Das zweite Camp der Schach-Akademie „Killer Chess Training“ fand erneut in Roquetas de Mar in Spanien statt. Diesmal ging es um das Thema Angriff. Welche Ideen und Motive gibt es um einen erfolgreichen Angriff zu etablieren? Drei Großmeister versuchten etwa zwei Dutzend Teilnehmern Denkhilfen anzubieten.
Von Thorsten Cmiel
Wie greift man in einer Schachpartie am effektivsten an? Vor etwa 40 Jahren erklärte mir ein damals bekannter und inzwischen verstorbener Schachspieler aus Köln, dass man auf der Seite des gegnerischen Königs mindestens zwei Leichtfiguren im Vorteil sein sollte, um erfolgreich im Königsangriff sein zu können. Der Ratschlag ist nicht komplett falsch und beschreibt das Thema materielle Überlegenheit. Aber das ist längst nicht alles was man über das Thema Angriff wissen sollte.
In Spanien ging es dem Team um Jacob Aagaard (GM Renier Castellanos und GM Julen Arizmendi) vor allem um eine didaktische Herangehensweise und viele Beispiele, Übungen und Lernmethoden kamen zum Einsatz, um die Motive zu erläutern und zu erlernen. Das Auffinden von Lösungen erwies sich trotz der Kenntnis der Thematik des jeweiligen Kapitel meist als schwierig. Die Teilnehmer waren diesmal in zwei Rating-Leistungsgruppen (2000+ war die obere Gruppe, wobei Spieler über 1900 sich selbst entscheiden konnten) eingeteilt, um den potentiellen Lernerfolg zu verbessern, denn Spieler unterschiedlicher Spielstärke stellen oft andere Fragen zu identischen Stellungen.
Vor allem hat es allen Teilnehmern Spaß bereitet und jeder, den ich am letzten Abend gesprochen habe, will im nächsten Jahr wieder dabei sein. Dann vermutlich an einem anderen Ort, der hoffentlich eine Wasserrutsche aufweist. Denn es gehört zur Tradition des Camps, dass am letzten Tag einige mutige Teilnehmer das Gelernte in die Praxis umsetzen. Denn Momentum spielt natürlich auch beim „Watersliding“ eine wichtige Rolle.
Der Zeitplan
Der inhaltliche Trainingsplan folgte dem Aufbau eines neuen Buches („A Killer Guide To Attacking Chess“), das laut NIC-Website am 17. Juni 2026 erscheinen soll. Die Teilnehmer erhielten sozusagen druckfrisch ihre Exemplare und können das gelernte an weiteren Beispielaufgaben vertiefen oder besser erfassen. Wer sich frühzeitig für die Akademie anmeldete bekam zudem zusätzlich sechs statt vier Büchern aus dem Quality-Chess-Verlag, der zum Aagard-Verlags-Imperium gehört.
„A Killer Guide to Attacking Chess“ bietet eine fachkundige Einführung in die wichtigsten Elemente eines guten Angriffsschachs. Von den grundlegenden Konzepten wie „Momentum“ und „Alle Figuren in den Angriff einbeziehen“ bis hin zu eher situationsbezogenen Ideen wie „Den schwächsten Feld angreifen“, „Den stärksten Feld angreifen“, „Evolution/Revolution“, „Killzone“ und vielem mehr. Indem wir das Angriffsspiel in leicht erkennbare Elemente zerlegen, die jeder verstehen kann, erkennen wir, dass Angriffsspiel nicht das Ergebnis eines Genies in Aktion ist, sondern eine Folge der im Spiel befindlichen positionellen Faktoren. (Verlagstext)
Beginnen wir mit einem ersten Beispiel an dem ich knapp gescheitert bin. Es stammt aus einer der vielen unter Zeitdruck selbst zu lösenden Trainingsaufgaben. In der folgenden Stellung aus einer Partie von Antal Gergely und Emre Can stammt die folgende Stellung mit Weiß am Zuge. Weiß sollte offensichtlich versuchen seinen Angriff weiter voran zu bringen. Nach etwas Nachdenken – die anderen zahlreichen Aufgaben standen ebenfalls an – hatte ich eine Idee in die ich sofort „verliebt“ war – ich wollte meinen Turm nach g5 ziehen. Ganz schlecht. Die Idee war es den gegnerischen Läufer abzulenken, der die schwarze Dame auf c7 deckt. Das wäre relevant nach sofortigem Schlagen auf f7 – Schwarz antwortet kaltblütig mit dem Läuferzug nach c6. Was war mir entgangen und was war die richtige Lösung?
Das KC-Camp-Team: Jacob, Kallia, Raluca, Renier, Julen.
Social Solving
Beim gemeinsamen Lösen von Aufgaben kommen zusätzliche Aspekte ins Spiel. Auf der einen Seite profitiert man von unterschiedlichen Ideen in einer Gruppe, aber andererseits muss man aufpassen, dass man sich nicht von manchen enthusiastisch vorgetragenen Ideen auf die falsche Fährte locken lässt. Als noch schwieriger erweist sich das gemeinsame Spielen in Gruppen – auch das stand auf dem Lehrplan. In unserem Fall waren wir ein Veteranen-Team. Die Spielbedingungen waren einfach. Jedes Team bekam 40 Minuten mit Inkrement für die gesamte Partie. Da das Thema Angriff war, bekam man je Team eine Gewinn- und eine Verluststellung zugeteilt und trat gegen unterschiedliche Teams an. Allerdings zeigte sich im Verlauf oft, dass die Stellungen schwierig genug sind und oft drei Ergebnisse möglich waren. Betrachten wir die Ereignisse einer der zwei Sessionen (je zwei Partien) meines Teams aus unserer Sicht.
Gedrillt auf Angriff hatten wir zwei Züge zur Auswahl. Entweder wir schlagen zuerst den Bauern auf g3 und lassen dann den f-Bauern folgen oder wir beginnen mit dem f-Bauern. Ein weiterer Zug kam uns nicht einmal in den Sinn. Nach etwas mehr als zehn Minuten gab es eine Entscheidung und wir lagen besser als Garry Kasparov.
Die zweite Partie war offensichtlich die Partie in der wir uns verteidigen mussten. Die Stellung ist erkennbar aus einer französischen Verteidigung entstanden.
