punkte aus insgesamt 12 Partien. Die beiden dürften auch in Zukunft noch häufiger gegeneinander antreten und es ist wichtig für Divya in künftigen Turnieren einen Weg zu finden, wie sie mit der Chinesin klarkommt. Die nächste Partie steht auf Zypern in einigen Tagen an.
Women’s World Cup Batumi 2025
Schauen wir uns die letzten vier Begegnungen der beiden Spielerinnen genauer an. Zuvor hatte Divya bei zwei Grand-Prix-Turnieren im Frühjahr 2025 zwei Niederlagen kassiert. Die ersten beiden hier betrachteten Begegnungen spielten Divya und Zhu Jiner in Batumi beim World-Cup gegeneinander. Die Chinesin war über den FIDE-Grand-Prix bereits für das Turnier der Kandidatinnen qualifiziert und Divya musste unbedingt den Wettkampf gewinnen, um sich zu qualifizieren. Es begann mit einem positionellen Sieg mit den weißen Steinen. In der zweiten Partie folgten die beiden Kontrahentinnen lange Zeit bekannten Mustern und Zhu Jiner zeigte sich gut vorbereitet. Dann griff die Inderin im 18. Zug zu einem zu passiven Zug und verlor recht deutlich.
Die anschließenden Stichkampf-Partien von Divya können in einem älteren Bericht nachgespielt werden. Die Inderin gewann die erste Schnellschach-Partie aus einem leicht besser stehenden Turmendspiel heraus und in der zweiten Partie versuchte Zhu Jiner eine materielle Unwucht ins Spiel zu bringen, lag aber die Partie hinten und bekam letztlich ein Unentschieden geschenkt. Der Rest im Turnier ist Schachgeschichte. Die Inderin gewann später den Frauen-World-Cup und qualifizierte sich für das Turnier der Kandidatinnen auf Zypern.
Als Vorbereitung auf das Kandidatenturnier spielten Divya und Zhu Jiner in der Challenger-Gruppe in Prag mit. Am Ende kam die Inderin auf einen hervorragenden dritten Platz, während die Chinesin einige Schwierigkeiten hatte mitzuhalten. Aber die Begegnung der beiden Kontrahentinnen endete mit einem Sieg von Zhu Jiner.
Die Inderin begann ambitioniert mit dem Benko-Gambit und ihre Gegnerin hatte vermutlich am Brett eine spontane Idee einen zentralen Bauern zu opfern. Der Bluff funktionierte, die Inderin lehnte nach zehn Minuten Nachdenken ab und kam deutlich unter die Räder.
Kandidatinnen-Turnier Zypern 2026
Die erste Partie auf Zypern verlief zunächst nicht gut für die Inderin und es sah früh nach einem vollen Punkt für Zhu Jiner aus. Dann bekam Divya mehrfach die Chance eine Qualität für einen Bauern zu opfern und ihre Stellung weitgehend zu befreien. Sie tat es überraschenderweise nicht – ihr Spielstil ist normalerweise selten ängstlich zu nennen – und ihr Spiel gegen die Chinesin wirkte fast gehemmt, fast unterwürfig.
Fotocredits: Batumi, Anna Shtourman (FIDE Chess), Michal Walusza and Yoav Nis(FIDE Chess).
Ein Gespräch mit dem spanischen Schach-Großmeister und Trainer Renier Castellanos, 43, über seine Zypernreise, bei der aus einem geplanten Urlaub ein Schachcamp mit zwei starken, „geheimen“ Großmeistern wurde. Wie sieht ein Schachtrainer das Geschehen bei den Kandidatenturnieren im St. Georges Hotel bisher.
Von Thorsten Cmiel
Renier beschreibt seinen Weg vom Spieler zum Vollzeit-Trainer bei „Killer Chess Training“, das ist eine Schachakademie, und skizziert seinen internationalen Werdegang von Kuba bis Rumänien. Wir sprechen über die Chancen der Kandidaten beider Turniere und was die Spieler seiner Meinung nach auszeichnet. Renier ist Coach der norwegischen Frauen und trainiert regelmäßig in Online-Gruppen mit den Spielerinnen. Wir besprechen allgemein viele Aspekte, die eine wichtige Rolle spielen, um erfolgreich Turnierschach zu spielen und wie man Engines im Training einsetzt.
Was führt dich her?
Es begann als Urlaubsplan. Sobald der Ort für das Kandidatenturnier bekannt gegeben wurde, sagte ich meiner Frau, wir sollten wegen des guten Wetters und des leckeren mediterranen Essens nach Zypern fahren. Also besprachen wir das mit der Akademie. Als wir auf die Idee kamen, hatte Jacob [Aagaard] sie bereits zuerst gehabt und eine Unterkunft gebucht. Danach überlegt man sich, was man hier machen könnte. In diesem Fall veranstalten wir ein Schachcamp mit zwei starken Großmeistern.
Welche zwei starken Großmeister, oder ist das ein Geheimnis?
Nun, ich sollte die Namen nicht nennen, aber es ist wahrscheinlich irgendwo da draußen zu finden. Denn es gibt viele Hinweise wer das ist.
Jacob und du, ihr veröffentlicht täglich eine Art Ratespiel der Ergebnisse der Kandidatenpartien und tretet dabei gegen künstliche Intelligenz an. Wie läuft es bisher?
Die künstliche Intelligenz liegt im Moment an der Spitze. Aber ich liege danach an zweiter Stelle.
Du arbeitest viel für Killer Chess Training. Was genau ist deine Aufgabe?
Ich bin Großmeister geworden, ich glaube vor zwei Jahren. Ich habe mich dem Coaching gewidmet und wollte lernen, wie man besser coacht und wie man besser trainiert. Jetzt sehe ich mich ganz als Vollzeit-Trainer und habe keine Ambitionen mehr als Spieler. Ich widme mich voll und ganz meinen Privatschülern und arbeite viel in unserem akademischen Training. Wir haben viele Schüler aus aller Welt, und das ist unser Hauptprojekt. Es ist unsere Leidenschaft – ein Job, der eigentlich gar kein Job ist. Bisher können wir gute Ergebnisse vorweisen.
Du hastkubanische Wurzeln, spielst unter spanischer Flagge und lebst in Rumänien. Wie kam es dazu?
Ich bin auf Kuba geboren. Mit 14 bin ich nach Chile gegangen und habe dann sechs Jahre lang in Chile gelebt. Ich habe auf Kuba angefangen, Schach zu lernen, aber dann habe ich aufgehört, und in Chile habe ich mich weiterentwickelt und in Südamerika, in Brasilien und Bolivien, gespielt. Dann bin ich wegen des Schachs 2003 nach sechs Jahren in Südamerika nach Spanien gezogen. Ich liebe Spanien, ich bin in Spanien geblieben, ich bin spanischer Staatsbürger geworden. Dann habe ich eine kurze Zeit in Kanada gelebt, in Montreal, bin dann zurück nach Spanien. Und jetzt lebe ich in Rumänien, in Bukarest. Der Grund ist meine Frau, Raluca [Sgircea], ich bin mit einer Schachspielerin verheiratet. Ich habe sie bei einem Schachturnier kennengelernt, und wir leben jetzt in Rumänien. Etwa seit zehn Jahren.
Fehlt dir nicht die Sonne?
Ich bin ein Sonnenmensch, aber ich mag auch das Winterwetter. Ich mag Weihnachten mit Schnee. Und das habe ich in Spanien nicht, in Spanien ist es immer wie im Sommer. Ich lebe im Winter gerne in Rumänien, weil ich den Schnee sehr mag. Und dann, im Sommer, ist Spanien für mich der richtige Ort.
Kandidatenturnier
Du hast bisher vier Runden gesehen, die fünfte läuft. Als professioneller Schachtrainer hast du sicher eine Meinung zu jedem Spieler und zu dem, was du beobachtest und wie sie sich hier präsentieren.
Ich bin nicht über jeden Spieler und deren Partien so gut informiert, aber zu einigen Spielern habe ich eine Meinung.
