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Die Hälfte des Wettkampfes, die in Shanghai, ist vorbei und die Spielerinnen ziehen in eine andere chinesische Metropole: Chongquing. Ju Wenjun wechselt zum Auswärtsspiel mit einem deutlichen Vorsprung. Der Verlauf erinnert bisher an den Wettkampf 2018. Damals konnte Tan Zhongyi ihren Rückstand nicht mehr aufholen.

Von Thorsten Cmiel

Nach dem Sieg in der zweiten Partie und den guten Chancen in der vierten Partie für Tan Zhongyi sah es nach einem offenen Wettkampf der beiden chinesischen Großmeisterinnen aus. In der fünften Partie sah man jedoch wie Tan positionell überfordert war und in der Partie zockte, statt objektiv nach den richtigen Zügen Ausschau zu halten wie noch zu Beginn des Wettkampfes. Partien nach Niederlagen sind immer eine Herausforderung, denn Sportler neigen dazu sofort zurück schlagen zu wollen. Das ist Ju Wenjun in der dritten Partie gelungen, aber sie verzichtete auf Risiken. Tan ist an dieser Aufgabe gescheitert. Immerhin der Chinesin bleiben sechs Partien, um den Wettkampf noch auszugleichen.

Frauen-WM 2025Partie 1Partie 2Partie 3Partie 4Partie 5Partie 6Gesamt
Ju Wenjun1/2011/2114
Tan Zhongyi1/2101/2002

Partie 5: Tan zu unvorsichtig

Die fünfte Partie sah diesmal einen Paulsen-Sizilianer (Kan). Da bisher die Spielerinnen mit Schwarz jeweils in Schwierigkeiten waren, hätte man erwarten können, eine solidere Spielweise von Tan zu sehen. Auf die Eröffnungswahl sollte man die Schwierigkeiten der Ex-Weltmeisterin Tan jedoch nicht schieben, sondern auf einige positionell zweifelhaften Entscheidungen.


Eine erste wichtige Stellung in dieser Partie ist entstanden. Zuletzt hatte Ju Wenjun die Wirkkraft des gegnerischen Läufers durch Vorrücken ihres c-Bauern beschränkt. Schwarz sollte hier sofort reagieren und nicht auf spätere Chancen hoffen. Die richtige Reaktion bestand im sofortigen Befragen des Bauern c5 mit dem eigenen b-Bauern.


Erneut sollte hier Schwarz dem eigenen Läufer Luft verschaffen. Das erreicht man am besten erneut durch den kurzen Zug mit dem b-Bauern nach b6. Das wäre in der Stellung zuvor besser gewesen, aber immerhin spielt Schwarz danach noch mit. Tan zog den b-Bauern zwei Felder nach vorne, was man als positionellen Fehler bezeichnen sollte.


Ju Wenjun steht vor ihrem 14. Zug. Der Springer auf c4 steht wackelig und Ju entschied sich das sofort zu markieren, indem sie ihren a-Bauern zwei Felder nach vorne rückte. Noch stärker war hier der Doppelangriff mit der Dame vom Feld d4 aus. Nach kurzer Rochade folgt dann der a-Bauer und Schwarz muss in verzweifelter Manier bereits Klimmzüge unternehmen, um überhaupt noch etwas im Spiel zu bleiben. Es gab eine zweite Chance, aber Ju Wenjun setzte auf materiellen Vorteil und gab dadurch einen Teil ihres Vorteils wieder zurück.


Die letzte entscheidende Weggabelung dieser Partie. Schwarz steht schlechter entwickelt und hat weniger Raum. Aber Weiß hat zuletzt wertvolle Zeit verloren und daher ist die Stellungsbewertung für Schwarz noch erträglich. Angesichts der Fesselung des c-Bauern sollte Tan hier die einige ihrer Probleme aktiv angehen und mit ihrem d-Bauern den gegnerischen c-Bauern herausfordern. Es bleibt anspruchsvoll, aber Schwarz hat Chancen die eigene Stellung weiter zu konsolidieren. Stattdessen zog Tan ihren f-Bauern zwei Felder nach vorne und attackierte den gegnerischen Bauern im Zentrum. Der Zug ist allerdings eine positionelle Bankrotterklärung und Ju Wenjun weist das in der Folge der Partie ohne größere Probleme nach.


Partie 6: Schwarzsieg für Ju Wenjun

Es deutete sich bereits in der fünften Partie an. Tan spielt nicht objektives Schach, sondern sie hat ihr Gleichgewicht verloren. In der sechsten Partie überzog sie ein Endspiel, das ihr kaum Gewinnchancen bot und verlor erneut und zeigte ungeahnte positionelle Schwächen. Ju Wenjun musste gar nicht viel machen, sie aktivierte ihren König und Tans Stellung krankte an ihrem inaktiven König.






Fotos: Anna Shtourman (FIDE CHESS)

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Die Hälfte des Wettkampfes, die in Shanghai,

In einer Kraftleistung konnte Ju Wenjun die dritte Partie gewinnen. Die vierte Partie sah die meiste Zeit Tan Zhongyi vorne, die aber vor allem ihren Zeitvorteil konservierte, aber mehrere Chancen ausließ ihre Gegnerin vor noch größere Probleme zu stellen. Am Ende standen sich zwei Könige gegenüber. Es folgt ein erneuter Ruhetag.

Von Thorsten Cmiel

Der Wettkampf ist wieder ausgeglichen. Ein direkter Ausgleich ist keine einfache Angelegenheit, aber Ju Wenjun gelang diese Leistung sofort nach ihrer Niederlage in der zweiten Partie. Lange Zeit sah es nach einem Unentschieden aus, aber im Endspiel fand Tan nicht die richtige Aufstellung und nach einem ungenauen Manöver ging die Partie letztlich verloren. Auffällig ist der unbändige Kampfgeist beider Spielerinnen. Die Partien sind nicht mehr einwandfrei wie zu Beginn des Kampfes, aber für Spannung ist weiter gesorgt. Bislang scheinen beide Spielerinnen mit Schwarz vor allem auf Ausgleich bedacht zu sein. Beim Wettkampf zwischen Gukesh und Liren in Singapur im Dezember letzten Jahres schien Schwarz oft Schwarz die Farbe der Wahl zu sein.


Frauen-WM 2025 ShanghaiPartie 1Partie 2Partie 3Partie 4Gesamt:
Ju Wenjun1/2 011/22
Tan Zhongyi1/2101/22

3. Partie Ju Wenjun mit Kampfsieg

Die dritte Partie des Wettkampfes um die Schachweltmeisterschaft der Frauen 2025 dauerte fünfeinhalb Stunden und ist insofern keine einfache Kost. Die Partie blieb lange Zeit im Gleichgewicht. Letztlich setzte sich die Willensstärke von Ju Wenjun durch.

Phase 1: Tan übersteht die Eröffnung ohne Probleme

In der Eröffnungsphase folgen die Spielerinnen scheinbar dem bekannten sizilianischen Muster. Ju Wenjun greift diesmal auf eine Spielweise eines ihrer Sekundanten zurück.


Phase 2: Ju Wenjun mit symbolischem Vorteil

Das Mittelspiel meistert Tan ohne Fehler und mit Kreativität. Sie erreicht ein fast ausgeglichenes Endspiel mit einem Bauern weniger aber ungleichen Läufern.


Phase 3: Es wird knapper im Endspiel

Endspiele mit ungleichen Läufern sind auch mit Türmen auf dem Brett keine einfache Angelegenheit. In dieser dritten Partiephase legt Tan Zhongyi unbemerkt in ihrer Bauernstruktur die Ursache für spätere Probleme. Zum Ende des hier betrachteten Abschnitts verteidigt sich Tan erstmals fehlerhaft und gerät in eine schwierige Stellung, die größere Präzision von ihr erfordert.


Phase 4: Die Verwertung nach einem Fehler

Mit immer weniger Bedenkzeit findet Tan zu Beginn der hier betrachteten vierten Phase dieser Partie keine ausreichende Verteidigung mehr und wird sich davon nicht mehr erholen. Ju Wenjun gewinnt letztlich verdient, macht sich die Arbeit aber gelegentlich komplizierter als notwendig. Dabei findet sie schwierige Verstärkungszüge, lässt aber einen einfachen Gewinn gegen Ende beispielsweise aus.



Partie 4

Tan Zhongyi blieb mit Weiß bei ihrer bisherigen Strategie, ihre Gegnerin vor allem auf der Uhr unter Druck zu setzen. Das gelang ihr immer wieder und sie hatte Chancen, spielte dann im Verlauf der Partie mehrfach jedoch weiter zu schnell und verpasste mehrere Gelegenheiten und Chancen auf Vorteil in verschiedenen Spielphasen. Mehrere Photos zeigen wie Tan, scheinbar unruhig wie ein Tiger, während der Partie unterwegs war. Von ihrer Gegnerin bot die FIDE hingegen nur Fotos am Brett an.


Eine erste Chance bot sich hier. Weiß muss hier nicht am Läufer auf e3 festhalten, der hier ohnehin vor allem Deckungsaufgaben erfüllt. Stattdessen war es eine gute Option hier den natürlichen Zug mit dem Springer nach e2 zu vollziehen. Weiß kann danach gutes Spiel reklamieren. Tan opferte stattdessen mit dem Läuferzug nach f4 zeitweise einen Bauern. Das ist zwar löblich und spricht für ihr nach der vorherigen Niederlage nicht komplett verloren gegangenes Selbstbewusstsein, war aber gleichzeitig unnötig, da sie eine gute Alternative zur Verfügung hatte.


Eigentlich sucht man in dieser Stellung mit Schwarz nach Möglichkeiten den eigenen Bauern unter günstigen Bedingungen zurück zu geben, um den gegnerischen Zentraldruck abzumildern und die Stellung dadurch auszugleichen. Welche Kandidaten kommen in Frage? Ein natürlicher Zug ist hier eindeutig der Damenzug nach f6. Eine andere Idee besteht im Turmzug nach c8 und falls die Dame auf a6 das materielle Gleichgewicht herstellt, konnte man mit b5 eine Besonderheit ausnutzen. Die Partie wäre danach sehr scharf geworden. Stattdessen zog Ju Wenjun hier ihren Springer nach b5 und zerstörte damit ihre eigene Bauernstruktur ohne ihren kleinen materiellen Vorteil erhalten zu können. Das gab ihrer Gegnerin erneut Chancen.


Mit dem Läufer, der das Feld b8 kontrolliert, gab es kaum einen Grund nicht auf b6 zu schlagen und materiellen Vorteil zu sichern. Stattdessen wollte Tan mehr und zog mit riesigem Zeitvorteil, aber erneut zu schnell, den eigenen Läufer nach d6. Das gab ihrer Gegnerin die Chance die Stellung erneut fast auszugleichen.

In dieser Stellung war Ju Wenjun am Zuge und musste sich im 34. Zuge entscheiden unter welchen Bedingungen sie die Damen tauschen will. Sie tauschte die Damen direkt, was ihrer eigene Bauernstruktur nicht half. Es war daher besser auf den Tausch auf e3 zu verzichten und der Gegnerin etwa mit dem Turmzug nach d8 eine Frage zu stellen.

Ein erneuter spannender Moment kurz vor der Zeitkontrolle erneut spielte Tan sehr schnell und zog ihren b-Bauern nach b4. Das sieht natürlich aus, aber sie konnte sofort ihren König via e2caktivieren und ihrer Gegnerin damit in größere Schwierigkeiten bringen. Die beste Verteidigung danach bestand in einer komplexen Spielfolge die Ju Wenjun vermutlich mit vier Minuten an Restbedenkzeit nicht gespielt hätte. Eine weitere Chance der Herausforderin war vertan.


Die Teams

Zumindest Teile der Sekundantenteams sind bekannt. Im Team von Ju sind Ju wird erneut von dem chinesischen Großmeister Ni Hua unterstützt, der ebenfalls aus Shanghai stammt. Die beiden arbeiten seit der Schacholympiade 2016 zusammen. Damals gewann das chinesische Frauenteam Gold (mit Ju und Tan). Zu ihrem Team gehört zudem der russische Großmeister Maxim Matlakov. Tan wird erneut wie in Toronto vom US-Großmeister Jeffery Xiong unterstützt. Zum Team gehört laut FIDE auch dessen Vater.


Homepage – Women’s World Championship 2025

Fotos: Anna Shtourman (FIDE CHESS).


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In einer Kraftleistung konnte Ju Wenjun die

WM-Match 2025123456789Gesamt
Ju Wenjun1/2011/211111/26 1/2
Tan Zhongyi1/2101/200001/22 1/2








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WM-Match 2025123456789GesamtJu Wenjun1/2011/211111/26 1/2Tan Zhongyi1/2101/200001/22 1/2 SERVICEHINWEIS Die Partien

Titelfoto: Dariusz Gorzinski (2024).

Auf die folgende Partie des jungen Magnus Carlsen wurde ich aufmerksam durch ein Buch von RB Ramesh, einem der besten Trainer der Welt, der diesen Partie in seinem ersten Buch „Logical Decision Making“ vorneweg gestellt hatte.

Von Thorsten Cmiel

Diese Partie spielten zwei Topgroßmeister: Magnus Carlsen, der 2013 die Krone im Schach gewann und Weltmeister wurde und Levon Aronian, der diesen Titel nicht gewann, aber lange Zeit einer der größten Anwärter auf den Titel des Schachweltmeisters war und der einer der beliebtesten Spieler auf der Tour ist.


In dieser Stellung kann Weiß zum Beispiel seine Dame nach a4 ziehen. So spielte beispielsweise Boris Gelfand gegen Vladimir Kramnik ein Jahr zuvor. Befragt man eine moderne Maschine, dann fand der junge Magnus Carlsen hier einen Zug, der bei reiner Maschinenanalyse nicht zum Vorschein kommt. Fast zwei Dutzend Züge sollen minimal besser sein. Carlsen spielte in dieser Stellung den scheinbar absurden Zug 15.d4-d5. Damit opfert er einen wertvollen, zweiten Mittelbauern, den sein Gegner auf vier verschiedene Arten schlagen kann. Solch ein Zug macht Eindruck beim Gegner und der muss sich vermutlich erstmal sammeln. Das Bauernopfer ist nicht psychologisch für den Gegner eine Herausforderung, sondern erfordert auch Chuzpe desjenigen Spielers, der den Bauern für „Nichts“ gibt. Der junge Magnus Carlsen brachte diese Kraft auf.



Großmeister RB Ramesh

Fundamental Chess: Logical Decision Making

Das Buch erschien 2017 und richtet sich an fortgeschrittene Schachspieler, die nach den tieferen Beweggründen in ihrem Spiel suchen als nur im Finden von Zügen.

288 Seiten in englischer Sprache.

Verlag: Metropolitan Chess Publishing.


Titelfoto: Dariusz Gorzinski (2024). Auf die folgende Partie

Drei Partien von der Europameisterschaft der Frauen dienen uns als Beispiel für ein wichtiges positionelles Motiv im Schach. Zweimal war Josefine Heinemann beteiligt. Für Lernende ist es natürlich erfreulicher Niederlagen anderer zu analysieren.

Von Thorsten Cmiel

Es gibt verschiedene Eröffnungskonzepte bei denen ein Mittelbauer geopfert wird. Eine nette Geschichte dazu ist die erste Partie von Magnus Carlsen, die er in der Datenbank beim Schachdatenbankanbieter Chessbase verewigt hat. Sein Gegner, Ingo Cordts, ein deutscher FIDE-Meister, spielte ein gelegentlich als Kasparow-Gambit bekanntes Konzept. Dabei opfert Schwarz früh einen Zentralbauern und setzt auf schnelle Entwicklung. Die Eröffnungstheorie mag inzwischen gutes weißes Spiel nachweisen, aber gegen einen nicht vorbereiteten Gegner dürfte der Schwarzspieler mit diesem dynamischen Konzept gute Chancen erhalten.


Dreimal ist Schwarz am Zuge

Gelegentlich stören Mehrbauern im Zentrum eine Seite, während die andere Seite vor allem auf der Farbe, die der gegnerische Bauer im Dreieck um sich herum als Schwäche markiert, sein Figurenspiel aufzieht. Bei einem weißen Bauer auf d5 nutzt Schwarz bevorzugt die Felder (Dreieck) c5, d6 und e5 für seine Leichtfiguren. Das kennt man aus dem Kasparow-Gambit. Aber das Konzept kommt nicht nur in der Eröffnung vor, sondern kann auch im Mittelspiel ein wichtiges Motiv sein. Schauen wir auf drei Stellungen, die zunächst anonym bleiben. Die Lösungen finden sich unten.


In der ersten betrachteten Stellung war hier Schwarz dran. Die Figuren stehen vielleicht etwas ungewohnt. Wir sehen letztlich eine französische Bauernstruktur mit einem rückständigen e-Bauern. Hier gilt es eine Idee zu entwickeln, um das eigene Figurenspiel voll zur Wirkung zu bringen.


In der zweiten Stellung ist erneut Schwarz am Zuge. Die schwarze Aufstellung erinnert an ein Igelsystem. Wer diesen Stellungstyp kennt ist klar im Vorteil. Aber auch ohne dieses Vorwissen, sollten erfahrene Spieler schnell eine gute Idee entwickeln


Wer das Motto dieses Beitrages nutzt, der kommt auch im dritten Beispiel recht schnell zur richtigen Spielweise für den Nachziehenden. In einer praktischen Partie hat man freilich diese Hilfestellung nicht.

Analysen




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Drei Partien von der Europameisterschaft der Frauen

Titelfoto: Dariusz Gorzinski (2024)

Magnus Carlsens erste überlieferte Turnierpartie spielte er im Oktober 2000 in Bad Wiessee gegen Ingo Cordts. Im Gespräch erinnert sich der deutsche FIDE-Meister an diese denkwürdige Begegnung.

Von Thorsten Cmiel

Man muss sie schlagen solange sie jung sind.

(Simon Williams, Ginger GM)

Die erste Partie von Magnus Carlsen in der Mega Database, also der Datenbank, die im Schach die Welt bedeutet, spielte der damals neunjährige Norweger gegen einen deutschen Fide-Meister. Ein Gespräch mit Ingo Cordts im Zug von Darmstadt nach Köln über eine besondere Partie, gespielt in Bad Wiessee in Bayern.

Im Jahr 2000 traten die Norweger als Team um Simen Agdestein auf. Dabei waren auch ein kleiner norwegischer Junge und sein Vater. Magnus Carlsen gewann bei seinem ersten internationalen Auftritt in der ersten Runde und spielte in Runde 2 gegen einen erfahrenen Spieler aus Deutschland. Am 29. Oktober 2000 kam es dann zu der Partie, die Ingo Cordts als ganz normale Partie erinnert. Er habe auch nicht besonders aggressiv agiert, weil sein Gegner ein kleines Kind war. Nach dessen siebten Zug war dem Deutschen schon klar, dass er gegen einen ernsthaften Gegner spielte, denn den Rückzug des Springers nach c3 spielt man nur mit Kenntnissen über die Eröffnung.

Tatsächlich entspann sich zunächst ein interessanter Kampf um den von Schwarz zuvor geopferten Bauern d5. Magnus verbrauchte viel Zeit in der Eröffnung und nach einigen ausgelassenen Chancen beider Akteure verlor er zuletzt den Überblick und verlor als einer frühen Schwächung seiner Stellung.


Alireza Firouzja in 2018

Der iranische Junggroßmeister ist als Spätstarter bekannt und kam letztlich mit 7,5 aus 9 auf den geteilten ersten Platz. Julian, ebenfalls zurzeit FIDE-Meister, kam auf 5,5 Punkte und Platz 66 von 496. Nicht unwahrscheinlich ist, dass Alireza ab 2024 Schachweltmeister ist und dann hätte der Hamburger eine ähnliche Geschichte wie Ingo Cordts zu erzählen. Alireza hatte im Oktober 2018 eine Rating von 2600, seine Liverating ist 2675.


Diese Geschichte ist zuerst 2019 hier bei Chessbase erschienen. Sie gehört als Zeitzeichen in das Archiv dieser Webpräsenz.

Titelfoto: Dariusz Gorzinski (2024) Magnus Carlsens erste überlieferte

Titelfoto: Anna Shtourman (FIDE Chess)

Die Weltmeisterin Ju Wenjun verliert die zweite Partie in Shanghai nach einem schwachen Auftritt. In einem ausgeglichenen Turmendspiel hatte sie sich vorher selbst in Probleme gebracht. Die Herausforderin hatte vorher vor allem auf der Uhr Druck gemacht.

Von Thorsten Cmiel

Die FIDE-Frauenweltmeisterschaft 2025 ist der Rückkampf zwischen der amtierenden chinesischen Weltmeisterin Ju Wenjun und als Herausforderin Tan Zhongyi, die bis Mai 2018 auch ihre Vorgängerin war. Der Wettkampf 2018 war auf zehn Partien angelegt. Das Match bei der FIDE-Frauenweltmeisterschaft 2025 wird diesmal über 12 Partien ausgetragen. Die erste Spielerin, die 6½ Punkte erzielt, wird zur Siegerin erklärt. Wie 2018 finden die Partien zunächst in Shanghai und danach in Chongqing statt. Das sind jeweils die Orte aus denen die Spielerinnen stammen und zwei Megametropolen.

Die Kontrahentinnen

Beide Spielerinnen sind Jahrgang 1991, wobei Ju seit Ende Januar bereits 34 Jahre alt ist und Tan erst einen Monat nach dem Wettkampf Geburtstag hat, taggleich zusammen mit dem amtierenden indischen Weltmeister Gukesh. Tan Zhongyi hatte 2024 ein hervorragendes Jahr, das mit einem Sieg im Kandidatinnenturnier in Toronto einen Höhepunkt hatte. Tan ist die aktuelle Nummer drei der Frauenweltrangliste nach Elozahlen. Vor ihr liegen nur die drei Jahre jüngere Chinesin Hou Yifan, die nicht mehr im Frauenschach antritt und ihre Gegnerin in diesem Wettkampf Yu Wenjun. Yu gewann 2024 zudem die Blitzweltmeisterschaft in New York.

Der Modus

Die Zeitkontrolle für jede Partie beträgt 90 Minuten für die ersten 40 Züge, gefolgt von 30 Minuten für den Rest der Partie, mit einer Erhöhung von 30 Sekunden pro Zug ab dem ersten Zug. Steht es nach sämtlichen zwölf Partien unentschieden, wird der Sieger durch einen Tiebreak ermittelt. Die Tiebreak-Regeln sehen zunächst Schnell- und, falls erforderlich, Blitzpartien vor.

1. Partie Remis zum Auftakt

Bei dem Weltmeisterschaftskampf zwischen Gukesh und Ding Liren begann der Wettkampf in Singapur mit einem Sieg des damaligen Titelverteidigers. Das war bei den Frauen fünf Monate später anders. Die erste Partie verlief recht ereignislos. Auch wenn die Eröffnung für Außenstehende durchaus überraschend auf das Brett kam, zeigten beide Spielerinnen sich zu Beginn keineswegs überrascht.


Shanghai

Der erste Spielort ist für sechs Partien ist Shanghai, eine größten Millionenstädte der Welt, die eine Finanz- und Geschäfts-Metropole ist. Shanghai liegt an der Mündung des längsten chinesischen Flusses, Yangtsekiang, der fast 6400 Kilometer lang und damit die Nummer drei weltweit ist. Zu Shanghai gehört auch der größte Containerhafen der Welt.

2. Partie Schwächen im Turmendspiel

Tan erarbeitete sich früh einen Zeitvorteil von etwa dreißig Minuten und verteidigte diesen. Auf dem Brett war wenig los und beide Spielerinnen tauschten fleißig Material ab. Insbesondere Turmendspiele haben die Tendenz oft Remis zu enden. Statt sich aktiv aufzustellen wählte Ju Wenjun im 38. Zug eine passive Aufstellung und im Kontrollzug – wieder einmal – konnte sie sich nicht aufraffen, einen Bauern für Turmaktivität zu opfern und dürfte es sofort bereut haben.


Nach jeweils zwei Runden bekommen die Spielerinnen einen Ruhetag. Ju Wenjun hat also die Möglichkeit sich mit ihrem Team auf die neue Situation einzustellen. Sie muss jetzt einer Führung ihrer Gegnerin hinterherlaufen. Im Mai 2018 gewann Ju Wenjun die zweite und dritte Partie. Die erste Partie war ebenfalls Remis ausgegangen.


Fotos: Anna Shtourman (FIDE Chess)

Offizielle Homempage

Regeln für das Match

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Titelfoto: Anna Shtourman (FIDE Chess) Die Weltmeisterin Ju

Schachspieler versuchen sich der Wahrheit von gespielten Partien durch Analyse anzunähern. Am besten passiert das zunächst ohne Rechenmaschine. Dabei sollte man meines Erachtens die Partie schnell und dann etwas langsamer durchspielen. Danach bestimmt man die Wendepunkte im Partieverlauf, die ich bevorzugt Kipppunkte nenne.

Von Thorsten Cmiel

Die hier analysierte Partie stammt aus aktuellen Europameisterschaft der Frauen auf Rhodos in Griechenland. Wir betrachten die Begegnung der armenischen Frauengroßmeisterin Maria Gevorgyan und der spanischen Internationalen Meisterin Sabrina Vega Gutierrez, also zweier starker Spielerinnen, die sich in der Partie wenig schenken.


Bevor man eine komplizierte Partie anschaut, die man nicht kennt, ergibt es Sinn, die Partie zunächst schnell durchzuspielen. Dadurch gewinnt man einen ersten Eindruck, der beim späteren Verstehen der Abläufe hilfreich sein kann. Zur Demonstration erfolgt das hier in schneller Abfolge. Die Partie ist lang und voller spannender Wendungen, die man nicht intuitiv verstehen kann. Als nächstes gibt es in diesem Beitrag die Möglichkeit, die Partie im eigenen Tempo durchzuspielen und bei kritischen Momenten so lange zu verweilen wie erforderlich.



1. Schritt Kipppunkte finden

Der nächste logische Schritt könnte das Notieren der entdeckten auffälligen Momente sein. Die Kipppunkte sind dabei diejenigen besonders relevanten Momentaufnahmen in einer Partie, weil die Bewertung sich fundamental ändert. Das passiert natürlich nicht in jeder Partie, aber nach erster Ansicht dieser Partie ist es eher unwahrscheinlich, dass es sich um eine Partie in einem Guss gehandelt haben könnte. Es sei der Hinweis gegeben, dass bei eigenen Partien, in die man viel Gedankenschmalz investiert hat, dieser Schritt entfallen kann, aber nicht sollte. In den meisten Fällen können zumindest erfahrene Spieler die wichtigsten Momente bereits benennen und wichtige offene Fragen zur Partie aufwerfen. Oft ist dann nur noch die genaue objektive Bewertung zu klären und bessere Pfade in kritischen Momenten sind zu ermitteln.

2. Schritt Verbesserungen suchen

Heutzutage ist der Analyseprozess einfach. Man nutzt die gesamte Partienotation in einem gängigen Format (PGN) oder gibt der Engine besonders interessante Stellungen (FEN) vor und drückt auf einen Knopf. Dabei reichen oft wenige Sekunden bei spielstarken Rechenhelfern, um Stellungen in ausreichender Tiefe zu erfassen. Für die Spieler ist es im Nachhinein (post mortem) wichtig zu verstehen, warum sie wann falsch abgebogen sind. Welche Ursachen haben Fehlentscheidungen. Was waren rechnerische Fehler und wann waren positionelle Entscheidungen falsch. Am besten klären Coaches oder Trainer mit den Spielern woran es gelegen haben könnte und wie auftretende Probleme in Zukunft besser gelöst werden. Gerade bei der Analyse von mehreren Partien eines Spielers kann dabei gelegentlich ein Muster und eine schlechte Angewohnheit entdeckt werden.

Vorschlag: Teilen sie die Partien in Phasen

Um eigenständige Verbesserungsprozesse zu initiieren bietet es sich an, längere Partien nicht an einem Stück zu analysieren, sondern in übersichtliche Happen aufzuteilen. Das passiert je nach Partieverlauf oft anhand der drei Spielphasen Eröffnung, Mittelspiel und Endspiel. Bei komplexen Partie können es deutlich mehr Abschnitte sein. Ich finde es oft hilfreich längere Partien in Abschnitte einzuteilen, die etwa zwanzig Züge ausmachen. Aber das sollte nicht in Stein gemeißelt sein, sondern situationsabhängig erfolgen. Nach vierzig Zügen folgt in den meisten Turnierpartien – und nur die sind relevant – eine erste Zeitkontrolle. Das passt sehr gut, denn mit wenig Zeit um den Kontrollzug herum passieren oft Veränderungen der Bewertung oder Struktur.


Erster Swing in der frühen Entwicklung

Schauen wir bei der hier gewählten Partie genauer hin. Die beiden Spielerinnen folgen in der Eröffnungsphase bekannten Mustern und es kommt im frühen Mittelspiel zu einem typischen sizilianischen Handgemenge. Der Zug 7.a3 fällt etwas auf und mag an der konkreten Zugfolge liegen, um den Läuferzug nach b4 zu vermeiden. Am Ende entsteht eine typische Scheveninger-Struktur mit diesem eher ungewöhnlichen Zug. Schwarz entscheidet sich mit 14…e4 für ein konkretes, auffälliges Vorgehen im Zentrum. Im 19. Zug springt ins Auge, dass die Armenierin ihr Läuferpaar aufgibt. Zu dem Scheveniger Stellungstyp haben sich Mitte der achtziger Jahre Anatoly Karpow und Gary Kasparow bei ihren Weltmeisterschaftsduellen ausgetauscht. Wer diesen Stellungstyp anschauen will, der findet gutes Studienmaterial.


Es bleibt spannend bis zum Königsmarsch

Zunächst steht der weiße König unsicher. Beide Seiten spielen ihr Trümpfe nicht bestens aus. Dann opfert Schwarz Material bekommt dafür aber einen gefährlichen Angriff. Im 30. Zug erscheint der weiße König im Mittelspiel auf e4 und wird bedrängt. Schwarz kassiert die gegnerische Dame, muss aber starke gegnerische Türme im eigenen Hinterland zulassen. Diese wiederum garantieren Weiß gutes Gegenspiel. Im Kontrollzug riskiert Schwarz erneut zu viel und Weiß scheint etwas am Drücker zu sein.


Kampfschach mit Gewinnchancen für beide Seiten

Für Zuschauer war die folgende Phase äußerst spannend. Eigentlich konnte die Partie im 42. Zug in einem leistungsgerechten Remis durch Patt finalisiert werden. Stattdessen ging es munter weiter und auch hin und her. Das Koordinieren von Türmen ist oft nicht einfach, aber in dieser Partie stand Weiß sehr aktiv.


Schwächen bei der Verwertung

Nach über fünf Stunden und aufreibendem Spiel kommt es zum Schluss zu einem überraschenden Ende. Insgesamt scheint das Ergebnis leistungsgerecht zu sein. Aber niemand reklamiert solche Aspekte beim Schach, das ein reines Ergebnisspiel ist.



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Schachspieler versuchen sich der Wahrheit von gespielten

Die nationalen Meisterschaften der Senioren 2025 in Costa Rica sind gespielt. Die nationalen Meister stehen noch nicht vollständig fest. Ein persönlicher Erfahrungsbericht.

Von Thorsten Cmiel

Seit Dezember 2024 bin ich nun für die meiste Zeit des Jahres in Costa Rica. Das hat familiär berufliche Gründe, die hier keine Rolle spielen. Zu den ersten Versuchen mich einzuleben gehört es meist zu schauen wie das organisierte Schach aufgestellt ist. Da ich zurzeit zufällig in der Hauptstadt San José lebe und dort die Schachföderation FCA angesiedelt ist, gab es immerhin kurze Wege. Bei meinem Besuch der Landesmeisterschaften im Dezember 2024 bekam ich die Information, dass irgendwann im März die nationalen Seniorenmeisterschaften stattfinden sollen, ich gerne mitspielen, aber nicht nationaler Champion werden könne. Das kannte ich schon, es ist in Deutschland genau so geregelt, seit Henrik Danielsen, der dänisch-isländische Großmeister, in Magdeburg 2021 Deutscher Meister wurde. Das gab Ärger, führte zu einem Protest und seither sind die Ausschreibungen des Turniers in dem Punkt klarer geregelt. Wer nationaler Meister werden will, muss unter der heimischen Flagge antreten. Fair enough.

Costa Rica

Bevor wir zum Turnier kommen, seien einige Informationen über Costa Rica erwähnt. Der Name sagt schon viel und bedeutet in spanischer Sprache so viel wie „reiche Küste“. Tatsächlich hat das Land in Zentralamerika zwei Küsten, im Osten auf der karibischen Seite und im Westen zum Pazifik hin. Aufgrund seiner tropischen Lage ist das Land vor allem sehr grün und die Natur absolut sehenswert. Ein großer Teil des Landes steht unter Naturschutz. Das Land ist zurecht stolz darauf seit 1948 keine eigene Armee mehr zu haben. Über eine Verfassung verfügt Costa Rica seit 1949. Damals wurde das Militär zugunsten des eigenen Bildungssystems abgeschafft, so heißt es. Das Land verfügt heute über eine stabile Demokratie, anders als die USA (Atlanta) und die Türkei (Istanbul), die immer wenn wir das Land nach längerem Aufenthalt wieder verlassen haben, im Chaos versanken. Ich bestreite irgendeinen Zusammenhang. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass es bei Costa Rica anders sein wird.

Die Einwohnerzahl in Costa Rica liegt geschätzt bei 5,2 Millionen und hiervon lebt etwa die Hälfte in dem Ballungsraum San José. Ein wichtiger Faktor für die heimische Wirtschaft ist neben dem Anbau von Agrarprodukten der Tourismus. Das Lebensgefühl in Costa Rica wird am besten durch die Redewendung „Pura Vida“ (Reines Leben) repräsentiert. Die Stromversorgung in Costa Rica setzt bereits zu 100 Prozent auf regenerative Energien. Vorbildlich. Einzig der Verkehr in der Hauptstadt ist eine Katastrophe. Der öffentliche Nahverkehr besteht aus einigen Bussen. So ist man auf das Nutzen privater Fahrzeuge in Costa Rica weitgehend angewiesen. Viele, vor allem Jüngere, nutzen Motorräder und klein motorisierte Zweiräder. Da die sich schneller als Autos fortbewegen können, schlängeln sie sich zwischen den Autos hin und her und kreuzen ständig auf den Straßen von einer Seite zur anderen, je nach der erhofften schnelleren Route. Das ist gleichermaßen für Autofahrer immer wieder eine Herausforderung. Fahrradwege oder Motoradspuren gibt es selten. Ein anderes Ärgernis ist, dass man praktisch nie von irgendwem in eine Straße gelassen wird, wenn man keine Vorfahrt hat. Man muss sich also als Linksabbieger brutal in eine Straße hineinwagen, um den Strom an Fahrzeugen zum Stoppen zu bringen.

Montezuma Woodworks, eine Manufaktur in Costa Rica bietet tolle handgearbeitete Brett- und Figurensets an, die eine hohe Qualität haben – ich habe ein solches Set zu Weihnachten geschenkt bekommen und bin froh endlich mal schwere Holzfiguren zu bewegen.

Wer mehr über Costa Rica, Land und Leute und seine beeindruckende Landschaft erfahren will, der findet viele Informationsangebote überall im weltweiten Netz in seiner Sprache. Ich kann einen Besuch des Landes nur empfehlen. Wer weniger Zeit als ich für einen Urlaub hat, dem sei vor allem die Pazifikküste empfohlen.

Blitzturnier

Meine erste schachliche Erfahrung konnte ich bei einem Blitzturnier sammeln. Gespielt wurde im Nationalstadion in San José, in dem die FCA wie andere Sportorganisationen auch einen eigenen Raum besitzt. Immerhin reichte es für einen zweiten Platz hinter dem Internationalen Meister Emmanuel Jimenez Garcia. Für das Ergebnis wird sich außer mir niemanden interessieren, es sei aber hier archiviert.

Seniorenmeisterschaft

Das Turnier wurde in einer schicken Grünanlage des olympischen Komitees etwas außerhalb von San José gespielt. Das Turnier begann mit 27 gemeldeten Teilnehmern. Beide Altersklassen 50+ und 65+ spielten daher zusammen. Der klare Sieger im siebenrundigen Turnier heißt Luis Michel Cespedes Rodriguez. In der Schlussrunde gewann er überzeugend nach einem Fehler seines Gegners nach der hier folgenden Wendung.


Ältere Senioren

Bei den Senioren 65+ teilten sich Juan Leon Jimenez Molina und Carlos Araya Umana den ersten Platz und müssen jetzt noch einen Stichkampf folgen lassen. Die beiden kennen sich seit Jahrzehnten und sind gut befreundet, wie Carlos anmerkte.

Leider ist es auch in Costa Rica wie fast überall auf der Welt so, dass nur wenige ältere Frauen bei Schachturnieren dabei sind. Die beiden Frauen im Feld will ich nicht unterschlagen. Es sind Magdalena Pazmino Acosta (65+) und Jean Adrien Wilberge (50+).

Übertragungen und Partien. Tabelle.

Beobachtungen

Bevor wir zu Beobachtungen auf dem Schachbrett kommen: Zwei Partien wurden wegen klingelnder Handys verloren. Beide Mobiltelefone waren beim Schiedsrichter deponiert, aber nicht abgeschaltet. Das ist nicht nur für die Spieler selbst, sondern auch für die Gegner ärgerlich. Ich gewann nach fünf Zügen meine Partie in der ersten Runde und fuhr wieder zurück nach Hause. Leider ist es heutzutage nicht nur bei Turnieren der jüngeren Generation so, dass Turniere mit Doppelrunden gespielt werden. Darunter leidet sicherlich die Qualität der Partien bei manchen Spielern. Bei der Meisterschaft bekam jeder Spieler 90 Minuten pro Partie und 30 Sekunden pro Zug. Das ist eine recht flotte Bedenkzeit und bei Doppelrunden natürlich angebracht.

Wie überall bei Schachturnieren geht es manchmal hoch her in Diskussionen. Ein Zwischenfall passierte online im Whattsapp-Chat, den der Turnierleiter, Jose Antonio Meza Vega, eingerichtet hatte, um Informationen wie Fotos zu teilen. Wie es oft kommt, fühlte sich jemand beleidigt, wobei ich, bewaffnet mit einem Übersetzungsprogramm, das eher nicht verstanden habe. Ein anderer Fall passierte während einer Runde und drohte sogar zu eskalieren. Das Spielen von Schachpartien ist eben eine sehr emotionale Angelegenheit.

Springerendspiele

Gerardo Herrera Retana spielte ständig Springerendspiele. Das fiel mir auf, nachdem wir eine Partie in der vierten Runde gegeneinander gespielt hatten. In unserer Partie passierte nicht viel – die Maschine sah nicht einmal eine Ungenauigkeit – und in der folgenden Situation entschied sich Gerardo richtig. In den anderen zwei Endspielen hatte er weniger Erfolg.





Schlechte Verwertungen

Ich habe mir nach dem Turnier zwei eigene Partien genauer angesehen. In beiden hatte ich mir eine Gewinnstellung erarbeitet und in beiden Fällen verdaddelte ich meine Vorteile spektakulär wieder. Die erste der beiden Partieanalysen habe ich in Abschnitte eingeteilt. Das hilft mir zumindest ein klareres Bild von der Partie zu zeichnen und Wendepunkte besser zu markieren.





Alte Lieben rosten nicht

Die folgende Partie in der fünften Runde lief für mich zunächst wie auf Schienen, aber dann kamen zwei größere Rechenfehler hinzu und die Stellung war plötzlich wieder ausgeglichen.


Der Drachentöter ist ein in deutsche Sprache geschriebenes Buch über das Fianchettosystem gegen den Drachen, das ich zunächst 1991 geschrieben habe. Es wurde später bei einem anderen Verleger wieder überarbeitet und erst 2004 veröffentlicht. Damals musste man Partien noch in mühsamer Handarbeit analysieren, bekam dadurch aber auch die Chance tiefer in die Stellungen einzusteigen. In der Partie bei der Seniorenmeisterschaft kamen dann einige mir bestens bekannte Muster auf das Brett. Bekomme ich die Chance diesen Stellungstyp auf das Brett zu bekommen, sage ich selten nein.

Studienmaterial zum Drachentöter




Kampfgeist ist gefragt

Am Sonntag, parallel zur letzten Runde, fand nebenan in einer Sporthalle anderer Kampfsport statt. Zuerst Ringen und dann Taekwondo, ein koreanischer Kampfvariante, die eine bewegte Geschichte vorweisen kann. Die Wettkämpfe auf der Matte dauerten netto fünf Minuten, falls kein Kämpfer vorher aufgibt natürlich. Es gab Punkte und Verwarnungen, um den Sieger auch ohne vorheriges Ende bestimmen zu können. Die Zuschauer in der Halle gehen mit und, anders als beim Schach, versuchen alle inklusive Trainern den Sportlern während der Wettkämpfe und in den Pausen Tipps zu geben. Tritte und Schläge auch gegen den Kopf sind erlaubt, wobei die Sportler ihre Schienbeine und ihren Kopf schützen. Im Schwergewicht kam es sogar zu blutigen Szenen und manchmal blieb einem Kämpfer für einige Minuten die Luft weg. Kleinere Blessuren sind Teil des Sports. Ich wünschte mir manchmal mehr eigenen Kampfgeist. Vermutlich sind kleine Blessuren weniger dramatisch als der Verlust einer Schachpartie in die man lange Bedenkzeit investiert hat.

Fotos: Arleth Gonzalez, Federación Costarricense de Ajedrez (FCA), private Fotos.


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Die nationalen Meisterschaften der Senioren 2025 in

Titelfoto: Maria Emelianova (Chess.com)

Jetzt wurde das Urteil im spektakulären Cheating-Fall aus dem letzten Jahr bekannt. Drei Jahre Sperre von denen ein Jahr auf Bewährung ausgesetzt wurde. Der 22-jährige Kirill Shevchenko behält seinen Titel als Schachgroßmeister. Der Fall bleibt rätselhaft.

Von Thorsten Cmiel

Zu den Fakten: Die Spanische Mannschaftsmeisterschaft wurde vom 12. bis 18. Oktober 2024 in Melilla, Spanien, ausgetragen. Am 13. Oktober 2024 wurde ein Telefon in einer der Toiletten gefunden. Beim Telefon fand sich eine handschriftliche Notiz mit der Aufschrift „Nicht berühren! Das Telefon ist für einen Gast, der nachts rangeht.“ Die Schiedsrichter fanden heraus , dass eine der Putzfrauen am Tag zuvor ein anderes Telefon im Badezimmer gefunden hatte. Als das Telefon, ohne den Eigentümer ermittelt zu können. Der Hauptschiedsrichter ordnete an, die Toilette zu verschließen, um zu sehen, ob jemand zurückkehren würde, um das Telefon zu benutzen. Kirill Shevchenko wurde dann dabei beobachtet, wie er erfolglos versuchte, die verschlossene Toilette zu betreten. In Kombination dieser Beobachtung und aufgrund von Beschwerden der Großmeister Bassem Amin und Vallejo Pons – ihnen waren ständige Toilettengänge ihres Gegners aufgefallen, leiteten die Schiedsrichter eine Untersuchung ein.

Am 17. Oktober 2024 wurde Shevchenko vorläufig für 75 Tage suspendiert. Diese Sperre wurde nach den eingeräumten Verstößen des Spielers dann später verlängert. Inzwischen ist der Verstoß gegen die Regeln vom Spieler und seinem Anwalt eingeräumt worden. Es handelt sich also diesbezüglich nicht mehr um eine Vermutung wie noch kurz nach dem Bekanntwerden des Falles.

Prozeduren und Verteidigung

Die Fair Play Commission (FPL) des Weltschachbundes hatte den Verstoß gegen die Regeln festgestellt. Shevchenko war geständig. Es war jetzt Aufgabe eines anderen Gremiums, das für Ethik und Disziplinarangelegenheiten (EDC), die Strafe festzulegen. Soweit zu den Abläufen innerhalb des Weltschachbundes. Die FPL versucht vor allem eine maximal Strafe für den Spieler, der die Integrität des Schachsportes mit seinem Betrugsversuch in Verruf gebracht hat, durchzusetzen. Gefordert wurde die Aberkennung des Großmeistertitels. Für einen erstmaligen Verstoß sehen die Regeln eine Maximalstrafe von drei Jahren vor. Die forderte die FPL natürlich ebenfalls.

Der Anwalt des inzwischen für Rumänien startenden Großmeisters führt die aus seiner Sicht entlastenden Gründe für ein niedriges Urteil zur Bestrafung seines Klienten an. Dazu gehört natürlich, dass es zum Betrug nicht gekommen sei. Sein Klient habe sich zu ungeschickt angestellt heißt es.

„In diesem Fall gibt es die ungeschickten Versuche von GM Shevchenko, ein elektronisches Gerät zu benutzen um zu betrügen, nicht effektiv waren und das Verhalten des Spielers – obwohl verwerflich – keinen Einfluss auf das Ergebnis der Partien, die er spielte, hatte. In der Tat gibt es keine Beweise in diesem Sinne; außerdem gab es nach den Feststellungen von Prof. Regan keine Standardabweichungen der Leistung des Spielers in diesem speziellen Turnier von seiner typischen Ratingleistung ab.“ Statement der Anwälte von Sevchenko (deutsche Übersetzung).

Zur Urteilsfindung

Die EDC benennt im Urteil Gründe, die für und gegen Kirill Shevchenko sprechen. Er habe bisher eine weiße Weste bei der FIDE mit der Ausnahme einer Verwarnung wegen einer nicht geschüttelten Hand 2023. Der Ukrainer hatte bei der Blitz- und Schnellschachweltmeisterschaft dem russischen Großmeister Kobaila den Handschlag verweigert. Für den Junggroßmeister spricht, dass ihm in den betreffenden zwei Partien kein Betrug nachweisbar war. Dafür hatte die FPC bereits den weltweit anerkanntesten Spezialisten Kenneth W. Regan seine Analysen durchführen lassen. Da es keine Hinweise auch auf Betrug beim Erwerb des Großmeistertitels gab, entschied sich das EDC Shevchenko den Großmeistertitel nicht abzuerkennen. Es gab bisher keine Präzendenzfälle bei denen kein Betrug, sondern nur der Versuch zu bestrafen war, so die EDC in ihrer Urteilsbegründung. Es wurden gleichwohl Vergleiche mit vorherigen Fällen (Rausis, Nigalidze) angestellt. Den Großmeistertitel verlor nur, wer erneut erwischt wurde.

Reaktionen

Beide Seiten, die FPL und die Anwälte von Shevchenko zeigten sich auf Nachfrage des norwegischen Schachjournalisten Tarjei Svensen unzufrieden mit dem Urteil des EDC und könnten in Berufung gehen. Bei Shevchenko wäre das dann vermutlich der Internationale Sportgerichtshof (CAS). Bis dahin bleibt beiden Parteien eine 21-tägige Einspruchsfrist.

„Während wir die Schwere des Vergehens anerkennen, ist es wichtig zu betonen, dass unser Mandant zu diesem Zeitpunkt unter extremem psychischen Druck stand, da er glaubwürdige Morddrohungen, einschließlich Videos mit Schusswaffen, von Personen in der Nähe des Turnierortes erhalten hatte, die sich ausdrücklich auf seinen Aufenthaltsort in Melilla bezogen. Diese Drohungen waren sowohl real als auch schwerwiegend und hätten unserer Ansicht nach von der FIDE-Ethik- und Disziplinarkommission als triftige Gründe für die Verhängung einer geringeren Sanktion berücksichtigt werden müssen.“ (zitiert nach Svensen in deutscher Übersetzung).

Kommentar

Das Statement der Anwälte lässt einen Betrachter weitgehend ratlos zurück. Die Aktion von Sevchenko wirkte derart tölpelhaft, dass man meinen könnte, er wollte gefasst werden. Die Entlastung mit einer möglichen Erpressung des Spielers passt in das konfuse Bild des gesamten Falles. Ob es eine reale oder nur eine gefühlte Bedrohung des Spielers gab, dürfte zumindest für die öffentliche Bewertung des Spielers eine Rolle spielen, scheint die FIDE aber nicht interessiert zu haben.

Es bleibt in jedem Fall zu hoffen, dass der Spieler psychisch gesund ist und bleibt. Zweifel daran sind angebracht. Erinnert wurde ich an einen Fall, der sich in Deutschland in der Schachspielerszene abgespielt hat, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht vor über 35 Jahren. Ein nicht ganz unbekannter deutscher Spieler hatte Schulden bei den falschen Leuten angehäuft und beging mutmaßlich einen Bankraub, aber nicht um das Geld zu beschaffen, sondern erwischt zu werden und so von seinen Gläubigern in Ruhe gelassen zu werden. Ob die Geschichte sich tatsächlich so zugespielt hat, lässt sich nicht mehr klären.


Hintergründe

ZEIT-Meldung vom 17. Oktober 2024.

Artikel Tarjei J. Svensen für Chess.com.

Die Fair Play Kommission (FPL).

Die Ethics & Disciplinary Commission (EDC).

Das Urteil (8 Seiten) der EDC kann zum weiteren Vertiefen bei der FIDE heruntergeladen werden.

Titelfoto: Maria Emelianova (Chess.com) Jetzt wurde das Urteil