Zu den Highlights gehörte ein Uhren-Simultan und eine Meisterklasse mit der 12. Weltmeisterin im Schach der Frauen, Alexandra Kosteniuk. Alexandra stellte drei aktuelle Partien vor und erläuterte was so alles schief gehen kann auch bei Topspielern. Das Uhrensimultan (1.30 vs. 30 Minuten + Inkrement) erwies sich dann als extreme Herausforderung für die Wahlschweizerin, die von einem Event zum nächsten unterwegs ist.
Aufgaben ohne Worte
Nicht zum offiziellen Camp-Programm gehörte morgendliches Lösen von Aufgaben, dennoch machte etwa die Hälfte der Teilnehmer mit. Inoffiziell war das Wasserrutschen einiger Teilnehmer, wobei die Videos dazu privat bleiben sollen. Ein Blitzturnier mit 72 Teilnehmern, das vom örtlichen Verein ausgerichtet wurde, rundete die Aktivitäten ab. Ich persönlich bemerkte in der letzten Runde wie schwierig es ist ohne Blitz-Praxis mit einem Turm mehr zu gewinnen. Zwei Runden zuvor war ich bei dem Versuch mit Läufer und Springer mattzusetzen natürlich gescheitert.
Alle Teilnehmer erhielten neben mindestens vier Büchern zwei T-Shirts und KCT-Schreibmaterial. Etwa eine Woche nach dem Trainings-Camp gibt es zudem sämtliche Beispiele mit Lösungen im PGN-Format. Ich habe mich entschlossen die Lösungen hier nicht anzugeben, sondern die Aufgaben zum Selberlösen ohne Kommentar zu belassen. Der Lerneffekt ist mit Sicherheit größer und man bekommt einen besseren Eindruck vom Schwierigkeitsgrad mancher Aufgaben. Wer die Lösungen nächstes Jahr etwas komfortabler zugeschickt bekommen will, der sollte eine Teilnahme am Camp von Killer Chess Training erwägen. Es war ein Riesenspaß.
Eigenes
Die folgenden Stellungen stammen aus einer eigenen Partie aus der Seniorenweltmeisterschaft 2019 in Bukarest – ich hatte Weiß. Mir war die Eröffnung nicht sonderlich gelungen, aber immerhin waren wir in einer Stellung mit größerem materiellem Ungleichgewicht gelandet. Ich frage mich natürlich ob ich oder mein Gegner mit etwas systematischerer Herangehensweise in den entscheidenden Momenten bessere Entscheidungen getroffen hätten.
Schwarz steht eindeutig aussichtsreicher bei ungefährem materiellem Gleichstand. Wichtiger aber ist die Kontrolle der c-Linie. Hier ist Schwarz am Zuge und sollte am besten wie fortsetzen?
Hier hatte ich genug und opferte auf f7 mit der Idee insgesamt einen Turm auf Chance zu geben. Aber wie ist die Stellung objektiv einzuschätzen und wie geht es bei bester schwarzer Verteidigung nach dem Springereinschlag auf f7 weiter? Gab es in der Diagrammposition einen besseren Zug als das Schlagen auf f7?
Fotos: Raluca Sgircea und privat.
Homepage von Killer Chess Training (es gibt eine Altersabfrage, was vermutlich an dem ersten Teil des Akademie-Namens liegt).
Die Partien und Analysen auf dieser Website können im jeweiligen Partiefenster durch Klicken auf den links markierten Button einfach als PGN-Dateien heruntergeladen werden.
In der ersten Runde beim Tata-Steel-Turnier in Wijk aan Zee spielte der indische Schach-Weltmeister Gukesh gegen den Usbeken Javokhir Sindarov, der inzwischen sein Herausforderer ist. Gukesh verpasste den vollen Punkt nach einer ansonsten starken Leistung. Bei der Grand Chess Tour kam es jetzt zur ersten Begegnung der beiden Junggroßmeister nachdem klar ist, dass Javokhir Sindarov im November Gukesh herausfordern wird. Der Inder gewann die Schnellschachpartie und Javokhir beide Blitzpartien. Zusammen gab es zwei Punkte im Gesamtklassement für beide Spieler. Unentschieden.
Von Thorsten Cmiel
Als Fan kommt man kaum noch mit. Ständig finden Turniere mit Teilnehmern auf höchster Rating-Ebene statt. Für mich zählt nur am Brett und wenn beide Spieler ausreichend Zeit zur Verfügung haben. Das nennt man die klassische Bedenkzeit. Mit dieser langen Bedenkzeit gewann der Usbeke Javokhir Sindarov vor wenigen Wochen äußerst überzeugend das Kandidatenturnier. Ende des Jahres steht also ein Weltmeisterkampf zwischen zwei zwanzigjährigen Großmeistern an um die Krone im Schach. Der indische Titelträger Gukesh konnte seit seinem Weltmeisterschaftskampf nur selten überzeugen, vor allem sich selbst nicht. Vermutlich ist der jüngste Weltmeister aller Zeiten ein Opfer seines eigenen Anspruchs und überzogener öffentlicher Erwartungen. Zuletzt hatte sich Gukesh aus dem klassischen Teil der Grand Chess Tour zurückgezogen und ausgerechnet Sindarov nimmt seinen Platz ein. Der in Deutschland lebende Coach von Javokhir, Roman Vidonyak, sieht das als Chance für seinen Schützling, der mehr Erfahrungen auf höchster Ebene sammeln kann.
Entscheidend für den WM-Kampf der beiden Junggroßmeister dürfte die dann aktuelle Form der Kontrahenten sein. Die Schachwelt rätselt noch, ob Gukesh bis dahin wieder an seine starke Form aus dem Jahr 2024 anknüpfen kann. Gukesh hatte das Kandidatenturnier gewonnen, eine legendäre Schacholympiade in Budapest gespielt und Ende des Jahres gegen Ding Liren den WM-Titel errungen. Vidonyak nennt den Inder in Topform respektvoll „Monster-Gukesh“. Sollte Gukesh in der Form von 2024 antreten, dann sieht Vidonyak die Chancen mit 53 Prozent zugunsten seines Schützlings. Das ist der übliche diplomatische Zweckoptimismus klingt aber ziemlich nach gleichen Chancen in beidseits guter Form. Das ist eine faire Einschätzung. Und tatsächlich können sich Schachfans auf den Wettkampf freuen, anders als bei den meisten Kämpfen des so hochgelobten Magnus Carlsen, der oft mit einer eher destruktiven Match-Strategie Erfolg hatte. Die vier Partien der beiden WM-Kämpfer und die Spielweise von Javokhir im Kandidatenturnier deuten auf Freude am Spiel hin. Der WM-Kampf könnte mit offenem Visier geführt werden.
