Vom 16. bis 27. Februar 2025 findet in der tschechischen Hauptstadt Prag die Seniorenmannschafts-Weltmeisterschaft 2025 statt. Gespielt wird in getrennten Altersklassen 50+ und 65+. Frauen spielen ihre Weltmeisterinnen im gleichen Turnier aus. Favorit in der älteren Klasse ist die Lasker Schachstiftung.
Von Thorsten Cmiel
Insgesamt sind 108 Teams am Start mit 512 gemeldeten Spielerinnen und Spielern. Das Turnier wird von AVE CHESS in Zusammenarbeit mit dem tschechischen Schachverband und dem Weltschachbund (FIDE) organisiert. Gespielt wird im Hotelkomplex Olympik, der einigen Teams zudem als Unterkunft dient. Je Kategorie sollen 50 Bretter übertragen werden. Fans kommen also auf ihre Kosten. Partien werden von den üblichen Plattformen übertragen.
Das Reglement sieht eine Bedenkzeit von 90 Minuten bis zum 40. Zug plus 30 Minuten bis zum Ende der Partie vor. Vom ersten Zug an gibt es 30-Sekunden Inkrement je Zug. Die Siegerteams erhalten die Titel der Weltmeister in ihren Kategorien.
Absolute Legenden sind bei der Seniorenmannschaft-Weltmeisterschaft dabei. In den vier Topteams spielen amtierende und ehemalige Seniorenschachweltmeister am Spitzenbrett, die Großmeister Knaak, Nunn, Vaisser und Jansa. Mit Artur Jussupow ist die ehemalige Nummer drei der Welt am Start für die Laskeraner. Mit Dr. John Nunn, der für England spielt, ist einer der bekanntesten Schachtheoretiker und Problemweltmeister dabei. Mit Michael Adams ist ein Jungsenior am Start, der 2023 in London ein Turnier vor dem späteren Weltmeister Gukesh gewann. Zumindest die ersten drei Plätze dürften in beiden Altersklassen stark umkämpft sein.
Ist es fair oder sportlich dem Gegner zu erlauben einen Zug zurück zu nehmen? Weder…noch ist vermutlich die richtige Antwort. Aber es gibt und gab solche Momente…und ähnliche Situation. Schauen wir hin.
Von Thorsten Cmiel
Sindarov "misclicks" OTB, and Carlsen allows a takeback.
Props to Carlsen for the sportsmanship, though he had every right to make Sindarov stick with the move. Anyone who plays #chess knows it’s also completely fair not to allow a takeback.
Magnus Carlsen steht in der folgenden Stellung aus dem Video vor dem Gewinn seines Matches im Freestyle Event gegen Javokhir Sindarov. In der folgenden Stellung unterläuft seinem Gegner eine Art „Fingerfehler“, sein Turm landet lautlos auf f1 statt mit Schachgebot auf f2. Sindarov bemerkt seinen Fehler und korrigiert sich. Danach könnte Carlsen die gegnerische Dame auf c5 schlagen. Er entscheidet sich seinem Gegner das durchgehen zu lassen.
Carlsen akzeptiert die Korrektur seines Gegners nach einer typischen Carlsen-Grimasse und der Schiedsrichter Gerhard Bertagnolli, versucht einzugreifen, um die Spielregeln durchzusetzen. Die Situation ist gar nicht so selten, aber normalerweise versucht derjenige, der den Regelverstoß begeht, der also eine losgelassene Figur auf ein anderes Feld zieht, sich zu rechtfertigen oder das Geschehen umzudeuten. Eine losgelassene Figur darf nur dann gezogen oder zurück gestellt werden, wenn der Turmzug illegal wäre, also weil der Spieler beispielsweise ein Schachgebot des Gegners ignoriert hat. Das ist hier eindeutig nicht der Fall.
Der Schiedsrichter gerät hier in eine unangenehme Situation. Seine Aufgabe ist es einzugreifen und die Regeln durchzusetzen. Neuerdings gibt es aber die Tendenz, dass Magnus Carlsen macht was er will. Hier handelt es sich zudem um ein Showevent. Bertagnolli fügt sich letztlich und das halte ich für akzeptabel an dieser Stelle. Schadet die Entscheidung doch keinem anderen Spieler, da es sich um die letzte Partie handelt, Carlsen ohnehin gewinnt – Remis würde reichen und auch kein Preisgeld würde anders verteilt. Für diejenigen aber, welche Carlsen für besonders sportlich oder fair halten sei ein leicht verändertes Szenario erläutert: Angenommen in einem Turnier nach Schweizer System passiert diese Situation und der Schiedsrichter lässt den Spielern ihren Willen. Die Partie endet anders und dadurch werden Auslosung und Preisverteilungen verändert, dann ist das ganze Szenario nicht tolerabel.
Aber es sei erwähnt, dass gerade erfahrene Spieler bei ihren Partien mit weniger erfahrenen Spielern diese in Blitzpartien schon einmal ein Auge zudrücken und schwächeren Spielern die Rücknahme eines solchen Zuges durchgehen lassen. Es sollte nach purer Regelauslegung nicht so sein, passiert aber in jedem Schachverein an jedem Spielabend mehrfach. Das wissen freilich die Spieler der Generation Online nicht.
Stev Bonhage: Freestyle Chess
Touch Move – der falsche Take
In der folgenden Situation aus dem Jahr 2010 sehen wir einen jungen Magnus Carlsen, wie er gerade noch die Kurve bekommt. Angesichts laufender Kameras besinnt sich Carlsen die Regeln zu respektieren. Der Fall ist ähnlich gelagert. Carlsen bemerkt sein Missgeschick auf der Diagonalen (g1 -a7) und will sich korrigieren, sein Gegner fand das sicher gar nicht witzig. Aber es geht in den folgenden Fällen nicht um die Regel „Berührt – geführt“, wie es in den Beschreibungen der Videos manchmal heißt, also den Grundsatz eine zum Zwecke des Zuges angefasste Figur tatsächlich zu ziehen. Auch handelt es sich weder bei dem Turmzug nach f1 im ersten Beispiel noch hier um einen illegalen, sondern um einen besonders schlechten Zug. Es geht in den folgenden Fällen darum, dass ein Spieler eine vorher losgelassene Figur nicht auf ein anderes Feld ziehen darf.
Die Garry Kasparow Cases
Touch Move – der richtige Take
In dem folgenden Beispiel kommt es zu einer Art Unfall der besonderen Art. Die Armenier gewannen n Chennai 2022 später die Silbermedaille und die USA gingen leer aus. Sam Shankland berührt den König und will ihn auf die zweite Reihe ziehen. Dann bemerkt er, dass sein Gegner gar kein Schach gegeben hat. Der US-Amerikaner muss seinen König ziehen und verliert daher die Partie. Hier geht es nicht darum, dass der Spieler seinen schlechten Zug korrigiert, sondern darum, dass er seinen König angefasst hat, um ihn zu ziehen. Berührt – geführt.
Die Idee der Lasker Puzzles ist es, einmal in der Woche, in der Regel an Sonntagen, einige wenige Aufgaben unterschiedlicher Art an alle Interessierten des Vereins Lasker Köln zu verschicken. Es wird Taktikaufgaben und immer wieder auch mal Fragen zum Endspiel geben. Der Schwierigkeitsgrad wird unterschiedlich sein, damit für Spieler jeder Mannschaft und Spielstärke etwas dabei ist. Die Lösungen gibt es zwei Tage später. Los geht’s.
1. Aufgabe: Kann Weiß am Zuge gewinnen?
Bauernendspiele sind oft schwieriger als man denkt und manchmal muss man die relevanten Varianten zuerst durchrechnen, um die Lösung zu finden.
2. Aufgabe: Schwarz ist am Zuge. Was ist das richtige Ergebnis?
Bleiben wir für den Augenblick beim Thema. Dieses Beispiel ist von Chapais. Was sind die Vorteile beider Seiten und was ist wichtiger?
