Ding Liren und Gukesh spielen den Weltmeisterschaftstitel in Singapur aus. Die Schachwelt schaut da genauer hin. Gleichzeitig versuchen zwei andere Spieler sich in Position zu bringen: Arjun Erigaisi und Fabiano Caruana wollen einen Platz im Kandidatenturnier 2024 ergattern. Der eine spielt im Dezember in Katar und der andere in Saint Louis. Ein Fernduell.
Caruana gewinnt US Masters
Im aktuellen FIDE Circuit liegt der Inder Arjun Erigaisi noch einen Schnaps (mit 114.77 zu 114.03) vor dem US-Amerikaner Fabiano Caruana. Der hatte zuletzt in Charlotte das US Masters mit acht Punkten aus neun Partien gewonnen. Dabei ist wichtig, dass man alleine im Feld vorne liegt. Dafür gibt es mehr Punkte. In Charlotte sah es nach einer Niederlage zunächst nicht so aus, als würde Caruana das Turnier mit Vorsprung für sich entscheiden können. In der sechsten Runde kam es zur Begegnung mit dem griechischen Großmeister Nikolas Theodorou. Fabiano Caruana verteidigte sich nicht akkurat und wurde zunächst von seinem Gegner überspielt. Vermutlich in Zeitnot gab es noch eine Chance für den US-Amerikaner, die dieser aber nicht nutzte.
Foto: Kelly CentrelliFoto: Kelly Centrelli
Nach dieser sechsten Runde lag der Grieche mit einem Punkt Vorsprung vor dem Feld. Er konnte jedoch keine weitere Partie mehr gewinnen; Caruana zog durch und sicherte sich den alleinigen Turniersieg. Für die Berechnung der Punkte im FIDE Circuit ist das relevant und könnte dafür sorgen, dass sich Caruana noch vor den Inder schiebt.
Foto: Kelly Centrelli
FIDE Circuit 2024 – das Fernduell
Das Regelwerk des Weltschachbundes FIDE spielt für die Qualifikation eine Rolle. So müssen die Spieler mindestens zwei von sieben Ergebnissen in Schweizer System Turnieren mit mindestens 50 Teilnehmern geholt haben. Der Inder Arjun Erigaisi hatte in der Dezemberliste 2023 noch eine Elozahl von respektablen 2727 Punkten, war aber gegenüber seinen Landsleuten Gukesh, Praggnanandhaa und Vidit hinten dran. Die Folge war, dass Arjun keine Einladungen für die Toprundenturniere bekam. Der Inder selbst schätzte seinen Chancen, sich 2024 für das Kandidatenturnier 2026 zu qualifizieren, als gering ein, da er nicht an der Grand Chess Tour teilnehmen konnte. Er machte aus der Not eine Tugend, spielte viele Partien in nationalen europäischen Ligen beispielsweise und vor allem spielte er viele offene Turniere. Der Rest ist bekannt. Der Inder ist zwölf Monate später bereits die Nummer Vier der Welt mit einer Elozahl von 2801 Punkten. Bei so viel Zuwachs bei der Elozahl ist es keine Überraschung, dass Arjun im FIDE Circuit viele Punkte sammeln konnte und jetzt doch eine Chance hat sich zu qualifizieren.
Erigaisi kann in 2025 auf Einladungen zu den Topturnieren hoffen. In Wijk aan Zee im Januar und beim Norway Chess im Mai beispielsweise ist er dabei. Noch ist das Jahr 2024 nicht vorbei und der Inder und seine Fans hoffen noch auf die frühzeitige Qualifikation zum Kandidatenturnier 2026.
Foto: John Brezina
Bei Fabiano Caruana waren die Voraussetzungen etwas anders. Umgekehrt sozusagen. Fabiano begann das Jahr mit dem Kandidatenturnier in Toronto, spielte vor allem die Grand Chess Tour mit und sammelte durch gute Resultate ordentlich Punkte. Es folgte die US-Meisterschaft, die er alleine gewann. Danach fehlten dem US-Amerikaner dann noch die Schweizer System Turniere und die nahm er sich im November und Dezember vor. In Charlotte und aktuell vor der eigenen Haustür in Saint Louis. Der US-Amerikaner hatte vor allem Rückstand gegenüber dem Inder, weil er nur fünf gewertete Turniere im Rennen hatte.
FIDE Circuit – etwas läuft schief
Falls Fabiano Caruana in Saint Louis ebenfalls alleine vorne liegt, kann der Inder selbst mit einem alleinigen Sieg in Katar nicht mehr kontern. Arjun kann nur sein schlechtestes Ergebnis als Streichergebnis austauschen und erhält in dem Sinne nicht die volle Punktzahl dieses Turniers auf seinem Konto angerechnet. Die FIDE hatte zuletzt die Regeln zur Qualifikation verändert, aber einen wichtigen Aspekt offenbar nicht berücksichtigt. In den Vereinigten Staaten sind offene Turniere mit neun Runden an fünf Tagen der Standard. Dafür können Spieler so genannte Bye nehmen, also aussetzen und dafür einen halben Punkt kassieren. Das ist eine sinnvolle Regelung, aber für den FIDE Circuit hat das ungewollte, aber gleichwohl erhebliche Konsequenzen. Die Chancen ein Turnier alleine zu gewinnen steigen, wenn die Kollegen sich solche Auszeiten gönnen. Ein Beispiel: In Charlotte hatte sich Awonder Liang, die nominelle Nummer Zwei im Turnier, von vornherein drei Auszeiten genommen. Gleichzeitig zählt die Elozahl des Landsmanns von Caruana für das Berechnen der Wertigkeit des Turniers, ohne dass dieser Spieler ernsthaft um den Turniersieg mitspielt. Das kann nicht richtig sein.
Zum Zeitpunkt zu dem dieser Text entstand spielt Fabiano Caruana die sechste Runde im Saint Louis Masters gegen den punktgleichen peruanischen Großmeister Emilio Cordova. In Katar Open steht erst die vierte Runde an. Der Inder liegt mit 2.5 Punkten im Verfolgerfeld.
Fotos: Dariusz Gorzinski, John Brezina, Kelly Centrelli (Charlotte Chess Centre).
Titelfoto: Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess)
Von Thorsten Cmiel
In der siebten Runde gelingt es erstmals einem der beiden Spieler aus der Eröffnung heraus einen signifikanten Vorteil zu erzielen. Es folgt das bislang spannendste Duell dieses Matches in Singapur. Die gesamte siebte Partie wird dominiert von Gukesh. Aber Ding Liren gelingt es immer wieder Ressourcen für die Verteidigung zu finden. Wie immer im Schach entscheidet der letzte Fehler und der Chinese holt ein glückliches gleichwohl verdientes Remis.
Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess)
Der zeremonielle erste Zug ist bei Schachveranstaltungen ein beliebtes Presseevent für Filmstars, prominente Sportler, Sponsoren und Politiker, die in Szene gesetzt werden. In Singapur kündigt der Boxpromoter und Schachgroßmeister Maurice Ashley nicht nur die Spieler in jeder Runde an, sondern sagt auch etwas zu den Gästen. Diesmal muss der Gast besonders wichtig sein, denn Ashley hörte gar nicht mehr auf den Gast und seine Verdienste zu preisen. Der US-Amerikaner führt mehr über den Mann auf dem Foto aus als über den Nobelpreisträger Demis Hassabis, der zu Beginn des Matches hier war. Der Gast zur siebten Runde ist Edwin Tong Chun Fai, ein singapurischer Politiker, der seit 2011 Mitglied des Parlaments und seit 2020 Minister für Kultur, Gemeinschaft und Jugend sowie 2. Minister für Justiz und Recht ist. Vermutlich hat er die Staatsgarantie für das Match wesentlich beeinflusst. Gut so.
