Der Weltschachbund FIDE gab die aktualisierte Teilnehmerliste bekannt.
Youngster dominieren die Teilnehmerliste und kämpfen um die Plätze im Kandidatenturnier 2026.
Die FIDE kündigt das bisher stärkste Turnier nach Schweizer System – der FIDE Grand Swiss – an. Das Turnier findet vom 3. bis 16. September 2025 in Samarkand (Usbekistan) statt und folgt der Tradition der vorherigen Veranstaltungen auf der Isle of Man (2019 und 2023) und in Riga (2021)
Der Grand Swiss ist eines der bedeutendsten Turniere im Schachkalender und dient gleichzeitig als Qualifikation für das Kandidatenturnier. An dem Turnier im Schweizer System mit 11 Runden nehmen 172 Spieler teil – 116 im Open-Turnier und 56 im Frauenturnier. Gemäß den Bestimmungen qualifizieren sich die beiden besten Spieler der Open- und der Frauenkonkurrenz für das Kandidatenturnier 2026, bei dem die Herausforderer für den Weltmeistertitel ermittelt werden.
Neben seiner Funktion als Qualifikationsturnier für die Kandidatenturniere bietet das Grand Swiss 2025 auch ein bemerkenswertes Preisgeld, das gegenüber der letzten Ausgabe deutlich erhöht wurde. Das Preisgeld im Open beträgt 625.000 US-Dollar (gegenüber 460.000 US-Dollar im Jahr 2023) und im Frauenturnier 230.000 US-Dollar (gegenüber 140.000 US-Dollar im Jahr 2023).
Fotos: Dariusz Gorzinski
Das Open-Turnier
Von den 116 Spielern im Open haben sich 101 über ihre Wertungszahl qualifiziert, die restlichen Plätze werden an Vertreter der Kontinente, sechs FIDE-Wildcards und fünf vom lokalen Veranstalter vergeben. Es fehlen Magnus Carlsen, Hikaru Nakamura und Fabiano Caruana, der schon via FIDE Circuit 2024 für das Kandidatenturnier qualifiziert ist. Zu den Favoriten gehören die indischen Superstars Weltmeister Gukesh, Arjun Erigaisi, Praggnanandhaa sowie der Usbeke Nodirbek Abdusattorov und der Franzose Alireza Firouzja. Von den deutschen Top-Spieler sind Vincent Keymer, Frederik Svane, Matthias Bluebaum, Dmitrij Kollars, Rasmus Svane, Dennis Wagner und Alexander Donchenko dabei.
Das Frauen-Turnier
Bei den Frauen kann Dinara Wagner mitspielen. Bemerkenswert ist sicherlich, dass Alexandra Goryachkina via Wildcard am Open teilnehmen will. Sie ist bereits für das Kandidatenturnier 2026 qualifiziert. Die Frauenliste führen die Chinesinnen Lei Tingjei und Tan Zhongyi an.
Hintergrund
FIDE Grand Swiss
Das FIDE Grand Swiss findet alle zwei Jahre statt und bringt viele der stärksten Schachspieler der Welt zusammen, die in einem klassischen 11-Runden-Schweizer-System-Turnier gegeneinander antreten. Das erste Grand Swiss fand 2019 auf der Isle of Man statt und wurde von GM Wang Hao mit 8/11 gewonnen. Die Ausgabe 2021 wurde aufgrund der Covid-Beschränkungen von der Isle of Man nach Riga verlegt und von GM Alireza Firouzja im Open-Turnier und Lei Tingjie im ersten Frauenturnier gewonnen. Der Grand Swiss 2023 wurde von Vidit Gujrathi aus Indien im Open-Turnier und Vaishali Rameshbabu im Frauenturnier gewonnen.
Der Frauen-World-Cup beginnt jetzt erst richtig. Von den teilnehmenden 107 Spielerinnen sind jetzt 43 Spielerinnen bereits ausgeschieden und damit bleiben 64 Frauen im Rennen. Das macht 32 Paarungen ab Runde 2. Die Stichkämpfe sind auf jeweils zunächst zwei Partien (15+10) angesetzt. Bei Unentschieden danach wird die Bedenkzeit sukzessive reduziert (10+5), (5+3) und (3+2).
Spannende Momente aus den Stichkämpfen
Es wurde unterhaltsam. Die elf Begegnungen boten die üblichen Eröffnungstricks, Fehler und gelegentlich auch spannende Endspiele. Beginnen wir mit einer kleinen Auswahl der entschiedenen acht Partien aus der Hinrunde.
Sophie Milliet (FRA)
Sechs Spielerinnen mussten erneut nachsitzen
Vier Spielerinnen gewannen glatt mit zwei Siegen. Nach den Aufregungen in der ersten Stichkampfpartie gewann Klaudia Kulon auch ihre zweite Partie. Gleiches gelang der Iranerin Mobina Alinasab, der 16-jährigen Georgierin Anastasia Kirtadze und der Kanadierin Maili Jade Ouellet. Vier Spielerinnen gewannen mit einem Sieg und einem Unentschieden. In drei Paarungen kam es zum Ausgleich und zwar in sämtlichen Fällen nach einer entschiedenen Partie in der ersten Runde.
Entertainment pur: Zahedifar – Bedullayeva
Eigentlich waren die Weichen für ein Weiterkommen der Aserbaidschanerin Govhar Beydullayeva bereits im ersten Stichkampf gestellt: Sie hatte die erste Partie gewonnen und in der zweiten Partie eine glasklare Gewinnstellung. Dann passierte das Unglaubliche.
Zahedifar Anahita (IRI)Beydullayeva Govhar (AZE)
Es ging also weiter mit reduzierter Bedenkzeit und wieder lag die Spielerin aus Aserbaidschan zunächst vorne. Aber erneut gelang es der Iranierin Anahita Zahedifar den Wettkampf auszugleichen. Nach der Eröffnung stand Schwarz hervorragend und ich hatte die Partie bereits abgehakt. Pustekuchen.
Der Stichkampf Gaal – Priyanka
Auch die Ungarin und ihre indische Gegnerin sorgten ab der ersten Stichkampfrunde für reichlich Spannung. Die erste Partie hatte die Inderin in der betrachteten Caro-Kann-Partie gewonnen und benötigte noch ein Remis zum Weiterkommen. Ihre Art zu spielen scheint ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht zu haben, jedenfalls opferte die Inderin einen Bauern und eine ausreichende Kompensation war zunächst nicht zu erkennen. Ihre Gegnerin weigerte sich in der Folge ihre Dame rechtzeitig auf bessere Felder zu bringen und verspielte ihre schönen vorher erarbeiteten Positionsvorteil. Entschieden wurde die Partie zugunsten der Ungarin nach einem groben Fehler von Priyanka.
Omonova Umida (UZB)Milliet Sophie (FRA)
Zweite Stichkampfrunde (10+5): IM Sophie Milliet (2355) raus
Die erste Stichkampf-Partie der beiden Kontrahentinnen in der zweiten Stichkampfrunde war Unentschieden ausgegangen. Die Französin (Jahrgang 1983) hatte gegen ihre nicht einmal halb so alte usbekische Gegnerin (Jahrgang 2006) zunächst wie die Siegerin ausgesehen. Die Entscheidung fiel dann in der vierten Stichkampfpartie für die weniger stark eingeschätzte Umida Omonova (2211).
Stichkampfrunde 3 (5+3): Nur noch Vier
Gaal (Ungarn) – Priyanka (Indien) 0.0 – 2.0
Priyanka, K (2001) aus Indien ist Internationale Frauenmeisterin mit einer Elozahl von 2090 und war die nominell klar unterlegene Spielerin. Zsoka Gaal (2007) ist Internationale Frauengroßmeisterin mit einer Elozahl von 2383 und war sicher höher einzuschätzen. In der ersten Partie gewinnt die Inderin ein für beide Seiten schwieriges Springerendspiel. In der zweiten Partie erhält die Ungarin ihre Chancen, spielte aber in entscheidenden Momenten nicht beherzt genug. Für die Inderin ein großer Erfolg.
Der verrückteste Wettkampf war sicherlich die Begegnung der Iranerin (Jahrgang 2003) Anahita Zahedifar, die Internationale Frauenmeisterin ist und eine Elozahl von 2143 (Klassisches Schach) auf den Tisch bringt. Ihre Gegnerin Govhar Beydullayeva (2003) ist Frauengroßmeisterin und liegt mit ihrer Elozahl von 2371 Punkten deutlich vor der Iranerin in der Setzliste. Man ahnt beim Nachspielen wie sehr die Intensität der Situation das Spiel beider Spielerinnen beeinträchtigt hat. Grandioses Kampfschach ist mein Fazit.
Der Frauen-World-Cup beginnt erst in der zweiten Runde richtig. Zunächst muss die Zahl der Teilnehmerinnen reduziert werden: Von den teilnehmenden 107 Spielerinnen müssen 43 Spielerinnen bereits wieder abreisen. Einige Spielerinnen erreichten nach zwei Partien ein Unentschieden und müssen am nächsten Tag erneut ran für einen Stichkampf. Am Ende bleiben 64 Frauen im Rennen. Das macht 32 Paarungen in der nächsten Runde.
Wie man Partien angeht und wie nicht
Der World-Cup besteht aus sportlichen Miniwettkämpfen bei denen nur das Weiterkommen zählt. Insofern sollte man von Spielerinnen, die bereits zurück liegen, das Eingehen von Risiken erwarten. Natürlich sind manchmal die Spielstärkeunterschiede erheblich, aber das gibt Raum für Kreativität und Risikobereitschaft in speziellen Momenten. Es folgen einige gelungene strategische Spielweisen und weniger gelungene Partien.
Wie sollte die Polin Olivia Kiolbasa hier mit Weiß am besten fortsetzen? Erst wenige Tagen zuvor hatte sie eine GM-Norm erzielt. Im Minimatch in Batumi allerdings konnte sie sogar noch ausscheiden.
Oliwia Kiolbasa
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Weiß hat zuletzt den Bauern auf d6 attackiert. Wie sollte die Argentinierin Schwarz hier fortsetzen?