GCT Schnellschach und Blitz in Polen
Beim Schnellschach- und Blitzturnier der Grand Chess Tour in Polen gab es drei Begegnungen der zwei Kontrahenten. Für einen Sieg im Schnellschach gibt es zwei Punkte und für jeden Sieg im Blitz den üblichen einen Punkt. Insofern kam es zum Unentschieden. Beide Spieler suchten die Konfrontation. Im Zusammenspiel der Turniere lag Gukesh dann vorne.
Die üblichen Kritiker des Weltmeisters auf Social Media verlieren durch die Ergebnisse in Polen übrigens ein Argument ihrer sinnlosen Kritik. Sowohl Gukesh als auch der Dominator von Zypern erzielten mit kürzerer Bedenkzeit Ergebnisse im Mittelfeld. Das könnte bei beiden daran liegen, dass sie sich auf die klassische Bedenkzeit konzentriert haben bisher. Ein anderer ehemaliger Anwärter auf den Thron, Alireza Firouzja, erzielt offenbar Ergebnisse, die umso besser ausfallen desto kürzer die Bedenkzeit ist. Der Franzose mit iranischen Wurzeln hatte in 2022 und 2024 bei den Kandidatenturnieren nichts erreicht und wirkte überfordert. 2026 war er nicht mal dabei.
GCT-Schnellschach
GCT-Blitzpartie 1
GCT-Blitzpartie 2
Wijk aan Zee 2026
Die Partie von Gukesh in den Niederlanden hatte ich ausführlich analysiert und kommentiert. Es handelt sich dabei um eine grandiose Kampfpartie, die Lust auf mehr macht. Wer die Partie mit Trainingsfragen nachspielen möchte, der findet sie in dem Beitrag zur ersten Runde. Längere Partien mit größerer Tiefe analysiere ich bevorzugt in Abschnitten. Die Erstrundenbegegnung von Sindarov und Gukesh war so eine Partie. Stark von beiden Seiten.
Matthias Blübaum fiel beim Kandidatenturnier auf Zypern vor allem durch seine Kraftausdrücke gegen sich selbst und weniger durch seine Partien auf. Einmal bezeichnete er sich als Clown. Die Idee fand ich gut, denn genau so fühlte ich mich in zwei Partien. Gewonnen haben drei Außenseiter den Tegernsee-Senioren-Cup: Jordan Nikolov aus Bulgarien vor dem Österreicher Robert Hafner und dem Italiener Carlo Luciani.
Von Thorsten Cmiel
Jedes Jahr im April findet der Senioren-Cup am Tegernsee statt. Gespielt wird im Seeforum in Rottach Egern mit sehr guten Spielbedingungen. Leider war Sandra Schmidt nicht dabei und sie fehlte an allen Ecken und Enden. Ich vermisste während der Runden aktuelle Ergebnislisten, mehr Fotos und bei den Namensschildern herrschte ebenfalls Verwirrung. Als Reaktion gab es sogar einige Teilnehmer, die nachvollziehbarerweise Sandra von den Österreichern, dort ist sie Generalsekretärin, wieder zurück nach Deutschland holen wollen. Dafür wurde von einem Teilnehmer eine Rückholung im Geiste eines Agentenaustauschs entwickelt, den ich aus Rücksichtnahme auf den Deutschen Schachbund und sein Personal nicht weiter ausführen möchte, denn zumindest unter Senioren fände sich dafür vermutlich eine klare Mehrheit. Erste Sondierungen mit anwesenden Österreichern ergaben allerdings, die wollen nicht.
Der Tegernsee bietet im Frühjahr Panoramaansichten in Postkarten-Foto-Qualität, die selbst mit durchschnittlichen Handy-Kameras Eindruck machen. Wer in einem angeschlossenen Hotel übernachtete, der erhielt eine Tegernsee-Card mit der man die Ring-Bus-Linien um den See nutzen konnte. Auch war die kostenlose Bootsfahrt zu einem Nachbarort inbegriffen. Neben dem tollen See-Ambiente versuchten fast 180 Spielerinnen und Spieler im Seniorenalter Schach zu spielen. Es gab natürlich hervorragende Momente, Dramen, Fehler und Enttäuschungen.
Berührt, geführt.
Zumindest einen Streitfall habe ich mitbekommen, aber zunächst gar nicht verstanden. Später berichtete mir ein anderer Spieler was vorgefallen ist: Der Schwarzspieler störte sich an einem nicht mittig stehenden Bauern und sagte „j’adoube„, vermutlich sehr leise, um die Sitznachbarn nicht zu stören, und adjustierte den Bauern. Sein Gegner war in dem Moment nicht am Brett, sah aber die Berührung des eigenen Bauern. Falls der Schwarzspieler nimmt, ginge ein Turm verloren, hieß es. Der Führer der weißen Figuren informierte den Schiedsrichter und wollte, dass der eigene Bauer geschlagen wird. Der Schiedsrichter entschied nach einigen hitzigen Diskussionen, dass der Weißspieler Recht hat und Schwarz den berührten Bauern schlagen muss.
Dazu mein Senf: Man kann nicht vom Schiedsrichter erwarten, dass dieser bei der geschilderten Faktenlage eine andere Entscheidung trifft. Der Spieler, der sich an einem Bauern stört, der nach seiner Ansicht nicht korrekt platziert ist, sollte grundsätzlich sichergehen, dass sein Gegner sein Zurechtrücken als solches erkennt. Ist der nicht am Brett, sollte er entweder einen Zuschauer als Zeugen suchen, der das „j’adoube“ hört, oder aber durch die Art des Verschiebens des Bauern deutlich machen, dass er diesen nicht berührt um ihn in diesem Fall vom Brett zu entfernen. Auf das Verbale kommt meines Erachtens nicht an. Den gleichen Effekt kann man durch Gesten erreichen – mit Schieben statt Greifen des Bauern beispielsweise. Falls der Bauer zwischen zwei Feldern steht, kann er ohne erreichbaren Gegner auch die Uhr anhalten und den Schiedsrichter rufen durch Handheben. Ich hätte vermutlich nicht auf das Nehmen bestanden und viele andere auch nicht, aber man muss aufpassen, dass man den moralischen schwarzen Peter nicht in Richtung des Reklamierenden verschiebt. Ich halte die Entscheidung des Schiedsrichters in diesem Fall jedenfalls für richtig. Immer vorausgesetzt, dass es sich so zugetragen hat.