3. Aufgabe: Weiß ist am Zuge. Kann er sich noch verteidigen?
Hier ist etwas mehr los. Weiß sieht sich mit zwei massiven Drohungen auf der h-Linie konfrontiert und verteidigt sich jetzt wie? Der Vorteil hier ist, dass man durch die Aufgabenstellung eine Art Hinweis hat, dass es eine Chance geben könnte. Das hat man an Sonntagen in Mannschaftskämpfen leider nicht und so muss man manchmal im sprichwörtlichen Trüben fischen, um sich noch etwas am Leben zu halten.
4. Aufgabe: Schwarz ist am Zuge. Was soll er tun?
Die vermutlich einfachste Aufgabe am Schluss. Didaktisch ist das vermutlich nicht die beste Methode, aber mit einem Lächeln aufzuhören kann nicht schaden. Diese Aufgabe ist wie die zuvor ein Internetfund.
Wer Spaß am Lösen von Schachaufgaben hat, der wird ab 2025 hier in der Schachakademie immer wieder fündig werden. Für den Anfang findet ihr unter den Links weitere Aufgaben und einige Hinweise darauf wie schwer Schachaufgaben sein sollten.
Es gibt Züge in Schachpartien, die zu entdecken und vor allem sie zu spielen macht Spaß. Ein solcher Moment war in der Partie von Alireza Firouzja und Nodirbek Abdusattorov möglich. In dem Fall zog der Franzose in hoher Zeitnot anders und Nodirbek gewann sogar noch, nachdem er lange Zeit vorher auf Verlust gestanden hatte.
Von Thorsten Cmiel
Der hier gesuchte Zug ist aus der Kategorie „Simply the Best“.
Nodirbek hatte zuletzt seine Dame von g6 nach g5 gezogen und damit zwar den Turm auf f7 ungedeckt stehen lassen. Gleichzeitig hatte der Usbeke eine eigene Drohung aufgestellt und zwar den Bauern d2 mit Schachgebot zu schlagen. Beide Spieler verfügten nicht mehr über sehr viel restliche Bedenkzeit. Wer etwas systematisches Schachtraining erlebt hat in seiner schachlichen Entwicklung, der wird von Trainern auf das Vorhandensein von Kandidatenzügen aufmerksam gemacht. Folgen wir diesem Gedanken und machen wir uns systematisch auf die Suche.
Kandidatenzüge
Typische Züge sind hier Deckungszüge des Bauern d2. Dazu ist beispielsweise der Königszug nach c1 geeignet, ein Zug des Turmes nach e2 oder nach d1. Diese Antworten auf die Drohung sind allerdings sehr passiv gedacht. Solche Züge sollte man in Situationen, in denen der Gegner die Initiative zu erobern droht, also das Heft des Handelns zu übernehmen droht, möglichst vermeiden und stattdessen eine aktivere Antwort suchen. Das passiert durch das Aufstellen einer eigenen Drohung. Eine Möglichkeit besteht im Schlagen des Turmes auf f7 und ignorieren der schwarzen Drohung. Weiß könnte auch mit seinem Turm nach e8 ziehen und ein Matt auf a8 drohen.
Beginnen wir mit dem Aufstellen einer direkten Gegendrohung. Auch das lernt man im systematischen Schachtraining. Das gewährleistet der siebenunddreißigste Zug des Weißen, der seinen Turm nach e8 stellt und ein Matt auf a8 droht. Dieser Zug wirkt bedrohlich, aber was passiert eigentlich nach dem Schlagen des Bauern auf d2 mit Schachgebot auf d2? Hier gilt es eine kurze Variante zu berechnen.
Variantenberechnung
Nach den Zügen 37.Te8 Dxd2+ 38.Ka3 Dc1+ 39.Ka4 Da1+ 40.Kb5 Sxd5 verstellt der weiße König der weißen Dame den Weg und Schwarz wehrt die Mattdrohung ab. Wer noch etwas genauer hinschaut, der findet heraus, dass nach 41.cxd5 Tc7 – verhindert den weiteren Königsmarsch nach c6 – der schwarze König sicherer steht als der seines Gegners. Weiß stünde hier sogar auf Verlust, aber das war gar nicht gefragt.
Dieser erste Versuch auf Gegenangriff zu setzen scheint nutzlos, ist es aber nicht. Im Gegenteil. Der Zug hilft uns auf der Suche nach der richtigen Idee. Weiß könnte jetzt seine Bemühungen bei der Suche nach einer aktiven Antwort einstellen und einen der erwähnten passiven Züge spielen. Also beispielsweise mit seinem König nach c1 ziehen. Das Problem wäre dann jedoch, dass der Schwarzspieler mit seinem Turm nach f2 zieht und die Drohung auf d2 zu schlagen erneuert. Schwarz übernimmt einfach die Initiative. Das ist ärgerlich für den Weißen. Durch den Zwischenzug mit der Dame von g6 nach g5 hätte er dann erreicht, dass sein Gegner kein Turmschach auf e7 geben kann. Diese Antwort wäre nach sofortigem Turmzug nach f2 eine Option für Weiß gewesen.
Aus den bisherigen Betrachtungen haben wir die Nachteile von einem passiven Zug, dem Decken des Bauern d2 mit dem König erarbeitet. Wir wissen auch, warum der Usbeke nicht zunächst seinen Turm aktiviert hat (36…Tf2). Der Zug des Turmes nach d1 ist natürlich ebenfalls kein empfehlenswerter Kandidat. In der Partie spielte Alireza aktiver, indem er seinen Turm nach e2 zog, so den Bauern auf d2 deckte und das Eindringen des gegnerischen Turmes nach f2 verhinderte. Was ist davon zu halten?
Wie es in der Partie weiterging
Ist die Ursprungsstellung also ausgeglichen?
Bisher haben wir keine zufriedenstellende Lösung in dieser Stellung gefunden. Passive Verteidigungen funktionierten nicht wirklich, um Vorteil nachzuweisen. Der Gegenangriff mit dem Turmzug nach e8 scheiterte ebenfalls. Die ursprünglichen Kandidaten beinhalteten ebenfalls keine Offenbarung. Das direkte Schlagen auf f7 war abwegig und führt sicherlich nicht zu weißem Vorteil. Sollte Weiß also kleinere Brötchen backen und sich mit Ausgleich zufrieden geben? Haben wir wirklich schon alle Möglichkeiten geprüft?
Wenn jemand so plump fragt, dann ist die Antwort bekanntlich: Nein. Wer hat noch eine Idee und wie findet man überhaupt noch Ideen nachdem wir die Kandidaten durchgegangen sind? Die Antwort ist Denkdisziplin und Erfahrung. Wer noch keine neue Idee hat, der sollte mit dem Nachschauen der Lösung noch etwas warten und weiter nach der Lösung suchen. Das bringt mehr.
Die Lösung
Der Lösungszug zieht dem Schachgebot der Dame auf d2 den sprichwörtlichen Zahn. Der Kampf dreht sich um die Frage, wer die Initiative behält.
Der Swing
Diese Grafik stammt von Mehmet Ismail, der die Partien in Spitzenturnieren regelmäßig einer genauen Analyse unterzieht. Der angegebene Zahlenwert für verpasste Punkte hat folgende Logik: Ein Zahlenwert von 0.5 Punkten symbolisiert eine Situation in der ein Spieler eine Gewinnstellung in eine ausgeglichene Stellung verdirbt. Mit seinem nächsten Zug verdarb Alireza Firouzja seine Stellung komplett. Ein Zahlenwert von 1.0 – mit 0.98 sind wir nah dran – bedeutet entsprechend, dass ein Spieler mit seinem Zug eine Gewinnstellung in eine Verluststellung verwandelt hat. Alireza war in hochgradiger Zeitnot und zog mit verbliebenen 31 Sekunden auf der Uhr nach 18 Sekunden. Wer kritisiert, dass Alireza den Zug nicht gefunden hat, sollte nachweisen, dass er diesen Zug überhaupt findet.
Übung
Schwarz muss hier seinen vierzigsten Zug ausführen. Wer die Aufgabe vorher durchgearbeitet hat, der findet eine schicke Idee für den nächsten Zug auch hier und zwar schneller. Diese Aufgabe ist insofern weniger lehrreich, da es noch andere Gewinnzüge für den Schwarzspieler gab. Allerdings waren die weniger elegant.
Die Lösung
Ich erinnere mich noch sehr genau an den Moment als ich diesen Zug fand. Es war sehr zufriedenstellend in manche zunächst ungläubige Gesichter von Zuschauern zu sehen. Einige blieben etwas länger stehen und gingen mit einem Lächeln.
Die Idee der Lasker Puzzles ist es, einmal in der Woche, in der Regel an Sonntagen, einige wenige Aufgaben unterschiedlicher Art an alle Interessierten des Vereins Lasker Köln zu verschicken. Es wird Taktikaufgaben und immer wieder auch mal Fragen zum Endspiel geben. Der Schwierigkeitsgrad wird unterschiedlich sein, damit für Spieler jeder Mannschaft und Spielstärke etwas dabei ist. Die Lösungen gibt es zwei Tage später. Los geht’s.
1. Aufgabe: Kann Weiß am Zuge gewinnen?
2. Aufgabe: Weiß ist am Zuge. Was ist das richtige Ergebnis?
3. Aufgabe: Schwarz ist am Zuge. Hat er Chancen auf Remis?
4. Aufgabe: Weiß ist am Zuge. Wie ist das Qualitätsopfer auf h6 einzuschätzen?
Wer Spaß am Lösen von Schachaufgaben hat, der wird ab 2025 hier in der Schachakademie immer wieder fündig werden. Für den Anfang findet ihr unter den Links weitere Aufgaben und einige Hinweise darauf wie schwer Schachaufgaben sein sollten.
Lange hatte es gedauert das Match zu terminieren. Jetzt wurde bekannt, dass der WM-Titel im April ausgespielt wird. Gespielt wird in China. Für beide Spielerinnen sind Heimspiele geplant.
Der Weltschachbund FIDE hat die endgültigen Daten für den Wettkampf zwischen der Titelverteidigerin Ju Wenjun und ihrer Vorgängerin Tan Zhongyi bekannt gegeben. Tan hatte das Kandidatenturniers in Toronto gewonnen. Gespielt werden zwölf Partien vom 1. bis zum 23. April an zwei Orten in China. Der Preisfonds beträgt 500.000 US-Dollar.
Um ihren Titel geht es
Foto: Michal Walusza
In der Pressemeldung der FIDE heißt es zu den Spielorten:
Shanghai, die Heimatstadt von Ju Wenjun, ist ein globales Finanzzentrum mit einer reichen Geschichte als Gastgeber internationaler Schachveranstaltungen. Die Stadt rühmt sich mehrerer aktiver Schachklubs, einschließlich Chess in Shanghai, das wöchentliche Turniere organisiert und ein Eckpfeiler für Schachspieler in der Gegend ist. Die Shanghai Chess League trägt ebenfalls zur lebendigen Schachszene der Stadt bei, indem sie regelmäßig Wettkämpfe veranstaltet. Shanghai bietet einen idealen Rahmen für den Beginn der Meisterschaft und wird die ersten 6 Partien des Matches ausrichten.
Chongqing, die Heimatstadt von Tan Zhongyi, bietet einen kontrastreichen und doch komplementären Hintergrund zu Shanghai. Die Stadt ist für ihren Beitrag zur Schachgemeinschaft bekannt und hat bereits bedeutende Turniere wie das FIDE-Kandidatenfinale der Frauen 2023 ausgerichtet. Chongqing ist ein wichtiges Zentrum für Schach in China, mit zahlreichen Klubs und Akademien, die Talente fördern und das Spiel voranbringen. Dies macht es zu einem passenden Austragungsort für den Abschluss der Meisterschaft, um die wachsende Bedeutung der Stadt in der Schachwelt zu feiern.
Die FIDE-Schachweltmeisterschaft der Frauen 2025 verspricht nicht nur einen spannenden Wettkampf zwischen zwei der besten Schachspielerinnen der Welt, sondern dient auch als Feier des reichen kulturellen Erbes des Schachs in China. Fans auf der ganzen Welt erwarten diesen Kampf der Titanen mit Spannung und freuen sich auf Partien, die noch in vielen Jahren analysiert werden und in Erinnerung bleiben werden.
Die Idee der Lasker Puzzles ist es, einmal in der Woche, in der Regel an Sonntagen, einige wenige Aufgaben unterschiedlicher Art an alle Interessierten des Vereins Lasker Köln zu verschicken. Es wird Taktikaufgaben und immer wieder auch mal Fragen zum Endspiel geben. Der Schwierigkeitsgrad wird unterschiedlich sein, damit für Spieler jeder Mannschaft und Spielstärke etwas dabei ist. Die Lösungen gibt es zwei Tage später. Los geht’s.
1. Aufgabe: Kann Weiß am Zuge gewinnen?
Bauernendspiele sind nicht nur pures Rechnen. Man muss auch einige Prinzipien kennen, um die richtigen Ideen zu haben. Das Endspiel hier ist einfach, oder?
2. Aufgabe: Weiß ist am Zuge. Was ist das richtige Ergebnis?
Diese Stellung stammt aus einer Studie bei der mir leider der Autor nicht bekannt ist. Ich habe sie zuerst bei einem indischen Training gesehen und später bei Susan Polgar erneut in Social Media. Die Lösung vollständig zu erarbeiten dauert etwas denke ich.
3. Aufgabe: Schwarz ist am Zuge. Hat er Chancen auf Remis?
Dieses Endspiel stammt aus der Schachbundesliga und wurde 2024 gespielt. Die genauen Folgen muss man für unsere Zwecke nicht berechnen. Es genügt die beste praktische Chance für den Schwarzspieler vorzuschlagen. Da ein ehemaliger Sekundant von Magnus Carlsen daran gescheitert ist, dürfte die Antwort nicht ganz einfach sein.
4. Aufgabe: Weiß ist am Zuge. Wie ist das Qualitätsopfer auf h6 einzuschätzen?
In dieser Partie aus dem Jahr 2023 opferte der niederländische Internationale Meister Gerard Welling im 19. Zug auf h6 eine Qualität. Die Frage lautet, ob das die beste Fortsetzung war und wie es weitergeht. Man muss eine längere Variante berechnen.
Wer Spaß am Lösen von Schachaufgaben hat, der wird ab 2025 hier in der Schachakademie immer wieder fündig werden. Für den Anfang findet ihr unter den Links weitere Aufgaben und einige Hinweise darauf wie schwer Schachaufgaben sein sollten.
Die gute Nachricht zuerst. In Weissenhaus wird Schach gespielt. Lotterieschach nur, aber zumindest manche interessante Endspiele werden von den Spielern produziert. Das überlagernde Thema in den Medien ist jedoch vor allem der weiter schwelende Konflikt zwischen den Freestylern und dem Weltschachbund FIDE. Die Saga geht weiter.
Von Thorsten Cmiel
Wer hat was wann zu wem gesagt und wer hat sich wie warum unprofessionell verhalten. Darum geht es in diesen Tagen in der Schachwelt. In der Tat produziert das Gekreische für das Schachspiel und das Freestyle Projekt Aufmerksamkeit. Buettner bedankte sich dafür bei dem Weltschachbund und seinen ehemaligen Gesprächspartnern nicht zu unrecht in einem Interview. Bevor wir zu diesen wirklich wichtigen Themen kommen, schauen wir kurz auf den Start am Freitag. Die Bilder sind hochglänzend. Viele Medienvertreter und Influencer sind vor Ort, berichten und produzieren. So würde man es sich immer wünschen, wenn die besten Spielerinnen und Spieler der Welt gegeneinander antreten. Das gefällt.