Fangen wir mit der offenen Klasse an. Ich komme aus Deutschland. Dabei ist dieses Jahr Matthias Blübaum. Er bezeichnet sich selbst als Außenseiter. Wie schätzt du seine Chancen hier im Turnier ein?
Dieser Spieler ist sehr interessant. Für mich ist er natürlich keine Überraschung, denn die Qualifikation für dieses Turnier ist immer schwer. Aber er hat auch die Europameisterschaft gewonnen, und er ist ein Spieler, der mich immer interessiert hat, weil ich ihn in Online-Streams verfolge, wo er jeden Dienstag an diesen Online-Turnieren teilnimmt und manchmal auch in anderen Turnieren spielt, die ich beobachte. Er scheint ein begrenztes Eröffnungsrepertoire zu haben. Man kann total vorhersagen, was er spielen wird, aber gleichzeitig kennt er es sehr gut und das macht ihn so stark. Eine Beobachtung: Er spielt viele seiner Eröffnungen online. Und dennoch ist er stark und solide, dass es schwer ist, ihn zu schlagen. [Wir sprechen während die fünfte Runde läuft und Matthias seine erste Niederlage gegen Fabiano Caruana beigebracht bekommt.] Ich glaube, dass auf dem Favoriten dieser zusätzliche Druck lastet, diesen Spieler schlagen zu müssen, weil man das Gefühl hat, dass man es muss. Er ist der Außenseiter. Man muss spielen, und das ist nicht so einfach. Für ihn als Außenseiter ist die Ausgangssituation sehr gut. Ich glaube nicht, dass es sein Ziel ist, das Turnier zu gewinnen. Auch wenn er hier jede Partie remis spielt, würde ich das als Erfolg betrachten. Und insgesamt als großartiges Ergebnis.
In seinen drei Partien mit Weiß hatte er immer dieselbe Struktur auf dem Brett, eine IQP-Stellung. Wenn man das als Trainer sieht, dass jeder mehr oder weniger dieselbe Struktur gegen ihn spielt, würdest du dann sagen, dass er etwas ändern sollte?
Das ist von außen sehr schwer zu sagen. Er hat diesen Stil, der funktioniert. Es scheint als wäre alles sehr gut durchdacht. Er ist sehr solide und geht nicht viele Risiken ein, lässt sich nicht unter Druck setzen. Ich denke, seine Chancen kommen während des Turniers, wenn jemand frustriert ist und um jeden Preis gegen ihn gewinnen will. Dann wird er definitiv eine Chance haben. Ich glaube nicht, dass er etwas ändern sollte. Wenn ich verantwortlicher Trainer von ihm wäre, fände ich, dass er einfach sehr, sehr gut spielt. Für mich ist er bereits ein großartiger Spieler.
Du glaubst also nicht, dass es allgemein eine gute Strategie ist, die Eröffnungen während des Turniers auszuwechseln und variabler zu agieren?
Nein, überhaupt nicht. Ich denke, bei seiner Vorbereitung kann man nicht alles wissen. Natürlich gibt es Spieler, die Erfahrung in Kandidatenkämpfen haben und ein viel stärkeres Team haben als er, Caruana hat wahrscheinlich ein solches Team. Ich glaube nicht, dass man in den Eröffnungen mithalten kann. Ich glaube, man muss seine Sachen sehr gut kennen und versuchen, seine Gegner in einen Bereich zu locken und dort zu kämpfen. Aber neue Dinge auszuprobieren und zu versuchen, zu überraschen, könnte leicht kontraproduktiv sein.
Kommen wir zu einem weiteren Spieler, der ebenfalls neu dabei ist, Andreij Esipenko. Er hat zwei Partien verloren, aber meiner Meinung nach nur knapp. Wie schätzt du ihn bisher ein?
Ich habe keine wirkliche Meinung zu ihm, da ich ihn nicht besonders verfolgt habe. Er ist natürlich ein starker Spieler. Wenn man ihn mit jemandem wie Caruana vergleicht, ist der Unterschied meiner Meinung nach einfach zu groß. Ich glaube nicht, dass er auf diesem Niveau ist.
Machen wir weiter mit einem ehemaligen Wunderkind, dem Chinesen Wei Yi. Er ist ein großes Fragezeichen, weil er nicht allzu viel spielt.
Wei Yi ist jetzt 26 Jahre alt und war vor nicht allzu langer Zeit ein vielversprechender Star. Irgendwie ist er aus dem Blickfeld geraten. Er spielt nicht allzu viel, aber er war immer ein besonders attraktiver Spieler, dem man gerne folgte. Wei Yi hatte diesen aggressiven Stil und er hat im Grunde jeden fertiggemacht. Aber hier zeigt er das bisher nicht, er spielt sehr konservativ. Er wirkt, als würde ihm das Selbstvertrauen fehlen. Ich glaube nicht, dass er daran glaubt, gewinnen zu können. Auch wenn er auf dem Papier dazu in der Lage sein sollte. Zumindest sehe ich in seinen ersten Partien nicht dieses Feuer in ihm.
Ein anderer Spieler, der ebenfalls nicht mehr auf der Tour ist. Er hat ein paar „Mickey-Mouse-Turniere“ gespielt, so hat er es selbst genannt, um sich für das Kandidatenturnier zu qualifizieren. Gemeint ist Hikaru Nakamura. Wie wichtig ist es aus deiner Sicht, gegen Spieler mit ähnlichem Spielniveau anzutreten?
Beim Schach muss man spielen. Man kann nicht erwarten, auf einem bestimmten Niveau zu bleiben, ohne Spielpraxis. Und für mich ist es besser, weniger auf die Rating zu achten und aktiver zu sein, als eine hohe Wertungszahl zu haben und gar nicht zu spielen. Als Schachspieler sollte man sich regelmäßig der Konkurrenz stellen. Ich habe das Gefühl, dass man den Bezug zur Realität im Turnierschach verliert, wenn man sich zurückzieht. Man bemerkt es erst wenn man das nächste Mal spielt und am Brett sitzt, ich glaube, genau das passiert gerade. Natürlich ist er ein außergewöhnlicher Spieler. Ich denke, dass der Mangel an Praxis in klassischen Turnieren und dann das Antreten bei einem Turnier, bei dem man unbedingt gewinnen muss, einen zu hohen Erfolgsdruck erzeugt.
Wie oft sollte man Turnierschach spielen? Gibt es dazu Regeln oder Ratschläge?
Nein, ich denke lediglich, man sollte nicht zu lange ohne Spielpraxis bleiben, aber das hängt davon ab, wie dein Leben aussieht. Ein Beispiel: Als ich noch aktiv war und lange Zeit nicht gespielt hatte, war das zweite Turnier immer besser als das erste. Ich machte mir immer einen Plan. Okay, lass uns hier spielen. Vom 1. bis zum 10. Juli und dann dieses Turnier vom 12. bis zum 20. Juli, so in etwa. Nun, das zweite Turnier war immer besser, weil man sich beim ersten Turnier noch etwas eingerostet fühlt, man denkt nicht so schnell und die Nerven machen manchmal Probleme. Man muss sich also erst an dieses Tempo gewöhnen. Dann spielt man besser.
Die nächsten Spieler sind aktiver… beginnen wir mit Anish Giri, einem angesehenen Großmeister aus den Niederlanden. Er ist 31 Jahre alt. Wie schätzt du seine Chancen ein? Es ist nicht sein erstes Kandidaten-Turnier.