Die Siebte
Gukesh hatte in den ersten zwei Partien seine Mittelbauern vorgeschoben. Diesmal startet der Inder wie in seinen Anfangszeiten fast ausschließlich mit dem Königsspringer und einen Zug später mit seinem g-Bauern, den erst erstmals in diesem Match nicht gleich zwei Felder vorschiebt. Gukesh geht es ruhig an. Ding Liren reagiert interessant und zieht früh ebenfalls seinen g-Bauern einen Schritt nach vorne. Damit geht er der Vorbereitung seines Gegners in der Katalanischen Eröffnung aus dem Weg. Eine der besten Leistungen des Inders in Toronto war seine Weißpartie gegen den Russen Ian Nepomniachtchi, die allerdings am Ende unvollendet blieb und Unentschieden ausging. Wie wir etwas mehr als fünf Stunden später wissen werden, Geschichte wiederholt sich doch.
Mit dem siebten Zug landet Gukesh heute seinen ersten Treffer in der Eröffnung. Den Turm nach e1 zu ziehen ist eher selten in dieser Stellung zu sehen und eine Spezialität des deutschen Großmeisters Rasmus Svane. Interessanterweise gibt es die Position häufiger, aber mit einem Tempo mehr für Weiß, nämlich wenn Schwarz zunächst einen königsindischen Aufbau gewählt hat und auf den Turmzug nach e1 mit dem Tempoverlust d6-d5 reagiert. Die entstandene Struktur erinnert eher an die grünfeldindische Verteidigung.
Nach 28 Minuten reagiert Ding auf den Turmzug mit dem sehr prinzipiellen Schlagen auf c4. Die Antwort von Gukesh folgt unverzüglich. Der Inder schiebt erwartungsgemäß seinen Königsbauern zwei Felder nach vorne und greift sich mehr Raum. Dieser Zug ist in der größten gepflegten Datenbank vom deutschen Anbieter Chessbase nicht zu finden. In der größeren und Blitzpartien beinhalteten Datenbank von LiChess erfreut sich der Zug großer Beliebtheit. Im neunten Zug zog der Chinese seinen c-Bauern ein zweites Mal. Besser wäre es gewesen, dem Schwarm an Online-Schachspielern zu folgen und stattdessen seinen b-Bauern zwei Felder vorzurücken. Ding bereut seine Entscheidung sofort, wie er später in der Pressekonferenz offen zugibt.
Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess)
Gukesh greift sich als Antwort auf den letzten Zug seines Gegner immer mehr Raum. Der Chinese attackiert den vorgerückten d-Bauern, aber sein Damenflügel ist noch unterentwickelt. Vor allem der Zeitfaktor könnte eine Rolle spielen. Nach zehn Zügen bleiben dem Chinesen noch eine Stunde und vierzehn Minuten in einer höchst komplexen Stellung, in der die Spieler noch nicht einmal im Clinch sind.
In dieser Stellung hat Weiß zwei etwa gleichwertige Alternativen. Gukesh konnte mit dem Springer auf c4 schlagen und sich auf ein taktisches Gemetzel einlassen, oder aber er spielt hier den pragmatischen elften Zug mit dem Randbauern und sichert sich das Läuferpaar, eine oft praktizierte grundsätzliche Idee im Turnierschach. Der Junge aus Chennai entscheidet sich nach sieben Minuten für die pragmatische Herangehensweise und sichert sich anhaltenden positionellen Vorteil.
Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess)
Der Höhepunkt der Partie
Es ist fast tragisch was im Kontrollzug diesmal auf dem Schachbrett passiert. Ding hatte sich mit findiger Verteidigung aus einer prekären Lage befreit und hier hatte er eine perfekte Festung errichtet. Solche passiven Verteidigungen sind jedoch oft die falsche Idee, daher ist der aktive Zug mit dem König nach e5 spieltaktisch verständlich. Aber der Königszug ins Zentrum kommt leider zum komplett falsches Zeitpunkt.
Gukesh erschwert sich in dieser Stellung seine Aufgabe erheblich, da er mit seinem König nach e1 zieht und dieser dort eher anfälliger für Schachgebote des gegnerischen Turms steht, jedenfalls nicht besser als auf f1. Dennoch steht Ding in der Folge erneut vor einer schwierigen Aufgaben.
Es war mir unerklärlich, warum er nicht das einfache 44. h4 anstelle von Ke1 gespielt hat. Faustregel: „Wenn du einen Freibauern hast, lass ihn SCHNELL laufen!“ Sein König war auf f1 besser aufgehoben, damit er seinen Läufer auf f3 verteidigen kann, falls nötig. Der König auf e1 hatte nicht wirklich einen Zweck.
Susan Polgar Großmeister Frauen Ex-Weltmeisterin
Chessbase India meldet 205.000 Livezuschauer ihrer Show aus Mumbai. Einige Stunden später haben zwei Millionen Zuschauer in das Youtube-Video der indischen Edelfans zumindest hineingeclickt. Die Aufmerksamkeit für Schach erreicht in Indien immer neue Dimensionen.
Titelfoto: Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess)
Von Thorsten Cmiel
Die Spannung steigt und die Komplexität der Partien nimmt zu: In der achten Partie haben beide Spieler Chancen auf den vollen Punkt. Der Herausforderer lehnt erneut ein stilles Angebot seines Gegners ab und zeigt mentale Stärke. Dafür gibt es Applaus von den Fans und Maurice Ashley verliert Haare.
Gukesh sitzt heute bereits in der Eröffnungsphase leicht vorgebeugt am Brett. Das ist ungewöhnlich, denn in den vorigen Runden hatte der Inder sich meist zu Beginn in seinen Gamingsessel zurückgelehnt und war durch seine geschlossenen Augen aufgefallen. Vielleicht ist heute etwas anders und Gukesh will nach den verpassten Chancen in der siebten Runde endlich erstmals in Führung gehen. In der Eröffnungsphase kann das Team Gukesh heute erneut punkten.
Der chinesische Titelverteidiger probiert erneut einen anderen Eröffnungszug aus und startet diesmal mit der Englischen Eröffnung. Gukesh und sein Team zeigen sich exzellent vorbereitet und es ist der Inder, der das erste Ausrufezeichen setzt. Der siebte Zug mit dem f-Bauern nach f6 zu ziehen ist logisch, da er das eigene Zentrum stärkt und so den eigenen d-Bauern mobil macht. Erneut ist es Ding Liren, der in der Folge zuerst eine längere Denkpause einlegt und einen Plan sucht. Soll er irgendwann im Zentrum mit dem Damenbauern nach d4 vorrücken, oder soll es heute etwas vorsichtiger sein mit d2-d3?
Foto: Eng Chin An (FIDE Chess)
Der Weltmeister entscheidet sich früh dafür, den d-Bauern ganz hinten zu lassen und stattdessen das gegnerische Zentrum mit dem f-Bauern zu attackieren. Ulrich Stock (Die Zeit) wir den Turm, der über f4 und e4 ins Spiel findet, später in der Kantine bei der Ideensuche für seinen Text als „Wanderturm“ bezeichnen. Objektiv betrachtet ist Gukesh gut aus der Eröffnung gekommen und im 22. Zug unterläuft dem Chinesen ein ernster Fehler, der es Gukesh ermöglicht, die Initiative zu übernehmen und eine Bauernwalze am Damenflügel in Gang zu setzen.
Gukesh reagiert mit dem Doppelschritt seines b-Bauern. Plötzlich ist Ding in der Defensive und verliert erstmals in dieser Partie die Kontrolle. Tatsächlich ist es sehr schwierig eine Verteidigung für den Weißen zu finden. Ding entscheidet sich einige Züge später für ein pragmatisches Bauernopfer. Die Aufgaben, die sich beiden Spielern stellen, werden immer komplexer und so verwundert es nicht, dass beide Spieler in der folgenden Spielphase nicht immer die besten Fortsetzungen entdecken.
Foto: Eng Chin An (FIDE Chess)
Zuletzt hatte Ding Liren die Dame seines Gegners attackiert. Damenzüge kommen nicht in Betracht, da sie entweder den a- oder den b-Bauern verlieren, insofern blieb nur die Option einen Springer nach c5 zu ziehen. Natürlicher ist es hier den Randspringer in Richtung Brettmitte zu manövrieren. Aber: Genau diese Argumentation war falsch. Schwarz musste stattdessen den Springer von d7 bringen. Jan Timman erklärt es.
