Wer die Partien ohne Kommentare nachspielen oder herunterladen möchte, der ist hier richtig. Die erste Partie in der Startrunde endete in der offenen Klasse nach knapp zweieinhalb Stunden mit Dauerschach. Der deutsche Großmeister Matthias Bluebaum ließ sich auf ein Unentschieden durch Dauerschach ein.
Die Partien sind sortiert in der Reihenfolge in der sie beendet wurden.
Die Partien können nicht nur nachgespielt werden. Auch der Download ist einfach. Man klickt auf den hier orange markierten Button und erhält Zugriff auf die Partie.
Das Kandidatenturnier auf Zypern steht an. 16 Spielerinnen und Spieler kämpfen darum, einen WM-Kampf gegen den jeweiligen Titelverteidiger spielen zu dürfen. Es dürfte spannend werden.
Von Thorsten Cmiel.
Meine Reise nach Zypern beginnt am Freitag bereits um fünf Uhr morgens. Auf meine abendliche Pokerrunde mit Schach-Kumpels in der Kölner Südstadt hatte ich angesichts der frühen Abfahrtzeit um 5.48 Uhr verzichtet und hätte dennoch fast verschlafen. Glücklicherweise hatte ich schon einige Tage zuvor meine Klamotten gepackt und war insofern ausnahmsweise gut vorbereitet. Zum Start ging es mit dem ICE 511 in Richtung Frankfurt-Main Flughafen. Der Zug war weitgehend leer und die Reise daher angenehm. Um 6.46 Uhr erreicht der Zug drei Minuten zu früh sein Ziel. Zugfahren ist meine bevorzugte Reiseform, zumindest wenn man nicht bei tropischen Temperaturen und nicht funktionierender Klimaanlage oder in einem vollbesetzten Abteil unterwegs ist und die meist peinlich langweiligen Geschäftsgespräche von irgendwelchen Vertriebsmanagern mithören und veröffentlichen muss, damit sich das irgendwann einmal ändert.
In Frankfurt wandert mein Gepäck von der Gepäckannahme automatisch ins zum Glück richtige Flugzeug mit der Flugnummer LH 1292 und die 18,7 Kilogramm lassen auf dem Rückflug etwas Mehrgewicht für Souvenirs zu. Ich hatte zuletzt etwas umdisponiert und meinen Flug über Istanbul getauscht, da ich unkomfortabel vor einigen Monaten schon den türkischen Flughafen Ercan gebucht hatte und später feststellen musste, dass das keine sonderlich gute Idee war. Hinzu kam die Reiseroute, die inzwischen weniger Spaß macht. Zwar bin ich nicht ängstlich, aber eine Anreise via Europa wirkte sicherer, da die Türkei zwar nur an ihren östlichen Grenzgebieten zum Iran gefährdet zu sein scheint, aber man muss es nicht herausfordern.
Auf Zypern erwartet mich dann eine ganz besondere Herausforderung: Wegen der langen britischen Präsenz auf Zypern, zunächst als britisches Protektorat und später als Kronkolonie (1878 – 1960) fährt man auf der Insel auf der falschen Seite. Ich hatte auch hier ein fragwürdige (?!) Entscheidung getroffen und schon in Deutschland ein Auto gemietet. Ich wurde dann noch einmal vom Verleiher hereingelegt, da der gemietete Nissan Micra natürlich kein Navigationssystem an Bord hatte und ich ein Upgrade benötigte. Ich traf eine strategische Entscheidung und nahm mir vor: Im Zweifel räume ich anderen Autos grundsätzlich Vorfahrt ein, bin aber überrascht, dass es relativ gut funktionierte sich an den Linksverkehr zu gewöhnen. Mein Hotel liegt immerhin 140 Kilometer vom Flughafen Larnaca entfernt und glücklicherweise waren überwiegend lange Autobahnstrecken zu absolvieren. Abends traf ich noch Ulrich Stock von der Wochenzeitung „Die ZEIT“ zum gemeinsamen Abendessen und Austausch erster Informationen. Er hatte bereits erste Gespräche mit Spielern geführt.
Minus-Eins-Tag
Noch ein Tag bis zu den Spielen. Der Samstag ist als „Mediatag“ deklariert, bietet aber maximal Möglichkeiten sich für die kommenden Tage lose zu Gesprächen zu verabreden. Natürlich wollen Spieler so kurz vor dem Turnier keine Gespräche mehr führen. Insofern beschränkte ich mich auf das Beobachten und das Begrüßen mir bekannter Personen. Mit Rasmus Svane und Matthias Blübaum kam natürlich kein Gespräch zustande, immerhin konnte ich ihm viel Erfolg wünschen, später auf der Bühne räumte er nach der Vorstellungsrunde ein, dass sich acht mal 12,5 auf 100 addieren, er glaube seine Chancen seien niedriger, aber er nimmt diesen Hinweis gerne auf.
Die Vorstellungsrunde war wegen besserer Fragen kurzweiliger als noch in Toronto und die meisten Reden der Honoratioren recht angenehm kurz. Indien, die USA, China, Kasachstan, Usbekistan, die Niederlande und natürlich eine Vertreter Zyperns waren zur Eröffnungsfeier gekommen. Matthias Blübaum erhielt keine Unterstützung durch die deutsche Botschaft in Nikosia. Was soll ich mich aufregen, aber natürlich könnte der deutsche Botschafter auf Zypern, das ist ein gewisser Hans Peter Jugel, selbst vorbeikommen oder jemanden vorbeischicken, wenn nach 35 Jahren wieder ein deutscher Spieler versucht Weltmeister im Schach zu werden.
Bleiben wir bei den Anwesenden: Ivan Cheparinov ist als Sekundant der Favoritin Zhu Jiner angereist. Nach erfolglosen Coachings von Alireza Firouzja (Madrid 2022) und zuletzt Nurgyul Salimova (Toronto 2024), soll es diesmal mit einer echten Favoritin am Start klappen. Der russische Großmeister Daniil Dubov scheint Kateryna Lagno zu coachen, zumindest saßen die beiden bei der Eröffnungsveranstaltung zunächst zusammen, bis Lagno auf die Bühne gerufen wurde. In Toronto 2024 war noch Andrey Esipenko ihr Sekundant, der muss aber diesmal selbst ran. Einige Coaching-Beziehungen sind bekannt wie Roman Vidonyak, der für Javokhir Sindarov und vermutlich auch seine Freundin Bibisara Assaubaeva tätig ist. Smeets tauchte mit Anish Giri auf und die beiden hatten gute Laune mitgebracht. Fabiano hatte seine beiden bekannten Sekundanten Grigoriy Oparin und Christian Chirila.
Technical MeetingTechnical Meeting
Eine Showeinlage und ein gemeinsames Essen beschlossen den Tag und manche zogen noch in den Nachtklub des Hotels weiter. Dort ließ sich immerhin FIDE-Präsident Arkadij Dvorkovic blicken. Spielerinnen und Spieler sowie die meisten Sekundanten und Moderatoren gingen allerdings wohl früh schlafen.
Was mich erwartet und ich erwarte
Drei Wochen erstklassiges und vermutlich dramatisches Schach liegen vor mir und der Schachwelt. Auf Zypern finden die Kandidatenturniere in der offenen Klasse, also der Männer, und der Frauen statt. Jeweils acht Spielerinnen und Spieler treten zweimal mit vertauschten Farben gegeneinander an und ermitteln die Herausforderer für die Weltmeister. Bei den Frauen ist das die Chinesin Ju Wenjun, die seit 2018 Weltmeisterin im klassischen Schach ist. Bei den Männern wartet der 19-jährige Gukesh Domaraju, der in Singapur 2024 den Thron bestieg.
Die Frauen bekommen weniger Zeit zum Nachdenken und zwar bis zum 40. Zug 90 Minuten und 30 Sekunden für jeden ausgeführten Zug (Inkrement). Den Männern gönnt die FIDE zwei Stunden für 40 Züge und erst danach gibt es in beiden Turnieren 30 Minuten für die Restpartie und den üblichen Zeitaufschlag von 30 Sekunden je Zug. Der Unterschied kam wegen unterschiedlicher Umfrageergebnissen von Spielerinnen und Spielern zustande.
Die Favoriten sind bei den Männern nach meiner Einschätzung ein US-Amerikaner, ein Inder und ein Usbeke. Erfreulich ist die Teilnahme des deutschen Schachgroßmeisters Matthias Blübaum, der als erster Deutscher seit Robert Hübner seine Hand in Richtung Weltmeistertitel – Matthias würde sich selbst vermutlich nur einen Finger zugestehen – ausstreckt. Der Schach-Reporter und Herausgeber Stefan Löffler, hatte im FAZ-Sportteil am Freitag gemeldet, dass Vincent Keymer seinen Nationalmannschaftskameraden ebenfalls unterstützt hat: „Keymer ist nicht ganz draußen sondern als Sparringspartner dabei. Geheime Trainingspartien haben sie gespielt, damit Blübaum sich auf die selten praktizierte Bedenkzeitregelung ohne 30-Sekunden-Bonus vor dem 40.Zug einstellen konnte.“
Der Weltschachbund FIDE übernimmt die Kosten für die Unterkunft der Spieler ab Donnerstag (26. März), insofern waren einige Spielerinnen und Spieler im Luxus-Ressort St. Georges bei Pegeia auf Zypern bereits etwas länger anwesend. Die Deutschen waren am Donnerstag angereist. Los geht es am Sonntag.