Zunächst möchte ich erwähnen, dass Anish Giri einer der Spieler ist, die ich aus dieser Ära am meisten bewundere. Ich verfolge seine Partien ständig. Er hat immer großartige Eröffnungsideen, manchmal gehen die Ideen bis tief ins Mittelspiel oder sogar bis ins Endspiel hinein. Ich denke, für ihn ist das Turnier sehr wichtig, weil man nie weiß, wann man sich wieder qualifizieren wird. Es ist sehr schwer. Auch wenn man ein langjähriger Spitzenspieler ist. Er hat das Grand Swiss gewonnen, was eine spektakuläre Leistung war. Er hat seinen „Dämon“ in der letzten Runde besiegt. Und ich liebe die Art und Weise, wie er das gemacht hat, denn er hat spezifisch gegen die Spieler gespielt. Ich meine, er hat sich in die Köpfe der Spieler hineinversetzt. Er hat diese spezifische Eröffnungsvorbereitung gemacht, wobei mir aufgefallen ist, dass die Eröffnungen großartig waren. Hervorragend war die Auswahl: Gegen diesen Gegner spiele ich das, und gegen jenen anderen Spieler kommt etwas anderes. Er geht das Thema Vorbereitung sehr intelligent an. Außerdem ist er eine großartige Persönlichkeit in der Schachwelt. Ich bin zu alt, um zu sagen, dass ich ein Fan bin, aber das trifft es vielleicht am ehesten.
Eine Frage an den Trainer: Siehst du irgendwelche Schwächen in seinem Spiel? Es ist eine weit verbreitete Meinung, dass er ein Spieler ist, der keine Partien gewinnen kann.
Ich denke, in dem Kandidatenturnier auf das du anspielst hatte er in vielen Partien gewonnene Stellungen, die er nicht konkretisieren konnte. Er erreichte eine bessere Stellung und dann schaffte er es irgendwie nicht, sie zu verwerten. Vielleicht ist das bisher seine größte Schwachstelle, die ihn davon abhält, sich von den anderen abzuheben.
Kommen wir zu zwei Spielern, die jünger sind. Sie sind beide 20. Fangen wir mit dem Inder Praggnanandhaa an. Er hat zuletzt in 2025 nach eigener Einschätzung zu viele Turniere gespielt. Wie oft sollte man spielen?
Die Zeiten haben sich geändert, und die Topspieler spielen jetzt viele Turniere, weil es viele Turniere gibt. Außerdem wollen sie das, sie sind sehr jung und haben die Energie dafür. Sie haben noch keine Kinder oder eine Frau. Sie wollen an die Spitze kommen und spielen viele Turniere. Manchmal aus der Not geboren. Wir können das Beispiel von Erigaisi nehmen, der keine Einladungen zu Turnieren hatte und mit einer Elozahl von 2700 bei Open-Turnieren mitspielte. Er reiste von einem Turnier zum nächsten, bis sie sagten: „Okay, wir können diesen Kerl nicht mehr ignorieren.“ Wenn du spielst, riskierst du einiges. Du spielst oft gegen Gegner mit relativ niedrigerer Wertungszahl, was nicht unbedingt einfach ist. Die Ratingzahl könnte sinken. Aber wenn du gut spielst, steigt sie. So ist es nun mal.
Siehst du aus professioneller Sicht irgendwelche Schwächen in Praggs Spiel?
Trainer sollten grundsätzlich keine Ferndiagnosen aufstellen, daher will ich mich allgemein äußern. Ich denke, wenn Spieler so jung sind, ist es so, dass sich viele Dinge verändern und Spieler immer wieder Neues ausprobieren. Konsistenz ist also nicht einfach zu erreichen. Junge Spieler können manchmal Höhen und Tiefen haben. Er neigt scheinbar ein bisschen dazu, sein Glück zu sehr herauszufordern. Er versucht jede Partie zu gewinnen und das hat gelegentlich seinen Preis. Und wenn ein Spieler eine oder zwei Partien verliert, sagen viele Beobachter das Turnier sei ruiniert. Aber das reflektiert das Risiko, das junge Spieler bereit sind einzugehen. Wenn es gut läuft, wird es niemand bemerken. Man bemerkt es nur, wenn es schiefgeht.
Kommen wir zu einem anderen Inder, der aus Chennai kommt. Sein Name ist Gukesh. Er ist jetzt aus der Grand Chess Tour ausgestiegen, weil er das Gefühl hatte, dass er zuletzt zu oft gespielt hat und dass er als Weltmeister gefühlt etwas beweisen musste, war vielleicht eine große Belastung für ihn.
Ja. Ich war immer irgendwie auf Gukeshs Seite, er hat die Weltmeisterschaft fair und ehrlich gewonnen. Er ist ein unglaublich starker Spieler. Ich verfolge ihn seit er ein Kind war und in Spanien gespielt hat. Er versuchte sich nach oben zu arbeiten, und er hat, wenn ich mich recht erinnere, einmal vier Open-Turniere in Folge gewonnen. Ich habe eine besondere Bewunderung für ihn. Vielleicht sind die Zeiten der Dominanz eines Spielers, ich denke an Kasparow und Carlsen, vorbei. Carlsen kann zwar behaupten, er könne die Welt dominieren, aber wenn er nicht spielt, kann er es nicht beweisen. Wenn er Turnierschach spielt, kann er es vielleicht wieder zeigen, wie er es in der Vergangenheit getan hat. Inzwischen gibt es viele Spieler auf sehr hohem Niveau.
Gukesh war immer sehr aktiv und seine aktuelle Weltranglistenposition interessiert nur ein paar Außenstehende. Für mich ist er Weltmeister und das war es.
Ja, auch für mich. Er ist der Weltmeister und er wird in vielen Jahren noch auf der Tour sein. Die Leute denken, dass es der nächste Anwärter leicht haben wird gegen Gukesh zu spielen. Ich bin ganz und gar nicht dieser Meinung. Ich muss das erst noch sehen. Gukesh ist erst 19 Jahre alt. Es ist sehr schwer einen Sportler mit 19 Jahren einzuschätzen, wenn das beste Alter, um das Spiel zu verstehen und reife Entscheidungen zu treffen, noch vor ihm liegt.
Er ist schon so lange auf der Tour, dass die Leute gar nicht mehr merken, wie jung er ist.
Genau. Das ist es, was die Leute nicht erkennen: Wir sprechen hier von 19-, 20-Jährigen, die in den nächsten zehn Jahren an der Spitze des Schachs stehen werden.
Foto: Raluca Sgircea
Kommen wir zu einem Spieler, der in den ersten vier Runden sehr konstant in seiner Leistung war und mit einem Punkt Vorsprung führt: Javokhir Sindarov aus Usbekistan. Er war auch Teil des Teams, das 2022 in Chennai gewonnen hat. Er ist also nicht völlig neu, aber wahrscheinlich neu in der 2700er-Spitzenklasse. Super-Großmeister-Niveau.
Was für mich an ihm am beeindruckendsten ist, ist der Hunger, mit dem er spielt. Man sieht an seinem Stil und seinen Partien, dass in ihm ein gewisser Ehrgeiz, ein gewisser Siegeswille steckt. Und er hat absolut keine Angst vor dem Verlieren. Das macht ihn zu einem sehr gefährlichen Gegner, er kann in chaotischen Stellungen gut spielen. Furchtlos. Er hat ein unglaublich gutes Gespür für Initiative in seinem Spiel. Und er war mein Favorit auf den Turniersieg.
Wir wussten, dass Sindarov in guter Form ist, weil er schon in Wijk ein sehr starkes Turnier gespielt hat. Wie wichtig ist Form im Turnierschach und wie kann man sie über einen Zeitraum von drei Monaten aufrechterhalten? Gibt es dafür spezielles Training?“
Man muss täglich sehr konsequent arbeiten und darf sich nicht auf Erfolgen ausruhen. Man sollte sofort an die nächste Herausforderung denken. Man muss motiviert bleiben. Motivation ist ein großer Faktor in diesem Sport. Man braucht ein gutes Trainingsprogramm und man benötigt ein gutes Umfeld, um motiviert zu bleiben.
Muss Sindarov sein Spiel jetzt anpassen, da er vermutlich nicht mehr jede Partie gewinnen muss?
Auf ein Unentschieden zu spielen ist im Turnierschach das Gefährlichste was man tun kann. Es ist gut, sich vor Augen zu halten, dass man nicht unbedingt gewinnen muss und keine unnötigen Risiken eingeht, wenn man sich daran erinnert. Aber er muss mit diesem Kampfgeist bis zum Schluss weiterkämpfen, denn in diesem Turnier kann jeder wieder aufholen. Nichts ist entschieden, bis es entschieden ist. Und die Nervosität vor der letzten Runde – mal sehen, wie sich das auswirkt. Man weiß es nie im voraus.
