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Foto: Dariusz Gorzinski

Von Thorsten Cmiel

In der Qualifikation zum Kandidatenturnier 2026 wird 2024 schon ein Platz ausgespielt. Das passiert im FIDE Circuit. Die besten Chancen hat Fabiano Caruana. Der hatte in Charlotte die US Masters gewonnen, ein Schweizer System Turnier. Wenig später folgte in Saint Louis das gleichnamige Masters. Erneut mussten die Spieler neun Partien an fünf Tagen absolvieren. Der US-Amerikaner führte vor der Schlussrunde mit einem Punkt Vorsprung. Dann musste Caruana mit Weiß gegen Alexander Donchenko ran.


Fabiano erwischte keinen guten Tag, während der deutsche Großmeister seinem Gegner nur an einer Stelle eine Chance gab. Hier war es schon zu spät für den US-Amerikaner. Alexander Donchenko spielte den nicht allzu schwierigen, aber dennoch sehr zufrieden stellenden Turmzug nach f6. Die Idee ist es, dass nach dem Schlagen des ungedeckten Turmes auf e8 durch die Dame Das Springerschach auf g3 folgt und nach dem erzwungenen Schlag mit dem h-Bauern das Turmschach auf h6, was wiederum Matt zur Folge hat.


Ranking FIDE CircuitPlayerCountryCircuit Points 2024# Tournaments
1Fabiano CaruanaUnited States130.427
2Arjun ErigaisiIndia114.777

Die Situation im FIDE Circuit spitzt sich zu. Hätte Fabiano Caruana im Saint Louis Masters 2024 die letzte Runde gegen Alexander Donchenko nicht verloren, wäre er fast sicher für das Kandidatenturnier 2026 qualifiziert. Jetzt kann der Inder Arjun Erigaisi durch einen alleinigen Turniersieg in Katar an Fabiano noch knapp vorbeiziehen. Bei der Schnellschachweltmeisterschaft kann wohl nur der Titel eine Verschiebung zu Gunsten eines Spielers bringen. Die Chancen dafür stehen nicht gut.

Katar Masters

Derweil in Katar: Arjun liegt mit fünfeinhalb Punkten aus sieben Partien einen halben Punkt hinter dem Armenier Shant Sargsyan. Die beiden Großmeister spielten in der siebten Runde Remis. Bisher hat Arjun für ihn typisches Schach gespielt: Kompromiss- und absolut furchtlos. Zwei Partieenden dokumentieren das.


Runde 5: Ganguly – Erigaisi 0 – 1


Runde 6: Erigaisi – Parvyan 1 – 0

Diese Stellung ist aus der Partie Arjun Erigaisi – David Paravyan aus der sechsten Runde. Auch hier steigen wir erst in einer späten Phase ein: Wie setzte Arjun am Zuge Matt?

Die Partie endete nach 40.Dd8+ Kf7 41.Le6+ Kxe6 42.Tf6#.


Zum Turnier in Katar via LiChess.


Foto: Dariusz Gorzinski Von Thorsten Cmiel In der Qualifikation

Von Thorsten Cmiel

Während Gukesh sich während laufender Turniere grundsätzlich von Social Media fern hält, nutzt Ding Diskussionen auf Social Media zum Entspannen. Dabei bekommt der Chinese möglicherweise manche Diskussionen mit, lässt sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen, sagt er. Tatsächlich laufen auf verschiedenen Kanälen manche Diskussionen aus dem Ruder. Kommentatoren und Streamer, selbst mit meinungsstarken Maschinen bewaffnet, kritisieren die Spieler und halten das Niveau für nicht so berauschend. Objektiv betrachtet sieht es anders aus.

Einer, der sich beruflich mit Datenanalysen und deren Interpretation beschäftigt ist Mehmet Ismail, Wirtschaftswissenschaftler und Spieltheoretiker für Norway Chess im Einsatz. Ismail hat über eine Milliarde an Schachzügen einer Analyse unterzogen und seine eigenen Berechnungen angestellt, die über das einfache Interpretieren von Genauigkeitsdaten hinausgehen. Einige seiner spannendsten Erkenntnisse dazu.



Schach Weltmeisterschaften – immer präziser

Die Abbildung von Mehmet Ismail zeigt einen Trend abnehmender Fehlpunkte (zunehmende Genauigkeit) im Laufe der Zeit. Dieser Trend steht im Einklang mit einer unabhängigen Stockfish-Analyse auf Tiefe 20 und mit anderen früheren Studien sowie der allgemeinen Einschätzung führender Großmeister.


Bis zum Match 1921 lag der Durchschnitt der Spieler bei mehr als einem verpassten Punkt pro Spiel, was bedeutet, dass ihre Fehler sich zu mehr als einem bedeutenden Fehler pro Spiel summierten. Im Laufe der Jahre sind die durchschnittlich verpassten Punkte deutlich zurückgegangen.




Schon vor den Schachprogrammen lernten Schachspieler von der vorherigen Generation und die Eröffnungen verbesserten sich. Infolgedessen hat sich die Gesamtgenauigkeit erhöht. Auch Schachprogramme haben zu dieser Steigerung beigetragen.

Mehmet Ismail im Dezember 2024.


Beim Schach geht es Ismail zufolge jedoch nicht nur um Präzision, sondern auch darum, kalkulierte Risiken einzugehen. Hierfür hat der Datenexperte den Game Intelligence (GI)-Score entwickelt, der einen Kompromiss zwischen dem Spielen der Hauptvariante und dem Abweichen davon zum Eingehen von gezielten Risiken erfasst. Um die GI-Werte der Spieler zu messen, hat Ismail mehr als eine Milliarde Schachzüge analysiert. Über eine Million dieser Züge wurden von den weltbesten Schachgroßmeistern ausgeführt. Der durchschnittliche menschliche GI-Wert ist auf 100 standardisiert, mit einer Standardabweichung von 15. Dies bedeutet, dass 68 Prozent der Schachspieler einen GI-Wert zwischen 85 und 115 aufweisen.


PlayerGI scoreMissed pointsTPRGames
Magnus Carlsen160,10,44284856
Viswanathan Anand158,70,43279088
Vladimir Kramnik157,20,54280365
Garry Kasparov157,20,542725197
Veselin Topalov156,40,52273623
Liren Ding156,40,56278926
Anatoly Karpov155,70,612725194
Jose Raul Capablanca153,60,7248
Robert James Fischer153,10,87274920
Tigran V Petrosian150,60,8969

In dieser Tabelle von Mehmet Ismail (Stand: 2024, 12 Partien in Singapur gespielt) sind die Ergebnisse der Weltmeister bei Partien in Schachweltmeisterschaften aufgeführt.


Wie man die Daten interpretieren sollte

Wie die Tabelle zeigt, ist Viswanathan Anand mit einer durchschnittlichen Punktzahl von 0,43 pro Partie der Spieler mit der höchsten Genauigkeit. Magnus Carlsen sticht jedoch mit dem höchsten GI-Wert von 160 heraus, was darauf hindeutet, dass Carlsens Spielstil, der nicht immer dem besten Zug des Computers folgt, dazu neigt, seinen Gegnern im Vergleich zu anderen Spielern mehr Fehler zu entlocken.


WM Match Singapur zwischen Ding Liren und Gukesh

Beide Spieler haben laut der Top-Schachengine Stockfish während des Matches in den ersten 12 Partien auf identischem Niveau gespielt, obwohl es vier entscheidende Partien gab. Ihre durchschnittlichen Fehlpunkte pro Partie lagen bei lediglich 0,4. Das deutet laut Mehmet Ismail darauf hin, dass die Fehler während der Partien insgesamt weniger als einen schwerwiegenden Fehler pro Partie ausmachten. Dieses hohe Maß an Genauigkeit macht das Match zum zweitgenauesten Weltmeisterschaftsmatch der Geschichte, das nur von der legendären Begegnung zwischen Garry Kasparov und Viswanathan Anand im Jahr 1995 übertroffen wird.


Ich kann nicht wirklich glauben, dass es das bisher genaueste Spiel ist.

Herausforderer Gukesh nach der siebten Partie

Vielleicht vor diesem Spiel.