Candela De Francisco Guecamburu Candela (ARG)
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Ein Unfall
Die erste Partie der Inderin Vantika Agrawal war ein Profi-Event. Die Partie bot beiden Spielerinnen keine nennenswerten Chancen. Auch in der zweiten Runde sah es nicht nach etwas Verwertbarem aus. Wie sollte Schwarz hier fortsetzen?
Nur eine Favoritin hat ihren Minikampf verloren, aber immerhin müssen elf Wettkämpfe im Stichkampf entschieden werden. Natürlich kam es zu den meisten Unentschieden, wenn beide Spielerinnen etwa gleich stark einzuschätzen waren und die Ratingdifferenz weniger als 100 Punkte betrug, also an den hinteren Brettern. Herausragend waren die 17-jährige Georgierin Kesaria Mgeladze (2226), die ist Frauen-Fidemeisterin und qualifizierte sich für die zweite Runde, nachdem sie nach ihrem überzeugenden Sieg gestern in der zweiten Partie ein sicheres Remis mit Weiß gegen die vietnamesische Internationale Meisterin Pham Le Thao Nguyen (2357) beisteuerte. Bemerkenswert sicherlich der Ausgleich von Tania Miranda Rodriguez, die mit ihrem Ratingabstand von 400 Punkten eigentlich keine theoretische Chance haben sollte.
Im georgischen Batumi spielen die Frauen drei Plätze im Turnier der Kandidatinnen und fast 700.000 US-Dollar aus. Georgien ist eine bekannte Schachnation, die lange im Frauenschach führend war. Nona Gaprindashvili und Maja Tschiburdanidse (Titelfoto) waren lange Zeit die Aushängeschilder des georgischen Schachs. Immerhin können einige eigene Talente mitspielen.
Der World-Cup wird im K.o.-System gespielt. Die Kontrahentinnen treten zunächst in Minimatches mit zwei Partien gegeneinander an. Das Turnier begann mit einer ersten Qualifikationsrunde mit 43 Matches. In der zweiten Runde komplettieren 21 nach Elozahl stärkere Spielerinnen das Feld und dann geht es strikt nach Rating weiter. Im theoretisch wahrscheinlichsten Fall spielen in der letzten Runde Lei Tingjie und Zhu Jiner gegeneinander. Für die Paarungen wurde nicht die letzte verfügbare Elo-Liste herangezogen, sondern folgende Startliste, bei der drei Chinesinnen und eine Inderin vorne stehen. Die Elo-stärkste Spielerin, die in der ersten Runde ran musste, war Carissa Yip mit 2453. Fast in allen Begegnungen gewann die Favoritin. Das Auslosungssystem hatte zur Folge, dass Yip gegen die auf dem Papier schwächste Spielerin im Feld antrat. An Brett 43 hingegen spielten zwei etwa gleichstarke Spielerinnen gegeneinander.
Einige spannende Momente aus der ersten Runde
Zuletzt hat die Griechin Stavroula Tsolakidou (Foto) ihren Turm von f3 nach d3 gezogen. Jetzt droht das Turmschachgebot auf d2. Wie sollte die Indonesierin Yuliana Evi ihre Verteidigung am besten organisieren?
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In dieser Stellung muss die Schwarzspielerin ihren 40. Zug ausführen. Würden sie 40…e3 spielen? Die Folgen sind kompliziert, insofern muss Intuition helfen.
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In dieser Begegnung wird die Gegnerin von Divya Deshmukh ausgespielt? Was ist Schwarz hier zu empfehlen?
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Zuletzt hatte Irina Bulmaga (Foto) mit Schwarz auf c1 einen Läufer geschlagen. Wie sollte die Weiße hier fortsetzen?
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Fotos: FIDE Chess. Andrei Anosov, Anna Shtourman.
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Die Partien können durch Klicken auf den hier Orange markierten Button heruntergeladen werden.
Der Kubaner José Raúl Capablanca (1888 – 1942) war der dritte Weltmeister in der Geschichte des Schachspiels. Capablanca gehört zu den anerkannten besten Spieler aller Zeiten. Ihm sei diese neue Serie von Schachaufgaben gewidmet.
Beginnen wir mit dem Meister selbst. Capablanca steht überwiegend für positionelles Spiel. In diesem Teil betrachten wir einige Endspiel-Juwelen von Capablanca von denen manche die Endspieltheorie geprägt haben. Als Inspiration zum Finden von Aufgaben dient mir oft Chesspuzzle, das ich nur empfehlen kann.
Diese Schlusssequenz stammt aus einem berühmten, sehr prinzipiellen Endspiel. Hier ist Schwarz am Zuge. Wie setzte Capablanca hier richtig fort.
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Die Partie von Capablanca gegen Yates in Hastings 1930 hatte erheblichen Einfluss auf die Theorie der Turmendspiele. Hier ist eine entscheidende Stelle erreicht. Wie sollte der Schwarze sich verteidigen?
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Fast auf den Tag genau ein Jahr zuvor spielte Capablanca erneut in Hastings eine lange Zeit ausgeglichene Partie gegen Vera Menchik (1906-1944). Eine Standardstellung im Turmendspiel heute, die sich in vielen Endspielkompendien findet. Wie sollte sich Schwarz verteidigen?
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Fast zehn Jahre später kam es zwischen Capablanca und Vera Menchik erneut zu einer spannenden Partie. Wie sollte Menchik hier mit Schwarz am besten fortsetzen?
Foto coloriert via: José Raúl Capablanca via Klimbim 0.1
Der Kubaner José Raúl Capablanca (1888 – 1942) war der dritte Weltmeister in der Geschichte des Schachspiels. Capablanca gehört zu den anerkannten besten Spieler aller Zeiten. Ihm sei diese neue Serie von Schachaufgaben gewidmet.
Beginnen wir mit dem Meister selbst. Capablanca steht überwiegend für positionelles Spiel und in der Datenbank finden sich nur relativ wenige Niederlagen. Aber man findet im Schaffen des Kubaners durchaus bemerkenswerte Kombinationen, manchmal aus Simultanveranstaltungen. Als Inspiration zum Finden von Aufgaben dient mir oft Chesspuzzle, das ich nur empfehlen kann.
In dieser Partie führte Capablanca die weißen Steine. Wie sollte sein Gegner sich verteidigen und wie geht es am besten weiter? Was ist hier von dem Ablenkungszug mit dem schwarzen Turm nach d1 zu halten?
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In dieser Stellung ist Weiß am Zuge. Die Frage stellt sich, ob er auf c3 schlagen darf oder nicht.
Lösung
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Wie sollte Weiß (Capablanca) hier seinen Angriff weiter fortsetzen? Diese Stellung findet sich in vielen Büchern.
Die Deutschen Meisterschaften der Senioren in Bad Neuenahr endeten letztlich für mich mit einem Highlight. Ein Sieg gegen Arno Zude, den Problemlöseweltmeister 1994 und Großmeister dieser Zunft, stand zumindest auf meinem Wunschzettel. Denn 33 Jahre zuvor hatte ich gegen Arno am ersten Brett in der zweiten Bundesliga verloren. Ich kam gerade in Form als das Turnier zu Ende war.
Von Thorsten Cmiel
Es gibt gute Gründe die eigenen Partien einer nachträglichen Analyse zu unterziehen. Bei vielen Spielern liegt der Fokus dabei auf der Eröffnungsphase. Alle Trainer, die ich in den letzten Jahren getroffen und gesprochen habe, raten von intensivem Eröffnungsstudium ab, bis man etwa 2400 Elo erreicht hat. Der Grund ist vor allem, dass man die knappe eigene Zeit besser investieren sollte. Ich lasse also diese Phase bei Eigenanalysen in der Regel weg und steige normalerweise erst in der Spielphase danach ein.
Mein Ziel in diesem Jahr war es vor allem auf zu schnelle Remis durch frühzeitige Vereinbarungen zu verzichten. Mein Kampfgeist war gestärkt und so gab es am Ende ein ordentliches Ergebnis mit drei Remis, fünf Siegen und einer Niederlage. Zwischendrin blieb genügend Raum für die üblichen unnötigen Fehler. Glück und eigene Unfähigkeit hielten sich diesmal in etwa die Waage. Zur Statistikanalyse von Turnieren gehört es meines Erachtens, die Zahl der im Turnier gespielten Züge zu betrachten. Da komme ich diesmal auf ungefähr 32 Züge, was für mich ein ordentlicher Wert ist. Dabei hatte eine zu lange Partie den Schnitt deutlich nach oben getrieben…
Das Turnier begann für mich mit Schwarz, weshalb ich mich auf einen Schwarzüberschuss einstellte. Zu Beginn des Turniers gab es bei den anderen Teilnehmern vorne im Feld überdurchschnittlich gute Weißresultate, wodurch die Farbauslosung mir ein spätes Doppelweiß einbrachte und das erleichterte überraschenderweise mein schweres Restprogramm. Letztlich spielte ich als Nummer neun im Feld gegen die Spieler eins bis vier und sechs und sieben. Überraschend viele Partien endeten bei mir diesmal mit Mattangriff. Nur in einem Fall ließ ich meinen Gegner, Gerald Löw, entkommen. Aber in der Partie hatte ich in ausgeglichener Stellung mit Mehrqualität später etwas Glück. Resultate.
Mittelbauern opfern. Echt jetzt?
Kaum ein Trainer dieser Welt bringt Beispiele für dieses wichtige Thema. Klar, Schach ist ein konkretes Spiel und man muss nur einfach genaue Berechnungen anstellen. Das ist der übliche Schnack von Großmeistern etwa seit der Jahrtausendwende. Aber dennoch zählen allgemeine Wahrheiten zum Schachverständnis ebenfalls, oder? Bauern opfere ich durchaus häufig und oft aus der Not geboren, aber wenn ich die Wahl habe, einen Mittelbauern oder einen Randbauern zu geben, dann schien mir die Entscheidung einfach zu sein. Bis zu diesem Turnier.