Der wohl kompletteste Spieler, der 2018 bei der Weltmeisterschaft gespielt hat, ist Fabiano Caruana. Es heißt er sei kein besonders intuitiver Spieler. Er ähnelt eher Gukesh, der viel kalkuliert. Ich habe immer das Gefühl, wenn ich ihn über Schach sprechen höre, dass er Schach sehr gut erklären kann. Wie ist dein Blick eines Trainers auf ihn.
Ich halte ihn für den perfekten Spieler, stark in allen Bereichen des Spiels. Man kann absolut das Beste von ihm erwarten. Er ist immer sehr gut vorbereitet. Die Eröffnungen sind perfekt. Er denkt sehr logisch, er rechnet gut. Ich kann nichts Schlechtes an seinem Spielstil finden ein bisschen Glück, um das Turnier zu gewinnen, ist vielleicht das, was manchmal fehlt.
Zwischen Frische und Erfahrung. Was ist wichtiger?
Wenn wir zum Beispiel die Unbekümmertheit von Sindarov mit der Erfahrung von Caruana vergleichen, dann lastet der Druck auf Caruana – die Uhr tickt. Er war schon so oft nah dran. Du hast irgendwie das Gefühl: Wenn du es jetzt nicht schaffst, musst du bis zum nächsten Mal warten. Und für den anderen gilt: Das ist mein erstes Mal und ich werde noch viele Kandidatenturniere spielen. Ich werde viele Chancen haben. Wenn ich gewinne, super.
Gibt es eine bestimmte Phase des Spiels – also Eröffnung, Mittelspiel und Endspiel –, in der dir bei diesem Turnier bisher etwas Besonderes aufgefallen ist?
Darauf habe ich noch keine Antwort. Ich habe mir die Partien nur angesehen, aber nicht tiefgehend analysiert, weil ich überhaupt nicht mit der Engine arbeiten möchte. Ich schaue mir die Partien nur am Schachbrett an, um nicht beeinflusst zu werden. Ich höre mir keine Kommentare oder ähnliches an. Wir besprechen die Partien am Schachbrett und bilden uns unsere eigene Meinung.
Ich erinnere mich an ein Video mit einem der beiden geheimen Großmeister…
Nicht mehr so geheim.
Es ging um die Partie zwischen Sindarov und Fabiano Caruana in der Fabiano mit Schwarz auf d4 schlagen musste. Wie schwer war es aus deiner Sicht, diese richtige Fortsetzung zu finden?
Es war extrem kompliziert. Wir haben Stunden damit verbracht, über diese Stellung nachzudenken. Wie sollte Schwarz diese Stellung spielen? Und wir sind erst viel später zu dem richtigen Ergebnis gekommen. Wir haben viele Ideen ausprobiert, viele Züge. Wir haben sogar Figuren verschoben. Die Jungs haben die Stellung auch im Blitz gespielt, um zu sehen, ob vielleicht ein Instinkt auftaucht. Es sah so aus, als hätte Schwarz eine schwierige Stellung. Wir sind ohne Hilfe auf die Lösung gekommen. Das ist besser, als erst einmal mit der Engine nachzuschauen. Wenn man es sieht, versteht man es sehr schnell. Aber es zu finden ist entscheidend, denn im Turnierschach muss man diesen Zug finden. Und dann den nächsten und den nächsten. Man verliert dieses Gefühl, wenn man Partien mit der Engine betrachtet.
Also würdest du als Schachtrainer immer empfehlen, zu versuchen, Probleme ohne den Computer zu lösen und wahrscheinlich erst am Ende nachzuschauen, wenn man keinen Trainer an seiner Seite hat. Ist das der richtige Ansatz?
Ja, das ist der richtige Ansatz. Nutze immer dein Gehirn, nutze immer deine Ideen. Und dann kannst du die Lösung ansehen, was die Engine vorschlägt, aber sie ist immer nur ein Werkzeug. Du musst immer aktiv bleiben, du musst trainieren. Wenn du keinen Trainer hast, der dir das nötige Material zur Verfügung stellt, musst du immer sicherstellen, dass dein Verstand beschäftigt ist. Du arbeitest so, wie du während der Partie arbeiten musst. Wenn eine Maschine für dich denkt, dann passiert nichts. Du glaubst, dass du die Züge verstehst. Aber das Problem ist, dass du diese Züge reproduzieren musst.
Welche Bereiche außerhalb des Schachgeschehens muss man trainieren?
Wegen meiner Frau fühle ich mich gezwungen, ins Fitnessstudio zu gehen, weil sie auch Sportlerin ist. Sie drängt mich ins Fitnessstudio zu gehen. Wir gehen fünfmal pro Woche. Fitness war beim Schach schon immer wichtig, aber jetzt sind sich die Leute dessen bewusster.
Professioneller…
Die Spieler achten darauf, was sie essen. Alkohol ist nicht sehr beliebt. Ich meine unter Spitzenspielern. Denn das ist ganz klar nicht gut. Es tut dem Denken nicht gut. Die Spieler achten viel mehr auf sich selbst als früher.
Wir haben in Singapur gesehen, dass Gukesh mit einem Mental-Trainer arbeitet.
Jeder Vorteil auf höchstem Niveau ist willkommen. Man hat etwa die gleiche Spielstärke, man hat etwa die gleichen Eröffnungsvorbereitungen – da fragt man sich: Was kann ich tun, wie kann ich besser sein als andere.
Turnier der Kandidatinnen
Bei den Frauen gibt es einige klare Favoritinnen, aber alles ist möglich. Das ist etwas, was meiner Meinung nach im Frauenschach sehr häufig vorkommt: Die Ergebnisse schwanken von Turnier zu Turnier viel stärker. Bei den Männern ist das irgendwie beständiger.
Wir haben zwei Inderinnen hier dabei. Was hältst du von Vaishali und Divya? Glaubst du, dass sie hier eine Chance auf den Sieg haben?
Das glaube ich definitiv. Ich denke, für Vaishali hat es sehr langsam angefangen. Divya hat diesen kämpferischen Stil. Sie könnte ein Spiel verlieren, und es würde mich nicht überraschen, wenn sie drei hintereinander gewinnt oder so etwas, weil sie so aggressiv spielt. Das ist schwer einzuschätzen, kaum vorhersehbar.
Wer ist die Favoritin im Feld?
Meine Favoritin ist Zhu Jiner. Bei einigen offenen Turnieren habe ich neben ihr gespielt und eine unglaubliche Eröffnungsvorbereitung gesehen. Sie hat sehr schnell gespielt, was ein großartiges Zeichen von Selbstvertrauen ist. Ich dachte mir: Okay, das ist fantastisch. Und dann, als wir damals spielten, saß ich neben ihr, weil wir die gleiche Wertungszahl hatten, aber jetzt sehe ich, dass sie hundert Elo-Punkte mehr hat als ich.
Sie hat Ivan Cheparinov, einen sehr renommierten und erfahrenen Coach als Sekundanten hier. Wie wichtig ist es deiner Meinung nach, für ein einzelnes Turnier einen Coach für ein Event zu haben, oder ist es besser mit jemandem über mehrere Jahre hinweg kontinuierlich zusammen zu arbeiten?
Ich glaube alle Spieler hier haben verschiedene Trainer für verschiedene Phasen des Spiels und verschiedene Funktionen. Manchmal kann man jemanden engagieren, der einem bei einem bestimmten Turnier hilft, bei dem man Eröffnungen braucht – bei einem Turnier wie diesem brauchen Spieler meist Eröffnungen, um zu überleben. Langzeitcoaches kennen die Spielerinnen und Spieler sehr gut und wissen genau, was der Spieler braucht, kennen seine Schwächen und Stärken, seine Psyche. Gleichzeitig ergibt das Engagieren von Kurzzeit-Coaches Sinn, die für kurze Zeit bei bestimmten Turnieren helfen.