Die Sieger
Internationaler-Schach Senioren Cup 2026 Rottach-Egern SeeforumInternationaler-Schach Senioren Cup 2026 Rottach-Egern Seeforum
Kontroverses
Der Endstand richtet sich beim Tegernsee-Cup in den Punktegruppen nach dem gegnerischen Elo-Schnitt mit einer Streichwertung. Die zweite Wertung ist die Buchholzwertung, also die Summe der Gegnerpunkte, die aber letztlich keine Rolle spielt, da der Gegnerschnitt praktisch immer unterschiedlich hoch ausfällt.
Manche Besonderheiten des Tegernsee-Cup gefallen nicht jedem: Die ungewöhnlich lange Bedenkzeit von 2 Stunden und zehn Minuten pro Partie und Spiel, plus 30 Sekunden Inkrement von Beginn an beispielsweise, führt zu längeren Partien als notwendig und eliminiert ein Element, die Zeitkontrolle im vierzigsten Zug, fällt dadurch weg. Ein anderes Thema, das einen Spieler ärgerte war, dass seine Partien immer veröffentlicht wurden und die von seinen Gegnern mit niedrigeren Ratings nicht. Zur Erläuterung: Die Organisatoren gaben die Partien der ersten zehn Bretter ein und veröffentlichten diese meist am Tag danach – leider nicht am Tag nach dem Turnier. Der Punkt des Erbosten (Name ist der Redaktion bekannt) war, dass er und andere höher Gerankte einen Wettbewerbsnachteil hatten. Gleiches gilt dann ebenfalls für Turniere mit Übertragungen von einigen Brettern.
Ich persönlich finde die Auslosung in Kombination mit der Wertung und späteren Preisvergabe nach dem Gegnerschnitt schwierig. Ich wiederhole, dass die Fortschrittswertung eine mehr am Turnier-Geschehen orientierte Wertung wäre. Genau wie bei der Buchholzwertung ist beim Gegnerschnitt ein Streichergebnis vorgesehen. Aber der spätere Turniersieger profitierte ebenfalls von einem kampflosen Punkt gegen einen erkrankten Elo-starken Gegner. Es ergibt sich in solchen Fällen die Frage, ob dieser Gegner in die Wertung einbezogen werden sollte. Weitere Folge-Fragen je nach Fallkonstruktion sind denkbar. Das hätte am Resultat diesmal übrigens nichts geändert. Ich persönlich fände es eine Idee die letzte Runde nach Performance auszulosen, statt im Schema der ohnehin nicht aussagekräftigen Elo-Zahlen zu bleiben, wenn das überhaupt möglich ist.
Je nach erstem Wertungskriterium wären die ersten fünf Plätze anders aufgeteilt worden. Auch die Buchholz hat durch die vielen Aussteiger in der letzten Runde einen grundsätzlichen Nachteil. In der obigen Tabelle sieht man wie die Reihenfolge anders gewesen wäre bei der Wertung nach Buchholz. Der Fünftplatzierte wäre bei dieser üblicheren Wertung als Sieger vom Platz gegangen. Auch die ebenfalls denkbare Performance als Wertung hätte eine andere Reihenfolge hervorgebracht (Nikolov 2248 (5.), Hafner 2269 (2.), Luciani 2275 (1.), Wallner 2257 (4.), Tscharotschkin (3.) 2263). Die Performance als Wertung hätte diesmal berücksichtigt, dass der spätere Sieger einen kampflosen Punkt erzielt hat. Wie man es regelt spielt letztlich keine Rolle und immer finden sich bei jeder Wertung Nachteile, aber das Preisgeld bei Punktgleichheit nach den gleichen Kriterien wie die Plätze zu vergeben, Teilung wäre meines Erachtens angemessener, ist im Kontext einen über den Durst.
Endspiel zur Post
Das folgende Endspiel entstand in der Partie von Manfred Olbrisch und Robert Hafner in der sechsten Runde. Ich sah es zufällig vor einer Bootstour und war von der Entscheidung des Schwarzspielers in der folgenden Situation überrascht. Dabei erinnerte ich die Bauernstruktur (der schwarze Bauer stand auf g7 und nicht g6) falsch, aber das spielt für die Bewertung keine Rolle. Wir sahen uns das Endspiel nach einer Bootsfahrt bis Bad Wiessee an. Es war letztlich gar nicht so einfach sich durch die Stellung zu finden. Jedenfalls stimmte unsere Einschätzung, dass die Stellung bei bestem Spiel ausgeglichen ist, mit der Engine-Bewertung überein.
Die spannende Frage lautet m. E: Soll und kann Schwarz hier die Damen auf c5 tauschen? Man kann diese Entscheidung kaum per Rechnen fundieren, sondern sollte zunächst allgemeine Kriterien zur Stellungsbewertung heranziehen. Wir sahen uns die Stellung in einem Wirtshaus in Bad Wiessee an – ich bei Stangenspargel mit Wiener Schnitzel – und kamen zu einer recht eindeutigen Einschätzung – Schwarz sollte die Damen hier tauschen. Nachträglich gibt es dann noch die Partiefolge und ein zumindest für mich überraschendes Ergebnis.
Bauernphalanx: Schwarz steht auf Gewinn.
Eine schicke Schlussphase
Ingo Lindam aus Hilchenbach spielte in der achten Runde gegen die litauische FIDE-Frauenmeisterin Margarita Baliuniene. Hier war Ingo mit Schwarz am Zuge. Zugegeben, nicht so schwierig, wenn man die Frage an dieser Stelle gestellt bekommt.
Einmal exekutieren bitte. In einer praktischen Partie hat man die Hilfe der Diagrammauswahl natürlich nicht und ein Foto des Schwarzspielers mit der Lösung ebenfalls nicht.
Spitzenfehler
Wenn man manche Stellungen und Partien durchklickt, dann stellt man fest, dass nicht nur die eigenen Partien komische Phasen aufweisen. Der spätere Turniersieger gewann in den letzten zwei Runden aus zwei klaren Verluststellungen heraus. Auch das Verteidigen von schlechten Ausgangslagen ist eine wichtige Kunst und fragt man Roman Vidonyak, dann wird er bestätigen, dass Widerstandskraft eine wichtige Eigenschaft ist. Das werden naturgemäß in den folgenden zwei Partien die Gegner von Roman Nikolov anders sehen.
Hier schlug der Schwarzspieler mit seinem Turm spektakulär auf g3. Wie geht es danach weiter und wie ist die Stellung zu bewerten? Eine mehr objektive Frage lautet, ob Schwarz anders hätte spielen sollen.