Day 1 of the Freestyle Chess Grand Slam Tour kicks off in Weissenhaus, Germany. This video gives you a peek into the top notch arrangements that have gone to make this place!
At the same time we have the round 1 report which was dominated by Caruana and Sindarov, while Magnus,… pic.twitter.com/tnv6uI6Yc0
Die Qualität der Partien zu Beginn ist niedriger als bei der klassischen Startaufstellung. Natürlich müssen sich die Spieler noch an die ungewohnten Startbedingungen gewöhnen. Normalerweise kann man von Weltklassegroßmeistern bessere Partien in der klassischen Disziplin erwarten als was wir in Weissenhaus gesehen. Nehmen wir den Game Intelligence Score nach Mehmet Ismail als Maßstab. In klassischer Spielweise ist ein GI-Score von 160 Weltklasse. Das ist allerdings nicht mehr als eine grobe Orientierung.
Die GI-Scores von klassischen und Freestyle oder Genauigkeitswerte zu vergleichen ist allerdings nicht fair, da die Spieler in den typischen Varianten viele Züge auswendig gelernt haben und so hohe Genauigkeitswerte auf die ganze Strecke erzielen. Das liegt an der Messmethode. Dennoch ist der GI-Score neben der puren Genauigkeit ein wichtiger Hinweisgeber auf die Qualität der Partien. Das muss dem Spaß der Spieler oder Zuschauer allerdings nicht im Wege stehen. Vielleicht macht es dem einen oder anderen sogar Spaß Großmeister beim Erraten von Zügen zu beobachten. Ich erwarte bei längerer Bedenkzeit weniger Fehler und Unfälle.
Indeed, relatively low! Here's the list: GI Score 1. Javokhir Sindarov: 162.28 2. Alireza Firouzja: 149.90 3. Fabiano Caruana: 146.66 4. Magnus Carlsen: 145.92 5. Vincent Keymer: 140.20 6. Gukesh D: 136.28 7. Levon Aronian: 132.84 8. Vladimir Fedoseev: 132.70 9. Nodirbek…
Ein grober Fehler im Endspiel entscheidet diese Partie. Es ist sehr lehrreich, dass der Springer, dessen Stärken im Nahkampf liegen, gegen weit vorgerückte Freibauern immer eine schwache Verteidigungsfigur ist. Es ist also grundsätzlich ein wichtiges Ziel des Verteidigers den gegnerischen Freibauern so früh wie möglich zu stoppen. Vincent gelingt das in der erste Runde des vorgelagerten Qualifikationsturniers nicht, es wird Schnellschach gespielt.
Zwei Favoriten gegeneinander
Die Partie zu analysieren ist aufwendig. Sie zu verstehen noch schwieriger und erklären ist unmöglich. Wer will kann sich daran wagen. Ohne Enginehilfe ist man als Moderator verloren. Schauen wir uns statt den Aufwand zu betreiben die Schnellanalyse von Li-Chess an. Die ist zwar nicht sonderlich präzise, aber es zeigen sich doch zwei sehr große Ausschläge. Die Spieler kämpfen ohne Zweifel mit den ihnen gestellten ungewöhnlichen Stellungsproblemen, die aus der Eröffnung heraus entstehen.
Komplexität
Peter Heine Nielsen weist in einer X-Nachricht auf eine Situation hin aus einer Partie seines Schützlings. Hier würde ein Bauernzug die gegnerischen Kräfte in ihrer Wirkkraft deutlich reduzieren und die üblichen Gegenschläge (Bauernhebel) b7-b6 und e7-e5 wären hier weniger wirkungsvoll oder schwieriger zu bewerkstelligen als in klassischer Aufstellung – der Läufer f8 fehlt.
Freestyle Chess is incredible deep and complex strategically. Imagine that 4 c5! is whites best move here. No human is capable of playing such, yet! pic.twitter.com/nQ9asUpW0H
Selbst bei dieser Schachvariante gewinnen zwei Springer nicht gegen den blanken König. Aber der Usbeke Nodirbek Abdusattorov versucht es trotzdem und handelt sich den Blick des ersten Tages ein. Ich muss gestehen es aus Ärger über den Partienverlauf auch schon einmal vor vierzig Jahren in einer Turnierpartie versucht zu haben. Ich kann garantieren, es geht nicht. Ich vermute Gukesh konnte ein Remis reklamieren, aber wer kennt schon die Regeln in dieser Situation? Anmerkung zu den Regeln: Da die stärkere Seite theoretisch gewinnen kann, muss man 50 Züge warten bis man reklamieren kann.
Man muss wissen, dass Magnus Anteilseigner an dem norwegischen Unternehmen Take Take Take ist. Die Moderatorin konfrontiert Sutovsky mit einigen Aussagen, anders als Jan Henric Buettner, der von ihr in Weissenhaus ebenfalls befragt wurde und weitgehend monologisiert. Interessant ist die Gegenüberstellung trotz des offensichtlichen Mangels an Waffengleichheit im Setting. Es bleibt so, dass die Darstellungen der internen Gespräche beider Seiten voneinander abweichen und unterschiedliche Schwerpunkte in der Argumentation enthalten. Ein wesentlicher Aspekt ist, dass laut Buettner die FIDE auf die Idee kam das Event Weltmeisterschaft zu nennen. Sutovsky stellt das anders dar. Man wird die Wahrheit in diesem nicht unwichtigen Detail vermutlich nie erfahren.
Emil Sutovsky im Interview
Laut Jan Henric Buettner hat ihn die FIDE gedrängt seine Eventserie als Weltmeisterschaft zu veranstalten. Er wollte eigentlich nicht. Am Ende ging es laut Buettner wie immer im Leben um Geld. 50.000 US-Dollar, 100.000 US-Dollar, 300.000 US-Dollar und 500.000 US-Dollar waren irgendwann im Gespräch. Er wollte vor allem die jüngeren Spieler schützen und daher habe man sich entschieden, das Turnier nicht weiter als Weltmeisterschaft anzukündigen.
In gewisser Weise lustig, aber auch nach journalistischen Standards unterirdisch wird es wenn der Unternehmer aus Hamburg sein Mobiltelefon zückt, aus der Konversation mit Arkadij Dvorkovich zitiert und Nachrichten vorliest. Der beabsichtigte Eindruck entsteht, dass die FIDE durch immer neue Forderungen die Verhandlungen blockiert habe und Dvorkovich nicht der eigentliche starke Mann der anderen Seite auf dem Feld gewesen sein soll. Dass die Verhandlungen mit den Vertretern der FIDE keinen Spaß gemacht haben, kann man Buettner abnehmen. Dennoch kann weder die Fragestellerin noch der Zuschauer den Kontext der vorgelesenen Nachrichten beurteilen.
Singapur habe über eine Million (US-Dollar) gekostet und ihm und seinem Team wurden Hindernisse in den Weg gelegt, so schildert es Buettner. Die Freestyler haben sich die Aufmerksamkeit der WM zunutze machen wollen, reklamiert Sutovsky. Ob sämtliche Details genau so passiert sind wie der Freestyle-Chef es darstellt weiß man nicht. Buettner wird nicht mit weitergehenden Fragen konfrontiert oder mit der Position der Gegenseite, die seinen Auftritt als Gegenveranstaltung gegen ihre Weltmeisterschaft verstanden haben dürfte. Eine verpasste Chance.
Laut Buettner ging es der FIDE vor allem um Geld neben einem Platz im gemeinsamen Boot. Vor allem die Anerkennung der klassischen FIDE Weltmeisterschaft und das Installieren eines Qualifikationsmechanismus scheinen einige wichtige Streitpunkte gewesen zu sein. Auf den Aspekt der Qualifikation geht die Interviewerin allerdings nicht ein.
Jan Henric Buettner im Interview
Caruanas Take
In seinem Podcast C-Squared geht Fabiano Caruana im Gespräch mit seinem Sekundanten Cristian Chirila zunächst auf sein katastrophales Turnier in Wijk aan Zee zu Beginn des Jahres ein. Nach etwas mehr als 23 Minuten beginnen die beiden sich mit dem in den Schachwelt alles überschattenden Thema zu beschäftigen. Verglichen mit den zwei vorherigen dreifachen Takes ist es wohltuend jemandem zuzuhören, der versucht die Situation aus Spielersicht zu erklären. Nicht überraschend will der US-Amerikaner sich weder auf die eine noch auf die andere Seite schlagen. Er würde gerne beide Events spielen und den eigentlichen Streitpunkt habe ihm niemand so richtig erklären können.
Zu der Diskussion in Spielerkreisen gibt Fabiano seine Einschätzung zu Protokoll und glaubt nicht, dass die jungen Spieler sich für die vermeintlich höheren Aussichten Geld zu verdienen entscheiden würden. Für ihn gilt das ebenfalls. Er will Schachweltmeister werden und der ist in der Tradition von Lasker, Steinitz, Fischer und Kasparow angesiedelt. Chirila und Caruana erwähnen mehrfach, dass es in Weissenhaus vor allem um Spaß geht. Richtig ernsthaft scheint der langjährige Weltranglistenzweite Freestyle Schach also nicht zu nehmen.
Ein Detail lässt bei der Schilderung von Caruana aufhorchen: Caruana wusste bis zu einem gewissen Zeitpunkt gar nicht, dass die Freestyler eine Weltmeisterschaft ausrichten wollten. Darauf habe ein Vertreter der FIDE ihn aufmerksam gemacht. Auf der Website stand das in den Regularien, aber nicht auf der Startseite auf der die Tour angekündigt wurde.
Caruana erinnert an die bisherigen Weltmeisterschaften im Fischer Random bzw. Schach 960. Er berichtet von lächerlichen Qualifikationen und Wildcards, die gegen die Vorstellung, es handele sich um eine Weltmeisterschaft sprechen. Das hat eine gewisse Komik, da bei Freestyle Grand Chess Tour 2025 genau solche Wildcards bei der Auswahl der Spieler vergeben werden. Kritisch gegenüber der FIDE äußert sich Caruana besonders in einem Punkt: Einige Spieler seien in Wijk aan Zee, während des Turniers, mit einem Papier (Waiver) der FIDE konfrontiert worden, das sie bis zum 3. Februar unterschreiben mussten (Anmerkung: es ist bei der FIDE vom 4. Februar abends 18.00 Uhr CET die Rede).
Caruana spricht zudem an, dass die FIDE zuletzt keine eigenen Weltmeisterschaften im Fischerschach mehr veranstaltet hat und Nakamura in 80 Jahren vielleicht noch amtierender Champion sein könnte. Anmerkung: Die aktuelle Situation spricht dagegen, dass sich das ändern wird. Die FIDE würde durch ein eigene Turnierserie im Fischer Random ein Wiederaufleben des Konfliktes herbeiführen. Zudem dürfte sie unter den aktuellen Voraussetzungen kaum Geldgeber für diese unter Schachspielern bisher ohnehin nicht sehr populäre Variante finden.
Der Anand Take
Kein Thema ist bei den Fragerunden und im Podcast ein anderer wichtiger Aspekt: Die Rolle von Viswanathan Anand, der aus dem Startturnier in Weissenhaus ausgestiegen war. Die indischen Medien allerdings bleiben dran. Die Hindustan Times ist ein wichtiges, auflagenstarkes Medium in dessen Heimat mit ausführlicher Berichterstattung über Schach. Das Interview gibt allerdings nicht der Exweltmeister Anand, sondern erneut Emil Sutovsky. Ob Anand sich letztlich äußern wird zu den Gründen seines Ausstiegs steht in den Sternen. Für den Hintergrund ist das Interview trotzdem interessant. Sutovsky regt zum Schluss an, Anand zu seinen Beweggründen zu befragen, da er nicht für diesen sprechen könne.
Magnus Carlsen Take
Ein längeres Interview mit Magnus Carlsen ist angekündigt, vielleicht aber auch nur für Abonnenten. Momentan sind Schnipsel daraus bereits öffentlich. Er sieht die Freestyle Aktivitäten nicht gegen klassisches Schach gerichtet und fühlt sich missverstanden. Das klingt nach einer Art Teilrückzug nach seinem Tweet zum Start der Schachweltmeisterschaft in Singapur.
"I was following it intently as a fan. I love the event. We honestly believe that Freestyle chess is better for a classical format; that doesn't mean that we're trying to take down classical chess or anything like that." @MagnusCarlsenpic.twitter.com/n4kUuzjsBX
Rustem Dautov, Sergei Kalinitschew und Manfred Kuhle (stehend).
Die Sowjetarmee unterhielt an ihrem DDR-Hauptquartier eine Schachgruppe, aus der lauter Großmeister hervorgingen. Rustem Dautov erinnert sich.
Aufgezeichnet von Stefan Löffler
„In der Sowjetunion brauchten Studenten gewöhnlich nicht zum Militär. Wenn man eine Vorladung bekam, ignorierte man sie und wurde in Ruhe gelassen. Aber bei mir waren sie hartnäckig. In Ufa, meiner Heimatstadt, hatte ich schon ein Jahr studiert, und dachte, dass ich um den Militärdienst herumkomme, als sie begannen, mich zu suchen. Ich habe mich versteckt, aber sie fanden mich und schickten mich in ein Ausbildungslager. Ich dachte, ich hätte sinnlos zwei Jahre verloren. Nach einigen Wochen verstand ich, dass ich wegen des Schachs eingezogen wurde. Dass es einen Befehl von oben gab.
Nach zwei Monaten militärischer Ausbildung wurde ich 1984 in der DDR stationiert. Ich war 18. Uniform brauchte ich nur in der Anfangszeit tragen, als ich noch ein einfacher Soldat war. Meine Aufgabe war, Schach zu spielen. Jeder Erfolg brachte unserem Armee-Sportklub Punkte in einem internen Vergleich. Ich gehörte zur Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Ihr Hauptquartier war in Wünsdorf, vierzig Kilometer südlich von Berlin.
Abgesehen davon, dass man viele Uniformen sah, war es fast wie eine normale Stadt. 50 000 Menschen lebten da: Soldaten, Zivilisten, die für die Armee arbeiteten, und ihre Familien. Es gab Schulen, einen Bahnhof, von dem täglich ein Zug nach Moskau fuhr, und Geschäfte. Dort war fast alles im Angebot, was auch DDR-Bürger kaufen konnten. Wenn wir etwas Spezielles brauchten, fuhren wir nach Zossen oder Berlin. Das Kantinenessen war immer gut. Versorgungsprobleme, wie ich sie aus der Sowjetunion kannte, gab es in Wünsdorf nicht. Die Stadt war sehr grün – voller Kiefern und umgeben von Wäldern. Später, als ich schon Unteroffizier war und mehr Freiheiten hatte, ging ich dort oft Pilze und Beeren sammeln. Aus den nahen Seen angelte ich Karpfen, oft bei Mondschein in lauen Sommernächten.
Während der ersten zwei Jahre Militärdienst wohnte ich mit den anderen Soldaten in der Kaserne, danach wurde mir eine kleine Wohnung angeboten. Natürlich habe ich nach zwei Jahren verlängert und wurde ohne Umstände zum Unteroffizier befördert. Für einen Schachspieler war es ein Traum. Ich hatte alles, was ich zum Leben brauchte, konnte zu Turnieren fahren und mit starken Spielern trainieren. Was ich in Wünsdorf lernte, davon lebe ich beim Schach bis heute.
Unsere Gruppe wurde immer stärker. Als ich kam, waren Waleri Tschechow und Sergei Kalinitschew schon da. Als nächstes stieß Andrei Kowaljew dazu, dann Wladimir Tschutschelow und Konstantin Asejew. Kostja wurde mein wichtigster Trainingspartner. Seine Systeme spiele ich immer noch. Auch Georgi Timoschenko und Ildar Ibragimow waren einige Zeit in Wünsdorf, aber sie kehrten nach ihrem Militärdienst in die Sowjetunion zurück. Wir anderen blieben, solange wir konnten.
Wir verstanden uns alle großartig miteinander. Wir waren wirklich Freunde. Waleri war gut zehn Jahre älter und als einziger bereits Großmeister. Alle anderen holten sich den Titel später. Waleri war Offizier, Sergei Zivilist. Beide hatten Frau und Kind. Auch Konstantin und Andrei waren Zivilisten. Uniform brauchten aber auch wir von der Armee nicht zu tragen. Selbst bei Armee-Turnieren nicht. Das waren die wichtigsten. Sie fanden in der Sowjetunion statt, Mannschaft und einzeln getrennt. Mehrmals wurden wir Zweiter bei der Mannschaftsmeisterschaft der bewaffneten Streitkräfte der Sowjetunion. Und bei der letzten Austragung 1989 in Leningrad wurden wir Erster.
Gut erinnere ich mich an 1986. Die Mannschaftsmeisterschaft fand in Nowosibirsk statt. Wir nahmen den Zug nach Moskau, eine gemütliche Fahrt von ungefähr 24 Stunden, und von dort weiter mit dem Flugzeug. In dem Jahr war die Einzelmeisterschaft in Kaliningrad, dem alten Königsberg. Ich wurde Erster, aber richtig freuen konnte ich mich nicht, denn das Ende des Turniers fiel mit dem Reaktorunfall in Tschernobyl zusammen. In der Sowjetunion wurde das völlig verharmlost. Alle hatten Angst, dass die Wolke mit dem Fallout zu uns kommt, aber letztlich blieben wir auf der Rückreise und in Wünsdorf verschont.
Dort hatten wir ein angenehmes Leben. Am Anfang wurde ich noch zum Putzen eingeteilt, später als Unteroffizier kaum noch. Wir trafen uns jeden Tag zum Schachtraining im Haus der Offiziere, einem riesigen Palast in der Mitte der Garnison. Der Schachraum war im zweiten Stock. Computer spielten noch keine Rolle. Wir analysierten mit Brett und Figuren. Unsere Bibliothek war nicht besonders groß, aber gut sortiert. Am wichtigsten waren die Schachinformatoren aus Jugoslawien. Aus der Sowjetunion hatten wir Eröffnungsbücher und alle Schachzeitschriften. Auch die Zeitschrift Schach aus Berlin.
Opens gab es im Osten damals kaum. Gelegentlich wurden wir zu Turnieren in der DDR oder in den sozialistischen Bruderstaaten eingeladen. Als ich in Kécskemet eine GM-Norm erspielte, bekam ich auch ein nennenswertes Preisgeld, mit dem ich etwas anfangen konnte. Mannschaftskämpfe spielten wir für Dynamo Potsdam. Es hieß DDR-Liga, war aber die zweite Liga unter der Oberliga. Wir sind nie aufgestiegen, und das war wohl auch gewünscht so, denn in der Oberliga spielten keine Ausländer. Nach der Wende wechselten wir zu Empor Berlin.
Dass die Sowjetunion aufgelöst wird, war abzusehen. Dass Russland später Georgien und die Ukraine überfällt, konnte sich wohl keiner von uns vorstellen. Damals mussten wir unsere eigene Zukunft regeln. Bis Ende 1991 hätten wir in Wünsdorf wohnen bleiben dürfen. Sergei und Waleri kehrten nach Moskau zurück, Kostja nach St. Petersburg und Andrei nach Minsk. Wladimir zog es nach Belgien. Mir besorgte Bernhard Schewe Anfang 1991 eine kleine Wohnung in Berlin. Statt Miete zu zahlen spielte ich fast umsonst für Empor Berlin. Ich war allerdings kaum da, reiste von Open zu Open. Ich lernte Petra kennen, die später meine Frau wurde, und zog noch im gleichen Jahr zu ihr nach Hessen.
Nach Wünsdorf bin ich nie wieder zurückgekehrt, aber ich habe gelesen, dass die Gebäude bröckeln und die alte Garnison verfällt. Oft wird erwähnt, die Stadt sei für DDR-Bürger verboten gewesen. Aber das stimmt nicht, zumindest wurde es nicht kontrolliert. Manfred Kuhle, unser Mannschaftsführer aus Potsdam, kam uns ein paar Mal besuchen. Auch Bernhard Schewe aus Berlin. Von einer Bunkerstadt mit geheimen Anlagen wussten wir damals nichts. Dieser Teil ist einige Kilometer von unserem Standort entfernt.
Außer mir sind alle Schachtrainer geworden. Sergei ist nach seiner Scheidung aus Moskau nach Berlin gezogen. Kostja bekam Krebs und wurde nur 44. Ob Waleri noch arbeitet, weiß ich nicht, aber bei Andrei in Belarus bin ich mir sicher. Den größten Erfolg hatte Wladimir. Als Trainer ist er international gefragt. Er war nicht der stärkste Spieler von uns, aber er hat sein Talent entdeckt, andere zu unterstützen. Seine bekanntesten Schüler heißen Anish Giri und Fabiano Caruana.“
Rustem Dautov
Rustem Dautov wurde deutscher Staatsbürger und trat von 1996 bis 2005 für die Nationalmannschaft an. Turnierschach spielt er nur noch für die Schachfreunde Deizisau. Er lebt im Westerwald.
Der Schachkalender ist ein Unikat der Schachpublizistik. Alljährlich vor Weihnachten bringt er eine Vielzahl an Themen und Beiträgen, wie sie sonst nicht selten zu finden sind. In der aktuellen Ausgabe beispielsweise eine ausführliche Bilanz der Zäsur, die das Nazi-Regime für das Wiener Schach bedeutet hat: vor 1938 ein Zentrums des internationalen Schachs, nach 1945 tiefste Provinz. Oder, um in Wien zu bleiben, eine Kurzgeschichte von Anatol Vitouch. Oder ein Porträt des stärksten Italieners des 19. Jahrhunderts Serafino Dubois, das nebenbei mit dem Mythos aufräumt, 1575 habe in Madrid das erste internationale Schachturnier stattgefunden. Es handelt sich mit höchster Wahrscheinlichkeit um eine Erfindung italienischer Autoren. Eine Sammlung über Karl-Heinz Podzielny von Thorsten Cmiel erinnert an einen der stärksten Blitzspieler Deutschlands. 2024 wäre Podzielny, Podz-Blitz 70 Jahre alt geworden.
Ins Leben gerufen hat den Schachkalender der Berliner Schachverleger und Händler Arno Nickel. Nach vierzig Ausgaben hat er sich zurückgezogen. Die Redaktion hat der Journalist Stefan Löffler übernommen, das Layout der Berliner Designer Wolf Bōese. So viel Platz wie früher gibt es nicht mehr für eigene Einträge. Dafür sind der Sound und das Erscheinungsbild jünger und kantiger geworden. Um neue Leser zu gewinnen, wurde auch der Preis von 17,50 Euro auf 14 Euro gesenkt.
Als Leseprobe hat Löffler Chessecosystem ein wenig bekanntes Stück deutscher Schachgeschichte zur Verfügung gestellt: Erinnerungen des früheren Nationalspielers Rustem Dautov (Jahrgang 1965) an die Schachgruppe der Roten Armee in der DDR, die südlich von Berlin in einer Garnisonsstadt stationiert war.
Es ist schade. Jan Henric Buettner und Magnus Carlsen sind laut gestartet mit ihrem Projekt und mit ihrer Konfliktstrategie kleinlaut gelandet, vorerst. Der Weltschachbund setzt sich durch mit seiner Verteidigungsstrategie und trotzdem verlieren alle, irgendwie.
Ein Kommentar von Thorsten Cmiel
Ab dem 7. Februar 2025 wird in Ostholstein Schach gespielt. Fischer Random Schach mit ausgelosten 959 Stellungen oder Freestyle Schach, wie andere sagen. Die besten Schachspieler der Welt spielen eine Schachvariante mit ausgelosten Stellungen, die Spannung verspricht für die Spieler auf dem Brett. Die finanzielle Ausstattung des Projektes ist hervorragend und die Spielbedingungen ebenfalls. Die Schachwelt darf tolle Hochglanzbilder erwarten und komplexes Geschehen auf dem Schachbrett. Das ist eine Bereicherung für das Turnierangebot von Spitzenturnieren. Allerdings ist längst nicht ausgemacht, dass der Spaß auf dem Brett, den es manchem Akteur zu machen scheint, auf die Zuschauer überspringt. Denn es bleiben offene Fragen.
Ist Freestyle Schach massentauglich?
Schach ist ein komplexes Spiel, das der Vielzahl von Zuschauern ohnehin schwierig zu vermitteln ist. Wenn man aber selbst einigermaßen versteht was auf dem Brett passiert, dann ist das Schachspiel ein faszinierendes Spiel. Es muss für die meisten Zuschauer gut erklärt werden, taktisch und strategisch. Schach ist nicht einfach visuell zu verstehen, sondern bedarf des Kommentars von meist starken Spielern. So können die Moderatoren etwas Licht ins Dunkel bringen. Für den typischen Zuschauer, der oft nur etwas mehr als Regelkenntnisse aufweist, ist der „Evalbar“, das ist die Computerbewertung in Balken- und Zahlenwerten, eine Hilfe das Geschehen auf dem Brett zu verstehen. Man weiß intuitiv wer vorne liegt in einer Partie. Aber: Bei Freestyle Schach sind sogar erfahrene Großmeister mit dem Erklären der ausgelosten Grundstellung überfordert und müssen früh die Maschinenbewertung zur Hilfe nehmen, um keinen Unsinn zu erzählen. Diese Zweifel an der Erklärbarkeit müssen die Freestyler irgendwie auflösen, um Zuschauer dauerhaft an sich zu binden.
Ein anderer Aspekt auf den die Freestyler eine Antwort parat haben müssen: Warum soll Freestyle Schach mit klassischer, also langer Bedenkzeit besser sein? Ausgerechnet die zwei Hauptprotagonisten Hikaru Nakamura und Magnus Carlsen, gehören zu denjenigen, die schon längere Zeit am lautesten eine kürzere Bedenkzeit fordern. Im Freestyle Schach soll es anders sein, damit die Spieler sich in die ungewöhnlichen Stellungen einarbeiten können und die Partien qualitativ nicht zu schlecht ausfallen. Das ist verständlich, steht aber im krassen Widerspruch zu der oft vorgetragenen These, Schach sei nur mit kürzeren Bedenkzeiten attraktiv vermarktbar. In kleineren Happen sozusagen.
Es wäre toll wenn die Freestyler wie angekündigt die Präsentation von Schachevents revolutionieren würden. Das kann durch neue Übertragungstechniken, neue Erklärkonzepte oder beispielsweise ungewöhnliche neue Zugänge erfolgen. Freestyle Schach als Avantgarde wäre ein tolles Konzept, das Schach insgesamt nach vorne bringen könnte. Alle würden profitieren und Spitzenprofis hätten eine dauerhafte neue Einnahmequelle. Das wäre eine Art Koexistenz, am besten ohne Futterneid.
Ich persönlich bezweifle, dass man Top-down sozusagen einen Trend in die Schachwelt implantieren kann. Freestyle Schach ist eher keine massentaugliche Variante, dafür sprechen die bislang mäßigen Zahlen von Spielen dieser Variante, auf den Onlineplattformen. Auch in der echten Welt gibt es unzählig viel Schachturniere mit der einen Stellung, aber kaum welche mit Fischer Random. Das mag mehrere Gründe haben. Einer davon: Der Schachenthusiast mag seine Eröffnungen, um sich daran in der eigenen Partie zu orientieren. Er kann mit gutem Willen und Interesse sogar durch eigenes Studium begreifen, wie unglaublich komplex die Vorbereitung in der Weltspitze heute sein muss. Turnierspielern, online oder offline ist in der Frage egal, spielen das gleiche Spiel wie Carlsen, Gukesh und Caruana, nur auf einem deutlich niedrigeren Niveau. Trotzdem gibt es Millionen Spieler, die täglich in der gleichen Ausgangsstellung starten. Schach macht auf unterschiedlichen Spielniveau Spaß und fasziniert.
Die gleichen Regeln sind bei vielen Sportarten wie Fußball ein häufig vorgetragenes Argument für deren Popularität. In der Weltspitze wird nach den gleichen Regeln gespielt. Ein Fußballspiel dauert bei Erwachsenen 90 Minuten. Die Abseitsregel gilt sogar in der Kreisliga und so weiter. Durch die Einheitlichkeit der Regeln und damit des Spiels insgesamt ist die Leistung der Akteure in der Spitze für viele Beobachter besser einzuordnen und man kann mitreden als Fan.
„Krieg“ statt Koexistenz
Der Konflikt zwischen dem Weltschachbund und dem Freestyle Projekt erscheint im Nachhinein unnötig, war aber leider aus Sicht eines Beobachters erwartbar. Der Streit eskalierte letztlich um die Frage, ob ein neu gegründetes Unternehmen in Hamburg eine Schachweltmeisterschaft ausrichten darf, ohne Qualifikation und nach eigener Auswahl der Teilnehmer, handverlesen war die Vokabel. Das klingt nicht nur willkürlich, das ist es auch.
Der Weltschachbund konnte es verständlicherweise nicht zulassen, dass die Organisation selbst keinen Einfluss auf ein Turnier, das sich Weltmeisterschaft nennt, haben sollte. Die FIDE glaubt ein Monopol auf das Ausrichten von Weltmeisterschaften zu haben. Die Position des Weltschachbundes konnten die Mannen um den Unternehmer Jan Henric Buettner nicht überrascht haben. Letztlich gehört es zur Vorbereitung dazu, die Position des Verhandlungspartners zu kennen und dessen mögliche rote Linien zu respektieren. Zumindest wenn man sich einigen will. Insofern stellt sich der monatelang schwelende und letztlich eskalierte Konflikt, zunächst als unprofessionelles Verhalten der Freestyler dar. Für diese Erkenntnis muss man nicht einmal Partei ergreifen.
Recap
FIDE und Freestyler hatten Termine abgesprochen und seit dem Spätsommer miteinander verhandelt. Irgendwann in der Zeit tauchte dann die Forderung der Freestyler auf, dass man gerne den Sieger der Grand Slam Tour zum Weltmeister küren würde. Danach stockten die Verhandlungen. Man kann sich nur vorstellen wie die Diskussionen aussahen, aber es ein vermutlich gute Wette, dass irgendwann, vielleicht aus Ungeduld, undiplomatisch von Seiten der Freestyler argumentiert wurde: Die FIDE habe ohnehin keine Rechte an dem Titel, man würde das im Zweifel rechtlich durchsetzen und einen Aufstand der Spieler organisieren. So hört sich Buettners Argumentation im Januar 2025 in Kurzform an. Er könnte intern schon vorher so argumentiert haben. Die Freestyler mögen rechtlich sogar die besseren Argumente haben, aber darauf kommt es letztlich gar nicht an in dieser Verhandlungssituation. Man müsste die Spieler in ihrer Mehrheit überzeugen die Eskalation mitzugehen und dazu waren vermutlich mit Carlsen und Nakamura nur zwei Spieler, deren Karriere sich dem Ende neigt, bereit.