Neben Zhu gibt es eine weitere chinesische Spielerin die das letzte Kandidatenturnier gewonnen hat. Sie ist eine sehr erfahrene Spielerin und ehemalige Weltmeisterin. Tan Zhongyi.
Sie war sehr solide, ich habe sie hauptsächlich in dem Match gegen Ju Wenjun verfolgt, und mir schien es, als wäre Ju Wenjun ihr weit voraus. Ich glaube, es wird schwer für Tan, dieses Turnier noch einmal zu gewinnen.
Ist die Vorbereitung beim Frauenschach vorhersehbarer?
Ich habe eine ganz andere Meinung. Ich finde es sehr schwer vorherzusagen. Es hängt sehr davon ab, gegen wen man spielt. Ich finde nicht, dass man die Eröffnungen sehr gut vorhersagen kann.
Eine Spielerin im Feld ist nicht so gut vorbereitet, weil sie erst sehr spät eingestiegen ist. Anna Muzychuk aus der Ukraine. Ist das ein großer Nachteil, weil die anderen Spielerinnen Monate Zeit hatten, sich vorzubereiten?
Sie hat viel Erfahrung, und das spricht für sie. Ich glaube, das ist es, was zählt. Niemand hat sich speziell auf sie vorbereitet, und sie ist motiviert. Sie hat in letzter Minute den Anruf bekommen, zum Turnier zu kommen. De Bedingungen hier scheinen großartig zu sein. Ich denke sie sollte in guter Stimmung sein, um zu spielen. Und das hilft immer. Schach wird mit Motivation gespielt und die hat sie vermutlich.
Dann haben wir die beiden Russinnen im Feld Kateryna Lagno und Aleksandra Goryachkina.
Sie spielen wenig das ist ein Nachteil, sie konnten nicht viel spielen und sie sind damit aus meinem Blickfeld geraten. Vor einigen Jahren konnte ich deren gesamtes Repertoire mit Weiß und mit Schwarz nennen, was sie jetzt spielen, ich habe keine Ahnung.
Wie siehst du die Kasachin Bibisara Assaubaeva?
Sie ist eine fantastische Spielerin. Sie ist sehr aggressiv und hat einen sehr dynamischen Stil.
Bei den Frauen gibt es nach meiner Beobachtung zwei Gruppen von Spielerinnen. Manche spielen ausschließlich Frauenturniere. Andere, meist der jüngeren Generation, sind flexibler.
Der einfachste Weg, besser zu werden, ist generell gegen stärkere Gegner zu spielen. Und wenn man einen stärkeren Gegner findet – das können Frauen sein, das können Männer sein. Im Moment ist das bei den offenen Turnieren der Fall. Assaubaeva spielt häufig bei offenen Turnieren mit. Sie spielt regelmäßig mit starken Großmeistern. Sie ist bereits eine starke Spielerin und sie wird noch besser werden. Es würde mich nicht überraschen, wenn sie dieses Turnier gewinnt.
Killer Chess Training Wer die Website der Akademie aufruft wird zu einer Altersbestätigung aufgefordert. Das ist weniger wegen der Inhalte der Seite, sondern wegen des vermutlich politisch nicht korrekten Namens der Akademie.
Fotos: Raluca Sgircea, Michal Walusza, Yoav Nis (FIDE Chess).
Wer die Partien ohne Kommentare nachspielen oder herunterladen möchte, der ist hier richtig. Die sechste Runde begann mit einem weiteren Sieg von Javokhir Sindarov, der dem Feld weiter enteilt. Da Fabiano Caruana erneut keine Siegchancen entwickeln konnte, baute der Usbeke seinen Vorsprung auf jetzt anderthalb Punkte aus. Bei den Frauen führt Anna Muzychuk mit einem Punkt Vorsprung. Drei Schwarzsiege brachten das Feld wieder zusammen.
Die Partien sind sortiert in der Reihenfolge in der sie beendet wurden.
Die Partien können nicht nur nachgespielt werden. Auch der Download ist einfach. Man klickt auf den hier orange markierten Button und erhält Zugriff auf die Partie.
Wer die Partien ohne Kommentare nachspielen oder herunterladen möchte, der ist hier richtig. Am Tag vorher hatte Hikaru Nakamura angekündigt, dass seine Partie gegen den Usbeken Sindarov seine letzte Chance sei, um noch etwas zu reißen. Es wurde in der Tat eine einseitige Begegnung. Immerhin hat Hikaru eine Stunde und acht Minuten an einem Zug überlegt, der ein Fehler war.
Während sich in der offenen Klasse zwei Spieler vom Feld absetzen konnten und das Feld auf fünf Punktegruppen (+4 bis -2) verteilt ist, liegen die Frauen noch näher beieinander und ein Sieg genügt für die Spielerinnen hinten im Feld, um wieder näher an die Spitze heranzurücken. Man kann vielleicht erste Tendenzen ausmachen, aber sicher keine Favoritin nach fünf Runden ausrufen. In der offenen Gruppe ist Javokhir Sindarov der zu schlagende Spieler und man kann sich auch von den bisherigen Auftritten der Spieler momentan nur noch Fabiano Caruana als anderen Spieler vorstellen, der das Turnier am Ende gewinnen könnte. Die Begegnung der beiden Spieler gegeneinander in der Rückrunde (Runde 11) könnte die Entscheidung bringen.
Grafiken: Ergebnisse und Punktestand (FIDE Chess).
Die Partien sind sortiert in der Reihenfolge in der sie beendet wurden. Der fünfte Spieltag sah in beiden Turnieren jeweils zwei Sieger.
Quelle: Li-Chess, die technologische führende Onlinespielplattform.
"It doesn't happen too often! I had this one thought – he's going for mate, but is it actually mate? It looks like mate, but I have to make sure that its mate – maybe there's no Rook on h1!" – @FabianoCaruana after checkmating Bluebaum in Round 5 of the Candidates. pic.twitter.com/QRb73cmkuZ
Die Partien können nicht nur nachgespielt werden. Auch der Download ist einfach. Man klickt auf den hier orange markierten Button und erhält Zugriff auf die Partie.
In der zweiten Runde spielte der Inder Praggnanandhaa gegen den Chinesen Wei Yi eine Variante, die als fast unspielbar galt. Sein Gegner glaubte ihm ohne zu Zögern. Was war passiert und wie lässt sich die recht zahme Partieanlage des Chinesen rechtfertigen? Ein schachliches Meinungsstück in Diagrammen.
Von Thorsten Cmiel
Steigen wir direkt ein ins Geschehen und zwar optisch. Ich kannte die Varianten nicht, war aber überrascht wie schnell der Inder seine kurze Rochade (57 Sekunden) ausführte. Noch überraschender war, dass Wei Yi nach zwölf Minuten eine eher harmlose Fortsetzung wählte. Schauen wir uns den Ausgangspunkt an und wie es hätte weitergehen können.
Pragg hatte im neunten Zug kurz rochiert und Wei Yi stand vor der Entscheidung (Foto) wie er hier fortsetzen sollte. Jedem Schachspieler springt das typische Motiv des Läuferopfers auf h7 sofort ins Auge. Um das hinzubekommen muss man allerdings zunächst den Läufer von e7 ablenken. Schauen wir uns die denkbaren Folgen zunächst durch das Betrachten möglicher Zielstellungen an. Die lange Rochade wäre hier übrigens absurd gewesen, da man nach dem Bauernvormarsch nach c4 auf h7 schlagen muss und den h-Bauern vorziehen sollte.
Der kritische Zug wäre das Schlagen auf c5 gewesen. Es entsteht die betrachtete Stellung. Danach sind drei Züge plausibel: Der Damenzug nach a5 ist eine denkbare Spielweise, die noch wenig erkundet ist, aber Weiß am Brett kaum vor unlösbare Probleme stellen dürfte. Daneben gibt es zwei Möglichkeiten auf c5 zurück zu schlagen. Eine Fortsetzung ist einfach schlecht und die andere ist herausfordernd. Wobei man vermutlich lieber auf der weißen Seite des Brettes sitzen würde. Aber schauen wir es uns einfach an.