Bei den Frauen ist die Situation vor dem Turnier ebenfalls spannend. Eine Turnierfavoritin, die Inderin Koneru Humpy, ist wegen Sicherheitsbedenken – eine Drohne oder Rakete, abgeschossen von der libanesischen Terrorgruppe Hisbollah, hatte Anfang März für kleinere Schäden auf einem britischen Militärflughafen Akrotiri gesorgt und eine Sperrung des Flughafen Paphos wurde durch Drohnen verursacht – bereits ausgestiegen und wurde von der Ukrainerin Anna Muzychuk kurzfristig als Teilnehmerin ersetzt. Die ersten Partien sind zeitgleich ebenfalls am Sonntag vorgesehen.
Divya Deshmukh (IND) – Anna Muzychuk (UKR)
Vaishali (IND) – Bibisara Assaubaeva (KAZ)
Alexandra Goryachkina (RUS) – Kateryna Lagno (RUS)
Zhu Jiner (CHN) – Tan Zhongyi (CHN)
Die Favoritinnen sind sicherlich die zwei Chinesinnen Zhu Jiner und Tan Zhongyi, die das letzte Kandidatenturnier dominierte, aber an ihrer Landsfrau im Titelkampf scheiterte. Im Feld der Frauen sind noch zwei starke Russinnen und zwei Inderinnen dabei. Es geht im Kandidatenturnier auch um die Vorherrschaft der Chinesinnen im Weltschach. Zwar hatten die Inderinnen bei der letzten Schacholympiade in Budapest 2024 gewonnen, aber China war nur mit einem B-Team angetreten.
Der Zeitplan folgt dem gleichen Schema wie im letzten Kandidatenturnier in Toronto 2024. Nach vier Runden folgt der erste Ruhetag. Dann wissen wir vermutlich mehr über die Chancen der Teilnehmer. Statistische Auswertungen ergaben, dass spätere Sieger immer in einer der ersten zwei Partien voll punkteten. Auch waren Sieger bereits zur Halbzeit zumindest gemeinsam vorne.
Koneru Humpy verzichtet auf die Teilnahme am Turnier der Kandidatinnen, das in sechs Tagen im Luxusressort St. Georges auf Zypern starten soll. Die Regularien sehen vor, dass die nächste noch nicht qualifizierte Spielerin aus der Frauen-Serie nachrückt. Das ist die Ukrainerin Anna Muzychuk. Das gab die FIDE am Sonntagabend bekannt.
Die Inderin Humpy Koneru hatte in einem Interview mit Susan Ninan von der Hindustan Times bereits angekündigt, dass für sie die Sicherheit auf Zypern nicht gewährleistet scheint. Sie kündigte ihren Rückzug auf X, vormals Twitter, an und kurz darauf folgte eine erklärende Nachricht des Weltschachbundes FIDE. Als Reaktion auf Humpy Konerus Bedenken hatte der deutsche Unternehmer und Schach-Mäzen Wadim Rosenstein per X-Tweet angeboten die Organisation und Kosten der Kandidatenturniere in Deutschland zu übernehmen. Das Angebot kam entweder zu spät (19. März 2026) oder wurde gar nicht erwogen.
After deep reflection, I have taken the difficult decision to withdraw from the FIDE Women’s Candidates Tournament.
No event, no matter how important, can come before personal safety and well-being. Despite the assurances provided, I do not feel fully secure under the current…
I am closely following the current situation in Cyprus and understand that it is becoming increasingly critical.
With @humpy_koneru Humpy Koneru reportedly considering participation in the Candidates Tournament, it becomes even more important to ensure that… pic.twitter.com/uuSVXFoIkv
Die Regularien sehen als erste Nachrückerin die Ukrainerin Anna Muzychuk vor, die schon in Toronto 2024 dabei war. Anna Muzychuk war bereits Blitz- und Schnellschach-Weltmeisterin und gehört seit etwa einem Jahrzehnt zu den aussichtsreichsten Anwärterinnen auf den Weltmeistertitel der Frauen. Am nächsten dran am klassischen Titel war Anna im Jahr 2017 als sie im Finale gegen die Chinesin Tan Zhongyi, die auch auf Zypern dabei ist, unterlag.
Auch interessant ist, dass die Paarungen wie vorgesehen bestehen bleiben, denn eigentlich müssen föderationsgleiche Spielerinnen und Spieler in der ersten Runde gegeneinander antreten. Statt gegen Humpy Koneru spielt Divya Deshmukh in der ersten Runde jetzt mit Weiß gegen Anna Muzychuk. In der zweiten Runde spielen dann die zwei verbliebenen Inderinnen gegeneinander und Anna Muzychuk muss gegen Tan Zhongyi ran.
Bei den Frauen ist die Nachrücker-Regelung einfach organisiert. In der offenen Klasse sind die Regeln in der Tat komplexer angelegt und die FIDE hat insofern Glück, dass bislang kein männlicher Spieler ausgestiegen ist. In Zukunft dürfte der Weltschachbund an dieser Stelle eine bessere Regulierung für kurzfristigen Ersatz anstreben. Ein Fall eines Nachrückens betraf das Kandidatenturnier 2024 in Toronto als Magnus Carlsen als Gewinner des World-Cup 2023 und nicht überraschend frühzeitig absagte. Der Azeri Nijat Abasov hatte ausreichend Zeit zur Vorbereitung.
Who qualifies if each player withdraws (open section):
– Fabi: Arjun (2nd in Circuit 2024) – Sindarov/Wei Yi/Esipenko: Yakkuboev (4th World Cup) – Giri/Bluebaum: Firouzja (3rd G. Swiss) – Pragg: Abdusattorov (2nd in Circuit 2025) – Hikaru: Could be Arjun (3rd in ranking among…
Wer bei welchem Aussteiger nachrückt hängt von dem ursprünglichen Qualifikationspfad des Ausscheidenden ab. Vier Spieler könnten theoretisch kurzfristig angefragt werden. Sollte beispielsweise Hikaru Nakamura aussteigen, dann rückt der Usbeke Nodirbek Abdusattorov nach, der das Jahr mit zwei Siegen in Wijk aan Zee und Prag gestartet ist (eine Korrektur erfolgte durch den Autor des X-Tweets selbst). Die Spekulationen waren zuletzt in den sozialen Medien durch einen Tweet von Nakamura angeheizt worden bei dem sich der US-Amerikaner über einen Stromausfall auf Zypern geäußert hat. Stromausfälle hängen auf Zypern allerdings nicht mit der aktuellen Risiko-Situation zusammen, sondern kommen Berichten zufolge auf der Insel immer mal wieder vor. Man sollte zudem erwarten, dass in einem Luxusresort ein Generator vorhanden ist, um kurzfristige Stromschwankungen auszugleichen. Bei einem Stromausfall könnte am ehesten die Übertragung in die Schachwelt leiden.
Tatsächlich befinden sich bereits erste Spieler und Spielerinnen auf Zypern und beziehen ab dem 26. März ihre Hotelzimmer im Luxusresort. Weitere Spielerinnen oder Spieler hatten sich bisher zumindest öffentlich nicht für eine Verlegung ausgesprochen und jetzt ist es für eine Verlegung bei Einhalten des Zeitplans zu spät.
Ende März 2026 soll das Kandidatenturnier bei Paphos auf Zypern starten. Veranstaltungsort ist das Luxusressort Cap St. Georges fast an der westlichen Spitze der Insel. In der Nacht vom ersten auf den zweiten März gab es einen Angriff auf einen britischen Luftwaffenstützpunkt im Süden der Insel. Eine Spielerin hat öffentlich ihre Besorgnis ausgesprochen und könnte nicht teilnehmen. Was nun?
Von Thorsten Cmiel
Beginnen wir mit den Fakten: Der erste Anschlag auf Zypern erfolgte mit einer „Kamikaze-Drohne“ vom iranischen Typ Shahed, die einen Hangar auf dem Flugfeld des Luftwaffenstützpunktes RAF Akrotiri beschädigte. Der Stützpunkt ist britisches Hoheitsgebiet und damit Territorium der NATO. Entsprechend haben Großbritannien und Frankreich reagiert und Kriegsschiffe in die Region verlegt. Dieser Drohnen-Waffentyp ist bekannt aus dem Krieg von Russland mit der Ukraine – da der Iran seine Drohnen ins befreundete Russland verkauft. An den folgenden Tagen wurden weitere Drohnen von verschiedenen Verteidigungssystemen abgewehrt, heißt es recht unbestimmt. Die eingeschlagene Drohne wurde vermutlich von der pro-iranischen Terrororganisation Hezbollah vom Libanon aus gestartet. Hintergrund ist der Krieg im Iran, der sich zurzeit seit etwas mehr als zwei Wochen vor allem Luftangriffen aus den Vereinigten Staaten und Israel ausgesetzt sieht. Die Hezbollah selbst ist zudem inzwischen in Kampfhandlungen mit der israelischen Luftwaffe verwickelt. Auch der zivile Flughafen Paphos wurde kurzzeitig geräumt, als ein verdächtiges Objekt auf dem Radar erschien, so heißt es Meldungen zufolge.
Zwischen dem Flugplatz der britischen Luftwaffe (roter Pfeil) und dem Spielort St. Georges (grüner Pfeil) ist die Entfernung mit dem Auto laut Google Maps (Karte) etwa 80 Kilometer. Luftlinie ist es etwas weniger.
Der Iran selbst hat in ersten Reaktionen Militärbasen der US-Amerikaner in umliegenden Staaten attackiert. Für die Spielerinnen und Spieler des Kandidatenturniers relevant dürfte sein: Die Reisen nach Zypern aus Asien führen meist über die Flugdrehkreuze Doha oder Dubai und beide Flughäfen könnten Ziele für Anschläge sein. Eine Anreise über Europa oder Istanbul scheint daher sicherer zu sein. Eine gewisse Verunsicherung unter den Spielern ist also nachvollziehbar.
Die Fragen wurden lauter und Emil Sutovsky, CEO des Weltschachbundes FIDE, gab Sagar Shah ein Interview zur Lage aus Sicht der organisierenden Föderation.
Eine kurze Zusammenfassung: Die Vorbereitungen für das Kandidatenturnier auf Zypern laufen wie geplant und der Starttermin am 28. März bleibt bestehen. Die FIDE beobachtet die Entwicklungen in der Region genau und steht in Verbindung mit den zuständigen Behörden. Zypern sei nicht direkt in den Konflikt verwickelt und Sutovsky sieht keinen Grund für eine Verschiebung oder Verlegung. Das derzeit größte Problem betrifft die Fluglogistik für einige Spielerinnen und Spieler, die über Drehkreuze im Nahen Osten reisen; hier wird Abhilfe durch alternative europäische Routen und die Übernahme der Kosten für die Spieler geschaffen. Die Anfragen der Spieler betrafen laut Sutovsky größtenteils allgemeine Bedenken und Reisefragen; die Kommunikation sei transparent, und es gäbe keine ungelösten kritischen Probleme. Lehren aus vergangenen Veranstaltungen, insbesondere Anpassungen während der COVID-Zeit, bilden die Grundlage. Ansonsten machte Emil Sutovsky Werbung für das Event.
Einen Tag später wurde ein Interview der indischen Spitzenspielerin Koneru Humpy mit Susan Nihan in der Hindustan Times öffentlich. Die Überschrift sagt schon einiges aus: Humpy Koneru sieht ihre Befürchtungen offenbar nicht ausreichend reflektiert und erwägt einen Ausstieg aus dem Turnier wegen Sicherheitsbedenken. Zum Interview. Humpy wörtlich: „Das ergibt einfach keinen Sinn. Es ist derzeit gefährlich, in die Nähe von Westasien zu reisen, wo doch so große Spannungen und Unsicherheit herrschen. Der Krieg hat vor etwa zwei Wochen begonnen, er dauert immer noch an, und das Turnier steht in weniger als zwei Wochen bevor. Ich glaube nicht, dass sich irgendeine offizielle Stelle derzeit trauen würde, eine Veranstaltung in dieser Region auszurichten.“
Diese Kritik sitzt. Inzwischen haben vor allem indische Medien das Thema aufgegriffen. Ex-Weltmeister und FIDE-Vize Viswanathan Anand meldete ich via Firstpost. Anand, der selbst als gelegentlicher Kommentator vor Ort sein soll, argumentiert ähnlich wie Sutovsky zuvor. „Die FIDE versucht zunächst, einen guten, hochwertigen Austragungsort zu finden, und ich glaube, das ist uns gelungen. Zypern wird ein sehr guter Austragungsort sein, und ich denke, die Bedingungen werden fantastisch sein; wir versuchen, die Spieler auf dem Laufenden zu halten.“
Auch dieser Kommentar dürfte die indische Spielerin kaum beruhigt haben und zum Umdenken bewegt haben. Humpy Koneru hat eine Flugverbindung via Frankfurt und will beobachten wie sich die Situation entwickelt. Immerhin hat der Weltschachbund Erfahrungen bereits mehrfach mit unsicheren Situationen gesammelt. Beim Kandidatenturnier in Toronto 2024 gab es Widerstände der Kanadier beim Erteilen der Visa der indischen, russischen und chinesischen Spielerinnen und Spieler. Wenige Wochen vor Veranstaltungsbeginn gab es einen ausweichplan für die Veranstaltung. Letztlich gelang es den Kanadiern mit persönlichem Einsatz und Kontakten zu Abgeordneten dann das Problem aus der Welt zu schaffen. Der Rest ist Schachgeschichte. Der 17-jährige Inder Gukesh gewann in der offenen Klasse und die Chinesin Tan Zhongyi bei den Frauen. Beim Kandidatenturnier in Yekaterinenburg 2020 gab es im Vorfeld Bedenken wegen der heraufziehenden Covid-Pandemie. Ein Spieler wollte nicht mitspielen und stieg aus. Die FIDE setzte dem aserbaidschanischen Großmeister Teimur Radjabov ein Datum bis zu dem er sich entscheiden musste teilzunehmen. Der entschied sich sich gegen die Teilnahme und wurde von einem französischen Schachgroßmeister ersetzt. Nach sieben Runden wiederum wurde das Kandidatenturnier unterbrochen und ein Jahr später fortgesetzt. Nepomniachtchi gewann vor dem Franzosen und trat gegen Magnus Carlsen später in 2021 zum Titelkampf an.
Man kann beide Positionen verstehen. Spielerinnen und Spieler wollen möglichst keine Störung im Vorfeld erleben und Krieg in relativer Nähe ist für sensible Spielerinnen und Spieler ein erheblicher Störfaktor. Auf der anderen Seite sind die Vorbereitungen inklusive Logistik bereits angelaufen und ein Wechsel in einen anderen Spielort ist so kurzfristig nur schwer vorstellbar. Für das Turnier selbst stellt eine neue Spielerin im Feld für alle anderen Spielerinnen eine zusätzliche Herausforderung dar. Das beschrieb einmal Ian Nepomniachtchi, der zur Halbzeit mit dem Franzosen Maxime Vachier-Lagrave (MVL) vorne lag und sich im nachhinein nicht sicher war, ob irgendwer den Franzosen noch gestoppt hätte, falls das Turnier nicht für ein Jahr unterbrochen worden wäre. Neben den Teams deren finanziellen Aufwendungen von der FIDE gedeckt werden, sind auch andere Gruppen wie Fotografen und Journalisten betroffen, die teilweise auf eigene Kosten anreisen. Eine Änderung des Veranstaltungsortes oder des Zeitplans hätte auch für diesen Gruppen finanzielle Konsequenzen oder zumindest Herausforderung bei Umbuchungen zur Folge, zumindest solange keine offiziellen Reisewarnungen beispielsweise geplante Flüge und Hotels stornierbar machen. Es spricht derzeit also wenig für eine Verlegung.
Damit ist ein Ausstieg von Koneru Humpy wahrscheinlich, aber nicht sicher. Bis wann sich die Inderin für eine Teilnahme entscheiden muss ist hingegen unbekannt und die aktuelle Situation ist insofern nicht vergleichbar. Neue Drohnenangriff auf Zypern könnten die Einschätzung der Sicherheitslage verändern. Es ist daher wahrscheinlich, dass eine Ersatzspielerin anreisen könnte, um einzuspringen. Tatsächlich gibt es in den Regularien eine festgelegte Reihenfolge: Die Ukrainerin Anna Muzychuk ist nach Artikel 2.2 der Turnierregeln als bestplatzierte nicht qualifizierte Spielerin in der Frauen-Turnier-Serie als Nachrückerin vorgesehen – es folgen zwei Chinesinnen. Das ist eine vernünftige Regelung, denn würde man wie 2024 in der offenen Klasse verfahren müssen, als Nijat Abasov als Vierter im World-Cup den Sieger Magnus Carlsen ersetzte, dann müsste es ohne zeitlichen Vorlauf diesmal mehrere Spielerinnen in Warteposition geben. Vierte im Frauen-World-Cup wurde die Chinesin Lei Tingjie, die erst dritte Nachrückerin in der Frauen-Serie ist.
Allgemeiner Hinweis: Dieser Blog erscheint in deutscher Sprache. Wer eine automatische Rückübersetzung nutzt wird möglicherweise bei Zitaten in englischer Sprache ein leicht veränderte Übersetzung finden. Wer sicher sein will sollte in der angegebenen Originalquelle nachlesen.
Aus Lasker-Aufgaben wurden in diesem Blog Capablanca-Aufgaben und wir setzen die Serie in den nächsten Monaten mit Euwe-Aufgaben fort.
Der Niederländer Max Euwe (1901-1981) war von 1935 bis 1937 als Amateur ein eher überraschender fünfter Schach-Weltmeister. Sein Einfluss auf das Schach geht aber deutlich über seinen großartigen Erfolg in den Niederlanden hinaus. Er war publizistisch mit einer ganzen Reihe an Eröffnungsbüchern aktiv. Von 1970 bis 1978 war er fünfter FIDE-Präsident. Seine akademische Ausbildung war die eines Mathematikers und später wurde er Professor für Kybernetik. Die kurze Biographie von Max Euwe kann bei Wikipedia angesehen werden. Besonders empfehle ich den Beitrag von Johannes Fischer für Chessbase zum 90-jährigen Jubiläum der „Perle von Zandvoort“. Diese Partie betrachten wir in dieser Aufgabenserie etwas genauer.
Wie sollte Max Euwe hier mit Weiß gegen Alexander Aljechin fortsetzen? Die Partie hat übrigens eine schachhistorische Bedeutung und sogar einen eigenen Namen.