Weltmeister Ding Liren nach der siebten Partie.


Mehmet Ismail

Ich möchte drei kritische Stellungen aus der 11. Partie ansprechen, die entweder kurz vor einem Fehler stehen oder bei denen die Spieler sehr lange (mehr als 15 Minuten) zum Rechnen brauchen.

Zum Beispiel spielte Ding in dem ersten Diagramm in dieser Stellung den Damenzug nach c8. Dies führte zu einem verpassten Punkt von 0,4, was bedeutet, dass Ding, wie oben definiert, von einer fast objektiv ausgeglichenen Stellung in eine Verluststellung geriet. Beachten Sie die Logik, dass 0,5 verpasste Punkte bedeuten, dass man von einer ausgeglichenen zu einer Verluststellung übergeht.

In dem zweiten Diagramm ist die Stellung abgebildet kurz bevor Gukesh laut Engine einen Fehler begeht, indem er Tdb1 zieht. Dies ergibt 0,34 verpasste Punkte, da Weiß zwar einen bedeutenden Vorteil verliert, aber immer noch besser steht. Es handelt sich also um eine geringere verpasste Chance als bei Dings Fehler.

Im dritten Diagramm ist die Stellung vor dem Fehler mit dem Bauernzug auf e7-e6 dargestellt, der mit 0,44 verpassten Punkten erheblich ist.“


Über die Grenzen von Datenanalysen

Was die Analyse der Spielqualität im Schach betrifft, so glaubt Mehmet Ismail, dass nan versuchen sollte, die Qualität des Spiels so genau wie möglich zu messen, denn obwohl Engines viel stärker sind als Menschen, können Standardmethoden wie der Verlust von Hundertstelbauern oder die Genauigkeitsrate zu irreführenden Ergebnissen führen. Zweitens sei die Analyse der Zugqualität zwar nützlich, aber man sollte ihre Grenzen anerkennen.

Ein Beispiel dazu: Ein perfektes Spiel zu spielen und zu gewinnen ist etwas ganz anderes als ein perfektes Spiel zu spielen und ein Unentschieden zu erzielen; in beiden Fällen mag das Spiel perfekt sein, aber im ersten Fall macht der Gegner einen Fehler und im zweiten Fall nicht. Der GI-Score zielt darauf ab, die Unterschiede zwischen den beiden unterschiedlichen Spielsituationen zu erfassen. Es gibt laut Ismail noch viel mehr Möglichkeiten, Schachstatistiken aus menschlicher Sicht verständlicher und interpretierbarer zu machen.


Verwendete Definitionen und Methoden

Verpasste Punkte

Die Werte sind durchschnittliche verpasste Punkte pro Partie. 1,00 und 0,50 verpasste Punkte sind gleichbedeutend mit einem spielverlierenden Fehler in einer Gewinn- bzw. Remisstellung. Im Gegensatz dazu bedeuten 0 verpasste Punkte ein perfektes Spiel. Verpasste Punkte messen die Punkte, die ein Spieler in einem Spiel gemäß der Engine verpasst. Jeder Fehlzug wird anhand der Gewinn-Unentschieden-Verlust-Wahrscheinlichkeit des obersten Engine-Zugs und des tatsächlichen Zugs berechnet.

Wenn man beispielsweise in einer Gewinnstellung einen Fehler macht, der zur Niederlage führt, ist das 1 verpasster Punkt, während ein Fehler in einer Remisstellung 0,5 verpasste Punkte bedeutet. 0 verpasste Punkte bedeutet perfektes Spiel.

Was ist mit Spielintelligenz (GI) gemeint?

Der GI-Wert kombiniert die menschliche Leistung mit der Engine-Analyse und misst die Fähigkeit der Spieler, strategische Risiken einzugehen. Die GI-Punktzahl steigt, wenn man mehr Punkte gewinnt und gegen stärkere Gegner punktet, aber sie sinkt bei Fehlern. Der durchschnittliche GI-Wert eines Schachspielers liegt bei 100. Etwa 68 Prozent der Spieler haben einen GI-Wert zwischen 85 und 115. Die Gewinner von Superturnieren erreichen in der Regel einen GI-Wert von 160 oder mehr.

Methodenhinweise


Jeder Fehler wird anhand der Gewinn-Remis-Verlust-Wahrscheinlichkeit des besten Engine-Zuges und des tatsächlichen Zuges des Spielers berechnet. Mit diesem Verfahren ist es möglich, Probleme bei der Interpretation zu vermeiden, die mit den weit verbreiteten durchschnittlichen Bauernverlust-Metriken einhergehen. Für die Engine bedeutet eine Änderung der Bewertung von +9,0 auf +7,0 oder von +2,0 auf 0,0 einen Verlust von zwei Bauerneinheiten; aus menschlicher und praktischer Sicht gibt es jedoch einen großen Unterschied zwischen den beiden Änderungen. Aus diesem Grund liefert die Arithmetik, z. B. das Addieren und Bilden des Durchschnitts von Verlusten in Hundertstelbauern, aus menschlicher Sicht im Allgemeinen keine aussagekräftigen Ergebnisse.

Ebenso sind Ergebnisse mit prozentualer Genauigkeit möglicherweise nicht intuitiv. Beispielsweise hatten die Spieler im aktuellen WCC sowohl in Partie 2 als auch in Partie 7 eine Genauigkeit von etwa 96 %. Allerdings hatten die Spieler in Partie 2 0,07 Punkte, was ein nahezu perfektes Spiel bedeutet, während sie in Partie 7 1,00 Punkte verfehlten, was einem spielentscheidenden Fehler in einer Gewinnstellung entspricht. Spiel 7 war zwar ein ganz anderes Remis als Spiel 2, da Spiel 7 sehr lange dauerte, was jedoch den Genauigkeitswert verzerrt.

Mehmet Ismail berücksichtigt für seine Analysen alle Züge in einer Partie, beginnend mit dem ersten Zug. Er verzichtet auf das Herausnehmen von Eröffnungszügen. Das begründet Ismail so: Ihm sei erstens kein zuverlässiger Datensatz bekannt, der die ersten Züge außerhalb des Buches enthält, und zweitens würde es ohnehin wenig ändern, da verpasste Punkte eine Statistik auf Spielebene sind (sie wird nicht durch die Zuganzahl geteilt).


Über Mehmet Ismail

Mehmet Ismail ist Dozent für Wirtschaftswissenschaften an der Abteilung für politische Ökonomie des King’s College London. Zu seinem akademischen Hintergrund gehört seine Promotion in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Maastricht. Mehmet hat außerdem einen Master in angewandter Mathematik von der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne und verbrachte ein Semester an der Universität Bielefeld im Rahmen des Erasmus Mundus QEM-Programms.

Neben seiner akademischen Tätigkeit ist Mehmet ein leidenschaftlicher Schachliebhaber und ehemaliger professioneller Backgammon-Spieler. Seine Leidenschaft für Spiele geht weit über das bloße Spielen hinaus; er ist fasziniert von der facettenreichen Welt der Spiele und erforscht alles von theoretischen Grundlagen und praktischen Anwendungen bis hin zu Spieldesign, Fairness und dem Spiel selbst. Mehmet ist für Norway Chess als Experte für Spieltheorie im Einsatz.

Interessierte Leser können auf GitHub weitere Informationen und Details der Analysen von Mehmet Ismail finden.




Dieser Chart von Mehmet Ismail zeigt den

Foto: Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess)

Von Thorsten Cmiel

Heute gab es einige offene Fragen: Wie wird Ding Liren zu gewinnen versuchen? Wird er seinen e-Bauern ins Rennen schicken? Oder bleibt der chinesische Weltmeister bei seiner bisherigen Strategie des ruhigen Abwartens? Immerhin hatte Ding die zwölfte Partie gegen Ian Nepomniachtchi vor etwas mehr als einem Jahr ebenfalls gewonnen. Das kann ihm Hoffnung geben heute.

