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Foto: Lennart Ootes (FIDE Chess)

Von Thorsten Cmiel

Die Entscheidung über die Vergabe der Goldmedaille bei der Schacholympiade in Chennai fiel in einer Partie: im Duell zwischen dem Inder Gukesh und dem Usbeken Nodirbek Abdusattorov. Der 16-jährige Inder stand nach der Eröffnung besser und schließlich auf Gewinn. Doch dann glitt Gukesh die Partie nach und nach aus den Händen und Usbekistan gewann in der Folge die Goldmedaille und das indische B-Team landete auf dem dritten Platz.

Anatomie eines schachlichen Unfalls

Chennai. In der zehnten Runde kam es bei der 44. Schacholympiade 2022 zum Kampf der zwei Überraschungsmannschaften. Die Youngster von Indien 2 spielten endlich gegen Usbekistan. Die Usbeken lagen zu diesem Zeitpunkt mit einem Matchpunkt vorne. Damit war klar, dass dieser Wettkampf eine Vorentscheidung für die Goldmedaille in der offenen Klasse bringen würde. Es lief zunächst hervorragend für die Inder, die mit Schwarz zwei Remis erreichten. Kurz vor der Zeitkontrolle war klar, dass Praggnanandhaa, Pragg, seine Partie gegen Sindarov gewinnen würde. Am ersten Brett spielten die zwei überragenden Spieler am Spitzenbrett gegeneinander. Gukesh für Indien und Nodirbek Abdusattorov für Usbekistan.

Der Verlauf der Partie ist einfach erzählt: Gukesh hatte erneut einen hervorragenden Tag erwischt. Nodirbek stand hinten drin und nach 32 Zügen sah es nach einem klaren Sieg für Indien aus. Gukesh musterhafte Partieführung hatte zu der folgenden Stellung geführt.


Der Bauer auf c5 geht verloren und die einzige Aufgabe von Weiß besteht darin, das Eindringen der gegnerischen Dame zu verhindern. Gukesh kann den Bauern hier schlagen, aber sein Zug mit dem f-Bauern von f2 nach f3 ist ebenfalls bestens geeignet. Der Usbeke weiß nicht wie er überhaupt weiterspielen soll, zieht seine Dame nach d6 und nimmt das Feld g3 ins Visier. Nach diesem Zug kann der Inder mit dem Springer auf c5 nehmen, den Läufer angreifen und mit dem Springer zurück nach d3 ziehen. Es kann nicht mehr lange dauern und Indien jubelt, denkt man.


Statt den Bauern auf c5 zu schlagen spielt Gukesh zunächst seinen König nach f1, vermutlich um mit seinem König von e2 oder e1 das Eindringen auf der eigenen Grundreihe zu verhindern und erst dann auf c5 mit dem Springer, oder mit einem König auf e2 mit der Dame auf c5 zu nehmen. Diese Methode wirkt etwas umständlich, sollte aber ebenfalls funktionieren.


Zeitkontrolle geschafft. Weiß steht klar auf Gewinn. Der Usbeke hatte seinen Läufer kurzzeitig auf f5 eingesetzt und Gukesh den a-Bauern gegen den e-Bauern seines Gegners getauscht. Aber erstmals stört eine gegnerische Drohung, wäre Schwarz hier am Zuge, er würde ein Schach auf g1 geben. Gukesh wehrt mit einem Springerzug nach c5 die Drohung seines Gegners ab und arbeitet weiter an der Verwertung seines Vorteils. Dennoch ahnt man als erfahrener Spieler, dass der weiße König langfristig ein sicheres Versteck benötigt, um gegnerischen Schachgeboten auszuweichen. Nach dem Springerzug nach c5 und Zug der gegnerischen Dame nach a5, antwortet Gukesh hier mit dem Zug seines Königs nach d1. Erstmals bekommt man als Beobachter kleine Zweifel an einem zweiten Sieg heute für Indien. Der König wäre gefühlt auf h2 sicherer, besser dorthin unterwegs und würde nebenbei den eigenen Bauern auf g2 verteidigen. Aber Gukesh ist ein hervorragender Rechner und wird schon wissen was er macht, beruhigen sich erstmals zweifelnde Beobachter.


Einzig die weiße Königsstellung ohne Schutz gibt Schwarz hier noch etwas Hoffnung auf ein Remis. Aber der weiße König steht auf c2 so postiert, dass der gegnerischen Dame auf der d-Linie keine Einbruchsfelder verbleiben. Läuft gut. Der nächste Zug von Gukesh überrascht, verblüfft, erschreckt den Zuschauer. Es ist der erste Zug ohne erkennbaren, nachvollziehbaren Hintergrund in dieser Partie, vermutlich in diesem Turnier. Der Inder zieht seinen König nach b2. Stand dieser König nicht auf c2 besser? Teamkollege Praggnanandhaa am Nebenbrett kennt die entscheidende Hürde in seinem Endspiel mit Turm und h-Bauer gegen Läufer offensichtlich und insofern wäre ein Unentschieden kein großer Verlust. Beruhigungspillen.

Einige Züge später sieht die Situation auf dem Brett so aus.


Die gegnerische Dame ist auf g1 eingedrungen und Weiß kann hier seine Dame erneut nach c2 ziehen und Nodirbek bleibt vermutlich nichts anderes als mit dem Damenzug nach c5 und nach erneutem Seitenstep der Dame nach d2 den Gegner zu fragen, ob er nach Damenzug nach g1 weiterzuspielen gedenkt. Falls er das will, weil er muss, kann Gukesh und damit Indien einen kleinen Erfolg melden. Die angedrohte Stellungswiederholung wäre in jedem Fall eine sichere Testmethode, die nichts kostet. Gukesh versucht es nicht einmal, sondern zieht seinen König nach c2. Das ist typisch für die junge Generation, aber kritikwürdig. Peter Svidler versteht es nicht und die Fans von Indien müssen weiter zittern, denn die Partie geht weiter in objektiv etwa gleicher Stellung. Es kam dann wie es häufig kommt in solchen Situationen Gukesh verlor nach einem groben Fehler.

Das Drama

Gukesh verschmähte das wahrscheinliche Remis und wird vom amtierenden Schnellschachweltmeister aus Usbekistan zunächst gekontert. Die Bewertung schwappt hin und her zwischen Ausgleich und Vorteil für Nodirbek. Bis dann der plötzliche Tod durch ein grobes Versehen eintritt. Gukesh sackt in sich zusammen.

Lennart Ootes (FIDE Chess)

Die Fotos fangen eine für das Schachspiel typische Situation ein, einem Spieler unterläuft ein grober Fehler, und man weiß weder als Betroffener noch als Glückspilz wie man reagieren soll. Gukesh fällt in sich zusammen, lässt seine Bedenkzeit ablaufen und bleibt zunächst konsterniert sitzen. Der Usbeke ist ebenfalls erkennbar geschockt über die Situation, vermutlich fühlt der Usbeke einen kurzen Moment mit seinem Gegner mit. Ein Lächeln kann ihm erst sein Team-Captain Ivan Sokolov aufs Gesicht zaubern.

Solche Situationen kommen vor im Schach, oft. Selten ist der Einsatz allerdings so hoch wie hier. Vergleichbar ist diese Wucht der Emotion für die Beteiligten vermutlich nur mit einem Weltmeisterschaftskampf oder einer finalen Runde in einem Kandidatenturnier oder einer WM-Partie.


Über den Tag hinaus

Gukesh wird einen Tag später sagen, dass seine Entscheidung unverantwortlich war. Tatsächlich ist dies der Kippmoment dieses Turniers, welcher Indien die Goldmedallie gekostet haben könnte, wobei man so nicht argumentieren darf in der Retrospektive, aber es fühlt sich so an. Vishy Anand erklärt die Situation ausführlich in seiner täglichen Kolumne zur Schacholympiade im The Hindu. (Kolumne von Anand) Gukesh habe auf Autopilot geschaltet und bekam den bisherigen Verlauf der Partie bei einer objektiven Bewertung nicht mehr aus dem Kopf. Aufmunternd schreibt er, dass das ihm selbst schon öfters passiert sei. Er, Anand, habe auf das Unentschieden gehofft, denn es komme unweigerlich sonst ein Punkt ohne Umkehr. Später wurde bekannt, dass Anand nachts im Hotel bei Gukesh vorbei schaute und mit ihm ein längeres Gespräch führte. Gukesh trat am nächsten Tag an und remisierte problemlos mit der deutschen Nummer 1 Vincent Keymer. Die zweite indische Mannschaft gewann souverän mit drei zu eins Punkten. Gukesh gewann die Goldmedaille am ersten Brett. Sicher kein Trost.

Bei der Siegerpressekonferenz der Schacholympiade in Budapest 2024 – diesmal gewann Indien Gold – wird Gukesh nach dieser einen Partie, der Entscheidungspartie 2022, gefragt. Die verpasste Chance wurmte den Inder offenbar noch immer. Gukesh formulierte es so:

Ich musste eine Schuld begleichen.

Gukesh in Budapest 2024.


Dieser Text wurde erstmals am 09.08.2022 bei Chessbase veröffentlicht. Leichte Änderungen und Ergänzungen.

Foto: Lennart Ootes (FIDE Chess) Von Thorsten Cmiel Die

Lu Miaoyi, Michal Walusza (Fide Chess)

IM Norm souverän – GM Norm verpasst

Im Reykjavik Open 2024 spielte ein junges chinesisches Mädchen, Lu Miaoyi, groß auf. Mit dabei war ihre Mutter, Yuanyuan Xu, sie ist ebenfalls Frauen-Großmeisterin. Die jüngere Chinesin war bis zur vorletzten Runde auf GM-Normkurs. Diese Chance kam allerdings offensichtlich noch etwas zu früh.





Ergebnisübersicht Lu Miaoyi

Die Analysen können heruntergeladen werden und wer will kann sie mit der Engine seines Vertrauens, oder besser ohne, nochmals genauer anschauen oder archivieren.


Hier ist der Button zum Download (Beispiel)

Lu Miaoyi, Michal Walusza (Fide Chess) IM Norm

Foto einer historischen Schachuhr von Dariusz Gorzinski

Klassische Bedenkzeit

Der wichtigste Titel im Schach, der Weltmeistertitel, wird mit der so genannten klassischen Bedenkzeit ermittelt. Beide Spieler erhalten beispielsweise zwei Stunden für ihre ersten vierzig Züge und dann gibt es einen Aufschlag für die nächsten zwanzig Züge und so weiter. Heutzutage sind Zuschauer und Spieler gewohnt, dass die Bedenkzeit aus zwei Komponenten besteht, neben der frei verfügbaren Zeit erhalten die Spieler einen Aufschlag je Zug. Dieser Aufschlag heißt Inkrement und beträgt beim klassischen Schach 30 Sekunden pro Zug. Das war nicht immer so und die Uhren waren natürlich ebenfalls nicht immer elektronisch und geben wie heutzutage üblich die Restbedenkzeit sekundengenau an.

Historische Uhren hatten ein Fallblättchen, das zu einem bestimmten Zug, dem Kontrollzug, noch oben sein musste, sonst hatte der Spieler auf Zeit verloren. Früher fand das Spiel in Zeitnot häufiger unter Unsicherheit statt und manches Drama spielte sich in Zeitnot ab. Dieser Spannungsmoment ist durch das Einführen des Inkrement, also Zeitaufschlag pro Zug, verloren gegangen. Bei der Weltmeisterschaft in Singapur wird wie beim Kandidatenturnier mit einem einmaligen Zeitaufschlag nach Zug 40 gespielt. Ab dem Zug 41 gibt es zudem Inkrement. Diese Kadenz ist schneller als noch 2018 in London, als die erste Partie fast sieben Stunden dauerte.

Diese Video zeigt die Schlussphase einer Schnellschachpartie im Oktober 2024, gespielt wurde ohne Inkrement. Quelle: Chessbase India auf Youtube.

Schnellschach

Partien mit weniger als einer Stunde Bedenkzeit für die gesamte Partie werden meist als Schnellschach bezeichnet. Dabei gibt es ganz unterschiedliche Kadenzen und Definitionen. In London bei der Mahindra Global Chess League beispielsweise war die Bedenkzeit bei 20 Minuten je Spieler für die gesamte Partie. Das war zunächst für einige Spieler ungewohnt und es kam zu fliegenden Figuren und dramatischen Szenen. Für die Zuschauer ein Spaß und genau darum ging es den Veranstaltern. Natürlich gab es in der Schachszene Kritik von Puristen daran.

Blitzschach

Beim Blitzschach erhalten die Spieler in der Regel nur drei bis fünf Minuten Bedenkzeit und zwei Sekunden pro Zug. Ohne elektrische Uhren wurde Blitzschach mit fünf Minuten Bedenkzeit für die gesamte Partie gespielt. Neben den Weltmeisterschaften mit der klassischen Bedenkzeit veranstaltet der Weltschachbund (FIDE) traditionell die Weltmeisterschaften im Blitz und im Schnellschach vor dem Jahreswechsel.

Bulletschach

Besonders fingerfertige Schachspieler spielen zudem Bulletschach. Auch hierbei gibt es vor allem je nach Online-Anbieter verschiedene Angebote. 1+1 meint dabei beispielsweise: Eine Minute Grundbedenkzeit plus eine Sekunde pro Zug. Manche Spieler reduzieren sogar noch diese Bedenkzeit und kommen mit noch weniger Zeit aus. Das heißt dann zum Beispiel Ultra-Bullet. Die indischen Geschwister und heutigen Großmeister Praggnanandhaa und Vaishali hatten und haben vermutlich immer noch viel Spaß mit 10+1-Partien. Wobei die Grundbedenkzeit zehn Sekunden beträgt. In einer Schachschule in Chennai soll manche Uhr bereits reparaturbedürftig gewesen sein.

Helfen Partien mit schneller Bedenkzeit die Spielstärke zu steigern

Es gibt Trainer, die halten wenig davon Jugendliche und Kinder Blitz spielen zu lassen, da das nur von Partien mit klassischer Bedenkzeit ablenkt und nichts bringt. Das ist allerdings nicht erwiesen. Bekannt ist, dass der indische Großmeister Nihal Sarin viel und gerne online blitzt und seine Spielstärke durch Austesten von Varianten bis in die Weltklasse gesteigert hat. Ein anderer Protagonist der schnellen Finger ist der US-Amerikaner Hikaru Nakamura, einer der stärksten und bekanntesten Spieler und Schachstreamer der Welt. Dieser hat allerdings ein anderes Problem zu lösen, da er gewohnt ist bei seinen Partien Züge mit einem Hilfsmittel auszuführen.

Hikaru Nakamura — Auf der Suche nach der Computermouse bei einer Turnierpartie: Video von Chess.com auf Youtube.

Foto einer historischen Schachuhr von Dariusz Gorzinski Klassische

Foto: Konstantin Shalabov (Fide Chess)

Der Wettkampf um die Krone des Frauenschach ist noch nicht einmal terminiert, da läuft schon die Qualifikation für das nächsten Kandidatenturnier der Frauen. Im kasachischen Shymkent fand bereits das zweite von sechs Grand Prix Turnieren in 2024 statt.

Dabei hatten die Frauen erst vor wenigen Monaten in Toronto die neue Herausforderin für die Weltmeisterin Ju Wenjun ermittelt. Souverän gewann Aleksandra Goriachkina den zweiten Grand Prix 2024 in Kazachstan vor der Chinesin Tan Zhongyi. Auf dem dritten Platz kam die Lokalmatadorin Bibisara Assaubayeva ins Ziel. Das Turnier wurde letztlich bereits in der fünften Runde im direkten Duell der Russin und der Chinesin entschieden. Diese zwei Spielerinnen dominierten nicht unerwartet das Turnier.

Der entscheidende Moment. Schwarz macht erkennbar Druck gegen den weißen König. Bis hierhin ist schon einiges schief gelaufen für die mit Weiß spielende Chinesin, aber sie konnte sich noch wehren.. Nach dem Zug 22.Kg2-g1, der ein Fehler war, nahm Goryachkina auf f3 den Springer und stand fortan auf Gewinn. Danach gewann Tan zwar noch eine Partie mehr als ihre Gegnerin, aber konnte diese trotz eines Schlussspurts mit 3,5 aus vier Partien nicht mehr einholen.

Normenjagd – zwei Spielerinnen mit Chancen

Fünf der zehn Teilnehmerinnen tragen den Titel eines Internationalen Meisters und fünf sind Großmeister. Daher versuchen zumindest die besonders ambitionierten Spielerinnen eine Großmeisternorm zu erzielen. Es gab zwei Spielerinnen, die während des Turnierverlaufs nah dran waren. Bis zur sechsten Runde lag die Lokalmatadorin Bibisara Assaubayeva auf Kurs, musste dann aber in ihrer Partie gegen Kateryna Lagno hinter sich greifen.

In dieser Stellung aus der sechsten Runden begannen die schwarzen Probleme, nachdem Bibisara ihren Springer g6 nach f8 statt nach e7 zog und nach dem Läuferzug nach f4 mit dem Bauernzug f7-f5 nachlegte und ihrer Gegnerin eine Angriffsmarke anbot, welche diese später mit dem Zug g3-g4 ausnutzte.

Länger im Rennen um die Großmeisternorm war die 24jährige Griechin Stavroula Tsolakidou. Ihre Chancen hatte sie in der Vorschlussrunde gegen die Inderin Divya Deshmukh, konnte aber in einem Turmendspiel den Vorteil nicht festhalten. Gegen Tan Zhongyi wurde dann aber in der Schlussrunde der Spielstärkeunterschied deutlich.

Ein Blick auf die Schlusstabelle zeigt, dass fast jede zweite Partie entschieden wurde. Das spricht für ausgekämpfte Partien, aber auch Spielstärkeunterschiede der Teilnehmerinnen.

Nicht sehr informatives Siegerinterview. Moderation: Charlize van Zyl (Fide Chess).

Wie der Frauen Grand Prix organisiert ist (Quelle Chart: FIDE Chess)

Die offizielle Homepage zum Frauen Grand Prix

Foto: Konstantin Shalabov (Fide Chess) Der Wettkampf um

Foto: Lennart Ootes (Tata Steel India 2024)

von Thorsten Cmiel

Divya Deshmukh ist eine der talentiertesten jungen Schachspielerinnen Indiens. Schon früh zeigte sie außergewöhnliche Fähigkeiten und machte sich in der internationalen Schachszene einen Namen. Mit großem Talent und einem Ehrgeiz, der kaum zu bremsen ist, hat Divya bereits als Kind und Teenager Titel gewonnen.

