Die in der Ukraine geborene russische Großmeisterin Kateryna Lagno verzichtet auf die Teilnahme am nächsten Frauen Grand-Prix in Indien. Bei der FIDE heißt es lapidar dazu, dass Lagno aus persönlichen Gründen zurück gezogen habe. Dem widerspricht die Spielerin jetzt in einem öffentlichen Statement, das Peter Heine Nielsen bei X, vormals Twitter veröffentlichte.
Von Thorsten Cmiel
Es geht um einen Schönheitspreis, den Jekaterina Alexandrowna Lagno, 35, nicht bekommen hat, sondern Alexandra Konstantinowna Kosteniuk, 40. Wer einen neuen politisch inkorrekten vielleicht sogar frauenfeindlichen Skandal oder gar Zickenkrieg zweier Frauen vermutet, der liegt allerdings falsch. Es geht nicht um das Aussehen der beiden Spielerinnen, sondern um zwei gewonnene Partien im Schach und um Politik.
Arkadij Dvorkovich. Foto Niki Riga (FIDE Chess)
Das Statement von Lagno erfolgte via sozialen Medien und besteht in einem Schreiben an den russischen Präsidenten Arkadij Dvorkovich. Der steht vor allem bei europäischen Beobachtern ohnehin auf der Beobachtungsliste, er bevorzuge „seine Russen“ heißt es. Tatsächlich bemüht sich Dvorkovich um eine Normalisierung im Spielbetrieb. Russen dürfen bei der FIDE als Einzelsportler antreten, bekommen aber weder Hymne noch Nationalflaggen. Diese Regelung besteht seit dem Beginn des Angriffskrieges der Russen gegen die Ukraine. Bei der letzten Schacholympiade, dem wichtigsten Team-Event in der Schachwelt, in Budapest fehlten die Russen. Kritiker wie der Carlsen-Sekundant und gebürtige Däne und Schachgroßmeister Peter Heine Nielsen (51) kritisieren diese Regelung offen. Nielsen ist mit der Schachgroßmeisterin und heutigen litauischen Politikerin Viktorija Čmilytė-Nielsen (41) verheiratet.
Lagnos Statement
Kateryna Lagno wurde 1989 in Lemberg (Lwiw) in der westlichen Ukraine, damals noch Teil des Sowjetreiches, geboren. Ihre ersten schachlichen Erfolge erzielte Lagno für die Ukraine, wechselte dann aber 2014 zum russischen Schachverband. Ihr damaliger Wechsel der Verbände hatte im Jahr der Annexion der Krim für Unruhe gesorgt zwischen den Schachverbänden. Lagno ist mit dem russischen Schachgroßmeister Alexander Igorewitsch Grischtschuk (1985) verheiratet und hat vier Kinder. Der war vorher mit der Ukrainerin Natalia Zhukova (1979), ebenfalls Großmeister im Schach, verheiratet. Zhukova lebt in Odessa in der Ukraine.
Den Schönheitspreis bekam Alexandra Kosteniuk eine langjährige sportliche Gegenspielerin von Lagno im Spitzenschach der Frauen. Kosteniuk war zwischen 2008 und 2010 Schachweltmeisterin und ist gebürtige Russin (Perm, Ural). Sie hat sich allerdings vom russischen Verband inzwischen losgesagt und ist verheiratet mit dem bei der FIDE angestellten Pawel Wladimirowitsch Tregubow, 54, einem ebenfalls gebürtigen russischen Schachgroßmeister.
Kosteniuk mit Dana Reizniece Surab Asmaiparaschwili
Den Schönheitspreis vergaben der Georgier Surab Asmaiparaschwili, 65, ebenfalls Schachgroßmeister und Dana Reizniece, eine lettische Frauengroßmeisterin und ehemalige Wirtschaft- und Finanzministerin ihres Landes. Reizniece ist „Deputy Chair“ des Weltschachbundes FIDE(*) und ihr werden Ambitionen nachgesagt, Dvorkovich einmal zu folgen. Die Gemengelage im Weltschach ist allerdings sehr fragil und bisher hat die Lettin ihren Hut noch nie in den Ring geworfen und pflegt eine Coexistenz bei der FIDE. Ihr fehlender Mut anzutreten liegt vermutlich daran, dass wer Präsident oder Präsidentin des Weltschachbundes werden will, nach bisheriger Lesart Geld mitbringen sollte. Bisher gibt es letztlich eine Abhängigkeit der FIDE von russischem Geld und Sponsoren. Ein Kritikpunkt, den insbesondere Peter Heine Nielsen immer wieder anprangert. Aus diesen vielfältigen persönlichen und landmannschaftlichen Zusammenhängen wird deutlich wie wichtig der Weltschachbund FIDE für die russische Föderation zu sein scheint. Im letzten Jahrhundert dominierte die Sowjetunion das Weltschach und stellte die längste Zeit den Schachweltmeister.
(*) In einer früheren Version dieses Textes hieß es Dana Reizniece sei Vizepräsidentin der FIDE. Der Weltschachbund hat mich darauf hingewiesen, dass das falsch ist: Dana Reizniece ist „Deputy Chair“ der FIDE. Das ist missverständlich übersetzt. Dana ist auch „Deputy President“ der European Chess Union (ECU). Wer mehr über die Titel des Managements der FIDE wissen will, der kann sich hier informieren: FIDE Directory – Member Federations and Officials.
Wer sich ein Bild von den beiden erwähnten Partien machen will, der kann das anhand der folgenden Analysen tun. Beide Partien hatten spektakuläre Phasen und auch ich würde Lagnos Partie für geeigneter halten. Ich hatte selbst mal eine andere Meinung zu einem Schönheitspreis bei einer Seniorenweltmeisterschaft in Bukarest. Da ging es aber um etwas anders gelagerte Frage worauf ein Schönheitspreis achten sollte. Ob das allerdings die wahre Ursache für den öffentlichen Frust von Kateryna Lagno ist, kann nur gemutmaßt werden.
Peter Heine Nielsen ist übrigens der Meinung, dass Lagno gar keine FIDE-Turniere spielen sollte, da sie auch immer wieder bei Propaganda-Turnieren von Großmeister Sergey Karjakin, dem ehemaligen Gegner von Magnus Carlsen im WM-Kampf von 2016 in New York, antritt. Karjakin, ebenfalls wie Lagno gebürtiger Ukrainer, ist inzwischen Politiker und versucht Normalität in eroberten ukrainischen Gebiete vorzuspiegeln. Das ist das noch größere Bild im Weltschach.
Lagno – Paehtz
Fotos: Niki Riga (FIDE CHESS). Die Fotos sind in Monaco beim diesjährigen Grand-Prix der Frauen entstanden.
Hinweis
Es sei darauf hingewiesen, dass der Text im Original in deutscher Sprache geschrieben wurde. Gelegentlich gelingt es dem automatischen Übersetzer nicht die Details richtig zu übersetzen. Das gilt gerade bei schachspezifischen Kommentaren. So wurde beispielsweise in einem Text über den ehemaligen Weltmeister Ding der Name in das englische Wort „thing“ übersetzt. Oder das Wort für einen schachlichen Zug wird statt mit „move“ mit „train“ übersetzt. Wir haben keinerlei Einfluss auf solche Übersetzungsfehler der automatischen Übersetzung und können es auch nicht korrigieren – in manchen Sprachen ohnehin nicht. Wir empfehlen daher grundsätzlich das Original und etwas Humor.
Update
28. März 2025 Die Geschichte wird inzwischen bei Chess.com weiter erzählt. Es gab ein wertvolle Uhr von Cartier für den Schönheitspreis und einige Spielerinnen haben sich inzwischen geäußert. Alexandra Kosteniuk hätte sich ebenfalls für die Partie von Lagno entschieden und äußerte sich sehr diplomatisch. Einen politischen Hintergrund sieht sie offenbar nicht. Wer sich für die Weiterentwicklung der Geschichte interessiert, dem sein ein Link zum Artikel von Anthony Levin empfohlen.
An open Letter by Kateryna Lagno 🇷🇺 has been published on why she has withdrawn from the FIDE women's Grand Prix, due to FIDE being anti Russian (!!)
Ill just reiterate my position, so that there is no misunderstanding. Lagno should be banned, due to playing in Karjakins events pic.twitter.com/WwiGsszozc
Ding Chilling ist während des Wettkampfes eine Art Markenzeichen des Chinesen geworden. Es begann mit einer Frage einer Mitarbeiterin des Deutschen Schachbundes. Inzwischen gibt es sogar einstündige Videos mit unterlegter Musik zur Entspannung.
Note: There is an automatic error using „Ding“ in German language it is „thing“ in English. So I for the moment changed the name in the headline to Liren.
Leontxo García ist unzweifelhaft der Großmeister im Raum. Leontxo arbeitet als Journalist bei El País. Ich sitze zufällig neben ihm heute während die zwölfte Partie in Singapur läuft. Ding Liren scheint Gukesh früh am Wickel zu haben. Ich frage Leontxo nach Ähnlichkeiten zur Schachweltmeisterschaft 1987 zwischen Garri Kasparov und Anatoli Karpov. Kasparov war amtierender Weltmeister, hatte die 23. Partie verloren und musste die letzte Partie gewinnen. Als Leontxo antwortet, kommt mir die Idee seine Ausführungen aufzuzeichnen, er ist einverstanden. Dann sprudeln die Worte aus ihm heraus und ich erfahre viel mehr von einem, der Schach lebt und liebt.
Leontxo war 1987 Kommentator im Fernsehen
Die Weltmeisterschaft 87. Das war das vierte Match zwischen Kasparov und Karpov. Es war extrem ausgeglichen. Alles hing von der allerletzten Partie, der 24. ab. Also hatte das spanische Fernsehen jeden Abend ein Sonderprogramm. Und weil die Situation so emotional, so angespannt war, beschlossen die spanischen Fernsehbosse, die allerletzte Partie live zu übertragen. Das ganze Spiel. Laut offizieller Statistik hatten wir damals 13 Millionen spanische Zuschauer, die Schach im Fernsehen sahen. Ich bin mir sicher, dass mehr als 90 Prozent dieser 13 Millionen keine Ahnung von Schach hatten, aber sie drückten einem der beiden aus politischen oder anderen Gründen die Daumen. Ich meine, wir müssen bedenken, dass Karpov und Kasparov Symbole für zwei völlig gegensätzliche Lebensauffassungen im größten Land der Welt waren. Karpov war ein Vertreter der alten kommunistischen Garde, und Kasparov repräsentierte die Perestroika, den Erneuerungsgeist Gorbatschows. Deshalb war es möglich, dass 13 Millionen Menschen dem Schach folgten. Und das ist aus schachlicher Sicht sehr wichtig, denn das ist der Schlüsselmoment, warum Spanien seit dem folgenden Jahr, 1988, das Land in der Welt ist, das jedes Jahr mehr internationale Turniere organisiert, denn unter diesen 13 Millionen gab es natürlich viele potenzielle Sponsoren oder Medienredakteure oder Schuldirektoren oder einfach Mütter und Väter. Ich meine, viele Menschen, die mit dem Schach sympathisierten. Seit diesem Moment.
Eng Chin An (FIDE Chess)
Das Topturnier Linares. Das gibt es nicht mehr. Was ist passiert?
Es gibt nicht zwei verschiedene Realitäten. Spanien ist immer noch das Land in der Welt, das jedes Jahr die meisten internationalen Turniere organisiert. Hunderte. Wenn man Wochenendturniere, Rapid und so weiter mitzählt. Das Linares-Problem ist ein sehr spezifisches. Linares hatte zwei große Probleme zur gleichen Zeit. Zum einen die Wirtschaftskrise, die weltweite Krise im Jahr 2008, und zum anderen die lokale Krise, weil diese allgemeine Krise den Santana-Motor, den größten Industriezweig in Linares und den Schlüsselfaktor für die lokale Wirtschaft, dazu zwang die Fabrik zu schließen. Und das bedeutete, dass die Arbeitslosigkeit in Linares auf über 50 Prozent anstieg. Es war also eine schreckliche Situation eingetreten, und dann mussten sie sich entscheiden, etwas zu ändern. Es tut mir leid, dass sie ihre Herangehensweise an das Schachspiel komplett geändert haben, anstatt Geld zu investieren, um die Stadt in der ganzen Welt berühmt zu machen. Was sie nun seit vielen Jahren tun, ist, dass sie jedes Jahr einige spanische Meisterschaften in verschiedenen Kategorien organisieren, zu denen viele Leute anreisen und die Kosten selbst tragen. Und jetzt lässt das Schachspiel Geld in Linares, anstatt Geld zu nehmen.
Wie beliebt ist Schach in Spanien?
Fußball ist natürlich wie eine Religion in Spanien. Fußball ist also eine andere Kategorie. Schach ist besonders beliebt als pädagogisches Mittel. Am 11. Februar 2015. In unserem Parlament geschah etwas, was ich ein Wunder nenne. An diesem Tag war ich sehr versucht, den Vatikan anzurufen, um ein Wunder zu melden, denn alle spanischen politischen Parteien, ohne Ausnahme, waren sich einig. Dies ist ein Wunder in Spanien. Und ich hatte Schach als pädagogisches Mittel empfohlen. Nach der Empfehlung des Europäischen Parlaments vor drei Jahren hatten wir in Spanien ein föderales System für die Bildung, was bedeutet, dass jede Region, abgesehen von den sehr großen autonom über die Bildung entscheidet. Von unseren 17 Regionen haben zehn bereits Schach in den Lehrplan aufgenommen, wobei Tausende von Schulen, die Schach als außerschulische Aktivität nutzen, nicht mitgezählt werden.
Leontxo ist nicht nur Journalist…
Ganz am Anfang, als ich anfing, als Schachjournalist zu arbeiten, 1983 entdeckte ich, dass Schach sehr interessante Verbindungen zu wichtigen Bereichen des menschlichen Wissens hat: Bildung, Psychologie, Psychiatrie, Neurologie, Mathematik, künstliche Intelligenz, Kino, Literatur, internationale Politik und so weiter. Deshalb ist meine Zeitung, El Pais, diejenige in der Welt mit den meisten Schachinhalten. Einige dieser Schachinhalte sind nur Schach, für echte Schachliebhaber. Meine tägliche Kolumne beispielsweise ist eine kommentierte Partie einer Woche. Mein wöchentliches Video zeigt meist eine der brillantesten Partien der Geschichte, kommentiert von mir. Aber es gibt auch andere Inhalte. Zum Beispiel schicke ich jeden Donnerstag einen Newsletter an die Abonnenten, und nutze das als eine Art Entschuldigung, um über alles zu schreiben. Am interessantesten ist sicherlich der Bezug zum Thema Bildung. Wir haben starke wissenschaftliche Beweise und lange und ernsthafte Erfahrungen in der ganzen Welt. Man kann sagen, dass Schach ein sehr mächtiges Instrument ist oder sein kann.
sondern auch Vortragsreisender…
Ich halte viele Vorträge und gebe auch Workshops. Ich habe mehr als 30.000 Lehrerinnen und Lehrer in mehr als 30 Ländern darin geschult, wie man Schach als transversales und interdisziplinäres Werkzeug einsetzen kann. Transversal bedeutet zum Beispiel, dass Schach mit emotionaler Intelligenz kombiniert wird, was transversal für alle Fächer ist und ein sehr wichtiges Feld für innovative Bildung im 21. Interdisziplinär bedeutet, dass zum Beispiel, aber nicht nur, ein großer Teil der Mathematik, Geometrie, Arithmetik, Algebra durch Schach auf eine sehr lustige Art und Weise erklärt werden kann. Die Schüler lernen durch das Spielen und das Spielen durch das Lernen, und für die Lehrer ist das sehr effizient. Und das funktioniert sehr gut in mehreren Ländern.
und internationaler Botschafter
Ich war bisher in vielen Ländern, das am weitesten fortgeschrittene und eines der Länder, das ich als Modell für gute Praktiken empfehlen kann, ist natürlich Ungarn. Die Judit Polgar Stiftung macht das sehr gut. Einige spanische Regionen, fünf davon, nämlich Katalonien, Aragonien, Andalusien, die Kanarischen Inseln und die Balearen. Dann drei argentinische Provinzen Santa Fe, San Luis und Buenos Aires City. Und Uruguay. In Mexiko gibt es einige sehr interessante Erfahrungen an verschiedenen Orten. Die Regierungen von Panama, Paraguay und Costa Rica haben in den letzten Jahren Entscheidungen zugunsten des Schulschachs getroffen. Wir müssen also noch ein wenig auf die Entwicklung warten. Dann im Vereinigten Königreich. Diese Stiftung von Malcolm Pein läuft schon seit einigen Jahren recht gut, mit einem guten Grad an Zufriedenheit unter den Lehrern. In Deutschland, ich glaube in Hamburg, hat man einige interessante Erfahrungen gemacht, und ich spreche hier von einem rein pädagogischen Test. Wenn wir über Schach in Schulen als Sport sprechen, dann müssen wir natürlich auch über Russland, Kuba, die Türkei und einige andere Länder sprechen. Andorra habe ich nicht erwähnt. Andorra ist sehr klein, aber die Qualität dessen, was sie im Schulschach tun, ist sehr hoch. Das ist gut.
Leontxo über den Argentinier Faustino Oro
Natürlich ist ein Wunderkind wie Faustino aus Sicht der Vermarktung von Schach erfreulich. Ich kann Beispiele nennen: Jeder weiß, was Rafael Nadal für das Tennis in Spanien bedeutet. Oder wenn wir über Schach sprechen, Vishy Anand in Indien. Faustino ist ein sehr interessanter Glücksfall, kann ich sagen. Natürlich ist das nicht objektiv, aber ich bin davon überzeugt. Faustino ist der intelligenteste zehnjährige Schachspieler, den ich je gesehen habe. Ich meine, ich kann mich an keinen anderen zehnjährigen Spieler erinnern, der so gut gespielt hat wie Faustino im Alter von zehn Jahren. Aber eine Einschränkung bei historischen Betrachtungen gibt es. Wenn wir vergleichen, wie viele Stellungen pro Tag haben Bobby Fischer oder Judit Polgar jeden Tag auf Papier gesehen? Ich meine Bücher, Zeitschriften, Zeitungen. Und wir vergleichen diese Zahl mit der Zahl an Positionen die Faustino Oro jeden Tag mit der modernen Technologie sieht. Das bedeutet zunächst, dass seine Entwicklung viel schneller voran schreitet. Meine Schlussfolgerung ist, dass Faustino Oros Talent nicht unbedingt ein größeres Talent haben muss als Bobby Fischer. Aber erkennbar macht er größere Fortschritte.
Foto: Michal Walusza (FIDE Chess)
Argentinien oder Spanien?
Sie sind jetzt in Argentinien, weil Faustino die argentinische Meisterschaft gespielt hat und jetzt zur Rapid-Weltmeisterschaft in New York fährt. Aber soweit ich weiß, ist es ihr Plan, nach Badalona zurückzukehren, das ganz in der Nähe von Barcelona liegt. Faustino ist ein sehr liebenswerter Junge. Er ist nicht nur ein Kindergenie, sondern er ist auch sehr nett. Es ist sehr nett, mit ihm zu reden, ich war bei ihm zuhause. Wir sind sehr froh, ihn in Spanien zu haben, natürlich.
Während Gukesh sich während laufender Turniere grundsätzlich von Social Media fern hält, nutzt Ding Diskussionen auf Social Media zum Entspannen. Dabei bekommt der Chinese möglicherweise manche Diskussionen mit, lässt sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen, sagt er. Tatsächlich laufen auf verschiedenen Kanälen manche Diskussionen aus dem Ruder. Kommentatoren und Streamer, selbst mit meinungsstarken Maschinen bewaffnet, kritisieren die Spieler und halten das Niveau für nicht so berauschend. Objektiv betrachtet sieht es anders aus.
Einer, der sich beruflich mit Datenanalysen und deren Interpretation beschäftigt ist Mehmet Ismail, Wirtschaftswissenschaftler und Spieltheoretiker für Norway Chess im Einsatz. Ismail hat über eine Milliarde an Schachzügen einer Analyse unterzogen und seine eigenen Berechnungen angestellt, die über das einfache Interpretieren von Genauigkeitsdaten hinausgehen. Einige seiner spannendsten Erkenntnisse dazu.
Schach Weltmeisterschaften – immer präziser
Die Abbildung von Mehmet Ismail zeigt einen Trend abnehmender Fehlpunkte (zunehmende Genauigkeit) im Laufe der Zeit. Dieser Trend steht im Einklang mit einer unabhängigen Stockfish-Analyse auf Tiefe 20 und mit anderen früheren Studien sowie der allgemeinen Einschätzung führender Großmeister.
Bis zum Match 1921 lag der Durchschnitt der Spieler bei mehr als einem verpassten Punkt pro Spiel, was bedeutet, dass ihre Fehler sich zu mehr als einem bedeutenden Fehler pro Spiel summierten. Im Laufe der Jahre sind die durchschnittlich verpassten Punkte deutlich zurückgegangen.
Schon vor den Schachprogrammen lernten Schachspieler von der vorherigen Generation und die Eröffnungen verbesserten sich. Infolgedessen hat sich die Gesamtgenauigkeit erhöht. Auch Schachprogramme haben zu dieser Steigerung beigetragen.
Mehmet Ismail im Dezember 2024.
Beim Schach geht es Ismail zufolge jedoch nicht nur um Präzision, sondern auch darum, kalkulierte Risiken einzugehen. Hierfür hat der Datenexperte den Game Intelligence (GI)-Score entwickelt, der einen Kompromiss zwischen dem Spielen der Hauptvariante und dem Abweichen davon zum Eingehen von gezielten Risiken erfasst. Um die GI-Werte der Spieler zu messen, hat Ismail mehr als eine Milliarde Schachzüge analysiert. Über eine Million dieser Züge wurden von den weltbesten Schachgroßmeistern ausgeführt. Der durchschnittliche menschliche GI-Wert ist auf 100 standardisiert, mit einer Standardabweichung von 15. Dies bedeutet, dass 68 Prozent der Schachspieler einen GI-Wert zwischen 85 und 115 aufweisen.
Player
GI score
Missed points
TPR
Games
Magnus Carlsen
160,1
0,44
2848
56
Viswanathan Anand
158,7
0,43
2790
88
Vladimir Kramnik
157,2
0,54
2803
65
Garry Kasparov
157,2
0,54
2725
197
Veselin Topalov
156,4
0,52
2736
23
Liren Ding
156,4
0,56
2789
26
Anatoly Karpov
155,7
0,61
2725
194
Jose Raul Capablanca
153,6
0,72
48
Robert James Fischer
153,1
0,87
2749
20
Tigran V Petrosian
150,6
0,89
69
In dieser Tabelle von Mehmet Ismail (Stand: 2024, 12 Partien in Singapur gespielt) sind die Ergebnisse der Weltmeister bei Partien in Schachweltmeisterschaften aufgeführt.
Wie man die Daten interpretieren sollte
Wie die Tabelle zeigt, ist Viswanathan Anand mit einer durchschnittlichen Punktzahl von 0,43 pro Partie der Spieler mit der höchsten Genauigkeit. Magnus Carlsen sticht jedoch mit dem höchsten GI-Wert von 160 heraus, was darauf hindeutet, dass Carlsens Spielstil, der nicht immer dem besten Zug des Computers folgt, dazu neigt, seinen Gegnern im Vergleich zu anderen Spielern mehr Fehler zu entlocken.
WM Match Singapur zwischen Ding Liren und Gukesh
Beide Spieler haben laut der Top-Schachengine Stockfish während des Matches in den ersten 12 Partien auf identischem Niveau gespielt, obwohl es vier entscheidende Partien gab. Ihre durchschnittlichen Fehlpunkte pro Partie lagen bei lediglich 0,4. Das deutet laut Mehmet Ismail darauf hin, dass die Fehler während der Partien insgesamt weniger als einen schwerwiegenden Fehler pro Partie ausmachten. Dieses hohe Maß an Genauigkeit macht das Match zum zweitgenauesten Weltmeisterschaftsmatch der Geschichte, das nur von der legendären Begegnung zwischen Garry Kasparov und Viswanathan Anand im Jahr 1995 übertroffen wird.
Foto: Eng Chin An (FIDE Chess)
Ich kann nicht wirklich glauben, dass es das bisher genaueste Spiel ist.
Herausforderer Gukesh nach der siebten Partie.
Foto: Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess)
Vielleicht vor diesem Spiel.
Weltmeister Ding Liren nach der siebten Partie.
Analyse von Mehmet Ismail
Ich möchte drei kritische Stellungen aus der 11. Partie ansprechen, die entweder kurz vor einem Fehler stehen oder bei denen die Spieler sehr lange (mehr als 15 Minuten) zum Rechnen brauchen.
Zum Beispiel spielte Ding in dem ersten Diagramm in dieser Stellung den Damenzug nach c8. Dies führte zu einem verpassten Punkt von 0,4, was bedeutet, dass Ding, wie oben definiert, von einer fast objektiv ausgeglichenen Stellung in eine Verluststellung geriet. Beachten Sie die Logik, dass 0,5 verpasste Punkte bedeuten, dass man von einer ausgeglichenen zu einer Verluststellung übergeht.
In dem zweiten Diagramm ist die Stellung abgebildet kurz bevor Gukesh laut Engine einen Fehler begeht, indem er Tdb1 zieht. Dies ergibt 0,34 verpasste Punkte, da Weiß zwar einen bedeutenden Vorteil verliert, aber immer noch besser steht. Es handelt sich also um eine geringere verpasste Chance als bei Dings Fehler.
Im dritten Diagramm ist die Stellung vor dem Fehler mit dem Bauernzug auf e7-e6 dargestellt, der mit 0,44 verpassten Punkten erheblich ist.“
Über die Grenzen von Datenanalysen
Was die Analyse der Spielqualität im Schach betrifft, so glaubt Mehmet Ismail, dass nan versuchen sollte, die Qualität des Spiels so genau wie möglich zu messen, denn obwohl Engines viel stärker sind als Menschen, können Standardmethoden wie der Verlust von Hundertstelbauern oder die Genauigkeitsrate zu irreführenden Ergebnissen führen. Zweitens sei die Analyse der Zugqualität zwar nützlich, aber man sollte ihre Grenzen anerkennen.
Ein Beispiel dazu: Ein perfektes Spiel zu spielen und zu gewinnen ist etwas ganz anderes als ein perfektes Spiel zu spielen und ein Unentschieden zu erzielen; in beiden Fällen mag das Spiel perfekt sein, aber im ersten Fall macht der Gegner einen Fehler und im zweiten Fall nicht. Der GI-Score zielt darauf ab, die Unterschiede zwischen den beiden unterschiedlichen Spielsituationen zu erfassen. Es gibt laut Ismail noch viel mehr Möglichkeiten, Schachstatistiken aus menschlicher Sicht verständlicher und interpretierbarer zu machen.
Verwendete Definitionen und Methoden
Verpasste Punkte
Die Werte sind durchschnittliche verpasste Punkte pro Partie. 1,00 und 0,50 verpasste Punkte sind gleichbedeutend mit einem spielverlierenden Fehler in einer Gewinn- bzw. Remisstellung. Im Gegensatz dazu bedeuten 0 verpasste Punkte ein perfektes Spiel. Verpasste Punkte messen die Punkte, die ein Spieler in einem Spiel gemäß der Engine verpasst. Jeder Fehlzug wird anhand der Gewinn-Unentschieden-Verlust-Wahrscheinlichkeit des obersten Engine-Zugs und des tatsächlichen Zugs berechnet.
Wenn man beispielsweise in einer Gewinnstellung einen Fehler macht, der zur Niederlage führt, ist das 1 verpasster Punkt, während ein Fehler in einer Remisstellung 0,5 verpasste Punkte bedeutet. 0 verpasste Punkte bedeutet perfektes Spiel.
Was ist mit Spielintelligenz (GI) gemeint?
Der GI-Wert kombiniert die menschliche Leistung mit der Engine-Analyse und misst die Fähigkeit der Spieler, strategische Risiken einzugehen. Die GI-Punktzahl steigt, wenn man mehr Punkte gewinnt und gegen stärkere Gegner punktet, aber sie sinkt bei Fehlern. Der durchschnittliche GI-Wert eines Schachspielers liegt bei 100. Etwa 68 Prozent der Spieler haben einen GI-Wert zwischen 85 und 115. Die Gewinner von Superturnieren erreichen in der Regel einen GI-Wert von 160 oder mehr.
Methodenhinweise
Jeder Fehler wird anhand der Gewinn-Remis-Verlust-Wahrscheinlichkeit des besten Engine-Zuges und des tatsächlichen Zuges des Spielers berechnet. Mit diesem Verfahren ist es möglich, Probleme bei der Interpretation zu vermeiden, die mit den weit verbreiteten durchschnittlichen Bauernverlust-Metriken einhergehen. Für die Engine bedeutet eine Änderung der Bewertung von +9,0 auf +7,0 oder von +2,0 auf 0,0 einen Verlust von zwei Bauerneinheiten; aus menschlicher und praktischer Sicht gibt es jedoch einen großen Unterschied zwischen den beiden Änderungen. Aus diesem Grund liefert die Arithmetik, z. B. das Addieren und Bilden des Durchschnitts von Verlusten in Hundertstelbauern, aus menschlicher Sicht im Allgemeinen keine aussagekräftigen Ergebnisse.
Ebenso sind Ergebnisse mit prozentualer Genauigkeit möglicherweise nicht intuitiv. Beispielsweise hatten die Spieler im aktuellen WCC sowohl in Partie 2 als auch in Partie 7 eine Genauigkeit von etwa 96 %. Allerdings hatten die Spieler in Partie 2 0,07 Punkte, was ein nahezu perfektes Spiel bedeutet, während sie in Partie 7 1,00 Punkte verfehlten, was einem spielentscheidenden Fehler in einer Gewinnstellung entspricht. Spiel 7 war zwar ein ganz anderes Remis als Spiel 2, da Spiel 7 sehr lange dauerte, was jedoch den Genauigkeitswert verzerrt.
Mehmet Ismail berücksichtigt für seine Analysen alle Züge in einer Partie, beginnend mit dem ersten Zug. Er verzichtet auf das Herausnehmen von Eröffnungszügen. Das begründet Ismail so: Ihm sei erstens kein zuverlässiger Datensatz bekannt, der die ersten Züge außerhalb des Buches enthält, und zweitens würde es ohnehin wenig ändern, da verpasste Punkte eine Statistik auf Spielebene sind (sie wird nicht durch die Zuganzahl geteilt).
Über Mehmet Ismail
Mehmet Ismail ist Dozent für Wirtschaftswissenschaften an der Abteilung für politische Ökonomie des King’s College London. Zu seinem akademischen Hintergrund gehört seine Promotion in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Maastricht. Mehmet hat außerdem einen Master in angewandter Mathematik von der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne und verbrachte ein Semester an der Universität Bielefeld im Rahmen des Erasmus Mundus QEM-Programms.
Neben seiner akademischen Tätigkeit ist Mehmet ein leidenschaftlicher Schachliebhaber und ehemaliger professioneller Backgammon-Spieler. Seine Leidenschaft für Spiele geht weit über das bloße Spielen hinaus; er ist fasziniert von der facettenreichen Welt der Spiele und erforscht alles von theoretischen Grundlagen und praktischen Anwendungen bis hin zu Spieldesign, Fairness und dem Spiel selbst. Mehmet ist für Norway Chess als Experte für Spieltheorie im Einsatz.
Interessierte Leser können auf GitHub weitere Informationen und Details der Analysen von Mehmet Ismail finden.
Google ist Titelsponsor der Schachweltmeisterschaft in Singapur 2024 und hat zur Weltmeisterschaft eine sehr informative Website mit vielen Informationen zum Schach bereitgestellt. Ästhetisch sind die Informationen hochwertig präsentiert. Eine uneingeschränkte Empfehlung
Bei der Entwicklung von Alpha Zero ging es den Entwicklern darum zu Lernen um zu lernen. Dieser Prozess ging weiter mit Alpha Go und führte zur Gründung von Googles Deep Mind. Zuletzt war ein Nobelpreis in Chemie das Ergebnis an dem der Gründer Demis Hassabis (Jahrgang 1976) und John Jumper (Jahrgang 1985) von Deep Mind entscheidend mitgewirkt haben.
Zu Beginn der Weltmeisterschaft hielt ein anderer Wissenschaftler Nenad Tomasev einen Vortrag und stellte sich Fragen. Wie wird Künstliche Intelligenz unsere Welt verändern? Hier sehen wir erste Erfolge und mit Schach fing alles an.
Ding Liren und Gukesh sitzen in einer Art schalldichtem Glashaus, Cube genannt. Ein solcher Cube kam bei Weltmeisterschaften bereits vorher zum Einsatz: In London 2018 sah das räumliche Szenario ähnlich aus. Zu Beginn führt die Pressebetreuerin der FIDE akkreditierte Fotografen für einen kurzen Moment in den Raum. Die Konstruktion ist erst kurz vor der Weltmeisterschaft zusammengebaut worden, da vorher eine andere Veranstaltung am Spielort stattfand. Von draußen kann man rein, von drinnen nicht raus sehen. Es spiegelt sich.
Beide Fotos: Maria Emelianova (FIDE Chess)
Zu Beginn müssen die Spieler die üblichen Startrituale über sich ergehen lassen. Maurice Ashley gibt den Ansager wie bei einem Boxkampf und stellt die Spieler und Gäste vor. Den ersten Zug führt Demis Hassabis aus, selbst ein passabler Schachspieler und ehemaliges Wunderkind, aber vor allem ist er das Mastermind hinter Alpha Zero und später Alpha Go, einer selbstlernenden Künstlichen Intelligenz für Googles Deep Mind. Hassabis erhielt jüngst den Nobelpreis in Chemie. Gukesh flüstert ihm 1.e4 als Startzug zu und Gukesh bleibt in der Partie später dabei. Er hätte es ändern können, die Schiedsrichterin hatte den Zug auf dem Brett zurück gestellt. Vermutlich wäre das im Duell allerdings eher ein Zeichen der Schwäche gewesen. So etwas macht keiner. Die Partie beginnt also mit dem Zug des Königsbauern. Es ist nicht ungewöhnlich und strategisch im Match sinnvoll, die Eröffnungen des Gegners gegen die Hauptzüge 1.e4 und 1.d4 frühzeitig auszutesten.
Maria Emelianova (FIDE Chess)
Ding antwortet auf den Königsbauernzug seines Gegners etwas überraschend für die meisten Kommentatoren mit der Französischen Verteidigung. Dabei hat Ding immerhin über 70 Partien mit dieser Verteidigung auf dem Brett gehabt. Häufiger hat er nur klassisch geantwortet und früher war er gefürchtet für seine Angriffspartien in einigen scharfen Varianten nach der spanischen Eröffnung. Häufiger als Französisch hatte der Weltmeister die Caro-Kann-Verteidigung gespielt, wenn er nicht klassisch (1…e5) spielen wollte. In der Pressekonferenz kam später Richard Rapport der Sekundant ins Spiel, Ding lobt ihn als großen Französisch-Experten, was richtig ist, aber Richard spielt vor allem den Zug mit dem Läufer nach b4, die so genannte Winawer-Variante oder typisch Rapport den etwas ausgefalleneren Springerzug nach c6. In der klassischen Variante, die in der ersten Partie auf das Brett kam, findet man keine Partie von Richard Rapport.
Die Eröffnungswahl ging für Gukesh nicht gut aus. Der Inder hatte zuvor bereits mehrfach die Steinitz-Variante mit Vorstoß des eigenen e-Bauern nach e5 gespielt. Den sechsten Zug mit seinem Damenspringer nach e2 hatte Gukesh bisher noch nicht angewandt. Er wird diese Variante nach meiner Einschätzung in diesem Kampf auch nicht wiederholen. Die Partie wurde allerdings nicht in der Eröffnung entschieden. Der erste wirklich kritische Moment in der Partie sah so aus:
In diesem Moment entscheidet sich, ob es Weiß gelingt seine Figuren vernünftig zu koordinieren. Er sollte um das Feld c4 kämpfen und dafür seinen Läufer nach f1 umgruppieren. Dafür hätte Gukesh am besten mit dem Zug seines Läufers nach e1 begonnen, um das Feld f3 für seinen Turm freizumachen. Stattdessen entschied sich Gukesh für einen passiv gedachten Zug mit seinem a-Turm. Danach wurde es zunächst einseitig und Liren überspielte seinen jungen Gegner.
In dieser Stellung sahen beide Spieler einen kleinen taktischen Trick und brachen mit wenig Restbedenkzeit – Gukesh hatte noch etwas mehr als zehn Minuten auf der Uhr – die Berechnungen ab. Nach dem Schlagen des Bauern auf h7 sieht es zunächst gut aus für den Inder, aber Schwarz hat einen Trickzug zur Verfügung. Er gibt das ablenkende Damenschach auf d4. Weiß kann das nicht ignorieren, da der h4-Bauern nach einem Seitenschritt mit dem König mit Schach fällt.
Die Partie war nach dem Damenzugpaar nach c2 und c4 entschieden. Wer mehr wissen will, kann sich die Analyse der Partie anschauen.
Die Fotos zur Partie zeigen wie Gukesh zunächst zusammenbricht. Das erinnerte an die siebte Runde in Toronto nach seiner Niederlage gegen Alireza Firouzja. Ding war natürlich besserer Laune und erlaubte sich die Journalisten auf die eine oder andere falsche Fährte zu locken. Als er eine Frage auf chinesisch gestellt bekam und sehr schnell antwortet, wirkten die Verantwortlichen überrascht, denn eine Übersetzung fand nicht statt. In der Pressekonferenz war das Supportteam von Liren ebenfalls dabei. Sein Vater ist eher ein seltener Gast bei seinen Turnieren. Der Chinese wird normalerweise nur von seiner Mutter begleitet. Gukesh zeigte sich nachdenklich, war aber voll präsent bei der Presskonferenz. Die Schachwelt kann aufatmen. Liren hat sein Lächeln zurück gefunden.
Eng Chin An (FIDE Chess)Eng Chin An (FIDE Chess)Maria Emelianova (FIDE Chess)Maria Emelianova (FIDE Chess)Eng Chin An (FIDE Chess)
„Das war ein taktisches Versehen von mir. Das kann passieren, es ist ein langes Spiel. Was die Form meines Gegners angeht, habe ich nichts anderes erwartet. Ich habe die beste Version von ihm erwartet, und wir haben ein langes Match vor uns, also ist es jetzt nur noch spannender.“ Gukesh nach seiner Niederlage in Runde 1.
Hintergrund: Via Youtube. Diese interessante Dokumentation stellt Google Deep Mind selbst auf Youtube zur Verfügung.
Eine Schachanalyse ist die detaillierte und nachträgliche Untersuchung und Bewertung einer Schachpartie. Betrachtet werden einzelne Züge, verfolgte Strategien oder einfach bestimmte Positionen. Inzwischen weiß man, dass bei bestem Spiel beider Seiten eine Schachpartie mit Remis enden sollte. Insofern ist es eine wichtige Aufgabe Kipppunkte zu identifizieren, also Momente, bei denen die Bewertung objektiv eine Unwucht bekommt. Sie umfasst das Prüfen von Eröffnungen, Mittelspielstrategien und Endspieltechniken, um die Stärken und Schwächen eines Spiels oder eines Spielers zu erkennen. Dabei werden oft auch alternative Züge und deren mögliche Konsequenzen betrachtet. Schachanalysen können sowohl manuell durch erfahrene Spieler als auch mit Hilfe von Schachcomputern und -software durchgeführt werden. Ziel ist es, das Verständnis für das Spiel zu vertiefen und die eigenen Fähigkeiten zu verbessern.
Vier Hauptziele einer Partieanalyse
1. Kipppunkt(e) bestimmen
Es ist für die retrospektive Analyse entscheidend ab wann eine Partie von einer ausgeglichenen Stellung in eine schlechtere Stellung oder sogar in eine verlorene Stellung überführt wurde, gekippt ist. Schachengines können da helfen.
Automatische Analyse mit dem Li-Chess-Tool
Der obige Chart zeigt den Verlauf einer zufällig ausgewählten Schachpartie in der Darstellung von Lichess, einem Internetportal bei dem Spieler ihre Partien in einem Schnelldurchlauf mit einer Schachengine prüfen können. Wir erkennen, dass Weiß zu Beginn einen leichten Vorteil hatte und, dass erst im Endspiel wirklich etwas los war. Der Schwarzspieler dieser Partie stand fünfmal auf Gewinn (Zacken nach unten), bekam es aber zunächst nicht hin. Für die Analyse hieße das, dass man die Zacken und die Absturzmomente – die Extrempunkte – genauer untersuchen sollte. Genau auf diese Weise analysieren Charttechniker an der Börse Kursverläufe und hoffen daraus die richtigen Schlüsse für zukünftige Entwicklung vorherzusagen. Beim Schach hat man seine Geschicke weitgehend selbst in der Hand.
2. Fehler entdecken
Am besten kann man nach einer Schachpartie zumindest Vermutungen darüber anstellen, welche eigenen oder gegnerischen Züge nicht sonderlich gelungen waren. Dieser Teil wird heutzutage zu häufig von starken Engines wie „Stockfish“ übernommen, die taktische Überprüfungen anstellen. Wer allerdings glaubt, dass die taktischen Engineanalyse die absolute Wahrheit erzählt, liegt falsch.
3. Verbesserungen suchen
Wenn man etwas Selbstdisziplin aufbringt und ohne Rechnerhilfe nach Lösungen für praktische Probleme sucht, dann verbessert man als Schachspieler sein Verständnis des Spielgeschehens.
4. Eigene Schwächen ermitteln.
Es geht nicht darum sich selbst zu zerfleischen in der nachträglichen Partieanalyse. Aber jede Partie kann Fragen aufwerfen: Was ist in der Eröffnung falsch gelaufen? Warum habe ich im Mittelspiel keinen Plan gefunden? Warum war mein Zeitverbrauch so hoch? Konnte ich im Endspiel bestimmte Stellungen nicht bewerten? Welches Wissen fehlte mir? Und viele weitere Fragestellungen sind denkbar.
Lebenslanges Lernen ist das Ziel
Das Ziel der Partie- oder Stellungsanalysen ist es, Verbesserungsideen für das eigene Spiel zu sammeln und möglichst bei der nächsten Gelegenheit anzuwenden. Dieser Verbesserungsprozess ist für jeden Schachspieler jeder Spielstärke möglich. Weltklassegroßmeister können allerdings als schon gut ausgebildete Spieler nur kleine Schritte machen. Sogar Magnus Carlsen kann besser werden. Allerdings haben mehrere führende Großmeister seine Schwächen nicht wirklich aufdecken können in fünf Weltmeisterschaftskämpfen.
Das AI-generierte Beitragsbild zeigt ein mechanisches Schloss im Stil eines „Da Vinci“-Codeschlosses. Es besteht aus mehreren rotierbaren Ringen mit Buchstaben darauf, die in Reihen angeordnet sind. An den Enden befinden sich dekorative Kappen mit geometrischen Mustern und Symbolen. Die Oberfläche der Buchstabenringe ist metallisch und detailliert mit Gravuren. Das Schloss hat einen antiken und mystischen Charakter und scheint für ein Rätsel oder eine Geheimhaltung konstruiert worden zu sein. Dieses Design erinnert an ein mechanisches Zahlenschloss, jedoch mit Buchstaben anstelle von Zahlen, und wird oft in Abenteuerspielen oder Geschichten verwendet, um eine geheime Botschaft zu entschlüsseln. Schachpartien sind solche Rätsel zumindest für die meisten Schachspieler.
Im Ecosystem des Schachsports erscheint immer wieder ein neuer Stern, der die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zieht. Manche leuchten besonders hell. Einer dieser aufstrebenden Stars ist der junge indische Schachgroßmeister Dommaraju Gukesh. Mit seinen beeindruckenden Leistungen hat Gukesh nicht nur die indische Schachszene erobert, sondern insbesondere 2024 international für Aufsehen gesorgt. Sein nächstes großes Ziel ist der bevorstehende Weltmeisterschaftskampf in Singapur gegen den chinesischen Titelverteidiger Ding Liren.
Foto: John Brezina
Wer ist Gukesh?
Dommaraju Gukesh, so sein vollständiger Name, wurde am 29. Mai 2006 in Chennai, Indien, geboren. Als das Talent sichtbar wurde ging sein Vater, ein Arzt, mit seinem Sohn auf Reisen und förderte so die Karriere seines Sohnes. 2015 steht Gukesh als Candidate Master in den Titelbüchern und drei Jahre später war Gukesh bereits Internationaler Meister. Im Jahr 2019 folgte der Titel eines Großmeisters und war zu diesem Zeitpunkt der zweitjüngste Spieler, dem dies gelang. Mit seinen überragenden Rechenkünsten hat er sich schnell als Topgroßmeister etabliert und 2024 seinen endgültigen Durchbruch im Spitzenschach geschafft.
Gukesh 2019. Foto: Dariusz Gorzinski
Der eigene Weg – zunächst Verzicht auf Computerunterstützung
Auf Anraten seines langjährigen Trainers Vishnu Prassana verzichtete der Jungmeister lange Zeit auf den Einsatz von Computern und Schachengines bei der Vorbereitung und Analyse. Diese heutzutage eher ungewöhnliche Herangehensweise stärkte letztlich seine Rechenfähigkeiten und förderte seine Kreativität bei der Suche nach eigenen Lösungen. Gukesh gilt als der rechenstärkste Großmeister seiner Generation. Zudem hat diese Methode den positiven Nebeneffekt erzielt, dass Gukesh seinen Rechenfähigkeiten scheinbar uneingeschränkt vertraut. Selbstbewusstsein.
Gold bei der Schacholympiade. Foto: Nils Rohde
Rituale
In der Leichtathletik können die Zuschauer am Fernseher beobachten wie sich die Sportler auf anstehende Wettbewerbe innerlich vorbereiten. Die Sportlerinnen oder Sportler gehen dann häufig einen Hürden-Lauf oder Hochsprung beispielsweise vor dem geistigen Auge durch. Das gilt ebenfalls für Slalom-Skifahrer, die sich auf die Wendungen im anstehenden Rennen vorbereiten. Bei vielen Schachspielern ist das ähnlich, wobei hier natürlich die anstehenden Wendungen in einer Partie nicht vorweg genommen werden können. Viele Schachspieler folgen einem Ritual, um sich auf die Partie einzustimmen.
Budapest 2024. Foto: John Brezina
Bei der Schacholympiade in Budapest 2024 konnte man bei Gukesh jeden Tag den gleichen Ablauf beobachten: Nach der obligatorischen Kontrolle am Eingang, die inzwischen an Flughafenkontrollen erinnern, stürmte Gukesh zu seinem Brett. Er hatte offensichtlich keine Lust auf Smalltalk mit seinen Kolleginnen und Kollegen vor den Partien. Er war fokussiert auf die anstehende Partie. Ein Videofilmer von Chessbase India folgte Gukesh jeden Tag mit einem Abstand von ein bis zwei Metern und hatte Probleme dem Tempo von Gukesh zu folgen. Einmal am Brett begann der Inder sein tägliches Ritual, das man bei ihm vor jeder Partie beobachten kann. In Toronto hatte ich es vor jeder Runde beobachtet. Mit verschränkten Armen sitzt der Youngster am Brett, schließt die Augen, fokussiert sich auf die anstehende Aufgabe, vermutlich ist es eine Form der Meditation, die man vor den Partien bei Gukesh beobachten kann.
Sobald die Partie beginnt gibt es den obligatorischen Handschlag für den Gegner und dann kommen die vorbereiteten Züge auf das Brett. Mit dann offenen Augen spielt er seine Partien und steht eher selten vom Brett auf. Steht Gukesh länger sieht es meist gut für ihn aus. Nach einem längeren Endspiel gegen den Aseri Nijat Abasov beim Kandidatenturnier in Toronto beispielsweise beobachteten einige Zuschauer, dass Gukesh aufstand und sich reckte. In Jugendsprache, er „flexte“. Ein vermutlich unbewusstes Signal an den Gegner, dass die Sache entschieden ist.
Auch zum Partieende folgt ein Ritual. Zunächst unterschreibt er wie alle Spieler es müssen die Partieformulare, die dann von einem Schiedsrichter im Original eingesammelt werden. Der Inder falltet seinen Durchschlag akurat und steckt ihn ein. Danach bringt Gukesh das Brett in Ordnung. Er baut die Figuren auf, was nicht jeder Schachspieler macht und was auch nicht vorgeschrieben ist. Danach folgen eingespielte Handbewegungen und ein Tippen an die Stirn sowie auf den Schachtisch. Ein indischer Geschäftsmann und Sponsor von Gukesh bezeichnet das in Toronto im Gespräch als eine Respektsbekundung für das Spiel. Das scheint eine gute Interpretation zu sein.
Spielstil
Gukeshs Weg zur Spitze war von zahlreichen Erfolgen und einem stetigen Spielstärkeaufwuchs geprägt. Er war einer der aktivsten Spieler auf der Tour und nahm an vielen internationalen Open-Turnieren teil. Das war eine Notwendigkeit, um finanzielle Mittel zu generieren und weil Einladungen für Rundenturniere nicht reinkamen. Das stählt. Der Inder ist in der Regel nicht auf den schnellen Punkt aus, sondern er lernte durch Vermeiden von eigenen Fehlern viele Punkte einzusammeln. Insofern ist sein Spielstil vergleichbar mit dem von Spielern wie Magnus Carlsen oder Anatoly Karpov, um ganz oben ins Regal der Vergleiche zu greifen.
Foto: John Brezina
Supportsystem
Ich habe kein besonders ausgeprägtes Privatleben. Ich meine, mein ganzes Leben dreht sich um Schach. Um alles andere kümmern sich meine Eltern und mein Team. Mein einziger Job ist es, Schach zu spielen, das ist also ganz nett.
Gukesh in Singapur vor dem Match.
Gukesh wird gecoacht von dem 1985 geborenen polnischen Großmeister Grzegorz Gajewski. Die beiden arbeiten seit fast zwei Jahren zusammen. Das engere Team Gukesh scheint zu harmonieren. Spieler und Trainer wirken introvertiert, ruhig und bedächtig, aber wenn es um Schach geht, dann erwacht sofort die Leidenschaft und beide werden gesprächig. Der zweite Mann und ständige Reisebegleiter des jungen Inders kennt ihn schon etwas länger. Sein Vater, Rajini Kanth. Rajini ist Chirurg und hat seine Karriere aufgeben, um die Karriere seines einzigen Sohnes zu fördern. Während Gukesh meist viel Ruhe ausstrahlt, kann sein Vater die Nervosität kaum ablegen. Während der Pressekonferenz zum Auftakt folgten Gajewski und Rajini dem Geschehen: aufmerksam und vor allem ruhig, noch.
Foto: Maria Emelianova
Zum Team Gukesh gehört genau so seine Mutter, Padma. Sie ist Mikrobiologin und ist vor allem als Organisatorin zuständig. Gukesh und sein Vater waren die letzten Jahre oft längere Zeit unterwegs und die Familie kam nur eine Woche im Monat zusammen. Diese Entbehrungen, die offenbar nötig sind, um es in der Schachwelt ganz nach oben zu schaffen, zählen jetzt nicht mehr. Jetzt ist die Familie am Ziel. Gukesh spielt um die Weltmeisterschaft. Das ultimative Ziel ist nah.
Der bevorstehende WM Kampf in Singapur
Der Schach-Weltmeisterschaftskampf in Singapur wird mit klassischer Bedenkzeit ausgetragen und nicht nur in Indien herbeigesehnt. Für Gukesh ist dies seine erste Gelegenheit erneut echte Schachhistorie zu schreiben. Bei seinem Sieg im Kandidatenturnier in Toronto überzeugte der siebzehnjährige Inder bereits das Fachpublikum und bei der Schacholympiade in Budapest erzielte Gukesh eines der besten Einzelergebnisse der Schachgeschichte. Mit neun Punkten aus zehn Partien gewann Gukesh nicht nur ein individuelle Goldmedaille wie zwei Jahre zuvor am ersten Brett. Diesmal blieb der Youngster ungeschlagen und konnte mit dem Chinesen Wei Yi und dem US-Amerikaner Fabiano Caruana zwei schachliche Schwergewichte besiegen. Gukesh geht als die Nummer Fünf in der Welt ins Rennen um den WM-Titel.
Vorbereitung
In Vorbereitung auf den Kampf in Singapur absolviert Gukesh wie vor dem Kandidatenturnier in Toronto ein intensives Trainingsprogramm mit seinem Team. Er arbeitet mit einigen erfahrenen Spieler zusammen. Das Team ist im Vorfeld der Weltmeisterschaft natürlich nicht bekannt, man will dem gegnerischen Team keine wertvollen Informationen geben. Lediglich war sein Headcoach Grzegorz Gajewski gesetzt. In einem Interview im Vorfeld der Weltmeisterschaft sagte Gukesh: “Was mein Team betrifft, kann ich sagen, dass Gajewski mein Trainer für das Match sein wird, aber darüber hinaus kann ich nicht viel verraten.“ In solchen Trainingscamps wird nicht nur Schach gespielt und Eröffnungsvorbereitung betrieben. Von Gukesh ist bekannt, dass er mit Gajewski gerne und regelmäßig Tennis spielt.
Matchstrategie
Es ist nicht zu erwarten, dass Gukesh seine sehr geduldige Spielstrategie ändert und übermäßig aggressiv zu Werke geht. Das würde auch nicht zu seiner Person passen. Gukesh ist für sein Alter bereits ein sehr reflektierter junger Mann, der in Interviews seine Worte mit Bedacht wählt. Gukesh liest gerne Sportlerbiographien und sucht so bei anderen erfolgreichen Sportlern Inspirationen. Im Vorfeld wurde jetzt bekannt, dass Gukesh mit einem Mental-Coach zusammengearbeitet hat, der vor allem indische Cricketsportler gecoacht hat. In einem Interview mit Sagar Shah für Chessbase India erfährt man mehr über den geborenen Südafrikaner Paddy Upton. Er erläutert seinen Zugang zu einem Spiel, das neu für ihn war. Schach unterscheidet sich laut Upton aus seiner Sicht von den anderen 19 Sportarten in denen er vorher Leistungssportler gecoacht hat. Schach findet nur im Gehirn statt, anders als bei anderen Sportarten bei denen es letztlich um körperliche Fähigkeiten geht. Homepage Paddy Upton
Favoritenrolle für den Herausforderer
Dommaraju Gukesh überzeugte nicht nur beim Kandidatenturnier in Toronto, sondern ebenfalls im September 2024 am ersten Brett des indischen Teams bei der Schacholympiade in Budapest. Seine herausragende Leistung unterstrich seine gute Form im Vorfeld des bevorstehenden WM-Kampfes in Singapur. Gukesh gewann nicht nur individuelles Gold am ersten Brett, sondern die indische Mannschaft gewann souverän das wichtigste Teamevent im Schach. Aber Gukesh hat bereits mehrfach in Interviews erwähnt, dass er sich nicht auf einen Gegner außer Form vorbereitet, sondern einen starken Gegner erwartet.
Es wird ein Massaker.
Arjun Erigaisi, indischer Schachgroßmeister.
Es gibt nur zwei vernünftige Vorhersagen. Es wird knapp oder Gukesh wird mit deutlichem Vorsprung gewinnen. Die meisten haben auf beide Möglichkeiten gesetzt. Ich werde nicht feige sein und sage einen klaren Sieg mit +2 oder +3 für Gukesh voraus, der sich nie wie ein Wettkampf anfühlt. Ich erwarte auch, dass Ding nach dem Spiel zurücktritt, falls er verliert. Es ist traurig zu sehen, wie ein Mann so sehr darum kämpft, dass seine Träume wahr werden.
Jacob Aagaard, dänischer Schachgroßmeister, Trainer und Verleger.
Wie groß ist der Druck, der auf dem Teenager lastet?
Gefragt nach dem Druck vor dem Wettkampf sagte Gukesh: Es ist immer ein Privileg, für Indien auf so hohem Niveau zu spielen, und ich genieße diese Erfahrung. Ich denke, dass ich mit Druck vor allem durch Erfahrung umgehen kann. Ich habe schon in vielen Situationen mit hohem Druck gespielt, wenn auch nicht bei einer Weltmeisterschaft, natürlich. Aber ich freue mich auf die neue Erfahrung.
Quelle: Take Take Take via Youtube.
Pressekonferenz vor dem Match
Gukesh zeigte sich glücklich in Singapur zu sein, zumal er einen WM-Kampf herbeisehne, seit er mit dem Schachspielen begonnen hat. Er habe alle Chancen der Welt, wenn er weiterhin gutes Schach spiele und in jeder Partie die beste Version seiner selbst zeige.
„Ich bin sicherlich etwas nervös, aber ich fühle mich gut dabei. Der einzige Gedanke, den ich habe, ist, mein Bestes zu geben und zu sehen, was passiert. Es ist eine Ehre und ein Privileg für mich, für Indien bei irgendeiner Veranstaltung zu spielen, besonders bei einer Veranstaltung wie der Olympiade oder der Weltmeisterschaft. Es ist ein so großes Ereignis, mein Land zu vertreten und die Hoffnungen der Inder zu tragen: Das ist eine Ehre für mich. Ich nehme das sehr ernst. Ich werde gegen Ding Liren antreten, der seit mehr als einem Jahrzehnt zu den besten Spielern der Welt gehört.
Divya Deshmukh ist eine der talentiertesten jungen Schachspielerinnen Indiens. Schon früh zeigte sie außergewöhnliche Fähigkeiten und machte sich in der internationalen Schachszene einen Namen. Mit großem Talent und einem Ehrgeiz, der kaum zu bremsen ist, hat Divya bereits als Kind und Teenager Titel gewonnen.
Kaum eine andere Schachspielerin sammelt internationale Erfolge wie die am 9. Dezember 2005 geborene Inderin Divya Deshmukh. Nach zahlreichen nationalen und internationalen Titeln im Kindesalter ist der Teenager aus Nagpur, einer Stadt im zentralindischen Bundesstaat Maharashtra, im Jahr 2024 zu einem internationalen Superstar im Schach aufgestiegen.
Viele Schachspieler folgen einem Ritual zu Beginn und manche sogar nach dem Ende jeder Partie. Nach ihren Schachpartien unterschreibt Divya Deshmukh in Budapest die Partieformulare und baut die Figuren wieder in der Grundstellung auf. Immer. Lediglich die Könige werden in der Mitte positioniert, um zunächst der Elektronik und damit der Schachwelt das Ergebnis der Partie mitzuteilen. Nicht jeder Schachspieler ist so gut erzogen wie Divya. Das Aufbauen der Figuren bezeugt vor allem Respekt gegenüber dem Spiel. Ähnlich verhält sich ein anderer indischer Superstar, Gukesh, der sogar noch eine Art Bekreuzigungsritual anfügt.
Frühe Erfolge im Mädchenschach
Divya begann mit fünfeinhalb Jahren das Schachspiel. Zunächst wollte sie vor allem ihren Vater im Schach besiegen, also eine recht typische Motivation unter Schachspielern. Früh stellten sich erste Erfolge ein und oft war Divya die Erste, die bestimmte Leistungen erreichte. Beispielsweise war die Inderin die erste Frauen-Fidemeisterin im Alter von sieben Jahren. 2014 gewann Divya im südafrikanischen Durban die U10-Weltmeisterschaft der Mädchen und in 2017 folgte im brasilianische Poços de Caldas der WM-Titel in der Altersklasse U12. Im April 2019 gelang es Divya erstmals eine Ratingzahl von über 2400 Punkten zu erzielen, das repräsentiert einen Spielstärkelevel, der für das Erringen des zweithöchsten Titels im Schach, dem Titel eines Internationalen Meisters, notwendig ist. Dieses hohe Spielniveau konnte Divya zunächst nicht halten und ging mit einer Wertzahl von 2305 Punkten in die pandemiebedingte Zwangspause.
Partieende durch Stromausfall
2020 spielte Divya mit 14 Jahren für Indien am Frauenbrett bei der online ausgetragenen Schacholympiade, die mit gemischten Sechserteams ausgetragen wurde. Angeführt wurde das Team vom fünfmaligen Weltmeister Viswanathan Anand. Divya wurde für beide Finalpartien am Frauenbrett eingesetzt und bestand gegen die damals deutlich höher eingeschätzte Russin Polina Shuvalova. Die erste Partie endete Remis und dann in der zweiten Partie passierte aus indischer Sicht ein Drama. Es gab einen Stromausfall. Fans sahen auf dem Brett von Divya die folgende Situation.
Finale Online-Schacholympiade Divya Deshmukh – Polina Shuvalova nach 25….Kg8
Shuvalova ist komplett überspielt und hat kein Gegenspiel, da sie am Damenflügel unvorsichtig agiert hat. Gegen den heraufziehenden weißen Angriff am Königsflügel gibt es keine ausreichende Verteidigung mehr. Die Inderin wollte hier mit 26.Th2 fortsetzen Aber: Divya verlor offiziell zunächst ihre Partie, da jegliche Übertragungsfehler dem betroffenen Team angerechnet werden. Divya weinte vor laufender Kamera, fand aber wieder die Fassung. Der Leitungsausfall betraf allerdings nicht nur drei Partien der Inder an ihrem Spielort, sondern ein ganzer Kontinent war abgehängt. Der Weltschachbund fand ein nicht unumstrittenes gleichwohl salomonisches Urteil, beide Teams, Russland und Indien, wurden zu Goldmedaillengewinnern ausgerufen.
Bei der Schacholympiade 2022 in Chennai (Indien) gewann die damals 16-jährige Divya mit sieben Punkten aus neun Partien die Bronzemedaille am Reservebrett. Sie nannte diesen Erfolg zunächst „surreal“. Divya spielte für das zweite indische Team. Am ersten Brett von Indien B spielte Vantika Agrawal, die 7,5 aus elf Partien holte, ebenfalls ihre Mannschaftskameradin in Budapest 2024. Das zweite indische Team landete auf dem achten Platz. In der offenen Klasse sorgte ebenfalls Indien B für Aufregung und landete letztlich auf dem dritten Platz, einen Platz vor der ersten indischen Mannschaft.
(Foto: Lennart Ootes for Fide Chess)
2023 – überraschender Turniersieg als Ersatzspielerin
Erfolgreiche Sportler unterschiedlicher Disziplinen berichten immer wieder darüber. Es gibt Momente, die scheinbar einen Schalter umlegen und Sportlern einen Schub in ihren Karrieren verleihen. Vielleicht war der 2. September 2023 solch ein Tag in der Karriere von Divya Deshmukh. In der indischen Nationalbibliothek Bhasha Bhawan in Kalkutta gewann Divya das Tata Steel Frauen Schnellschachturnier vor der Favoritin und Weltmeisterin Ju Wenjun aus China. Dabei war die 17-jährige Inderin für das Turnier gar nicht vorgesehen. Divya sprang kurzfristig ein, da ihre Landsfrau Vaishali aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen konnte. Divya war ohnehin gut in Form und hatte im Monat zuvor bei einem Openturnier in Abu Dhabi, also in den Vereinigten Arabischen Emiraten, ihren Titel als Internationaler Meister klar gemacht.
Foto: John Brezina
Von Beginn an lief es gut für Divya, die mit der geringsten Elozahl im Feld und damit als krasse Außenseiterin startete. Nach einem Auftaktsieg gegen Harika Dronavalli und einem Unentschieden gegen die Weltmeisterin gab es scheinbar kein Halten mehr und nach fünf Siegen und zwei Remis in den ersten sieben Runden legte die Inderin ordentlich vor. Gegen die unter neutraler Flagge teilnehmende Russin Polina Shuvalova verlor Divya dann in der achten Runde nach einem unnötigen Bauernopfer, das ihre Gegnerin geschickt nutzte. Der Turniersieg schien in Gefahr, zumal Ju Wenjun zur Inderin aufschließen konnte. Divya musste mit Schwarz erstmals gegen die indische Spitzenspielerin Koneru Humpy ran und die Chinesin hatte Weiß gegen die Ukrainerin Anna Ushenina, die scheinbar einfachere Aufgabe. Dann wurde jüngere indische Schachgeschichte geschrieben und Divya erzielte ihren ersten größeren Erfolg bei den Frauen.
Humpy – Divya Tata Steel Rapid Kalkutta – Diagramm nach 39.Le2 von Weiß
Divya erkannte in dieser Stellung, dass sie eine taktische Chance hatte. Nach einem Rechenfehler ihrer Gegnerin streute die junge Inderin einen Zwischenzug ein, gewann die Partie und das Turnier. Ihr erster großer Erfolg im Frauenschach.
Pressekonferenz der Siegerinnen. Tata Steel India Rapid 2023.
Medaillen sammeln als Hobby
Divya sammelte, Stand Oktober 2024, bereits 23 Goldmedaillen bei 40 internationalen Events für Indien ein. Die Zahl der nationalen Titel kennt sie nicht einmal selbst. International ragen ihre drei Weltmeistertitel der Frauentitel in Asien 2023 heraus. Im Mai 2024 gewann Divya das Sharjah Challenger Turnier, ein Mixed-Event. Es fehlten ihr 16 Punkte bei der Performance und ein Gegner mit einem Großmeistertitel zu ihrer ersten GM-Norm. Im Monat danach gewann die Inderin in Gandhinagar, der Hauptstadt im indischen Bundesstaat Gujarat, die Weltmeisterschaft der Juniorinnen mit zehn von elf möglichen Punkten. Sie war haushohe Favoritin, aber diesem Druck, zumal im eigenen Land, muss man erst einmal standhalten. Es gelang der Inderin überzeugend. Im August 2024 übernahm Divya erstmals die Spitzenposition in der Weltrangliste der Juniorinnen. Im September kamen zwei Goldmedaillen bei der Schacholympiade hinzu im Team und am dritten Brett. Die gemischte Teamwertung nach der Schachlegende Nona Gaprindashvili benannt, gewann Indien ebenfalls. Ihre Elozahl schraubte die Inderin von 2420 im Januar 2024 auf 2490 in der Dezemberliste
Divya und ihre Mutter. Fide Chess GP Shymkent Foto: Konstantin Chalabov (Fide Chess)
Trotz harten Schachtrainings seit ihrer Kindheit absolvierte Divya ihre Schulprüfungen und in 2024 kamen ihre Examina in der Oberprimarstufe 12 hinzu. Ihre Eltern sind Doktoren, was in Indien kein seltener Background bei Schacheltern zu sein scheint. Ihre Mutter Namratha gab ihren Job auf als Divya etwa fünf Jahre alt war, um die Schachkarriere ihrer jüngsten Tochter zu fördern, als Chess Mom. Sie begleitete seither meist ihre Tochter. Divya wurde von der Schule ebenfalls unterstützt, indem ihre Ausfallzeiten für die Teilnahme an Schachturnieren und Trainings toleriert wurde. In einer Frühphase ihrer Karriere war Divya jeden Monat für eine Woche in Chennai in der Schachakademie von Ramesh RB und seiner Frau Aarthie Ramaswamy. Mit 14 Jahren sagte Divya in einem Interview mit Sagar Shah, dem Gründer von Chessbase India, dass ihre Karriereplanung wie die von Hou Yifan aussieht: Zunächst will sie Weltmeisterin werden und dann ein Studium starten.
Die Entscheidung über die Vergabe der Goldmedaille bei der Schacholympiade in Chennai fiel in einer Partie: im Duell zwischen dem Inder Gukesh und dem Usbeken Nodirbek Abdusattorov. Der 16-jährige Inder stand nach der Eröffnung besser und schließlich auf Gewinn. Doch dann glitt Gukesh die Partie nach und nach aus den Händen und Usbekistan gewann in der Folge die Goldmedaille und das indische B-Team landete auf dem dritten Platz.
Anatomie eines schachlichen Unfalls
Chennai. In der zehnten Runde kam es bei der 44. Schacholympiade 2022 zum Kampf der zwei Überraschungsmannschaften. Die Youngster von Indien 2 spielten endlich gegen Usbekistan. Die Usbeken lagen zu diesem Zeitpunkt mit einem Matchpunkt vorne. Damit war klar, dass dieser Wettkampf eine Vorentscheidung für die Goldmedaille in der offenen Klasse bringen würde. Es lief zunächst hervorragend für die Inder, die mit Schwarz zwei Remis erreichten. Kurz vor der Zeitkontrolle war klar, dass Praggnanandhaa, Pragg, seine Partie gegen Sindarov gewinnen würde. Am ersten Brett spielten die zwei überragenden Spieler am Spitzenbrett gegeneinander. Gukesh für Indien und Nodirbek Abdusattorov für Usbekistan.
Der Verlauf der Partie ist einfach erzählt: Gukesh hatte erneut einen hervorragenden Tag erwischt. Nodirbek stand hinten drin und nach 32 Zügen sah es nach einem klaren Sieg für Indien aus. Gukesh musterhafte Partieführung hatte zu der folgenden Stellung geführt.
Der Bauer auf c5 geht verloren und die einzige Aufgabe von Weiß besteht darin, das Eindringen der gegnerischen Dame zu verhindern. Gukesh kann den Bauern hier schlagen, aber sein Zug mit dem f-Bauern von f2 nach f3 ist ebenfalls bestens geeignet. Der Usbeke weiß nicht wie er überhaupt weiterspielen soll, zieht seine Dame nach d6 und nimmt das Feld g3 ins Visier. Nach diesem Zug kann der Inder mit dem Springer auf c5 nehmen, den Läufer angreifen und mit dem Springer zurück nach d3 ziehen. Es kann nicht mehr lange dauern und Indien jubelt, denkt man.
Statt den Bauern auf c5 zu schlagen spielt Gukesh zunächst seinen König nach f1, vermutlich um mit seinem König von e2 oder e1 das Eindringen auf der eigenen Grundreihe zu verhindern und erst dann auf c5 mit dem Springer, oder mit einem König auf e2 mit der Dame auf c5 zu nehmen. Diese Methode wirkt etwas umständlich, sollte aber ebenfalls funktionieren.
Zeitkontrolle geschafft. Weiß steht klar auf Gewinn. Der Usbeke hatte seinen Läufer kurzzeitig auf f5 eingesetzt und Gukesh den a-Bauern gegen den e-Bauern seines Gegners getauscht. Aber erstmals stört eine gegnerische Drohung, wäre Schwarz hier am Zuge, er würde ein Schach auf g1 geben. Gukesh wehrt mit einem Springerzug nach c5 die Drohung seines Gegners ab und arbeitet weiter an der Verwertung seines Vorteils. Dennoch ahnt man als erfahrener Spieler, dass der weiße König langfristig ein sicheres Versteck benötigt, um gegnerischen Schachgeboten auszuweichen. Nach dem Springerzug nach c5 und Zug der gegnerischen Dame nach a5, antwortet Gukesh hier mit dem Zug seines Königs nach d1. Erstmals bekommt man als Beobachter kleine Zweifel an einem zweiten Sieg heute für Indien. Der König wäre gefühlt auf h2 sicherer, besser dorthin unterwegs und würde nebenbei den eigenen Bauern auf g2 verteidigen. Aber Gukesh ist ein hervorragender Rechner und wird schon wissen was er macht, beruhigen sich erstmals zweifelnde Beobachter.
Einzig die weiße Königsstellung ohne Schutz gibt Schwarz hier noch etwas Hoffnung auf ein Remis. Aber der weiße König steht auf c2 so postiert, dass der gegnerischen Dame auf der d-Linie keine Einbruchsfelder verbleiben. Läuft gut. Der nächste Zug von Gukesh überrascht, verblüfft, erschreckt den Zuschauer. Es ist der erste Zug ohne erkennbaren, nachvollziehbaren Hintergrund in dieser Partie, vermutlich in diesem Turnier. Der Inder zieht seinen König nach b2. Stand dieser König nicht auf c2 besser? Teamkollege Praggnanandhaa am Nebenbrett kennt die entscheidende Hürde in seinem Endspiel mit Turm und h-Bauer gegen Läufer offensichtlich und insofern wäre ein Unentschieden kein großer Verlust. Beruhigungspillen.
Einige Züge später sieht die Situation auf dem Brett so aus.
Die gegnerische Dame ist auf g1 eingedrungen und Weiß kann hier seine Dame erneut nach c2 ziehen und Nodirbek bleibt vermutlich nichts anderes als mit dem Damenzug nach c5 und nach erneutem Seitenstep der Dame nach d2 den Gegner zu fragen, ob er nach Damenzug nach g1 weiterzuspielen gedenkt. Falls er das will, weil er muss, kann Gukesh und damit Indien einen kleinen Erfolg melden. Die angedrohte Stellungswiederholung wäre in jedem Fall eine sichere Testmethode, die nichts kostet. Gukesh versucht es nicht einmal, sondern zieht seinen König nach c2. Das ist typisch für die junge Generation, aber kritikwürdig. Peter Svidler versteht es nicht und die Fans von Indien müssen weiter zittern, denn die Partie geht weiter in objektiv etwa gleicher Stellung. Es kam dann wie es häufig kommt in solchen Situationen Gukesh verlor nach einem groben Fehler.
Das Drama
Gukesh verschmähte das wahrscheinliche Remis und wird vom amtierenden Schnellschachweltmeister aus Usbekistan zunächst gekontert. Die Bewertung schwappt hin und her zwischen Ausgleich und Vorteil für Nodirbek. Bis dann der plötzliche Tod durch ein grobes Versehen eintritt. Gukesh sackt in sich zusammen.
Lennart Ootes (FIDE Chess)
Die Fotos fangen eine für das Schachspiel typische Situation ein, einem Spieler unterläuft ein grober Fehler, und man weiß weder als Betroffener noch als Glückspilz wie man reagieren soll. Gukesh fällt in sich zusammen, lässt seine Bedenkzeit ablaufen und bleibt zunächst konsterniert sitzen. Der Usbeke ist ebenfalls erkennbar geschockt über die Situation, vermutlich fühlt der Usbeke einen kurzen Moment mit seinem Gegner mit. Ein Lächeln kann ihm erst sein Team-Captain Ivan Sokolov aufs Gesicht zaubern.
Lennart Ootes (FIDE Chess)Lennart Ootes (FIDE Chess)
Solche Situationen kommen vor im Schach, oft. Selten ist der Einsatz allerdings so hoch wie hier. Vergleichbar ist diese Wucht der Emotion für die Beteiligten vermutlich nur mit einem Weltmeisterschaftskampf oder einer finalen Runde in einem Kandidatenturnier oder einer WM-Partie.
Über den Tag hinaus
Gukesh wird einen Tag später sagen, dass seine Entscheidung unverantwortlich war. Tatsächlich ist dies der Kippmoment dieses Turniers, welcher Indien die Goldmedallie gekostet haben könnte, wobei man so nicht argumentieren darf in der Retrospektive, aber es fühlt sich so an. Vishy Anand erklärt die Situation ausführlich in seiner täglichen Kolumne zur Schacholympiade im The Hindu. (Kolumne von Anand) Gukesh habe auf Autopilot geschaltet und bekam den bisherigen Verlauf der Partie bei einer objektiven Bewertung nicht mehr aus dem Kopf. Aufmunternd schreibt er, dass das ihm selbst schon öfters passiert sei. Er, Anand, habe auf das Unentschieden gehofft, denn es komme unweigerlich sonst ein Punkt ohne Umkehr. Später wurde bekannt, dass Anand nachts im Hotel bei Gukesh vorbei schaute und mit ihm ein längeres Gespräch führte. Gukesh trat am nächsten Tag an und remisierte problemlos mit der deutschen Nummer 1 Vincent Keymer. Die zweite indische Mannschaft gewann souverän mit drei zu eins Punkten. Gukesh gewann die Goldmedaille am ersten Brett. Sicher kein Trost.
Maria Emelianova Chess.com
Bei der Siegerpressekonferenz der Schacholympiade in Budapest 2024 – diesmal gewann Indien Gold – wird Gukesh nach dieser einen Partie, der Entscheidungspartie 2022, gefragt. Die verpasste Chance wurmte den Inder offenbar noch immer. Gukesh formulierte es so:
Ich musste eine Schuld begleichen.
Gukesh in Budapest 2024.
Dieser Text wurde erstmals am 09.08.2022 bei Chessbase veröffentlicht. Leichte Änderungen und Ergänzungen.
Ein Gespräch über den Einfluss der Computer und Freestyle-Schach mit Peter Heine Nielsen.
Von Thorsten Cmiel
Mein Gesprächspartner ist der dänische Schachgroßmeister Peter Heine Nielsen. Mit neun gewonnenen WM-Titelkämpfen ist der 52-Jährige der bisher erfolgreichste Sekundant der Schachgeschichte. Nachdem er zunächst für Viswanathan Anand aktiv war, ist er seit dem Weltmeisterschaftskampf 2013 für Magnus Carlsen im Einsatz. Peter vertritt sehr pointiert die These, dass der beste Schachspieler der Welt durch Freestyle-Schach (andere nennen das Chess960 oder Fischer-Schach) ermittelt werden sollte. Einige kontroverse Ansichten über das klassische Schach, die ich für überzogen, aber gleichzeitig spannend hielt, reizten mich, ihn um ein Interview zu bitten, das wir via Video-Konferenz Mitte September 2025 zeitgleich mit der letzten Runde des Grand-Swiss-Turniers in englischer Sprache führten.
Wie existentiell ist die Krise im klassischen Schach?
Als ich ihn frage, ob das klassische Schach sich in einer existentiellen Krise befinde, überrascht mich Peter mit der Einschätzung, Schach sei auf höchster Ebene weitgehend gelöst. Peter ist nicht sicher, ob klassisches Schach noch vielleicht 15 Jahre dazu dient, den Weltmeister zu bestimmen, er sieht aber in der Zukunft Probleme. Er formuliert das so: „Ich mag den allgemeinen Trend nicht, und ich versuche, ihn zu beschreiben und die Probleme zu diskutieren.“ Da Peter auf X (vormals Twitter) sehr aktiv ist, sieht er dort gelegentlich falsche Zuspitzungen seiner Position. Während des Grand-Swiss-Turniers reklamierten viele das Geschehen dort als ein gutes Beispiel dafür zu sehen, dass das klassische Schach nicht in einer Krise stecke. Das sei eine Art typischer Rhetorik auf beiden Seiten. Klassisches Schach sei natürlich weiter gut spielbar. Das beruhigt mich, aber im Nachhinein frage ich mich, was Peter Heine genau meint.
Erzwungene Unentschieden und kurze Bauernzüge
Wir kommen recht schnell auf eine konkrete Partie zu sprechen, die Peter als Beispiel dient, das Problem aus seiner Sicht zu veranschaulichen. Nikita Vitiugov hatte in der sechsten Runde in Samarkand gegen Aronian in einer der schärfsten Varianten der französischen Verteidigung einen Weg gewählt, der es seinem Gegner unmöglich machte, dem Remis auszuweichen. Peter dazu: „Das erscheint mir ein Mangel des Spiels in technischer Hinsicht zu sein. Es ist schade, dass ein Spieler dem anderen ein Remis aufzwingen kann. Wer hat ein Interesse daran, dass das Spiel einfach so endet? Ich meine, niemand, außer vielleicht der weiße Spieler, der glücklich darüber ist, dass er gegen einen etwas stärkeren Spieler unentschieden gespielt hat.“
Ein anderes Beispiel sei das typische Remis in der Berliner Verteidigung. Peter glaubt, dass Aronian Französisch nicht spielte, um Remis zu machen, sondern weil er kämpferisch eingestellt war. Wir kommen schnell zum Kern seiner Argumentation: „Ich möchte nicht, dass ein Spieler schlechte Züge und Eröffnungen spielen muss, um ein erzwungenes Remis zu vermeiden. Und im Allgemeinen gilt das auch für Weiß.“ Zu dem Thema schrieb Peter einige Tweets, die online kontrovers diskutiert wurden. Er sieht eine Entwicklung, bei der selbst Spitzenspieler Züge spielen, die gegen klassische Prinzipien verstoßen. Das könne man natürlich auch fälschlicherweise als Evolution bezeichnen. In der ersten Runde im Sinquefield Cup hatte Fabiano Caruana gegen Jan Krzysztof Duda im dritten Zug seinen Bauern nicht nach c4 (Damengambit), sondern nach c3 gezogen. Peter: „Ich glaube nicht, dass das auf eine Evolution zurückzuführen ist. Es geht in erster Linie darum, die Vorbereitung durch den Computer zu vermeiden.“ Genau so habe Daniil Dubov in einem Interview mit New in Chess argumentiert. Beim Schach habe man einen Punkt erreicht, an dem Weiß im Allgemeinen seinen Anzugsvorteil nicht mit guten Eröffnungen in einen Vorteil umsetzen kann, sondern in der Praxis geschickter nutzt, um den Gegner auf für diesen weniger bekanntes Terrain zu locken.
Was ist ein guter Zug im Spitzenschach?
Hier kommen wir zu seinen Erfahrungen als Coach in WM-Kämpfen. Manchmal müsse man aus der Notwendigkeit heraus Züge wie h3 oder h6 spielen, um zu überraschen, meint Peter. Das sei zwar irgendwie cool, aber es seien keine großartigen Züge. Ich weise als Gegenbeispiel auf den Schwarzsieg von Gukesh beim Kandidatenturnier gegen die klassische Nimzoindisch-Variante von Nijat Abasov hin. Ein anderes Beispiel, das allerdings gescheitert ist, war Ding Lirens erste Weißpartie im WM-Kampf 2023 gegen Ian Nepomniachtchi.
Anish Giri kommentierte für Chessbase den 4. Zug von Ding Liren aus der ersten Partie des WM-Kampfes gegen Ian Nepomniachtchi so: „Rapport-Einfluss! Ding wartet mit einer frühen Überraschung auf, die mehr im Stil von Richard Rapport als von ihm selbst ist. Der wichtigste und möglicherweise einzige Punkt des Zuges ist es, den Gegner aus dem Buch zu bringen.“
Außerdem wende ich allgemeiner ein, dass Peter wohl auf der Grundlage klassischen Schachwissens argumentiere, ob ein Zug ein guter oder kein guter Schachzug ist. Peter Heine Nielsen dazu: „Ich habe keine Zweifel daran, dass 1.e4 a6 bei optimalem Spiel ein Remis ist, aber wir sagen trotzdem, dass a6 ein schlechter Zug und e5 ein guter Zug ist.“ Das würde nicht über Sieg oder Niederlage entscheiden so Nielsen. Er habe kürzlich an einem Fernschach-Turnier teilgenommen. Dort habe man den Computer als Hilfe. Man versteht dann, dass alles ein Remis ist. Der einzige Spaß bestehe also vielleicht darin, den dümmsten Zug zu spielen, der am Ende zu einem Remis reicht. Wenn man anfange, völlig absurde Züge zu spielen, nur um Spaß zu haben, dann sind natürlich b3 und c4 beide gleichwertig. (Hier bezieht sich Peter Heine auf Magnus Carlsens 6. WM-Partie gegen Ian Nepomniachtchi mit 6.b3 statt dem katalanischen Zug 6.c4).
Nach klassischen Prinzipien sei c4 ein besserer Zug als b3. Das heißt, man greife das Zentrum an und versuche, keine Zeit zu verlieren. Das sei sehr logisch: „Wenn wir Freestyle spielen, versuchen wir nach Prinzipien und logischem Denken zu spielen.“ Immerhin Peter Heine fühlt sich herausgefordert von meinem Argument und legt nochmals nach: Er könne garantieren, dass Magnus den Zug 6.b3 nicht gespielt habe, weil er diesen für einen guten Zug halte, sondern weil er seinen Gegner aus dem Buch herausdrängen wollte. „Nicht, dass wir damit vollständig erfolgreich waren oder dass Magnus das in dieser Phase wollte, aber der Hauptgrund war, dass er [Nepo] offensichtlich alle Probleme von Schwarz in dieser Eröffnung mehr oder weniger gelöst hat und wir keine Ahnung hatten, wie wir weiterkommen sollten. Den b-Bauern zu ziehen diente dazu, um mit dem Schachspielen anzufangen.“
Dass Spieler wie Caruana oder Gukesh beide früh Züge wie c2-c3 spielen, sei noch ein stärkeres Zeichen, weil es sich um sehr passive Züge handelt. Es seien Züge, die vor 150 Jahren gespielt wurden, weil man die Dynamik nicht verstanden habe. Jetzt seien wir an einem Punkt angelangt, an dem sämtliche dynamischen Positionen gelöst seien und Topspieler etwas Langweiliges spielen müssen, nur um das Spiel in Gang zu bringen. Königsindisch sieht er auf höchstem Niveau dagegen fast gar nicht mehr.
„Mein Argument ist, dass wenn wir Freestyle-Schach spielen, sich niemand an Lösungen für 900 Positionen erinnern kann, was bedeutet, dass wir anfangen können, auf der Grundlage allgemeiner Prinzipien Schach zu spielen, Mensch gegen Mensch. Mein allgemeiner Punkt ist, dass man beim Freestyle-Schach sieht, wie Spieler denken, während man beim klassischen Schach in hohem Maße sieht, wie Leute versuchen, sich zu erinnern.“ Auch hier gebe ich Peter Heine unwillkürlich Recht.
Die Stärke der Engines
Es sei wichtig zu verstehen, dass es in seiner Karriere einen großen Unterschied in der Computertechnologie gab. Früher habe man teilweise Züge vorbereitet, die nach modernen Maßstäben zum Verlust führen. Gleichzeitig habe man Dinge entdeckt, die sich über die Zeit bewährt haben. Die Arbeit als Sekundant war also viel abwechslungsreicher. Heutzutage habe er den Eindruck, dass Computer so stark seien, dass die Hardware kaum noch eine Rolle spiele. Das war früher anders: In Bonn war das Team Anand noch sehr stolz darauf, eine Art Remote-Engine einzusetzen. 2010 war klar, dass Topalov einen stärkeren Computer hatte, und das machte dem Team im Grunde genommen große Angst. „Wir versuchten, Anti-Computer-Schach zu spielen, was glücklicherweise gut zu Vishys Stil gegen Topalov passte. Aber heute sind die Engines meiner Meinung nach so stark, dass es keine Rolle mehr spielt.“ Das sehe ich genauso und frage mich, warum Spieler, die sich nicht für Weltmeisterschaftskämpfe vorbereiten, überhaupt Cloud-Engines nutzen.
Quelle: Chessbase
„Heutzutage liefert die Engine meist die Lösung mehr oder weniger sofort. Die Dinge haben sich also dramatisch verändert. Meine gesamte Karriere als Sekundant in einem Atemzug zu betrachten, funktioniert also nicht. Aber natürlich versuchten wir sowohl mit Vishy als auch mit Magnus bis zu einem gewissen Grad, die Dinge mit mathematischer Präzision zu planen.“ Praktische Überlegungen spielten eine große Rolle. Manchmal wurde etwas probiert, was man früher als „freien Zug” bezeichnete. Man versucht dabei ein forciertes Abspiel zu spielen, bei dem der Gegner, wenn er sich nicht gut erinnert oder das Problem nicht lösen kann, verliere oder es zu einem Unentschieden komme. In anderen Fällen versuche man, einige praktische Ansätze zu verfolgen, die weniger scharf sind.
Wer trifft die Entscheidungen in der Eröffnung, was unterschied Carlsen und Anand?
„Bis zu einem gewissen Grad kann man argumentieren, dass das ein Geheimnis ist, aber ich denke Magnus spielt keine Matches mehr. Wir schicken Magnus etwas, und er sieht es sich an. Bei Vishy wäre es ein gemeinsamer Prozess, bei dem wir darüber sprechen und diskutieren. Aber bei Magnus war es eher eine einseitige Kommunikation. Wie trifft er also seine endgültigen Entscheidungen? Die ehrliche Antwort lautet: Ich weiß es nicht.“
Foto: Lennart Ootes (Norway Chess)Foto: Michal Walusza (Norway Chess)
Hängepartien
Zwischendurch will ich wissen, ob Peter schon einmal Hängepartien gespielt hat, denn deren Abschaffung war eine der größten Veränderungen, die der Einsatz von Computern und inzwischen Engines für das Wettkampfschach gebracht hat. Peter sagt, er seit alt genug, um schon einmal Hängepartien gespielt zu haben, allerdings nur sehr wenige bei dänischen Meisterschaften, und es sei nichts Besonderes dabei gewesen. Nach etwas Nachdenken erinnert er sich an Hängepartien in Budapest und in Belarus, die er falsch eingeschätzt hatte und nicht gewinnen konnte. „Ich stimme zu, es war eine interessante Sache, und es gibt großartige Momente von vertagten Partien in der Schachgeschichte. Aber ich denke, wir alle verstehen jetzt, dass es keinen Sinn mehr macht.“
Experimente
„Wir haben ein wenig mit Hassabis [gemeint ist Demis Hassabis, dessen Team Alpha Zero und Alpha Go entwickelt hat] geplaudert, bevor er Experimente durchführte, bei denen eine Regel des Schachspiels geändert wurde, um zu sehen, ob es das Spiel verbessert. Ich war ein großer Fan dieses Experiments. Ich hoffte, dass sagen wir mal, die Patt-Regel abgeschafft wird und Schach dadurch besser wird. Aber das ist nicht der Fall. Als die neuronalen Netze aufkamen, war es für mich eine erstaunliche Erfahrung, mir für alle möglichen Schacheröffnungen, mit denen ich mich mein Leben lang beschäftigt habe, zu verstehen, was die neueste KI darüber denkt.“
Warum Freestyle?
„Freestyle war ein langjähriger Traum von Magnus. Wir dachten zunächst, dass man klassisches Schach mit langer Zeitkontrolle und Freestyle-Schach mit kurzer Bedenkzeit spielen sollte. Magnus dachte, dass es genau umgekehrt sein sollte. Die Freestyle-Serie war eine Gelegenheit, es auszuprobieren. Ich glaube nicht, dass Magnus klassisches Schach abschaffen will, aber dass es seine am wenigsten bevorzugte Form des Schachspiels ist.“
Erklärbarkeit
Ich konfrontiere Peter Heine Nielsen mit dem Problem, dass selbst starke Großmeister die Züge beim Freestyle ohne Rechnerhilfe nicht erklären können. Ich bin zunächst überrascht über seine Antwort: „Ich stimme dieser Sichtweise im Prinzip zu. Das ist natürlich ein Nachteil. Sie sagen, dass es für Großmeister schwierig ist, dem zu folgen, aber ich meine, wie viele können die laufende Finalrunde im Grand Swiss verstehen, in der um zwei Kandidatenplätze gekämpft wird, und ich meine: wirklich verstehen. Das erfordert ein sehr gutes Verständnis. Ich meine, man muss die Partien verstehen, das Tiebreak-System verstehen und so weiter.“ In dem Punkt bin ich nicht bei ihm, denn ich glaube, klassisches Schach ist für Interessierte durchaus erklärbar und zwar für Zuschauer ganz unterschiedlicher Spielstärken.
Peter gibt zu, dass er gegenüber Freestyle-Schach zunächst ebenfalls äußerst skeptisch war, und er hat eine bemerkenswerte Begründung parat: „Die Leute behandeln mich inzwischen wie jemanden, der Schach-Eröffnungen nicht mag, aber ich bin ein führender Experte. [Er bezieht sich hier offensichtlich auf Diskussionen in Sozialen Medien.] Zumindest denke ich das seit vielen Jahren. Zuerst als Spieler war ich immer viel besser in Eröffnungen, und ich habe es zu meinem Lebensunterhalt für zwei ziemlich starke Spieler gemacht. Ich liebe es, über Schacheröffnungen nachzudenken. Und das ist immer noch das, was ich täglich mache. Ich verbringe täglich Stunden damit, Schachöffnungen zu analysieren und neue Ideen für Magnus zu entwickeln.“
Die akademische Sicht
Schach werde durch den Einfluss von Computern und die Tatsache, dass man immer die gleiche Ausgangsposition habe, ziemlich künstlich. „Deshalb bin ich im Laufe der Zeit dazu gekommen, es aus akademischer Sicht zu betrachten: Was ist das beste Spiel? Ich denke, Freestyle-Schach ist ein besseres Spiel als normales Schach.“
Ich bringe den Einwand von Danny Rensch, dass die Fans ihre Eröffnungen wiedererkennen wollen. Das könnte durchaus sein, meint Peter dazu. Schach sei in seinem Sinne verstanden eine Elitesportart. In keinem Sport gibt es so viele Unentschieden wie im Schach. In keinem anderen Sport gibt es Sportler, die sich derart lange Computer- und computerbasierte Vorbereitungen zu merken versuchen. Es gäbe viele Sportarten, die sich mit Einsatz moderner Datenanalysen stark verändert haben. Er nennt Baseball und Basketball, aber es seien immer noch Menschen, die rausgehen und versuchen die neuen Erkenntnisse umzusetzen: “Nur weil ein Dreipunktewurf etwas effizienter ist als ein Zweipunktewurf, heißt das nicht, dass man ihn einfach so ausführen kann. Schach ist ein nicht-physischer Sport. Und natürlich sind wir viel stärker von Computern beeinflusst. Das ist auch der Grund, warum wir das Problem des Betrugs haben.“
Foto: André Schulz (Quelle)
Kommerzielle Erwägungen, neue Formate, Bedenkzeiten
Bei der Frage, ob ein Spiel dessen Geschehen kaum jemand versteht, kommerziell erfolgreich sein kann, liegen wir tatsächlich auseinander. Peter argumentiert mit einigen jüngeren Erfahrungen für seine Position. „Magnus hielt das E-Sport-Turnier für einen wichtigen Schritt in der Vermarktung, und es handelte sich um ein echtes Zuschauererlebnis. Es gibt Leute, die das verfolgen und die jubeln. Gespielt wird in einer Art Stadion, und man beschränkt sich auf eineinhalb bis zwei Stunden Zeit. Das fühlt sich wie ein ziemlich intensives Event an. Für mich war das ein spannendes Erlebnis, Magnus gegen Nakamura zuzusehen. Gespielt wurde auf sehr hohem Niveau. Nun, natürlich sind die Geschmäcker verschieden, aber für mich war es interessanter als zum Beispiel eine klassische Partie zu sehen. Einige würden sagen, dass das Grand-Swiss-Turnier sehr spannend war. Ich weiß nicht, ob ich dem zustimme. Wie viele schauen sich solch eine Partie sieben Stunden lang live an? Ich würde nicht denken, dass es so viele sind. Und das ist mein Punkt: Wir schauen Schach, das im Fernsehen lange Zeit übertragen wird. Zwischendurch schreiben wir E-Mails, schauen eine Fernsehserie, holen die Kinder von der Schule ab und so weiter. Ist das wirklich die Art und Weise, wie man Sport schaut?“
Zuschauerfreundlichkeit
„Mein Argument ist, dass ich Schach in dieser Hinsicht für schwierig halte. Nicht nur Freestyle-Schach. Ich meine, es ist ein Wunder, dass man eine Million Norweger dazu bringen kann, Schach zu schauen. Aber in Wirklichkeit schalten sie wegen Magnus Carlsen ein.“
Man könne argumentieren, er versuche die klassische Zeitkontrolle zu retten. Das sei eine gute Kombination mit Freestyle. Ob Freestyle-Schach in dieser Hinsicht ein kommerzieller Blockbuster sein kann, weiß Peter nicht. Schach werde es vermutlich nie wirklich sein. Fußball wird wahrscheinlich immer weitaus mehr Zuschauer haben als Schach. Und so sei es nun einmal.
Was für Freestyle mit langer Bedenkzeit spricht
Ist es nicht ein Widerspruch, dass Magnus sich für eine kürzere Bedenkzeit im klassischen Schach ausspricht, aber bei Freestyle für längere Bedenkzeiten ist?
„Ich weiß nicht, ob ich mir selbst widerspreche. Ich denke, dass Freestyle-Schach für die besten Spieler der Welt so schwierig ist, dass sie eigentlich eine klassische Zeitkontrolle bekommen sollten, um gutes Schach spielen zu können. Wenn man sich zum Beispiel die Partien von Magnus und Nakamura ansieht, spielen sie großartiges Schach, obwohl sie jeweils nur zehn Minuten Zeit haben. Natürlich machen sie Fehler. Aber um ehrlich zu sein, dieses Turnier, das gerade zu Ende gegangen ist – übrigens herzlichen Glückwunsch an Matthias Blübaum. Es wurde auch durch Vincent Keymer entschieden, der gegen ihn einen großen Fehler gemacht hat. Keymer tut mir wirklich leid. Er hat fantastisch gespielt, ist großes Risiko eingegangen und hat wirklich sein Bestes gegeben. Und dann kommt er so zu kurz vor dem Ende ins Straucheln.“
Wer profitiert, wenn statt klassisch Freestyle gespielt wird?
Ich frage mich schon einige Zeit, welcher Spielertyp beim Freestyle größere Chancen hätte. Meine Vermutung war, dass so genannte Kreativspieler im Freestyle besser abschneiden könnten. Die Antwort von Peter überrascht mich.
„Natürlich schadet es vor allem den Spielern, die stark auf die Eröffnung setzen, wie ich zum Beispiel. Als aktiver Spieler habe ich Chess960 deshalb nicht gemocht, weil es meine größte Stärke zunichte gemacht hätte. Ich war eine Art Serve-and-Volley-Spieler, der viel Energie in seinen Aufschlag investiert hat. Nakamura wurde 2022 Weltmeister. Er kann gut mit kürzeren Zeitkontrollen umgehen, wie sie in diesem Turnier gespielt wurden. Es ist nicht so, dass er ein Spezialist für Chess960 ist. Die lange Bedenkzeit begünstigt nach meiner Einschätzung vor allem strategische Spieler, weil man tatsächlich beim Freestyle viel über seine Strategie nachdenken muss und sollte. Oft haben wir gesehen, dass Spieler mit Weiß sehr schnell eine dominante Position erlangten, weil deren Gegner strategische Dinge falsch verstanden hatten. Im Vergleich dazu kennen wir im klassischen Schach die allgemeinen Strategien. Es gibt Spieler, die sie tiefer und besser verstehen, vor allem Magnus. Ich spreche nicht von 1000 Spielern. Ich spreche von 20, mich selbst nicht mitgerechnet. Freestyle-Schach begünstigt Spieler, die ein gutes allgemeines Verständnis der Schachprinzipien haben, und Spieler die offen dafür sind, Dingen auf den Grund zu gehen. Natürlich hilft es, wenn man das Spiel liebt. Wenn man es interessant findet und gerne spielt, dann analysiert man es etwas tiefer und bleibt neugierig, anstatt es nur zu spielen, weil es ein gut bezahltes Event ist.“
(Hinweis: Peter Heine hat eine Zusammenfassung der deutschen Version gegengelesen und autorisiert. Wer den Text auf der Website in einer anderen Sprache liest, der erhält eine automatische Übersetzung und keine Garantie für die Richtigkeit der Übersetzung.)
Mit einer weiteren starken Leistung in der Schlussrunde gewann Nodirbek Abdusattorov das 88. Turnier im Januar in den Niederlanden. Im Challengers scheiterte der legendäre ukrainische Großmeister Vlassily Ivanchuk trotz Sieges in der Schlussrunde, aber der US-Junge Andy Woodward konnte seinen Vorsprung durch einen eigenen Erfolg verteidigen. Im Qualifikationsturnier für das nächste Challengers-Turnier gewann der deutsche Internationale Meister Christian Glöckler (geboren 2011) mit einer grandiosen Performance von 2899 Punkten.
Von Thorsten Cmiel
Die vollständige Tabelle zeigt ein klares Bild. In diesem Jahr dominierten die beiden usbekischen Großmeister. Dabei blieb einzig Javokhir Sindarov ungeschlagen. Allerdings hatte der Kandidat in der letzten Runde, ähnlich wie zu Beginn des Turniers gegen Gukesh, gehöriges Glück und gewann seine Partie gegen den Tabellenletzten Dai Thai Van Nguyen letztlich sogar noch. Von den vier Kandidaten im Turnier überzeugte nur der Usbeke. Matthias Blübaum darf ebenfalls weitgehend zufrieden sein und hatte immerhin mal einen kleinen Moment in der Sonne nach seinen zwei Siegen gegen Gukesh und Anish Giri in Folge. Pragg spielte wie Fabiano Caruana im Jahr 2018 ein durchwachsenes Turnier. Ihn und sein Team könnte beruhigen, dass der US-Amerikaner nach exakt dem gleichen Ergebnis der Sieg im Kandidatenturnier in Berlin gelang.
Letztrundensiege für die Usbeken
Der Inder Arjun Erigaisi kommt mit dem Turnier in Wijk in der Regel nicht zurecht und anders als Gukesh, der auch 2026 wieder großen Kampfgeist zeigte, hatte man bei Arjun und Pragg am Ende des Turniers das Gefühl, dass die beiden Inder keine echte Gegenwehr aufbauen konnten. Nodirbek Abdusattorov zeigte erneut eine starke Leistung und gewann scheinbar problemlos mit Schwarz gegen den Inder. In der Partie von Sindarov gegen Nguyen passierte Einiges und es sah lange nach einem Unentschieden aus. Dann folgte ein weitere chaotische Zeitnotphase. Die Kraft reichte für den tschechischen Großmeister nicht aus und ihm unterlief erst spät in der Partie dann ein spielentscheidender Fehler..
Tragik
Der unglücklichste Spieler war sicherlich der tschechische Großmeister Thai Dai Van Nguyen. Er kam mit der Bedenkzeit nicht zurecht. Gespielt wurde diesmal mit 120 Minuten für 40 Züge und danach gab es weitere dreißig Minuten für den Rest der Partie und 30 Sekunden pro Zug ab dann. Das hat Konsequenzen. Spieler müssen mit weniger als fünf Minuten auf der Uhr ihre Züge nicht mehr mitschreiben, aber später nachtragen. Nguyen hatte gegen den Inder Aravindh sogar eine Figur mehr, aber verlor. Gegen Hans Niemann konnte er ebenfalls gewinnen, aber spielte in Zeitnot einen ungenauen Zug, der die Partie drehte. Einem ähnlichen Szenario folgte die Partie auch in der Schlußrunde.
Zunächst war hier der Kandidat am Zug. Beide Spieler haben einen gefährlichen Freibauern auf dem Brett. Der a-Bauer ist in jedem Fall ein Aktivposten für den Usbeken, der hier mit Schwarz einen Zug finden muss und grob daneben griff. Wie sollte er hier weiter fortsetzen und wie ist die Stellung zu bewerten?
Der Usbeke hatte zuletzt seinen Läufer zurück gezogen – der Zug soll besonders solide sein. Wer einen Halbzug zuvor diesen Zug ausgeschlossen hatte, ist hier im Vorteil. Wie sollte Weiß jetzt am besten warum auf den Läuferzug reagieren? Die Lehre vom „Drawback“, also den Nachteil des letzten Zuges zu nutzen, hilft hier bei der Lösungsfindung.
Lösung (Hier Klicken)
Vladimir Fedoseev mit Sieg in der Schlussrunde
Für den ehemaligen Russen, der jetzt für den slowenischen Schachverband antritt, begann das diesjährige Turnier mit einer schnellen Niederlage gegen Hans Niemann. Mit seinem Sieg in der Finalrunde kam Vladimir auf fünfzig Prozent und gewann sogar noch etwas Rating (+4) hinzu. Auch diese Partie wurde nach einem groben Fehler
Machen wir aus dieser Situation eine Fifty-Fifty-Frage: Welcher Zug ist zuverlässiger, das Schlagen auf f5 mit dem Läufer oder der Tausch der Läufer nach Schlagen auf c3?
Lösung (Hier Klicken)
Matthias mit friedlicher Schlussrunde
In der letzten Runde waren die beiden punktgleichen Großmeister Matthias Blübaum und Yağız Kaan Erdoğmuş mit der Punkteteilung zufrieden und spielten eine offensichtlich beiden Spielern bekannte Fortsetzung. Da der 14-jährige Türke mit der etwas schlechteren Elozahl ins Rennen ging, gewann er sogar vier Elopunkte mehr als Matthias, der mit seiner gezeigten Form für das Kandidatenturnier zufrieden sein dürfte.
Weitere Remis-Partien im Masters
Die Begegnung zwischen Gukesh und seinem ehemaligen Zuarbeiter Vincent Keymer war vermutlich für deutsche Fans die Partie mit der größten Aufmerksamkeit. Für Zuschauer wurde einiges geboten und man sah, dass Gukesh sich nicht mit einem schnellen Unentschieden begnügen würde. Nach großem Kampf endete die Partie dann doch friedlich. Matthis Blübaum und der 14-jährige Türke Yagis Kaan Erdogmus waren sich recht schnell handelseinig. Praggnanandhaa schien gegen den Niederländer Jorden Van Foreest ein weiteres mal hinter sich greifen zu müssen. Im Wijk-Endspiel mit Turm und Springer gegen Turm und Springer verpasste Jorden ausgerechnet im Kontrollzug seine Chance und die Partie endete wenig später Remis. Auch Anish Giri und Hans Niemann beschlossen kein Risiko zu gehen und trennten sich letztlich friedlich.
Andy Woodward (2010) gewinnt Challengers
Das Qualifikationsturnier für das Masters im nächsten Jahr für viele Spieler ein Highlight. Allerdings passierte es nicht wenigen Spielern im Jahr darauf bei den „Großen“ einen Schock zu erleiden. So erging es Alexander Donchenko, Arjun Erigaisi und in diesem Jahr dem Vorjahressieger Dai Thai Van Nguyen. Um oben mitzuhalten muss der US-Amerikaner die Zeit sicherlich gut nutzen. Aber es gab natürlich noch andere Geschichten. Besonders schwer in Tritt kam der niederländische Großmeister Erwin L’Ami, der zudem in der letzten Runde gegen den späteren Turniersieger unterlag. Ein sehr solides Turnier spielte die Frauen-Kandidatin Bibisara Assaubaeva, die mit ihrem Probelauf zufrieden sein dürfte und Anfang Februar in Deutschland eine Art Schaukampf mit guter Dotierung spielen soll. Faustino Oro (2013) spielte ein solides Turnier und holte mehr als im Jahr zuvor. Wohingegen die andere Juniorin im Feld, die Chinesin Lu Miaoyi (2010), keine sichtbare Ergebnisverbesserung vorweisen kann im Vergleich zum Vorjahr.
Matthias Blübaum konnte seine Position oberhalb der 2700 Punkte-Grenze nicht lange halten. Der Usbeke Nodirbek Abdusattorov scheint nicht mehr zu stoppen zu sein. Nur sein Landsmann Sindarov kann noch in etwa mithalten. Der zweite Usbeke im Turnier ist bislang der einzige im Feld, der verlustpunktfrei ist. Immerhin: Vincent Keymer scheint das Turnier versöhnlich beenden zu können. Er gewann gegen den tschechischen Großmeister Thai Dai Van Nguyen und spielt ungefähr seinen Erwartungswert (Plus 2). Bei den Herausforderern liegen zwei jüngere Großmeister vor einem Altmeister. Beim Qualifikationsturnier ist Christian Glöckler jetzt durch.
Von Thorsten Cmiel
Nach dem Sieg gegen einen der direkten Konkurrenten dürfte der Usbeke im vierten Anlauf das Tata Steel Turnier in Wijk gewinnen können. Eine Tabelle mit vier indischen Großmeistern in der zweiten Turnierhälfte hatte zuletzt eher Seltenheitswert.
Kleinigkeiten entscheiden
In der Partie des Tages gewinnt Nodirbek Abdusattorov gegen Matthias Blübaum, einen seiner Verfolger im Feld. Dabei entscheiden letztlich Kleinigkeiten. Matthias zieht im entscheidenden Moment zu schnell und wird von Nodirbek präzise gekontert.
Eine Fifty-Fifty-Frage: Wohin sollte der Usbeke hier mit seinem König ausweichen?
Der kritische Moment in der Partie des deutschen Kandidaten. Wie sollte Schwarz sich hier am besten verteidigen? Matthias zog in diesem Moment zu überhastet und geriet schnell in spielentscheidenden Nachteil. Die Sache ist dennoch total kompliziert und die Kosten eines Fehlers sind gestiegen. Was sollte Schwarz hier also versuchen?
Yağız Kaan Erdoğmuş zurück
Der junge türkische Großmeister gewinnt erneut eine Partie und das nach zwei für ihn sicher schmerzhaften Niederlagen gegen Giri und Gukesh. Mit vier Siegen bei drei Niederlagen ist ihm bereits eine Runde vor Schluss ein großartiges Ergebnis sicher. Vladimir Fedoseev kassierte eine weitere deutliche Niederlage mit der Petrov-Verteidigung.
In dieser Stellung muss Weiß seine attackierten Läufer ziehen. Aber wohin? Der junge Türke spielte einen taktisch motivierten Zug, der stark war. Aber es war nicht die beste Fortsetzung. In jedem Fall steht der Yagis Kaan hier bereits deutlich auf der Gewinnerstraße.
Weiß ist in dieser Stellung dran. Einmal ausknipsen bitte.
Keymer mit drei Siegen in Folge
Der tschechische Großmeister Dai Thai Nguyen wurde zum Zielspieler gegen Ende des Turniers in Wijk. Es mag bitter sein für den Sieger des Challenger-Turniers aus dem Vorjahr, aber lange Turniere zahlen ihren Tribut. Auch heute konnte Nguyen letztlich nicht ausreichend lange gegenhalten .
Vier Remis-Partien im Masters
Die Remis-Partien der zwölften Runde boten durchaus spannende Momente. Dabei betrachte ich die Partie von Aravindh und Giri in einem gesonderten Beitrag. Lediglich die Begegnung der zwei Kandidaten Pragg und Sindarov war ein schnelles Remis ohne Ideen und Inspiration.
Nach welchem starken Zug gehen bei Schwarz (Erigaisi) hier bereits die Lichter aus? Jorden fand übrigens diesen Zug nicht. Das ist Ansporn genug, oder?
Paarungen der Kandidaten
Anish Giri
Praggnanandhaa
Sindarov
Bluebaum
Ergebnis
Anish Giri
X
Remis
Remis
Niederlage
1.0 – 2.0
Praggnanandhaa
Remis
X
Remis
Remis
1.5 – 1.5
Sindarov
Remis
Remis
X
Sieg
2.0 – 1.0
Bluebaum
Sieg
Remis
Niederlage
X
1.5 -1.5
Die Kandidaten haben ihre Partien untereinander gespielt. Zwei entschiedene Partie gab es: die Niederlage von Matthias Blübaum gegen Javokhir Sindarov und der Verlust von Anish Giri in der zehnten Runde ebenfalls gegen Matthias Blübaum.
Die Kommentierung ist inzwischen professioneller geworden. Zuschauer können den Kommentatoren live zuschauen und anders als früher am Demobrett können Zuschauer die Partien auf großen Bildschirmen verfolgen. Auch selbst eine Partie spielen in gepflegtem Ambiente ist möglich.
Foto: Lennart Ootes (Tata Steel Chess). Zuschauer in Wijk.
Die Inder hatten vor längerer Zeit noch die Eigenschaft nicht an sich zu und ihre Stärken zu glauben. So erzählt der indische Erfolgstrainer Ramesh RB die Entwicklung. Die junge Generation hatte das geändert und die Erfolge der letzten Jahre lassen vergessen, dass die Inder auch nur junge Sportler sind, die gelegentlich Rückschläge erleiden. Aber vier von vier ist natürlich bemerkenswert, insbesondere wenn man sich an das indische Finale im Vorjahr erinnert.
Von Thorsten Cmiel
Pragg (gegen Vincent Keymer) und Arjun (gegen Javokhir Sindarov) verlieren diesmal ihre Weißpartien und das indische Duell von Gukesh und Aravindh geht etwas überraschend Remis aus. Der Weltmeister hatte sich zwischendrin gute Chancen erspielt. Anish Giri überzeugte bei seiner Partie gegen den jungen Türken Yağız Kaan Erdoğmuş und Hans Niemann gewann gegen den zuletzt unglücklich agierenden Tschechen Nguyen, der von den anderen Spielern als Zielspieler ausgeguckt worden zu sein scheint.
Vincent gewinnt gegen Pragg
Die frühe Eröffnungsphase war positiv für Vincent verlaufen und eigentlich konnte man eine typische Partie von Vincent erwarten. Dann unterlief ihm doch ein Missgeschick und der Inder jonterte in der folgenden Stellung. Es entwickelte sich ein etwa balanciertes Geschehen bei materiellem Ungleichgewicht. Ein Remis schien nicht unwahrscheinlich.
In dieser Stellung war der Inder am Zuge und zeigt wieder einmal seine Kreativität. Der folgende Zug war natürlich vorher schon vorbereitet gewesen. Was hat er mit Weiß hier gespielt und was war seine Absicht nach der schwarzen Antwort?
Hier ist Vincent Keymer mit Schwarz am Zuge. Der deutsche Großmeister fand einen sehr starken Zug.
Gukesh mit Unvollendeter
Der jüngste Weltmeister aller Zeiten spielt in der Regel engagiertes Schach und setzt seine guten Rechenfähigkeiten gezielt ein. Gelegentlich überspielte der Inder seine Gegner aus der Eröffnung heraus. Es ist daher überraschend welche Chance er in dieser Partie nicht nutzte. Aber solche Überseher passierten während des Turniers fast allen Teilnehmern. Er wird sich dennoch geärgert haben.
Gukesh war in dieser Stellung am Zuge und sollte wie fortsetzen? Der Weltmeister ging überraschend an seiner Chance in der Diagrammstellung vorbei.
Giri putzt 14-jährigen Türken weg
Man muss sie schlagen so lange sie noch jung sind. Das ist im Spitzenschach inzwischen eine Weisheit, die vermutlich ihren wahren Kern hat. Der Kandidat Anish Giri war in Wijk mit 31 Jahren der älteste Teilnehmer im Masters. Im Challengers sah es anders aus: Dort zeigte der 56-jährige Vassily Ivanchuk, dass er immer noch eine feine Klinge schlagen kann. Die starke Partie von Giri betrachte ich in Kürze bei der Vorstellung der acht Kandidaten. Hier zunächst nur die Notation.
Sindarov gewinnt gegen gegen glücklosen Erigaisi
Es gibt Spieler, die immer wieder erfolgreich in Wijk agieren – Nodirbek Abdusattorov ist solch ein Spieler. Arjun konnte nur einmal im Challengers (2022) glänzen, aber seit er im Masters spielt häufen sich die eher schlechten Resultate für den Inder (2023 4.0 aus 13; 2024 nicht dabei; 2025 5.5 aus 13).
Hans im Glück
Die Gebrüder Grimm schrieben im 19. Jahrhundert ihr eher untypisches Märchen von Hans, der das Glück empfindet, egal was er macht. Märchen gehen meist irgendwie glücklich aus. Das Märchen wurde vielfach interpretiert, etwas was man beim Schach heutzutage nicht mehr tun muss, denn die Engine verbreitet die objektive Wahrheit: Nguyen hatte in der folgenden Stellung eine sehr gute Chance, die er aber ungenutzt lies wie so oft in diesem Turnier.
Hätte Thai Dai Van Nguyen hier seinen c-Bauern vorgeschoben, wäre für Hans das Spiel fast vorbei gewesen. Zwar kostet der b-Bauer Material, aber die weißen Bauern sind mächtiger. Nguyen begann im 39. Zug mit dem Turmzug nach b5 und gab die a-Linie auf. Das erwies sich als grober Fehler. Schade.
Remis-Partien im Masters
Diesmal endeten wieder drei Partien mit Remis. Gukesh die größte Chance aus – siehe oben – nach einer zuvor hervorragend geführten Partie. Hier noch die vollständige Notation
Paarungen der Kandidaten
Anish Giri
Praggnanandhaa
Sindarov
Bluebaum
Ergebnis
Anish Giri
X
Remis
Remis
Runde 10
1.0 – 2.0
Praggnanandhaa
Remis
X
Runde 12
Remis
1.0 – 1.0
Sindarov
Remis
Runde 12
X
Niederlage
1.5 – 0.5
Bluebaum
Sieg
Remis
Sieg
X
1.5 -1.5
Inzwischen haben die Kandidaten einige Partien untereinander gespielt. Zwei entschiedene Partie gab es bisher: Niederlage von Matthias Blübaum gegen Javokhir Sindarov und der Verlust Anish Giri in der zehnten Runde gegen ebenfalls Matthias Blübaum.
Ivanchuk macht Druck
Zuvor hatte der Ukrainer gegen Andy Woodward gewonnen und dessen längere Erfolgsserie nach der Auftaktniederlage gestoppt. Diesmal war der Aseri Suleymanli an der Reihe und Chucky hatte zwei Runden vor Schluss doch noch Chancen sich für das Masters 2027 zu qualifizieren. Die andere Geschichte schreibt die junge US-Amerikanerin, die mit zwei Siegen in den Schlussrunden eine GM-Norm erzielen könnte.
Der Deutsche Schachbund ist bei Senioren nicht als Förderer der Senioren bekannt. Der Etat-Ansatz für den Seniorenreferenten ist seit Jahren ein 600-Euro-Witz. Als der neue Senioren-Referent im Herbst 2025 eine Etaterhöhung beantragte, fand sich natürlich ein Funktionär, der den Antrag aus formalen Gründen gar nicht erst zugelassen hat. Jetzt wollten der Senioren-Referent und das Präsidium offenbar guten Willen zeigen. Das ging schief, leider.
Ein Kommentar von Thorsten Cmiel.
Am 21. Januar 2026 gab der Deutsche Schachbund bekannt, dass man bei Teilnahme von Teams bei der Senioren-Team-Weltmeisterschaft in Durres, Albanien, im April 2026 das Startgeld für Teams übernimmt, die unter „Germany“ antreten. Eine an sich lobenswerte Idee, denn das Präsidium scheint dahinter zu stehen, wie es in der Pressemeldung des Deutschen Schachbundes angedeutet wird. Seit 2024 fällt das Seniorenschach nach Willen der Präsidentin unter die Regeln des Leistungssports, wie sich aus einem Disput nach der Deutschen Meisterschaft in Bad Wildungen 2024 ergab.
Damals wurde kritisiert, dass in der Vergangenheit zu viele durchschnittliche Teams mit dem Etat des Senioren-Referenten nach unklaren Regeln gefördert wurden. Das kann man nachvollziehen. Präsidium und Senioren-Referent gaben jetzt bekannt, dass diesmal Teams die Förderung erhalten, die am 1.1.2026 eine bestimmte Durchschnitts-Elozahl aufweisen. Zitieren wir den Schachbund mit seinem eigenen Text.
Die Elo-Zahl ist entscheidend
Für Mannschaften der Kategorie 50+, die unter dem Namen Germany starten, wird das Startgeld vom DSB übernommen, wenn die durchschnittliche Elo-Zahl der Mannschaft am 1.1.2026 mindestens 2400 beträgt.
Für Mannschaften der Kategorie 65+, die unter dem Namen Germany starten, wird das Startgeld vom DSB übernommen, wenn die durchschnittliche Elo-Zahl der Mannschaft am 1.1.2026 mindestens 2300 beträgt.
Für Frauen-Mannschaften der Kategorie 50+, die unter dem Namen Germany starten, wird das Startgeld vom DSB übernommen, wenn die durchschnittliche Elo-Zahl der Mannschaft am 1.1.2026 mindestens 2200 beträgt.
Für Frauen-Mannschaften der Kategorie 65+, die unter dem Namen Germany starten, wird das Startgeld vom DSB übernommen, wenn die durchschnittliche Elo-Zahl der Mannschaft am 1.1.2026 mindestens 2100 beträgt.
Bei Erreichen eines der Preisränge in der jeweiligen Kategorie wird das Preisgeld bei einer Mindesteilnehmerzahl von fünf Mannschaften verdoppelt.
Ich habe mir daraufhin mal die Elozahl der besten zehn Spielerinnen und Spieler der jeweiligen Altersgruppe im Februar 2026 (macht keinen Unterschied) angesehen, da ich spontan keine Teams zusammenstellen konnte in allen Altersklassen. In der offenen Klasse sind starke Teams denkbar und es wäre erfreulich solche Teams bei der Senioren-Team-WM zu sehen.
Deutsche Top10-Senioren
Aufmerksame Leser werden sofort erkennen, dass die Frauen im Nachteil bei der Förderung sind. 2200 als Durchschnitt für die Frauen 50+ ist nicht ganz einfach zu erreichen, aber möglich wenn eine oder zwei Spielerinnen der ersten Drei der Top10 50+ antreten wollen. Bei den Frauen 65+ müssten Spielerinnen anderer Nationen unter deutscher Flagge antreten, denn die beste deutsche Spielerin, immerhin Weltmeisterin 2024, kann die durchschnittlich geforderte Elozahl nicht aufbringen. Ein Team ist also theoretisch gar nicht möglich.
Ich überlasse es jedem sich seine Meinung zur Seniorenförderung des Deutschen Schachbundes zu bilden.
(*) Die Kombination der Satzzeichen (?!) in dieser Reihefolge bezeichnet bei Schachkommentaren einen fragwürdigen Zug.
Der deutsche Kandidat punktet zunächst gegen Gukesh und diesmal gegen Anish Giri. Der indische Weltmeister spielt weiter Ergebnis-Ping-Pong und Vincent kommt ebenfalls mit einem Sieg zurück. Bei dem Challenger-Turnier gibt es einen Führungswechsel nach einem Sieg von Vassily Ivanchuk gegen Woodward. Jetzt liegt der Aseri Aydin Suleymanli vorne.
Von Thorsten Cmiel
Die Tabelle zum dritten Ruhetag sieht mit Nodirbek Abdusattorov einen Führenden. Ihm folgen drei Spieler mit einem halben Punkt Rückstand. Vermutlich wird einer aus dieser Viererbande das Turnier gewinnen. Enttäuschend ist die Form der zwei Kandidaten mit viereinhalb Punkten bisher.
Kandidaten unter sich
In der Partie gab es einen Moment in dem Anish Giri großen Vorteil ausgelassen hat. Beide Spieler übersahen eine Feinheit früh in der Partie. Das reiht sich ein in die oberflächlichen Partien, die wir von Anish Giri zu Beginn des Turniers gesehen haben.
In dieser Stellung war Giri am Zuge und konnte seine Dame nach h4 stellen. Stattdessen zog er seinen Springer sofort nach g7. Was ist der Unterschied und wie geht es nach dem Damenzug überhaupt konkret weiter?
Wie sollte Matthias Blübaum hier am besten fortsetzen?. Natürlich spielte der deutsche Großmeister genau so.
Gukesh siegt gegen 14-jährigen Türken
Der jüngste Weltmeister aller Zeiten wird vermutlich in kurzer Zeit von der nächsten Generation Großmeister angegriffen. Noch konnte er Yağız Kaan Erdoğmuş allerdings noch auf Abstand halten. Es war knapp.
Gukesh hatte zuletzt auf c4 geschlagen, um einem wahrscheinlichen Remis-Ausgang zu entgehen. Wie sollte sich nach dem offensichtlichen Springerzug nach b6 das Geschehen weiter entwickeln und was könnte der Weltmeister danach geplant haben?
Mit seinem letzten Zug hatte Gukesh die gegnerische Dame weitgehend eingesperrt. Wie sollte der Junge Türke hier weiter fortsetzen? Beide Spieler hatten diese Situation mit wenig Restzeit falsch eingeschätzt.
Keymer gewinnt gegen Arjun
Wie der deutsche Großmeister im Interview nach der Partie verriet, hatte er gegen Arjun bislang in klassischen Partien oft das Nachsehen gehabt. Erfreulich ist, dass Vincent inzwischen gelegentlich mit dem Königsbauern beginnt und zusätzlich zu seinen typischen geschlossenen Stellungen auch offene Stellungen zulässt. Erinnert sei an seine Partie in Biel gegen Pragg, als der etwas später kam, bei Ansicht der Übertragungsanzeigen nicht glauben konnte was er sah und sein Brett suchte. Der Königsbauer stand im ersten Zug auf dem Feld e4.
Aravindh mit erstem Sieg
Der Tscheche Thai Dai Van Nguyen ist inzwischen seit einigen Runden zu oft Opfer seiner Zeitnot geworden in seiner Partie gegen den Inder Aravindh Chitambaram sah es lange sogar nach einem Sieg für Nguyen aus. Mit wenig Zeit verlor dieser sogar noch.
Remis-Partien im Masters
Drei Partien endeten Remis. Lediglich Thai Dai Van Nguyen hatte von den sechs beteiligten Spielern so etwas wie einen dauerhaften leichten Vorteil. Letztlich hatte Nguyen kurz vor der Zeitkontrolle ein strukturell besseres Endspiel und daher realistische Chancen, mehr als einen halben Punkt zu erreichen. Seine Vorteile zu verdichten gelang ihm allerdings nicht. In der Partie zwischen den zwei Kandidaten scheint Matthias Blübaum seinem Gegner in eine vorbereitete Variante gelaufen zu sein, ihm gelang es aber die Stellung zusammen zu halten. Stark.
Paarungen der Kandidaten
Anish Giri
Praggnanandhaa
Sindarov
Bluebaum
Ergebnis
Anish Giri
X
Remis
Remis
Runde 10
1.0 – 2.0
Praggnanandhaa
Remis
X
Runde 12
Remis
1.0 – 1.0
Sindarov
Remis
Runde 12
X
Niederlage
1.5 – 0.5
Bluebaum
Sieg
Remis
Sieg
X
1.5 -1.5
Inzwischen haben die Kandidaten einige Partien untereinander gespielt. Zwei entschiedene Partie gab es bisher: Niederlage von Matthias Blübaum gegen Javokhir Sindarov und der Verlust Anish Giri in der zehnten Runde gegen ebenfalls Matthias Blübaum.
Christian Glöckler hat einen Lauf und manchmal kommt auch noch Glück dazu. In dieser Partie überschritt sein Gegner in ausgeglichener Stellung die Bedenkzeit. Mit jetzt sechs Punkten aus sechs Runden hat der Deutsche gute Chancen nächstes Jahr im Challengers anzutreten.
Bisher war der Vorjahressieger ein Schatten seiner selbst. In seiner Partie gegen seinen langjährigen Trainingspartner und Freund aus Chennai gelang Praggnanandhaa letztlich sein erster voller Punkt. In der neunten Runde gab insgesamt vier entschiedene Partien. Der deutsche Kandidat Matthias Blübaum holte gegen den amtierenden Weltmeister einen weiteren vollen Punkt und zeigt bislang eine ansprechende Leistung. Spieler der Stunde war erneut der Türke Yağız Kaan Erdoğmuş.
Von Thorsten Cmiel
Die meisten Partien im Masters haben bisher Vincent Keymer und Aravindh Chitambaram verloren. Immerhin konnte der Favorit laut Setzliste drei Partien gewinnen. Dennoch könnte sich das Turnier zu einer erneuten Enttäuschung für den Deutschen entwickeln. Das ist schade, denn in diesen Tagen wurde bekannt, dass Vincent erstmals bei der Grand Chess Tour und beim Norway Chess dabei ist.
Yağız Kaan Erdoğmuş holte aus den letzten vier Partien dreieinhalb Punkte und scheint seinen Durchmarsch in Richtung 2700-Elo-Punkten fortzusetzen. Es ist fast unwirklich, dass die junge Generation immer neue Rekorde aufzustellen scheint. Die Turnierserie in Wijk aan Zee gibt traditionell jungen Talenten eine Chance in ihren Turnieren. Neben Erdoğmuş sind in diesem Jahr Faustino Oro (2013), Andy Woodward (2010), Lu Miaoyi (2010) und Christian Glöckler (2011) hervorzuheben, die sich in unterschiedlichen Phasen ihrer individuellen Entwicklung befinden und gute Zukunftsaussichten aufweisen.
Matthias Blübaum zeigte gute Eröffnungskenntnisse, die lehrreich für Spieler ähnlicher Strukturen sein dürften. Wie sollte Weiß hier fortsetzen? Es gab hier noch eine hochkarätige Vorgängerpartie in der der Weiße besser als der Inder in dieser Partie agierte.
Wie setzte Matthias Blübaum hier mit Schwarz fort?
Während der Liveübertragung des Interviews mit Matthias Blübaum ist zudem das spannende Geschehen in der Partie von Thai Dai Van Nguyen und dem jungen Türken zu sehen.
Erdoğmuş gewinnt in hektischer Zeitnot
Thai Dai Van Nguyen verlor diesmal wegen seiner Zeitnot. Mit 46 Sekunden für zehn Züge etwas knapp dran verpasste er den Turmtausch und zog stattdessen seinen Springer an den Rand und stellte zunächst den Bauern b2 ein. Diesen Fehler konnte er nicht mehr reparieren gegen einen Gegner, der ebenfalls sichtbar nervös und hektisch wirkte, aber sehr aufmerksam agierte.
Keymer verliert erneut
Vincents Gegner kannte die Eröffnung offensichtlich erneut besser als der Deutsche, der einen weiteren rabenschwarzen Tag erlebte. Jorden Van Foreest wiederum durfte zufrieden sein mit seiner flott vorgetragenen Angriffspartie.
Es gibt sicherlich viele Momente hervorzuheben in dieser Partie. Großes Kino folgte: Hier nahm Jorden mit seinem Springer auf c4, weil sich das richtig anfühlte. Spieler des London-und des Jobava-Systems werden diese Partie lieben.
Pragg gewinnt Turmendspiel
Diesmal gewann Pragg gegen seinen langjährigen Trainingspartner aus Chennai. Anders als sein Turmendspiel gegen Nodirbek Abdusattorov gewann er diesmal. Beide Partien zeigen, dass Verteidigen viel schwieriger als der offensive Part ist.
Dieser Moment scheint entscheidend gewesen zu sein. Wie sollte Aravindh hier am besten fortsetzen. Das Endspiel hatte noch mehr spannende Momente parat, die man aber ausführlicher untersuchen sollte.
Remis-Partien im Masters
Erneut endeten drei Partien mit Remis. Das Duell der beiden führenden Usbeken dauerte zwar einige Zeit, war aber nie im Ungleichgewicht. Gleiches gilt für die beiden anderen Begegnungen: Arjun Erigaisi scheint genug von Wijk zu haben, wieder einmal und Hans Niemann wirkte zuletzt auch nicht mehr zu engagiert. Anish Giri scheut ebenfalls Risiken und Vladimir Fedoseev scheint nach der Niederlage am Tag zuvor mit dem Remis zufrieden gewesen zu sein.
Paarungen der Kandidaten
Anish Giri
Praggnanandhaa
Sindarov
Bluebaum
Ergebnis
Anish Giri
X
Remis
Remis
Runde 10
1.0 – 1.0
Praggnanandhaa
Remis
X
Runde 12
Remis
1.0 – 1.0
Sindarov
Remis
Runde 12
X
Niederlage
1.5 – 0.5
Bluebaum
Runde 10
Remis
Sieg
X
0.5 -1.5
Inzwischen haben die Kandidaten einige Partien untereinander gespielt. Einzig entschiedene Partie war die Niederlage von Matthias Blübaum gegen Javokhir Sindarov.
Im Zehnkampf wird ein Platz im Challengers-Turnier des nächsten Jahres ausgespielt. Vorne liegt mit Christian Glöckler (geboren 2011) ein deutsches Jungtalent. Johannes Fischer hat sich für Chessbase dessen Turnier im Schatten der zwei Hauptereignisse etwas genauer angesehen.
Historisches Foto: José Raúl Capablanca. Illustration: NanaBanana.ai.
Der Kubaner José Raúl Capablanca (1888 – 1942) war der dritte Weltmeister in der Geschichte des Schachspiels. Capablanca gehört zu den anerkannt besten Spieler aller Zeiten. Ihm sei diese neue Serie von Schachaufgaben gewidmet. Wir lösen damit die Lasker-Aufgaben ab.
Beginnen wir mit einer Studie. Weiß am Zuge gewinnt.
Lösung (Hier Klicken)
Schwarz hat zuletzt rochiert. Wie sollte Weiß hier fortsetzen und großen positionellen Vorteil reklamieren?
Lösung (Hier Klicken)
Weiß ist am Zuge und gewinnt. Wie?
Lösung (Hier Klicken)
Diese Stellung stammt aus einer Simultan-Partie von Alexander Alekhine (Aljechin) und ist fast 100 Jahre alt.
Lösung (Hier Klicken)
In praktischen Partien begegnen den Spielern in jeder Turnierpartie unterschiedliche Aufgaben und nicht immer sind es einfache Taktiken. Insofern finde ich neben thematischen Aufgabenzusammenstellungen einen Mix aus unterschiedlichen Aufgabentypen hilfreich.
Hinweis
Die Partien können heruntergeladen werden, indem man auf den Downloadbutton unter Diagrammen klickt.
In der achten Runde spielte Gukesh nach zwei schmerzhaften Niederlagen in Folge erneut eine engagierte Partie, der man phasenweise nur staunend zuschauen kann. Der Weltmeister geht weiterhin Risiken ein und vertraut seinen Rechenkünsten. Kritik am Weltmeister kommt bisher vor allem von Couch-Analysten aus den Sozialen Medien, die Klicks wollen. Sie sollten zukünftig stumm bleiben und den 19-jährigen Weltmeister sich weiter entwickeln lassen. Die anderen dürfen sich aus grandiose Leistungen des Jungen aus Chennai freuen.
Gukesh hat bekanntlich einen ganz besonderen Weg an die Weltspitze zurück gelegt. In den ersten Jahren bis zur Großmeisterreife verzichtete er auf das Arbeiten am Rechner und entwickelte was heutzutage seine größte Stärke ist: seine Kalkulationen sind tiefer als die anderer Spieler. Aber pures Rechnen hilft oft nur bis zu einem bestimmten Punkt. Man muss die vor dem geistigen Auge vorhandenen Stellungen auch richtig bewerten können. Die vorliegenden Partie gegen Vladimir Fedoseev (31), der Russland wegen des Ukraine-Krieges den Rücken gekehrt hat und inzwischen für Slowenien antritt.
Gukesh ist sein eigener Kopf. In einem Interview sagte der indischen Großmeister Vishnu Prasanna, sinngemäß den aus meiner Sicht legendären Satz: Würde Gukesh die gleichen Lösungen im Kopf haben wie er, würde er sich als Trainer Sorgen machen.
Foto: Lennart Ootes
Die Eröffnungsphase ist vorbei und die Stellung scheint etwa ausgeglichen zu sein. In dieser Stellung ist Gukesh am Zuge. Es geht darum, eine wichtige grundsätzliche Entscheidung vorzubereiten. Weiß will offensichtlich jetzt oder nach weiterer Vorbereitung im Zentrum zuschlagen. Die grundlegende Frage lautet also: wie man mit Schwarz dem begegnen will. Oft haben Züge Vor- aber auch Nachteile. Wie sollte Schwarz hier warum fortsetzen?
Hier ist erneut Schwarz am Zuge. Wie sollte Gukesh auf den Schlag im Zentrum reagieren? Wer in der vorherigen Diagrammstellung wie Gukesh seinen Turm nach c8 gezogen hat, sollte die Antwort auf den e-Bauern bereits berechnet haben. Oder?
Foto: Dariusz Gorzinski
Vladimir Fedosseev hatte zuletzt seinen e-Bauern vorgezogen. Wie geht es weiter? Und vor allem wie ist die Stellung nach der besten Fortsetzung einzuschätzen? Spoiler: Gukesh lag natürlich richtig.
Hat sich Gukesh verrechnet? Jetzt sind beide schwarzen Läufer angegriffen (g7 und b7). Wie sollte er hier fortsetzen und was ist von der Stellung zu halten? Wer die vorherigen Verwicklungen richtig berechnet hat, der kann sich überlegen, ob die eigene Entscheidung vorher richtig war.
Relativ einfach diesmal. Gukesh hat aktuell einen Bauern für die Figur weniger. Noch allerdings ist die weiße Springer aus dem Spiel. Gukesh musste also möglichst energisch nachsetzen. Wie sollte er hier weiterspielen und das Materialverhältnis etwas zu seinen Gunsten verbessern?
Ein bekanntes Prinzip bei der Stellungsbewertung lautet, dass es nicht darauf ankommt wie Figuren aktuell wirken, sondern welche Figuren auf dem Brett übrig bleiben. Man kann das noch etwas anders formulieren und adaptieren. Welchen Zug hat Gukesh hier wohl gespielt?
Das Ende naht. Welchen Zug spielte der Inder hier?
André Schulz war zu Beginn des Turniers in Wijk aan Zee dabei und hat seine Eindrücke für die Newssite von Chessbase ausführlich beschrieben. Den größten Fanandrang verursacht natürlich der Schach-Weltmeister aus Indien.
Diese Grafik ist ein Screenshot von Lichess, die einen sehr gut organisierten Eindruck macht, anders als die Turnierdarstellung beim Marktführer Chess.com. Dort ist der Informationsbereich zum verfolgen von Turnieren eher schlecht organisiert.
Fotos: Lennart Ootes (Tata Steel Chess), Dariusz Gorzinski.
Die siebte Runde brachte einige weitere bemerkenswerte Ergebnisse. Der junge Türke Yağız Kaan Erdoğmuş überzeugte in den ersten sieben Runden vollends und liegt nach seinem Sieg gegen Arjun Erigaisi im Verfolgerfeld. Vincent Keymer weicht einer dreifachen Stellungswiederholung aus und verliert gegen den Dominator von Wijk, Nodirbek Abdusattorov. Anish Giri ist zurück mit einem Sieg gegen Gukesh. