Die Idee der Lasker Puzzles ist es, einmal in der Woche, in der Regel an Sonntagen, einige wenige Aufgaben unterschiedlicher Art an alle Interessierten des Vereins Lasker Köln zu verschicken. Es wird Taktikaufgaben und immer wieder auch mal Fragen zum Endspiel geben. Der Schwierigkeitsgrad wird unterschiedlich sein, damit für Spieler jeder Mannschaft und Spielstärke etwas dabei ist. Die Lösungen gibt es zwei Tage später. Los geht’s.
1. Aufgabe: Kann Weiß am Zuge gewinnen?
Bauernendspiele sind nicht nur pures Rechnen. Man muss auch einige Prinzipien kennen, um die richtigen Ideen zu haben. Das Endspiel hier ist einfach, oder?
2. Aufgabe: Weiß ist am Zuge. Was ist das richtige Ergebnis?
Diese Stellung stammt aus einer Studie bei der mir leider der Autor nicht bekannt ist. Ich habe sie zuerst bei einem indischen Training gesehen und später bei Susan Polgar erneut in Social Media. Die Lösung vollständig zu erarbeiten dauert etwas denke ich.
3. Aufgabe: Schwarz ist am Zuge. Hat er Chancen auf Remis?
Dieses Endspiel stammt aus der Schachbundesliga und wurde 2024 gespielt. Die genauen Folgen muss man für unsere Zwecke nicht berechnen. Es genügt die beste praktische Chance für den Schwarzspieler vorzuschlagen. Da ein ehemaliger Sekundant von Magnus Carlsen daran gescheitert ist, dürfte die Antwort nicht ganz einfach sein.
4. Aufgabe: Weiß ist am Zuge. Wie ist das Qualitätsopfer auf h6 einzuschätzen?
In dieser Partie aus dem Jahr 2023 opferte der niederländische Internationale Meister Gerard Welling im 19. Zug auf h6 eine Qualität. Die Frage lautet, ob das die beste Fortsetzung war und wie es weitergeht. Man muss eine längere Variante berechnen.
Wer Spaß am Lösen von Schachaufgaben hat, der wird ab 2025 hier in der Schachakademie immer wieder fündig werden. Für den Anfang findet ihr unter den Links weitere Aufgaben und einige Hinweise darauf wie schwer Schachaufgaben sein sollten.
Die gute Nachricht zuerst. In Weissenhaus wird Schach gespielt. Lotterieschach nur, aber zumindest manche interessante Endspiele werden von den Spielern produziert. Das überlagernde Thema in den Medien ist jedoch vor allem der weiter schwelende Konflikt zwischen den Freestylern und dem Weltschachbund FIDE. Die Saga geht weiter.
Von Thorsten Cmiel
Wer hat was wann zu wem gesagt und wer hat sich wie warum unprofessionell verhalten. Darum geht es in diesen Tagen in der Schachwelt. In der Tat produziert das Gekreische für das Schachspiel und das Freestyle Projekt Aufmerksamkeit. Buettner bedankte sich dafür bei dem Weltschachbund und seinen ehemaligen Gesprächspartnern nicht zu unrecht in einem Interview. Bevor wir zu diesen wirklich wichtigen Themen kommen, schauen wir kurz auf den Start am Freitag. Die Bilder sind hochglänzend. Viele Medienvertreter und Influencer sind vor Ort, berichten und produzieren. So würde man es sich immer wünschen, wenn die besten Spielerinnen und Spieler der Welt gegeneinander antreten. Das gefällt.
Day 1 of the Freestyle Chess Grand Slam Tour kicks off in Weissenhaus, Germany. This video gives you a peek into the top notch arrangements that have gone to make this place!
At the same time we have the round 1 report which was dominated by Caruana and Sindarov, while Magnus,… pic.twitter.com/tnv6uI6Yc0
Die Qualität der Partien zu Beginn ist niedriger als bei der klassischen Startaufstellung. Natürlich müssen sich die Spieler noch an die ungewohnten Startbedingungen gewöhnen. Normalerweise kann man von Weltklassegroßmeistern bessere Partien in der klassischen Disziplin erwarten als was wir in Weissenhaus gesehen. Nehmen wir den Game Intelligence Score nach Mehmet Ismail als Maßstab. In klassischer Spielweise ist ein GI-Score von 160 Weltklasse. Das ist allerdings nicht mehr als eine grobe Orientierung.
Die GI-Scores von klassischen und Freestyle oder Genauigkeitswerte zu vergleichen ist allerdings nicht fair, da die Spieler in den typischen Varianten viele Züge auswendig gelernt haben und so hohe Genauigkeitswerte auf die ganze Strecke erzielen. Das liegt an der Messmethode. Dennoch ist der GI-Score neben der puren Genauigkeit ein wichtiger Hinweisgeber auf die Qualität der Partien. Das muss dem Spaß der Spieler oder Zuschauer allerdings nicht im Wege stehen. Vielleicht macht es dem einen oder anderen sogar Spaß Großmeister beim Erraten von Zügen zu beobachten. Ich erwarte bei längerer Bedenkzeit weniger Fehler und Unfälle.
Indeed, relatively low! Here's the list: GI Score 1. Javokhir Sindarov: 162.28 2. Alireza Firouzja: 149.90 3. Fabiano Caruana: 146.66 4. Magnus Carlsen: 145.92 5. Vincent Keymer: 140.20 6. Gukesh D: 136.28 7. Levon Aronian: 132.84 8. Vladimir Fedoseev: 132.70 9. Nodirbek…
Ein grober Fehler im Endspiel entscheidet diese Partie. Es ist sehr lehrreich, dass der Springer, dessen Stärken im Nahkampf liegen, gegen weit vorgerückte Freibauern immer eine schwache Verteidigungsfigur ist. Es ist also grundsätzlich ein wichtiges Ziel des Verteidigers den gegnerischen Freibauern so früh wie möglich zu stoppen. Vincent gelingt das in der erste Runde des vorgelagerten Qualifikationsturniers nicht, es wird Schnellschach gespielt.
Zwei Favoriten gegeneinander
Die Partie zu analysieren ist aufwendig. Sie zu verstehen noch schwieriger und erklären ist unmöglich. Wer will kann sich daran wagen. Ohne Enginehilfe ist man als Moderator verloren. Schauen wir uns statt den Aufwand zu betreiben die Schnellanalyse von Li-Chess an. Die ist zwar nicht sonderlich präzise, aber es zeigen sich doch zwei sehr große Ausschläge. Die Spieler kämpfen ohne Zweifel mit den ihnen gestellten ungewöhnlichen Stellungsproblemen, die aus der Eröffnung heraus entstehen.
Komplexität
Peter Heine Nielsen weist in einer X-Nachricht auf eine Situation hin aus einer Partie seines Schützlings. Hier würde ein Bauernzug die gegnerischen Kräfte in ihrer Wirkkraft deutlich reduzieren und die üblichen Gegenschläge (Bauernhebel) b7-b6 und e7-e5 wären hier weniger wirkungsvoll oder schwieriger zu bewerkstelligen als in klassischer Aufstellung – der Läufer f8 fehlt.
Freestyle Chess is incredible deep and complex strategically. Imagine that 4 c5! is whites best move here. No human is capable of playing such, yet! pic.twitter.com/nQ9asUpW0H
Selbst bei dieser Schachvariante gewinnen zwei Springer nicht gegen den blanken König. Aber der Usbeke Nodirbek Abdusattorov versucht es trotzdem und handelt sich den Blick des ersten Tages ein. Ich muss gestehen es aus Ärger über den Partienverlauf auch schon einmal vor vierzig Jahren in einer Turnierpartie versucht zu haben. Ich kann garantieren, es geht nicht. Ich vermute Gukesh konnte ein Remis reklamieren, aber wer kennt schon die Regeln in dieser Situation? Anmerkung zu den Regeln: Da die stärkere Seite theoretisch gewinnen kann, muss man 50 Züge warten bis man reklamieren kann.
Man muss wissen, dass Magnus Anteilseigner an dem norwegischen Unternehmen Take Take Take ist. Die Moderatorin konfrontiert Sutovsky mit einigen Aussagen, anders als Jan Henric Buettner, der von ihr in Weissenhaus ebenfalls befragt wurde und weitgehend monologisiert. Interessant ist die Gegenüberstellung trotz des offensichtlichen Mangels an Waffengleichheit im Setting. Es bleibt so, dass die Darstellungen der internen Gespräche beider Seiten voneinander abweichen und unterschiedliche Schwerpunkte in der Argumentation enthalten. Ein wesentlicher Aspekt ist, dass laut Buettner die FIDE auf die Idee kam das Event Weltmeisterschaft zu nennen. Sutovsky stellt das anders dar. Man wird die Wahrheit in diesem nicht unwichtigen Detail vermutlich nie erfahren.
Emil Sutovsky im Interview
Laut Jan Henric Buettner hat ihn die FIDE gedrängt seine Eventserie als Weltmeisterschaft zu veranstalten. Er wollte eigentlich nicht. Am Ende ging es laut Buettner wie immer im Leben um Geld. 50.000 US-Dollar, 100.000 US-Dollar, 300.000 US-Dollar und 500.000 US-Dollar waren irgendwann im Gespräch. Er wollte vor allem die jüngeren Spieler schützen und daher habe man sich entschieden, das Turnier nicht weiter als Weltmeisterschaft anzukündigen.
In gewisser Weise lustig, aber auch nach journalistischen Standards unterirdisch wird es wenn der Unternehmer aus Hamburg sein Mobiltelefon zückt, aus der Konversation mit Arkadij Dvorkovich zitiert und Nachrichten vorliest. Der beabsichtigte Eindruck entsteht, dass die FIDE durch immer neue Forderungen die Verhandlungen blockiert habe und Dvorkovich nicht der eigentliche starke Mann der anderen Seite auf dem Feld gewesen sein soll. Dass die Verhandlungen mit den Vertretern der FIDE keinen Spaß gemacht haben, kann man Buettner abnehmen. Dennoch kann weder die Fragestellerin noch der Zuschauer den Kontext der vorgelesenen Nachrichten beurteilen.
Singapur habe über eine Million (US-Dollar) gekostet und ihm und seinem Team wurden Hindernisse in den Weg gelegt, so schildert es Buettner. Die Freestyler haben sich die Aufmerksamkeit der WM zunutze machen wollen, reklamiert Sutovsky. Ob sämtliche Details genau so passiert sind wie der Freestyle-Chef es darstellt weiß man nicht. Buettner wird nicht mit weitergehenden Fragen konfrontiert oder mit der Position der Gegenseite, die seinen Auftritt als Gegenveranstaltung gegen ihre Weltmeisterschaft verstanden haben dürfte. Eine verpasste Chance.
Laut Buettner ging es der FIDE vor allem um Geld neben einem Platz im gemeinsamen Boot. Vor allem die Anerkennung der klassischen FIDE Weltmeisterschaft und das Installieren eines Qualifikationsmechanismus scheinen einige wichtige Streitpunkte gewesen zu sein. Auf den Aspekt der Qualifikation geht die Interviewerin allerdings nicht ein.
Jan Henric Buettner im Interview
Caruanas Take
In seinem Podcast C-Squared geht Fabiano Caruana im Gespräch mit seinem Sekundanten Cristian Chirila zunächst auf sein katastrophales Turnier in Wijk aan Zee zu Beginn des Jahres ein. Nach etwas mehr als 23 Minuten beginnen die beiden sich mit dem in den Schachwelt alles überschattenden Thema zu beschäftigen. Verglichen mit den zwei vorherigen dreifachen Takes ist es wohltuend jemandem zuzuhören, der versucht die Situation aus Spielersicht zu erklären. Nicht überraschend will der US-Amerikaner sich weder auf die eine noch auf die andere Seite schlagen. Er würde gerne beide Events spielen und den eigentlichen Streitpunkt habe ihm niemand so richtig erklären können.
Zu der Diskussion in Spielerkreisen gibt Fabiano seine Einschätzung zu Protokoll und glaubt nicht, dass die jungen Spieler sich für die vermeintlich höheren Aussichten Geld zu verdienen entscheiden würden. Für ihn gilt das ebenfalls. Er will Schachweltmeister werden und der ist in der Tradition von Lasker, Steinitz, Fischer und Kasparow angesiedelt. Chirila und Caruana erwähnen mehrfach, dass es in Weissenhaus vor allem um Spaß geht. Richtig ernsthaft scheint der langjährige Weltranglistenzweite Freestyle Schach also nicht zu nehmen.
Ein Detail lässt bei der Schilderung von Caruana aufhorchen: Caruana wusste bis zu einem gewissen Zeitpunkt gar nicht, dass die Freestyler eine Weltmeisterschaft ausrichten wollten. Darauf habe ein Vertreter der FIDE ihn aufmerksam gemacht. Auf der Website stand das in den Regularien, aber nicht auf der Startseite auf der die Tour angekündigt wurde.
Caruana erinnert an die bisherigen Weltmeisterschaften im Fischer Random bzw. Schach 960. Er berichtet von lächerlichen Qualifikationen und Wildcards, die gegen die Vorstellung, es handele sich um eine Weltmeisterschaft sprechen. Das hat eine gewisse Komik, da bei Freestyle Grand Chess Tour 2025 genau solche Wildcards bei der Auswahl der Spieler vergeben werden. Kritisch gegenüber der FIDE äußert sich Caruana besonders in einem Punkt: Einige Spieler seien in Wijk aan Zee, während des Turniers, mit einem Papier (Waiver) der FIDE konfrontiert worden, das sie bis zum 3. Februar unterschreiben mussten (Anmerkung: es ist bei der FIDE vom 4. Februar abends 18.00 Uhr CET die Rede).
Caruana spricht zudem an, dass die FIDE zuletzt keine eigenen Weltmeisterschaften im Fischerschach mehr veranstaltet hat und Nakamura in 80 Jahren vielleicht noch amtierender Champion sein könnte. Anmerkung: Die aktuelle Situation spricht dagegen, dass sich das ändern wird. Die FIDE würde durch ein eigene Turnierserie im Fischer Random ein Wiederaufleben des Konfliktes herbeiführen. Zudem dürfte sie unter den aktuellen Voraussetzungen kaum Geldgeber für diese unter Schachspielern bisher ohnehin nicht sehr populäre Variante finden.
Der Anand Take
Kein Thema ist bei den Fragerunden und im Podcast ein anderer wichtiger Aspekt: Die Rolle von Viswanathan Anand, der aus dem Startturnier in Weissenhaus ausgestiegen war. Die indischen Medien allerdings bleiben dran. Die Hindustan Times ist ein wichtiges, auflagenstarkes Medium in dessen Heimat mit ausführlicher Berichterstattung über Schach. Das Interview gibt allerdings nicht der Exweltmeister Anand, sondern erneut Emil Sutovsky. Ob Anand sich letztlich äußern wird zu den Gründen seines Ausstiegs steht in den Sternen. Für den Hintergrund ist das Interview trotzdem interessant. Sutovsky regt zum Schluss an, Anand zu seinen Beweggründen zu befragen, da er nicht für diesen sprechen könne.
Magnus Carlsen Take
Ein längeres Interview mit Magnus Carlsen ist angekündigt, vielleicht aber auch nur für Abonnenten. Momentan sind Schnipsel daraus bereits öffentlich. Er sieht die Freestyle Aktivitäten nicht gegen klassisches Schach gerichtet und fühlt sich missverstanden. Das klingt nach einer Art Teilrückzug nach seinem Tweet zum Start der Schachweltmeisterschaft in Singapur.
"I was following it intently as a fan. I love the event. We honestly believe that Freestyle chess is better for a classical format; that doesn't mean that we're trying to take down classical chess or anything like that." @MagnusCarlsenpic.twitter.com/n4kUuzjsBX
Rustem Dautov, Sergei Kalinitschew und Manfred Kuhle (stehend).
Die Sowjetarmee unterhielt an ihrem DDR-Hauptquartier eine Schachgruppe, aus der lauter Großmeister hervorgingen. Rustem Dautov erinnert sich.
Aufgezeichnet von Stefan Löffler
„In der Sowjetunion brauchten Studenten gewöhnlich nicht zum Militär. Wenn man eine Vorladung bekam, ignorierte man sie und wurde in Ruhe gelassen. Aber bei mir waren sie hartnäckig. In Ufa, meiner Heimatstadt, hatte ich schon ein Jahr studiert, und dachte, dass ich um den Militärdienst herumkomme, als sie begannen, mich zu suchen. Ich habe mich versteckt, aber sie fanden mich und schickten mich in ein Ausbildungslager. Ich dachte, ich hätte sinnlos zwei Jahre verloren. Nach einigen Wochen verstand ich, dass ich wegen des Schachs eingezogen wurde. Dass es einen Befehl von oben gab.
Nach zwei Monaten militärischer Ausbildung wurde ich 1984 in der DDR stationiert. Ich war 18. Uniform brauchte ich nur in der Anfangszeit tragen, als ich noch ein einfacher Soldat war. Meine Aufgabe war, Schach zu spielen. Jeder Erfolg brachte unserem Armee-Sportklub Punkte in einem internen Vergleich. Ich gehörte zur Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Ihr Hauptquartier war in Wünsdorf, vierzig Kilometer südlich von Berlin.
Abgesehen davon, dass man viele Uniformen sah, war es fast wie eine normale Stadt. 50 000 Menschen lebten da: Soldaten, Zivilisten, die für die Armee arbeiteten, und ihre Familien. Es gab Schulen, einen Bahnhof, von dem täglich ein Zug nach Moskau fuhr, und Geschäfte. Dort war fast alles im Angebot, was auch DDR-Bürger kaufen konnten. Wenn wir etwas Spezielles brauchten, fuhren wir nach Zossen oder Berlin. Das Kantinenessen war immer gut. Versorgungsprobleme, wie ich sie aus der Sowjetunion kannte, gab es in Wünsdorf nicht. Die Stadt war sehr grün – voller Kiefern und umgeben von Wäldern. Später, als ich schon Unteroffizier war und mehr Freiheiten hatte, ging ich dort oft Pilze und Beeren sammeln. Aus den nahen Seen angelte ich Karpfen, oft bei Mondschein in lauen Sommernächten.
Während der ersten zwei Jahre Militärdienst wohnte ich mit den anderen Soldaten in der Kaserne, danach wurde mir eine kleine Wohnung angeboten. Natürlich habe ich nach zwei Jahren verlängert und wurde ohne Umstände zum Unteroffizier befördert. Für einen Schachspieler war es ein Traum. Ich hatte alles, was ich zum Leben brauchte, konnte zu Turnieren fahren und mit starken Spielern trainieren. Was ich in Wünsdorf lernte, davon lebe ich beim Schach bis heute.
Unsere Gruppe wurde immer stärker. Als ich kam, waren Waleri Tschechow und Sergei Kalinitschew schon da. Als nächstes stieß Andrei Kowaljew dazu, dann Wladimir Tschutschelow und Konstantin Asejew. Kostja wurde mein wichtigster Trainingspartner. Seine Systeme spiele ich immer noch. Auch Georgi Timoschenko und Ildar Ibragimow waren einige Zeit in Wünsdorf, aber sie kehrten nach ihrem Militärdienst in die Sowjetunion zurück. Wir anderen blieben, solange wir konnten.
Wir verstanden uns alle großartig miteinander. Wir waren wirklich Freunde. Waleri war gut zehn Jahre älter und als einziger bereits Großmeister. Alle anderen holten sich den Titel später. Waleri war Offizier, Sergei Zivilist. Beide hatten Frau und Kind. Auch Konstantin und Andrei waren Zivilisten. Uniform brauchten aber auch wir von der Armee nicht zu tragen. Selbst bei Armee-Turnieren nicht. Das waren die wichtigsten. Sie fanden in der Sowjetunion statt, Mannschaft und einzeln getrennt. Mehrmals wurden wir Zweiter bei der Mannschaftsmeisterschaft der bewaffneten Streitkräfte der Sowjetunion. Und bei der letzten Austragung 1989 in Leningrad wurden wir Erster.
Gut erinnere ich mich an 1986. Die Mannschaftsmeisterschaft fand in Nowosibirsk statt. Wir nahmen den Zug nach Moskau, eine gemütliche Fahrt von ungefähr 24 Stunden, und von dort weiter mit dem Flugzeug. In dem Jahr war die Einzelmeisterschaft in Kaliningrad, dem alten Königsberg. Ich wurde Erster, aber richtig freuen konnte ich mich nicht, denn das Ende des Turniers fiel mit dem Reaktorunfall in Tschernobyl zusammen. In der Sowjetunion wurde das völlig verharmlost. Alle hatten Angst, dass die Wolke mit dem Fallout zu uns kommt, aber letztlich blieben wir auf der Rückreise und in Wünsdorf verschont.
Dort hatten wir ein angenehmes Leben. Am Anfang wurde ich noch zum Putzen eingeteilt, später als Unteroffizier kaum noch. Wir trafen uns jeden Tag zum Schachtraining im Haus der Offiziere, einem riesigen Palast in der Mitte der Garnison. Der Schachraum war im zweiten Stock. Computer spielten noch keine Rolle. Wir analysierten mit Brett und Figuren. Unsere Bibliothek war nicht besonders groß, aber gut sortiert. Am wichtigsten waren die Schachinformatoren aus Jugoslawien. Aus der Sowjetunion hatten wir Eröffnungsbücher und alle Schachzeitschriften. Auch die Zeitschrift Schach aus Berlin.
Opens gab es im Osten damals kaum. Gelegentlich wurden wir zu Turnieren in der DDR oder in den sozialistischen Bruderstaaten eingeladen. Als ich in Kécskemet eine GM-Norm erspielte, bekam ich auch ein nennenswertes Preisgeld, mit dem ich etwas anfangen konnte. Mannschaftskämpfe spielten wir für Dynamo Potsdam. Es hieß DDR-Liga, war aber die zweite Liga unter der Oberliga. Wir sind nie aufgestiegen, und das war wohl auch gewünscht so, denn in der Oberliga spielten keine Ausländer. Nach der Wende wechselten wir zu Empor Berlin.
Dass die Sowjetunion aufgelöst wird, war abzusehen. Dass Russland später Georgien und die Ukraine überfällt, konnte sich wohl keiner von uns vorstellen. Damals mussten wir unsere eigene Zukunft regeln. Bis Ende 1991 hätten wir in Wünsdorf wohnen bleiben dürfen. Sergei und Waleri kehrten nach Moskau zurück, Kostja nach St. Petersburg und Andrei nach Minsk. Wladimir zog es nach Belgien. Mir besorgte Bernhard Schewe Anfang 1991 eine kleine Wohnung in Berlin. Statt Miete zu zahlen spielte ich fast umsonst für Empor Berlin. Ich war allerdings kaum da, reiste von Open zu Open. Ich lernte Petra kennen, die später meine Frau wurde, und zog noch im gleichen Jahr zu ihr nach Hessen.
Nach Wünsdorf bin ich nie wieder zurückgekehrt, aber ich habe gelesen, dass die Gebäude bröckeln und die alte Garnison verfällt. Oft wird erwähnt, die Stadt sei für DDR-Bürger verboten gewesen. Aber das stimmt nicht, zumindest wurde es nicht kontrolliert. Manfred Kuhle, unser Mannschaftsführer aus Potsdam, kam uns ein paar Mal besuchen. Auch Bernhard Schewe aus Berlin. Von einer Bunkerstadt mit geheimen Anlagen wussten wir damals nichts. Dieser Teil ist einige Kilometer von unserem Standort entfernt.
Außer mir sind alle Schachtrainer geworden. Sergei ist nach seiner Scheidung aus Moskau nach Berlin gezogen. Kostja bekam Krebs und wurde nur 44. Ob Waleri noch arbeitet, weiß ich nicht, aber bei Andrei in Belarus bin ich mir sicher. Den größten Erfolg hatte Wladimir. Als Trainer ist er international gefragt. Er war nicht der stärkste Spieler von uns, aber er hat sein Talent entdeckt, andere zu unterstützen. Seine bekanntesten Schüler heißen Anish Giri und Fabiano Caruana.“
Rustem Dautov
Rustem Dautov wurde deutscher Staatsbürger und trat von 1996 bis 2005 für die Nationalmannschaft an. Turnierschach spielt er nur noch für die Schachfreunde Deizisau. Er lebt im Westerwald.
Der Schachkalender ist ein Unikat der Schachpublizistik. Alljährlich vor Weihnachten bringt er eine Vielzahl an Themen und Beiträgen, wie sie sonst nicht selten zu finden sind. In der aktuellen Ausgabe beispielsweise eine ausführliche Bilanz der Zäsur, die das Nazi-Regime für das Wiener Schach bedeutet hat: vor 1938 ein Zentrums des internationalen Schachs, nach 1945 tiefste Provinz. Oder, um in Wien zu bleiben, eine Kurzgeschichte von Anatol Vitouch. Oder ein Porträt des stärksten Italieners des 19. Jahrhunderts Serafino Dubois, das nebenbei mit dem Mythos aufräumt, 1575 habe in Madrid das erste internationale Schachturnier stattgefunden. Es handelt sich mit höchster Wahrscheinlichkeit um eine Erfindung italienischer Autoren. Eine Sammlung über Karl-Heinz Podzielny von Thorsten Cmiel erinnert an einen der stärksten Blitzspieler Deutschlands. 2024 wäre Podzielny, Podz-Blitz 70 Jahre alt geworden.
Ins Leben gerufen hat den Schachkalender der Berliner Schachverleger und Händler Arno Nickel. Nach vierzig Ausgaben hat er sich zurückgezogen. Die Redaktion hat der Journalist Stefan Löffler übernommen, das Layout der Berliner Designer Wolf Bōese. So viel Platz wie früher gibt es nicht mehr für eigene Einträge. Dafür sind der Sound und das Erscheinungsbild jünger und kantiger geworden. Um neue Leser zu gewinnen, wurde auch der Preis von 17,50 Euro auf 14 Euro gesenkt.
Als Leseprobe hat Löffler Chessecosystem ein wenig bekanntes Stück deutscher Schachgeschichte zur Verfügung gestellt: Erinnerungen des früheren Nationalspielers Rustem Dautov (Jahrgang 1965) an die Schachgruppe der Roten Armee in der DDR, die südlich von Berlin in einer Garnisonsstadt stationiert war.
Es ist schade. Jan Henric Buettner und Magnus Carlsen sind laut gestartet mit ihrem Projekt und mit ihrer Konfliktstrategie kleinlaut gelandet, vorerst. Der Weltschachbund setzt sich durch mit seiner Verteidigungsstrategie und trotzdem verlieren alle, irgendwie.
Ein Kommentar von Thorsten Cmiel
Ab dem 7. Februar 2025 wird in Ostholstein Schach gespielt. Fischer Random Schach mit ausgelosten 959 Stellungen oder Freestyle Schach, wie andere sagen. Die besten Schachspieler der Welt spielen eine Schachvariante mit ausgelosten Stellungen, die Spannung verspricht für die Spieler auf dem Brett. Die finanzielle Ausstattung des Projektes ist hervorragend und die Spielbedingungen ebenfalls. Die Schachwelt darf tolle Hochglanzbilder erwarten und komplexes Geschehen auf dem Schachbrett. Das ist eine Bereicherung für das Turnierangebot von Spitzenturnieren. Allerdings ist längst nicht ausgemacht, dass der Spaß auf dem Brett, den es manchem Akteur zu machen scheint, auf die Zuschauer überspringt. Denn es bleiben offene Fragen.