Hier ist Schwarz am Zuge. Wie sollte er hier weiter fortsetzen? Es hilft übrigens die letzte Diagramm-Stellung richtig gelöst zu haben. Der Schwarzspieler in dieser Partie fand die richtige Fortsetzung leider nicht. Das ist ein typisches Phänomen, das Schachspieler kennen.
Schach ist brutal, manchmal
Die folgende Partie entschied letztlich über den Turniersieg und ist ein typisches Beispiel für Schachblindheit, also das Phänomen, das niemand erklären und man vermutlich in Zeitnot nur durch mentales Training abstellen kann. Man sei an Ding Liren in Singapur erinnert, der seinen Läufer völlig unnötig auf a8 parkte. Am Tegernsee gab es natürlich auch einige solche Blüten zu bewundern. Beginnen wir mit einer wichtigen Entscheidung.
Carlos Finale
Den größten Kampfgeist zeigte jede Runde Carlo Luciani aus Italien. Er führte mit sechs Punkten aus sieben Partien und hatte dann zwei schwierige Schlusspartien. Beide Partien schauen wir uns genauer an. In der ersten Partie kam der Italiener mit Schwarz gegen Michael Tscharotschkin unter die Räder, was wie ein Spiel auf ein Tor aussieht entpuppt bei genauem Hinschauen als nicht mehr eindeutig. In der Schlussrunde schien Carlo gegen Hans-Joachim Vatter ebenfalls zu verlieren und dann kam es zu einem unerklärlichen Kollaps von Vatter.
Wie sollte Weiß am Zuge hier fortsetzen? Ein Klassiker. Manchmal sollte man sich nicht zu viel mit Berechnungen aufhalten. Wie geht es weiter?
Diesmal verpasste Carlo eine bessere Fortsetzung. Wie sollte er hier fortsetzen?
Hier fehlt die Schlussrunden-Partie von Carlo Luciani und Hans-Joachim Vatter. Leider ist sie noch nicht online vorhanden. Das ist der Nachteil wenn es keine elektronische Übertragung gibt. Die wichtigen Partien zum Schluss fehlen für Berichte. So wie ich es gesehen habe, hatte Carlo gegen die Aljechin-Verteidigung seines Gegners zunächst mächtig angegriffen, aber dann entweder die Traute verloren oder es ging einfach nichts. In der späteren Phase dann hatte Vatter in Gewinnstellung einen groben Fehler gemacht. Ich ergänze die irgendwann hier, wenn sie mir bekannt wird. Für den Augenblick bleibt es als Platzhalter bei der Grundstellung.
Pleiten, Pech, L…
Michael Lambertz ist für den Rheydter SV am Start, wird aber eher als Kölner verortet, er ist 49 Jahre alt und spielte sein erstes Seniorenturnier. Dabei lief es auf dem Brett nicht immer gut und sein Handy fing Feuer. Das tat der Stimmung jedoch keinen Abbruch.
Die Stellung zum Bild. Michael Lambertz mit Weiß sollte hier wie fortsetzen? In der Partie wollte Michael einen Zuschauer beeindrucken und zog zu schnell.
Kunterbunte Momente
Eine kleine Auswahl von aus meiner Sicht bemerkenswerten Situationen, teilweise Grobschlächtiges. Ich suche nicht einfach nach Kombinationen, sondern wenn es mir auffällt, dann kommen auch Situationen in Endspielen oder Positionsmanöver in diese Auflistung. Los geht’s.
Zuletzt hatte Weiß seinen Turm nach g5 gezogen. Wie sollte Schwarz hier warum fortsetzen?
Lösung (Hier Klicken)
Aus einer weiteren Partie von Carlo Luciani. Bei dem war in den letzten Runden immer etwas los. Wie sollte Weiß hier seine Verteidigungsstrategie organisieren? Schachlehrer werden dieses Beispiel aus didaktischen Gründen lieben.
Die Schlussstellung in der sich die beiden Gegner auf Remis einigten nach einer Zugwiederholung. Meine Frage lautet: Ist das objektiv das richtige Ergebnis? Die Auflösung kann in der folgenden partiellen Analyse gefunden werden.
In dieser Stellung war der Weißspieler am Zuge. Schwarz hat das stärkere Zentrum, aber das kann auch zur Schwäche neigen. Wie sollte er hier fortsetzen?
Lösung (Hier Klicken)
Clownereien
Ich beschränke mich auf zwei absurde eigene Entscheidungen, ohne sie weiter zu erläutern oder hier komplett aufzulösen. Zu den Partien gibt es natürlich mehr spannende Momente. Das bleibt allerdings diesmal hausintern und für das Schach-Camp von Killer-Chess-Training im Mai in Spanien vorbehalten.
In dieser Stellung war ich mit Schwarz am Zuge. Da ich vorher fast die Zeit überschritten hatte, war ich mit 33 Sekunden am Start. Was sollte der Clown dieser Geschichte hier spielen? Meine Grundidee vorher schon war es auf b8 mattzusetzen.
Ich hatte die Lust auf das Turnier verloren. Es folgten zwei Remis-Partien in jeweils acht Zügen. In der achten Runde machte es mir mein Gegner durch seine Eröffnungswahl unmöglich Remis anzubieten. Ich hatte in der folgenden Situation eine Stunde Zeit-Vorteil und eine Gewinnstellung mit den weißen Steinen.
Ich hatte den letzten Zug meines Gegners, der hatte seinen Springer von e7 nach c6 und nicht nach c8 gezogen, nicht gesehen. Jetzt ergibt sich im Vergleich ein Problem mit dem Bauern auf e2. Das ist nicht unlösbar, im Gegenteil. Aber ohne Konzentration und mit Wut im Bauch geht es nicht. Ich fand den schlechtesten Zug meines Turniers und schlug den Springer auf a7. Clowns sind wortlose Akteure und mir fehlen tatsächlich die Worte.
Epilog
Es ist immer wieder schee am Tegernsee. Die Rückfahrt mit der Bahn via München verlief reibungslos und der ICE kam zwei Minuten vor der Zeit in Köln an. Für mich ist das Turnier nicht verlaufen wie erhofft, aber das nächste Turnier wird bestimmt besser. So oder so ähnlich denken vermutlich alle Teilnehmer, die mit ihrem Ergebnis nicht zufrieden sind. Ich versuche auch nächstes Jahr wieder mitzuspielen, zumal Jahre ohne Kandidatenturniere terminlich meist entspannter sind. Nächstes Jahr findet der Tegernsee-Cup für Senioren vom 17. bis zum 25.April statt.