In dieser Stellung aus der zweiten Runde war ich mit Weiß am Zuge. Ich fand hier den positionell schlechtesten Zug meines gesamten Turniers und legte kurz darauf noch einmal nach. Es gibt drei Möglichkeiten den Bauern auf e5 zu schlagen. Oder Weiß verzichtet und zieht seinen Läufer nach h2. Welche Fortsetzung ist richtig? Es ist nicht schwierig, insbesondere wenn man das Thema dieses Abschnittes erinnert.
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Mit Weiß kam ich zu Beginn des Turniers nicht zurecht. In der vierten Runde konnte ich ein grundsätzliches Problem nicht lösen: Immer wenn Weiß hier seinen Springer nach e5 ziehen würde, konnte mein Gegner Igor Vlasov bisher mit seinem Läufer auf d2 tauschen und seinen Springer nach e4 manövrieren und so seine verbliebenen Probleme lösen.
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In der siebten Runde 7 war ich diesmal schon einen Schritt weiter und hatte den Bauern auf d4 freiwillig gegeben – im Austausch für den Bauern auf e7. Jetzt hatte ich eigentlich den Damenzug nach h6 geplant. Zeit hatte ich ohnehin ausreichend. Aber genau in diesem Moment suchte mich ein übler Blackout heim. Was würde passieren wenn mein Gegner als Antwort auf den Damenzug seinen Turm nach b2 zieht? Da sich meine Mattideen auf das Feld g7 stützten, übersah ich das einfache Matt auf f8. Grob. Im Panikmodus folgte ich meiner Notfallvariante, tauschte die Damen auf d4 und zog meinen Läufer nach f6. Das gewinnt etwas Material, aber tauscht mächtig viele Bauern am anderen Flügel.
Der schwarze a-Bauer geht noch verloren. Danach gibt es lediglich noch Bauern auf einem Flügel. Ich war mir ziemlich sicher, dass diese Stellung objektiv zu halten sein müsste. Aber immerhin hatte ich noch die Idee, einen Mattangriff auf der achten Reihe zu inszenieren. Allerdings kann Schwarz zunächst seinen König nach g7 ziehen und durch Vorziehen seines h-Bauern diesen gegen den Bauern auf g5 tauschen.
Einige Züge später hatten wir diese Stellung auf dem Brett. Eine wichtige Fragestellung in solch einer Situation ist regelmäßig, wie man die eigenen Bauern aufstellen sollte. Weiß erneuerte zuletzt den Vormarsch des g-Bauer, aber bis zu einem Mattangriff auf der achten Reihe wäre es noch längere Zeit hin. Sollte Schwarz hier proaktiv seine Bauern nach f6 und g5 stellen oder die Deckung des Bauern mit dem Läufer in der aktuellen Struktur erhalten?
In dieser Stellung lautet die Frage, ob man den Turm tauschen sollte oder nicht. Ich nenne solche Fragen Fifty-Fifty. Wie meist entschied ich mich objektiv natürlich falsch. Immerhin braucht auch eine spielstarke Engine einige Zeit um den vermuteten Vorteil zu verwerten.
Das Endspiel bereitete beiden Spielern einige Probleme. Aber auf der positiven Seite zu sein, erleichtert es natürlich. Gibt es für Weiß noch einen Gewinnplan? Wie sollte der Weiße hier fortsetzen? Die Lösung findet sich in der folgenden Partienotation.
Fünfmal Matt. Einmal selbst in einem Mattnetz gelandet
Eigentlich halte ich mich für einen Positionsspieler. Einige Wochen zuvor war ich in einem Schachcamp von Killer Chess Training in Spanien. Das Thema war Positionsschach. Es gab täglich mehrere Rechenaufgaben zu lösen. Die Vielzahl der Mattangriffe in diesem Turnier kam für mich jedenfalls überraschend. In der ersten Partie durfte ich Matt setzen. In der dritten Partie bekam ich ebenfalls einen Mattangriff hin und in den Runden sechs und sieben gelang mir ein Mattangriff nach Hilfe meiner Gegner. In der Schlussstellung meiner Niederlage gegen Dieter Pirrot war ich selbst davor Matt gesetzt zu werden. Die Schlussstellung gegen Arno Zude war ebenfalls eine Mattkonstruktion.
In meiner zweiten Schwarzpartie war mir die Eröffnung gefühlt gut gelungen. Schwarz stand hier zufrieden stellend. Leider war ich einen Moment unaufmerksam und mein Gegner nutzte seine Chance sofort, musste aber dann mit wenig Bedenkzeit seinen Angriff richtig vortragen und das gelang ihm letztlich nicht. Das folgende Diagramm zeigt die letzte kritische Stellung.
Wie sollte Weiß hier fortsetzen? Mit wenig Restbedenkzeit griff Michael Stierhof daneben. Glück gehabt.
Wie es zu der letztlich entscheidenden Situation kam
Aus der Eröffnung heraus war es mir gelungen, meinen Gegner zu beschäftigen und gefühlt war die Initiative bei mir. Leider misslang mir mein 19. Zug und mein Gegner ergriff beherzt seine Chance. Der Angriff trug Michael unter Zeitdruck nicht ausreichend überzeugend vor und am Schluss war Taktik gefragt.
Fifty Fifty – falsch entschieden
In der sechsten Runde wollte ich mit Weiß unbedingt erstmals gewinnen, um nach der Niederlage in der fünften Runde den Anschluss nicht zu verpassen. Ich hatte hier im 17. Zug zwei Kandidaten zur Auswahl. Entweder ich nehme auf g4 zurück oder ich ziehe meine h-Bauern vor, um meinen Angriff zu beschleunigen. Wie immer lag ich falsch mit meiner Entscheidung, konnte mich aber an dem Tag auf meinen Gegner verlassen, der einen rabenschwarzen Tag erwischt hatte.
Dieter Pirrot mit den schwarzen Steinen
Meine Duelle mit Dieter Pirrot, dem zweimaligen Deutschen Seniorenmeister 50+, sind in der Regel anstrengend, weil Partien mit ihm oft hart umkämpft und immer taktisch chaotisch verlaufen. Leider enden meine Partien gegen Dieter bisher meist mit einer Niederlage. Ich hatte diesmal den Fehler gemacht am Tag vor der Partie am Schnellschachturnier teilzunehmen. Und tatsächlich hatte ich bei der Vorbereitung dann erneut einige Lücken. Zudem war meine letzte Schwarzniederlage gegen Dieter noch im Kopf. Immerhin: Im Jahr zuvor hatte ich mit Weiß eine ordentliche Partie gegen ihn gewonnen. In Magdeburg 2021 war die Eröffnung nur teilweise schief gegangen, weil ich eine Empfehlung von Sam Shankland falsch in Erinnerung hatte und zufällig eine ebenfalls spielbare Nebenvariante fand. Darauf hatte ich mein ganzes Kurzrepertoire gegen sein bevorzugtes Alapin-System ausgerichtet. Ein schmerzhafter Rückblick.
Mein Gegner war mir 2021 in Magdeburg in eine kurze Engine-Vorbereitung vor der Partie gelaufen, nachdem ich kurzfristig meinen eigentliche Eröffnungsplan umgeschmissen hatte. Leider fehlte mir etwas Zeit und die Feinheiten seiner Abweichung von meiner Nebenvariante musste ich am Brett finden. Das erwies sich als zu große Herausforderung an dem Tag. Wie sollte Schwarz hier spielen?
Überspringen wir das Mittelspiel der Partie in Magdeburg. In jeder Blitzpartie spielt man hier den Zug mit dem König nach b2 und gewinnt den Läufer. Aber Weiß hat einige Freibauern und ich machte mich etwa eine halbe Stunde daran, Varianten zu berechnen. Ich scheiterte mit meiner Entscheidung. Wie sollte es Weiß am besten halten mit seinem König? Sollte dieser auf Läuferfang gehen? Oder doch nicht? Die richtige Antwort findet sich in der folgenden Notation.
Runde 5: Eine frühe falsche Entscheidung und eine verpasste Chance
Hier stand ich vor meinem 15. Zug mit Schwarz. Ich hatte drei Kandidaten: den Bauernzug f7-f6, den Springerzug nach b6 und sofortiges Besetzen der c-Linie. Ich fand den schlechtesten Zug, hatte aber immerhin meine Gründe dafür.
Arno Zude: Revancheversuch nach 33 Jahren
Ich war eigentlich gar nicht für das erste Brett in der zweiten Bundesliga vorgesehen, sondern nach meiner Erinnerung am fünften Brett gemeldet. Aber unser damaliger Sponsor schaffte es nicht immer ein paar Profis ranzuschaffen und so spielte ich unter anderem gegen Arno Zude am ersten Brett. Die Partie folgte damals einer üblichen Spielweise gegen Maroczy-Aufbau meines Gegners, die allerdings für Schwarz, so weiß ich es heute, eher nicht empfehlenswert ist.
Hier fing die heiße Phase in unserer Partie in Bad Neuenahr 2025 an. In der Eröffnung war ich bereits im fünften Zug durch eine Zugumstellung meines Gegners etwas aus dem Konzept geworfen worden. Ich fand die gegnerische Spielweise bis hierhin nachvollziehbar und fühlte mich wegen der Drohung des Läuferzuges nach h5 nicht mehr sonderlich wohl. Allerdings hatte mein Gegner in seinem Lager einen schwachen Bauern auf h6 und ich immerhin das Läuferpaar.
Fazit: Im Verlauf des Turniers erreichte ich eine ausreichende Anzahl an gut spielbaren Stellungen mit Gewinnchancen. Die für mich recht hohe Quote an Fehlern im gesamten Turnier ist sicher auch der eigenen Risikobereitschaft geschuldet.
Fotos: Dariusz Gorzinski. Mehr Fotos von Dariusz finden sich auf seinem Flickr-Account.
In einem ersten Teil wurden die Turnierereignisse der Deutschen Meisterschaft genauer beleuchtet.
Vom 5. bis zum 29. Juli spielen die weltbesten Frauen in Batumi in Georgien drei Qualifikationsplätze für das Turnier der Kandidatinnen 2026 aus. Es geht um fast 700.000 US-Dollar. Deutsche Frauen sind nicht dabei. Was Fans wissen müssen.