Lösung (Hier Klicken)
Die stärkste Fortsetzung besteht darin, auf e4 zu schlagen, den eigenen Springer nach e5 zu ziehen und dann schnell die Stellung mit f2-f3 zu öffnen.
Hier ist erneut Weiß am Zuge. Sollte Max Euwe hier auf f5 schlagen? Berechnen sie die Folgen des Schlagens auf c3.
Lösung (Hier Klicken)
Max Euwe nahm auf f5 und es war die beste Fortsetzung.
Wie sollte Max Euwe hier am besten fortsetzen?
Lösung (Hier Klicken)
Der einzige Makel in dieser Partie. Das Bauernduo d5-e5 ist beeindruckend und Weiß sollte dieses auf keinen Fall zu früh aufgeben. Der logische Zug besteht den a-Turm nach e1 zu ziehen.
Der vierte Euwe-Zug in dieser Aufgabenfolge.
Lösung (Hier Klicken)
In praktischen Partien begegnen den Spielern in jeder Turnierpartie unterschiedliche Aufgaben und nicht immer sind es einfache Taktiken. Insofern finde ich neben thematischen Aufgabenzusammenstellungen einen Mix aus unterschiedlichen Aufgabentypen hilfreich.
Hinweis
Die Partien können heruntergeladen werden, indem man auf den Downloadbutton unter Diagrammen klickt.
Ein Gespräch über den Einfluss der Computer und Freestyle-Schach mit Peter Heine Nielsen.
Von Thorsten Cmiel
Mein Gesprächspartner ist der dänische Schachgroßmeister Peter Heine Nielsen. Mit neun gewonnenen WM-Titelkämpfen ist der 52-Jährige der bisher erfolgreichste Sekundant der Schachgeschichte. Nachdem er zunächst für Viswanathan Anand aktiv war, ist er seit dem Weltmeisterschaftskampf 2013 für Magnus Carlsen im Einsatz. Peter vertritt sehr pointiert die These, dass der beste Schachspieler der Welt durch Freestyle-Schach (andere nennen das Chess960 oder Fischer-Schach) ermittelt werden sollte. Einige kontroverse Ansichten über das klassische Schach, die ich für überzogen, aber gleichzeitig spannend hielt, reizten mich, ihn um ein Interview zu bitten, das wir via Video-Konferenz Mitte September 2025 zeitgleich mit der letzten Runde des Grand-Swiss-Turniers in englischer Sprache führten.
Wie existentiell ist die Krise im klassischen Schach?
Als ich ihn frage, ob das klassische Schach sich in einer existentiellen Krise befinde, überrascht mich Peter mit der Einschätzung, Schach sei auf höchster Ebene weitgehend gelöst. Peter ist nicht sicher, ob klassisches Schach noch vielleicht 15 Jahre dazu dient, den Weltmeister zu bestimmen, er sieht aber in der Zukunft Probleme. Er formuliert das so: „Ich mag den allgemeinen Trend nicht, und ich versuche, ihn zu beschreiben und die Probleme zu diskutieren.“ Da Peter auf X (vormals Twitter) sehr aktiv ist, sieht er dort gelegentlich falsche Zuspitzungen seiner Position. Während des Grand-Swiss-Turniers reklamierten viele das Geschehen dort als ein gutes Beispiel dafür zu sehen, dass das klassische Schach nicht in einer Krise stecke. Das sei eine Art typischer Rhetorik auf beiden Seiten. Klassisches Schach sei natürlich weiter gut spielbar. Das beruhigt mich, aber im Nachhinein frage ich mich, was Peter Heine genau meint.
Erzwungene Unentschieden und kurze Bauernzüge
Wir kommen recht schnell auf eine konkrete Partie zu sprechen, die Peter als Beispiel dient, das Problem aus seiner Sicht zu veranschaulichen. Nikita Vitiugov hatte in der sechsten Runde in Samarkand gegen Aronian in einer der schärfsten Varianten der französischen Verteidigung einen Weg gewählt, der es seinem Gegner unmöglich machte, dem Remis auszuweichen. Peter dazu: „Das erscheint mir ein Mangel des Spiels in technischer Hinsicht zu sein. Es ist schade, dass ein Spieler dem anderen ein Remis aufzwingen kann. Wer hat ein Interesse daran, dass das Spiel einfach so endet? Ich meine, niemand, außer vielleicht der weiße Spieler, der glücklich darüber ist, dass er gegen einen etwas stärkeren Spieler unentschieden gespielt hat.“
Ein anderes Beispiel sei das typische Remis in der Berliner Verteidigung. Peter glaubt, dass Aronian Französisch nicht spielte, um Remis zu machen, sondern weil er kämpferisch eingestellt war. Wir kommen schnell zum Kern seiner Argumentation: „Ich möchte nicht, dass ein Spieler schlechte Züge und Eröffnungen spielen muss, um ein erzwungenes Remis zu vermeiden. Und im Allgemeinen gilt das auch für Weiß.“ Zu dem Thema schrieb Peter einige Tweets, die online kontrovers diskutiert wurden. Er sieht eine Entwicklung, bei der selbst Spitzenspieler Züge spielen, die gegen klassische Prinzipien verstoßen. Das könne man natürlich auch fälschlicherweise als Evolution bezeichnen. In der ersten Runde im Sinquefield Cup hatte Fabiano Caruana gegen Jan Krzysztof Duda im dritten Zug seinen Bauern nicht nach c4 (Damengambit), sondern nach c3 gezogen. Peter: „Ich glaube nicht, dass das auf eine Evolution zurückzuführen ist. Es geht in erster Linie darum, die Vorbereitung durch den Computer zu vermeiden.“ Genau so habe Daniil Dubov in einem Interview mit New in Chess argumentiert. Beim Schach habe man einen Punkt erreicht, an dem Weiß im Allgemeinen seinen Anzugsvorteil nicht mit guten Eröffnungen in einen Vorteil umsetzen kann, sondern in der Praxis geschickter nutzt, um den Gegner auf für diesen weniger bekanntes Terrain zu locken.
Was ist ein guter Zug im Spitzenschach?
Hier kommen wir zu seinen Erfahrungen als Coach in WM-Kämpfen. Manchmal müsse man aus der Notwendigkeit heraus Züge wie h3 oder h6 spielen, um zu überraschen, meint Peter. Das sei zwar irgendwie cool, aber es seien keine großartigen Züge. Ich weise als Gegenbeispiel auf den Schwarzsieg von Gukesh beim Kandidatenturnier gegen die klassische Nimzoindisch-Variante von Nijat Abasov hin. Ein anderes Beispiel, das allerdings gescheitert ist, war Ding Lirens erste Weißpartie im WM-Kampf 2023 gegen Ian Nepomniachtchi.
Anish Giri kommentierte für Chessbase den 4. Zug von Ding Liren aus der ersten Partie des WM-Kampfes gegen Ian Nepomniachtchi so: „Rapport-Einfluss! Ding wartet mit einer frühen Überraschung auf, die mehr im Stil von Richard Rapport als von ihm selbst ist. Der wichtigste und möglicherweise einzige Punkt des Zuges ist es, den Gegner aus dem Buch zu bringen.“
Außerdem wende ich allgemeiner ein, dass Peter wohl auf der Grundlage klassischen Schachwissens argumentiere, ob ein Zug ein guter oder kein guter Schachzug ist. Peter Heine Nielsen dazu: „Ich habe keine Zweifel daran, dass 1.e4 a6 bei optimalem Spiel ein Remis ist, aber wir sagen trotzdem, dass a6 ein schlechter Zug und e5 ein guter Zug ist.“ Das würde nicht über Sieg oder Niederlage entscheiden so Nielsen. Er habe kürzlich an einem Fernschach-Turnier teilgenommen. Dort habe man den Computer als Hilfe. Man versteht dann, dass alles ein Remis ist. Der einzige Spaß bestehe also vielleicht darin, den dümmsten Zug zu spielen, der am Ende zu einem Remis reicht. Wenn man anfange, völlig absurde Züge zu spielen, nur um Spaß zu haben, dann sind natürlich b3 und c4 beide gleichwertig. (Hier bezieht sich Peter Heine auf Magnus Carlsens 6. WM-Partie gegen Ian Nepomniachtchi mit 6.b3 statt dem katalanischen Zug 6.c4).
Nach klassischen Prinzipien sei c4 ein besserer Zug als b3. Das heißt, man greife das Zentrum an und versuche, keine Zeit zu verlieren. Das sei sehr logisch: „Wenn wir Freestyle spielen, versuchen wir nach Prinzipien und logischem Denken zu spielen.“ Immerhin Peter Heine fühlt sich herausgefordert von meinem Argument und legt nochmals nach: Er könne garantieren, dass Magnus den Zug 6.b3 nicht gespielt habe, weil er diesen für einen guten Zug halte, sondern weil er seinen Gegner aus dem Buch herausdrängen wollte. „Nicht, dass wir damit vollständig erfolgreich waren oder dass Magnus das in dieser Phase wollte, aber der Hauptgrund war, dass er [Nepo] offensichtlich alle Probleme von Schwarz in dieser Eröffnung mehr oder weniger gelöst hat und wir keine Ahnung hatten, wie wir weiterkommen sollten. Den b-Bauern zu ziehen diente dazu, um mit dem Schachspielen anzufangen.“
Dass Spieler wie Caruana oder Gukesh beide früh Züge wie c2-c3 spielen, sei noch ein stärkeres Zeichen, weil es sich um sehr passive Züge handelt. Es seien Züge, die vor 150 Jahren gespielt wurden, weil man die Dynamik nicht verstanden habe. Jetzt seien wir an einem Punkt angelangt, an dem sämtliche dynamischen Positionen gelöst seien und Topspieler etwas Langweiliges spielen müssen, nur um das Spiel in Gang zu bringen. Königsindisch sieht er auf höchstem Niveau dagegen fast gar nicht mehr.