Ding erscheint wie jeden Tag zuerst und wird begleitet von seiner Mutter. Die Livebilder aus dem Ruheraum zeigen in der Folge die üblichen Chillingbilder des Weltmeisters. Der scheint die Einsamkeit zu suchen und ist zu sehen wie er an der halboffenen Tür steht. Dann schwenkt die AI gesteuerte Kamera etwas um. Gukesh zieht an seinem Kontrahenten strammen Schrittes vorbei und marschiert als Erster in den Cube, das Glashaus in dem gespielt wird. Dort verkündet wie jeden Tag der Zeremonienmeister Maurice Ashley seinen Spruch und ruft zuerst den Herausforderer Gukesh aus. Applaus. Als Ashley den Weltmeister Ding Liren vorstellt gibt es genauso viel Applaus, meine ich wahrzunehmen. Ich meine heute mehr Besucher im Foyer gesehen zu haben und vor allem Inder. Die Vorstellung des Ehrengastes lassen die Spieler über sich ergehen. Dann beginnt die Partie.


Ding Liren spielt erneut ein geschlossenes System und startet mit seinem c-Bauern. Gukesh wählt in der Folge eine prinzipielle Spielweise und verzichtet auf frühes Aufziehen seinen c-Bauern nach c5 wie sein Gegner am Vortag. Es entsteht ein Benoni-Stellungstypus. Beide Spieler werden diesen Stellungstyp sehr genau kennen, so meine Erwartung. Ich hatte die schwarze Stellung so ähnlich bei mehreren indischen Frauen bei der Schacholympiade beobachtet. Vielleicht gibt es sogar gemeinsame Analysen des indischen Teams. Der erste Eindruck bleibt wie in den letzten Tagen. Ding spielt verhalten. Aber vielleicht ist das heute eine gute Strategie. Zumal der Herausforderer bisher einige positionelle Schwächen gezeigt zu haben scheint.


Eine bemerkenswerte Folge von Randbauernzügen folgte hier. Zunächst zog hier Gukesh seinen Randbauern am Königsflügel nach h6. Ding reagierte mit seinem a-Bauern, den er ein Feld vorschob und Raumgewinn drohte durch Vormarsch mit seinem b-Bauern. Gukesh verhinderte das mit seinem eigenen a-Bauern, den er diesmal zwei Felder vorschob. Darauf antwortete Ding mit seinem h-Bauern. Die resultierende Stellung sieht kurze Zeit später nicht sonderlich anders aus. Beide Spieler scheinen sich in dieser Phase zu belauern.


Der Weltmeister hat eine Stellung erreicht in der bisher nur ein Bauernpaar verschwunden ist. Während sich die Kommentatoren hier ständig mit dem Zug d3-d4 beschäftigen und keinen weißen Vorteil entdecken können, habe ich den Verdacht, dass Ding heute seinen Gegner in einen positionellen Kampf verwickeln will und dort seine größere Erfahrung ausspielen möchte. Es mag für manche so aussehen als habe Ding sich aufgegeben und würde nicht alles versuchen. Diese Sicht auf die Geschehnisse wäre zu einfach. Die Zuschauer können heute eine heiße Phase um Zug dreißig herum erwarten.


Die Strategie des Weltmeisters ist aufgegangen. Er ist der Spieler, der entscheidet wann er die Stellung öffnen möchte. Viel mehr kann man sich kaum erhoffen nach einer derart ruhigen Eröffnung. Im nächsten Zug war hier ein Damenzug zu erwarten, um den Bauernzug des d-Bauern zu einer potentiellen Option zu machen.

Anish Giri kommentiert die Situation mit etwas zu viel Gehirnakrobatik, aber kommt zu einer ähnlichen Bewertung:

Es kann einen Spieler aus dem Gleichgewicht bringen, das Gleichgewicht wiederzuerlangen. Normalerweise würde er vielleicht nicht denken, dass er besser steht, aber jetzt denkt er, dass er gewinnen muss, also spielt er so, als ob er besser stünde, und er ist besser, also funktioniert das alles sehr gut für ihn. Er chillt!


(Eventualstellung) Der kritische Moment. Diese Stellung war nicht auf dem Brett, denn Gukesh hat seinen Springer im siebzehnten Zug nicht nach c5 gezogen. Das wäre aber die letzte Chance auf etwas Hoffnung gewesen. Beide Spieler gaben später in der Pressekonferenz an, dass sie die Variante nach der weiteren Folge 18.d4 Sd3 19.d5 berechnet hatten. Ding gab hier noch etwas längere Varianten an und wollte eine Stellung mit einer Qualität weniger (eine Leichtfigur für einen Turm) spielen.


(Eventualstellung) Das war die Zielstellung des Weltmeisters nach dem kritischen Zug (17…Sc5) und diese hielt er richtigerweise für chancenreicher für sich. Dennoch sollte Gukesh genau so spielen, denn in der Partie wurde der Inder erdrückt und blieb letztlich völlig chancenlos. Das weiß man natürlich hinterher besser. Dennoch diese Situation war bezeichnend für den Verlauf der gesamten Partie an diesem Tag. Gukesh war komplett ratlos und dann gelingt wenig.


Bisher sind die Spieler praktisch ohne direkten Feindkontakt ausgekommen. Die weiße Stellung sieht nicht nur überlegen aus, sie ist es auch. Weiß beherrscht das Zentrum und bestimmt weiter das Geschehen. Es sieht so aus als würde Ding heute den Kampf ausgleichen können. Schaut man auf die verbliebene Bedenkzeit bis zum vierzigsten Zug, dann wird deutlich, dass die indischen Fans heute wie ein Häuflein Elend traurig nach Hause gehen könnten. Für die objektiven Fans ist Hoffnung. Ding spielte hier erneut eine kurzzügigen Damenzug, diesmal von c2 nach c3. Im 20. Zug hatte Ding seine Dame von d2 nach c3 und im einundzwanzigsten Zug von c3 nach c2 gezogen. Ich erwäge in Zukunft solche subtilen Manöver als Ding-Züge zu bezeichnen.

Wie soll man es formulieren? 
Der Rest war eine Demonstration, ein Massaker würden andere vielleicht formulieren. Die weiteren Züge zu kommentieren halte ich für eine verbale Leichenfledderei einer Schachpartie und schließe mit dem Hinweis auf das unweigerliche Ende in dieser Partie. Ding gewinnt gegen den heute ratlosen Gukesh.

Mein Take zur Situation nach Runde 12

Ding Liren hat in der zwölften Partie die vermutlich beste Partie in einem Weltmeisterschaftskampf des letzten Jahrzehnts gespielt. Das passierte nach einer im Verlauf unglücklichen Niederlage in der Runde zuvor. Das Konzept des Weltmeisters in der zwölften Partie war subtil angelegt und verfolgte eine einfache Strategie – er wollte den Gegner in einen positionellen Wettkampf ohne taktische Eskapaden verwickeln. Das gelang perfekt an diesem Tag. Das Spiel des 17. Weltmeisters der Schachgeschichte erinnert an die Spielweise des zwölften Weltmeisters, Anatoly Karpov, der zu seinen besten Zeiten ähnliche Leistungen vollbrachte. Die kurzen Damenzüge von Ding waren in diesem Sinne verstanden „karpovian“.

Der Wettkampf steht nach zwölf Partien unentschieden sechs zu sechs und ist damit offen. Der indische Herausforderer Gukesh hat wie in Toronto eine Ruhetag um sich zu sammeln und von dieser krachenden Niederlage zu erholen. Beim Kandidatenturnier im Frühjahr verlor der Inder in der siebten Runde gegen Alireza Firouzja und kam stärker zurück. Das könnte dem Team des Herausforderers Hoffnung geben.

Auf die zwei verbliebenen Partien darf sich die Schachwelt freuen und ich erwarte einen offenen Kampf um die Weltmeisterschaft 2024.

Nach der Pressekonferenz gab es ein Geschenk für Ding.


Mit einer Bemerkung in einer frühen Pressekonferenz begann eine eine bemerkenswerte Symbiose sich selbständig zu machen und führt beispielsweise zu solchen grandiosen Videos.

Chilling like Ding.


Foto: Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess) Von Thorsten

Foto: Eng Chin An

Von Thorsten Cmiel

Die elfte Partie dürfte historisch sein für die Schachgeschichte. Der Inder Gukesh übernimmt im Match um die Schachkrone erstmals die Führung. Den Weltmeister Ding Liren bereits abzuschreiben wäre jedoch zu früh. In Astana war es dem Chinesen mehrfach gelungen sich neu zu erfinden. Aber die Zeit drängt drei Runden vor Schluss.