Von Thorsten Cmiel
Lu MiaoyiDivya mit Legende
Der Zeitplan
FIDE-Turniere sind der pure Luxus bei der Vorbereitung. Wochen vor dem Turnier sind die Gegnerinnen bekannt. Dabei gab es diesmal einiges Verwirrung um die Teilnehmerinnen. Das Paarungsschema selbst steht ohnehin fest. Bei 64 Teilnehmerinnen beispielsweise spielt die #1 gegen #64, #2 gegen #63 und so weiter. Für die Folgerunden ist der Paarungsbaum so angelgt, dass bei Erfolg zum Schluss die #1 gegen die #2 antreten darf. In der ersten Runde gibt es bei den jetzt 107 Teilnehmerinnen 43 Paarungen. 21 Spielerinnen, die in der ersten Runde noch nicht antreten müssen, kommen dann hinzu.
Anna MuzychukStavroula TsolakidouTeodora Injac (SRB)Noch dabei: Alexandra Kosteniuk (SWZ)Diesmal nicht dabei. Dinara Wagner (GER)Noch nicht dabei. Bodhana Sivanandan (ENG)
Vom 11. bis zum 19. Juni 2025 spielten die Senioren ihre deutschen Meister im Schach aus: mit klassischer Bedenkzeit, im Blitzschach (5+3) und im Schnellschach (12+5). Gespielt wurde im 2021 überfluteten Kurhaus von Bad Neuenahr-Ahrweiler. Nach 2014 ist das die zweite deutsche Seniorenmeisterschaft im Kurhaus.
Von Thorsten Cmiel
Bei der Anfahrt wollte mein Navi mich über eine nicht mehr existente Brücke lotsen. Die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler wurde 2021 bei der verheerenden Flutkatastrophe im Ahrtal schwer getroffen, wobei zahlreiche Brücken, Straßen und Gebäude zerstört wurden und zahlreiche Menschen ums Leben kamen. Die Stadt gehört zu den Orten mit dem größten Schadensausmaß, heißt es. Inzwischen wurden weite Teile des Kurhauses, das den Schachspielern als Spielort diente, renoviert. Direkt neben dem Kurhaus führt die Ahr inzwischen nur wenig Wasser und man kann sich kaum vorstellen wie hoch das Wasser vor vier Jahren floss und das Steigenberger Hotel, auf der anderen Seite vom Kurhaus, im Erdgeschoss unter Wasser setzte. Im Hotel stand das Wasser bei 2,8 Meter und die Renovierungen einzelner Hotelteile dauern noch an. Inzwischen sieht alles wieder weitgehend schick aus und bot ein tolles Ambiente für ein Schachturnier.
Foto: TC.Foto: TC.
Bad Neuenahr-Ahrweiler im Wiederaufbau
Noch ist nicht alles wieder in Ordnung in Bad Neuenahr und manches wird nie wieder wie zuvor: Der junge Croupier vollführt nach jedem Wurf der Kugel an einem der zwei American Roulette-Tische eine yodaske Handbewegung, nichts geht mehr. Nachdem die geworfene Zahl feststeht, folgt die Auszahlung an die wenigen Spieler am Tisch, meist verschwinden mehr Einsätze in einem schwarzen Loch als ausgezahlt werden. Das ist bekannt und pure Mathematik, aber Spieler glauben an ihr Glück. Die Spielbank Bad Neuenahr erhielt 1948 ihr Konzession. Die Flutkatastrophe im Juli 2021 führte zu einem zwangsweisen Umzug. Seit Juni 2023 wird im Bahnhof gespielt. Neben Roulette gibt es hier vor allem Spielautomaten bei denen das Geld meist noch schneller als beim Roulette den Besitzer wechselt. Gelegentlich gewinnt ein Spieler ordentlich und treibt dadurch die anderen an. 2021 war die Spielbank glücklicherweise gegen die Naturkatastrophe versichert, aber in Zukunft wollen Versicherer das Risiko einer erneuten Flutwelle nicht mehr tragen. Die Spielbank soll daher dauerhaft im Bahnhof bleiben und ein Anbau zur Vergrößerung ist ebenfalls geplant, aber das Kurhaus wird wohl nie wieder die Spielbank beherbergen. So bedeutend und früher dreimal so groß wie jetzt, wird die Spielbank vermutlich nie wieder werden.
Die Nachwirkungen der Flut bedeuten konkrete Veränderungen für Anwohner. Die Immobilienpreise beispielsweise sind deutlich niedriger als vor der Flutwelle. Schaut man in die Auslagen der Immobilienmakler in der Stadt, dann findet sich manches Schnäppchen wie die teilsanierte 4-Zimmer-Eigentumswohnung von 135 Quadratmeter unter dem Dach in einer schicken Gründerzeitvilla aus dem Jahr 1895, gelegen direkt am Kurpark, die nur schlappe 300.000 Euro kosten soll.
Die deutsche Meisterschaft der Schachsenioren war eines der ersten Events im wieder hergestellten Kurhaus. Die älteren Senioren spielten im größeren Kursaal und die jüngere Altersklasse trat im Barocksaal an. Es ging weniger um Preisgeld, sondern vor allem um das Verewigen des eigenen Namens auf der Quadriga, das ist der Wanderpokal, der aber nicht weitergereicht wird.
Chess Classics 2026 in Bad Neuenahr
In 2026 sollen im Kurhaus Bad Neuenahr mit dem Hotel Steigenberger als Turnierhotel drei Seniorenturniere (50+ 65+ und 75+) stattfinden. Der Termin steht auch schon: vom 27. Mai bis zum 4. Juni 2026. Ausrichter ist der Förderkreis der Senioren. Mit dem Turnier greifen die Organisatoren die Tradition der Chess Classics von 2017, 2018 und 2019 auf. Danach fand das Turnier bisher nicht mehr statt. Die Teilnehmerzahlen lagen in der Vergangenheit zwischen 161 und 171. Im nächsten Jahr soll das Angebot der verfügbaren Unterkünfte im Ort höher ausfallen. Das Steigenberger Hotel will Einzelzimmer für 100 Euro und Doppelzimmer für 152 Euro pro Nacht anbieten, heißt es.
Selbstfinanzierer Senioren
Die Teilnehmerzahl war nicht so hoch wie bei der letzten Seniorenmeisterschaft in Bad Wildungen. Im Vorfeld gab es Irritationen um einen Flyer der lokalen Organisatoren für die Veranstaltung, der vom Deutschen Schachbund vor allem wegen der Verwendung einer Schriftart nicht akzeptiert wurde, und dessen später Ersatz in der Produktion längere Zeit ein Informationsvakuum erzeugte. Dass diese Provinzposse die Teilnehmerzahl beeinflusst hat, ist wahrscheinlich, meint Gottfried Schumacher, der den Kontakt zum Hotel vor Ort hielt. Schumacher zeigte sich enttäuscht von der Zusammenarbeit mit der Geschäftsstelle in Berlin.
Das Start- und Organisationsgeld für die klassische Meisterschaft lag mit 140 Euro (inklusive Getränkepauschale) sicherlich schon am oberen Limit – auch im Vergleich mit privat organisierten Turnieren, die selten mehr als 100 Euro Startgeld nehmen. Der Deutsche Schachbund schreibt laut Kongressunterlagen für die Senioren bis 2027 die Haushaltsposition mit der Kontobezeichnung „2845“ mit 600 Euro pro Jahr fort. Insofern müssen die Senioren ihre Meisterschaften auch unter neuer Führung komplett kostendeckend organisieren. Vielleicht wird die Veranstaltung im Rahmen des Schachgipfels bei dann geringeren Mietkosten für einen Turniersaal ebenfalls für die Senioren wieder günstiger.
Letztlich gab es in diesem Jahr bei der Registrierung noch einige Absagen. 195 Spielerinnen und Spieler traten mit klassischer Bedenkzeit an. 40 hiervon waren Jungsenioren (50+). Übertragungen per DGT-Brettern sind bei der Teilnehmerzahl nicht drin. Sechs Spieler, die nicht als FIDE-Deutsche antreten, waren dabei und konnten das Turnier und Preisgeld gewinnen, aber nicht deutscher Meister werden. In 2014 hatten 347 Spielerinnen und Spieler in zwei Leistungsgruppen in Bad Neuenahr die damalige deutsche Meisterschaft, damals noch ohne die Gruppe 50+ mitgespielt. Es bleibt zu hoffen, dass im nächsten Jahr Mitte Juli in Dresden wieder mehr Teilnehmer an den deutschen Seniorenmeisterschaften teilnehmen.
Ahrathon
Während die Senioren ihre Meister im Schach ermittelten war gleichzeitig an einem Samstag der „Ahrathon“ ein größeres Sportereignis. Neben unterschiedlich langen Laufstrecken absolvierten einige Teilnehmer das Rennen in Kostümen. Das Wetter war schwül und das Laufen auch in normaler Sportkleidung eine schweißtreibende Angelegenheit. Selbst als Zuschauer lief das Wasser. Offenbar hatten manche Teilnehmer dennoch viel Spaß. Als Verpflegung gab es neben Wasser auch eine Ration Wein für die Teilnehmenden.
Staffelübergabe
Der neue kommissarische Seniorenreferent Wolfgang Cleve-Prinz kam auch zweimal vorbei. Der Weg von Wissen im Landkreis Altenkirchen (Westerwald) war nicht weit. Während zwei potentielle Nachfolger bei Wahlen durchfielen, bekam der Neue den Job ohne dieses persönliche Risiko. Vielleicht gelingt es dem Diplom-Psychologen die weitgehende Sprachlosigkeit zwischen Senioren und Präsidium durch gute eigene Gesprächsführung in den Folgejahren zu beheben. Mit mehr Gehör für die Belange der Senioren beim Deutschen Schachbund kann er sicherlich ebenfalls bei den Senioren punkten. Im nächsten Jahr wäre ein wettbewerbsfähigeres Startgeld sicher ein guter Anfang. Vielleicht entzerrt der Seniorenreferent auch die Blitz- und Schnellschachmeisterschaften wieder von den Meisterschaften im klassischen Schach, dann nehmen sicherlich wieder mehr Spielerinnen und Spieler teil. Eine meines Erachtens gute Idee und einen Versuch wert wäre ein Art Senioren-Speed-Gipfel mit beiden Turnieren an einem separatem Wochenende.