Stellung nach dem sofortigen Damenzug nach a5 als Antwort auf das Schlagen des Bauern auf c5. Beginnen wir mit diesem langsamen Zug mit der Dame, die nach a5 zieht. Damit umgeht Schwarz zumindest den Einschlag auf h7, muss sich dann aber mit der folgenden endspielartigen Stellung zufrieden geben.
Zur Visualisierung: Zielstellung nach dem Damenzug nach a5
Eine plausible Zielstellung nach der unwahrscheinlichen, aber vermutlich spielbaren Antwort mit dem Damenzug nach a5 scheint mir diese Stellung zu sein. Hier kann Weiß ohne größere Risiken weiter auf Gewinn spielen. Der Weg hierhin wäre nicht sonderlich vermint und kann mit der finalen PGN-Datei hergeleitet werden.
Die zweite denkbare Fortsetzung – das Schlagen auf c5 mit dem Läufer, sollte Schwarz in jedem Fall vermeiden. Danach tauscht Weiß auf c5 ab, opfert seinen Läufer wie geplant auf h7 und gewinnt kurz danach mit dem Damenschwenk nach f2 ein wichtiges Tempo. Schwarz wäre hilflos und wir schauen uns einfach eine mögliche Zielstellung an. Es gibt bis dahin noch einige Nebenstränge, aber die sollte ein Supergroßmeister am Brett leicht finden können.
Zur Visualisierung: Zielstellung nach dem Schlagen mit dem Läufer auf c5
Wie der schwarze Punkt am Diagramm zeigt ist hier Schwarz am Zuge, es gibt aber bereits keine Verteidigung mehr. Schwarz steht glatt auf Verlust. Wie es dazu kommen kann, entnimmt man der angefügten PGN-Datei als Anregung oder versucht selbstständig die besten Züge zu finden.
Die dritte und vermutlich beste Spielweise besteht im Wiedernehmen auf c5 mit dem Springer. Auch dann kann Weiß auf h7 seinen Läufer opfern, ein Springerschachgebot auf g5 folgen lassen und seine Dame via d3 in den Angriff führen. Diese Fortsetzung ist weitgehend mit Hilfe des Maschinenraumes ausgeleuchtet und es kommt zu einer Stellung, die immer noch Weiß einen symbolischen Vorteil verspricht.
Visualisierung: Drei Zielstellungen nach dem Schlagen auf c5 mit dem Springer
Es scheint beide Seiten müssen bis hierhin die vorgegebenen Pfade verfolgen. In dieser Stellung sollte Weiß übrigens wie weiter fortsetzen?
Im 30. Zug bog Matthias Bluebaum hier erstmals falsch ab, indem er seinen Springer nach e7 zog.
Diese Stellung ist in etwa ausgeglichen und rechtfertig damit die schwarze Spielweise. Dieses Beispiel illustriert aus meiner Sicht sehr schön wie Pragg sich auf seine Partie ungefähr vorbereitet haben dürfte. Ich habe eine klare Erwartungshaltung: Pragg wird in diesem Turnier zumindest keinem Gegner die Möglichkeit auf h7 zu schlagen mehr einräumen.
Variantenbaum als PGN
In der folgenden PGN-Datei (zum Herunterladen) finden sich die Betrachtungen mit der Engine nach dem kritischen und nicht gespielten Schlagen auf c5. Vermutlich muss die Partie aus der Bundesliga von Ivan Cheparinov, der als Sekundant von Zhu Jiner auf Zypern ist und dem deutschen Kandidaten Matthias Bluebaum herangezogen werden.
In der anschließenden Pressekonferenz gab Pragg unumwunden zu, dass er diese Variante vorbereitet hatte, aber er meinte auch, dass er nicht erwartet habe, dass sein unvorbereiteter Gegner sich darauf einlassen würde. Die Reaktion des Chinesen lässt eher den Rückschluss zu, dass er zwischen kurzer und langer Rochade schwankte und das Nehmen auf c5 nicht einmal erwogen hatte. Der Semi-Bluff von Pragg war aufgegangen. Denn nach der recht harmlosen Antwort seines Gegners hatte er in dieser Partie mit Schwarz keinerlei Probleme.
Ich halte den Semi-Bluff des Inders für vertretbar, da er mit guter Vorbereitung kein zu hohes Risiko einging. Beim Chinesen sehe ich es komplett anders: Wei Yi formulierte als Ausrede, dass er seinem Gegner nicht in die Vorbereitung laufen wollte. Meiner Meinung nach sollten Spieler auf dem Niveau des Kandidatenturniers immer die prinzipielle Fortsetzung wählen und die ist bekanntermaßen das hier vorgestellte Schlagen auf c5 inklusive des klassischen Läuferopfers auf h7. Dass er diese Fortsetzung nicht wählte, ist ein Zeichen von Schwäche, den seine Konkurrenten und deren Teams sich wahrnehmen werden.
Wer die Partien ohne Kommentare nachspielen oder herunterladen möchte, der ist hier richtig. In der Männergruppe kam es in der vierten Runde zu der bemerkenswerten Konstellation, dass die Partien nur Spieler mit einem gleichen Punktekonto zusammenführte. Im Mittelpunkt des Interesses stand naturgemäß die Begegnung von Javokhir Sindarov und Fabiano Caruana.
Am Ende gab es insgesamt vier entschiedene Partien vor dem Ruhetag. Der Usbeke Sindarov geht bereits mit einem Vorsprung von einem Punkt in die fünfte Runde. Bei den Frauen konnte sich noch keine Spielerin absetzen, aber mit der Nachrückerin Anna Muzychuk und der Kasachin Bibisara Assaubaeva, führen Spielerinnen das Feld an, die hier nicht als Duo (Indien, China, Russland) auftreten.
Grafik: FIDE Chess.
Die Partien sind sortiert in der Reihenfolge in der sie beendet wurden.
Die Partien können nicht nur nachgespielt werden. Auch der Download ist einfach. Man klickt auf den hier orange markierten Button und erhält Zugriff auf die Partie.
In der ersten Runde des Kandidatenturniers konnten drei Spieler mit den weißen Steinen einen vollen Punkt verbuchen. Es sind nicht unerwartet die drei Favoriten im Turnier: der US-Amerikaner Fabiano Caruana, der Usbeke Javohhir Sindarov und der Inder Praggnanandhaa, Pragg.
Von Thorsten Cmiel
Startphasen von Schachturnieren sind weitgehend ritualisiert und entsprechend langweilig organisiert. Besonders wichtige oder zahlende Personen führen erste Züge auf den Spitzenbrettern aus und werden dabei fotografiert oder gefilmt. Die Spieler lassen das über sich ergehen und korrigieren meist den ersten Zug des VIP wieder. Diesmal waren zwei Präsidenten am Start, die an den Spitzenbrettern die Züge ausführten. Manchmal passieren aber auch überraschende Dinge wie 2018 als der Schauspieler Woody Harrelson beim Eröffnungszug der Weltmeisterschaft in London den König von Caruana umkippte. Ich weiß bis heute nicht, ob das eine abgesprochene Schauspieleinlage war. Aber das war sozusagen die löbliche Ausnahme.
Die Kandidatenturniere begannen mit kleineren Übertragungspannen im Turniersaal. An jedem Tisch wird das Geschehen auf den Brettern an der Seite angezeigt. Das hilft den Zuschauern das Geschehen besser zu verfolgen, da man als Zuschauer als VIP sitzt oder als normaler Zuschauer oder Journalist steht. Am Tisch von Alexandra Goryachkina und Kateryna Lagno, die beiden Russinnen treten beim Kandidatinnenturnier unter neutraler FIDE-Flagge an, wurden die Züge von Divya Deshmukh gegen Anna Muzychuk angezeigt. Die Organisatoren änderten kurz später zunächst die übertragenen Partien und später die Namen.
Der Turniersaal kennt diesmal keine Tribünen und daher ist diese Neuerung, Screens an den sichtbaren Tischseiten, gegenüber Toronto begrüßenswert. Auch werden sämtlichen Partien auf einem Screen an einem Ende des recht kleinen Turniersaals dauerhaft angezeigt. In Toronto war das Geschehen auf den Brettern im Frauen- und in der offenen Klasse nur alternierend auf vier elektronischen Brettern angezeigt worden.