Eine alte Regel besagt, dass sich Springer nicht gegenseitig beschützen sollten. Der Grund dafür ist, dass beide Springer verwundbar sind. Deshalb hätte Gukesh 26.-Ndc5 spielen sollen. In diesem Fall wäre der andere Springer sicher vor jedem Angriff auf a6 geblieben.
Jan Timman via X, vormals Twitter.
Zuletzt hatte Ding Liren sehr stark seine Dame von d1 nach e1 gezogen. Das beinhaltet eine versteckte Drohung, mancher Kommentator etwas wortgewaltiger unterwegs würden diese vielleicht als teuflisch bezeichnen. Der Inder sah die Idee von Weiß jedenfalls nicht, spielte als Antwort zu sorglos und zog seinen Läufer nach e6 zurück. Diese Entscheidung durfte er sofort bereut haben, denn der Chinese erhöhte den Druck auf der Diagonalen.
Sofort wird offensichtlich, dass der Inder in großen Schwierigkeiten steckt. Er ist kreuzweise gefesselt und die Position fühlt sich plötzlich ziemlich unangenehm an. In der Folge sichert sich Ding Liren etwas Materialvorteil und die Fans des Inders in der Chessbase Show in Mumbai machten sich erstmals einige Sorgen. Immerhin schaltete Gukesh in der Folge zunächst auf Verteidigung um.
Der Inder wehrt sich Zuletzt hatte er mit Aufzug des h-Bauern ein Luftloch geschaffen, um auf Schachgebote der gegnerischen Dame auf der eigenen Grundreihe ein sicheres Feld für den König zu finden. Aber auch Ding Liren scheint auf der Höhe zu sein. Der Chinese antwortet hier mit dem Königszug nach e1, um den eigenen König nach d2 zu bringen und den Turm auf c1 zu decken. Danach wäre der weiße Läufer auf c5 wieder beweglich.
Hier passierte etwas Überraschendes: Ding Liren zentralisiert zunächst seine Dame, was grundsätzlich erstrebenswert war. Stattdessen sollte der Chinese wie geplant den König zunächst nach d2 ziehen. Danach hätte es schlecht für den Inder ausgesehen.
Einen Zug nach dem Kontrollzug konnte hier Gukesh mit der Dame nach g2 ziehen und damit eine dreimalige Stellungswiederholung erzwingen. Dieses Szenario war bekannt aus der sechsten Runde in der Gukesh auswich, obwohl er objektiv etwas schlechter stand. Die Journalisten packten ihre Laptops ein und Maurice Ashley machte sich zu Fuß zur Pressekonferenz in ein anderes Gebäude auf. Aber Gukesh hat seinen eigenen Willen und wich ab. Erneut war dies objektiv nicht gerechtfertigt. Seine Fans fanden so viel Kampfgeist klasse und jubelten als die schwarze Dame auf a2 landete. Einige Züge später musste Gukesh dann doch in das Unentschieden einwilligen.
Eng Chin An (FIDE Chess)
Der Moderator Maurice Ashley sorgte für Lacher mit der Bemerkung, dass ihn die Entscheidung von Gukesh, erneut weiter zu spielen, Haare auf dem Kopf gekostet habe. Die Trainer von Gukesh müssten knapp am Herzinfarkt gewesen sein, spekulierte Ashley. Die Einschätzungen der Spieler nach der Partie zeigten erneut eine grundsätzlich andere Herangehensweise an die Partien und das Match insgesamt. Ding wirkt auf Beobachter vor Ort meist unsicher. Gukesh hingegen versprüht einen jugendlichen Optimismus, dem es an etwas Objektivität zu fehlen scheint. Seine Unbekümmertheit ist gleichzeitig eine seiner größten Stärken in diesem Kampf um die Krone im Schach.
Heute habe ich während des Spiels nicht gemerkt, dass ich zu einem bestimmten Zeitpunkt auf Gewinn stand. Weltmeister Ding Liren nach der Partie.
Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess)
Ich habe mich nicht für die dreifache Wiederholung entschieden, weil ich dachte, ich stehe besser. Jetzt, wo ich die Computervarianten sehe, habe ich natürlich eine andere Meinung. Herausforderer Gukesh nach der Partie.
Hier die Antworten auf die Lasker Fragen. Ich hoffe es war nicht zu schwierig, aber gleichzeitig nicht zu einfach. Die nächsten Aufgaben gibt es am nächsten Sonntag.
Aufgabe 1: Weiß am Zuge setzt in zwei Zügen Matt
Lösung:
Diese Aufgabe erfordert es ein wenig symmetrisch zu denken. 1.Dh1! Das deckt beide Türme und bleibt auf der Diagonalen h1-a8. Das ist wichtig, um auf 1…Ta6 die Antwort 2.Txa6# zu haben.
Aufgabe 2: Weiß ist am Zuge. Findet die stärkste Fortsetzung
Lösung:
Das Hauptmotiv dieser Aufgabe ist in etwas anderer Form bekannt. Weiß startet mit dem Damenopfer, um nach 1.Dxg8+ Txg8 2.Sf7+ Kg7 3.Lh6# zu setzen. Die Aufgabe ist durch die Fragestellung etwas erschwert, da nicht nach einem Matt in drei Zügen gefragt wurde.
Aufgabe 3: Weiß ist am Zuge. Wie würdet ihr fortsetzen?
Lösung:
Das ist eine nette Version eines viel bekannteren Motivs, des erstickten Matt. Hier etwas komplizierter exekutiert. Es beginnt mit 1.Lb7+ Lxb7 2.Sd7 Dd8 3.Db8+ Dxb8 4.Sb6#
Aufgabe 4: Wie sollte Weiß fortsetzen?
Lösung:
Eine Abfolge starker Züge ist notwendig, um bei dieser Aufgabe richtig zu liegen. Das Beispiel ist bekannt aus einer Partie Adams – Torre New Orleans 1920 bekannt. Es ist nicht sicher, ob die Lösung der wirkliche Partieverlauf war – darauf weist der aktuelle Seniorenweltmeister Rainer Knaak in einer Chessbase-Analyse hin. Da die Varianten etwas komplexer sind und Erklärungen erfordern, hier die Partie in einem gesonderten Tool.
Wer Spaß an Schachaufgaben hat, der wird ab nächstem Jahr in der Akademie dieser Webpräsenz fündig werden. Für den Anfang findet ihr unter den Links weitere Aufgaben und einige Hinweise darauf wie schwer Schachaufgaben sein sollten.
Das Objekt der Begierde. Die WM-Trophäe. Foto: Eng Chin An
Von Thorsten Cmiel
Es bleibt dabei: der Weltmeister ist mit jedem Unentschieden zufrieden und Gukesh demonstriert sein Interesse an langen Partien. Er mag es Schach zu spielen, sagt er. Dafür ist er sogar bereit leicht schlechtere Stellungen weiter zu spielen. Die Matchstrategien der Kontrahenten werden deutlich.
Die Spieler zeigen sich gut vorbereitet heute. Ding Liren spielt das Londoner System eine solide Spielweise, die sich angesichts ihrer Einfachheit beim Erlernen besonders bei Amateuren großer Beliebtheit erfreut. Dann passiert etwas. Der Inder weicht offenbar ab von der vom Chinesen vorbereiteten Variante und was vom Maschinenraum vorgeschlagen wird. Das ist normalerweise ein Zeichen einer etwas ungenauen Spielweise. Nicht dramatisch, aber ein Zeichen. Es folgt die längste Denkphase eines Spielers im bisherigen Match.