Nach zunächst leichten Irritationen wegen des Spielortes der Senioren-Mannschaftsmeisterschaft in Bad Soden-Saalmünster ist jetzt dieses Turnier beim Deutschen Schachbund ausgeschrieben und soll stattfinden.
Wie es ausging
Bei den jüngeren Senioren waren die zwei Internationalen Meister Arno Zude und Titelverteidiger Dieter Pirrot klar favorisiert. Es folgen neun Spieler mit einer Elozahl von 2100 bis 2158. Bei den älteren Senioren schien es nicht nur wegen der größeren Teilnehmerzahl, sondern auch wegen einer größeren Leistungsdichte, spannender zuzugehen. Titelverteidiger war Jürgen Juhnke, der mit Jahrgang 1949 auch in der Kategorie Nestoren (75+) antrat. Bei den Senioren 65+ gehörten mit Evgueni Chevelevitch und Yuri Boidman ebenfalls zwei Internationale Meister zu den Favoriten.
Senioren 50+: Wagner-Spiele
Bei den Jungsenioren gab es letztlich ein echtes Endspiel der zwei Führenden. Dieter Pirrot hatte die weißen Steine gegen Hans Wagner vom SC Stein, einem kleinen Ort in Mittelfranken aus dem Landkreis Fürth. In der Runde zuvor hatte Wagner aus scheinbar gefährdeter Stellung heraus im Angriff gegen Igor Vlasov gewonnen und sich so einen halben Punkt Vorsprung erarbeitet. Die Eröffnung verlief in der Schlussrunde zunächst gut für den Favoriten. Etwas später übersah Pirrot allerdings eine Verteidigungsressource bei schon reduziertem Material, so mein seitlicher Eindruck. Letztlich bot Dieter Pirrot das Remis an und Hans Wagner griff zu. Den Titel bei den Frauen 50+ holte sich Britta Leib aus Neumünster.
Quelle Screenshot: chess-results.com.
Endstand Top7: Senioren 50+ Bad Neuenahr 2025
#
Name
Verein (Ort)
Elo (Juni 2025)
Punkte
Perfomance (Elo+/-)
1
Hans Wagner
SC Stein
2120
7.0
2280 (+36)
2
Dieter Pirrot
–
2320
6.5
2269 (-7)
3
Arnold Huhndorf
SV Turm Bergheim
2100
6.5
2275 (+42)
4
Thorsten Cmiel
Lasker Köln
2127
6.5
2271 (+35)
5
Igor Vlasov
Brühler SK
2128
6.0
2240 (+27)
6
Gerald Löw
Bindlach Aktionär
2158
5.5
2162 (+2)
7
Arno Zude
SV Hofheim
2311
5.5
2181 (-13)
Ausgelost wurde nach TWZ (Turnierwertzahl), ein seltsamer Mix aus Elozahl und Deutscher Wertzahl (DWZ). Diese Herangehensweise hat Auswirkungen auf die Auslosung und Rangliste vor dem Turnier. Weitere Informationen zum Turnier finden sich hier. Ursprünglich waren in beiden Gruppen sieben Preise ausgeschrieben – bei mindestens 250 Teilnehmern. Wegen der zu geringen Teilnehmerzahl wurden die Preise wie angekündigt reduziert und ein Preis gestrichen. Ich bleibe bei den Top7-Spielern als Preisträgern. Preise sind ohnehin nicht die Hauptmotivation für die Teilnahme an Schachturnieren und bei den Senioren schon gar nicht. Eine interessante Diskussion zum Thema Seniorenpreise findet sich derzeit beim Schachkicker.
Senioren 65+: Yuri Boidman zum Dritten
Bei den älteren Senioren endeten die vorderen drei Paarungen zügig ebenfalls unentschieden. Dahinter wurde zunächst gekämpft. Dennoch endeten letztlich die Partien an den ersten sechs Brettern allesamt Remis. Von den Spielern ganz vorne fiel nur Friedbert Prüfer letztlich noch aus den Preisrängen. Yuri Boidman hatte 2014 bereits mit acht aus neun Partien seine erste deutsche Meisterschaft geholt und 2022 hatte er ebenfalls gewonnen. Bei den Frauen gewannen Annett Wagner-Michel (65+) und bei den Nestoren lag Ulrich Nehmert aus Wiesbaden vorne, der aber als Dritter im Gesamtfeld keinen zweiten Geldpreis erhielt.
Quelle Screenshot: chess-results.com.
Endstand Top 7. Senioren 65+ Bad Neuenahr 2025
#
Name
Verein (Ort)
Elo (Juni 2025)
Punkte
Performance (Elo+/-)
1
Yuri Boidman
Neuwied
2237
7.5
2363 (+13)
2
Stephan Buchal
Werder Bremen
2235
7.0
2338 (+23)
3
Ulrich Nehmert
Wiesbaden
2260
7.0
2342 (+19)
4
Michael Schulz
Spandau
2069
6.5
2227 (+38)
5
Holger Namyslo
Biberach
2135
6.5
2228 (+22)
6
Jürgen Juhnke
Lister Turm
2236
6.5
2193 (-7)
7
Wolfgang Polster
SV Koblenz
2106
6.5
2197 (+22)
Weitere Informationen zu den Siegern und Ergebnisse finden sich hier.
Blitzmeister: Schneider, Seyb (65+) und Schumacher (Nestoren). Schnellschach: Hans-Werner Ackermann.
Im Rahmen der deutschen Seniorenmeisterschaften fanden die Blitzmeisterschaften der Senioren statt. Gespielt wurden neun Runden nach Schweizer System. Bei den Jungsenioren nahmen 23 Spieler teil, die teilweise nur für das Blitzturnier nach Bad Neuenahr kamen. Schneider wollte es erneut wissen und hatte seine roten Schuhe angezogen. Bei den Frauen gewann Meisterschaftssammlerin Anita Stangl den ersten Preis beim Blitzen und genau wie zwei Tage später im Schnellschach.
Beim Schnellschachturnier gab es bei den jüngeren Senioren zu wenig Teilnehmer für eine eigene Gruppe. Vorne lagen am Ende vor allem die älteren Senioren, angeführt von Hans-Werner Ackermann, der mit 7.5 Punkten und einem vollen Punkt Vorsprung durchs Ziel ging. Der beste Jungsenior war Andreas Gypser vor Gerald Löw, die mit jeweils sechs Punkten durch das Ziel gingen.
Fotos: Dariusz Gorzinski.
Ergebnisse der Blitz- und Schnellschachmeisterschaften bei Chess Results. Blitz 50+, Blitz 65+, Schnellschach (Joint Group).
Ausgewählte Partiemomente von den Seniorenmeisterschaften
Mattkonstruktionen
Beginnen wir mit zwei recht einfachen Mattbildern, die ich in den ersten beiden Runden gesehen habe. Die Namen der betroffenen Spieler sind mir entfallen.
Weiß ist am Zug. Wie kann er die gegnerische Verteidigungsstellung aufbrechen?
Lösung (Hier Klicken)
Weiß gibt drei Schachgebote und beginnt mit dem Bauernschachgebot mit dem f-Bauern. Schwarz muss seinen König nach g7 ziehen, sonst wäre die Dame ungedeckt. Weiß gibt ein zweites Schachgebot auf e5 und da Schwarz seinen Turm nicht gut nach f6 ziehen kann, er würde mit Matt geschlagen, muss Schwarz mit seinem König nach h6 und Weiß kann mit dem Turm auf h2 nicht nur ein weiteres Schachgebot geben, sondern diesmal ist es Matt. Der Schwarzspieler gab nach dem Damenschach auf.
Diese Partie ist erkennbar bereits entschieden zugunsten des Nachziehenden. Der weiße König steht gefährdet. Schwarz ist am Zug und sollte am besten wie fortsetzen?
Lösung (Hier Klicken)
Schwarz beginnt mit einem Turmschach auf f5. Weiß bleibt keine Alternative, der Turm muss geschlagen werden. Danach gab Schwarz mit seiner Dame auf f3 Schach und Matt.
Endspielmomente
Einige Partien wurden erst in der letzten Partiephase entschieden. Einige Stellungen sind mir beim Herumlaufen aufgefallen, da sie interessante Fragen aufwarfen. Bei den älteren Senioren wurden wichtige Weichen im Kampf um den Titel in zwei Endspielen von Stephan Buchal gestellt.
In dieser Stellung aus der zweiten Runde in der Gruppe 65+ ist Weiß am Zuge. Schwarz hat ernsthafte Probleme mit dem gegnerischen h-Bauern. Randbauern sind für Springer immer eine ganz besondere Herausforderung. Die erste Frage lautet jedoch konkret, ob hier Weiß bereits auf Gewinn steht. Welchen Zug sollte man Weiß empfehlen? Leider liegt mir die Notation nicht vor, daher musste ich die wesentlichen Momente rekonstruieren und kann nicht den gesamten weiteren Partieverlauf wiedergeben.
Lösung (Hier Klicken)
Einige Züge später war diese Stellung auf dem Brett. Zur Verteidigung muss Schwarz hier nur noch seinen König nach h7 beordern und danach kommt Weiß nicht mehr weiter. Schwarz kann dann einfach mit dem Springer munter hin und her hüpfen. In der Partie begann Schwarz hier richtigerweise mit dem Königszug nach g8 und nach dem Läuferzug nach f6 folgte der Springer nach d5, Weiß musste den Läufer erneut ziehen und Schwarz gelang das gewünschte Set-up. Als kleine Randnote sei erwähnt, dass einige Bretter weiter in der Partie von Franz Paus und Martin Launert das exakt gleich konstruierte Endspiel auf dem Brett stand. Auch erreichte Schwarz das Schlüsselfeld h7 zur dauerhaften Blockade, dort gelang es Weiß nicht einmal den h-Bauern bis h6 voranzubringen.
Dieses spannende Endspiel mit Weiß am Zuge entstand in der Partie der zweiten Runde zwischen Holger Busacker und Georg Haubt in der Gruppe 65+. Ich dachte mir, das Schwarz hier gute Gewinnchancen haben müsse. Die erste Etappe meines Gewinnplans bestand darin, den eigenen h-Bauern bis nach h3 vorzuschieben und so dem gegnerischen, weißen König die Annäherung an den h-Bauern zu verwehren. Danach kann der schwarze Turm offensichtlich nicht mehr ziehen. Danach wollte ich mal schauen, wie es weitergeht. Ich lag richtig und falsch, da ich ein wichtiges Detail übersah. Zunächst ist aber Weiß am Zuge und kann seinen c-Bauern ein Feld oder zwei Felder vorziehen. Was ist richtig?
In diesem Endspiel musste Michael Stierhof mit Schwarz gegen Thomas Biegel in der Gruppe 50+ nur noch ein Hürde umschiffen. Wie erreicht Schwarz das Remis? Beim späteren Abgleich mit der Datenbank fand ich für exakt dieses Endspiel vier Vorgängerpartien. Dreimal ging es Remis aus und einmal verlor Schwarz. Jetzt steht es 3.5 zu 1.5 für Weiß.
Wichtige Vorentscheidungen bei den Senioren 65+ im Endspiel
In der sechsten Runde kam es am Spitzenbrett zu der Begegnung zwischen Stephan Buchal und Holger Namyslo, die beide einen halben Punkt Vorsprung vor dem Feld hatten. Nach 40 Zügen erreichten die Spieler nach intensivem und etwa ausgeglichenem Kampf ein spannendes Läuferendspiel. Schwarz wird den a-Bauern gewinnen, dafür wird sein Gegner seinen König aktivieren. Die Frage lautet also nur, wie Schwarz das Remis erreichen kann. Die Stellung ist extrem rechenintensiv und hier war bereits ein wichtiger Moment erreicht.
Wie sollte Weiß hier noch einen Gewinnversuch unternehmen? Er kann seinen Läufer auf die lange Diagonale bringen und den Läufertausch erzwingen, aber ist der Anziehende dann schnell genug im Bauernendspiel unterwegs? Tatsächlich ging es hier um genau ein Tempo. Aber zunächst muss muss man einen Weg finden, um überhaupt noch Gewinnchancen zu entwickeln.
In der siebten Runde lag Stephan Buchal nach seinem Sieg in der Runde zuvor mit einem halben Punkt vorne und wäre im folgenden Endspiel mit Schwarz gegen Yuri Boidman mit einem Remis sicherlich zufrieden gewesen. Die entstandene Stellung direkt nach dem Kontrollzug sollte wieder ausgeglichen sein. Allerdings ließ sich der Bremer verunsichern und spielte in der folgenden Stellung bereits leicht ungenau, da er die aktiven Möglichkeiten seines Gegners übersah. Tragisch war das allerdings zunächst nicht.
Doppelturmendspiele sind oft schwieriger zu handhaben als einfache Turmendspiele, da man sich gelegentlich mit den gegnerischen Chancen auf einen Königsangriff beschäftigen muss. Hier lautet die einfache Frage: Welchen Zug sollte Schwarz hier warum spielen?
Mira Kierzek gewann die zweitletzte Partie in Bad Neuenahr. Mit Läufer und Springer gegen den blanken König. Foto: Dariusz Gorzinski.
Weitere schachliche Momentaufnahmen
Diese Endspielstellung stammt aus der dritten Runde und der Partie von Matthias Wasmuth und Thorsten Sicars bei den jüngeren Senioren und wird zum Selbststudium empfohlen. Die bessere weiße Turmpostierung genügt hier für Ausgleich. Ein Detail ist, dass ein weißer a-Bauer mit Schach umwandeln würde.
Arno Zude (Jahrgang 1964) ist Internationaler Meister seit 1995 und bereits seit 1988 Großmeister im Lösen von Schachaufgaben und Studien. 1994 gewann Arno die Weltmeisterschaft im Lösen von Schachaufgaben und Studien. Die folgende rechenintensive Schlussphase will man gegen einen anderen Gegner vielleicht eher haben. Die Eröffnung war Thorsten Sicars ein wenig misslungen und er stand in der obigen Stellung bereits auf Verlust. Aber durch den Variantendschungel muss man trotzdem erst einmal durch.
Eine weitere Partie aus dem Turnier der Jungsenioren. Manchmal täuscht die Optik. Hier allerdings meines Erachtens nicht. Ich war zwar beschäftigt mit meiner eigenen Partie, aber hier stand Gerald Löw mit Weiß gefühlt schon klar besser. Wie ist die Stellung objektiv einzuschätzen? Wie sollte Weiß hier am besten fortsetzen? Das ist allerdings nur der Auftakt zu einer spannenden Partiefortsetzung, die einen überraschenden Verlauf nahm und ein Comeback des Schwarzspielers Guido Schott sah.
Weitere Foto-Impressionen
Fotos: Dariusz Gorzinski.
Dariusz ist ein Hobbyfotograf aus Dortmund, den ich bei der Schacholympiade in Budapest kennengelernt habe. Ich konnte ihn irgendwie überzeugen in Bad Neuenahr vorbeizukommen. Wer mehr Fotos von Dariusz sehen will, der sei auf seinen Flickr-Account verwiesen.
Fotos: John Brezina.
In einem zweiten Teil zur deutschen Meisterschaft in Bad Neuenahr folgt noch ein eher persönlicher Turnierrückblick mit einem Schwerpunkt auf meine eigenen Mittelspiele.
Aus Transparenzgründen: Der folgende Flyer (links) wurde wegen der Verwendung der Frakturschrift nur in der Überschrift auf Seite 1 vom Deutschen Schachbund abgelehnt. Der neue Flyer (rechts) sah auf Seite 1 so aus.
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Auf dem Kongress des deutschen Schachbundes in Paderborn ging es nach zwei Jahren der finanziellen Konsolidierung wieder einmal hoch her. Im Gespräch ordnet Michael Sebastian Langer, Multifunktionär aus Niedersachsen, das Geschehen ein, erklärt wie die Wahlen abliefen und die Ergebnisse einzuordnen sind. Langer blickt verhalten optimistisch in die Zukunft und hofft auf neue Impulse für das organisierte deutsche Schach. Ein Gespräch.
Von Thorsten Cmiel
Zusammenfassung
Michael Sebastian Langer (aka MSL) ist Präsident des Niedersächsischen Schachverbandes und Vizepräsident des Landessportbundes Niedersachsens mit eigenem Wikipedia-Eintrag. Zu den früheren Funktionen Langers gehört die als Schatzmeister und Vizepräsident im Deutschen Schachbund. Das Gespräch dreht sich zunächst um die kürzlich stattgefundenen Wahlen beim Bundeskongress des Deutschen Schachbundes (DSB). Im zweiten Teil äußert sich Langer, ganz der Haushälter, über die finanzielle Strukturierung von Veranstaltungen, den geplanten Gipfel in Dresden und eine Jubiläumsveranstaltung. Aus Langers Sicht herrscht Unsicherheit über die Effektivität der Kommunikation der Pläne und ob die Ziele klar verstanden wurden. Langer erwartet, dass der neue Vizepräsident Finanzen durch kreative Ansätze und Führung die Entwicklung im Deutschen Schachbund positiv beeinflussen kann.
Wer bist du?
MSL: Michael Sebastian Langer, Präsident des Niedersächsischen Schachverbandes. Seit sechseinhalb Jahren bin ich Vizepräsident des Landessportbundes Niedersachsens. Zudem bin ich im Rundfunkrat des Norddeutschen Rundfunks. Und noch ein paar Sachen mehr.
Du warst ebenfalls mal in der Funktion als Finanzchef aktiv beim Deutschen Schachbund. Hieß das damals bereits Vizepräsident?
MSL: 2003 bis 2009 war ich Schatzmeister, dann wurde es umbenannt. Dann hieß es die nächsten sechs Jahre Vizepräsident für Finanzen, und von 2011 bis 2015 war ich zusätzlich stellvertretender Präsident.
Stellvertretender Präsident. War das eine „geborene“ Funktion?
MSL: Nein, das passierte in einem jeweils nachgelagerten Wahlgang.
Ende Mai fand der Bundeskongress des Deutschen Schachbundes statt und da gab es Wahlen. Wie läuft die Wahl eines Präsidenten ab? Worum geht es dabei?
MSL: Im Idealfall geben diejenigen, die Präsident oder Präsidentin werden wollen, das im Vorfeld bekannt, kandidieren also öffentlich. Dann sind die Wahlvorschläge zu einem bestimmten Zeitpunkt der Tagesordnung dran. Die Präsidentschaft wird zuerst entschieden und es wird grundsätzlich geheim gewählt, selbst bei nur einem Kandidaten. Bei zwei Kandidaten ist dies selbstredend. Dann stellen sich die Kandidaten noch mal kurz vor. Sie erläutern dem Kongress in knapp fünf Minuten, warum sie die jeweils richtige Person sind. Das war auch diesmal der festgelegte Modus. Beide bekamen zudem die Möglichkeit, drei Fragen aus dem Plenum zu beantworten.
Angetreten sind als Amtsinhaberin Ingrid Lauterbach und als Herausforderer Paul Meyer-Dunker aus Berlin. Beide hatten sich vorher bereits mit Antworten von Fragen im „Schachkicker“ kurz vorgestellt. Gab es überhaupt Fragen?
MSL: Es gab klassische Fragen aus dem Plenum. Wo sehen Sie sich in fünf Jahren? Wie geht man mit bestimmten politischen Entwicklungen um? Die Fragen brachten für mich keine zusätzliche Erkenntnis. Sie sind aber eine Gelegenheit für die Kandidaten. Ich glaube, dass die allermeisten im Raum aufgrund von Erkenntnissen gewählt haben, die sie im Vorfeld erzielen konnten.
Unabhängig von der Frage, wen ihr gewählt habt, hattet ihr im Schachverband Niedersachsen irgendeine Absprache? Wie viele Delegierte aus Niedersachsen waren dabei?