Erneut gab es einen Fanshop wie inzwischen bei FIDE-Veranstaltungen üblich. Dort gab es kleinere und durchaus teure Fanartikel zu kaufen, die ordentlich nachgefragt wurden. Ein Brett mit allen Unterschriften der Spieler kostete 400 Euro. Diese hatten die Spieler am Tag zuvor signiert und die meisten gingen an den Hauptsponsor Freedom Holding, hieß es. Als ich nach einer Stunde wieder im Fanbereich vorbeisah, meldete der Verkäufer zwei verkaufte Bretter. Erstaunlich.
Nach etwa einer Stunde saß Vishy Anand auf der Bühne und beantwortete die üblichen Fragen des Publikums wie: „Wie viele Stunden am Tag muss man trainieren, um Weltmeister zu werden.“ Seine Antwort war nicht nur diplomatisch, sondern auch augenzwinkernd: So lange und oft man Freude darauf habe und er hatte oft Freude.
Was auf den Brettern passierte
Zum Auftakt gab es drei Siege mit Weiß. Den überzeugendsten Auftritt hatte. Das erste Remis des Turniers produzierten Matthias Bluebaum und Wei Yi nach einer Dauerschachsequenz und einer eher wenig spektakulären Partie. Den ersten vollen Punkt holte der Usbeke Javokhir Sindarov nach einer unübersichtlichen Partie gegen Andrej Esipenko. In der Partie hatte es zuerst gute für Esipenko ausgesehen, aber eingeleitet mit einer merkwürdigen Entscheidung führten einige weniger geeignete Züge zur Niederlage des Russen, der wie seine Landsfrauen unter neutraler Flagge antritt. Praggnanandhaa lieferte für mich die überzeugendste Leistung ab. Zwar gelang es ihm nicht seine überraschende Eröffnungswahl in Zählbares auf dem Brett zu verwandeln, aber der beständige Vorteil auf der Schachuhr zahlte sich letztlich aus und Anish Giri musste erstmals in diesem Turnier hinter sich greifen. Die Partie von Fabiano Caruana war ein schöner Erolg, so sah es zumindest aus, aber kurz vor Schluss vergab der jüngere US-Amerikaner gegen den Turniersenior den Gewinn, wurde aber nicht bestraft.
Pragg mit Auftaktsieg
Diesmal setzt Pragg in seinem Team nicht auf die großen Namen, sondern arbeitet mit einem vermutlich indischen Team, wir Praggs Langzeit-Coach Ramesh RB der Hindustan Times verriet. Zudem nimmt er sich dem Thema Fitness und Yoga an. Zwei Sekundanten von Toronto sind auch diesmal wieder in neuer Funktion dabei. Jan Gustafsson, im Nebenberuf deutscher Nationaltrainer, und Peter Swidler arbeiten als Kommentatorenteam im Übertragungsstudio und kommentieren das Geschehen mehrere Stunden live. In Toronoto 2024 war Gustafsson noch für den Russen Ian Nepomniachti und Peter Swidler eben für Pragg dabei. Sekundanten sind meist für die Eröffnungswahl zuständig.
Auf Zypern schlug der indische Großmeister Vaibhav Suri, der Pragg ins St. Georges-Hotel begleitet hat, den Grand-Prix-Angriff als Überraschung vor. Mit Erfolg – der 20-jährige Inder spielte die überzeugendste Partie im Feld und gewann seine Partie. Fehler der Gegner sind natürlich immer notwendig. Giri lag durch die Eröffnungsüberraschung zeitlich hinten und am Ende dürfte das seinen Fehler zum Schluss teilweise erklären.
Der entscheidende Moment in dieser Partie. Anish Giri blieben hier noch drei Minuten und 24 Sekunden für vier Züge. Die Spieler müssen die Züge mit weniger als fünf Minuten auf der Uhr und ohne Inkrement nicht mehr genau aufschreiben. Dennoch verblieben Pragg noch etwas mehr als 17 Minuten und dieser Vorteil entschied letztlich, da Anish Giri hier nicht ausreichend akkurat agierte. Die Auflösung findet sich in der folgenden kurzen Partieanalyse.
Sindarov – Esipenko – nach spannender Partie vorne
Für beide Spieler war es der erste Auftritt auf der größten Schachbühne. Es entwickelte sich eine höchst unterhaltsame Partie bei der zunächst der Russe Andrej Esipenko die Nase vorne hatte. In der folgenden Stellung begann Andrej aber seine leicht bessere Stellung systematisch zu verschlechtern.
Schwarz steht eindeutig besser. Er hat die potentiell mobile Bauernmasse am Damenflügel, sein Läufer auf h4 fesselt den gegnerischen Springer und die weißen Figuren sind kaum aktiv postiert. Wie sollte Schwarz hier am besten fortsetzen? Was halten sie von der Entscheidung des Russen, der auf f3 den weißen Springer herausnahm?
In dieser Stellung opferte Andrej Esipenko auf e5 eine Qualität, aber wie geht es nach dem Zurückschlagen mit dem Turm weiter?
Caruana – Druck ausgeübt und dann fast noch verzockt
Einen guten Start hatte der US-Amerikaner Fabiano Caruana mit seiner Partie gegen seinen Landsmann Hikaru Nakamura. Fabiano spielte eine überzeugende Partie und zeigte eine überzeugende Leistung. Bis am Ende ein grober Fehler seine Leistung schmälerte in der folgenden Situation und unter Zeitnot passierte ein schachliches Drama.
Wie sollte Weiß hier am besten fortsetzen? Fabiano Caruana hatte eine Idee wie er in diesem Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern weiterkommen sollte. Ich gebe eine Fifty-Fifty-Chance, auch wenn es noch andere Züge gab, die den Gewinn zumindest nicht verderben. 79.f5-f6+ und 79.Kxd5.
Eine weitere Fifty-Fifty-Frage. Wohin sollte der schwarze König sich verdrücken? Zur Auswahl stehen die Felder c7 und e7.
Hikaru Nakamura nimmt im Anschluss seine Arbeit als Streamer auf und kommentiert seine Partien und manchmal haut er spannende Kommentare raus. Hier jetzt eine Reaktion auf einer seiner Aussagen. Trash-Talk.
Mike: "[Nakamura] said your ending technique wasn't that great…"
Das Gespräch mit Fabiano Caruana führt Mike Klein, Chess Mike, für die Spielplattform Chess.com.
Out of Topic: Schachpolitik am Rande
Bei den Veranstaltungen der FIDE lassen sich Sponsoren und manche Schachpolitiker sehen. Diese sind wie immer abgeschirmt im VIP-Bereich, der aber von einigen dort als recht langweilig bezeichnet wird. Das war in Toronto nicht anders. Dort gab es dann irgendwann den Zwischenfall als es in der Familie Firouzja zu Handgreiflichkeiten kam. Letztlich kommen im Turnierhotel VIP, also besonders wichtige Personen, aus der siebten Etage, dort ist deren Lounge, herunter, um die Partien live zu verfolgen. Manche kommen dann noch in der Fanzone vorbei. Dort und auch in Gesprächen mit Kollegen erfährt man die neuesten Gerüchte und wenn die Quellen stimmen, dann ist es oft mehr als nur ein Gerücht: Die noch amtierende Präsidentin des Deutschen Schachbundes, Ingrid Lauterbach wollte auf dem Ticket des georgischen Präsidenten Zurab Azmaiparashvili ins Präsidium der Europäischen Schachunion. Daraus scheint nichts zu werden. Der Georgier will offenbar eine Föderationen-Präsidentin in seinem Team sehen und das scheint die Deutsche nicht anbieten zu können, falls in einigen Wochen eine außerordentliche Hauptversammlung ihre Abwahl beschließt.