Kaum eine andere Schachspielerin sammelt internationale Erfolge wie die am 9. Dezember 2005 geborene Inderin Divya Deshmukh. Nach zahlreichen nationalen und internationalen Titeln im Kindesalter ist der Teenager aus Nagpur, einer Stadt im zentralindischen Bundesstaat Maharashtra, im Jahr 2024 zu einem internationalen Superstar im Schach aufgestiegen.

Viele Schachspieler folgen einem Ritual zu Beginn und manche sogar nach dem Ende jeder Partie. Nach ihren Schachpartien unterschreibt Divya Deshmukh in Budapest die Partieformulare und baut die Figuren wieder in der Grundstellung auf. Immer. Lediglich die Könige werden in der Mitte positioniert, um zunächst der Elektronik und damit der Schachwelt das Ergebnis der Partie mitzuteilen. Nicht jeder Schachspieler ist so gut erzogen wie Divya. Das Aufbauen der Figuren bezeugt vor allem Respekt gegenüber dem Spiel. Ähnlich verhält sich ein anderer indischer Superstar, Gukesh, der sogar noch eine Art Bekreuzigungsritual anfügt.

Frühe Erfolge im Mädchenschach

Divya begann mit fünfeinhalb Jahren das Schachspiel. Zunächst wollte sie vor allem ihren Vater im Schach besiegen, also eine recht typische Motivation unter Schachspielern. Früh stellten sich erste Erfolge ein und oft war Divya die Erste, die bestimmte Leistungen erreichte. Beispielsweise war die Inderin die erste Frauen-Fidemeisterin im Alter von sieben Jahren. 2014 gewann Divya im südafrikanischen Durban die U10-Weltmeisterschaft der Mädchen und in 2017 folgte im brasilianische Poços de Caldas der WM-Titel in der Altersklasse U12. Im April 2019 gelang es Divya erstmals eine Ratingzahl von über 2400 Punkten zu erzielen, das repräsentiert einen Spielstärkelevel, der für das Erringen des zweithöchsten Titels im Schach, dem Titel eines Internationalen Meisters, notwendig ist. Dieses hohe Spielniveau konnte Divya zunächst nicht halten und ging mit einer Wertzahl von 2305 Punkten in die pandemiebedingte Zwangspause.

Partieende durch Stromausfall

2020 spielte Divya mit 14 Jahren für Indien am Frauenbrett bei der online ausgetragenen Schacholympiade, die mit gemischten Sechserteams ausgetragen wurde. Angeführt wurde das Team vom fünfmaligen Weltmeister Viswanathan Anand. Divya wurde für beide Finalpartien am Frauenbrett eingesetzt und bestand gegen die damals deutlich höher eingeschätzte Russin Polina Shuvalova. Die erste Partie endete Remis und dann in der zweiten Partie passierte aus indischer Sicht ein Drama. Es gab einen Stromausfall. Fans sahen auf dem Brett von Divya die folgende Situation.


Finale Online-Schacholympiade Divya Deshmukh – Polina Shuvalova nach 25….Kg8

Shuvalova ist komplett überspielt und hat kein Gegenspiel, da sie am Damenflügel unvorsichtig agiert hat. Gegen den heraufziehenden weißen Angriff am Königsflügel gibt es keine ausreichende Verteidigung mehr. Die Inderin wollte hier mit 26.Th2 fortsetzen Aber: Divya verlor offiziell zunächst ihre Partie, da jegliche Übertragungsfehler dem betroffenen Team angerechnet werden. Divya weinte vor laufender Kamera, fand aber wieder die Fassung. Der Leitungsausfall betraf allerdings nicht nur drei Partien der Inder an ihrem Spielort, sondern ein ganzer Kontinent war abgehängt. Der Weltschachbund fand ein nicht unumstrittenes gleichwohl salomonisches Urteil, beide Teams, Russland und Indien, wurden zu Goldmedaillengewinnern ausgerufen.

Bei der Schacholympiade 2022 in Chennai (Indien) gewann die damals 16-jährige Divya mit sieben Punkten aus neun Partien die Bronzemedaille am Reservebrett. Sie nannte diesen Erfolg zunächst „surreal“. Divya spielte für das zweite indische Team. Am ersten Brett von Indien B spielte Vantika Agrawal, die 7,5 aus elf Partien holte, ebenfalls ihre Mannschaftskameradin in Budapest 2024. Das zweite indische Team landete auf dem achten Platz. In der offenen Klasse sorgte ebenfalls Indien B für Aufregung und landete letztlich auf dem dritten Platz, einen Platz vor der ersten indischen Mannschaft.

(Foto: Lennart Ootes for Fide Chess)

2023 – überraschender Turniersieg als Ersatzspielerin

Erfolgreiche Sportler unterschiedlicher Disziplinen berichten immer wieder darüber. Es gibt Momente, die scheinbar einen Schalter umlegen und Sportlern einen Schub in ihren Karrieren verleihen. Vielleicht war der 2. September 2023 solch ein Tag in der Karriere von Divya Deshmukh. In der indischen Nationalbibliothek Bhasha Bhawan in Kalkutta gewann Divya das Tata Steel Frauen Schnellschachturnier vor der Favoritin und Weltmeisterin Ju Wenjun aus China. Dabei war die 17-jährige Inderin für das Turnier gar nicht vorgesehen. Divya sprang kurzfristig ein, da ihre Landsfrau Vaishali aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen konnte. Divya war ohnehin gut in Form und hatte im Monat zuvor bei einem Openturnier in Abu Dhabi, also in den Vereinigten Arabischen Emiraten, ihren Titel als Internationaler Meister klar gemacht.

Von Beginn an lief es gut für Divya, die mit der geringsten Elozahl im Feld und damit als krasse Außenseiterin startete. Nach einem Auftaktsieg gegen Harika Dronavalli und einem Unentschieden gegen die Weltmeisterin gab es scheinbar kein Halten mehr und nach fünf Siegen und zwei Remis in den ersten sieben Runden legte die Inderin ordentlich vor. Gegen die unter neutraler Flagge teilnehmende Russin Polina Shuvalova verlor Divya dann in der achten Runde nach einem unnötigen Bauernopfer, das ihre Gegnerin geschickt nutzte. Der Turniersieg schien in Gefahr, zumal Ju Wenjun zur Inderin aufschließen konnte. Divya musste mit Schwarz erstmals gegen die indische Spitzenspielerin Koneru Humpy ran und die Chinesin hatte Weiß gegen die Ukrainerin Anna Ushenina, die scheinbar einfachere Aufgabe. Dann wurde jüngere indische Schachgeschichte geschrieben und Divya erzielte ihren ersten größeren Erfolg bei den Frauen.