MSL: Wir haben insgesamt 13 Stimmen, die haben wir auf vier Delegierte verteilt und wir waren zur Vorbereitung des Gesamtkongresses abgestimmt, also sowohl was die Personalien angeht, aber auch bezogen auf die Inhalte. Dafür haben wir zwei ausführliche vorbereitende Sitzungen gehabt, in denen wir die Themen durchgegangen sind, haben uns auf Meinungsbilder und gemeinsame Vorgehen verständigt. Aber wir sind auch demokratisch in letzter Konsequenz, gerade bei geheimen Wahlen, diese sind natürlich freigegeben. Am Ende konnten sich unsere Leute also frei entscheiden. Ich glaube aber, dass sie sich an der Linie entlang verhalten haben, die wir vorher festgelegt hatten.
DSB-Kongress in Paderborn. Foto: Matthias Wolf (Deutscher Schachbund)
Zur Präsidentenwahl. Es gab Störgeräusche, direkt am Anfang des Kongresses wurde eine persönliche Erklärung des ehemaligen Vizepräsidenten Verbandsentwicklung verlesen, die zu Reaktionen führte. Es kam heraus, dass die Zusammenarbeit im Präsidium nicht so funktionierte, wie man erwarten sollte. Wie ist deine Einschätzung?
MSL: Nach der Art und Weise, wie diese persönliche Erklärung abgewickelt wurde, hat eine Diskussion darüber kaum stattgefunden. Das ist vielleicht bedauerlich. Zum Vorgang selbst: Wenn ich eine inhaltliche Kritik habe, dann bewege ich meinen Hintern nach Paderborn, trage vor, was ich zu sagen habe und setze mich der Diskussion aus. Ein solches Vorgehen, dass es einen Brief gibt, der dann vorgelesen wurde, habe ich so noch nie erlebt. Die Inhalte deuten darauf hin, dass es zwischen Guido und insbesondere Ingrid alles andere als spannungsfrei zuging. Ich glaube, dass diese Botschaft die wenigsten Delegierten erreicht hat, sondern dass die Leute eher über das Verfahren und den gewählten Weg irritiert waren. Ich selbst nehme diesen Teil des Kongresses verständnislos zur Kenntnis. Hätte man mich gefragt, ob ich diese Erklärung vorlese, hätte ich gesagt: Das tue ich mir nicht an.
Es folgte die Vorstellungsrunde. Dann gab es die Abstimmung, die sehr knapp mit 116 zu 103 für Ingrid Lauterbach ausging. Wie ist das Ergebnis zu interpretieren?
MSL: Wir Niedersachsen können mit dem Ergebnis natürlich leben und umgehen. Wir hätten mit Paul zusammengearbeitet und wir arbeiten auch mit Ingrid zusammen. Sachlich, kritisch, konstruktiv. Ich selber bin in letzter Konsequenz sogar ein bisschen überrascht, dass Ingrid gewonnen hat. Das war nicht wirklich klar. Wenn man zwischendurch immer wieder den Flurfunk hörte, gab es tatsächlich Peaks in die eine oder andere Richtung. Ich selbst habe mich im Vorfeld immer zurückhaltend geäußert und gesagt: Wahlen werden am Freitagabend gewonnen. Und das hat auch in diesem Fall meines Erachtens so stattgefunden.
Im Vodergrund die Berliner Delegation. Foto: Frank Binding
Was passiert an einem Freitagabend vor so einem Bundeskongress?
MSL: Der Freitagabend und Vorabend eines Kongresses ist ein klassischer Begriff und da wird unfassbar viel bilateral gearbeitet und im Lager der Unsicheren eingesammelt. Das ist der Plan beider Kandidaten und letztendlich aller Kandidaten, die es zur Präsidentschaftswahl bisher gegeben hat. Der Freitag ist prinzipiell nicht geselliges Beisammensein, sondern für die, die was wollen, harte Arbeit.
Mit der Wahl der Präsidentin ist es nicht getan. Es gab noch andere Ämter zu besetzen.Was ist sonst noch passiert?
MSL: Zunächst zur Personalie Vizepräsident Sport.Bei Jürgen Klüners, ebenfalls Amtsinhaber, war das Ergebnis mit 124 zu 95 Stimmen gegen den auf Bundesebene weitgehend unbekannten Carlos Hauser sehr respektabel für den Herausforderer.
Hatten die beiden noch eine Rede gehalten? Und dann Nachfragen beantwortet?
MSL: Ja, tatsächlich. Die Zeitabläufe waren gestraffter und erlaubten nicht mehr die Ausführlichkeit wie bei der Präsidentschaftswahl.
Wie verlief die Wahl des Vizepräsident Finanzen?
MSL: Die Wahl von Alexander von Gleich erfolgte mit einem sehr deutlichen Ergebnis von 225-Ja-Stimmen ohne Gegenstimme.
Danach folgte die Wahl eines neuen Kandidaten Vizepräsidenten Verbandsentwicklung.
MSL: Jannik Kiesel ist bei der Schachjugend stellvertretender Vorsitzender und kommt aus Bad Kissingen, also aus dem Bayerischen Schachbund. Und da ist allen Beobachtern und auch mir aufgefallen, dass er quasi einstimmig gegen Bayern gewählt wurde, mit 165 zu 46 Stimmen.
Er kommt aus Bayern, aber wird von den Bayern nicht unterstützt?
MSL: Genau, Bayern hat komplett gegen ihn gestimmt.
Das war also keine geheime Wahl?
MSL: Die Wahlen sowohl von Alexander als auch Jannik waren offen, weil es keine Gegenkandidaten und auch keinen Antrag auf geheime Wahl aus dem Plenum gab.
Das neue Präsdium Jürgen Klüners, Jannik Kiesel, Ingrid Lauterbach, Alexander von Gleich. Foto: Deutscher Schachbund.
Kann Jannik stellvertretender Vorsitzender bei der DSJ bleiben?
MSL: Er selbst hat gesagt, er macht noch die Jugendmeisterschaften in Willingen und tritt dann zurück.
In der Vergangenheit gab es finanzielle Konflikte mit der DSJ. Hat man zu diesem Thema noch etwas gehört?
MSL: Es wurde besprochen, dass es immer noch die Rückforderungsdebatte gibt und die wurde erneut emotional angerissen. Am Samstagabend endete das mit dem Wunsch, dass es vom Tisch kommen sollte. Das war ein Antrag von Andreas Jagodzinsky aus NRW und der führte zu kontroversen Debatten. Ich selber habe mir einen Lösungsvorschlag bis zum nächsten Hauptausschuss gewünscht.
Kommen wir noch einmal zurück zu den Wahlen. Es gab eine weitere Personalentscheidung im Präsidium, die mehr etwas für Feinschmecker ist. Die Wahl des Stellvertreters.
MSL: Diese verlief in der Tat etwas ungewöhnlich. In einem zweiten Wahlgang wird der Stellvertreter des Präsidenten gewählt. Das hat satzungsrechtliche Gründe. Bei mir und in der Vergangenheit hatte man meistens folgende Situation: Der frisch gewählte Präsident schlägt, nachdem er sich mit dem Rest des Präsidiums abgestimmt hat, seinen Stellvertreter vor. In diesem Fall hat Ingrid Jürgen als ihren Stellvertreter vorgeschlagen und aus dem Publikum, ich glaube es war Paul, wurde Alexander von Gleich ins Rennen geschickt. Das war die erste Kampfkandidatur um das Amt des stellvertretenden Präsidenten, die ich erlebt habe. Alexander hat deutlich mit 138 zu 67 gewonnen.
Normalerweise würde man erwarten, dass ein Gegenkandidat vorher abwinkt. Hat Alexander von Gleich sich dazu geäußert?
MSL: Also wie gesagt, in einer normalen Welt hätte es diesen zweiten Vorschlag gar nicht gegeben. Vielleicht kam die Wahl für das Präsidium überraschend. Es kam jedenfalls zu einer Kampfabstimmung und der Vorschlag der Präsidentin hat sehr glatt verloren. Dann musste Jürgen Klüners ein drittes Mal antreten. Das ist eine Besonderheit des Deutschen Schachbundes, der möchte drei Vertreter, die laut Satzung BGB-Vollmacht haben: der Präsident, also hier die Präsidentin, der Stellvertreter des Präsidenten und der Finanzchef. Wenn wie hier der Finanzchef quasi die stellvertretende Rolle kriegt, dann muss ein weiteres Mitglied aus dem Präsidium gewählt werden. Also musste Jürgen erneut gegen Jannik Kiesel ran. Als Ergebnis dieser überraschenden Abstimmungen kann man sagen, dass beim Deutschen Schachbund zukünftig die Macht mit Alexander von Gleich ist.
Die Präsidentin hat sich eine Blöße gegeben, weil sie offensichtlich das Geschehen auf dem Kongress nicht einschätzen kann. Das erinnert an den Vorschlag einer nicht gelungenen Ehrung des letzten Kongresses, die keine Mehrheit fand…
MSL: Ich würde das Ganze auch als Fauxpas bewerten. Das kann man mit den Zahlen der Wahl zum Präsidium unterfüttern. Wahlen funktionieren in Gremien anders als „Jürgen ist mein Stellvertreter, weil ich das will.“ Das muss ich vorher intern abklären.
Die Präsidentin wollte einen neuen Vizepräsidenten für Digitales und Sicherheit schaffen. Woran ist das gescheitert?
MSL: Die Hürde für das Einführen eines neuen Postens im Präsidium ist eine Zweidrittel-Mehrheit und die wurde knapp verpasst. Für solch eine weitreichend Änderung muss man vermutlich vorher eine Ochsentour bei den Landesverbänden auf sich nehmen und das eigene Vorhaben erklären – das ist aber inzwischen aus der Mode. Ich persönlich denke, dass wir keinen neuen Vizepräsidenten, aber einen Verantwortlichen im Hauptamt für dieses eminent wichtige Thema benötigen.
Es gab noch eine Überraschung im Leistungssport. Der letzte Referent, Gerald Hertneck, ist nicht mehr angetreten. Im Leistungssport gibt es ohnehin viele Köche: Wir haben einen Vizepräsidenten Sport, den erwähnten Referenten, einen Sportdirektor, einen Bundestrainer und wir haben Aktivensprecher.