Nach 20…Df5 nimmt sich Ding eine längere Auszeit. Zu Beginn hat der Chinese noch einen komfortablen Zeitvorteil von etwa sechsundvierzig Minuten. Am Ende werden es noch drei Minuten sein. Liren ändert immer wieder die Denkpose. Rutscht hin und her bis er dann die richtige Position gefunden hat für einige Minuten. Der Chinese sitzt manchmal leicht vorgebeugt, sein rechter Unterarm liegt auf dem Tisch, der andere stützt seinen Kopf oder er vergräbt seinen Kopf zwischen den Armen und schaut auf den Tisch. Dann nach 43 Minuten, plötzlich, schlägt Ding den c6-Bauern. Der beste Zug. Gukesh nimmt im Gegenzug sofort den Bauern auf e5, steht auf, reckt sich ein wenig. Ding bietet den Damentausch an und läuft aus dem Raum, der Inder reagiert sofort und verzichtet auf die weitere Vereinfachung. Erneut bietet der Chinese den Tausch der Damen an, aber der Inder sträubt sich. Das Szenario wiederholt sich. Dann im 26. Zug kann Gukesh den Zug seiner Dame von g5 nach e7 ankündigen und so dreimalige Stellungswiederholung reklamieren. Nach zwei Stunden könnte es heute vorbei sein. Im Pressezentrum packen sämtliche Journalisten ihre Sachen zusammen, denn zur abschließenden Pressekonferenz muss man in ein anderes Gebäude, ins Sentosa Convention Center, das Teil eines anderen Hotels ist.
Aber der Inder hat noch nicht genug gesehen und will seinen Gegner nicht so einfach davon kommen lassen. Das ist riskant von Gukesh, aber wenn irgendwer hier und heute etwas riskiert, dann wird es der Junge aus Chennai sein. Der Inder ist sich seines Risikos durchaus bewusst. Er nimmt es trotzdem in Kauf. Es scheint für das Team des Inders wichtiger zu sein, ein Zeichen zu setzen: Ich spiele gegen dich jede Stellung weiter, anders als du.
„Ich dachte, ich könnte aus der Eröffnung heraus etwas schlechter stehen, ich war mir nicht einmal sicher. Aber mit den offenen Linien vor seinem König dachte ich, dass ich immer Gegenspiel haben würde, und ich sah keinen Grund, die Stellungswiederholung zu nehmen. Natürlich habe ich nicht auf Sieg gespielt, ich wollte nur noch ein paar Züge spielen und sehen, was passiert.“
Gukesh zu seiner Entscheidung im 26. Zug das stille Remisangebot auszuschlagen.
Einen Zug nachdem Gukesh seine Dame nach h4 gezogen hatte und damit eine offensichtliche Drohung gegen den Turm auf e1 verbunden gewesen war, konnte hier der Chinese seinen c-Bauern ins Rennen schicken und Gukesh wäre in den Rücksitz gedrückt worden vom Weltmeister. Danach ist der Turmzug nach d8 keine Option, da Weiß gerne die Dame gegen zwei Türme gibt und sein c-Bauer entscheiden sollte. Aber Ding machte gar nicht erst den Versuch auf Gewinn zu spielen. Der Chinese zog seine Dame nach e5, um, na klar, die Dame erneut auf f4 oder g3 zum Tausch anzubieten.
In der anschließenden Pressekonferenz erwähnte Ding hier selber, dass er überlegt habe mit Dg5 weiter auf Gewinn zu spielen. Er hätte es tun sollen. Als Beobachter fragt man sich zwangsläufig warum der Weltmeister angesichts des bisher durchaus guten Verlaufs und der vielen Chancen nicht optimistischer drein schaut. Ich ertappe mich dabei, zu erraten wie Ding wohl das Remis forcieren wird. Dann im 43. Zug war es so weit. Ding hat eine Art forcierten Weg gefunden, indem er mit seinem Turm Schach auf g2 gibt und nach Rückzug des gegnerischen Königs diesen wieder vor den gegnerischen Freibauern stellt. Diesmal hat Gukesh genug gesehen. Er steht auf und erwartet die dreimalige Stellungswiederholung.
„Ich habe das Gefühl, dass ich meinen Vorteil in einem kritischen Moment verliere. Das muss ich in den nächsten Spielen verbessern“, sagte Ding direkt nach der Partie.
Gute Stimmung vor dem Ruhetag
Es geht in den zweiten Ruhetag. Für Gukesh ist sein Vater immer dabei. Für Ding Liren sitzen Vater, Mutter und neuerdings auch Richard Rapport verteilt im Presseraum. Die Stimmung ist ausgelassen auf der Pressekonferenz nach der sechsten Partie. Von Eiscreme und Memes ist die Rede. Vor allem der Ruhetag gefällt vielen. Mein Eindruck: Gukesh ist psychologisch inzwischen im Vorteil, wenn auch das Match mit Drei beide immer noch ausgeglichen steht.
Foto Credits: Maria Emelianova Chess.com und Eng Chin An, beide (FIDE Chess).
Ramesh ist ein freundlicher Mensch, der ständig sein Lachen zeigt. Hier ist jemand erkennbar zufrieden mit dem was er macht und mit seinen bisherigen Entscheidungen im Leben. Aber wer ist dieser Ramesh eigentlich?
Zuerst traf ich Ramesh im Mai 2019 anlässlich eines Trainingscamps für die Quality Chess Academy auf Kreta. Dann konnte ich ihn in Abu Dhabi etwas genauer befragen. Es war ein ausführliches Gespräch mit dem Coach der indischen Nationalmannschaft über indische Ambitionen, die explodierende Entwicklung des Schachs in Indien, die Bedeutung von Vorbildern, Erfolgsfaktoren beim Schach, Talente, die Nationalmannschaft, seinen Schützling Praggnanandhaa und dessen Schwester Vaishali.
Ramachandran Ramesh, kurz R.B. Ramesh, geboren 1976, ist seit 1996 Internationaler Meister und seit 2003 Großmeister. Er gewann 2002 die britische Meisterschaft und wurde 2007 Commonwealth-Meister. Verheiratet ist Ramesh mit Aarthie Ramaswamy, die einen erheblichen Einfluss auf seine Karriere als Trainer nahm. Aarthie ist heute in der gemeinsam betriebenen Schachschule „Gurukul“ in Chennai vor allem für das Anfängertraining, die Organisation und den Umgang mit den Eltern verantwortlich. Während Ramesh sich neben Online-Trainings am liebsten auf das Training von indischen Top-Talenten unter seinen Schülern konzentriert.
„Als ich meinen sicheren Job kündigte, haben mich viele für verrückt erklärt.“
(R.B. Ramesh)
Ramesh wurde 1998 erstmals als Coach für Indien zu einer Jugendweltmeisterschaft geschickt. „Ich weiß nicht, weshalb sie mich als Coach ausgewählt haben (lacht). Meine Inspiration war Anand. Ich wollte werden wie er, ein Schachgroßmeister. 1998 war ich Internationaler Meister und mein erster Student war Aarthie Ramaswarmy, die später meine Frau wurde. Damals gab es in Indien keine Trainer. Es gab natürlich Spieler, die auch Schach unterrichteten. Aber Trainer war damals kein eigenes Berufsbild. 1999 gewann Aarthie die U18-Weltmeisterschaft. Sie war nicht die Favoritin, aber sie gewann das Turnier sehr überzeugend und das gab mir die Zuversicht, dass ich ein guter Trainer sein könnte. Danach begann ich mit vielen Spielern zu arbeiten, die oft in meinem eigenen Alter waren. Auch bei dieser Arbeit hatte ich Erfolg und das bestärkte mich darin, die Aufgabe als Trainer noch seriöser anzugehen.“
Eine eigene Schachschule
Gesellschaftlich ging und geht es in Indien darum, positive Rollenbilder zu schaffen, die andere Inder inspirieren zu besseren eigenen Leistungen. Das bezog sich auf verschiedene Gebiete, auch auf Sport. Wer etwas Außergewöhnliches im Schach erreichte, erhielt die Chance, einen gut bezahlten, lebenslangen Job zu bekommen, vergleichbar mit einem Sponsorenvertrag. Inzwischen hat sich natürlich etwas verändert (Anmerkung: Indien hat im August 2019 insgesamt 64 Großmeister). Aber immer noch übernehmen öffentliche Unternehmen, die Reise- und Unterkunftskosten von jungen Spielern bei internationalen Turnieren als Teil einer Art Sportförderung. Die Branchen der Unternehmen, die Sport fördern, haben sich mit der Zeit allerdings etwas verändert: Banken und Energiefirmen, oft in mehrheitlich öffentlichem Eigentum, sind noch als Sponsoren aktiv. So ist beispielsweise Karthikeyan Murali, einer der Schüler von Ramesh bei der teilstaatlichen Öl- und Gasgesellschaft ONGC beschäftigt.