Humpy – Divya Tata Steel Rapid Kalkutta – Diagramm nach 39.Le2 von Weiß

Divya erkannte in dieser Stellung, dass sie eine taktische Chance hatte. Nach einem Rechenfehler ihrer Gegnerin streute die junge Inderin einen Zwischenzug ein, gewann die Partie und das Turnier. Ihr erster großer Erfolg im Frauenschach.


Pressekonferenz der Siegerinnen. Tata Steel India Rapid 2023.

Medaillen sammeln als Hobby

Divya sammelte, Stand Oktober 2024, bereits 23 Goldmedaillen bei 40 internationalen Events für Indien ein. Die Zahl der nationalen Titel kennt sie nicht einmal selbst. International ragen ihre drei Weltmeistertitel der Frauentitel in Asien 2023 heraus. Im Mai 2024 gewann Divya das Sharjah Challenger Turnier, ein Mixed-Event. Es fehlten ihr 16 Punkte bei der Performance und ein Gegner mit einem Großmeistertitel zu ihrer ersten GM-Norm. Im Monat danach gewann die Inderin in Gandhinagar, der Hauptstadt im indischen Bundesstaat Gujarat, die Weltmeisterschaft der Juniorinnen mit zehn von elf möglichen Punkten. Sie war haushohe Favoritin, aber diesem Druck, zumal im eigenen Land, muss man erst einmal standhalten. Es gelang der Inderin überzeugend. Im August 2024 übernahm Divya erstmals die Spitzenposition in der Weltrangliste der Juniorinnen. Im September kamen zwei Goldmedaillen bei der Schacholympiade hinzu im Team und am dritten Brett. Die gemischte Teamwertung nach der Schachlegende Nona Gaprindashvili benannt, gewann Indien ebenfalls. Ihre Elozahl schraubte die Inderin von 2420 im Januar 2024 auf 2490 in der Dezemberliste

Divya und ihre Mutter. Fide Chess GP Shymkent Foto: Konstantin Chalabov (Fide Chess)

Trotz harten Schachtrainings seit ihrer Kindheit absolvierte Divya ihre Schulprüfungen und in 2024 kamen ihre Examina in der Oberprimarstufe 12 hinzu. Ihre Eltern sind Doktoren, was in Indien kein seltener Background bei Schacheltern zu sein scheint. Ihre Mutter Namratha gab ihren Job auf als Divya etwa fünf Jahre alt war, um die Schachkarriere ihrer jüngsten Tochter zu fördern, als Chess Mom. Sie begleitete seither meist ihre Tochter. Divya wurde von der Schule ebenfalls unterstützt, indem ihre Ausfallzeiten für die Teilnahme an Schachturnieren und Trainings toleriert wurde. In einer Frühphase ihrer Karriere war Divya jeden Monat für eine Woche in Chennai in der Schachakademie von Ramesh RB und seiner Frau Aarthie Ramaswamy. Mit 14 Jahren sagte Divya in einem Interview mit Sagar Shah, dem Gründer von Chessbase India, dass ihre Karriereplanung wie die von Hou Yifan aussieht: Zunächst will sie Weltmeisterin werden und dann ein Studium starten.

Foto: Lennart Ootes (Tata Steel India 2024) von

Urkunde der FIDE

Schach ist ein Spiel der Strategie und des Intellekts, das weltweit Millionen von Menschen fasziniert. Auf internationaler Ebene sind Schachtitel ein Zeichen von Können und Engagement. Die FIDE (Fédération Internationale des Échecs), der weltweite Schachverband, ist verantwortlich für die Vergabe dieser Titel.

Kriterien für Internationale Titel im Schach

1. FIDE-Meister (FM)
Der Titel des FIDE-Meisters ist oft der erste internationale Titel, den ein Spieler erreichen kann. Die Hauptanforderung besteht darin, eine festgelegte Elo-Grenze von 2300 Punkten zu überschreiten. Dies zeigt ein hohes Maß an Schachverständnis und Konsistenz. Dem FM vorgelagert ist der Titel des Candidate Master (CM), der das Erreichen einer Elozahl von 2200 Punkten erfordert.

2. Internationaler Meister (IM)
Um den Titel des Internationalen Meisters zu erlangen, muss ein Spieler eine Elo-Zahl von mindestens 2400 erreichen und drei Normen erwerben. Normen sind spezielle Leistungen in anerkannten Turnieren, die bestimmte Kriterien erfüllen, wie z.B. das Spielen gegen eine internationale Konkurrenz und ein entsprechend starkes Ergebnis mit einer Performance von 2450 Elopunkten.

3. Großmeister (GM)
Der Titel des Großmeisters ist der prestigeträchtigste im Schach. Ein Spieler muss eine Elo-Zahl von mindestens 2500 erreichen und ebenfalls drei GM-Normen in anerkannten Turnieren erzielen. Diese Normen erfordern oft, dass der Spieler gegen andere Großmeister und starke internationale Gegner erfolgreich ist. der Junioren- und der Seniorenweltmeister erhält den Großmeistertitel ebenfalls automatisch verliehen. Für den GM-Titel ist eine Performance von 2600 Punkten erforderlich.

4. Frauengroßmeister (WGM)
Dieser Titel ist der höchste im Frauenschach. Die Anforderungen für den WGM sind ähnlich wie beim GM, jedoch liegt die erforderliche Elo-Zahl und die notwendigen Ergebnisse etwas niedriger bei 2300. Auch hier sind drei Normen erforderlich. Anmerkung: Frauen sind nicht von den geschlechterunabhängigen Titel ausgeschlossen. Tatsächlich streben die erfolgreichsten Frauen im Schach nach den höchsten, also am schwierigsten zu erringenden Titeln.

5. Internationale Frauenmeisterin (WIM)

Dieser Titel ist der zweithöchste Titel im Frauenschach. Der Weltschachbund FIDE verleiht den WIM-Titel seit 1950. Um den WIM-Titel zu erringen muss man eine Elozahl von 2200 Punkten erzielen und drei definierte Normen in FIDE-gewerteten Turnieren erfüllen. Wie bei allen anderen Titeln der FIDE gibt es noch einige andere Wege den Titel der Internationalen Frauenmeisterin zu erringen.