Ist Freestyle Schach massentauglich?
Schach ist ein komplexes Spiel, das der Vielzahl von Zuschauern ohnehin schwierig zu vermitteln ist. Wenn man aber selbst einigermaßen versteht was auf dem Brett passiert, dann ist das Schachspiel ein faszinierendes Spiel. Es muss für die meisten Zuschauer gut erklärt werden, taktisch und strategisch. Schach ist nicht einfach visuell zu verstehen, sondern bedarf des Kommentars von meist starken Spielern. So können die Moderatoren etwas Licht ins Dunkel bringen. Für den typischen Zuschauer, der oft nur etwas mehr als Regelkenntnisse aufweist, ist der „Evalbar“, das ist die Computerbewertung in Balken- und Zahlenwerten, eine Hilfe das Geschehen auf dem Brett zu verstehen. Man weiß intuitiv wer vorne liegt in einer Partie. Aber: Bei Freestyle Schach sind sogar erfahrene Großmeister mit dem Erklären der ausgelosten Grundstellung überfordert und müssen früh die Maschinenbewertung zur Hilfe nehmen, um keinen Unsinn zu erzählen. Diese Zweifel an der Erklärbarkeit müssen die Freestyler irgendwie auflösen, um Zuschauer dauerhaft an sich zu binden.
Ein anderer Aspekt auf den die Freestyler eine Antwort parat haben müssen: Warum soll Freestyle Schach mit klassischer, also langer Bedenkzeit besser sein? Ausgerechnet die zwei Hauptprotagonisten Hikaru Nakamura und Magnus Carlsen, gehören zu denjenigen, die schon längere Zeit am lautesten eine kürzere Bedenkzeit fordern. Im Freestyle Schach soll es anders sein, damit die Spieler sich in die ungewöhnlichen Stellungen einarbeiten können und die Partien qualitativ nicht zu schlecht ausfallen. Das ist verständlich, steht aber im krassen Widerspruch zu der oft vorgetragenen These, Schach sei nur mit kürzeren Bedenkzeiten attraktiv vermarktbar. In kleineren Happen sozusagen.
Es wäre toll wenn die Freestyler wie angekündigt die Präsentation von Schachevents revolutionieren würden. Das kann durch neue Übertragungstechniken, neue Erklärkonzepte oder beispielsweise ungewöhnliche neue Zugänge erfolgen. Freestyle Schach als Avantgarde wäre ein tolles Konzept, das Schach insgesamt nach vorne bringen könnte. Alle würden profitieren und Spitzenprofis hätten eine dauerhafte neue Einnahmequelle. Das wäre eine Art Koexistenz, am besten ohne Futterneid.
Ich persönlich bezweifle, dass man Top-down sozusagen einen Trend in die Schachwelt implantieren kann. Freestyle Schach ist eher keine massentaugliche Variante, dafür sprechen die bislang mäßigen Zahlen von Spielen dieser Variante, auf den Onlineplattformen. Auch in der echten Welt gibt es unzählig viel Schachturniere mit der einen Stellung, aber kaum welche mit Fischer Random. Das mag mehrere Gründe haben. Einer davon: Der Schachenthusiast mag seine Eröffnungen, um sich daran in der eigenen Partie zu orientieren. Er kann mit gutem Willen und Interesse sogar durch eigenes Studium begreifen, wie unglaublich komplex die Vorbereitung in der Weltspitze heute sein muss. Turnierspielern, online oder offline ist in der Frage egal, spielen das gleiche Spiel wie Carlsen, Gukesh und Caruana, nur auf einem deutlich niedrigeren Niveau. Trotzdem gibt es Millionen Spieler, die täglich in der gleichen Ausgangsstellung starten. Schach macht auf unterschiedlichen Spielniveau Spaß und fasziniert.
Die gleichen Regeln sind bei vielen Sportarten wie Fußball ein häufig vorgetragenes Argument für deren Popularität. In der Weltspitze wird nach den gleichen Regeln gespielt. Ein Fußballspiel dauert bei Erwachsenen 90 Minuten. Die Abseitsregel gilt sogar in der Kreisliga und so weiter. Durch die Einheitlichkeit der Regeln und damit des Spiels insgesamt ist die Leistung der Akteure in der Spitze für viele Beobachter besser einzuordnen und man kann mitreden als Fan.
„Krieg“ statt Koexistenz
Der Konflikt zwischen dem Weltschachbund und dem Freestyle Projekt erscheint im Nachhinein unnötig, war aber leider aus Sicht eines Beobachters erwartbar. Der Streit eskalierte letztlich um die Frage, ob ein neu gegründetes Unternehmen in Hamburg eine Schachweltmeisterschaft ausrichten darf, ohne Qualifikation und nach eigener Auswahl der Teilnehmer, handverlesen war die Vokabel. Das klingt nicht nur willkürlich, das ist es auch.
Der Weltschachbund konnte es verständlicherweise nicht zulassen, dass die Organisation selbst keinen Einfluss auf ein Turnier, das sich Weltmeisterschaft nennt, haben sollte. Die FIDE glaubt ein Monopol auf das Ausrichten von Weltmeisterschaften zu haben. Die Position des Weltschachbundes konnten die Mannen um den Unternehmer Jan Henric Buettner nicht überrascht haben. Letztlich gehört es zur Vorbereitung dazu, die Position des Verhandlungspartners zu kennen und dessen mögliche rote Linien zu respektieren. Zumindest wenn man sich einigen will. Insofern stellt sich der monatelang schwelende und letztlich eskalierte Konflikt, zunächst als unprofessionelles Verhalten der Freestyler dar. Für diese Erkenntnis muss man nicht einmal Partei ergreifen.
Recap
FIDE und Freestyler hatten Termine abgesprochen und seit dem Spätsommer miteinander verhandelt. Irgendwann in der Zeit tauchte dann die Forderung der Freestyler auf, dass man gerne den Sieger der Grand Slam Tour zum Weltmeister küren würde. Danach stockten die Verhandlungen. Man kann sich nur vorstellen wie die Diskussionen aussahen, aber es ein vermutlich gute Wette, dass irgendwann, vielleicht aus Ungeduld, undiplomatisch von Seiten der Freestyler argumentiert wurde: Die FIDE habe ohnehin keine Rechte an dem Titel, man würde das im Zweifel rechtlich durchsetzen und einen Aufstand der Spieler organisieren. So hört sich Buettners Argumentation im Januar 2025 in Kurzform an. Er könnte intern schon vorher so argumentiert haben. Die Freestyler mögen rechtlich sogar die besseren Argumente haben, aber darauf kommt es letztlich gar nicht an in dieser Verhandlungssituation. Man müsste die Spieler in ihrer Mehrheit überzeugen die Eskalation mitzugehen und dazu waren vermutlich mit Carlsen und Nakamura nur zwei Spieler, deren Karriere sich dem Ende neigt, bereit.
Irgendwann im November, vermutlich nach einem teuren medialen Fiasko in Singapur, wurden gezielt Gerüchte gestreut. Als Narrativ stellte sich die Situation in der Öffentlichkeit so dar: Die gierige FIDE will 500.000 US-Dollar pro Jahr und die Freestyler wollten nur 100.000 US-Dollar zahlen. Dem widersprach Arkadij Dvorkovich für die FIDE früh. Emil Sutovsky erläuterte seine Sicht auf die Dinge in einem Interview mit Kaja Snare einen Tag nach dem vorläufigen Ende des Konfliktes. Seine Version, man müsse für eine Weltmeisterschaft eine Qualifikation organisieren und die koste mehr als die angebotenen Beiträge der Freestyler, klingt zumindest plausibel und deutet an, dass die Freestyler nicht das vollständige Bild gezeigt haben könnten.
Wie man keine Einigung hinbekommt
Der restliche Ablauf eignet sich als Fallstudie für schlechtes Verhandeln. Die Freestyler versuchten ihre nicht abwegige Rechtsposition durch Briefings in die Öffentlichkeit zu tragen. Die FIDE würde ihre Macht ungerechtfertigt ausnutzen und könne den Titel gar nicht schützen und Spieler nicht erpressen, hieß es. Dafür wurden manche offene Briefe der Freestyler verfasst, Ausstiegsdrohungen für New York verbreitet und Influencer informiert. Zudem wurde am 21. Dezember 2024 eine Einigung verkündet, die Spieler und Freestyle mit der FIDE gefunden haben wollen. Diese Meldung war eine leicht erkennbare „Ente“ wie man früher sagte, also ein Falschinformation. Erneut widersprach Dvorkovich per Social Media. Ein Rechtsstreit drohte.
Zu den Sticheleien der Freestyler gehörten abschätzige Bemerkungen von Magnus Carlsen über klassisches Schach. Vorgetragen kurz vor dem Weltmeisterschaftskampf und dokumentiert bei Twitter und in einem Werbevideo der Freestyler. Das will Carlsen im Nachhinein nicht so gemeint haben, wie er ebenfalls Kaja Snare erzählte.
Showdown
Verwunderlich ist aus meiner Sicht, dass die Verhandlungen zwischen den Parteien überhaupt weiter geführt wurden. Möglicherweise hat in der Folge Dvorkovich seit Dezember 2024 nur noch zum Schein verhandelt und ihm war als erfahrenem Politiker und Funktionär bereits bewusst, dass es keine Einigung mehr geben könne. Solch ein geheimer Vorbehalt wäre ihm nach den vielen verbalen Fouls der Gegenseite nicht einmal zu verdenken.
Zuletzt kritisierten Buettner und Carlsen den FIDE-Präsidenten Arkadij Dvorkovich und griffen ihn persönlich an. Die Freestyler dürfen sich letztlich nicht beklagen, denn wenn man offen droht und aus internen Diskussionen Teilinfomationen leakt, will man keine Einigung. Bei einer Konfliktstrategie muss man letztlich zur Eskalation auch bereit oder in der Lage sein. Die FIDE hat hier das Verhandlungsspiel besser gespielt als die Freestyler mit dem besten Schachspieler aller Zeiten, der letztlich abseits des Brettes in dem Konflikt eher wie ein bockiges Kind wirkt, das seinen Willen nicht bekommt. Die persönlichen Angriffe von Carlsen zunächst gegen Sutovsky und Anand und später von Buettner und Carlsen gegen Dvorkovich haben das sprichwörtliche Tischtuch endgültig zerschnitten.
Der Konflikt gärt weiter
Am Ende ist Buettner und dem Freestyle Projekt die Zeit ausgegangen. Der Unternehmer Buettner hat letztlich die Notbremse gezogen und auf die Bezeichnung Weltmeisterschaft verzichtet. Die Freestyle Chess Grand Slam Tour 2025 kann stattfinden mit allen Spielern. Buettner wird bemerkt haben, dass die Meinungen zu dem Streit in der Schachwelt gespalten sind und das gilt vermutlich sogar für die Spitzenspieler seiner eigenen Tour, die sicherlich gerne die bestens dotierten Turniere spielen, aber für die der Titel Weltmeister im Freestyle Schach keine Bedeutung hat. Vielleicht hat Buettner zu sehr darauf gebaut, dass Magnus Carlsen als bester Spieler aller Zeiten, GOAT, eine breite Unterstützerbasis genießt in der Schachwelt und unter den Spielern. Diese bröckelt aber schon seit dem Drama mit Niemann 2022 zusehends und nicht zuletzt wegen des geteilten Blitz-Weltmeistertitels in New York wird Carlsen zunehmend kritischer gesehen. Dass er die Situation mit dem geteilten WM-Titel falsch eingeschätzt hat, sieht Carlsen inzwischen selbst ein.
Es bleibt zu hoffen, dass Buettner und Carlsen doch noch irgendwen im eigenen Team finden, der sie von ihrem bisher eingeschlagenen Konfliktpfad abbringt. Zwar will Buettner seine Rechtsanwälte kontaktieren, aber das kann er später auf die Emotionen des Moments schieben.
2026 – Konflikt unwahrscheinlich
Im nächsten Jahr werden die praktischen Chancen auf einen erfolgreichen Rechtsstreit mit der FIDE übrigens nicht besser stehen, im Gegenteil. Der Weltverband hat Verträge mit seinen Spielern, welche diesen die Teilnahme an Schachweltmeisterschaften anderer Organisatoren erschwert. Bei Verstoß kann die FIDE diesen Spieler aus dem eigenen WM-Zyklus nehmen, heißt es. Diese Vereinbarungen mögen letztlich rechtlich nicht haltbar sein, aber das gerichtsfest nachzuweisen dauert Zeit. In 2026 stehen Kandidatenturnier und Weltmeisterschaft an. Kein Kandidat wird sich 2026 auf das Risiko eines Ausschlusses von dieser Chance einlassen. Dem Projekt Freestyle gingen dann – sie müssten die Tour zum Eskalieren zunächst wieder Weltmeisterschaft nennen – die Spieler verloren und nicht der FIDE.
Es ist nicht anzunehmen, dass der aktuelle Weltmeister Gukesh und die Inder insgesamt ein solches rechtliches Risiko eingehen. Die Kampagne der Freestyler hat bereits indische Sportmedien auf den Plan gerufen. Sollte sich die Sichtweise durchsetzen, dass Magnus Carlsen und Jan Henric Buettner den wahren Weltmeister küren wollen, dann kehren mit größter Wahrscheinlichkeit die besten Spieler der Welt, und das sind zurzeit vor allem die indischen Goldmedaillengewinner aus Budapest, der Freestyle Serie den Rücken. Damit würde die Legitimität des Events einen erheblichen Schaden nehmen. Sportlich wäre sie uninteressant für die künftig führende Schachnation der Welt.