Ramesh selbst hatte als einer der ersten Großmeister Indiens noch einen garantierten Job bei einem dieser staatlichen Unternehmen erhalten. 2008 entschied er sich jedoch dafür, seinen Halbtagsjob zu kündigen. Ramesh konnte sich nicht vollends auf das konzentrieren, was er am liebsten macht, Schach unterrichten. Er war unzufrieden mit seiner Situation. Nach Absprache mit Aarthie kündigte der damals junge Familienvater seinen Job und gründete gemeinsam mit seiner Frau eine Schachschule in Chennai. „Als ich meinen sicheren Job kündigte, haben mich viele für verrückt erklärt.“ Heute, in der Rückschau, ist diese Entscheidung ohne Zweifel richtig gewesen.
Schach für Kinder
Ramesh ist aktuell der vielleicht erfolgreichste Nachwuchstrainer der Welt. Seine Schützlinge kommen auf über 31 Titel bei Weltmeisterschaften, 40 Titel bei Asienmeisterschaften und 34 nationale Titel. Falls sein Eintrag bei Twitter aktuell ist, denn er pflegt seine Onlinepräsenzen nicht intensiv. Der Andrang von neuen Schülern ist ohnehin groß. 500 Schüler betreut er zurzeit weltweit. Die meisten davon sind Kinder, die von ihren Eltern angemeldet wurden. (Anmerkung: Stand August 2019)
Das beste Einstiegsalter sei zwischen fünf und sechs, zumindest wenn man den großen Erfolg will. Um Großmeister zu werden sei es ideal, jeden Schultag zwei Stunden zu trainieren und an Wochenenden vier Stunden am Tag aufzuwenden. Das ist vergleichbar mit anderen Sportarten. Eltern sollten ihre Kinder unterstützen und sind insofern ein wichtiger Faktor beim Prozess der Entwicklung ihres Kindes. Im besten Fall engagieren sie den richtigen Trainer für die jeweilige Entwicklungsstufe des Kindes. Da Schach ein Sport ist, gehört der Umgang mit guten und schlechten Phasen dazu und das müssen auch Eltern akzeptieren.
Wie trainiert man richtig
Wer Ramesh aufmerksam zuhört, der versteht, dass Erfolge im Schach das Ergebnis harter, regelmäßiger Arbeit und kein Zufall sind. Es geht nicht um den schnellen Erfolg, um Abkürzungen. Die harte Arbeit am eigenen Können wird sich letztlich auszahlen und in Ergebnissen sichtbar werden. Jeder könne im Schach Erfolge erzielen. Zudem gibt es natürlich außergewöhnliche Talente. Diese Wunderkinder müssen jedoch genauso seriös an ihrem Schach arbeiten, um ihr Potenzial zu heben. Bei Praggnanandhaa beispielsweise gehört zu seinem Talent sein Wissensdurst, ein hervorragendes Erinnerungsvermögen, überragende Rechenfähigkeiten und die Bereitschaft, sehr aufmerksam am Training teilzunehmen.
Ramesh vertritt die Auffassung, dass das Training schwierigere Probleme enthalten sollte als das Spiel im Turnier. Dort sollte man dann den „Flow“ nutzen und Turnierpartien sollten relativ leicht von der Hand gehen. Damit meint Ramesh übrigens nicht, dass sich die Kinder mit Eröffnungstraining beschäftigen und damit einfache Punkte einfahren sollten. Im Gegenteil: Gerade zu Beginn sollte das Training nur zu maximal 20 Prozent auf diese erste Spielphase besonderen Wert legen. beim Training mit Praggnanandhaa hat er beispielsweise vor einigen Jahren gar keine Aufmerksamkeit auf die Eröffnungsphase gelegt. Wichtiger sei es, die Basis für ein erfolgreiches Spiel zu begründen. Die Bedeutung des Eröffnungstrainings wird sich dann später, beim fertigen Spieler, ohnehin auf etwa 60 Prozent oder sogar mehr, im Selbststudium erhöhen.
Ein Teil des typischen Trainingsplans ist das Lösen von Taktikaufgaben, Mittelspielstellungen, Endspielen und Studien. Das Nachspielen von aktuellen Großmeisterpartien gehört ebenfalls zu dem täglichen Trainingspensum, das jeder Spieler mit Ambitionen absolvieren sollte. Ramesh empfiehlt jeden Tag fünf bis zehn Partien der besten Spieler der Welt beispielsweise online zu verfolgen. Dabei sollte man nicht nur die Züge nachspielen, sondern die Ideen der Züge zu verstehen suchen. Praggnanandhaa ist noch fleißiger und nutzt sein sehr gutes Erinnerungsvermögen, um täglich bis zu 50 Partien und Besonderheiten der verfügbaren Partien der Topspieler zu memorieren.
Blindschach-Training
Zu der „Methode Ramesh“ gehört es, seinen Schützlingen immer wieder Aufgaben ohne Ansicht des Brettes vorzulegen. Komplexe Mittelspielstellungen oder Studien werden dann im Kopf analysiert, in Gruppen besprochen und bestenfalls gelöst. Etwas schelmisch erzählt er mir eine Episode aus dem Trainingslager der indischen Nationalmannschaft: Es war ausgerechnet Vishy Anand, der nach einer ungelösten, komplizierten Aufgabe als erster Spieler die Figuren auf einem Brett aufbaute. Es ist wohl kaum als Kritik zu verstehen, denn Anand ist das Idol von Ramesh, der wie „Vishy“ auch aus Chennai stammt. Vielleicht ist es das Alter, denke ich mir. Es folgt das typische Ramesh-Lachen, welches das gesamte Gesicht nutzt und bei dem man nie genau weiß was er gerade denkt. Aber ansteckend ist sein Lachen allemal. Sehr.
Ramesh legt großen Wert auf eine gute Stimmung und wenn man seine Schützlinge in Abu Dhabi beim Abendessen beobachtet, dann sieht man sogar Praggnanandhaa gelegentlich lächeln und aktiv Geschichten erzählen. Das ist für einen Jungen seines Alters – er wird während des Turniers in Abu Dhabi im August 2019 14 Jahre alt – keine Selbstverständlichkeit in Anwesenheit von älteren und bereits etablierten Spielern. Die kleine Delegation aus Chennai bestand in Abu Dhabi aus Murali Karthikeyan, Chitambaram Aravindh, Vaishali Rameshbabu, Praggnanandhaa Rameshbabu und Ramesh.
Photos: ChessBase India.
Indien: Hightech-und Schachnation
Kurz vor unserem Gespräch hatte Indien eine unbemannte Raumsonde zum Mond geschickt. Nach den USA, Russland und China wäre Indien die vierte Nation, der eine Mondlandung gelänge – die Ankunft ist im September 2019 geplant. Es mache Inder stolz, wenn wieder etwas erreicht sei, so Ramesh. Im Gespräch wird mir immer wieder klar, wie wichtig für Inder Vorbilder und internationale Erfolge sind. Die indische Gesellschaft ist ambitioniert in vielerlei Hinsicht und bereit aufzuholen. Es scheint jedoch ebenfalls eine Mentalitätsfrage für Inder zu sein, bei Rückschlägen schnell an Selbstvertrauen zu verlieren.
Weltweiter Wettbewerb
Längst tobt ein weltweiter Wettbewerb um den Titel der Welthaupstadt im Schach. Ist es St. Louis, weil dort ein Finanz-Milliardär der Weltelite ein schickes Domizil gestiftet hat? Oder ist es immer noch Moskau in dem jedes Jahr das stärkste Open der Welt stattfindet? Vielleicht ist die eigentliche Hauptstadt des Schachs allerdings eine Stadt in Indien? Wie wäre es mit der Stadt in der Ramesh seine Schachschule eröffnet hat?
Chennai ist unzweifelhaft eine Schachhochburg. Das liegt vor allem an Vishy Anand, der seit etwa zehn Jahren wieder in seiner Geburtsstadt lebt und 2007 indischer Sportler des Jahres wurde. Anands erster besonders wichtiger Erfolg war 1987 der Gewinn der Juniorenweltmeisterschaft U20. Großmeister wurde er 1988; inzwischen erhält man den Titel eines Großmeisters automatisch, wenn man Juniorenweltmeister wird. Anand, geboren 1969, qualifizierte sich 1990 für das Kandidatenturnier. 1995 spielte Anand gegen Kasparow erstmals um die Weltmeisterschaft. Das Match fand im Südturm des World Trade Centers statt. Im Jahr 2000 gelang Anand der Gewinn des Fide-Weltmeister-Titels. 2007 dann errang er in Mexico-City den (echten) WM-Titel, den er 2013 nach drei vorherigen Titelverteidigungen (gegen Kramnik, Topalow und Gelfand) letztlich 2013 gegen Magnus Carlsen abgab. Gespielt wurde dieses Match in Chennai. Chennai ist mit knapp 9 Millionen Einwohnern die Hauptstadt der Region Tamil Nadu und ein beliebtes Reiseziel. Die Bevölkerung von Tamil Nadu macht mehr als 72 Millionen Einwohner aus und ist eine der reicheren Provinzen Indiens. An europäischen Maßstäben gemessen ist die gesamte Region Tamil Nadu allerdings nicht sehr fortgeschritten (das Pro-Kopf-Inlandsprodukt liegt bei 2700 $). Chennai hieß früher Madras, weshalb Vishy Anand den Beinamen „Tiger von Madras“ erhielt.
Vorbilder für Indien
Es ging in den 90er-Jahren darum, im indischen Schach den Spielern die Zuversicht zu geben, dass Inder gute Leistungen erbringen können. Lange Zeit gab es in Indien nur ein internationales Schachturnier und die ersten Plätze wurden zuverlässig von ausländischen Teilnehmern abgeräumt. So kamen beispielsweise Spieler aus Russland mit einer besseren Rating und indische Spieler verloren meistens ohne Chance gegen diese Spieler, weil es ihnen an Selbstvertrauen und Zuversicht fehlte. Es klingt bei Ramesh als hätten Inder noch in den 90er-Jahren ein Mentalitätsproblem gehabt. Als Ramesh selbst die Bayrische Meisterschaft mitspielte, wurde er gefragt, weshalb er dort mitspiele. Inder galten offenbar aus Sicht anderer Nationen als nicht genügend wettbewerbsfähig. Zumindest hat er die Frage so interpretiert. Heute, in Zeiten in denen indische Delegationen nach Turnieren im Ausland oft mit tausenden Rating-Punkten mehr im Gepäck zurückfahren, ist diese Sichtweise fast unvorstellbar. Beim aktuellen Worldcup sind zehn von 128 Teilnehmern aus Indien und kein Gegner wird sie unterschätzen. Sicher.
Junge Schachspieler als Vorbilder
Indien hat eine Bevölkerungszahl wie ein Kontinent. Zuletzt wurde die Zahl der Inder im Land auf 1,368 Milliarden Einwohner geschätzt. Dadurch ist Indien bei etwas Euphorie natürlich rein zahlenmäßig eine potentielle Fundgrube für viele Talente in jeder Sportart oder Wissenschaft. Tatsächlich gibt es inzwischen unterhalb der Riege der Topspieler Schulschachaktivitäten mit unvorstellbaren Teilnehmerzahlen.
Tatsächlich zeigt ein Blick in die Teilnehmerliste der kürzlich gespielten Kadetten-Weltmeisterschaften (U8-U12) in China, dass dort vor allem Nationen wie China, die USA und Indien die größten Delegationen stellen. Allerdings sprang diesmal kein Podiumsplatz für Indien heraus. Die erfolgreichsten Nationen waren Russland, China und die USA. Interessanterweise die drei Nationen, die vor Indien auf dem Mond gelandet sind.
Der Blick auf die stärksten, etwas älteren Jugendlichen der Geburtsjahrgänge 2003 bis 2007, also Teens im Alter von 12 bis 16, zeigt eine indische Dominanz in der Spitze. Acht von 15 der zurzeit (September-Liste 2019) stärksten Jugendlichen sind aus Indien. Auch eines der in der Zukunft vielleicht größten Talente ist indischstämmig.
Nationalheld und Inspiration für die jüngere Generation
Der erste indische Schachgroßmeister und spätere Weltmeister, Vishy Anand, ist überregional und auch außerhalb der Schachszene in Indien bekannt. Eine große Inspiration war zudem beispielsweise Harikrishna, der Leute in seiner Region motivierte. Harikrishna, inzwischen in der erweiterten Weltspitze (aktuell im September 2019 Nummer 16) angekommen, war 2004 Juniorenweltmeister und ist einer der ersten Spieler, die früh von Ramesh gecoacht und trainiert wurden. Jetzt ist Ramesh erneut sein Coach in der Nationalmannschaft. Heutzutage sind die Kids Nihal, Pragg und Gukesh eine Inspiration für die jüngere Generation. Anand nimmt seine Aufgabe als nationaler Hero und Idol offenbar gerne wahr und lädt immer wieder Junggroßmeister zu sich nach Hause ein. Anmerkung: Ende 2020 gründete Anand zusammen mit dem Unternehmen Westbridge die WACA (Westbridge Anand Chess Academy) als Kaderschmiede für indische Elitespieler und 2022 wurde er Vize-Präsident des Weltschachbundes FIDE.
Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess)
Das Foto zeigt einen ikonischen, stolzen Moment für das indische Schach. Der fünfmalige indische Schachweltmeister Anand führt den symbolischen ersten Zug für seinen Landsmann Gukesh bei der Schachweltmeisterschaft 2024 in Singapur aus. Selten beginnt allerdings Schwarz, aber Gukesh hatte diese Farbe in der vierten Partie gegen Ding Liren.
Sponsoring
Die Teilnahme an internationalen Turnieren ist teuer: Zu den hohen Reisekosten aus Indien addieren sich die Kosten der Unterbringung. Immer wieder überrascht mich der Erfindungsreichtum der Inder bei der Finanzierung. Die Regierung sponsert beispielsweise die Reisekosten für einige Top-Jugendliche. Als ich an der Rezeption im Hotel in Abu Dhabi anstehe, sagt die Frau an der Rezeption zu einem indischen Delegationsleiter, der mit einem Dutzend Jugendlichen angereist ist, dass die Rechnung bereits von einem Unternehmen beglichen wurde. Erfreulich denke ich mir.
Für einen inzwischen etwas älteren Schüler von Ramesh, Chitambaram Aravind, fanden sich bei einer Crowdfunding-Aktion Sponsoren für dessen Reisekosten. Kreativ.
Praggnanandhaa hat sich ein vierjähriges Stipendiat aus den USA erspielt, das seine Reise- und Trainingskosten covern soll. Zudem prangt auf seinem Anzug das Logo des Sponsors Ramco, einem Softwareunternehmen, das auch die Nationalmannschaft unterstützt. Anfang September 2019 schloss Nihal einen sehr hoch dotierten Sponsorenvertrag ab mit einer Molkerei. Gukesh, der zweitjüngste Großmeister aller Zeiten, einen Sponsoren zu finden. Anmerkung zum Stand 2024: Die Sponsoren sind inzwischen andere und die Dotierungen auch. Das indische Spitzenschach profitiert und Schachschulen schießen im ganzen Land wie Pilze aus dem Boden.