Die 24-jährige Inderin Vaishali aus Chennai war die unwahrscheinlichste Siegerin im Turnier der Kandidatinnen. Am Ende setzte sie sich trotz zahlreicher Rückschläge während des Turniers durch und erreicht jetzt als zweite indische Spielerin überhaupt einen Kampf um die Krone der Weltmeisterin im Schach.
Von Thorsten Cmiel
Das Frauenturnier war deutlich spannender als das Turnier in der offenen Klasse. Das lag nicht nur an den recht zahlreichen Fehlern der Spielerinnen im Turnier, sondern auch am Fehlen einer dominierenden Akteurin und wechselnden Führungen. In der zwölften Runde hatte die Inderin noch ihre große Chance in ihrer Partie gegen Zhu Jiner verpasst. Aber die Chinesin verlor erneut in Runde 13 und lag vor der Schlussrunde wieder einen halben Punkt hinten. Stattdessen war die Kasachin Bibisara Assaubaeva punktgleich mit vorne.
Die drei Spielerinnen mit Chancen vor der finalen Runde
In der Finalrunde behielt dann die Inderin Vaishali die Nerven und gewann ihre Partie gegen die Russin Kateryna Lagno, die ein eher zweifelhaftes Abspiel im Drachen wählte und daher früh schlechter stand. Ihre Landsfrau Divya hatte ihr den Weg bereitet, indem sie gegen Assaubaeva einen halben Punkt holte, obwohl ihre Leistung zuletzt regelrecht eingebrochen war.
In dieser Stellung konnte Indien erstmals große Hoffnungen hegen. Divya, die vor längerer Zeit in Chennai ebenfalls einige Zeit bei Ramesh RB und Aarthie Ramaswamy trainiert hatte, zeigte in der letzten Runde nach einem Leistungseinbruch, aus den letzten fünf Partien hatte Divya nur einen halben Punkt geholt, jedenfalls ein sehr gute Leistung. Hier allerdings verpasste sie ein große Chance. Welchen Zug konnte die Inderin hier entkorken?
Die entscheidende Partie
Die Partie von Vaishali gegen Kateryna Lagno ist schnell nacherzählt: Die Russin kannte sich offenbar in der Nebenvariante der Inderin nicht aus und geriet früh in eine schwierige Stellung mit einem geopferten Bauern, der keine Kompensation fand. In einer späteren Phase entglitt der Inderin die Kontrolle an einer Stelle etwas, aber Lagno konnte das nicht nutzen und verlor letztlich deutlich. Die Inderin gewann damit nach zwei Grand-Swiss-Turnieren in Folge ein weiteres Top-Turnier.
Endtabelle
Die FIDE selbst gibt die Reihenfolge ohne Feinwertung an und platziert die Spielerinnen auf einem geteilten Platz. Die Siegerin erhält 28.000 Euro als Preisgeld plus eine Punkteprämie von 4400 Euro pro vollem Punkt. Vaishali kommt also auf ein Preisgeld von 65.400 Euro plus WM-Kampf.
Die besten Kurz-Interviews beim Kandidatenturnier auf Zypern sind meines Erachtens die von Theo Waits, dem COO von Lichess, dem weltweiten Technologieführer bei der Spielplattform-Infrastruktur im Online-Schach.
An meinem Geburtstag im Jahr 2023 hatte ich einen Text bei Chessbase nach Vaishalis dritter GM-Norm veröffentlicht, der mit dem folgendem Satz endete: „Ich werde nie mehr erwähnen, dass Vaishali die Schwester von Pragg ist, außer die beiden gehen wieder gemeinsam durch ein Ziel, werden zum Beispiel beide Einzelweltmeister. Denn Vaishali ist eine hervorragende Spielerin aus eigenem Recht.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
Wer die Partien ohne Kommentare nachspielen oder herunterladen möchte, der ist hier richtig. Die erste Partie des Tages endete mit Unentschieden zwischen Divya und Bibisara Assaubaeva. Beinahe hätte die Inderin ihrer Landsfrau sogar eine bessere Vorlage geliefert. Am Ende gewann Vaishali ihre eigene Partie und qualifizierte sich als Siegerin für den WM-Kampf um die Krone im Schach der Frauen.
Die Partien sind sortiert in der Reihenfolge in der sie beendet wurden.
Die Partien können nicht nur nachgespielt werden. Auch der Download ist einfach. Man klickt auf den hier orange markierten Button und erhält Zugriff auf die Partie.
Wer die Partien ohne Kommentare nachspielen oder herunterladen möchte, der ist hier richtig. Die erste beendete Partie war die zwischen Javokhir Sindarov und Wei Yi um 15.38,44 Ortzeit war es schon vorbei. Matthias Blübaum versuchte zum zweiten Mal die lange Rochade gegen die gegnerische kurze Rochade und verlor diesmal. Fabiano Caruana gewann seine letzte Partie gegen einen sichtbar mitgenommenen Andreij Esipenko.
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Wer die Partien ohne Kommentare nachspielen oder herunterladen möchte, der ist hier richtig. Die erste beendete Partie ohne größere Höhepunkte beendeten der US-Amerikaner Hikaru Nakamura und der deutsche Großmeister Matthias Blübaum. Es folgte das Remis der beiden führenden Spieler Anish Giri und Javokhir Sindarov aus Usbekistan, der sein erstes Kandidatenturnier souverän nach Hause brachte. Fabiano Caruana spielte eine starke Partie mit Figurenopfer scheiterte dann aber vor der Zeitkontrolle und remisierte gegen den Inder Praggnanandhaa.
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Wer die Partien ohne Kommentare nachspielen oder herunterladen möchte, der ist hier richtig. Vor allem die Spielerinnen mit Chancen und deren Partien hatten eine Bedeutung für den 13. Spieltag. Zunächst gewann die Kasachin Bibisara Assaubaeva ihre Partie gegen Anna Muzychuk aus einem besser stehenden Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern heraus. Vaishali konnte ihre lange Zeit schlechter stehende Partie gegen Tan Zhongyi halten und im Verlauf etwas überraschend verlor Zhu Jiner ihre Partie gegen die Russin Aleksandra Goryachkina und liegt jetzt einen halben Zähler hinter den zwei führenden Spielerinnen.