Jan Henric Buettner und sein Team dürften also gewarnt sein. In 2025 können sich die Freestyler endlich darauf konzentrieren, Freestyle Schach attraktiv zu präsentieren und erfolgreich zu vermarkten. Das würde das Prestige des Projektes in der Schachwelt steigern. Die Freestyler müssen künftig nicht einmal mit der FIDE über das Abstimmen des Kalenders hinaus zusammenarbeiten. Die Angriffe auf das klassische Schach und damit den wichtigsten Weltmeistertitel der FIDE sollten sie allerdings künftig unterlassen. Sie vergraulen dadurch nicht nur Funktionäre, sondern auch andere Organisatoren von klassischen Schachturnieren. Der Erfolg des Projektes Freestyle hängt in Zukunft weniger von der FIDE als von den eigenen Protagonisten ab.
Die Idee der Lasker Aufgaben ist es, einmal in der Woche, in der Regel an Sonntagen, einige wenige Schachaufgaben unterschiedlicher Art an alle Interessierten des Vereins Lasker Köln zu verschicken. Es wird Taktikaufgaben und immer wieder auch mal Fragen zum Endspiel geben. Der Schwierigkeitsgrad wird unterschiedlich sein, damit für Spieler jeder Mannschaft und Spielstärke etwas dabei ist. Die Lösungen gibt es zwei Tage später. Los geht’s.
1. Aufgabe: Kann Weiß am Zuge Remis halten?
2. Aufgabe: Wie sollte Schwarz hier fortsetzen?
3. Aufgabe: Was kann man Weiß am Zuge hier empfehlen?
4. Aufgabe: Weiß ist am Zuge. Findet den besten Zug.
Wer Spaß am Lösen von Schachaufgaben hat, der wird ab 2025 hier in der Schachakademie immer wieder fündig werden. Für den Anfang findet ihr unter den Links weitere Aufgaben und einige Hinweise darauf wie schwer Schachaufgaben sein sollten.
Die Schachwelt steht nicht vor der Spaltung wie viele Medien zurzeit immer wieder mutmaßen. Aber für ein neues Drama und eine Machtprobe genügt es wenn der bekannteste Spieler der Welt, Magnus Carlsen, auf Konflikt aus ist. Was ist los und worum geht es?
Von Thorsten Cmiel
Gründung im Juli 2024
Im Februar 2024 organisierte Jan Henric Buettner, ein Hamburger Unternehmer, ein Turnier in Weissenhaus. Gespielt wurde in seinem Luxusressort in Ostholstein. Spieler und Journalisten waren begeistert von der erstklassigen Hospitality. Buettner fand Gefallen an dem Schachevent, das ihn nach eigener Auskunft etwa zwei Millionen Euro gekostet haben dürfte. Er wollte mehr und Magnus Carlsen war ebenfalls dabei. Am 25. Juli gab das Projekt in einer Pressemeldung die Gründung eines neuen Unternehmens, der Freestyle Chess Operations GmbH mit Sitz in Hamburg, bekannt. Angesiedelt ist die Gesellschaft inzwischen an einer erstklassigen Hamburger Adresse. Beteiligt sei die Left Lane Capital, ein Risikokapitalgeber in New York, der zwölf Millionen US-Dollar beigesteuert habe. Angekündigt wurde eine Turnierserie für Spitzenspieler, der Freestyle Chess Grand Slam. Das Startkapital solle für das Etablieren der Turnierserie dienen. Man wolle die Schachwelt revolutionieren und ein neues Kapitel in der Schachgeschichte schreiben, so die Ankündigung. Harley Miller, CEO and Managing Partner von Left Lane Capital, sah sogar das Potential ein Mainstream Sport Event vergleichbar mit der Formel 1 und der ATP Tennis Tour zu schaffen.
Es ist nicht untypisch in der Geschäftswelt und bei Startups sehr laut aufzutreten. In der Schachwelt sind solche Töne allerdings eher selten und werden in der Regel aus Erfahrung ähnlicher Ankündigungen in der Vergangenheit von den meisten Beobachtern mit Skepsis gesehen.
„Die weltbesten Spieler stehen im Mittelpunkt dieser neuen, massentauglichen Schachserie, bei der neun Supergroßmeister von Magnus Carlsen handverlesen werden, der sich verpflichtet hat, Freestyle Chess ausschließlich bei der Grand Slam-Serie zu spielen. Alle Turniere werden in exklusiven Veranstaltungsorten mit einer Aura von Luxus und Stil ausgetragen, wobei alle Partien nach den chess960-Regeln gespielt werden. Freestyle Chess hatte bereits ein Turnier im Februar als Blaupause, das die Messlatte hoch ansetzte.“ (Pressemeldung vom 25. Juli 2024)
„Schach muss sich zu einem dynamischeren und fesselnderen Spektakel entwickeln, das es den Spielern ermöglicht, ihr Können vom ersten Zug an unter Beweis zu stellen.
Magnus Carlsen.“
Ankündigung Tour und Auftaktevent im Oktober 2024
Am Rande der Global Chess League in London gab Jan Henric Buettner Sagar Shah von Chessbase India im Oktober 2024 ein kurzes Interview und kündigte einen Showkampf in Singapur an. Magnus Carlsen und Fabiano Caruana sollten vor dem WM-Kampf gegeneinander antreten und für Freestyle Schach werben. Zudem sollte eine Pressekonferenz mit mehr spannenden Informationen stattfinden. Buettner habe die Termine mit der FIDE abgestimmt und kündigte fünf Events für 2025 an.
Inzwischen sind die Termine und Turnierorte bekannt. Gespielt werden sollen 2025 fünf Turniere in Weissenhaus, Paris, New York, Delhi und Kapstadt. Die Termine finden sich auf der Homepage. In der Pressemeldung vom Juli 2024 war noch von sechs bis acht Turnieren pro Jahr die Rede. Der Preisfonds ist üppig und solle 750.000 US-Dollar für die ersten drei Turniere und dann eine Million pro Turnier betragen, so hieß es in der ursprünglichen Pressemeldung.
Eskalation im November 2024
Mit hohem Aufwand präsentierte das Freestyle Projekt seine Pläne in Singapur. Die Location war gewohnt für Buettner-Projekte erstklassig, so wurde auf einer Yacht und aus Sicherheitsgründen in einem Tresor mit einem Tisch aus Gold gespielt. Spektakulär und präsentiert von Sagar Shah und seinem Team. Als Moderatorin war die Inderin Tania Sachdev am Start. Magnus Carlsen und Fabiano Caruana, die Nummer Eins und Nummer Zwei der Weltrangliste spielten ihren Showkampf sogar auf einem Hoteldach und gaben anschließend zusammen mit Buettner im Ritz Carlton Hotel eine Pressekonferenz. Die geriet allerdings trotz allen Aufwands zu einem medialen Nichtereignis. Lag es daran, dass der Weltschachbund sich nicht an Absprachen gehalten hatte und Ex-Weltmeister Vishwanathan Anand die gemeinsame Veranstaltung kurzfristig absagte? So hört man es zumindest aus einem Lager. Ist diese Erklärung plausibel, denn schließlich hatte man den größten Spieler aller Zeiten auf der Bühne und das sollte für Presseaufmerksamkeit eigentlich ausreichen. Erste Irritationen.
Die Nachricht auf X vom 24. November 2024 ist von Magnus Carlsen mit einer Provokation überschrieben. Freestyle Schach sei größer als Klassisches Schach. Die Reaktionen unter dem Tweet sind gespalten. Die Kritik am klassischen Schach kann man auch im Video im O-Ton von Magnus hören und sehen. Solch ein Statement wirkt nicht angebracht angesichts des am nächsten Tag beginnenden Weltmeisterschaftskampfes zwischen dem chinesischen Titelverteidiger Ding Liren und dem indischen Herausforderer Gukesh. Ist das eine Retourkutsche oder eine Provokation?
Hinter den Kulissen kracht es
Inzwischen weiß die Öffentlichkeit mehr über den Konflikt auch wenn die Fakten nicht sicher sind und es davon abhängt welcher Seite man in welchem Detail glaubt. Im Hintergrund deutet sich bereits ein Rechtsstreit zwischen FIDE und dem Freestyle Projekt an, es könnte sich also bei öffentlichen Äußerungen und Durchstechereien um ein taktische Weitergabe von Informationen handeln. Die Freestyler geben Interviews und schreiben Briefe. Emil Sutovsky, CEO der FIDE, schreibt bevorzugt Nachrichten bei X, vormals Twitter. Er ist ebenfalls nicht zimperlich, aber gibt sich öffentlich zumindest zurückhaltender.
Öffentlich wird ordentlich ausgeteilt
Erwähnt werden in einem X-Beitrag der Freestyler vom 21. Dezember 2024 Verhandlungen zwischen den Spielern und der FIDE, die zwei Tage zuvor zu einem friedlichen Ende gekommen seien. Als Verhandler werden Spieler genannt. Für diese sprechen Weltklassegroßmeister Magnus Carlsen und Hikaru Nakamura, Danny Rensch, Chief Chess Officer der Plattform Chess.com, ist ebenfalls am Start. Die Freestyle GmbH wird von Buettner repräsentiert. Freestyle Chess und Chess.com hatten in Singapur ihre Kooperation angekündigt. Bei der Kooperation geht es vor allem um gemeinsames Marketing.
In dem Brief der Freestyler wird erstmals das Thema Weltmeisterschaft erwähnt. Selbstbewusst, andere werden sagen großspurig, klingt es wenn die Freestyle Organisation bekannt gibt, dass man die Weltmeistertitel gegenseitig anerkennen würde. Für den Weltschachbund, der sich bekanntlich im Besitz der Rechte an Weltmeisterschaften wähnt, kann solch eine Formulierung kaum akzeptabel sein, da sie einen Präzedenzfall schaffen würde. Das muss auch Buettner und seinem Team klar gewesen sein. Der Brief in Form einer Meldung versucht Tatsachen zu schaffen und ist eine Provokation. Vielleicht haben Buettner und Carlsen Dvorkovich unterschätzt. Der widerspricht für den Weltschachbund (FIDE) der Darstellung des Freestyle Projektes in Sachen Einigung. Im Wortlaut zitiert der Weltschachbund seinen Präsidenten:
Ich nehme die vom Freestyle Chess Players Club herausgegebene Pressemitteilung zur Kenntnis. Während mein Zitat korrekt wiedergegeben wurde, möchte ich klarstellen, dass meine Entscheidung als FIDE-Präsident auf einer direkten Kommunikation mit den Spielern beruhte. Die vollständige Pressemitteilung war jedoch nicht mit mir abgesprochen und enthält erhebliche Ungenauigkeiten, die die Situation falsch darstellen.
Die FIDE setzt sich weiterhin für Transparenz und Fairness ein, und wir werden nächste Woche eine Erklärung zu dieser Angelegenheit abgeben.
FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich
I note the press release issued by the Freestyle Chess Players Club.
While my quote has been presented accurately, I shall clarify that my decision as FIDE President was based on direct communication with the players. However, the full press release was not agreed upon with me,… https://t.co/1YymzWEGk7
Am 26. Dezember 2024 soll in New York die Schnellschachweltmeisterschaft starten. Gezielt wird zunächst die Information gestreut und dann öffentlich, dass Magnus Carlsen und Hikaru Nakamura wegen des Streites mit der FIDE nicht mitspielen könnten. Das erweist sich entweder als leere Drohung oder gezielte Information, um den Streit weiter öffentlich zu machen. Man weiß es nicht. Jedenfalls spielen beide Spieler letztlich mit beim Turnier. Bei Magnus Carlsen läuft es nicht rund, diesmal. Am zweiten Tag erscheint Carlsen in Jeanshose, kassiert ein Ordnungsgeld und wird verwarnt. Der Rest geht in die jüngere Schachgeschichte als „Jeansgate“ ein. Es kommt zwei Tage später zu einer Art Burgfrieden. Was Magnus Carlsen, der den Weltschachbund übelst beschimpfte, dazu gebracht hat beim Blitzturnier wieder mitzuspielen weiß man nicht. Die Erzählung geht, dass Arkadij Dvorkovich und Henrik Carlsen auf den Superstar beruhigend eingewirkt haben.
Magnus verspürt Aufwind und legt nach
Es folgte erneut ein bemerkenswert undiplomatisches Interview mit Magnus Carlsen bei dessen Haussender „Take Take Take„. Das Interview ist kaum geeignet die Wogen zwischen FIDE und Freestylern wieder zu glätten. Im Gegenteil. Auch intern dürfte dieser Take nicht jedem im eigenen Team gefallen haben. Carlsen lobt ausdrücklich Dvorkovich und noch überraschender den CEO des Hauptsponsors der Freedom Holding, Timur Turlov, für ihr Bemühen um seinen Wiedereinstieg in das New Yorker Turnier.
Peter Heine Nielsen, Coach von Magnus Carlsen dürfte dieses Lob kaum gefallen haben. Schließlich kritisiert Nielsen beispielsweise, dass die FIDE zu viel russisches Geld einnehme im Vergleich zu anderen Finanzquellen. Turlov ist ein in Russland geborener kasachischer Unternehmer und wird von Nielsen öffentlich schon längere Zeit als russlandnah und mit Börsengerüchten um Fehlverhalten attackiert. Weltpolitik.