Die Spieler haben inzwischen Routine bei ihrem Einzug in die Spielzone. Erneut lassen sich Lirens zwei Sekundanten, Richard Rapport und Ni Hua, im Foyer der Spielarena sehen. Heute führen die Großmeister Hou Yifan und Eugenio Torre die ersten Züge aus. Die elfte Partie beginnt mit einem Paukenschlag in der Eröffnung, Ding Liren wird offenkundig auf dem falschen Fuß erwischt. Die wichtigsten Momente.

Alle Fotos von Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess)


Der 18-jährige Inder Gukesh setzt Ding direkt von Beginn an unter Druck. Der Weltmeister ist offensichtlich nicht auf das Blumenfeld-Gambit mit vertauschten Farben vorbereitet und investiert an dieser Stelle 38 Minuten seiner 120 Minuten für die ersten 40 Züge. Man fragt sich warum der Chinese im zweiten Zug nicht seinen e-Bauern nach e6 vorgeschoben hat, um eine solide Damengambit-Stellung anzustreben. Im Nachhinein kann man diese Entscheidung in der Tat diskutieren, gibt Ding später zu.

Es war eine sehr schwierige Partie für mich. Schon im vierten Zug war ich mir nicht sicher, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Ich erinnerte mich an eine Partie, die ich in einem Schnellturnier gegen Großmeister Adhiban gespielt hatte, aber ich konnte mich nicht an die anderen Züge erinnern. Ich habe 40 Minuten damit verbracht, irgendwelche unsinnigen Varianten zu berechnen.


Dem Weltmeister bleibt eine Bedenkzeit von 51 für seine verbliebenen 32 Züge und der Herausforderer hat bisher noch keine Minute seiner Bedenkzeit verbraucht. Allerdings sollte sich der Inder hier etwas mehr Zeit für seine Entscheidung nehmen. Mit dem Zug 9.c4-c5 stand ihm ein starker Zug zur Verfügung, um schnell auf b5 ein Schach mit dem Läufer folgen zu lassen und danach mit der kurzen Rochade fortzusetzen. Gukesh unterläuft hier also ein spieltaktischer Fehler, der vielen Schachspielern in ähnlichen Situationen bereits unterlaufen ist. Der Inder zieht zu schnell nach guter Vorbereitung und findet nicht in die Partie. Stattdessen sollte er sich erstmal tiefer in die Stellung eingraben. Zeit genug hatte er. Gukesh zog nach fünfeinhalb Minuten den Bauern nach d3. Leontxo Garcia, Schachjournalist von El Pais meinte dazu m. E. treffend, dass Kasparow keine Minute für den Zug 9.c4-c5 benötigt hätte.


Erfahrenen Spielern solcher Strukturen, wie sie aus dem Wolga- oder dem Blumenfeld-Gambit entstehen, ist intuitiv bekannt, dass man den Bauern auf a5 herausnehmen sollte, da b4-b5 ein positioneller Fehler ist. Schwarz bekommt das Feld c5 als Operationsbasis für seine Figuren. Gukesh spielte den Vormarsch mit dem b-Bauern nach 25 Sekunden, um nach der sofortigen Antwort seines Gegners, der zog seinen Springer von b8 nach d7, eine längere Denkpause einzulegen. Gukesh nahm sich eine Auszeit von einer vollen Stunde und fand immerhin die beste Aufstellung, er stand allerdings hier bereits leicht schlechter, statt komfortabel besser zwei Züge zuvor Das Geschehen auf der Uhr war ein wesentlicher Faktor in dieser Partie. Später gab Gukesh zu, dass er die Stellung ruiniert hatte und für längere Zeit gefühlt ums Überleben kämpfte, was objektiv bis zum 15. Zug stimmte.

Beide Spieler waren früh durch eine Krise gegangen und erneut schien es als habe der Chinese das bessere Ende für sich. Tatsächlich war die Sache nicht ganz einfach. Eine entscheidende Weggabelung erfolgte im 15. Zug. Hätte hier der Chinese sein Läufer nach d6 zu entwickeln versucht und mit 15…e6 begonnen, wäre die Verteidigung für Gukesh massiv erschwert gewesen.


Der Chinese entscheidet sich dafür, seinen Läufer nach g7 oder nach Vorbereitung sogar nach h6 zu entwickeln. Später nannte der Weltmeister das eine dumme Entscheidung. In der Tat, objektiv betrachtet sah die ganze Welt per Rechnerhilfe, dass Gukesh sehr schlecht gestanden hätte. In Schachbegriffen ausgedrückt wäre Schwarz im Vorteil gewesen. Für die Spieler fühlte sich die Situation lange Zeit anders an und das ist entscheidend für eine praktische Partie. Während Gukesh in der Folge immer noch um den Ausgleich kämpfte schätzte Ding Liren seine Stellung schon als deutlich schlechter für sich ein und verlor möglicherweise im weiteren Verlauf zu früh die Hoffnung.


In dieser Situation zieht Gukesh sehr stark seinen Bauern von a3 nach a4 vor. Seine Idee ist es, den starken Springer auf c5 wegzuschlagen und damit eine der stärksten gegnerischen Figuren zu eliminieren. Hiernach spürte der Herausforderer aus Indien erstmals Aufwind, auch wenn er sich wie sein Gegner über die Stellungseinschätzung längst nicht im Klaren war.

Ich habe nur versucht, einen Zug nach dem anderen zu machen und nicht sofort zu verlieren. Dann fand ich diesen Zug a4, der mir eine sehr wichtige Ressource gibt. (…) Danach habe ich gemerkt, dass ich nicht verliere, sah, dass ich einige Chancen hatte, und habe dann plötzlich die Partie gewonnen.

Gukesh in der Pressekonferenz nach der Partie.


Dieser Zug überdeckt prophylaktisch die Bauern b7 und e7. Prophylaktische Züge sind im Schach Züge, die Drohungen des Gegners vorwegnehmen sollen und gleichzeitig die eigene Figurenaufstellung verbessern. Drohungen sind hier jedoch gar nicht existent, da der Bauer auf b7 gar nicht angreifbar ist, vorerst. Umgangssprachlich könnte man formulieren, dass der Weltmeister hier Gespenster gesehen hat. In dieser Stellung war es richtig die Entwicklung einfach mit der Rochade abzuschließen und dann auf die Aktivitäten des Gegners zu reagieren.


Ding Liren dachte seine Stellung sei schon fast verloren. In solchen Momenten unterlaufen Schachspielern gelegentlich Flüchtigkeitsfehler und sie lassen nach in dem eigenen Bemühen sich bestens zu verteidigen. Es mag sein, dass eine solche Mischung zu der Nachlässigkeit des Chinesen führte. Der zog hier jedenfalls seinen e-Bauern von e7 nach e6. Stattdessen konnte der Weltmeister hier seinen Turm nach d6 ziehen und nach dem Springerzug nach c5 mit seinem Springer via a7 den gegnerischen Turm attackieren und auf b7 die Türme tauschen. Der Springer steht dann zwar auf b7 ungefährdet, findet aber nicht so recht zurück ins Spiel. Schwarz gelingt es danach genügend Gegenspiel zu entfalten.


Hier kam es zu einem Schockmoment. Gukesh hatte zuletzt in beiderseitig heraufziehender Zeitnot nicht den genauesten Weg zum Vorteil gefunden. In dieser Stellung musste der Chinese seinen Springer nach b4 ziehen und die b-Linie plombieren. Stattdessen folgte ein grober Fehler, der an ein ähnliches Ereignis zwischen Magnus Carlsen und Ding Liren einige Monate zuvor erinnerte. Ding zog seine Dame von c7 nach c8. Gukesh begriff sofort was passiert ist, beugt sich nach vorne und schlägt den Springer auf c6. Diesen kann Ding nicht zurück schlagen, da entweder der Turm auf b8 sofort hängt oder nach dem Damentausch als Intermezzo auf c6.

Sieg Gukesh. Sieg Indien.