Es gibt noch weitere Titel mit jeweils etwas geringeren Anforderungen. Wie Frauen FIDE Meisterin (WFM), Frauen Candidate Meisterin (WFM). Genauso gibt es in der offenen Klasse den Titel des Candidate Master (CM).

6. Internationale Schiedsrichter und Trainer
Neben den Spielertiteln vergibt die FIDE auch Titel für Schachfunktionäre, Organisatoren und Trainer. Diese Titel erfordern eine Kombination aus Erfahrung, Wissen und der Teilnahme an FIDE-anerkannten Kursen oder Seminaren. Und ganz wichtig das Zahlen von Gebühren. Für die anderen Titel muss man einmalig eine Gebühr entrichten und erhält dafür eine Urkunde und eine Anstecknadel der FIDE.

Zusätzliche Anforderungen


Neben den Elo-Zahlen und Normen gibt es andere Faktoren, die berücksichtigt werden müssen, wie die Anzahl der gespielten Partien, die Qualität der Gegner und die Turnierbedingungen. Die Einhaltung der FIDE-Regeln und -Vorschriften ist ebenfalls entscheidend für das Anerkennen von Leistungen.

Arena-Titel

Der Weltschachbund vergibt seit wenigen Jahren Titel für bestimmte Ergebnisse im Online-Schach, die für Amateurspieler interessant sein können. Diese beginnen im Unterschied zu den erwähnten bekannteren Titeln mit A wie Arena:: Arena Großmeister, Arena Internationaler Meister und ähnliche Titel können bei bestimmten Ergebnissen erworben werden. Gespielt wird Online auf der FIDE Online Arena – Official FIDE Gaming Platform.

Informativer Beitrag von Stefan Breuer zum Thema Arena-Titel via Youtube (in deutscher Sprache).

Fazit


Internationale Schachtitel sind erreichbar durch Ausdauer, Talent und harte Arbeit. Sie erfordern nicht nur respektable Leistungen in Schachturnieren, sondern auch die Fähigkeit, konstant auf hohem Niveau zu spielen. Für viele Schachspieler sind diese Titel ein lebenslanges Ziel und eine Anerkennung ihrer Leidenschaft und ihres Engagements für das Schachspiel. Die Titel werden vom Weltschachbund wie akademische Titel auf Lebenszeit vergeben.

Die offiziellen Titel-Regeln (Handbuch)

TC

Urkunde der FIDE Schach ist ein Spiel der

Foto: Nagalakhsmi

Das Phänomen der Eltern, die ihre Kinder unterstützen gibt es in vielen Sportarten, natürlich auch beim Schach. Das Engagement von Schacheltern beginnt meist damit die Leidenschaft und das Interesse des Kindes am Schachspiel zu fördern. Das kann zu einer Art Vollzeitbeschäftigung werden.

Eine „Chess Mum“ ist eine Mutter, die aktiv in das Schachleben ihres Kindes involviert ist. Diese Mütter unterstützen ihre Kinder in vielerlei Hinsicht, wie zum Beispiel durch das Fahren zu Trainings und zu Turnieren. Das passiert anfangs oft an Wochenenden, aber bei größerem Erfolg und internationalen Engagements steigen die Anforderungen an die Eltern und diese müssen eine Entscheidung treffen, die finanziell betrachtet nicht einfach sein dürfte.

Zu den bekanntesten Schachmüttern gehört Nagalakshmi, die Mutter der großmeisterlichen indischen Geschwister Praggnanandhaa und Vaishali. Sie ist meist bei den Turnieren ihrer Kinder dabei und kocht sogar. Nagalakshmi spielt selbst kein Schach, versteht also nicht was auf dem Brett passiert. Dennoch beobachtet sie ihre Kinder während der Partie und spürt wie es ihren Kindern geht. Inzwischen ist sie selbst ein medialer Superstar. Ihre Kinder meinen, dass die Mutter häufiger erkannt wird.

Die Rolle der Eltern wird immer wichtiger für die Entwicklung der besten Schachspielerinnen und Schachspieler. Das liegt vor allem an den immer früher, oft im Kindesalter beginnenden Schachkarrieren. Um die Karriere von Magnus Carlsen zu fördern reiste beispielsweise die gesamte Familie Carlsen für ein Jahr durch Europa. Es sind viele andere Beispiele von Eltern bekannt, die mit ihren Kindern auf der Tour unterwegs sind und waren. Beim indischen Herausforderer Gukesh ist es sein Vater, Dr. Rajinikanth, hat seinen Job als Hals-Nasen-Ohren-Arzt aufgegeben hat und ist mit seinem Sohn unterwegs. Er fiebert während der Turniere mit seinem Sohn mit und ist in der Regel nervöser als sein Sohn. Hier ein Interview via Chessbase India und Sagar Shah.

Interessante FT-Reportage mit einer Schach Mutter

TC

Foto: Nagalakhsmi Das Phänomen der Eltern, die ihre

Wilhelm Steinitz um 1900 (unbekannter Fotograf)

Wilhelm Steinitz (1836 in Prag – 1900 in New York)

Wilhelm Steinitz war ein bedeutender Schachspieler des 19. Jahrhunderts und gilt als der erste offiziell anerkannte Schachweltmeister der Geschichte. Geboren am 17. Mai 1836 in Prag, das damals Teil des österreichischen Kaiserreichs war, begann Steinitz seine Karriere im Schach in den 1850er Jahren, als er nach Wien zog, um Mathematik zu studieren.

Steinitz erlangte rasch Anerkennung in der Wiener Schachszene und gewann 1861 das Wiener Schachturnier, was ihm den Ruf eines der besten Schachspieler seiner Zeit einbrachte. 1862 zog er nach London, wo er seine Fähigkeiten weiter verfeinerte und zahlreiche Turniere gewann. Im Jahr 1866 besiegte er Adolf Anderssen, der als der beste Spieler der Welt galt, und festigte damit seinen Status als führender Schachspieler.

Steinitz’ größter Beitrag zum Schach war die Entwicklung der positionellen Spielweise, bei der er strategische Überlegungen und strukturelle Prinzipien über direkte Angriffe aufstellte. Diese Herangehensweise revolutionierte das Spiel und beeinflusste Generationen von Schachspielern. Er gilt als Begründer der modernen Schachtheorie.