Bezogen auf den Konflikt zwischen FIDE und dem Freestyle Projekt erklärt Carlsen alle FIDE Offiziellen in New York uniso für nicht erwachsen. Er nimmt Dvorkovich, der gar nicht in New York anwesend ist, aus. Vishwanathan Anand, Carlsens Vorgänger als Weltmeister und aktueller Vizepräsident der FIDE, versuchte Magnus’s Vater von einer Rückkehr ins Turnier zu überzeugen. Auch den nimmt er nicht aus von seiner Kritik. Anand ist ebenfalls in dem virtuellen Freestyle Spielerklub aufgeführt und soll im Februar in Weissenhaus mitspielen, was später noch eine Rolle spielt. Überflüssigerweise griff er Anand sogar persönlich in seiner Rolle als FIDE-Vizepräsident an. Dieser Aspekt interessiert später indische Medien. Anand gibt sich allerdings nicht die Blöße sich zu Carlsens Verbalattacken zu äußern. Er ignoriert seinen Nachfolger.
Fabianos Sicht im C-Squared Podcast
Fabiano Caruana macht sich nicht die Wortwahl von Magnus Carlsen und Hikaru Nakamura zu eigen. Die beiden hatten von Erpressung der Spieler gesprochen. Es ging dabei um Klauseln, die von den Spielern bei Turnieren unterzeichnet worden waren und diese für einen längeren Zeitraum an die FIDE bindet. Aus Sicht der Freestyler sind solche Klauseln nichtig oder in jedem Fall wegen des Ausnutzens der eigenen Marktmacht angreifbar. Für Caruana war vor allem wichtig, dass er sanktionsfrei seinen Terminkalender für das nächste Jahr planen konnte. Er hatte sich kurz vorher als erster Spieler für das Kandidatenturnier 2026 qualifiziert. In die Abläufe bei der Freestyle Organisation sei er nicht eingebunden und scheint darauf auch Wert zu legen.
Wörtlich sagt Caruana (hier in deutscher Übersetzung): Ich möchte nur eine Sache sagen, denn es gab diese ganze Freestyle-Drohung, wo Spieler bedroht wurden oder nicht. Ich meine ich würde nicht sagen, dass ich bedroht wurde. Ich habe keine solchen Worte benutzt, mir wurde es so erzählt und dass ich keine ausgefallenen Adjektive benutzen werde. Mir wurde ganz konkret gesagt, nachdem Freestyle angekündigt hatte, dass sie nächstes Jahr die Weltmeisterschaft ausrichten würden, die Freestyle-Weltmeisterschaft, dass ich aufgrund eines Vertrags, den ich in der Vergangenheit für Kandidaten unterschrieben habe, rechtlich nicht berechtigt sei, an einer Schachweltmeisterschaft teilzunehmen.
Weiter sagt Fabiano im Video, dass er eine Zusage von Arkadij (Dvorkovich) erhalten habe bei Teilnahme nicht bestraft zu werden. Das Statement (vom 21. Dezember 2024) von Freestyle habe er als Erklärung verstanden, die aber noch recht vage klang, ihm aber Sicherheit gab.
Arkady Dvorkovich im Interview (15. Januar 2025)
Der FIDE-Präsident gab Sagar Shah von Chessbase India ein Interview und ging dabei auch auf Fragen zur Situation mit Freestyle Schach ein. Das Statement von Dvorkovich passte zu seinen bisherigen Einlassungen zum Thema. Unter anderem verteidigte er Sutovsky als Teil seines Teams. Man solle ihn stattdessen attackieren. Ein Angebot, das vierzehn Tage später von den Freestylern aufgegriffen wurde.
FIDE Statement vom 21. Januar 2025
Die FIDE hat sich einen Monat Zeit gelassen für ihr nächstes Statement als Reaktion auf die Pressemeldung der Freestyler vom 21. Dezember 2025. Überraschend ist daran allerdings nichts und die Position ist gut nachvollziehbar.
FIDE Statement regarding the “Freestyle Chess” project
With regard to the recent communications from the “Freestyle Chess Players Club” (“FCPC”), FIDE states the following:
The International Chess Federation (FIDE) is the only internationally recognized governing body of… pic.twitter.com/9F7o4iLH99
FIDE-Erklärung zum „Freestyle Chess“-Projekt (in deutscher Übesetzung)
Im Hinblick auf die jüngsten Mitteilungen des „Freestyle Chess Players Club“ („FCPC“) erklärt die FIDE Folgendes:
Der Internationale Schachverband (FIDE) ist der einzige international anerkannte Dachverband des Schachs (insbesondere durch das Internationale Olympische Komitee), der alle offiziellen internationalen Schachwettbewerbe regelt. Obwohl wir immer offen für die Zusammenarbeit mit privaten Organisationen und Initiativen innerhalb der Schachgemeinschaft waren, behält die FIDE ihre wichtigste Rolle in Bezug auf die Regeln, Titel und Wertungen. Der Status der FIDE und ihre globale Verantwortung gegenüber der Schachgemeinschaft sind eindeutig und nicht verhandelbar.
Die FIDE hat nichts dagegen, dass kommerzielle Plattformen, Projekte oder privat geführte Vereine wie der FCPC in eigener Angelegenheit mit Spielern in Kontakt treten. Die Versuche des FCPC, sein Projekt als Weltmeisterschaft zu präsentieren, stehen jedoch im Widerspruch zum etablierten Status der FIDE und ihrer Autorität über Weltmeistertitel in allen relevanten Varianten des Schachs – einschließlich Chess960/Freestyle Schach, wie im FIDE-Handbuch dargelegt.
Darüber hinaus bedroht die vom FCPC eingeschlagene Vorgehensweise die Erfüllung der bestehenden vertraglichen Verpflichtungen der Spieler gegenüber der FIDE. Die vom FCPC-Projekt unternommenen Schritte führen zwangsläufig zu Spaltungen in der Schachwelt – und wir erinnern uns nur zu gut an die unglücklichen Folgen einer ähnlichen Spaltung, die in nicht allzu ferner Vergangenheit stattfand.
Obwohl der formale Status der Freestyle Chess Serie 2025 noch nicht feststeht, möchte die FIDE sicherstellen, dass alle Spieler ihren Zeitplan für 2025 planen können. Aus diesem Grund hat die FIDE aus Kulanzgründen und um den Spielern für die unmittelbare Zukunft ausreichend Sicherheit zu geben, beschlossen, die Freestyle Chess-Serie 2025 in den Kalender aufzunehmen und sich nicht auf einschlägige rechtliche Klauseln in bereits unterzeichneten Verträgen über die Teilnahme von Spielern an Freestyle-Veranstaltungen 2025 zu berufen.
Nichtsdestotrotz behält die FIDE alle ihre Rechte in Bezug auf den Weltmeisterschafts-Titel und wird bereit sein, gegen Organisatoren und Initiatoren von Serien vorzugehen, die beschließen, sich ohne die Zustimmung der FIDE als „Weltmeisterschaft“ zu bezeichnen.
Wir sind offen für einen Dialog und freuen uns darauf, eine für beide Seiten akzeptable Vereinbarung zu treffen, vorausgesetzt, dass die Führungsrolle und die bewährte Autorität der FIDE über die Weltmeisterschaften von den potenziellen Partnern respektiert wird.
Sollte eine solche Vereinbarung nicht zustande kommen, fordert die FIDE, dass die Freistilserie nicht den Status einer „Weltmeisterschaft“ erhält. Die FIDE wird nicht zögern, alle rechtlichen Mittel gegen diejenigen einzusetzen, die ihre Rechte verletzen – seien es die Initiatoren, Organisatoren und/oder Investoren des Projekts.
Da der Weltmeisterschaftszyklus 2025-2026 im Gange ist, wird von allen qualifizierten Spielern erwartet, dass sie einen zusätzlichen Vertrag unterzeichnen, der eine Klausel enthält, die besagt, dass die Teilnahme an alternativen Schachweltmeisterschaften in einer nicht von der FIDE genehmigten Schachvariante (mit Ausnahme der Freestyle-Tour im Jahr 2025) zum Ausschluss aus den beiden aufeinanderfolgenden FIDE-Weltmeisterschaftszyklen führen würde.
Als Teil der Verträge verpflichtet sich die FIDE, die Turniere auf höchstem Niveau und mit wesentlich höheren Preisgeldern auszutragen – die Termine und Orte werden im FIDE-Kalender veröffentlicht.
Buettner bereit zum Krieg
Die Rhetorik entgleitet dem Freestyle Chef zusehends. Der Ton wird rauer und die Angriffe persönlicher. Am 28. Januar 2025 veröffentlicht Chess.com einen Artikel von Tarjei Joten Svensen, einem norwegischen Schachjournalisten in Diensten von Chess.com. Svensen berichtet über Angriffe gegen Dvorkovich, die Jan Henric Buettner gegenüber dem norwegischen Sender NRK und einem anderen Newsoutlet (VG) geäußert habe. Buettner reagiert damit laut Svensen auf die Erklärung der FIDE.
Jan Henric Buettner (zitiert nach Tarjei J. Svensen )
Ich denke, es ist unglaublich lächerlich. Ich habe es kommen sehen, also war es nicht überraschend, aber trotzdem lächerlich.
Wir sind zum Krieg bereit, aber wenn die FIDE bereit ist, etwas Vernunft an den Tag zu legen, sind wir bereit, mit ihnen zu sprechen.
Sie können es nicht urheberrechtlich schützen. Jeder kann es organisieren und sie wissen, dass sie uns nicht aufhalten können.
Ich denke, das wird dazu führen, dass sich die Spitzenspieler gegen sie zusammenschließen. Und es kann dazu führen, dass die gesamte FIDE-Organisation auseinander fällt.
Freestyle Chess habe 100.000 Dollar für die Verwendung des Titels „Weltmeisterschaft“ angeboten. Die FIDE verlangte 500.000 Dollar pro Jahr sagte Buettner gegenüber dem Fernsehsender NRK. Seit dem 9. Dezember habe er, Buettner, keinen Kontakt mehr mit FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich gehabt, so Svensen. (Möglicherweise ist der 19. Dezember gemeint, denn da gab es laut Freestyle eine Einigung mit der FIDE.)
Emils Statements (Auswahl)
I spoke several times with Mr.Büttner, and always expressed my positive feelings about the project. First time it was a two-hours call right after their debut event. It was more than friendly, and we started to look for ways to cooperate, although he candidly mentioned: "we don't…
Emil Sutovsky reagierte sofort bei X, vormals Twitter, auf die via Chess.com verbreitete mediale Attacke. Zudem erinnert er nochmals an die unhöflichen Worte von Magnus Carlsen an seine Adresse und gegenüber seinem Arbeitgeber.
When one sees public rhetoric coming from Freestyle Chess leaders, it becomes clear, that the project is bound to fail.
" F U ", "They are so stupid", "Horse sh.t" etc.
And why all that? Because you want your private project to be called World Championship? Instead of finding a…
Der offene Brief vom 28. Januar 2025 in deutscher Übersetzung
Lieber Emil,
im vergangenen Jahr haben du, Arkady und die FIDE einen langen Weg zurückgelegt – von deinen Opernarien, die du mir am Telefon vorgesungen hast, über deine Anfrage, die FIDE-Schach-960-Weltmeisterschaft letztes Jahr in Weissenhaus auszurichten, bis hin zu Arkadys stundenlangen Treffen mit Henrik und mir in London, um die Turnierpläne zu koordinieren und sicherzustellen, dass die Spieler keine Terminüberschneidungen haben.
Die Zusammenarbeit wird jedoch immer angespannter. Eine bemerkenswerte Ausnahme war die Einladung von Arkady an Magnus und Fabiano, ein Freestyle Summit in Singapur zu spielen, allerdings wurden wir dann bei unserer Ankunft ignoriert und abweisend behandelt. Es scheint, dass die „good cop (Arkady) / bad cop (Emil)“ Taktik der FIDE zum Scheitern verurteilt war. Jetzt scheint die FIDE dieses Spiel völlig aufgegeben zu haben und eine konfrontative Haltung gegenüber den Spielern einzunehmen. Ich halte diese Wende für kontraproduktiv. Anstatt konstruktiv mit uns, den Organisatoren der Freestyle Chess Grand Slam Tour, zusammenzuarbeiten, hat die FIDE genau die Spieler verprellt, die ihr größtes Kapital sind. Nichtsdestotrotz ist Freestyle weiterhin offen für den Dialog und bemüht, mit der FIDE zusammenzuarbeiten, um unnötige Konflikte zu vermeiden.
Um es noch einmal klarzustellen: Unsere Tour ist keine „Weltmeisterschaft“ im traditionellen Sinne, wie ich sowohl Arkady als auch Vishy erklärt habe. Sie trägt den Titel „Freestyle Chess Grand Slam Tour“. Am Ende jedes Jahres krönen wir einen Champion im Freestyle Chess – ein Format, das sich in Zukunft weiterentwickeln könnte, möglicherweise über Chess960 hinaus zu anderen neuen Formaten, aber nicht zum klassischen Schach.
Der Titel „Weltmeister“ spiegelt in diesem Zusammenhang das einzigartige Format unserer Veranstaltungen wider und stellt keinen Versuch dar, den traditionellen Weltmeisterschaftszyklus der FIDE in Frage zu stellen. Wenn die FIDE wirklich ein Problem mit der Verwendung des Begriffs „Weltmeisterschaft“ hat, müsste sie ähnliche Fälle ansprechen, wie die Tandem-Weltmeisterschaft, an der sogar Spieler wie Ding Liren teilgenommen haben. Dennoch hat die FIDE weder Ding noch andere für ihre Teilnahme bestraft. Diese Inkonsequenz offenbart das wahre Motiv hinter den Handlungen der FIDE: Geld.
Obwohl Freestyle bereit war, der FIDE 100.000 US-Dollar pro Jahr anzubieten – als reine Geste des guten Willens und um Schikanen zu vermeiden – wurde dies abgelehnt. Die Forderung der FIDE nach 500.000 US-Dollar, eine ungerechtfertigte Summe für ein Format, an dem sie nicht beteiligt ist, deutet darauf hin, dass der finanzielle Gewinn der Hauptgrund ist. Unsere Sponsoren, von denen viele es vorziehen, jede Verbindung mit der FIDE zu vermeiden, unterstützen unsere Entscheidung, unabhängig zu bleiben.
Die jüngsten Maßnahmen der FIDE, wie die Androhung von Sanktionen gegen Spieler und die Forderung, Vereinbarungen unter unangemessenem Druck und ohne Rechtsbeistand zu unterzeichnen, sind zutiefst beunruhigend. Das ist weder ethisch noch professionell. Die FIDE versucht, ihre marktbeherrschende Stellung auszunutzen, um Spieler unter Druck zu zwingen, sich zu unterwerfen. Solche Taktiken sind inakzeptabel und Freestyle wird weiterhin die Interessen der Spieler gegen diesen Machtmissbrauch verteidigen.
Im Gegensatz zur Vorgehensweise der FIDE stehen bei Freestyle die Spieler im Vordergrund. Deshalb haben wir einen Anwalt eingeschaltet, um sie vor dem überzogenen Vorgehen der FIDE zu schützen. Kein Spieler hat seine Pflichten verletzt, sondern die FIDE hat sich unangemessen verhalten. Freestyle konzentriert sich weiterhin darauf, ein positives Umfeld für die Spieler zu schaffen, damit sie sich ohne unnötige politische Einmischung auf ihre Partien konzentrieren können.
Zusammengefasst:
Freestyle konkurriert nicht mit FIDE und behauptet auch nicht, „größer als FIDE“ zu sein.
FIDE besitzt nicht die Rechte an allen schachbezogenen Aktivitäten und hat auch keine ausschließliche Autorität über das Wort „Welt“.
Freestyle möchte Frieden, keinen Streit. Wir sind weiterhin bereit, jährlich 50.000 US-Dollar an die FIDE zu zahlen, um sicherzustellen, dass die Spieler ungestört bleiben.
Sollte die FIDE ihre Schikanen fortsetzen, wird Freestyle die Spieler mit allen Mitteln verteidigen.
Anstatt die Situation eskalieren zu lassen, fordere ich die FIDE auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und konstruktive Gespräche zu führen. Spieler zu belästigen, zu bedrohen oder zu sanktionieren ist nicht nur kontraproduktiv, sondern untergräbt auch die Grundsätze des fairen Wettbewerbs und des Respekts für die Schachgemeinschaft.
Ich stehe dir oder Arkady jederzeit für ein Gespräch zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
Jan
Anmerkung: Diesen Brief mit den am gleichen Tag öffentlich gewordenen Statements gegenüber norwegischen Medien überein zu bringen ist schwierig. Es ist wahrscheinlicher, dass der Brief von Buettners Anwälten formuliert wurde. Bemerkenswert ist, dass an diesem Tag der Zuschuss zur FIDE auf jährlich 50.000 US-Dollar reduziert werden sollte.
Emils Antwort vom 28. Januar 2025
I spoke several times with Mr.Büttner, and always expressed my positive feelings about the project. First time it was a two-hours call right after their debut event. It was more than friendly, and we started to look for ways to cooperate, although he candidly mentioned: "we don't…
Ich habe mehrmals mit Herrn Büttner gesprochen und immer meine positiven Gefühle über das Projekt zum Ausdruck gebracht. Das erste Mal in einem zweistündigen Gespräch direkt nach ihrer Auftaktveranstaltung. Es war mehr als freundlich und wir begannen nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu suchen, obwohl er offen sagte: „Wir brauchen die FIDE nicht für dieses Projekt und wir müssen es nicht Weltmeisterschaft nennen“. Nichtsdestotrotz hatte ich eine sehr positive Einstellung gegenüber einer neuen, ambitionierten Person in der Schachwelt. Ich lobte Jan öffentlich und erwähnte in meinen Interviews, dass „eine steigende Flut alle Boote anhebt“. Ich freute mich auf mehr Werbung für Schach, mehr Möglichkeiten für Spieler…
Und dann hatten wir ein weiteres Gespräch, und noch eines, und noch eines. Mehrere Monate lang diskutierten wir über eine mögliche Zusammenarbeit: die Einführung von FIDE-Ratings für Chess960, mögliche Qualifikationsturniere, Herausforderungen bei der Ausrichtung weiterer Freestyle-Veranstaltungen im Jahr 2024 („niemand will Geld in die Hand nehmen, und das Einzige, was die Inder angeboten haben, war ein Rabatt auf die Hotelkosten“), die Angleichung des Turnierkalenders im Jahr 2025. Ich teilte die Informationen offen mit und gab bereitwillig Ratschläge, wenn ich darum gebeten wurde.
Um die Bezeichnung Weltmeisterschaft ging es nie.
„Wir brauchen das nicht. Wir sind nicht die FIDE, die sich um alle kümmern muss. Wir machen unsere Tour mit den Besten.“ Schön und gut – und immer noch viel Raum für Zusammenarbeit.
Aber dann hat sich etwas geändert. Wir können nur raten, was oder wer das beeinflusst hat.
Und dann beschloss Freestyle Chess, die Publicity und das Budget der FIDE-Weltmeisterschaft in Singapur zu nutzen.
Und die Veröffentlichungen in den großen Medien wurden am Vorabend der Weltmeisterschaft organisiert und griffen sowohl das WM-Match als auch das klassische/reguläre Schach direkt an.
Und sie legten die Pressekonferenz in Singapur auf den gleichen Tag wie die Eröffnungsfeier des WM-Kampfs, und plötzlich war statt einer Freestyle Tour/Grand Slam plötzlich „Weltmeisterschaft“ angesagt.
Seitdem wurde es immer bitterer.
Ich wundere mich immer noch über diesen Sinneswandel.
Warum startet man die Serie nicht friedlich, sondern zettelt stattdessen einen solchen Kampf an, der die Schachgemeinschaft spalten soll? Ist es persönlicher Ehrgeiz? Oder die Erkenntnis, dass sich „Weltmeisterschaft“ besser verkauft? Oder der Versuch zu beweisen, dass dies DIE Weltmeisterschaft ist? Wenn ja, dann wird es nicht funktionieren.
Die FIDE war immer offen für einen Dialog, aber wir haben Verpflichtungen gegenüber der gesamten Schachgemeinschaft, und wir werden sie erfüllen.
Die Abläufe klingen hier etwas anders als sie von den Freestylern dargestellt werden, die aus ihrer Sicht auf eine unwillige Schachorganisation trafen. Als Außenstehender ist schwierig zu beurteilen ab wann das Gespann Buettner/Carlsen erstmals das Thema Weltmeisterschaft aufbrachte. Die Version von Sutovsky klingt jedenfalls genauso plausibel wie die Version der Freestyler.
Bisher unterschätzt: Der indische Take
Der indische Sportskanal Sports Today mit 559.000 Abonnenten und Teil eines indischen Mediaoutlet erklärt in dem ersten Video den 3. Februar 2025 zu einem Entscheidungstag und in einem weiteren Video wird das Risiko für Gukesh beschrieben, der Weltmeister ist. Der Moderator sieht allerdings die FIDE im Nachteil, indem er das Thema Geld in den Vordergrund stellt und den US-Streamer Nakamura zitiert. Der Moderator in Sports Today spricht von einem Bürgerkrieg.
Vishwanathan Anand ist im Januar aus dem Turnier in Weissenhaus ausgestiegen. Die Freestyler haben das nicht weiter kommentiert, sondern Anand durch den jungen Usbeken Javokhir Sindarov ersetzt. Der Hintergrund könnte der schwelende Streit zwischen dem Weltschachbund und der Freestyle-Organisation sein. Zudem hatte Magnus Carlsen sich über Anand am Tag seines Widereinstiegs in die Blitzweltmeisterschaft und dessen Rollenverständnis in der FIDE negativ geäußert. Jetzt greifen größere indische Medien das Thema auf und erklären ihren Take, die indische Sichtweise. Erwartungsgemäß wird das Thema größer aufgezogen als nur ein schnöder Kampf um Geld. In diesem Beispiel geht es nicht um FIDE gegen Freestyle, sondern Anand gegen Carlsen. In indischer Perspektive wird der Titel des Schachweltmeisters angegriffen. Die Moderatorin von Firstpost weist auf das Highlander-Motto hin. Es kann nur einen geben. Und der ist momentan ein Inder.
Litigation Kampagne
Als Teil ihrer Kampagne im Rahmen des heraufziehenden Streites hatten die Freestyler Journalisten und andere Influencer im Vorfeld immer wieder gebrieft. Das ist nicht ungewöhnlich in einem öffentlich vorbereiteten Rechtsstreit. In einer Litigation Kampagne geht es darum, die öffentliche Meinung auf die eigene Seite zu ziehen und die eigenen Interessen möglichst umfänglich durchzusetzen. Ein Ziel dieser Kampagne war es beispielsweise, der interessierten Öffentlichkeit zu verkaufen, es ginge der gierigen FIDE nur um Geld. Dem hatte Dvorkovich bereits früh widersprochen.
Ein anderer Versuch bestand darin, öffentlich Zweifel an den Erfolgsaussichten eines Rechtsstreites zu streuen. In einem Beitrag für die FAZ hinter einer Bezahlschranke erinnert Stefan Löffler am 28. Januar an frühere ähnliche Streitigkeiten:
„2022 änderte die Plattform Chess.com eine angekündigte WM in „Global Chess Championship“. Inoffizielle Weltmeisterschaften in mehreren Schachvarianten duldet die FIDE aber ebenso wie von der deutschen Firma Amateur Chess ausgerichtete Amateurweltmeisterschaften.“
Für Buettner sei eine auf Sportrechte spezialisierte Kanzlei tätig. Löffler fasst seine Recherchen im Sportrecht so zusammen: “ Die Rechtsprechung scheint Buettners Sicht zu bestätigen. Der Deutsche Ringerverband musste Sperren in einer unabhängigen Liga aktiver Ringer aufheben. In zwei Urteilen zeigte der Europäische Gerichtshof Ende 2023 auf, wie UEFA, FIFA und der Eislaufverband ISU ihre dominante Position missbrauchten. Einen einschlägigen Erfolg im Profisport kann die von Buettner beauftragte Kanzlei Quinn Emanuel vorweisen. 2022 brachte sie Sperren der PGA Tour gegen Golfer, die bei der saudisch finanzierten Konkurrenz LIV Tour antraten, zu Fall.“ FAZ vom 28. Januar 2025: „Das steckt hinter dem Streit um die Schach-WM“.
Einen interessanten Aspekt einer möglichen Kompromisslinie arbeitet Löffler allerdings nicht weiter heraus: Die ACO, die Amateur Chess Organisation, nennt ihre Turniere ACO Weltmeisterschaften. Vielleicht wäre eine ähnliche Lösung eine Möglichkeit gewesen den eskalierenden Streit zu vermeiden. Der Veranstaltungstitel wäre dann „Freestyle World Championship“ und der Bezug zum Schach wäre im Namen der Organisation verschwunden. Die Freestyler wollen aber ihr Turnier anders nennen: Die Freestyle Chess World Championship (FCWC) soll es sein und das haben sie so in ihre Regularien geschrieben. Ein anderer Fall: 2022 hatte ein kurzer Streit der Schachplattform Chess.com noch einen Rückzieher gemacht. Man konnte das Turnier analog auch Freestyle Global Chess Championship nennen. Aber das hat möglicherweise einem nicht zugesagt, wie Sutovsky in einem seiner zahlreichen Tweets spekuliert?
Einen Tag vor dem angekündigten Showdown am 3. Februar 2025 meldet Tarjei J. Svensen, ein Journalist auf der Gehaltsliste von Chess.com, dass die Angelegenheit wohl bereinigt sei und Freestyle sich durchgesetzt habe. Dieses Gerücht erweist sich erneut als gezielte Fehlinformation oder zu frühe interne Erfolgsmeldung der Freestyler.
It looks like Freestyle Chess is about to get their will and be able to crown a Freestyle World Champion after all. An agreement with FIDE over the use of the title is expected to be announced on Monday, according to several media.
Der Weltschachbund reagiert scheinbar auf Svensens voreilige Wasserstandsmeldung und vermeldet morgens, dass es erneut zu keiner Einigung gekommen sei. Eine vollständige Erklärung wird für einen späteren Zeitpunkt am gleichen Abend angekündigt. Im Wortlaut heißt es zunächst: (hier in deutscher Übersetzung)
FIDE und Freestyle Chess Tour: Keine Einigung über die Anerkennung der Weltmeisterschaft
Trotz intensiver Verhandlungen gibt der FIDE-Rat an, dass es derzeit keine Einigung bezüglich der Freestyle Tour gibt. Dies liegt daran, dass die andere Partei den Status der FIDE als alleiniger Regulierer der Schachweltmeisterschaften und ihre Befugnis, einen Weltmeistertitel zu vergeben, nicht anerkennt. Eine vollständige Erklärung der FIDE zu dieser Angelegenheit wird heute nach 19:00 Uhr MEZ veröffentlicht.
❗️FIDE and Freestyle Chess Tour: No agreement on World Championship recognition ❗️
Despite intensive negotiations, the FIDE Council states that there is currently no agreement regarding the Freestyle Tour. This is due to the other party’s refusal to acknowledge FIDE's status as… pic.twitter.com/yiQOvq5Q7o
Dvorkovich erklärt kurz, dass er keine Vereinbarung mit der Freestyle Organisation unterschreiben wird. Er nimmt dabei Bezug auf persönliche Angriffe gegen sich selbst und sein Team. Das würde seiner Erziehung und seinen Werten widersprechen.
Values I share thx to my parents, teachers&friends don’t let me sign same papers as Freestyle people as I will lose trust of my team and self-respect
And I keep my promise: players formally acknowledging their commitments towards FIDE can play in “freestyle tour 2025 ” without taking any risks with regard to the world championship cycle
Es wird immer schmutziger. Bevor die FIDE mit ihrem Statement herauskommt, gibt es wieder einen offenen Brief von den Freestylern. Jan Henric Buettner zitiert ohne Kontext aus einer privaten Whatsapp Konversation zu den Einigungsversuchen mit Dvorkovich, dem er den Rücktritt anrät aufgrund eines Mangels an Führungsstärke. Auf sein Wort sei kein Verlass, so Buettner. Es klingt so als haben hier zwei aneinander vorbei geredet. Im weiteren Text erläutert Buettner wie er den Verlauf der Gespräche bewertet und sieht Dvorkovich als unzuverlässigen Verhandlungspartner. Die gleiche verfahrene Situation ereigne sich bereits zum dritten Mal. Im Auftrag der Spieler hätten die Freestyler um eine Verlängerung der Frist bis zum 15. Februar gebeten, heißt es. Damit die Spieler sich auf das Turnier in Weissenhaus konzentrieren und eventuell Rechtsanwälte konsultieren können. In den laut Buettner bereits vereinbarten Regelungen stehen mehrere Aspekte auf die man sich geeinigt habe. Eine angemessene Kommunikation und Respekt gegenüber der FIDE steht ganz oben. Weiter unten findet sich ein Hinweis auf das Sponsoring eines von der FIDE ausgewählten Turniers in Höhe von 300.000 US-Dollar. Sowie die Teilnahmemöglichkeit für die Hälfte der Teilnehmer ermittelt in einer Qualifikation.
Dann zeigen die Freestyler Nerven, trotz der aus ihrer Sicht eindeutigen Rechtslage. Aus Angst um ihr Turnier in wenigen Tagen in Weissenhaus gibt Buettner einer Forderung der FIDE nach. Am 3. Februar habe man entschieden, man verzichte auf den Titel Weltmeisterschaft, vorerst, für zehn Monate. Dadurch dürfte das Durchführen des Turniers in Weissenhaus in vier Tagen gesichert sein. De facto erkennt Buettner damit eine Teilniederlage an, auch wenn er es als Rettungsaktion für die verunsicherten Spieler verkauft. Buettner will die Regeln anpassen. Anmerkung: Beim Abrufen der Offiziellen Regeln am 3. Februar 2025 um 17.49 Uhr deutscher Zeit, steht dort immer noch das Regelwerk zur Freestyle Chess World Championship. Das dürfte sich allerdings bald ändern, auch wenn Buettner auf seine Website selbst verweist und das noch einen nicht unerheblichen Widerspruch darstellt. Zum Schluss weist Buettner erneut auf einen anstehenden Rechtsstreit hin, er werde jetzt seine Anwälte einschalten, da weitere Verhandlungen nutzlos seien.
UPDATE (04.02.2025): Inzwischen steht in den Regularien Freestyle Chess Grand Slam Tour. Das genügt der FIDE.
And as the regulations of “freestyle tour” have been changed and do not contain “world chess champion(ship)” notion anymore, no further signatures from players are required. https://t.co/WCMr8WjdBb
In den letzten Tagen hat die FIDE ausführliche Gespräche mit der „Freestyle Chess Tour“ über die mögliche Anerkennung ihrer Veranstaltung als Weltmeisterschaft geführt. Trotz unserer Bereitschaft zur Zusammenarbeit – einschließlich eines Verzichts für die Teilnehmer des geplanten Wettbewerbs 2025, eines Verzichts auf die Gebühr für die Ausgabe 2025 und der Forderung nach einem Ende der unbegründeten Anschuldigungen gegen die FIDE und der Untergrabung des klassischen Schachs – wurde keine Einigung erzielt.
Die „Freestyle Chess Tour“ hat sich entschieden, die bestehende Autorität der FIDE in Bezug auf den Weltmeistertitel nicht anzuerkennen, und hat sich dafür entschieden, ein privat organisiertes Turnier zu bleiben, an dem hauptsächlich handverlesene Elitespieler teilnehmen, anstatt einen offenen und transparenten Qualifikationsprozess durchzuführen.
Eine echte Weltmeisterschaft muss inklusiv sein, mit transparenten Qualifikationswegen, die den Regeln und Vorschriften der FIDE folgen, die mit dem Konsens der globalen Schachgemeinschaft festgelegt wurden, wie im FIDE-Weltmeisterschaftszyklus zu sehen ist. Ohne diese Grundsätze ist die Integrität des Titels in Gefahr.
In Anbetracht dessen müssen Spieler, die an der Freestyle Chess Tour 2025 teilnehmen möchten, die Verzichtserklärung bis zum 4. Februar 2025, 18:00 Uhr MEZ, unterzeichnen, um für den offiziellen FIDE-Weltmeisterschaftszyklus zugelassen zu bleiben. Wir weisen darauf hin, dass dieses Dokument den Spielern keine neuen Anforderungen auferlegt, sondern ihnen eine einmalige Ausnahme von ihren bestehenden vertraglichen Verpflichtungen gegenüber der FIDE gewährt. (Deutsche Übersetzung)
❗️FIDE and the “Freestyle Chess Tour”: No agreement on World Championship recognition ❗️
In recent days FIDE has been engaged in extensive discussions with the “Freestyle Chess Tour” regarding the potential recognition of their event as a World Championship. Despite our… pic.twitter.com/J0IW4dcaKC
In dem Statement der FIDE klingt manches anders als bei den Freestylern. Zwei Punkte sind herauszuheben: Die Freestyler wollten die FIDE nicht anerkennen. Die Veranstaltung ist aus Sicht der FIDE gegen die klassische Weltmeisterschaft, das größte Asset des Weltschachbundes, konzipiert.
Carlsen mit direkter Attacke auf Dvorkovich
Der neue Standard im Weltschach scheint es zu sein, interne Diskussionen und ohne wirklichen Kontext öffentlich zu machen. das soll die Glaubwürdigkeit des Gegenüber erschüttern. Carlsen will einen Wortbruch beweisen, man kann die Hinweise aber auch so sehen, dass Dvorkovich sein Versprechen, in 2025 keinen Spieler für die Teilnahme am Freestyle-Turnier zu bestrafen, einhält. In der Diskussion hatte er ausdrücklich eine Einigung als noch nicht sicher bezeichnet. Die Freestyler scheinen anzunehmen, dass Dvorkovich das Gremium der FIDE falsch informiert hat.
Coercion of players, misuse of power and broken promises.
FIDE President Dvorkovich, to convince me to play the Rapid & Blitz in New York, you wrote Dec 19th to my father:
«Just want to pass a message to you and Magnus that whatever happens between FIDE and Freestyle in terms…
„Ich kenne keine Kompromisse. Wenn ich etwas machen will, dann muss es perfekt sein. Da ist es wirklich egal, was es kostet. Wenn es nicht perfekt ist, mache ich es nicht“, sagt Jan Henric Buettner, die treibende Kraft hinter den Freestyle Chess Events. Zitiert aus einem Porträt Artikel über Buettner
UPDATE Am 4. Februar 2025 kamen diese TAKE TAKE TAKE Clips heraus.
"I think a tournament series with the very best players in the world for very good money—there's every reason for the winner of that to be called a world champion." @MagnusCarlsen
5. Februar 2025. Am Freitag soll das gesamte Interview mit Magnus Carlsen bei TAKE TAKE TAKE herauskommen. Derweil ein weiterer Auszug als Appetithappen sozusagen.
"I was following it intently as a fan. I love the event. We honestly believe that Freestyle chess is better for a classical format; that doesn't mean that we're trying to take down classical chess or anything like that." @MagnusCarlsenpic.twitter.com/n4kUuzjsBX
Die Idee der Lasker Aufgaben ist es, einmal in der Woche, in der Regel an Sonntagen, einige wenige Schachaufgaben unterschiedlicher Art an alle Interessierten des Vereins Lasker Köln zu verschicken. Es wird Taktikaufgaben und immer wieder auch mal Fragen zum Endspiel geben. Der Schwierigkeitsgrad wird unterschiedlich sein, damit für Spieler jeder Mannschaft und Spielstärke etwas dabei ist. Die Lösungen gibt es zwei Tage später. Los geht’s.
1. Aufgabe: Kann Weiß am Zuge Remis halten?
Diese Stellung stammt aus dem Social Media Kanal von Jan Timman. Das sagt schon alles. Schwierig, denn es handelt sich um den Teil einer Studie. Ich wünsche freudiges Lösen. Sonntage sind überschätzt.
2. Aufgabe: Wie sollte Schwarz hier fortsetzen?
Diese Stellung stammt aus einer Partie zweier Isländer und wurde von dem Schwarzspieler in seinem Social Media Kanal veröffentlicht. Er scheiterte daran den besten Zug zu spielen und die Partie endete Remis. Ich habt natürlich mehr drauf.
3. Aufgabe: Was kann man Weiß am Zuge hier empfehlen?
Die Idee für diese Stellung stammt aus dem Social Media Kanal von Igor Smirnov. Viel Erfolg.
4. Aufgabe: Weiß ist am Zuge. Findet den besten Zug.
Ein Fund auf Social Media im Kanal von Maurice Ashley. Was kann Weiß noch unternehmen? Und wie ist die Stellung nach dem besten Zug zu bewerten? Die Lösung ist nicht allzu schwierig zu entdecken, aber schick und lehrreich allemal.
Wer Spaß am Lösen von Schachaufgaben hat, der wird ab 2025 hier in der Schachakademie immer wieder fündig werden. Für den Anfang findet ihr unter den Links weitere Aufgaben und einige Hinweise darauf wie schwer Schachaufgaben sein sollten.
Praggnanandhaa (19) war der erste Führende im Turnier. Dann hagelte es eine Niederlage gegen Anish Giri und der Inder verlor etwas den Kontakt zu Gukesh und Nodirbek Abdusattorov. Es folgten Siege gegen Vladimir Fedovseev, Fabiano Caruana und Alexey Sarana. Nach 12 Runden ist Pragg wieder dran.
Nach einem Blitzstart mit 3.5 aus vier hatte Pragg in der ersten Hälfte überzeugt. Lediglich sein Unentschieden gegen Nodirbek zu Beginn war etwas wackelig. Dann folgte eine Phase mit vier Remispartien in denen der Inder einiges versuchte, aber letztlich nicht erfolgreich war. In den Runden neun bis zwölf kamen vier entschiedene Partien hinzu.
(Ergebnisse: Chess-Results )
Anish Giri – Praggnanandhaa 1 – 0
Die Partie verlief lange Zeit entlang strategischer Bahnen. Der Inder hatte positionell einen nicht ganz einwandfreien Aufbau gewählt und sein Stellung krankte etwas an seinem eingemauerten Läufer auf b7 und weniger Raum. Bis dann der Niederländer eine radikale Lösung wählte und die Situation auf dem Brett sich verschärfte.
Jurriaan Hoefsmit Jurriaan Hoefsmit
In dieser Stellung im 27. Zug konnte Weiß geduldig seinen Vorteil weiter ausbauen und seinen Springer nach d3 beordern. Weiß verfügt auf der Habenseite neben dem Raumvorteil über das Läuferpaar und der Bauer auf e3 fällt kaum ins Gewicht. Anish Giri wählte stattdessen eine radikale Lösung und nahm zunächst mit dem Springer auf d5 und rückte seinen c6-Bauern vor, um die geopferte Figur zurück zu gewinnen. Das hat allerdings den Nachteil, dass Weiß damit auf seine langfristigen strukturellen Vorteile verzichtet, um die c-Linie zu öffnen für ein vorteilhaftes Endspiel. Man könnte sagen, die Entscheidung ist zweischneidig gewesen.
Erst in dieser Stellung kippt die Partie endgültig. Nach anderthalb von zehn Minuten spielt der Inder hier den hässlichen Zug f7-f6 und es kommt zu einem schlechterstehenden Endspiel nach späteren Damentausch auf der c-Linie. Giri gibt seinem Gegner danach keine Chance mehr. Pragg sollte in der hier dargestellten Stellung den Druck des Gegners auf der langen Diagonalen ignorieren und selbst zum Gegenangriff übergehen. Schwarz konnte entweder hier seinen Springer nach b6 überführen, um diesen später nach c4 zu stellen mit Angriff auf e3 und b2. Oder er ignorierte die Bauerngabel des Gegners und zieht seinen a-Turm nach e8 und nimmt den Bauern auf e3 direkt ins Visier.
Jurriaan Hoefsmit
Praggnanandhaa – Vladimir Fedoseev 1 – 0
Pragg hatte in den zurückliegenden Jahren festgesellt, dass seine Physis nicht ausreichte, um das Turnier in Wijk aan Zee auf dem gleichen Level zu beenden. Besonders 2023 war das auffällig gewesen. 2024 lief es dann schon besser mit elf Remispartien und zwei Siegen blieb zumindest der Einbruch in der Schlussphase aus. Als Vorbereitung für das Kandidatenturnier hatte der Junge aus Chennai auch daran gearbeitet. In der neunten Partie wählte sein Gegner bereits früh das Chaos und der Inder bekam eine ordentliche Stellung und baute seinen Vorteil zunächst sukzessive aus. Fedoseev allerdings gelang es mit findigem Spiel sich bis zum dreißigsten Zug im Spiel zu halten. Mehr als knapper Ausgleich war aber nie drin.
Jurriaan HoefsmitLennart Ootes
Vladimir Fedoseev gilt als unkonventioneller Spieler. Aber nach dem Abtausch des Läufers auf f6 mit dem g-Bauern zurück zu nehmen ist doch etwas zu viel der Kreativität. Fedoseev ist gebürtiger Russe und spielt inzwischen für Slowenien, da er den Krieg mit der Ukraine ablehnt. Er gehört damit zu mehreren ehemaligen russischen Großmeistern, die das Land verlassen haben. Bei der Schacholympiade war es ihm gelungen Magnus Carlsen zu besiegen und in Wijk hatte Fedoseev gegen Fabiano Caruana voll gepunktet. Zuletzt war hinzugekommen, dass er sich für das Freestyle Turnier qualifizieren konnte. Dort wird mit ausgelosten Stellungen begonnen, die zumindest in der Eröffnungsphase kreative Lösungen erfordern.
In dieser spannenden Stellung schlägt der Maschinenraum für Pragg als Alternative vor, zunächst auf g4 zu schlagen, also die Dame zu geben. Das ist freilich keine einfache Entscheidung und man kann verstehen, dass der Inder stattdessen seine Dame nach f1 zurück zog. Tatsächlich markiert diese Situation den letzten Moment in der Partie zu dem Fedoseev die Stellung wieder ins Gleichgewicht bringen konnte. Danach verhedderte sich Fedoseev allerdings zusehends und Pragg gab ihm keine zweite Chance.
Fabiano Caruana – Praggnanandhaa 0 – 1
Der Inder inszeniert an diesem Tag einen Faustkampf und gewinnt. Fabiano Caruana musste mit Plus Eins in der elften Runde unbedingt gewinnen, um noch eine Chance auf die vorderen Plätze zu haben, vielleicht ließ er sich deshalb darauf ein. Die beiden Kontrahenten bekamen eine Carlsbader Struktur mit asymmetrischen Bauern im Zentrum auf das Brett. Die lange Rochade ist für den Anziehenden eher eher seltene Entscheidung. In den taktischen Verwicklungen dieser Partie fand sich der jüngere Spieler jedenfalls besser zurecht und heftete einen der seltenen 2800er Scalp an seinen Gürtel.
Lennart Ootes
Fabiano Caruana stand hier vor seinem 13. Zug. Sein Gegner hatte am Damenflügel seine Bauern nach vorne getrieben und es war an der Nummer Zwei der Welt dagegen zu halten. Die richtige Antwort dürfte Schachtrainer und Lernende begeistern, denn genau das lernt man im Training. Allerdings suchen im Spitzenschach auf höchster Ebene die Spieler oft die Ausnahme und nicht die Regel bestätigt zu finden. Die Antwort findet sich in der ausführlichen Analyse.
Lennart Ootes
Beide Spieler hatten nur noch wenig Bedenkzeit für acht Züge, wobei der US-Amerikaner mit etwas mehr als anderthalb Minuten sogar etwas weniger hatte. Zuletzt hatte er seine vom Springer c5 attackierte Dame von d3 nach nach e3 gezogen. Warum war das ein Fehler? Pragg ließ sich jedenfalls nicht zweimal bitten.
Jurriaan Hoefsmit
Praggnanandhaa – Alexey Sarana 1 – 0
Es kommt nicht so häufig vor, dass im Meisterschach auf der höchsten Ebene ein Spieler drei Partien hintereinander gewinnt. Pragg gelingt dieses Kunststück gleich zweimal in diesem Turnier. Nach der Partie hatten die Spieler noch Zeit die wichtigsten Momente durchzugehen.
Jurriaan HoefsmitJurriaan Hoefsmit
Der entscheidende Moment. Zuletzt hatte Alexey seinen Springer nach b5 gezogen und dachte die Stellung ausreichend befestigt zu haben. In Wirklichkeit war sein letzter Zug der spielentscheidende Fehler. Pragg zertrümmerte die gegnerische Deckung durch das Springeropfer auf a6. Bemerkenswert ist wie er in der Folge seinen scheinbar toten Springer h4 in den Angriff mit einbezog. Ein modernes Lehrbuchbeispiel für einen effektiv vorgetragenen Angriff.
Lennart Ootes
Wijk 2025: Gukesh oder Pragg?
Vor der dreizehnten, der letzten Runde im Tata Steel Masters 2025 führen Praggnanandhaa und Gukesh punktgleich mit achteinhalb Punkten die Tabelle an. Gukesh spielt mit Weiß gegen seinen Landsmann Arjun Erigaisi, der in Wijk arg gerupft wurde, aber zuletzt gegen Nodirbek den indischen Erfolg durch seinen ersten Sieg in turnierübergreifend 25 Partien im Masters sicherte. Pragg hat es in der letzten Runde mit dem deutschen Topspieler Vincent Keymer zu tun, der mit seinem Turnier insgesamt nicht zufrieden sein dürfte. Für Spannung ist gesorgt. Wieder einmal zeigt sich warum Wijk aan Zee bei Fans so beliebt ist.
Fotos: Jurriaan Hoefsmit und Lennart Ootes für Tata Steel Chess.
SERVICE INFORMATION
Die Partieanalysen können heruntergeladen werden, indem man bei der entsprechenden Partie auf den hier rot markierten Button klickt.
Die Jugend übernimmt und zwar nicht weil starke ältere Spieler fehlen, sondern weil die Jungen ambitionierter sind und Spaß an Leistung haben. Einige grandiose Momente der jungen Garde aus dem Tata Steel Masters 2025 begeistern. Diesmal Nodirbek Abdusattorov.
Von Thorsten Cmiel
Wir zeichnen zunächst die Turnierentwicklung der drei führenden Spieler im diesjährigen Masters Turnier in Wijk aan Zee nach. Das sind der amtierende Schachweltmeister Gukesh, 18, Nodirbek Abdusattorov, 20, Praggnanandhaa, 19, diese führen in dieser Reihenfolge das Feld im Masters nach zehn Runden an.
Quelle Chess Results
Nodirbek Abdusattorov (Usbekistan)
Nodirbek Abdusattorov ist der bislang jüngste Schnellschachweltmeister aller Zeiten. Nodirbek lebt in Tashkent in Usbekistan und gewann die Schnellschach-Weltmeisterschaft 2021 in Warschau mit 17 Jahren. 2022 legte er mit seinem Team bei der Schacholympiade in Chennai nach und holte die Goldmedaille im Team und Silber am ersten Brett, hinter dem Inder Gukesh, der die wichtigste Partie der beiden Gladiatoren allerdings verlor, die Entscheidungspartie. Bei der Schacholympiade in Budapest 2024 lag Abdusattorov erneut auf dem zweiten Platz in der Einzelwertung, erneut vor Magnus Carlsen und wieder hinter Gukesh. Dass sich der Usbeke 2024 nicht für das Kandidatenturnier qualifizierte war für manche Beobachter eine Überraschung. In Wijk war der Usbeke bereits zweimal nah dran zu gewennen. 2023 lag er nach einem Sieg gegen Magnus Carlsen vorne und verlor erst in der letzten Runde gegen Anish Giri und den Turniersieg. 2024 war Nodirbek einer der vier Co-Sieger. Letztlich gewann der Chinese Wei Yi. 2025 macht Nodirbek erneut viel Druck. Bisher kann nur Gukesh mithalten.
Jurrian Hoefsmit
Kalkulationen
Wenn sogar einer der besten Rechner auf der Tour nicht alles ganz exakt hinbekommt, dann ist das ein Zeichen für eine extrem komplizierte Angelegenheit. Im ersten Beispiel aus der Startrunde scheitert Nodirbek vermutlich an seiner Ungeduld, da sein Gegner in rasender Zeitnot war. Der Usbeke übersah ein Qualitätsopfer seines Gegners und entschied sich in der Folge dafür, keine Experimente mehr zu versuchen.
Erneut stand Nodirbek mit Schwarz auf Gewinn und fand zunächst nicht den präzisen Weg zum vollen Punkt. Als ihm aber sein Gegner mit einem Damenzug nach c3 eine zweite Chance offerierte griff er zu…
Der usbekische Signature-Zug
Wir hatten bereits den Sieg von Abdusattorov im Franzosen gegen Leon Luke Mendonca angesehen. Der junge Usbeke ist offenbar bereit in anderen Stellungen ebenfalls seinen a-Bauern früh ins Spiel einzubeziehen. Die Idee solcher früher Randbauernzüge ist es oft, der Eröffnungsvorbereitung des Gegners aus dem Weg zu gehen und einfach eine Partie Schach zu spielen. Das war in Kurzform die übergeordnete Strategie des Teams Gukesh in Singapur. Gegen den Turnierfavoriten Fabiano Caruana war es der dritte Zug von Nodirbek und die Kontrahenten hatten diese Stellung auf dem Brett.
Nodirbek hatte keine Schwierigkeiten aus der Eröffnung heraus und glich recht komfortabel aus gegen die Nummer Zwei der Welt. Es gab nur einen kurzen Moment der Sorge in einer späteren Phase. Bemerkenswert ist das unbändige Selbstbewusstsein, das Nodirbek Runde für Runde erneut aufbringt. um so früh wie möglich auf eigenen Eröffnungsbeinen zu stehen.
Der usbekische Wanderkönig
In Wijk zeigte Abdusattorov seine hervorragend trainierten Rechenfähigkeiten und endete in zwei Partien mit einem Wanderkönig. Auch die Bereitschaft diese Extrameilen bei der Kalkulation zu gehen, ist ein starkes Indiz für ein stark ausgeprägtes Selbstvertrauen. Nodirbek hat bekanntermaßen mit dem Verleger und Buchautor Jacob Aagaard zusammengearbeitet. Der ist sozusagen spezialisiert auf diese Art Unterstützung von Spitzengroßmeistern. Zu seinen langjährigen Partnern gehören Sam Shankland und Boris Gelfand. Inzwischen arbeitet Nodirbek mit Rustam Kasimdzhanov zusammen, der lange Zeit Sekundant von Fabiano Caruana war, bis die Zusammenarbeit in einer Art Rosenkrieg endete.
In seiner Partie gegen den niederländischen Großmeister Jorden Van Foreest schlug Nodirbek hier im zweiunddreißigsten Zug den weißen Läufer auf f4. Acht Züge später stand sein König auf d5, weil das der einzige Weg zum Erfolg war. Sieben Züge später gab sein Gegner auf. Wer will kann die Varianten möglichst ohne Ansicht des Brettes berechnen. IM Vidoe erklärt der Usbeke dann warum er Glück hatte.
Diese Stellung ist aus der zehnten Runde. Nodirbek steht mit Weiß bereits auf Gewinn. Im 43. Zug zog der Jungstar hier seinen König nach g3. Zehn Züge später wird sein König auf c6 stoppen und Schwarz gab auf.
Lennart Ootes
Nach der zehnten Runde geht es in den letzten Ruhetag. Nodirbek wird sicherlich versuchen Gukesh zu jagen. Diese zwei Junggroßmeister sind inzwischen vermutlich etwas vorne dran bei den ehemaligen Wunderkindern. Praggnanandhaa hatte nach dem Kandidatenturnier nicht mehr zulegen können, ist aber einer der Spieler, die vielleicht als nächstes aufschließen können. Arjun Erigaisi ist ein Jahr älter als Nodirbek und macht in Wijk eine schwere Zeit mit. In jetzt dreiundzwanzig aufeinander folgenden Partien gelang dem Inder bisher noch kein Sieg. Ein anderer glänzt meist durch Abwesenheit und das mag unterschiedliche Gründe haben. Der französisch-iranische Großmeister Alireza Firouzja versagte zweimal in Kandidatenturnieren und wird erst wieder in der Grand Chess Tour zu sehen sein, die er in den Jahren der Kandidatenturniere gewann. Mit Nihal Sarin scheint ein anderer ehemaliger Jungstar den Anschluss verpasst zu haben. Für den deutschen Hoffnungsträger Vincent Keymer läuft es in diesem Jahr erneut nicht in Wijk. Auch für ihn wird sich wie für alle Topspieler die Frage stellen, wie er sich für das Kandidatenturnier 2026 qualifizieren kann.
Die Idee der Lasker Aufgaben ist es, einmal in der Woche, in der Regel an Sonntagen, einige wenige Schachaufgaben unterschiedlicher Art an alle Interessierten des Vereins Lasker Köln zu verschicken. Es wird Taktikaufgaben und immer wieder auch mal Fragen zum Endspiel geben. Der Schwierigkeitsgrad wird unterschiedlich sein, damit für Spieler jeder Mannschaft und Spielstärke etwas dabei ist. Die Lösungen gibt es zwei Tage später. Los geht’s.
Die Aufgaben dieser Serie beruhen auf einer der bekanntesten Studien der Schachgeschichte. Der Autor ist der Tschechoslowake Richard Rèti (1889 – 1929), einer der stärksten Schachspieler seiner Zeit.
1.Kg7 h4 2.Kf6 (Kb6 3.Ke5) h3 3.Ke5 =
Der König nähert sich durch Ziehen entlang einer Diagonalen and und verfolgt zwei Ziele. Dadurch erzwingt er das Erreichen von einem der beiden. Das Manöver beruht auf der Eigenheit der Schachbrettgeometrie. Veröffentlicht am 21. September 1921 in der Niederösterreichischen Tages-Zeitung.
1. Aufgabe: Kann Weiß am Zuge Remis halten?
2. Aufgabe: Kann Weiß am Zuge Remis halten?
3. Aufgabe: Kann Weiß am Zuge Remis halten?
4. Aufgabe: Weiß ist am Zuge.
Wer Spaß am Lösen von Schachaufgaben hat, der wird ab 2025 hier in der Schachakademie immer wieder fündig werden. Für den Anfang findet ihr unter den Links weitere Aufgaben und einige Hinweise darauf wie schwer Schachaufgaben sein sollten.