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Das Turnier der Kandidatinnen lebt bisher nicht von der Qualität der Partien. Dort marschiert auch keine Spielerin durch wie in der offenen Klasse ein junger Usbeke. Das Frauenturnier ist aber viel spannender. Zwei Runden vor Schluss haben realistischerweise noch vier Frauen Chancen auf den WM-Kampf gegen Ju Wenjun.
Von Thorsten Cmiel
Theoretisch können sogar noch sechs Spielerinnen hoffen sich für die Stichkämpfe zu qualifizieren. Dafür müssten aber vor allem die beiden Spielerinnen vorne eine weitere Partie verlieren und keine der beiden Spielerinnen darf eine Partie mehr gewinnen, die Russinnen Aleksandra Goryachkina und Kateryna Lagno müssten beide Partien gewinnen und auch die Spielerinnen auf dem geteilten dritten Platz dürften nicht mehr als einen Punkt holen. Das sieht mehr nach Zahlenspielen als nach einer seriösen Prognose aus. Die wahrscheinlichsten Siegerinnen liegen auf den Plätzen eins bis vier und mit deren Restprogramm und ihrer bisherigen Form beschäftigen wir uns kurz.
Ausgangslage nach 12 Runden
Paarungen in Runde 13 und Runde 14 des Frauen Kandidatenturniers 2026
Die Equalizer-Partie
In der zwölften Runde hatte die indische Großmeisterin Vaishali einen vollen Punkt mehr als ihre Gegnerin, die Chinesin Zhu Jiner. Die Partie nahm einen bizarren Verlauf, da die Inderin ihre Gegnerin zwar überraschte, dann aber in völlig unverantwortliche längere Denkphasen verfiel. Letztlich entschied die geringe Restzeit über das Partieergebnis. Der Partieverlauf selbst war gar nicht dramatisch aus Sicht der Inderin, aber es fühlte sich im Verlauf und für die Spielerin schlechter an als objektiv gerechtfertigt. Es ist auffällig wie sowohl Vaishali als auch ihr Bruder Pragg am bekannten Problem eines eigenen schlechten Zeitmanagements leiden.
Die Stellung ist anspruchsvoll. Die Inderin bleiben noch 16 Minuten und ein Schnaps für 24 Züge. Objektiv betrachtet ist das bereits eine größere Unwucht, die nur gerechtfertigt ist, wenn man wie der russische Großmeister Alexander Grichuk ein Experte für Zeitnot ist und sich sehr tief in die Stellung eingegraben hat und dann besonders aktiv spielt.
Es gab für beide Spielerinnen in dieser Partie mehrere Momente besser zu agieren. Hier ist die Inderin im 25. Zug dran. Wenn man prinzipiell agiert, dann findet man diesmal sogar den richtigen Zug. Nur andeutungsweise zeigt sich bei der Variantenprüfung wie schwierig es ist, den richtigen Pfad zu finden. Über zehn Minuten Zeitnachteil (4.49 zu 15.16) sind jedoch ein wichtiger Ergebnisfaktor, denn ein fehlerfreies Spiel ist bei einer derart komplexen Stellung kaum möglich..
Zhu Jiner (China)
Die chinesische Favoritin hat sich durch ihren Sieg in der zwölften Runde wieder ins Spiel gebracht. Gegen die zwei Inderinnen hatte Zhu dreieinhalb Punkte geholt. Ansonsten war ihr Spiel bisher eher unter ihren Erwartungen. Vielleicht macht der stärkste Sekundant, Ivan Cheparinow, im Frauenfeld diesmal den Unterschied. In der dreizehnten Runde spielt Zhu Jiner mit Weiß gegen die Russin Aleksandra Goryachkina, die Zhu in der siebten Runde geschlagen hat (die Runden 13 und 14 wurden getauscht im Vergleich zu den Runden 6 und 7). Sämtliche vier Partien der beiden Spielerinnen gegeneinander endeten im Unentschieden. Die Entscheidung im Turnier könnte in der letzten Runde fallen, wenn Zhu mit Schwarz gegen Anna Muzychuk spielt. Insbesondere wenn beide Spielerinnen noch im Rennen sind. Die Erfahrungen mit Nervenstärke sprechen eindeutig für die Chinesin.
Vaishali (Indien)
Ihre erste große Chance hat Vaishali schon vergeben in der zwölften Runde. Für die Inderin spricht das scheinbar leichtere Restprogramm im Turnier. Vaishali ist als Spielerin mit der schlechtesten Elozahl angetreten und schlägt sich insofern gut bisher. In der dreizehnten Runde spielt Vaishali mit Schwarz gegen die Siegerin des Kandidatenturniers von Toronto 2024, die Chinesin Tan Zhongyi. Ihre Ergebnisse gegen Tan sind bislang eher zugunsten der Chinesin ausgefallen. Diese hatte in der Hinrunde den gröbsten Fehler im Turnier auf das Brett gezaubert, als sie ihren eigenen Turm völlig unnötig auf die lange Diagonale a1-h8 zog und sich selbst ausschaltete. Auch die zweite Gegnerin der Inderin musste im Hinspiel einmal hinter sich greifen. Gegen die Russin Kateryna Lagno könnte sich für Vaishali diesmal mit Weiß eine weitere gute Chance ergeben.
Bibisara Assaubaeva (Kasachstan)
Die zwei verbliebenen Spielerinnen müssen einen halben Punkt aufholen. Eine Vorentscheidung könnte bereits in der dreizehnten Runde erfolgen, wenn die Kasachin im Verfolgerduell gegen ihre punktgleiche Kontrahentin Anna Muzychuk spielt. Klar ist: Wer die Partie verliert, ist endgültig aus dem Rennen. In der letzten Runde spielt Bibisara mit Schwarz gegen die Inderin Divya Deshmukh, die zuletzt völlig von der Rolle zu sein schien.
Pures Chaos auf dem Brett. Hier ist die Schwarzspielerin am Zuge und kann wie ihren Vorteil sichern? Die Russin hatte die klar schlechtere Zeit, musste aber nur noch sechs Züge in ebenso vielen Minuten absolvieren. Sie spielte nach wenigen Sekunden eine typische Zeitnot-Idee, die aber nicht wirklich durchdacht war.
Der Kontrollzug steht an. Wie sollte die Russin hier mit Schwarz am besten fortsetzen? Lagno reagierte hier mit über anderthalb Minuten zu schnell und musste ihre Entscheidung sofort bereuen.