Gukesh, Gukesh, Gukesh

Nicht nur im Studio von Chessbase India in Mumbai brandet tosender Jubel auf und die Halle tobt. Direkt nach der Aufgabe jubeln in Singapur ebenfalls einige Dutzend Fans des Inders im Foyer des Equarius Hotels. Der Inder wird sich später für die Unterstützung bedanken und sagt die indischen Fans seien die Besten. Ob der Junge weiß, dass er auch andernorts viele Fans hat. Wir sehen einen globalen Sportsuperstar in the making.

Dieses Foto von Eng Chin An (FIDE Chess) entstand im Presseraum in gelockerter Atmosphäre..


Indische Show von Chessbase India

So wird Schach gefeiert und Chessbase India dokumentiert es.

Pressekonferenz

Die Veranstaltung ist zweigeteilt an diesem Tag. Zunächst erhält der Weltmeister die Möglichkeit Antworten zu geben und dann kommt ein gesonderter Teil für Gukesh. Das ist ein sensibler Umgang mit dem Weltmeister, der in der Nacht eine Niederlage verdauen muss und am Folgetag die zwölfte Partie zu bewältigen hat.


Hier ist der Button zum Download (Beispiel)

Foto: Eng Chin An Von Thorsten Cmiel Die elfte

Das Foto zeigt Abhinav in der Mitte: Michal Walusza (FIDE Chess) in Toronto 2024.

Abhinav Suresh ist ein begeisterter Schachspieler aus den USA und Teilzeitjournalist. Abhinav spricht über das wachsende Interesse der Amerikaner am Schachspiel, das vor allem auf prominente Spieler wie Fabiano Caruana, Hikaru Nakamura und Hans Niemann zurückzuführen ist. Obwohl er indischer Abstammung ist, aber in den USA geboren und aufgewachsen ist, hat er eine ausgewogene Meinung zur Unterstützung jüngerer Schachtalente wie Gukesh und erkennt gleichzeitig das potenzielle weltweite Interesse an, das Gukesh bei einem Erfolg zuteil werden könnte.

Wer bist du?

Ich bin Abhinav Suresh von US Chess.

Du bist extra herübergekommen? Es gibt keinen amerikanischen Spieler hier.

Das stimmt. Aber die Amerikaner beginnen sich immer mehr für Schach zu interessieren, mit all diesen Top-Großmeistern. Natürlich gibt es Fabiano und Hikaru, die schon seit Jahren dabei sind, aber Amerika hat sich immer auf den Import sehr guter Schachspieler konzentriert. So haben wir vor kurzem Levon und vor etwa einem Jahrzehnt Wesley bekommen. Das Interesse ist also wirklich explodiert, zum einen durch das Damengambit. Und zweitens, nach Hans Niemann, einem berühmten Amerikaner, der jetzt wohl der drittberühmteste Schachspieler hinter Fabiano und Hikaru ist, ist er wirklich sehr interessant, besonders für Teenager, die immer unser wichtigstes Kapital waren, um großartige Schachländer zu werden.

Ich kenne dich als sehr schachbegeistert. Wie kommt das? Bist du Spieler oder Journalist?

Ich bin in erster Linie Spieler, aber ich helfe US Chess mit Journalismus aus, weil es eine sehr, sehr lange Reise von den USA nach Singapur ist und es für viele andere schwierig ist, zu kommen. Ich wollte sowieso in den Urlaub fahren. Ich bin nicht Vollzeit für US Chess tätig. Eher als Freiwilliger. Ich arbeite im Finanzdienstleistungssektor, aber ich war schon immer Spieler. Etwa 2000 USCF, aber während meiner Studienzeit und meiner frühen Karriere, von etwa 2016 bis 2022, habe ich nicht so viel gespielt und bin erst vor kurzem wieder eingestiegen. Ich habe mir einen Trainer genommen, angefangen, Rating zu gewinnen, und ich hoffe, in den nächsten zwei bis drei Jahren Nationaler Meister oder 2200 USCF zu erreichen, im Idealfall.

Kommst du ursprünglich aus Asien?

Meine Eltern kommen aus Indien. Geboren wurde ich in den Vereinigten Staaten. Als ich ein sehr kleines Kind war, lebte ich etwa 14 bis 16 Monate lang in Indien, als ich vielleicht zwei bis drei Jahre alt war. Aber seitdem habe ich mein ganzes Leben in Amerika verbracht.

Ich weiß, dass es für einen Journalisten eine heikle Frage ist, da ich selbst einer bin: Fieberst du mit Gukesh mit?

Das ist schwer zu sagen. Lustigerweise bin ich vom Alter her näher an Ding dran als an Gukesh. Dabei bin ich erst 26 Jahre alt. Ding ist 31. Ich habe also ein bisschen das Gefühl, dass ich die ältere Generation unterstützen sollte, aber ich glaube, dass Gukesh besser für das Schachspiel ist. Wenn er gewinnt, wird es in Indien eine Milliarde Menschen geben, die vor Interesse explodieren werden. Gukesh wäre ein großartiger Botschafter für das Schachspiel. Ich habe alle Liebe der Welt für Ding. Ich denke, er ist ein großartiger Spieler und ein sehr verdienter Weltmeister. Das haben wir letztes Jahr gesehen und auch in diesem WM-Match, in dem er sehr gut gespielt hat. Aber ich denke, dass Gukesh jung ist. Er wird noch viel, viel länger dabei sein, mindestens ein Jahrzehnt oder anderthalb Jahrzehnte und länger als Ding auf den höchsten Ebenen. Die historischen Auswirkungen eines Sieges von jemandem wie ihm könnten unglaublich sein. Falls Gukesh gewinnt, wird Indien als Schachland explodieren. Auch viele junge Inder in Amerika werden sich mehr dafür interessieren. Ich denke, dass auch Amerikaner mit vielen kleinen Kindern Interesse zeigen. Allein die Tatsache, dass jemand jung ist, wird das Spiel explodieren lassen, unabhängig von der Nationalität. Und das ist es, was Schach meiner Meinung nach braucht.

Wie hat dir die Organisation hier in Singapur aus professioneller Sicht gefallen?

Ich denke, dass die Veranstaltung ziemlich gut organisiert ist. Ich wünschte, wir Journalisten hätten mehr Auswahl beim Essen gehabt, denn Toronto hat da den Ton angegeben, was großartig war. Das vermisse ich ein wenig, aber die Atmosphäre ist unglaublich. Man sieht hier so viele Menschen. Ich habe nur an einer anderen Weltmeisterschaft teilgenommen, nämlich in Dubai, und dort waren nicht so viele Zuschauer, vor allem nach drei bis vier Stunden sah man vielleicht 20, 30 Leute, aber hier sind es Hunderte. Und das liegt zum Teil daran, dass viele junge Chinesen und Inder hier sind, die direkt im Hinterhof von Singapur wohnen, es ist ein sehr kurzer Flug. Dubai war für Europäer oder vor allem Amerikaner nicht so leicht zu erreichen. Aber hier sieht man viel Interesse. Es ist ganz offensichtlich, dass das Interesse am Spiel in naher Zukunft nicht nachlassen wird. Es wird nur noch steigen. Das ist meine persönliche Meinung.

Was hältst du von dem Spielareal und der Fanzone?

Es ist großartig. Man sieht viel mehr Schachbretter, woran es meiner Meinung nach in Dubai fehlte. Dort gab es nur zwei bis drei Bretter. Hier gibt es 15 bis 20. Viele Spieler können gegeneinander antreten. Die erste Veranstaltung, die ich als Journalist besuchte, war 2022 in Madrid, was genau richtig war, da ich gerade wieder mit dem Schachspielen anfing. Dieses Turnier, dieses Kandidatenturnier, war etwas weniger aufregend als 2024 in Toronto, weil Ian quasi davonlief und ein klarer Sieger war. Diese Dominanz inspirierte mich dazu wieder ins Spiel einzusteigen. Also nahm ich mir einen Trainer, wurde besser und gewann etwa 100 bis 150 USCF-Punkte, was mich persönlich sehr motivierte. Das ist etwas, das ich hoffentlich fortsetzen kann. Und jedes Mal, wenn ich eines dieser großen Turniere besuche, weiß ich, dass ich immer mehr Schach spielen möchte. Meine Liebe wird immer größer.