Die internationale Gerüchteküche brodelt: Kolportiert wurde am Mittwoch auf Zypern, dass Timor Turlov, CEO der an der Nasdaq notierten Freedom Holding und Hauptsponsor des Kandidatenturniers, Präsident der FIDE werden soll. Turlov ist nicht nur Sponsor, sondern auch Präsident der kasachischen Schachföderation. Der bisherige russische Präsident, Arkadij Dvorkovich, der vor seiner umstrittenen dritten Amtszeit stehen würde, soll in ein anderes Gremium wechseln und würde so etwas aus der Schusslinie geraten, heißt es. Aber diese Nachricht erreichte mich bemerkenswerterweise am 1. April, dem Fools Day. Also sollte dieses Gerücht einigermaßen mit Vorsicht genossen werden.
Perfektes Schach ist unmöglich, zumindest für Menschen. Bei den Frauen endeten die ersten acht Partien mit Remis. Aber es hätte auch anders ausgehen können. Beim Turnierschach entscheidet auch die Bedenkzeit über Partieergebnisse und so kam unter anderem deshalb in den folgenden spannenden Momenten nicht das „richtige“, das objektiv perfekte Ergebnis zustande.
Von Thorsten Cmiel
Bei den Frauen gingen die ersten acht Partien Remis aus. Wer oberflächlich nur das Ergebnis betrachtet könnte den Eindruck gewinnen, bei den Frauen sei nichts los. Das ist mitnichten der Fall. Es zeigt sich durch die Verläufe der Partien bereits wer wie in Form ist, wer bereit ist in der Eröffnungen gezielte Risiken einzugehen und welche Schwächen manche Spielerinnen haben. Auffällig bei dieser Aufstellung ist beispielweise, dass zwei Spielerinnen in zwei Beispielen vorkommen und andere Spielerinnen würden mit ihrer soliden Spielweise in den ersten zwei Runden vermutlich nie in eine Auswahl mit taktischen Fehlern kommen, aber sie werden mit ihrer Spielweise zum Auftakt wahrscheinlich keine Partien gewinnen. Aber das dürfte sich mit fortschreitendem Turnierverlauf schnell ändern. Wir können sicher sein, dass auch die Sekundanten genau hinschauen und die Gegnerinnen ihrer Schützlinge beobachten.
Goryachkina – Lagno (Runde 1)
Den Anfang unseres Rückblicks auf die verpassten Chancen macht ein Stellung aus der Startrunde in dem innerrussischen Duell von Alexandra Goryachkina und Kateryna Lagno.
Die erste Chance verpasste eine der Favoritinnen, die Russin Alexandra Gorychkina. In dieser Stellung gilt es eine recht einfache Lösung zu finden, die es kaum in ein Taktikbuch für Fortgeschrittene schaffen würde. Dennoch stellt sich natürlich die Frage, welche Fortsetzung verpasste Goryachkina hier mit den weißen Steinen?
Lösung (Hier Klicken)
Vaishali – Assaubaeva (Runde 1)
Ebenfalls in der ersten Runde hatte die Kazachin Bibisara Assaubaeva mit Schwarz eine gute Stellung gegen die Inderin Vaishali erreicht.
Assaubaeva steht mit ihrem Läuferpaar und dem Mehrbauern aussichtsreich. Aber wie sollte sie hier mit Schwarz fortsetzen, um ihren offensichtlichen Vorteil zu erhalten?
Lösung (Hier Klicken)
Kateryna Lagno – Zhu Jiner (Runde 2)
In der zweiten Runde hatte zunächst die Chinesin Zhu Jiner, aber auch ihre Gegnerin einige Chancen ausgelassen. Schauen wir uns aus ihrer Partie gegen Kateryna Lagno die vielleicht besten drei Momente an.
In dieser Stellung fand die Chinesin im 18. Zug die beste Fortsetzung mit Schwarz. Wie sollte es hier weitergehen?
In dieser Situation konnte Kateryna Lagno im 28. Zug mit Weiß die Partie ausgleichen. Sie fand es nicht, aber sie sicher, oder? Aber Vorsicht: Die Lösung ist nichts für Anfänger.
Der letzte Fehler entscheidet im Schach über das Ergebnis. Wie sollte die Chinesin hier im 28. Zug am besten fortsetzen, um den vollen Punkt einzufahren?
Lösung (Hier Klicken)
Divya – Vaishali (Runde 2)
Beide Spielerinnen hatten nur wenig Restzeit in der folgenden Situation. Aber anders als im Männerturnier – ich halte wenig davon das Kandidatenturnier als offene Klasse zu bezeichnen solange nur Männer hier mitspielen. Vielleicht ist das ein Ansporn für die eine oder andere Spielerin es künftig Judit Polgar gleichzutun und im Kandidatenturnier mitzuwirken – gibt es bei jedem Zug eine Zeitgutschrift von 30 Sekunden je Zug.
Der kritische Moment in der Begegnung der zwei Inderinnen. Vaishali hatte zuvor einem alten Muster folgend in Zeitnot den Versuch unternommen die Dinge zu forcieren und dabei etwas Wichtiges übersehen. In dieser Stellung war Divya am Zuge und musste auf den Angriff auf die eigene Dame reagieren. Was sollte sie hier spielen?
Lösung (Hier Klicken)
Live-Footage
Die indischen Edelfans, Amruta und Sagar Shah von „Chessbase India“ sind in Zypern dabei und kommentieren vor allem die Partien ihrer Landsleute live von ihrem Hotelzimmer im St. Georges aus. Hier die entscheidende Phase der Partie. Die Emotionen gingen mit den beiden kurz durch, denn natürlich sind sie neutral und wünschen beiden Spielerinnen Erfolge.
6 minutes and 52 seconds absolutely worth watching. Absolutely amazing moments in the game between the two Indian girls Divya Deshmukh and Vaishali Rameshbabu in the Candidates!
This game ended in a draw, by the way. But some draws are much, much more exciting than others! pic.twitter.com/w4zInqmhIM
Zwar gab es bisher nur Remispartien in diesem Turnier, aber die Russin Kateryna Lagno und die Inderin Vaishali strapazierten bisher zweimal ihr Glück, da beide in ihren Partien auf der jeweils „schwächeren“ Seite des Unentschieden verbrachten. Das muss nichts heißen, könnte aber ein erstes Zeichen für eine aktuelle Formschwäche sein. Zum Glück stehen für alle Spielerinnen noch zwölf weitere Runden an.
Fotos: Michal Walusza und Yoav Nis beide für (FIDE Chess).
Wer die Partien ohne Kommentare nachspielen oder herunterladen möchte, der ist hier richtig. Erstmals gab es im Frauenturnier entschiedene Partien. Im Kandidatenturnier der offenen Klasse, bei den Männern, liegen jetzt Fabiano Caruana undJavokhir Sindarov mit plus zwei Punkten klar vorne.
Die Partien sind sortiert in der Reihenfolge in der sie am Spieltag beendet wurden. Den Auftakt machte in der zweiten Runde Fabiano Caruana, der den Chinesen Wei Yi in einer Kurzpartie besiegte.
Dieser Partien-Bericht beinhaltet drei Video-Interviews von Li-Chess der weltweit technologisch führenden Spielplattform. Mit freundlicher Genehmigung.
Fotos: Yoav Nisenbaum, Michal Walusza (FIDE Chess).
Service-Hinweis
Die Partien können nicht nur nachgespielt werden. Auch der Download ist einfach. Man klickt auf den hier orange markierten Button und erhält Zugriff auf die Partie.
Wer die Partien ohne Kommentare nachspielen oder herunterladen möchte, der ist hier richtig. Heute war die erste beendete Partie bei den Frauen die Begegnung zwischen Anna Muzychuk und Tan Zhongyi.
Die Partien sind sortiert in der Reihenfolge in der sie am Spieltag beendet wurden.
Eingebunden habe ich zwei hervorragende Interview-Videos der Spielplattform Lichess, die Theo Waits geführt hat. Mit freundlicher Genehmigung.
Die Partien können nicht nur nachgespielt werden. Auch der Download ist einfach. Man klickt auf den hier orange markierten Button und erhält Zugriff auf die Partie.