Anna Muzychuk (Ukraine)
Die Ukrainerin ist als Nachrückerin kurzfristig ins Turnier eingestiegen und lag zur Halbzeit vorne. Dann folgte in der achten Runde eine absurde Partie gegen Divya Deshmukh. In Zeitnot verlor Anna zunächst ihren Vorteil und reichte dann sogar einen ganzen Punkt herüber. In der zwölften Runde konnte die Ukrainerin gegen die Russin Goryachkina in einem Turmendspiel gewinne, ihr versagten aber erneut die Nerven. Dabei hatte Anna die meisten schwierigen Momente vorher souverän umschifft. Falls Anna das Duell mit Bibisara in der dreizehnten Runde nicht verliert, dann kommt vielleicht ihre große Chance in der letzten Runde gegen die Chinesin Zhu Jiner mit Weiß.
In dieser Stellung musste Anna Muzychuk nur noch einmal aufpassen. Es ist mehr Wissen als Rechnen gefragt, insofern überrascht, dass die Ukrainerin hier eine Verteidigungsidee ihrer Gegnerin übersah. Wie sollte sie hier fortsetzen?
Manchmal findet man in Partien oder Turnieren interessante, überraschende Parallelen. Zweimal hatte der chinesische Großmeister größere Sorgen mit den weißen Steinen. Zweimal konnten seine Gegner ihn mit dem gleichen Zug ausschalten. Nur der Dominator fand den Zug und zwar einige Runden vor dem niederländischen Großmeister Anish Giri, der scheiterte.
Von Thorsten Cmiel
In der sechsten Runde gewann Javokhir Sindarov bereits seine fünfte Partie und die Konkurrenten im Kandidatenturnier in Pegeia auf Zypern gaben spätestens danach die Hoffnung auf den einzig relevanten Platz auf. Beginnen wir mit der folgenden Stellung aus der sechsten Runde. Hikaru Nakamura gab an, bereits nach seiner Niederlage in Runde 5 die Hoffnung aufgegeben zu haben. Fabiano Caruana gab schon die vierte Runde, da hatte er gegen den Usbeken verloren, als entscheidend an. Ich vermute würde man den Inder Praggnanandhaa fragen welche Runde ihm den Schneid gekostet hat, dann würde dieser ohne zu zögern die dritte Runde nennen, genau in dieser Runde hatte er gegen Javokhir hinter sich greifen müssen.
In dieser Stellung spielte Javokhir den nicht schwer zu entdeckenden Zug mit der Dame nach e3. Wei Yi nahm daraufhin seine Dame in die Hand und wollte sie nach h4 stellen. Plötzlich zögerte er und setzte die Dame doch nicht ab. Von seinen etwas mehr als fünf Minuten für neun Züge investierte der Chinese danach etwa dreieinhalb Minuten und zog die eigene Dame letztlich nach f3. Er hatte gesehen, dass nach dem geplanten Damenzug nach h4 sein Gegner seine Monarchin nach g3 gezogen hätte und die Grundreihe ein Problem wäre.
In der zwölften Runde hatte Wei Yi wieder eine schwierige Stellung und sein Gegner, diesmal der niederländische Großmeister war in der folgenden Stellung am Zuge.
In dieser Stellung konnte Anish seine Dame ebenfalls nach e3 ziehen. Allerdings waren die zu berechnenden Varianten deutlich komplexer und wegen des geschwächten schwarzen Königs schwieriger zu berechnen als bei Javokhir einige Runden zuvor. Weiß musste zwei Antworten prüfen zum einen natürlich das Schachgebot mit der weißen Dame auf d5 und den Zwischenzug mit dem c-Bauern, der den gegnerischen Turm attackiert sowie Kombinationen dieser Züge.
Wie sollte der Niederländer hier weiter fortsetzen? Für menschliche Rechenkünste sind solche Stellungen nach über fünf Stunden intensiver Arbeit nur schwierig zu lösen und Anish fand hier in der Tat nicht den überzeugendsten Weg. Es ist natürlich einfach als Fan oder Journalist auf die besten Züge zu verweisen, aber jeder Schachspieler kennt solche Situationen aus eigener Erfahrung und versteht instinktiv, dass die Sache nicht einfach zu lösen ist. Auch wenn die Lösung hier naheliegend zu sein scheint.
Die letzte und entscheidende Spielphase kann im über fünfstündigen Video hier bei Youtube abgerufen werden. Nachdem Anish Giri seine Dame nach d5 zieht bemerkt der Chinese sehr schnell, dass die entstandene Stellung bereits dreimal auf dem Brett steht, wenn er seinen König nach g2 zieht. Wei Yi hält Ausschau nach einem Schiedsrichter (etwa 1.36 Restzeit). Er schreibt seinen Zug auf, aber er führt ihn auf dem Brett nicht aus, sondern bittet per Handsignal darum, dass ein Schiedsrichter vorbei kommt. Das ist die richtige Prozedur. Er stellt nach dem Ruf des Schiedsrichters die Uhr ab (Restzeit 1.32), was Turnierspieler ungerne machen, weil sie bei Gegner für Verwirrung sorgen könnten – hat mein Gegner soeben aufgegeben? Aber hier war alles in Ordnung.
Anish Giri fragt, ob er sich die Prüfung anschauen könne, bekommt offenbar ein ja und verschwindet ebenfalls vom Brett. Was dann passiert ist, wurde vor allem mit Fotos dokumentiert. Eine Frage stellte sich doch, denn auf dem Foto ist zu sehen, dass der Zug des Königs nach g2, den Wei Yi angekündigt hat, ausgeführt ist. Tatsächlich hatte die Schiedsrichterin den Zug auf das Brett gebracht. Hätte Wei Yi den Zug ausgeführt und erst danach reklamiert, dann wäre die Reklamation fehlerhaft gewesen. Puristen werden sich danach vermutlich streiten, ob der Zug ausgeführt wurde, weil die Uhr ja nicht gedrückt, sondern angehalten wurde. Aber dazu gibt es vermutlich schon haufenweise Urteile von Schiedsgerichten.
Die Spieler besprechen sich kurz und kommen sofort zu dem Moment in dem die schwarze Dame nach e3 ziehen konnte. Anish bringt den Einwand des Bauernzuges nach h3. Nach etwas Nachdenken schlägt Wei Yi den Vormarsch des f-Bauern vor und die Spieler stellen die Figuren aufs Brett, da sie offenbar beide erschöpft sind.
Wir halten fest: Javokhir bekommt die Variante mit dem Damenzug nach e3 inklusive dem Bauernzug f4-f3 zum Laufen und sein direkter Verfolger nicht. Ein kleiner, aber feiner usbekischer Unterschied.