Vielen Dank und einen guten Rückflug in die USA.

Abhinav musste während der elften Partie abreisen und verfolgte den Rest der Partie am Flughaften Changi in Singapur. Das Ergebnis kannte er zum Zeitpunkt des Gespräches nicht.


Das Kurzinterview führte Thorsten Cmiel

Das Foto zeigt Abhinav in der Mitte:

Foto: Eng Chin An

Von Thorsten Cmiel

Weder Gukesh noch Ding Liren sind in dieser Phase des Matches bereit größere Risiken einzugehen. Die Partie endet nach präzisem Spiel beider Kontrahenten mit Remis. In der medialen Aufmerksamkeitsweltblase der Streamer, Youtuber und anderer Sternchen gibt es Kritik. Diesmal, weil nicht genug los ist in Singapur. Die Spieler dürfte das nicht interessieren. Sie wollen Schachweltmeister werden.

Ding erscheint genau zehn Minuten vor Beginn der Partie. Er hat gelernt immer zuerst im Spielsaal einzutreffen, gibt er später zu Protokoll. Diesmal ist er in Begleitung zweier Sekundanten. Neben Richard Rapport ist der chinesische Großmeister Ni Hua diesmal dabei. Nach dem Eintreffen in der Spielerzone folgt der tägliche Scanvorgang einer darauf spezialisierten Fachkraft. Die Wartezeit verbrachte der Weltmeister einige Minuten meditierend im Sonnenschein so wird berichtet und auch stille bewegte Bilder davon werden übertragen. Kurz drauf verlässt der Herausforderer Gukesh mit seinem Vater und seinem Cheftrainer Grzegorz Gajewski den Aufzug. Die Fotografin Maria Emelianova wartet jeden Tag, um die Szenerie einzufangen. Gajewski ist nicht immer dabei. Vielleicht ist es Zufall oder die Spannung steigt auch in den Teams, aber zwei Begleiter hatten die Spieler nur selten dabei.

Maurice Ashley, im Hauptberuf Schachgroßmeister und Boxansager verliest die lange Liste der Errungenschaften des Ehrengastes, dem Vorsitzenden des Sport in Singapur. Der führt den ersten Zug aus. Die Spieler und die Zuschauer interessiert das wenig. Da ist es kein Problem, dass heute die Übertragung der Ansage in den Zuschauerraum ausfällt. Etwas hört man doch und als die Namen der Spieler aufgerufen werden, gibt es Beifall. Immerhin.


Gukesh sitzt zu Beginn der Partie erneut vorgebeugt am Brett. Auf diesem ist scheinbar nicht viel los. Beide Spieler rochieren früh kurz. Strategisch betrachtet muss Schwarz zum Ausgleich nur noch sein verbliebenes Problem mit dem weißfeldrigen Läufer lösen. Es entsteht zunächst eine Art Tempokampf. Denkt man, dann nimmt Gukesh auf c4 und die Stellung bekommt den Charakter eines angenommenen Damengambits. So hatte Gukesh in der letzten Runde beim Kandidatenturnier in Toronto gegen Hikaru Nakamura ein solides Remis erzielt. Die Lage heute ist jedoch etwas anders.


Ist. 10…a6 ein guter Zug an dieser Stelle? Oder wie soll Schwarz das verbliebene Problem seines weißfeldrigen Läufer lösen? Beide Spieler sitzen mit dem Oberkörper vorgebeugt. Die Spannung ist zu spüren. Gukesh stützt seinen Kopf auf die rechte Hand. Ding hat die Hände zusammengefaltet und legt den Kopf in die aufgestützten Arme. Die Partie ist 23 Minuten im Gange und der der Chinese verlässt den Raum. Er geht Chillen, wie es neuerdings heißt. Entweder er ist überrascht vom Zögern seines Gegners an dieser Stelle oder er will einfach seinem Gegner nicht beim Grübeln zuschauen. Dabei ist es interessant den Herausforderer zu beobachten. Gukesh wechselt die Denkerpose, immer wieder. Mal stützt er den Kopf auf beide Arme und seltener lehnt er sich zurück in sein Sitzmöbel. Er verändert seine Sitzhaltung immer wieder.

Fotos: Eng Chin An (FIDE Chess)

In den Zuschauerraum kommt Bewegung. Eine halbe Stunde nach Beginn der Partie müssen die Zuschauer den abgedunkelten Raum verlassen, so können andere Fans das Szenario beobachten. Derweil denkt der Inder weiter, wie er im zehnten Zug fortsetzen soll. 26 Minuten dauert es insgesamt bis Gukesh seinen Springer an den Rand zieht, etwas was Schachspieler von Kindesbeinen an als schlechte Idee verkauft bekommen. Aber Schach ist auf dem Level von Supergroßmeistern längst kein Spiel mehr in dem man mit Eröffnungsweisheiten erfolgreich ist. Schach ist ein konkretes Spiel und der Herausforderer Gukesh gehört zu denjenigen, die meist besonders präzise rechnen, konkrete Probleme lösen. Der Springer befragt den Läufer und der muss reagieren oder wird eliminiert. Später in der Pressekonferenz wird der Inder zu Protokoll geben, dass er nach der Antwort des Chinesen, der zog seinen Läufer nach g5, erleichtert war. Gukesh konnte nicht genau einschätzen was passiert wäre wenn der Chinese seinen Läufer auf f4 belassen hätte. Sein Gegner fand das keine bemerkenswerte Idee und spielte solide weiter. Viele Figuren wurden in der Folge getauscht und so war die Zehnte überraschend schnell vorbei.

In der Zielgerade steigt der Einsatz

Jeder Fehler könnte fatale Folgen entfalten so kurz vor dem Ende. Das betonen beide Spieler später in der Pressekonferenz. Insofern sollte man den Spielern keinen Vorwurf machen, dass die Partien präziser und damit für Zuschauer weniger ereignisreich verlaufen. Klar würden auch die Journalisten vor Ort lieber über Ereignisse wie in der siebten und achten Partie berichten. Aber etwas früher Schluss zu machen hat auch Vorteile. Eine kleine deutsche Delegation landet bei peruanisch-chinesischer Küche und wir sind nicht begeistert vom Preis-Leistungsverhältnisses. Morgen hoffen wir dann wieder auf eine längere Partie und Essen in der Kantine des Kasinos.

Maschinengläubigkeit

Die Welt für den typischen Internetbeobachter stellt sich anders dar. Da zählt nur was die Instanz sagt. Zunächst sei eine starke Rechenmaschine und ihr Blick auf die Ereignisse in Singapur erwähnt. Diese hat scheinbar die Wahrheit gepachtet und bewaffnet jeden Beobachter mit Informationen, die den Spielern nicht zur Verfügung stehen. So merkt Ding Liren an, dass seine Sekundanten natürlich mehr über die Partie wissen als er und manchmal interessieren ihn spezielle Situationen, die er dann später abfragt. Beide Spieler sehen die Effizienz des Arbeitens mit dem Computer in dieser Phase des Matches, wollen aber das Spiel am Brett nicht gänzlich aufgeben. So berichtet Gukesh von Trainingspartien gegen seinen Coach, „Gaju“.


Das ist ein Screenshot der besten Maschine mit der sich Schachfans online bewaffnen können: LCZero. Die Pfeile sind erstmal etwas verwirrend, zeigen aber in welche Richtung die Berechnungen der Maschine laufen. Tatsächlich vermittelt die Grafik eine größere Komplexität als es in Wirklichkeit ist. Hier durften sich Journalisten Hoffnung auf ein Essen auf dem Festland machen. Denn dauert die Partie mehr als vier Stunden, bleibt für das Abendessen eigentlich nur die Kantine im Kasino.


Fällt die Partie etwas weniger ereignisreich aus wie heute, können die Fans sich einige alte Plakate, Trophäen und Schachsets anschauen. Die Ausstellung bei der Schacholympiade in Budapest war allerdings deutlich umfangreicher und informativer. Da könnte der Weltschachbund noch ordentlich besser werden.