MSL: Da ist in der Tat viel durcheinander. Diese Struktur der Verantwortlichen ist historisch gewachsen durch neue Ämter, die über die Jahre hinzukamen. Der neue Referent ist Carlos Hauser, der als Bewerber zum Vizepräsidenten Sport ein achtbares Ergebnis gegen Jürgen Klüners erzielte. Als Belohnung gab es eine einstimmige Wahl zum Referenten.
Der DSB fand bei den Wahlen keinen Seniorenreferenten. Der vorgeschlagene Kandidat war im Vorfeld vermutlich nicht mehrheitsfähig. Hätte man nicht erwarten können, dass die Präsidentin für dieses wichtige Amt jemanden vorschlägt, der wahrscheinlich eine Mehrheit findet?
MSL: Es war vor einem halben Jahr bereits klar, dass der zunächst einzige Kandidat keine Mehrheit finden würde. Bei einer so früh absehbaren Vakanz hätte man sich um einen eigenen Kandidaten kümmern müssen. Ohne Etat ist das natürlich nicht einfach. Inhaltlich sehe ich eine Krise bei den Senioren. In den nächsten Jahren wird sich die Erwartungshaltung verändern und dafür benötigt man perspektivisch frisches Personal und neue Ideen. Ich glaube die Boomer, also unsere Generation, stellen andere Ansprüche. In jedem Fall ist es besorgniserregend, dass wir zunächst keinen Verantwortlichen für diese große Zahl an Mitgliedern im DSB gefunden hatten. Inzwischen gibt es einen kommissarisch eingesetzten Seniorenreferenten. Dem ist ein Etat und viel Erfolg zu wünschen.
In Euskirchen im Juni 2025. Boomer MSL und TC im Gespräch.
Zum geplanten Schachgipfel. Dieser soll 2026 in Dresden stattfinden. Das hört sich gut an.
MSL: In der Tat. Bei der Diskussion zum geplanten Gipfel war ich als einziger Kritiker aufgestanden. Aber ich bin nicht gegen einen Gipfel, sondern gegen die Art seiner Abbildung im Haushalt. Es ist keine zwei Jahre her, da mussten wir nach dramatischen Reden den Beitrag erst um drei und dann um einen weiteren Euro erhöhen. Dann haben wir einen Jahresabschluss 2024, der deutlich besser ist als was geplant war. Gut so. Wir haben deutlich mehr Geld in der Kasse. In den Haushalten 2026 und 2027 sind die Sonderveranstaltungen des DSB eingeplant, 2026 der Gipfel in Dresden, 2027 die Veranstaltung zum Jubiläum. Wir haben den Beitrag erhört, um die Liquiditätsrücklage zu stärken. Und jetzt sind diese zusätzlichen Gelder 2026 und 2027 quasi die Finanzierung der Sonderveranstaltung Gipfel in Dresden und der Jubiläumsveranstaltungen in 2027.
Um wie viel Geld geht es?
MSL: Insgesamt sind es 200.000 in 2026, 160 bis 170.000 in 2027. Klare Entnahmen aus dem eigenen Haushalt. Mit der Aussage, dass diese Veranstaltung im Fokus steht, geht das vor einer weiteren Stärkung der Liquidität. Das erfolgt verbunden mit der Aussage: Wir versuchen externe Einnahmen zu generieren. Aber im Worst-Case-Szenario sind wir bereit, das selber zu bezahlen. Das heißt, wir haben den Gipfel, wir haben die Jubiläumsveranstaltung und wir bezahlen sie im Zweifelsfall aus eigenen Mitteln, ohne den Ursprungsbeschluss, Stärkung der Liquidität im Fokus zu lassen.
Das klingt immer noch ein wenig verärgert.
MSL: Vor anderthalb Jahren war man gefühlt noch pleite. Ich bin an dieser Stelle tatsächlich fast ein bisschen verzweifelt. Viele scheinen gedacht zu haben, was will der alte Mann mit der Glatze von mir? Der Finanzvize Alexander von Gleich hat das Thema geschickt unkommentiert stehen lassen, da er die Stimmung auf dem Kongress richtig eingeschätzt hat. Fakt ist, dass am Schluss die Beschlussvorlage, wie sie war, einfach durchgegangen ist. Nach dem Motto: Passt schon. In unserem Bericht zum Kongress schreiben wir zusammengefasst: Gelder wurden eingesetzt, denn wir haben es jetzt wieder.
Ich verstehe den Einwand. Auf der anderen Seite muss man sagen, es gibt jetzt ein Jubiläum und da muss man etwas Besonderes unternehmen. Niedersachsen hatte letztes Jahr sein Jubiläum. Wie hat der Landesverband Niedersachsen gefeiert?
MSL: Wir hatten eine Jubiläumsveranstaltung und über das ganze Jahr hinweg Aktivitäten, über Turnierfahrten unseres Kaders, über Blitzturniere in Viernheim anlässlich der Schachbundesliga, über ein Bullet-Turnier und Hochschulmeisterschaften, über größer stattfindende eigene Veranstaltungen, also weit über Normalbetrieb hinaus, bis hin zu der großen Feier und dem Turnier in Wolfsburg. Das war über das Jahr gesehen eine Reise durchs ganze Land. Und dafür haben wir im Jahr knapp 85.000 Euro ausgegeben.
Und der Rest war sozusagen mit Sponsorengeldern unterfüttert?
MSL: Nein, brutto. Wir haben tatsächlich aus eigenen Mitteln planmäßig 45.000 entnommen.
Welchen Effekt haben Veranstaltungen in der Wahrnehmbarkeit? Darum geht es am Ende des Tages. Man will Aufmerksamkeit erzielen. Habt ihr dazu ein Feedback erarbeitet?
MSL: Natürlich. In Wolfsburg beispielsweise bekamen wir vielleicht das größte Kompliment. Der Rat der Stadt Wolfsburg hat 20 Minuten online Schach geschaut, während des Turniers. Wolfsburg hatte diese Veranstaltung schon vorher zu „von städtischem Interesse“ erklärt. Die Reputation in den Gazetten war wertschätzend, aber natürlich nicht finanziell bewertbar. Es ist unmöglich das irgendwie hart zu quantifizieren. Die Stellung der Sportart Schach in Niedersachsen hat jetzt ein anderes Gewicht. Die Jubiläumsveranstaltung ist allgemein gelobt worden und wir haben eine Marke gesetzt.
Es gab zuletzt in München auch ein Event mit vielen deutschen Meisterschaften und den besten deutschen Spielern am Start. Was hast du dazu gehört?
MSL: Gute Kritiken. Also das ist der Punkt. Ich bin nicht wegen der Ansage, dass der Gipfel mit einem aus meiner Sicht zu hohem Etatansatz an Eigenmitteln unterfüttert ist gegen diese Art der Veranstaltungen. Ich finde Events im Schach im geeigneten Maß wie München oder wie nächstes Jahr in Form eines Gipfels in Dresden absolut richtig. Ich hätte nur einen sportlicheren Ansatz im Etat gewählt. Es geht mir eher um die Denke, weil tatsächlich, falls mir jemand sagt, ich brauche 50.000 Euro und ich kriege die nicht zusammen und man erklärt es mir, dann bin ich nicht derjenige, der jemandem sprichwörtlich den Kopf abreißen will. Aber ich möchte anhand des Haushaltsansatzes erkennen, dass man bereit ist, die Ziele und Liquidität nicht gegeneinander auszuspielen.
Es ist immer die Gretchenfrage: Wie hältst du es mit dem Geld? Woher kommt das Geld? Ihr seid in Niedersachsen erfolgreich von außen betrachtet. Was bekommen Sponsoren für ihr Geld?
MSL: Ich kann es relativ nüchtern umreißen. Ich musste sowohl mit dem Sportmarketingunternehmen peak zone und macron, das ist unser italienischer Sportartikelhersteller, als auch mit Volkswagen Sponsoringverträge unterschreiben. Da steht genau drin, was die Sponsoren von uns erwarten. Alles ist in einem Vertrag fixiert.
Das hört sich professionell, transparent und fair an.
MSL: Das ist es tatsächlich. Letztlich kann man zusammenfassen: Wenn du Geld aus der Wirtschaft nimmst, unterschreibst du Kooperationsverträge.
Andreas Spengler (Geschäftsführer peak zone GmbH) und Michael S. Langer (NSV-Präsident) beim Handschlag zum Vertragsabschluss in der Akademie des Sports in Hannover. (Foto: Niklas Prahl)
Kommen wir am Schluss zu einem kurzen Ausblick auf den Deutschen Schachbund und das deutsche Schach. Können wir vom neuen Team kreativere und frische Ideen erwarten?
MSL: Von den gewählten jungen Leuten verspreche ich mir neuen Esprit für die Struktur. Ich habe die klare Erwartungshaltung, dass meine Befürchtungen, die ich rund um den Gipfel genannt habe, nicht eintreten. Wir haben mit Alexander von Gleich einen starken Finanzer, der durch sein Wahlergebnis gestärkt im Präsidium auftreten kann, anders als das vielleicht in der Vergangenheit bei seinen Vorgängern der Fall war. Alexander wird mögliche Schieflagen, wenn sie denn entstehen, viel früher bemerken und gegensteuern. Ich glaube, dass er den DSB sehr viel klarer und selbstbewusster über die Finanzen mitsteuert als seine Vorgänger.
Zum Schluss bitte noch einen Ausblick auf die Entwicklung des organisierten Schachs in Deutschland. Wir hatten zuletzt eine leicht positive Mitgliederentwicklung.
MSL: Ich sehe die nähere Zukunft leicht positiv. Wir werden weiter, also bis ungefähr 2035 leichte Wachstumszahlen sehen. Danach macht sich wie im gesamten organisierten Sport in Deutschland der demografische Wandel bemerkbar. Eine Hoffnung gibt es allerdings: Wir überzeugen ab sofort ganz viele Frauen, werden also im bisher nicht erfolgreichen Segment erkennbarer tätig. Dadurch wäre zahlenmäßig noch ein ordentlicher Aufwuchs denkbar.