„Mein Argument ist, dass wenn wir Freestyle-Schach spielen, sich niemand an Lösungen für 900 Positionen erinnern kann, was bedeutet, dass wir anfangen können, auf der Grundlage allgemeiner Prinzipien Schach zu spielen, Mensch gegen Mensch. Mein allgemeiner Punkt ist, dass man beim Freestyle-Schach sieht, wie Spieler denken, während man beim klassischen Schach in hohem Maße sieht, wie Leute versuchen, sich zu erinnern.“ Auch hier gebe ich Peter Heine unwillkürlich Recht.
Die Stärke der Engines
Es sei wichtig zu verstehen, dass es in seiner Karriere einen großen Unterschied in der Computertechnologie gab. Früher habe man teilweise Züge vorbereitet, die nach modernen Maßstäben zum Verlust führen. Gleichzeitig habe man Dinge entdeckt, die sich über die Zeit bewährt haben. Die Arbeit als Sekundant war also viel abwechslungsreicher. Heutzutage habe er den Eindruck, dass Computer so stark seien, dass die Hardware kaum noch eine Rolle spiele. Das war früher anders: In Bonn war das Team Anand noch sehr stolz darauf, eine Art Remote-Engine einzusetzen. 2010 war klar, dass Topalov einen stärkeren Computer hatte, und das machte dem Team im Grunde genommen große Angst. „Wir versuchten, Anti-Computer-Schach zu spielen, was glücklicherweise gut zu Vishys Stil gegen Topalov passte. Aber heute sind die Engines meiner Meinung nach so stark, dass es keine Rolle mehr spielt.“ Das sehe ich genauso und frage mich, warum Spieler, die sich nicht für Weltmeisterschaftskämpfe vorbereiten, überhaupt Cloud-Engines nutzen.
Quelle: Chessbase
„Heutzutage liefert die Engine meist die Lösung mehr oder weniger sofort. Die Dinge haben sich also dramatisch verändert. Meine gesamte Karriere als Sekundant in einem Atemzug zu betrachten, funktioniert also nicht. Aber natürlich versuchten wir sowohl mit Vishy als auch mit Magnus bis zu einem gewissen Grad, die Dinge mit mathematischer Präzision zu planen.“ Praktische Überlegungen spielten eine große Rolle. Manchmal wurde etwas probiert, was man früher als „freien Zug” bezeichnete. Man versucht dabei ein forciertes Abspiel zu spielen, bei dem der Gegner, wenn er sich nicht gut erinnert oder das Problem nicht lösen kann, verliere oder es zu einem Unentschieden komme. In anderen Fällen versuche man, einige praktische Ansätze zu verfolgen, die weniger scharf sind.
Wer trifft die Entscheidungen in der Eröffnung, was unterschied Carlsen und Anand?
„Bis zu einem gewissen Grad kann man argumentieren, dass das ein Geheimnis ist, aber ich denke Magnus spielt keine Matches mehr. Wir schicken Magnus etwas, und er sieht es sich an. Bei Vishy wäre es ein gemeinsamer Prozess, bei dem wir darüber sprechen und diskutieren. Aber bei Magnus war es eher eine einseitige Kommunikation. Wie trifft er also seine endgültigen Entscheidungen? Die ehrliche Antwort lautet: Ich weiß es nicht.“
Foto: Lennart Ootes (Norway Chess)Foto: Michal Walusza (Norway Chess)
Hängepartien
Zwischendurch will ich wissen, ob Peter schon einmal Hängepartien gespielt hat, denn deren Abschaffung war eine der größten Veränderungen, die der Einsatz von Computern und inzwischen Engines für das Wettkampfschach gebracht hat. Peter sagt, er seit alt genug, um schon einmal Hängepartien gespielt zu haben, allerdings nur sehr wenige bei dänischen Meisterschaften, und es sei nichts Besonderes dabei gewesen. Nach etwas Nachdenken erinnert er sich an Hängepartien in Budapest und in Belarus, die er falsch eingeschätzt hatte und nicht gewinnen konnte. „Ich stimme zu, es war eine interessante Sache, und es gibt großartige Momente von vertagten Partien in der Schachgeschichte. Aber ich denke, wir alle verstehen jetzt, dass es keinen Sinn mehr macht.“
Experimente
„Wir haben ein wenig mit Hassabis [gemeint ist Demis Hassabis, dessen Team Alpha Zero und Alpha Go entwickelt hat] geplaudert, bevor er Experimente durchführte, bei denen eine Regel des Schachspiels geändert wurde, um zu sehen, ob es das Spiel verbessert. Ich war ein großer Fan dieses Experiments. Ich hoffte, dass sagen wir mal, die Patt-Regel abgeschafft wird und Schach dadurch besser wird. Aber das ist nicht der Fall. Als die neuronalen Netze aufkamen, war es für mich eine erstaunliche Erfahrung, mir für alle möglichen Schacheröffnungen, mit denen ich mich mein Leben lang beschäftigt habe, zu verstehen, was die neueste KI darüber denkt.“
Warum Freestyle?
„Freestyle war ein langjähriger Traum von Magnus. Wir dachten zunächst, dass man klassisches Schach mit langer Zeitkontrolle und Freestyle-Schach mit kurzer Bedenkzeit spielen sollte. Magnus dachte, dass es genau umgekehrt sein sollte. Die Freestyle-Serie war eine Gelegenheit, es auszuprobieren. Ich glaube nicht, dass Magnus klassisches Schach abschaffen will, aber dass es seine am wenigsten bevorzugte Form des Schachspiels ist.“
Erklärbarkeit
Ich konfrontiere Peter Heine Nielsen mit dem Problem, dass selbst starke Großmeister die Züge beim Freestyle ohne Rechnerhilfe nicht erklären können. Ich bin zunächst überrascht über seine Antwort: „Ich stimme dieser Sichtweise im Prinzip zu. Das ist natürlich ein Nachteil. Sie sagen, dass es für Großmeister schwierig ist, dem zu folgen, aber ich meine, wie viele können die laufende Finalrunde im Grand Swiss verstehen, in der um zwei Kandidatenplätze gekämpft wird, und ich meine: wirklich verstehen. Das erfordert ein sehr gutes Verständnis. Ich meine, man muss die Partien verstehen, das Tiebreak-System verstehen und so weiter.“ In dem Punkt bin ich nicht bei ihm, denn ich glaube, klassisches Schach ist für Interessierte durchaus erklärbar und zwar für Zuschauer ganz unterschiedlicher Spielstärken.
Peter gibt zu, dass er gegenüber Freestyle-Schach zunächst ebenfalls äußerst skeptisch war, und er hat eine bemerkenswerte Begründung parat: „Die Leute behandeln mich inzwischen wie jemanden, der Schach-Eröffnungen nicht mag, aber ich bin ein führender Experte. [Er bezieht sich hier offensichtlich auf Diskussionen in Sozialen Medien.] Zumindest denke ich das seit vielen Jahren. Zuerst als Spieler war ich immer viel besser in Eröffnungen, und ich habe es zu meinem Lebensunterhalt für zwei ziemlich starke Spieler gemacht. Ich liebe es, über Schacheröffnungen nachzudenken. Und das ist immer noch das, was ich täglich mache. Ich verbringe täglich Stunden damit, Schachöffnungen zu analysieren und neue Ideen für Magnus zu entwickeln.“
Die akademische Sicht
Schach werde durch den Einfluss von Computern und die Tatsache, dass man immer die gleiche Ausgangsposition habe, ziemlich künstlich. „Deshalb bin ich im Laufe der Zeit dazu gekommen, es aus akademischer Sicht zu betrachten: Was ist das beste Spiel? Ich denke, Freestyle-Schach ist ein besseres Spiel als normales Schach.“
Ich bringe den Einwand von Danny Rensch, dass die Fans ihre Eröffnungen wiedererkennen wollen. Das könnte durchaus sein, meint Peter dazu. Schach sei in seinem Sinne verstanden eine Elitesportart. In keinem Sport gibt es so viele Unentschieden wie im Schach. In keinem anderen Sport gibt es Sportler, die sich derart lange Computer- und computerbasierte Vorbereitungen zu merken versuchen. Es gäbe viele Sportarten, die sich mit Einsatz moderner Datenanalysen stark verändert haben. Er nennt Baseball und Basketball, aber es seien immer noch Menschen, die rausgehen und versuchen die neuen Erkenntnisse umzusetzen: “Nur weil ein Dreipunktewurf etwas effizienter ist als ein Zweipunktewurf, heißt das nicht, dass man ihn einfach so ausführen kann. Schach ist ein nicht-physischer Sport. Und natürlich sind wir viel stärker von Computern beeinflusst. Das ist auch der Grund, warum wir das Problem des Betrugs haben.“
Foto: André Schulz (Quelle)
Kommerzielle Erwägungen, neue Formate, Bedenkzeiten
Bei der Frage, ob ein Spiel dessen Geschehen kaum jemand versteht, kommerziell erfolgreich sein kann, liegen wir tatsächlich auseinander. Peter argumentiert mit einigen jüngeren Erfahrungen für seine Position. „Magnus hielt das E-Sport-Turnier für einen wichtigen Schritt in der Vermarktung, und es handelte sich um ein echtes Zuschauererlebnis. Es gibt Leute, die das verfolgen und die jubeln. Gespielt wird in einer Art Stadion, und man beschränkt sich auf eineinhalb bis zwei Stunden Zeit. Das fühlt sich wie ein ziemlich intensives Event an. Für mich war das ein spannendes Erlebnis, Magnus gegen Nakamura zuzusehen. Gespielt wurde auf sehr hohem Niveau. Nun, natürlich sind die Geschmäcker verschieden, aber für mich war es interessanter als zum Beispiel eine klassische Partie zu sehen. Einige würden sagen, dass das Grand-Swiss-Turnier sehr spannend war. Ich weiß nicht, ob ich dem zustimme. Wie viele schauen sich solch eine Partie sieben Stunden lang live an? Ich würde nicht denken, dass es so viele sind. Und das ist mein Punkt: Wir schauen Schach, das im Fernsehen lange Zeit übertragen wird. Zwischendurch schreiben wir E-Mails, schauen eine Fernsehserie, holen die Kinder von der Schule ab und so weiter. Ist das wirklich die Art und Weise, wie man Sport schaut?“
Zuschauerfreundlichkeit
„Mein Argument ist, dass ich Schach in dieser Hinsicht für schwierig halte. Nicht nur Freestyle-Schach. Ich meine, es ist ein Wunder, dass man eine Million Norweger dazu bringen kann, Schach zu schauen. Aber in Wirklichkeit schalten sie wegen Magnus Carlsen ein.“
Man könne argumentieren, er versuche die klassische Zeitkontrolle zu retten. Das sei eine gute Kombination mit Freestyle. Ob Freestyle-Schach in dieser Hinsicht ein kommerzieller Blockbuster sein kann, weiß Peter nicht. Schach werde es vermutlich nie wirklich sein. Fußball wird wahrscheinlich immer weitaus mehr Zuschauer haben als Schach. Und so sei es nun einmal.