1886 spielte Steinitz den ersten offiziell anerkannten Weltmeisterschaftskampf gegen den polnisch-französischen Schachspieler Johannes Zukertort in den USA, den er mit 12,5 zu 7,5 Punkten gewann. Damit wurde er der erste offizielle Schachweltmeister. Er verteidigte seinen Titel erfolgreich bis 1894, als er von Emanuel Lasker geschlagen wurde.

Neben seiner Karriere als Spieler war Steinitz auch als Autor und Schachtheoretiker tätig. Er schrieb zahlreiche Artikel und Bücher, in denen er seine Ideen und Theorien darlegte. Trotz seiner Erfolge im Schach war sein Leben von finanziellen Schwierigkeiten geprägt, und er verbrachte seine letzten Jahre in relativer Armut.

Wilhelm Steinitz starb am 12. August 1900 in New York City. Sein schachliches Erbe lebt jedoch in der modernen Schachstrategie weiter, und er wird bis heute als einer der einflussreichsten Schachspieler der Schachgeschichte angesehen. Zwei Zitate zeigen seinen großen Beitrag zum kollektiven Schachverständnis.

„Ein Opfer wird am besten durch seine Annahme widerlegt.“

Wilhelm Steinitz

„Der König ist eine starke Figur, die aktiv am Spiel teilnehmen sollte.“

Wilhelm Steinitz

„Schach ist schwierig, es erfordert Arbeit, ernsthaftes Nachdenken und eifriges Forschen.“

Wilhelm Steinitz

„Die unsterbliche Partie“ von Wilhelm Steinitz in einer Analyse von Georgios Souleidis (The Big Greek) in deutscher Sprache. Via Youtube.

Wilhelm Steinitz um 1900 (unbekannter Fotograf) Wilhelm Steinitz

GM Elisabeth Paehtz beim Problemlösen. Foto Konstantin Shalabov (FIDE Chess).

Von Thorsten Cmiel

Als Taktikaufgaben bezeichnet man beim Schach Spielsituationen, die eine Lösung erfordern. Das sind oft wenige Züge und manchmal längere Sequenzen. Synonym wird von einer Kombination gesprochen. Gemeint ist damit eine Abfolge mehrerer Schachzüge, die ein bestimmtes Ziel auf dem Brett verfolgen. Einfachste Aufgaben suchen beispielsweise nach einem Zug, einem Matt in einem Zug beispielsweise.

Bezüglich des Lerneffektes von Schachaufgaben gilt der Grundsatz: Je komplexer das Problem sich dem Lösenden darstellt, desto größer ist der erwartbare Lerneffekt beim Lösen dieser Aufgabe. Oder kurz: Je schwieriger, desto besser. Aber: Für Einsteiger sollte man mit einfachen Aufgaben starten, um schnelle Erfolgserlebnisse zu erlauben. So lernt man die klassischen Motive wie Grundreihenmatt und ähnliches.

Was bringen kostenlose Internetangebote? Im weltweiten Netz gibt es unzählige Angebote. Beginnend beim kostenlosen Aufgabentraining, das von vielen Online-Jüngern meist als Puzzle Rush bezeichnet wird. Diese Trainingstools von Spielplattformen sind oft nur Fingerübungen, immerhin manchen Spielern mag die wettbewerbliche Herangehensweise an Schachaufgaben helfen. Man kann von Mustererkennung von meist einfachen schachlichen Motiven sprechen. Der Effekt des Erkennens von bekannten Mustern ist begrenzt. Beim Lösen komplexerer Aufgaben spielen diese Grundformen jedoch eine wichtige Rolle.

Aufgabe 1: Weiß am Zuge setzt Matt. 

Das Erkennen eines solchen Motivs ist für jeden Schachspieler leicht erlernbar. Geeigneter für das Erzielen von echten Lerneffekten ist das Betrachten von wirklich gespielten Partien. Dabei kann man die letzte Phase betrachten oder den Weg dahin. Dabei gilt: Je komplexer die Aufgabe und die eigenen Bemühungen eine Lösung zu finden, desto größer dürfte der Lerneffekt ausfallen.

Es beginnt mit einem Schachgebot und geht so weiter. 1.Db3+ Kh8 2.Sf7+ Kg8 3.Sh6+ (Doppelschach) Kh8 4.Dg8+ Txg8 5.Sf7#. Diese Sequenz ist typisch für ein „ersticktes Matt“.

Aufgabe 2: Weiß am Zuge setzt Matt.

Diese Stellung stammt aus einer Online-Partie im Bullet, also mit sehr geringer Grundspielzeit. Die Herausforderung ist nicht allzu groß, da alle Züge mit Schachgeboten erfolgen. Dennoch dürften Anfänger in der Zugfolge bereits eine erste Herausforderung bewältigen müssen.

Weiß setzt schnellstens in vier Zügen Matt. 1.Lh7+ Kh8 2.Lg7+ Kxg7 3.Dg6+ Kh8 (f8) 4.Dg8#. Etwas länger dauerte das gespielte. 1.De6+ Kh8 2.Lg7+ Kxg7 3.Df7+ Kh6 4.Dh7+ Kg5 5.h4+ (5.Dxh5#) Kg4 6.Dxh5# (Lxh5#).

Aufgabe 3: Schwarz am Zuge setzt Matt.

Diese Stellung stammt aus der Analyse zu einer gespielten Partie (Sunye Neto – Kasparow, Graz 1981). Die Lösung ist etwas komplizierter als im letzten Beispiel, aber immer noch recht einfach zu finden. Vor allem wenn man wie der Betrachter weiß, dass etwas funktioniert. Diesen Vorteil hat man in einer Schachpartie nicht.

Schwarz startet mit dem Zug 1…Tdxg2! – das droht Tg1 oder Th2 Matt. Weiß ist gezwungen den Turm zu schlagen. 2.Sxg2 und jetzt folgt der entscheidende Zug 2…Tg3!! und der Weiße kann nichts mehr gegen das Matt auf h3 unternehmen. Wichtig: Nach Springerwegzug folgt das alternative Matt auf g1, das von Kennern Arabisches Matt genannt wird.

Aufgabe 4: Schwarz am Zuge sollte wie fortsetzen?

Wir bleiben bei der gleichen Partie, aber der Brasilianer Sunye Neto machte es seinem Gegner etwas schwieriger. Diesmal steht der König nicht in der Ecke, sondern auf dem Feld f1. Beachten Sie die etwas andere Fragestellung.

Garry Kasparow nahm hier ebenfalls auf e3, etwas schwieriger zu berechnen. Die Partiefolge war: 42…Lxe3!! 43.fxe3 Tdxg2. Also erneut dieser Einschlag auf g2. Diesmal ist die Pointe eine etwas andere, nach Sxg2 folgt das „Familienschach“ mit dem Springer auf d2. Man musste hier nach dem Läuferopfer noch zwei alternative Schlagfälle berechnen: 1.) 43.gxf3 Txf2+ 44.Ke1 Tg1# und 2.) 43.Dxe3 Td1+ 44.Ke2 Te1# (Matt).

5. Wie sollte Schwarz am Zuge fortsetzen?

Wir betrachten hier die Partie in einer etwas späteren Phase. Der weiße König steht gefährdet. Aber wie geht es weiter mit dem Angriff? Die Lösung ist nicht trivial, im Gegenteil, und erfordert etwas mehr als nur eine Abfolge von Schachgeboten wie in der ersten Aufgabe beispielsweise.

Hier spielte Garry Kasparow den antizipativen stillen und sehr starken Zug 45…Kh7!, der das denkbare Dauerschach via c8 – f5 vermeidet. Eigentlich würde Schwarz gerne Tg5-g2 spielen um mit Tf2 Matt zu setzen, aber das wäre hier verfrüht. In der Partie folgte jetzt noch 46.Dc8 Th1+ 47.Kf2 Sd2 und Weiß gab auf, da weiterer Materialverlust unvermeidbar ist. Zunächst droht das Matt mit dem Turmzug nach f1 und nach einem Springerzug als Reaktion darauf folgt das Turmschach auf h2 und der weiße Läufer auf b2 geht verloren.

6. Wie setzte Nihal Sarin kraftvoll fort?

Nihal Sarin Foto: Lennart Ootes

Der Inder Nihal Sarin fand hier eine gefällige Kombination, die nicht allzu schwierig zu erkennen ist, wenn man einige gängige bekannte Motive kombiniert.

Nihal Sarin beginnt diese Kombination mit einem Ablenkungsopfer und schlägt zunächst den Bauern auf e6…

Fazit

Wer besser im Schach werden will, der sollte einen geeigneten Schwierigkeitsgrad aussuchen und nicht auf zu einfache Taktikaufgaben setzen. Der Schwierigkeitsgrad der Aufgaben wurde hier zur Illustration etwas gesteigert. Nicht die einfachen Aufgaben erhöhen das eigene Spielvermögen im klassischen Schach – das mag nur bei absoluten Beginnern einen positiven Effekt für die effektive Spielstärke haben. Aber: Natürlich macht es Spaß gelegentlich einfache Aufgaben zu lösen und gerade für Kinder kann das eine geeignete spielerische erste Herangehensweise an das Schachspiel sein. Frühe Erfolgserlebnisse schaden nie, späte aber ebenfalls nicht.

Empfehlenswerter als Puzzle Rushes sind die Aufgaben der darauf spezialisierten Webpräsenz von Chesspuzzle von Martin Bennedik. Aufgaben kann man nach unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden oder Motiven auswählen. Die Datenbank wird aus aktuell gespielten Partien gespeist und listet auch viele klassische Kombinationen auf. Wobei Aktualität bei Taktikaufgaben, wie unsere Beispielpartie zeigt, bei der Auswahl nicht sonderlich wichtig ist. Alternativempfehlung: Es mag heutzutage eher ungewöhnlich klingen, aber vielleicht sollte man gelegentlich einen Blick in ein Buch mit Aufgaben werfen, die von einem didaktisch geschulten Schachpädagogen stammen.

Als Taktikaufgaben bezeichnet man beim Schach Spielsituationen,

Beratungspartie. Foto: Dariusz Gorzinski

Von Thorsten Cmiel

Das Positive zuerst. Schach findet im Internet statt wie kaum eine andere Sportart. Wer Schach regelmäßig verfolgt, der kann sich schnell in der Vielzahl der kommerziellen als auch kostenlosen Angebote verlaufen. Neben Partieübertragungen auf speziellen Plattformen gibt es Livekommentierungen, Informationsvideos oder etwas traditioneller und informativer Podcasts. Aber: Der Tag hat nur 24 Stunden und zwischendurch muss man etwas Essen und gelegentlich studieren oder arbeiten. Wie soll man eine Auswahl treffen, wem man folgt oder wessen Angebote man nutzt? Ein Vorschlag.

Die Zahl der Turniere weltweit ist enorm. Täglich gibt es überall auf der Welt Schachturniere und viele Turnierveranstalter bieten Liveübertragungen der gespielten Partien und oft eine Moderation an. Dabei wird von starken Spielerinnen und Spielern das Geschehen auf dem Brett erläutert. Manchmal kommt es zu Interviews mit Spielern, die gelegentlich informativ und manchmal sogar lustig sind.

Am besten kann man Schach verfolgen wenn man Fan ist

Die Vielzahl an Turnierübertragungen führt zu einem Luxusproblem für Schachliebhaber. Jeder hat die Qual der Wahl, denn alles kann man nicht verfolgen. Bei den großen Turnieren werden Hunderte von Partien gleichzeitig übertragen. Wem soll ich folgen? Wessen Partien soll ich regelmäßig nachspielen? Die Auswahl fällt nicht leicht und kann individuell völlig unterschiedlich ausfallen. Die persönlichen Helden sind oft Spieler aus dem eigenen Land, die man kennt und die international für Schlagzeilen sorgen. Turnierspieler könnten ebenfalls auf die Idee kommen Spielern zu folgen, die ähnliche Eröffnungen spielen oder deren Spielstil imponiert. Ich hatte mal die Idee Youngstern schachlich zu folgen und um mehr Aufmerksamkeit zu erhalten habe ich diese Methode als schachliches Stalking bezeichnet, also das ungefragte Analysieren der Partien dieser Spieler, die allesamt Internationale Meister und Teenager waren. Ein besorgter Vater, der das Konzept wohl nicht verstanden hat, erkundigte sich nach mir. Heute kennt die Youngster von damals jeder in der Schachwelt: Gukesh, Nihal Sarin, Arjun Erigaisi, Praggnanandhaa, Alireza Firouzja, Vincent Keymer, Nodirbek Abdusattorov waren einige dieser Spieler.

Was in dem folgenden Video aus Indien zu sehen ist geht allerdings zu weit.

Das Positive zuerst. Schach findet im Internet