Irgendwann im November, vermutlich nach einem teuren medialen Fiasko in Singapur, wurden gezielt Gerüchte gestreut. Als Narrativ stellte sich die Situation in der Öffentlichkeit so dar: Die gierige FIDE will 500.000 US-Dollar pro Jahr und die Freestyler wollten nur 100.000 US-Dollar zahlen. Dem widersprach Arkadij Dvorkovich für die FIDE früh. Emil Sutovsky erläuterte seine Sicht auf die Dinge in einem Interview mit Kaja Snare einen Tag nach dem vorläufigen Ende des Konfliktes. Seine Version, man müsse für eine Weltmeisterschaft eine Qualifikation organisieren und die koste mehr als die angebotenen Beiträge der Freestyler, klingt zumindest plausibel und deutet an, dass die Freestyler nicht das vollständige Bild gezeigt haben könnten.
Wie man keine Einigung hinbekommt
Der restliche Ablauf eignet sich als Fallstudie für schlechtes Verhandeln. Die Freestyler versuchten ihre nicht abwegige Rechtsposition durch Briefings in die Öffentlichkeit zu tragen. Die FIDE würde ihre Macht ungerechtfertigt ausnutzen und könne den Titel gar nicht schützen und Spieler nicht erpressen, hieß es. Dafür wurden manche offene Briefe der Freestyler verfasst, Ausstiegsdrohungen für New York verbreitet und Influencer informiert. Zudem wurde am 21. Dezember 2024 eine Einigung verkündet, die Spieler und Freestyle mit der FIDE gefunden haben wollen. Diese Meldung war eine leicht erkennbare „Ente“ wie man früher sagte, also ein Falschinformation. Erneut widersprach Dvorkovich per Social Media. Ein Rechtsstreit drohte.
Zu den Sticheleien der Freestyler gehörten abschätzige Bemerkungen von Magnus Carlsen über klassisches Schach. Vorgetragen kurz vor dem Weltmeisterschaftskampf und dokumentiert bei Twitter und in einem Werbevideo der Freestyler. Das will Carlsen im Nachhinein nicht so gemeint haben, wie er ebenfalls Kaja Snare erzählte.
Showdown
Verwunderlich ist aus meiner Sicht, dass die Verhandlungen zwischen den Parteien überhaupt weiter geführt wurden. Möglicherweise hat in der Folge Dvorkovich seit Dezember 2024 nur noch zum Schein verhandelt und ihm war als erfahrenem Politiker und Funktionär bereits bewusst, dass es keine Einigung mehr geben könne. Solch ein geheimer Vorbehalt wäre ihm nach den vielen verbalen Fouls der Gegenseite nicht einmal zu verdenken.
Zuletzt kritisierten Buettner und Carlsen den FIDE-Präsidenten Arkadij Dvorkovich und griffen ihn persönlich an. Die Freestyler dürfen sich letztlich nicht beklagen, denn wenn man offen droht und aus internen Diskussionen Teilinfomationen leakt, will man keine Einigung. Bei einer Konfliktstrategie muss man letztlich zur Eskalation auch bereit oder in der Lage sein. Die FIDE hat hier das Verhandlungsspiel besser gespielt als die Freestyler mit dem besten Schachspieler aller Zeiten, der letztlich abseits des Brettes in dem Konflikt eher wie ein bockiges Kind wirkt, das seinen Willen nicht bekommt. Die persönlichen Angriffe von Carlsen zunächst gegen Sutovsky und Anand und später von Buettner und Carlsen gegen Dvorkovich haben das sprichwörtliche Tischtuch endgültig zerschnitten.
Der Konflikt gärt weiter
Am Ende ist Buettner und dem Freestyle Projekt die Zeit ausgegangen. Der Unternehmer Buettner hat letztlich die Notbremse gezogen und auf die Bezeichnung Weltmeisterschaft verzichtet. Die Freestyle Chess Grand Slam Tour 2025 kann stattfinden mit allen Spielern. Buettner wird bemerkt haben, dass die Meinungen zu dem Streit in der Schachwelt gespalten sind und das gilt vermutlich sogar für die Spitzenspieler seiner eigenen Tour, die sicherlich gerne die bestens dotierten Turniere spielen, aber für die der Titel Weltmeister im Freestyle Schach keine Bedeutung hat. Vielleicht hat Buettner zu sehr darauf gebaut, dass Magnus Carlsen als bester Spieler aller Zeiten, GOAT, eine breite Unterstützerbasis genießt in der Schachwelt und unter den Spielern. Diese bröckelt aber schon seit dem Drama mit Niemann 2022 zusehends und nicht zuletzt wegen des geteilten Blitz-Weltmeistertitels in New York wird Carlsen zunehmend kritischer gesehen. Dass er die Situation mit dem geteilten WM-Titel falsch eingeschätzt hat, sieht Carlsen inzwischen selbst ein.
Es bleibt zu hoffen, dass Buettner und Carlsen doch noch irgendwen im eigenen Team finden, der sie von ihrem bisher eingeschlagenen Konfliktpfad abbringt. Zwar will Buettner seine Rechtsanwälte kontaktieren, aber das kann er später auf die Emotionen des Moments schieben.
2026 – Konflikt unwahrscheinlich
Im nächsten Jahr werden die praktischen Chancen auf einen erfolgreichen Rechtsstreit mit der FIDE übrigens nicht besser stehen, im Gegenteil. Der Weltverband hat Verträge mit seinen Spielern, welche diesen die Teilnahme an Schachweltmeisterschaften anderer Organisatoren erschwert. Bei Verstoß kann die FIDE diesen Spieler aus dem eigenen WM-Zyklus nehmen, heißt es. Diese Vereinbarungen mögen letztlich rechtlich nicht haltbar sein, aber das gerichtsfest nachzuweisen dauert Zeit. In 2026 stehen Kandidatenturnier und Weltmeisterschaft an. Kein Kandidat wird sich 2026 auf das Risiko eines Ausschlusses von dieser Chance einlassen. Dem Projekt Freestyle gingen dann – sie müssten die Tour zum Eskalieren zunächst wieder Weltmeisterschaft nennen – die Spieler verloren und nicht der FIDE.
Es ist nicht anzunehmen, dass der aktuelle Weltmeister Gukesh und die Inder insgesamt ein solches rechtliches Risiko eingehen. Die Kampagne der Freestyler hat bereits indische Sportmedien auf den Plan gerufen. Sollte sich die Sichtweise durchsetzen, dass Magnus Carlsen und Jan Henric Buettner den wahren Weltmeister küren wollen, dann kehren mit größter Wahrscheinlichkeit die besten Spieler der Welt, und das sind zurzeit vor allem die indischen Goldmedaillengewinner aus Budapest, der Freestyle Serie den Rücken. Damit würde die Legitimität des Events einen erheblichen Schaden nehmen. Sportlich wäre sie uninteressant für die künftig führende Schachnation der Welt.
Jan Henric Buettner und sein Team dürften also gewarnt sein. In 2025 können sich die Freestyler endlich darauf konzentrieren, Freestyle Schach attraktiv zu präsentieren und erfolgreich zu vermarkten. Das würde das Prestige des Projektes in der Schachwelt steigern. Die Freestyler müssen künftig nicht einmal mit der FIDE über das Abstimmen des Kalenders hinaus zusammenarbeiten. Die Angriffe auf das klassische Schach und damit den wichtigsten Weltmeistertitel der FIDE sollten sie allerdings künftig unterlassen. Sie vergraulen dadurch nicht nur Funktionäre, sondern auch andere Organisatoren von klassischen Schachturnieren. Der Erfolg des Projektes Freestyle hängt in Zukunft weniger von der FIDE als von den eigenen Protagonisten ab.