Was für Freestyle mit langer Bedenkzeit spricht
Ist es nicht ein Widerspruch, dass Magnus sich für eine kürzere Bedenkzeit im klassischen Schach ausspricht, aber bei Freestyle für längere Bedenkzeiten ist?
„Ich weiß nicht, ob ich mir selbst widerspreche. Ich denke, dass Freestyle-Schach für die besten Spieler der Welt so schwierig ist, dass sie eigentlich eine klassische Zeitkontrolle bekommen sollten, um gutes Schach spielen zu können. Wenn man sich zum Beispiel die Partien von Magnus und Nakamura ansieht, spielen sie großartiges Schach, obwohl sie jeweils nur zehn Minuten Zeit haben. Natürlich machen sie Fehler. Aber um ehrlich zu sein, dieses Turnier, das gerade zu Ende gegangen ist – übrigens herzlichen Glückwunsch an Matthias Blübaum. Es wurde auch durch Vincent Keymer entschieden, der gegen ihn einen großen Fehler gemacht hat. Keymer tut mir wirklich leid. Er hat fantastisch gespielt, ist großes Risiko eingegangen und hat wirklich sein Bestes gegeben. Und dann kommt er so zu kurz vor dem Ende ins Straucheln.“
Wer profitiert, wenn statt klassisch Freestyle gespielt wird?
Ich frage mich schon einige Zeit, welcher Spielertyp beim Freestyle größere Chancen hätte. Meine Vermutung war, dass so genannte Kreativspieler im Freestyle besser abschneiden könnten. Die Antwort von Peter überrascht mich.
„Natürlich schadet es vor allem den Spielern, die stark auf die Eröffnung setzen, wie ich zum Beispiel. Als aktiver Spieler habe ich Chess960 deshalb nicht gemocht, weil es meine größte Stärke zunichte gemacht hätte. Ich war eine Art Serve-and-Volley-Spieler, der viel Energie in seinen Aufschlag investiert hat. Nakamura wurde 2022 Weltmeister. Er kann gut mit kürzeren Zeitkontrollen umgehen, wie sie in diesem Turnier gespielt wurden. Es ist nicht so, dass er ein Spezialist für Chess960 ist. Die lange Bedenkzeit begünstigt nach meiner Einschätzung vor allem strategische Spieler, weil man tatsächlich beim Freestyle viel über seine Strategie nachdenken muss und sollte. Oft haben wir gesehen, dass Spieler mit Weiß sehr schnell eine dominante Position erlangten, weil deren Gegner strategische Dinge falsch verstanden hatten. Im Vergleich dazu kennen wir im klassischen Schach die allgemeinen Strategien. Es gibt Spieler, die sie tiefer und besser verstehen, vor allem Magnus. Ich spreche nicht von 1000 Spielern. Ich spreche von 20, mich selbst nicht mitgerechnet. Freestyle-Schach begünstigt Spieler, die ein gutes allgemeines Verständnis der Schachprinzipien haben, und Spieler die offen dafür sind, Dingen auf den Grund zu gehen. Natürlich hilft es, wenn man das Spiel liebt. Wenn man es interessant findet und gerne spielt, dann analysiert man es etwas tiefer und bleibt neugierig, anstatt es nur zu spielen, weil es ein gut bezahltes Event ist.“
(Hinweis: Peter Heine hat eine Zusammenfassung der deutschen Version gegengelesen und autorisiert. Wer den Text auf der Website in einer anderen Sprache liest, der erhält eine automatische Übersetzung und keine Garantie für die Richtigkeit der Übersetzung.)
Mit einer weiteren starken Leistung in der Schlussrunde gewann Nodirbek Abdusattorov das 88. Turnier im Januar in den Niederlanden. Im Challengers scheiterte der legendäre ukrainische Großmeister Vlassily Ivanchuk trotz Sieges in der Schlussrunde, aber der US-Junge Andy Woodward konnte seinen Vorsprung durch einen eigenen Erfolg verteidigen. Im Qualifikationsturnier für das nächste Challengers-Turnier gewann der deutsche Internationale Meister Christian Glöckler (geboren 2011) mit einer grandiosen Performance von 2899 Punkten.
Von Thorsten Cmiel
Die vollständige Tabelle zeigt ein klares Bild. In diesem Jahr dominierten die beiden usbekischen Großmeister. Dabei blieb einzig Javokhir Sindarov ungeschlagen. Allerdings hatte der Kandidat in der letzten Runde, ähnlich wie zu Beginn des Turniers gegen Gukesh, gehöriges Glück und gewann seine Partie gegen den Tabellenletzten Dai Thai Van Nguyen letztlich sogar noch. Von den vier Kandidaten im Turnier überzeugte nur der Usbeke. Matthias Blübaum darf ebenfalls weitgehend zufrieden sein und hatte immerhin mal einen kleinen Moment in der Sonne nach seinen zwei Siegen gegen Gukesh und Anish Giri in Folge. Pragg spielte wie Fabiano Caruana im Jahr 2018 ein durchwachsenes Turnier. Ihn und sein Team könnte beruhigen, dass der US-Amerikaner nach exakt dem gleichen Ergebnis der Sieg im Kandidatenturnier in Berlin gelang.
Letztrundensiege für die Usbeken
Der Inder Arjun Erigaisi kommt mit dem Turnier in Wijk in der Regel nicht zurecht und anders als Gukesh, der auch 2026 wieder großen Kampfgeist zeigte, hatte man bei Arjun und Pragg am Ende des Turniers das Gefühl, dass die beiden Inder keine echte Gegenwehr aufbauen konnten. Nodirbek Abdusattorov zeigte erneut eine starke Leistung und gewann scheinbar problemlos mit Schwarz gegen den Inder. In der Partie von Sindarov gegen Nguyen passierte Einiges und es sah lange nach einem Unentschieden aus. Dann folgte ein weitere chaotische Zeitnotphase. Die Kraft reichte für den tschechischen Großmeister nicht aus und ihm unterlief erst spät in der Partie dann ein spielentscheidender Fehler..
Tragik
Der unglücklichste Spieler war sicherlich der tschechische Großmeister Thai Dai Van Nguyen. Er kam mit der Bedenkzeit nicht zurecht. Gespielt wurde diesmal mit 120 Minuten für 40 Züge und danach gab es weitere dreißig Minuten für den Rest der Partie und 30 Sekunden pro Zug ab dann. Das hat Konsequenzen. Spieler müssen mit weniger als fünf Minuten auf der Uhr ihre Züge nicht mehr mitschreiben, aber später nachtragen. Nguyen hatte gegen den Inder Aravindh sogar eine Figur mehr, aber verlor. Gegen Hans Niemann konnte er ebenfalls gewinnen, aber spielte in Zeitnot einen ungenauen Zug, der die Partie drehte. Einem ähnlichen Szenario folgte die Partie auch in der Schlußrunde.
Zunächst war hier der Kandidat am Zug. Beide Spieler haben einen gefährlichen Freibauern auf dem Brett. Der a-Bauer ist in jedem Fall ein Aktivposten für den Usbeken, der hier mit Schwarz einen Zug finden muss und grob daneben griff. Wie sollte er hier weiter fortsetzen und wie ist die Stellung zu bewerten?