Die indische Nationalmannschaft
Ramesh ist seit vier Schacholympiaden Coach der indischen Nationalmannschaft. Er betrachtet die Dinge immer etwas weiter als nur den aktuellen Erfolg. Inzwischen ist Indien mit seiner Nationalmannschaft nach den guten Ergebnissen bei den letzten Schacholympiaden (2014 3. Platz, 2016 4. Platz) eine Nation, die von den anderen Nationen respektiert wird. Das zählt.
2018 kam es nach zwölf Jahren Abstinenz erneut zu Anands Teilnahme an der Schacholympiade und das Team war automatisch einer der Favoriten, dem man als Nummer 5 gesetzt sogar den Turniersieg zutrauen konnte. Allein die Ankündigung der Teilnahme von Anand löste in der Schachszene in Indien eine Euphorie um das Team aus. Es entbrannte ein harter Kampf um die Plätze vier und fünf im Team. Anand, Harikrishna und Vidit waren als Spieler mit einer Rating über 2700 natürlich gesetzt.
Nach den Erfahrungen von Ramesh kommt es in Fünfer-Teams öfters dazu, zwei Teams im Team zu haben und ein Spieler ist gelegentlich zusätzlich isoliert. Die Herausforderung von Ramesh war es also, das von vornherein zu vermeiden. Das Team war vorher in mehreren Trainingslagern und betrieb „Teambuilding“. Dabei wurden beispielsweise Witze über die Spielweise von Adhiban gemacht. Die Stimmung im Team war bestens. Vidit reiste zur Schacholympiade in Batumi 2018 außer Form an und das Team hoffte, dass sich die Nummer Drei während des Turniers aus seinem Tief erholen würde. Er hatte laut Ramesh hoffnungsvolle oder gar gewonnene Positionen, aber fand keine Lösungen und schüttelte immer wieder den Kopf während der Partien, so die alarmierende Beobachtung von Ramesh. Vidit fehlte sichtlich das Selbstvertrauen. Ihn dennoch häufig einzusetzen war eine bewusste Entscheidung, da man eine Schacholympiade nicht mit nur vier Spielern bestreiten könne. Das Team war bis zum Kampf gegen die USA auf einem guten Weg. Leider verlor Vishy Anand gegen Fabiano Caruana (in Runde 4) und damit auch persönlich etwas an Selbstvertrauen. Vorher hatte er beispielsweise Markus Ragger in einer überzeugenden Partie geschlagen. Wie gut das Team zusammenhielt, zeigt sich daran, dass Anand sich beim Team für die Niederlage entschuldigte.
Das sei aber kein Problem gewesen und ohnehin Teil des Sports, insofern bestand die Aufgabe von Ramesh darin, zu verhindern, dass das Team kollektiv das Selbstvertrauen verliert und das gelang weitgehend. Insgesamt verlor Indien nur drei Einzelpartien und als Team folgte nur noch eine weitere Niederlage gegen Armenien bei der ausgerechnet der Topscorer Sasikiran (im Schlussspurt 4 aus 5) seine einzige Niederlage einstecken musste. Die Zahl der Remis erwies sich allerdings als zu hoch. Es gewann schließlich China vor den USA und Russland. Indien landete auf Platz 6.
Lennart Ootes (FIDE Chess)Lennart Ootes (FIDE Chess)Lennart Ootes (FIDE Chess)
Die Fotos zeigt die Emotionen von Coaches während wichtiger Kämpfe. Hier sind Ramesh und Ivan Sokolov zu sehen während des dramatisches Kampfes von Indien B gegen Usbekistan bei der Schacholympiade 2022. Die Geschichte der Partie zwischen Gukesh und Nodirbek Abdusattorov ist eine ganz eigene, dramatische Geschichte.
Was kann man von Pragg und Vaishali erwarten?
Die beiden Geschwister aus dem Hause Rameshbabu repräsentieren vielleicht die nächste Chance, zwei Weltmeister (Open und Frauen) aus einer Familie zu haben, nachdem die Polgars relativ knapp gescheitert sind. Im Jugendbereich haben die beiden jungen Inder eine gemeinsame Regentschaft bereits geschafft (2015: U14w und U10). Spieler müssen natürlich ambitionierte Ziele formulieren. Pragg nannte selbst einmal das Ziel einer Elo von 3000 Punkten in einem Interview. Ramesh lacht auf. Es ist ein herzliches Lachen, ein Ramesh-Lachen, denn ich weiß erneut nicht genau wie dieses Lachen zu verstehen ist. Vielleicht findet er das Ziel durchaus realistisch.
Gespräche mit Ramesh sind tiefgründig, freundlich und lehrreich. Im Sommer 2024 konnte ich in Italien ein weiteres Gespräch mit ihm und seiner Frau Aarthie Ramaswamy führen. Was dabei besprochen wurde wird Teil eines anderen Projektes sein.
Hintergrund zum Text
Das Gespräch fand 2019 statt und der erste Teil wurde am 9. September des gleichen Jahres bei Chessbase unter dem Titel „Der (wahrscheinlich) erfolgreichste Trainer der Welt: RB Ramesh“ in drei Teilen veröffentlicht.
Inzwischen regiert Indien die Schachwelt. In 2022 gewann das indische B-Team eine Bronzemedaille mit dem Trainer Ramesh und einem Team ambitionierter Coaches. 2024 gewann Indien mit Srinath Narajanan als Headcoach die Goldmedaille. Gukesh (geboren 2006), Arjun Erigaisi (2003) und Praggnandhaa (2005) gehören mindestens für ein Jahrzehnt, eher zwei, zu den heißesten Aspiranten auf den Weltmeistertitel. Der jüngste der drei genannten Spieler ist Gukesh und der spielt im Moment dieser Nachbearbeitung den Weltmeisterschaftskampf in Singapur.
Von den persönlichen und im Text erwähnten Schützlingen von Ramesh und Aarthie konnte Vaishali 2023 den Großmeistertitel klarmachen und gewann das Grand Swiss. Beim Kanidatenturnier in Toronto landete sie auf dem vierten Platz. Pragg wurde 2023 Zweiter beim World Cup und qualifizierte sich ebenfalls erstmals für das Kandidatenturnier. 2024 war für Chithambaram Aravindh (Jahrgang 1999) ein sehr erfolgreiches Jahr. Er etablierte seine Elozahl über 2700 Punkten und gewann im Herbst das Chennai Masters. Murali Karthikeyan (1999) hat Scalps von Magnus Carlsen und Alireza Firouzja an seinem Trophäengürtel und ist der indische Experte, wenn es um Schachstudien geht.
Zu Beginn der Pandemie eröffnete Ramesh zusammen mit seinen Großmeisterkollegen Surya Ganguly und Magesh Chandran Panchanathan die Online-Schachschule ProChessTraining und ist inzwischen in vielen weltweiten Kooperationen unter anderem in Kooperation mit Magnus Carlsen unterwegs.
Zur Illustrierung des Textes wurden andere, teilweise neuere Fotos als im Original verwendet. Das Titelbild stammt aus 2019 und entstand während des Gespräches. Am ursprünglichen Text wurden leichte Änderungen und Kürzungen vorgenommen.
Die Idee der Lasker Aufgaben ist es einmal in der Woche, in der Regel an Sonntagen, einige wenige Schachaufgaben unterschiedlicher Art an alle Interessierten des Vereins Lasker Köln zu verschicken. Es wird Taktikaufgaben und immer wieder auch mal Fragen zum Endspiel geben. Der Schwierigkeitsgrad wird unterschiedlich sein, damit für Spieler jeder Mannschaft und Spielstärke etwas dabei ist. Die Lösungen gibt es zwei Tage später. Los geht’s.
Aufgabe 1: Weiß am Zuge setzt in zwei Zügen Matt
Die Lösung ist vermutlich für die meisten von euch nicht allzu schwierig, aber nachdenken muss man vermutlich schon, um auf die Lösung zu kommen, oder?
Aufgabe 2: Weiß ist am Zuge. Findet die stärkste Fortsetzung
Das Hauptmotiv dieser Aufgabe ist in etwas anderer Form bekannt. Wer präzise rechnet, der findet die Lösung recht schnell, denke ich.
Aufgabe 3: Weiß ist am Zuge. Wie würdet ihr fortsetzen?
Ich vermute die Lösung dieser Aufgabe ist für einige etwas schwieriger zu entdecken, aber unlösbar ist die Aufgabe sicher nicht.
Aufgabe 4: Wie sollte Weiß fortsetzen?
Diese Stellung ist historisch bekannt, aber man sollte schon etwas vorher anfangen. Wer sich anstrengt, der wird die gesamte Lösung für diese Aufgabe sicherlich finden. Es geht um Präzision und zwar sieben weiße Züge lang. Viel Erfolg.
Wer Spaß an Schachaufgaben hat, der wird ab nächstem Jahr hier in der Schachakademie fündig werden. Für den Anfang findet ihr unter den Links weitere Aufgaben und einige Hinweise darauf wie schwer Schachaufgaben sein sollten.
Der Sekundant von Ding Liren rückt immer näher an das Geschehen heran. Diesmal mischte sich Richard Rapport unter die Wartenden vor der Partie und niemand kann behaupten, dass der Ungar seine Neugier auf das Geschehen verbarg. Erneut bekam sein Schützling Chancen, da Gukesh im Endspiel unvorsichtig agierte. Der Chinese nutzte jedoch seine Chance nicht, rückt aber näher ran und der Wettkampf scheint offener als zuvor.
Die Geschichte der Partie ist schnell erzählt: Gukesh griff erneut zum Königsbauern und der Chinese blieb bei der französischen Verteidigung. Diesmal wählte der Inder die Abtauschvariante, die als harmlos gilt, aber durchaus giftig sein kann, wie ausgerechnet Richard Rapport mit den weißen Steinen häufiger nachweisen konnte. Schon in der Eröffnungsphase tauschten die Spieler mehrere Figuren inklusive der Damen. Gukesh zeigte sich erneut etwas ambitionierter und warf bereits zum dritten Mal mit Weiß seinen g-Bauern mit einem Doppelschritt ins Rennen.
Das war der einzige Zug, der für Weiß noch etwas Hoffnung versprach, aber andererseits darf sich der Chinese über den Enthusiasmus bei seinem jungen Gegner freuen, denn das eröffnet ihm Chancen, ohne selbst ins Risiko zu müssen. Hier war der Vormarsch mit dem g-Bauern kein Fehler, aber auch kein grandioser Versuch. Es kam fast wie es kommen musste. Einige Züge später unterlief dem Inder ein Fehler.
Beide Fotos: Eng Chin An (FIDE Chess)
Hier musste Gukesh auf e5 mit dem Turm schlagen und nach Turmtausch wäre die Partie schnell weiter in Richtung Remis geschippert. Aber der Inder schlug den gegnerischen Läufer mit dem d-Bauern und bereute seine Entscheidung sofort. Ding Liren pflanzte seinen Springer nach d3 und erhielt einen gedeckten Freibauern auf d3. Es gab hier eine bemerkenswerte Übereinstimmung mit einer Partie der beiden Spieler wenige Monate zuvor beim Sinquefield Cup in Saint Louis. Dort hatten die Spieler mit vertauschten Farben die folgende Stellung auf dem Brett.
Hier konnte der Chinese mit Weiß(!) im 22. Zug seinen Turm nach e1 ziehen und seinen Angriff gegen die geschwächte schwarze Königsstellung weiter vorbereiten. Stattdessen wickelte der Weltmeister ins Remis ab, indem er mit dem Läufer den Bauern auf g6 schlug und kurze Zeit später Dauerschach gab. Bemerkenswert ist die seltene Bauernkonstellation im Zentrum. Denn genau diese kam in Singapur in der fünften Partie erneut auf das Brett.
In dieser Stellung befürchtete Gukesh den Läuferzug nach e6. Nach dem Turmzug nach d5 stabilisiert Schwarz zunächst die Stellung weiter mit seinem Turm, den er nach c8 stellt, dann den König bringt und falls sinnvoll seine Damenflügelbauern ebenfalls. Der Inder hätte danach eine schwierige Verteidigung vor sich gehabt.
Insgesamt war die Chance auf einen vollen Punkt durchaus vorhanden. Entsprechend sah man den Chinesen nach der Niederlage in der dritten Partie durchaus wieder positiver in die Zukunft schauen.
Foto: Eng Chin An (FIDE Chess)
Der Weltmeister zeigte sich bei der anschließenden Pressekonferenz lächelnd, immer wenn er Fragen in seiner Muttersprache beantworten konnte. Trotz des positiven Verlaufs der Partie war der Chinese etwas enttäuscht über die ausgelassenen Möglichkeiten. Von Gukesh waren erstmals eher selbstkritische Worte zu hören, was für ihn spricht. Der Inder hat einen sehr ausgeprägten Hang dazu, sein Spiel objektiv zu bewerten. Sehr schön fasst die Spannungssituation im Match und seine Erwartungshaltung ein erfahrener Weltmeistercoach zusammen.
Gukesh macht zu viel Druck, Ding zu wenig. Eine sehr vernünftige Strategie von beiden, aber wenn einer von ihnen den Gang wechselt, sollte es auch der andere tun!
Peter Heine Nielsen, dänischer Großmeister auf X vormals Twitter.
Google ist Titelsponsor der Schachweltmeisterschaft in Singapur 2024 und hat zur Weltmeisterschaft eine sehr informative Website mit vielen Informationen zum Schach bereitgestellt. Ästhetisch sind die Informationen hochwertig präsentiert. Eine uneingeschränkte Empfehlung
Bei der Entwicklung von Alpha Zero ging es den Entwicklern darum zu Lernen um zu lernen. Dieser Prozess ging weiter mit Alpha Go und führte zur Gründung von Googles Deep Mind. Zuletzt war ein Nobelpreis in Chemie das Ergebnis an dem der Gründer Demis Hassabis (Jahrgang 1976) und John Jumper (Jahrgang 1985) von Deep Mind entscheidend mitgewirkt haben.
Zu Beginn der Weltmeisterschaft hielt ein anderer Wissenschaftler Nenad Tomasev einen Vortrag und stellte sich Fragen. Wie wird Künstliche Intelligenz unsere Welt verändern? Hier sehen wir erste Erfolge und mit Schach fing alles an.
Nach der krachenden Niederlage in der Runde zuvor bestimmte Vorsicht das Spiel von Ding Liren. Gukesh ließ sich nicht von der vorsichtigen Spielweise des Chinesen provozieren und schien ebenfalls mit einem Remis zufrieden zu sein. Die Partie war entsprechend ereignislos und endete mit einer dreimaligen Stellungswiederholung.
Diese ungewöhnliche Entwicklung des Damenläufers bringt wenig und Gukesh gleicht früh in dieser Partie aus. Vielleich wollte der Chinese seinen jungen Gegner testen an diesem Tag. Der blieb allerdings bei seinem Ziel solide zu agieren und die Partie endete nach vielen weiteren, aber ereignislosen Zügen mit Remis. Die Idee den Läufer nach a3 zu ziehen gab es in einer Partie von Tigran Petrosian gegen Mikhail Tal im Kandidatenturnier Curacau 1962. Dort hatte Weiß seinen Königsläufer fianchettiert. und früh c7-c6 gespielt. Aus der Eröffnung heraus erreichte Petrosian nach einem schlecht motivierten Damenzug Vorteil, gewann später dann ein ausgeglichenes Turmendspiel.
Beide Fotos: Eng Chin An (FIDE Chess)Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess)Eng Chin An (FIDE Chess)
Die Spielstrategie von Ding ist einfach. Er will Gukesh von seiner hervorragenden Vorbereitung abhalten. Dies zwingt Gukesh, viel Zeit am Brett zu verbringen, um die richtigen Ideen/Züge/Pläne zu finden. Ding glaubt, dass Gukesh verwundbarer ist, wenn er nicht vorbereitet ist und wenig Zeit hat. (Susan Polgar via X)