Foto: Eng Chin An (FIDE Chess)

Zu den bemerkenswerten Ausführungen des 18-jährigen Inders gesellt sich ein weiteres Highlight, das zeigt wie reflektiert Gukesh die Schachwelt wahrnimmt. Tatsächlich hat eine Revolution der Möglichkeiten im Schach eingesetzt und der Zugang zu modernen Engines steht jedem offen. Das war in sowjetischen Zeiten nicht immer so und ein Grund für deren Dominanz vor allem in den 50er und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts.

Schach wird immer mehr zu einem Sport. Alle haben die gleichen Ressourcen, und man muss den kleinen Vorteil finden, der einem hilft, sich abzuheben.

Gukesh über die Entwicklung des Schach

Er würde sich freuen zu hören, dass er ein Schachspieler ist.

Gukesh sorgt für Lacher. Sein Vater lacht mit.


Foto: Eng Chin An Von Thorsten Cmiel Weder Gukesh

Von Thorsten Cmiel

Die Idee der Lasker Aufgaben ist es einmal in der Woche, in der Regel an Sonntagen, einige wenige Schachaufgaben unterschiedlicher Art an alle Interessierten des Vereins Lasker Köln zu verschicken. Es wird Taktikaufgaben und immer wieder auch mal Fragen zum Endspiel geben. Der Schwierigkeitsgrad wird unterschiedlich sein, damit für Spieler jeder Mannschaft und Spielstärke etwas dabei ist. Die Lösungen gibt es zwei Tage später. Los geht’s.


1. Aufgabe: Weiß ist am Zuge und setzt in zwei Zügen Matt.

Lösung:

Die Schwierigkeit der ersten Aufgabe bestand darin, das Mattmotiv in allen Versionen im Blick zu halten. Die Lösung ist der Damenzug nach a2. Schwarz kann danach seinen König nach e8 oder nach c8 bewegen und wird in beiden Fällen auf der Grundreihe mattgesetzt. Sollte Schwarz das Matt auf g8 verhindern wollen mit dem Läuferzug nach f7, dann kostet das ein Fluchtfeld und Da8 gibt Matt.


2. Aufgabe: Weiß ist am Zuge. Was tun?

Lösung:

Wir legen einen Zahn zu. Diese Aufgabe erfordert von euch vermutlich etwas mehr Gehirnschmalz und vor allem etwas Vorstellungsvermögen. Gefunden habe ich diese Stellung bei Jacob Aagaard, einem der der erfolgreichsten Autoren von Schachbüchern und inzwischen Großverleger. Aagaard ist ehemaliger Coach von Nodirbek Abdusattorov, Boris Gelfand und Sam Shankland.


3. Aufgabe: Schwarz ist am Zuge. Hier reicht die entscheidende Idee.

Lösung:

Die kurze Antwort ist, dass Schwarz mit dem Zug des Turmes nach d3 ein Abzugsschach droht. Dagegen gibt es keine ausreichende Verteidigung mehr und Schwarz muss die Qualität geben. Der Gewinn ist danach keineswegs einfach und Aljechin hatte noch gute Möglichkeiten sich zu verteidigen, aber das ist ein anderes, komplexeres Thema. Die Partieanmerkungen gibt es für ein Selbststudium.


4. Aufgabe: Wie würdet ihr mit Weiß am Zuge hier fortsetzen?

Gefragt ist eine Verteidigungsaufgabe und das ist häufig schwieriger als einen existierenden Angriff zu exekutieren. Die Schwierigkeit bei dieser Aufgabe besteht darin, zunächst die drei Kandidaten zu identifizieren. Turmtausch kostet den Springer. Der Zug mit dem Turm nach b2 kostet nach d2 die Qualität schließlich hängt der Läufer auf b3 letztlich. Aber wer hiermit zufrieden war, der hat die entstehende Stellung falsch eingeschätzt. Der dritte Zug war hier die Lösung. Der Springer wird mit einem taktischen Trick auf das ideale Blockadefeld nach d2 überführt. Die Lösung war also. 1.Sc4!

Wer Spaß am Lösen von Schachaufgaben hat, der wird ab nächstem Jahr hier in der Schachakademie fündig werden. Für den Anfang findet ihr unter den Links weitere Aufgaben und einige Hinweise darauf wie schwer Schachaufgaben sein sollten.


Von Thorsten Cmiel Die Idee der Lasker Aufgaben

Von Thorsten Cmiel

Die Idee der Lasker Aufgaben ist es, einmal in der Woche, in der Regel an Sonntagen, einige wenige Schachaufgaben unterschiedlicher Art an alle Interessierten des Vereins Lasker Köln zu verschicken. Es wird Taktikaufgaben und immer wieder auch mal Fragen zum Endspiel geben. Der Schwierigkeitsgrad wird unterschiedlich sein, damit für Spieler jeder Mannschaft und Spielstärke etwas dabei ist. Die Lösungen gibt es zwei Tage später. Los geht’s.


1. Aufgabe: Weiß am Zuge setzt in zwei Zügen Matt.

Zum Aufwärmen: Diese Aufgabe ist nicht allzu schwierig, aber etwas Nachdenken beim Frühstück kann sicher nicht schaden. Diese Aufgabe habe ich bei Igor Smirnov in seinem X-Account, vormals Twitter, gefunden. Eine weitere Quellenangabe fehlt.


2. Aufgabe: Weiß ist am Zuge. Was tun?

Wir legen einen Zahn zu. Diese Aufgabe erfordert von euch vermutlich etwas mehr Gehirnschmalz und vor allem etwas Vorstellungsvermögen. Gefunden habe ich diese Stellung bei Jacob Aagaard, einem der erfolgreichsten Autoren von Schachbüchern und inzwischen Großverleger. Aagaard ist ehemaliger Coach von Nodirbek Abdusattorov, Boris Gelfand und Sam Shankland.


3. Aufgabe: Schwarz ist am Zuge. Hier reicht die entscheidende Idee.

Diese Stellung ist schon etwas mehr als 110 Jahre alt und stammt aus einem Turnier in St. Petersburg. Die weißen Steine führte Alexander Aljechin mit Schwarz war Emanuel Lasker hier dran. Nicht zu schwierig denke ich, oder?


4. Aufgabe: Wie würdet ihr mit Weiß am Zuge hier fortsetzen?

Eine Verteidigungsaufgabe erfordert oft noch größere Präzision als eine Mattkombination. In dieser Stellung aus der kürzlich auf Porto Santo gespielten Weltmeisterschaft der Seniorinnen konnte die Spielerin mit den weißen Steinen das Problem nicht lösen.

Wer Spaß am Lösen von Schachaufgaben hat, der wird ab nächstem Jahr hier in der Schachakademie fündig werden. Für den Anfang findet ihr unter den Links weitere Aufgaben und einige Hinweise darauf wie schwer Schachaufgaben sein sollten.


Von Thorsten Cmiel Die Idee der Lasker Aufgaben

Foto: Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess)

Von Thorsten Cmiel

Die neunte Partie überzeugte durch ihre Präzision mit der beide Spieler zu Werke gingen. Es gelang keinem der Kontrahenten entscheidende Ungleichgewichte zu schaffen. Für die Fans war diese Partie weniger ereignisreich als die zwei Partien zuvor. Wir nähern uns dem Ende und die von manchen Experten befürchtete Dominanz von Gukesh blieb bisher aus.

Heute sahen wir in der Eröffnung auf dem Brett eine Katalanische Eröffnungsstruktur. Das ist bekanntermaßen eine sehr solide Spielweise für beide Seiten und so war eine eher ruhige Partie zu erwarten. Heraus kam eine präzise Partie für Feinschmecker, in der es in dieser Partie nur wenige Momente verdienen hervorgehoben zu werden. Die Sekundantenteams beider Spieler werden die ausbleibenden Bewertungsswings der letzten zwei Tage nicht vermisst haben. Bei der genauen Analyse dürfte für die Experteams der Spieler Wichtiges herauskommen. Nach den Partien haben die Spieler keine Zeit für derart tiefgründige Betrachtungen, sondern werden in einen Kleinbus verfrachtet und zur Pressekonferenz gekarrt. Ding Liren hat seinem Sekundanten unterwegs eine Frage gestellt, die ihn wohl während der Partie beschäftigte.