Der Usbeke hatte zuletzt seinen Läufer zurück gezogen – der Zug soll besonders solide sein. Wer einen Halbzug zuvor diesen Zug ausgeschlossen hatte, ist hier im Vorteil. Wie sollte Weiß jetzt am besten warum auf den Läuferzug reagieren? Die Lehre vom „Drawback“, also den Nachteil des letzten Zuges zu nutzen, hilft hier bei der Lösungsfindung.
Lösung (Hier Klicken)
Vladimir Fedoseev mit Sieg in der Schlussrunde
Für den ehemaligen Russen, der jetzt für den slowenischen Schachverband antritt, begann das diesjährige Turnier mit einer schnellen Niederlage gegen Hans Niemann. Mit seinem Sieg in der Finalrunde kam Vladimir auf fünfzig Prozent und gewann sogar noch etwas Rating (+4) hinzu. Auch diese Partie wurde nach einem groben Fehler
Machen wir aus dieser Situation eine Fifty-Fifty-Frage: Welcher Zug ist zuverlässiger, das Schlagen auf f5 mit dem Läufer oder der Tausch der Läufer nach Schlagen auf c3?
Lösung (Hier Klicken)
Matthias mit friedlicher Schlussrunde
In der letzten Runde waren die beiden punktgleichen Großmeister Matthias Blübaum und Yağız Kaan Erdoğmuş mit der Punkteteilung zufrieden und spielten eine offensichtlich beiden Spielern bekannte Fortsetzung. Da der 14-jährige Türke mit der etwas schlechteren Elozahl ins Rennen ging, gewann er sogar vier Elopunkte mehr als Matthias, der mit seiner gezeigten Form für das Kandidatenturnier zufrieden sein dürfte.
Weitere Remis-Partien im Masters
Die Begegnung zwischen Gukesh und seinem ehemaligen Zuarbeiter Vincent Keymer war vermutlich für deutsche Fans die Partie mit der größten Aufmerksamkeit. Für Zuschauer wurde einiges geboten und man sah, dass Gukesh sich nicht mit einem schnellen Unentschieden begnügen würde. Nach großem Kampf endete die Partie dann doch friedlich. Matthis Blübaum und der 14-jährige Türke Yagis Kaan Erdogmus waren sich recht schnell handelseinig. Praggnanandhaa schien gegen den Niederländer Jorden Van Foreest ein weiteres mal hinter sich greifen zu müssen. Im Wijk-Endspiel mit Turm und Springer gegen Turm und Springer verpasste Jorden ausgerechnet im Kontrollzug seine Chance und die Partie endete wenig später Remis. Auch Anish Giri und Hans Niemann beschlossen kein Risiko zu gehen und trennten sich letztlich friedlich.
Andy Woodward (2010) gewinnt Challengers
Das Qualifikationsturnier für das Masters im nächsten Jahr für viele Spieler ein Highlight. Allerdings passierte es nicht wenigen Spielern im Jahr darauf bei den „Großen“ einen Schock zu erleiden. So erging es Alexander Donchenko, Arjun Erigaisi und in diesem Jahr dem Vorjahressieger Dai Thai Van Nguyen. Um oben mitzuhalten muss der US-Amerikaner die Zeit sicherlich gut nutzen. Aber es gab natürlich noch andere Geschichten. Besonders schwer in Tritt kam der niederländische Großmeister Erwin L’Ami, der zudem in der letzten Runde gegen den späteren Turniersieger unterlag. Ein sehr solides Turnier spielte die Frauen-Kandidatin Bibisara Assaubaeva, die mit ihrem Probelauf zufrieden sein dürfte und Anfang Februar in Deutschland eine Art Schaukampf mit guter Dotierung spielen soll. Faustino Oro (2013) spielte ein solides Turnier und holte mehr als im Jahr zuvor. Wohingegen die andere Juniorin im Feld, die Chinesin Lu Miaoyi (2010), keine sichtbare Ergebnisverbesserung vorweisen kann im Vergleich zum Vorjahr.
Matthias Blübaum konnte seine Position oberhalb der 2700 Punkte-Grenze nicht lange halten. Der Usbeke Nodirbek Abdusattorov scheint nicht mehr zu stoppen zu sein. Nur sein Landsmann Sindarov kann noch in etwa mithalten. Der zweite Usbeke im Turnier ist bislang der einzige im Feld, der verlustpunktfrei ist. Immerhin: Vincent Keymer scheint das Turnier versöhnlich beenden zu können. Er gewann gegen den tschechischen Großmeister Thai Dai Van Nguyen und spielt ungefähr seinen Erwartungswert (Plus 2). Bei den Herausforderern liegen zwei jüngere Großmeister vor einem Altmeister. Beim Qualifikationsturnier ist Christian Glöckler jetzt durch.
Von Thorsten Cmiel
Nach dem Sieg gegen einen der direkten Konkurrenten dürfte der Usbeke im vierten Anlauf das Tata Steel Turnier in Wijk gewinnen können. Eine Tabelle mit vier indischen Großmeistern in der zweiten Turnierhälfte hatte zuletzt eher Seltenheitswert.
Kleinigkeiten entscheiden
In der Partie des Tages gewinnt Nodirbek Abdusattorov gegen Matthias Blübaum, einen seiner Verfolger im Feld. Dabei entscheiden letztlich Kleinigkeiten. Matthias zieht im entscheidenden Moment zu schnell und wird von Nodirbek präzise gekontert.
Eine Fifty-Fifty-Frage: Wohin sollte der Usbeke hier mit seinem König ausweichen?
Der kritische Moment in der Partie des deutschen Kandidaten. Wie sollte Schwarz sich hier am besten verteidigen? Matthias zog in diesem Moment zu überhastet und geriet schnell in spielentscheidenden Nachteil. Die Sache ist dennoch total kompliziert und die Kosten eines Fehlers sind gestiegen. Was sollte Schwarz hier also versuchen?
Yağız Kaan Erdoğmuş zurück
Der junge türkische Großmeister gewinnt erneut eine Partie und das nach zwei für ihn sicher schmerzhaften Niederlagen gegen Giri und Gukesh. Mit vier Siegen bei drei Niederlagen ist ihm bereits eine Runde vor Schluss ein großartiges Ergebnis sicher. Vladimir Fedoseev kassierte eine weitere deutliche Niederlage mit der Petrov-Verteidigung.
In dieser Stellung muss Weiß seine attackierten Läufer ziehen. Aber wohin? Der junge Türke spielte einen taktisch motivierten Zug, der stark war. Aber es war nicht die beste Fortsetzung. In jedem Fall steht der Yagis Kaan hier bereits deutlich auf der Gewinnerstraße.
Weiß ist in dieser Stellung dran. Einmal ausknipsen bitte.
Keymer mit drei Siegen in Folge
Der tschechische Großmeister Dai Thai Nguyen wurde zum Zielspieler gegen Ende des Turniers in Wijk. Es mag bitter sein für den Sieger des Challenger-Turniers aus dem Vorjahr, aber lange Turniere zahlen ihren Tribut. Auch heute konnte Nguyen letztlich nicht ausreichend lange gegenhalten .
Vier Remis-Partien im Masters
Die Remis-Partien der zwölften Runde boten durchaus spannende Momente. Dabei betrachte ich die Partie von Aravindh und Giri in einem gesonderten Beitrag. Lediglich die Begegnung der zwei Kandidaten Pragg und Sindarov war ein schnelles Remis ohne Ideen und Inspiration.
Nach welchem starken Zug gehen bei Schwarz (Erigaisi) hier bereits die Lichter aus? Jorden fand übrigens diesen Zug nicht. Das ist Ansporn genug, oder?
Paarungen der Kandidaten
Anish Giri
Praggnanandhaa
Sindarov
Bluebaum
Ergebnis
Anish Giri
X
Remis
Remis
Niederlage
1.0 – 2.0
Praggnanandhaa
Remis
X
Remis
Remis
1.5 – 1.5
Sindarov
Remis
Remis
X
Sieg
2.0 – 1.0
Bluebaum
Sieg
Remis
Niederlage
X
1.5 -1.5
Die Kandidaten haben ihre Partien untereinander gespielt. Zwei entschiedene Partie gab es: die Niederlage von Matthias Blübaum gegen Javokhir Sindarov und der Verlust von Anish Giri in der zehnten Runde ebenfalls gegen Matthias Blübaum.
Die Kommentierung ist inzwischen professioneller geworden. Zuschauer können den Kommentatoren live zuschauen und anders als früher am Demobrett können Zuschauer die Partien auf großen Bildschirmen verfolgen. Auch selbst eine Partie spielen in gepflegtem Ambiente ist möglich.
Foto: Lennart Ootes (Tata Steel Chess). Zuschauer in Wijk.
Die Inder hatten vor längerer Zeit noch die Eigenschaft nicht an sich zu und ihre Stärken zu glauben. So erzählt der indische Erfolgstrainer Ramesh RB die Entwicklung. Die junge Generation hatte das geändert und die Erfolge der letzten Jahre lassen vergessen, dass die Inder auch nur junge Sportler sind, die gelegentlich Rückschläge erleiden. Aber vier von vier ist natürlich bemerkenswert, insbesondere wenn man sich an das indische Finale im Vorjahr erinnert.
Von Thorsten Cmiel
Pragg (gegen Vincent Keymer) und Arjun (gegen Javokhir Sindarov) verlieren diesmal ihre Weißpartien und das indische Duell von Gukesh und Aravindh geht etwas überraschend Remis aus. Der Weltmeister hatte sich zwischendrin gute Chancen erspielt. Anish Giri überzeugte bei seiner Partie gegen den jungen Türken Yağız Kaan Erdoğmuş und Hans Niemann gewann gegen den zuletzt unglücklich agierenden Tschechen Nguyen, der von den anderen Spielern als Zielspieler ausgeguckt worden zu sein scheint.
Vincent gewinnt gegen Pragg
Die frühe Eröffnungsphase war positiv für Vincent verlaufen und eigentlich konnte man eine typische Partie von Vincent erwarten. Dann unterlief ihm doch ein Missgeschick und der Inder jonterte in der folgenden Stellung. Es entwickelte sich ein etwa balanciertes Geschehen bei materiellem Ungleichgewicht. Ein Remis schien nicht unwahrscheinlich.
In dieser Stellung war der Inder am Zuge und zeigt wieder einmal seine Kreativität. Der folgende Zug war natürlich vorher schon vorbereitet gewesen. Was hat er mit Weiß hier gespielt und was war seine Absicht nach der schwarzen Antwort?
Hier ist Vincent Keymer mit Schwarz am Zuge. Der deutsche Großmeister fand einen sehr starken Zug.
Gukesh mit Unvollendeter
Der jüngste Weltmeister aller Zeiten spielt in der Regel engagiertes Schach und setzt seine guten Rechenfähigkeiten gezielt ein. Gelegentlich überspielte der Inder seine Gegner aus der Eröffnung heraus. Es ist daher überraschend welche Chance er in dieser Partie nicht nutzte. Aber solche Überseher passierten während des Turniers fast allen Teilnehmern. Er wird sich dennoch geärgert haben.
Gukesh war in dieser Stellung am Zuge und sollte wie fortsetzen? Der Weltmeister ging überraschend an seiner Chance in der Diagrammstellung vorbei.
Giri putzt 14-jährigen Türken weg
Man muss sie schlagen so lange sie noch jung sind. Das ist im Spitzenschach inzwischen eine Weisheit, die vermutlich ihren wahren Kern hat. Der Kandidat Anish Giri war in Wijk mit 31 Jahren der älteste Teilnehmer im Masters. Im Challengers sah es anders aus: Dort zeigte der 56-jährige Vassily Ivanchuk, dass er immer noch eine feine Klinge schlagen kann. Die starke Partie von Giri betrachte ich in Kürze bei der Vorstellung der acht Kandidaten. Hier zunächst nur die Notation.
Sindarov gewinnt gegen gegen glücklosen Erigaisi
Es gibt Spieler, die immer wieder erfolgreich in Wijk agieren – Nodirbek Abdusattorov ist solch ein Spieler. Arjun konnte nur einmal im Challengers (2022) glänzen, aber seit er im Masters spielt häufen sich die eher schlechten Resultate für den Inder (2023 4.0 aus 13; 2024 nicht dabei; 2025 5.5 aus 13).
Hans im Glück
Die Gebrüder Grimm schrieben im 19. Jahrhundert ihr eher untypisches Märchen von Hans, der das Glück empfindet, egal was er macht. Märchen gehen meist irgendwie glücklich aus. Das Märchen wurde vielfach interpretiert, etwas was man beim Schach heutzutage nicht mehr tun muss, denn die Engine verbreitet die objektive Wahrheit: Nguyen hatte in der folgenden Stellung eine sehr gute Chance, die er aber ungenutzt lies wie so oft in diesem Turnier.
Hätte Thai Dai Van Nguyen hier seinen c-Bauern vorgeschoben, wäre für Hans das Spiel fast vorbei gewesen. Zwar kostet der b-Bauer Material, aber die weißen Bauern sind mächtiger. Nguyen begann im 39. Zug mit dem Turmzug nach b5 und gab die a-Linie auf. Das erwies sich als grober Fehler. Schade.
Remis-Partien im Masters
Diesmal endeten wieder drei Partien mit Remis. Gukesh die größte Chance aus – siehe oben – nach einer zuvor hervorragend geführten Partie. Hier noch die vollständige Notation
Paarungen der Kandidaten
Anish Giri
Praggnanandhaa
Sindarov
Bluebaum
Ergebnis
Anish Giri
X
Remis
Remis
Runde 10
1.0 – 2.0
Praggnanandhaa
Remis
X
Runde 12
Remis
1.0 – 1.0
Sindarov
Remis
Runde 12
X
Niederlage
1.5 – 0.5
Bluebaum
Sieg
Remis
Sieg
X
1.5 -1.5
Inzwischen haben die Kandidaten einige Partien untereinander gespielt. Zwei entschiedene Partie gab es bisher: Niederlage von Matthias Blübaum gegen Javokhir Sindarov und der Verlust Anish Giri in der zehnten Runde gegen ebenfalls Matthias Blübaum.
Ivanchuk macht Druck
Zuvor hatte der Ukrainer gegen Andy Woodward gewonnen und dessen längere Erfolgsserie nach der Auftaktniederlage gestoppt. Diesmal war der Aseri Suleymanli an der Reihe und Chucky hatte zwei Runden vor Schluss doch noch Chancen sich für das Masters 2027 zu qualifizieren. Die andere Geschichte schreibt die junge US-Amerikanerin, die mit zwei Siegen in den Schlussrunden eine GM-Norm erzielen könnte.
Der Deutsche Schachbund ist bei Senioren nicht als Förderer der Senioren bekannt. Der Etat-Ansatz für den Seniorenreferenten ist seit Jahren ein 600-Euro-Witz. Als der neue Senioren-Referent im Herbst 2025 eine Etaterhöhung beantragte, fand sich natürlich ein Funktionär, der den Antrag aus formalen Gründen gar nicht erst zugelassen hat. Jetzt wollten der Senioren-Referent und das Präsidium offenbar guten Willen zeigen. Das ging schief, leider.
Ein Kommentar von Thorsten Cmiel.
Am 21. Januar 2026 gab der Deutsche Schachbund bekannt, dass man bei Teilnahme von Teams bei der Senioren-Team-Weltmeisterschaft in Durres, Albanien, im April 2026 das Startgeld für Teams übernimmt, die unter „Germany“ antreten. Eine an sich lobenswerte Idee, denn das Präsidium scheint dahinter zu stehen, wie es in der Pressemeldung des Deutschen Schachbundes angedeutet wird. Seit 2024 fällt das Seniorenschach nach Willen der Präsidentin unter die Regeln des Leistungssports, wie sich aus einem Disput nach der Deutschen Meisterschaft in Bad Wildungen 2024 ergab.
Damals wurde kritisiert, dass in der Vergangenheit zu viele durchschnittliche Teams mit dem Etat des Senioren-Referenten nach unklaren Regeln gefördert wurden. Das kann man nachvollziehen. Präsidium und Senioren-Referent gaben jetzt bekannt, dass diesmal Teams die Förderung erhalten, die am 1.1.2026 eine bestimmte Durchschnitts-Elozahl aufweisen. Zitieren wir den Schachbund mit seinem eigenen Text.
Die Elo-Zahl ist entscheidend
Für Mannschaften der Kategorie 50+, die unter dem Namen Germany starten, wird das Startgeld vom DSB übernommen, wenn die durchschnittliche Elo-Zahl der Mannschaft am 1.1.2026 mindestens 2400 beträgt.
Für Mannschaften der Kategorie 65+, die unter dem Namen Germany starten, wird das Startgeld vom DSB übernommen, wenn die durchschnittliche Elo-Zahl der Mannschaft am 1.1.2026 mindestens 2300 beträgt.
Für Frauen-Mannschaften der Kategorie 50+, die unter dem Namen Germany starten, wird das Startgeld vom DSB übernommen, wenn die durchschnittliche Elo-Zahl der Mannschaft am 1.1.2026 mindestens 2200 beträgt.
Für Frauen-Mannschaften der Kategorie 65+, die unter dem Namen Germany starten, wird das Startgeld vom DSB übernommen, wenn die durchschnittliche Elo-Zahl der Mannschaft am 1.1.2026 mindestens 2100 beträgt.
Bei Erreichen eines der Preisränge in der jeweiligen Kategorie wird das Preisgeld bei einer Mindesteilnehmerzahl von fünf Mannschaften verdoppelt.
Ich habe mir daraufhin mal die Elozahl der besten zehn Spielerinnen und Spieler der jeweiligen Altersgruppe im Februar 2026 (macht keinen Unterschied) angesehen, da ich spontan keine Teams zusammenstellen konnte in allen Altersklassen. In der offenen Klasse sind starke Teams denkbar und es wäre erfreulich solche Teams bei der Senioren-Team-WM zu sehen.
Deutsche Top10-Senioren
Aufmerksame Leser werden sofort erkennen, dass die Frauen im Nachteil bei der Förderung sind. 2200 als Durchschnitt für die Frauen 50+ ist nicht ganz einfach zu erreichen, aber möglich wenn eine oder zwei Spielerinnen der ersten Drei der Top10 50+ antreten wollen. Bei den Frauen 65+ müssten Spielerinnen anderer Nationen unter deutscher Flagge antreten, denn die beste deutsche Spielerin, immerhin Weltmeisterin 2024, kann die durchschnittlich geforderte Elozahl nicht aufbringen. Ein Team ist also theoretisch gar nicht möglich.
Ich überlasse es jedem sich seine Meinung zur Seniorenförderung des Deutschen Schachbundes zu bilden.
(*) Die Kombination der Satzzeichen (?!) in dieser Reihefolge bezeichnet bei Schachkommentaren einen fragwürdigen Zug.