Richard Rapport sagte Ding Liren nach der Partie, dass er hier mit 17…Nxc4 leicht hätte ausgleichen können. Liren übersah nach der Tauschfolge 18.Txc4 Dxa5 19.Dxb7 seinen starken Zug 19…Nd7. Der ungedeckte Turm auf d1 macht das möglich, da nach Schlagen auf c5 der Springer einfach zurücknehmen kann und Weiß nicht auf e7 den Läufer gewinnt. Stattdessen schlug Ding Liren auf f3 den gegnerischen Springer und forcierte eine Abwicklung in die folgende Stellung zu der sich dann Gukesh äußerte. Es war seine kleine Chance in dieser Partie.

Hier konnte der Inder mit dem Springerzug nach e5 etwas Vorteil behaupten. Zur objektiven Bewertung meint die im Internet mitlaufende Rechenmaschine LCzero, dass die Gewinnwahrscheinlichkeit für den Inder danach bei 22,6 Prozent gelegen hätte, gegenüber 8,4 Prozent für Ding. Gukesh spielte hier seine Dame nach b5 und es entstand in neuerem Enginesprech eine Chancenverteilung von 12,5 zu 8,3 Prozent. Oder in einfachen Worten: Die Stellung war weitgehend im Gleichgewicht und ein Remis das wahrscheinlichste Ergebnis.


Die Partie war sehr präzise. Ich hatte vielleicht einen kleinen Vorteil nach 16.Ba5, aber ich denke, dass 20.Qb5 verfrüht war: vielleicht hätte ich 20.Ne5 mit einem kleinen Vorteil spielen sollen, obwohl es nichts Entscheidendes sein sollte. Es basierte auf einer Fehlkalkulation: Ich übersah seine Verteidigungsidee 21…Qa7 und 22….Rb8.

Herausforderer Gukesh nach der Partie.

Zum Kontrollzug (40. Zug) kam ein gleiches Turmendspiel auf das Brett und die Spieler benötigten nicht lange, um das Remis zu dokumentieren. Nach 54 Zügen standen zwei blanke Könige auf dem Brett. Die Spieler eilen zu ihrem eigenen Kleinbus und werden in das Convention Center gefahren. Dort warten erste Autogrammjäger auf die Spieler. Beide Spieler zeigen sich stets freundlich zu den Fans und posieren, dabei sind beide Spieler nach meiner Beobachtung gleich beliebt.

Nach neun Partien steht das Match zwischen dem Weltmeister Ding Liren und dem Herausforderer Gukesh weiterhin unentschieden 4,5 – 4,5. In der zehnten Partie spielt Ding Liren mit Weiß. Gukesh ist nicht der Meinung, dass sein Gegner wegen der verbliebenen drei Weiß- und zweier Schwarzpartien im Vorteil ist. Ding kann erhobenen Hauptes der Schlussphase entgegen sehen. Das von Experten befürchtete Desaster blieb aus und beide Spieler haben nach meiner Einschätzung etwa gleiche Chancen.

Eine Bewertung pro Partie erlaubt…

Die Antworten des indischen Herausforderers bei den Pressekonferenzen sind meist sehr erwachsen und beinahe lehrbuchreif diplomatisch zu nennen. Immer. Hier seine Antwort zu einer Frage, die politisch nicht korrekt ist. Am Ende der Frage gibt es noch eine grandiose Antwort von Ding Liren. Beide Spieler geben ihr Bestes, nicht nur auf dem Schachbrett.

Schnelldurchlauf der neunten Partie


Foto: Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess) Von Thorsten

Titelfoto: John Brezina*

Von Thorsten Cmiel

Eine kleine Delegation deutscher Spielerinnen und Spieler traute sich zum stark besetzten Singapur Open. Vor allem die unterbewerteten asiatischen Kinder aus Singapur und umliegenden Nationen sorgten für manche unschöne Erlebnisse. Mit drei von fünf habe ich nach dem Turnier gesprochen.

Eindrücke

Es sind ganz unterschiedliche Gründe warum man ein Schachturnier spielt. Carolin Gatzke (25) aus Paderborn zum Beispiel wollte schon immer mal nach Singapur und nach sieben Jahren Abstinenz vom Turnierschach traute sie sich hierher. Lieber hätte sie wohl im B-Open mitgespielt, aber der Ratingboost, den der Weltschachbund im Frühjahr spendiert hatte, führte zu ihrer Teilnahme im A-Open. Sie hatte nur einen Gegner, der älter war als sie. Angereist ist Carolin über Abu Dhabi und in einem Hostel in Chinatown untergekommen. Dort hat sie zwei andere Schachspieler kennengelernt und analysiert fleißig ihre Schachpartien. Carolin bleibt nach Turnierende noch einige Tage und will auch beim Kampf von Gukesh und Ding Liren vorbeischauen. Dafür müssen allerdings auch Teilnehmer des Singapur Open Eintritt zahlen. Trotz eines schwierigen Turniers hat Carolin viel Spaß in Singapur.

Ordentlich Elopunkte sammelte Deryl Tjahja und hatte ebenfalls Spaß, auch wenn die Schlussniederlage schmerzte. Der 32jährige spielt vor allem Online Schach und hatte früher für Stuttgart Vaihingen gespielt, lebt aber inzwischen in Indonesien. Die Anreise dauerte nur zwei Stunden. In Indonesien sei Schach etwas für alte Männer meint er. Ich bin überrascht angesichts der großen Zahl von Mädchen im Kindesalter aus vielen asiatischen Ländern, die im Turnier mitspielen. In Deutschland sei das Ambiente angenehmer und in Indonesien kaum geeignet Mädchen bei der großen Konkurrenz an Beschäftigungen für das Schachspiel zu begeistern. Deryl erzählt mir, dass praktisch alle erfolgreichen Spieler Indonesiens von Utut Adianto trainiert werden. Den hatte ich 1980 bei der Jugendweltmeisterschaft in Dortmund gesehen, die ein gewisser Garri Kasparow gewann. Deryl sieht in seinem Spiel noch Potential für eine Spielstärkesteigerung.

Thomas Lochte (69) ist einer der aktivsten deutschen Seniorenspieler, der im Jahr oft auf etwa 100 Turnierpartien kommt. Sein Spielstil ist kompromisslos und geht manchmal nach hinten los. So auch hier in Singapur. Er wusste aber was ihn erwartet und hält die asiatischen Kinder für deutlich unterbewertet, es mangele ihnen wohl an Spielmöglichkeiten. Für Thomas gab es zum Singapur Open als Alternative die Seniorenweltmeisterschaft, die vorher auf der portugiesischen Atlantikinsel Porto Santo ausgetragen wurde und die bei den älteren Senioren Rainer Knaak gewonnen hatte. Thomas erläuterte mir seine Rechnung und meinte das Turnier auf der Insel, gleichwohl länger, wäre ihn teurer gekommen, da man zum Flug nach Portugal zusätzlich einen Charterflug benötigte und die Hotelauswahl vorgegeben war. Zudem bevorzugt er den Trubel der Metropole gegenüber der tagelangen Einsamkeit auf einer Insel. Thomas spielt sonst in Bayern und reiste bereits am letzten Tag ab, um am Wochenende für seine Seniorenmannschaft zu spielen. Vorbildlich.

Die deutsche Delegation in Singapur war schachlich nicht sonderlich erfolgreich und exportierte netto etwa 148 Elopunkte. Beim Blitzturnier stiegen zwei ältere Senioren, die als Journalisten in Singapur dabei sind, ebenfalls groß ins Exportgeschäft mit Elopunkten ein. Der Rest ist Schweigen.

*Ich bevorzuge nicht gesehen zu werden, aber bei diesem grandiosen Foto von John konnte ich nicht widerstehen mich selbst auf den Titel zu hieven. Die anderen Fotos der deutschen Teilnehmer habe ich gemacht. Leider ist die Qualität entsprechend nicht so gut. Ich hoffe meine Gesprächspartner verzeihen mir.

Titelfoto: John Brezina* Von Thorsten Cmiel Eine kleine Delegation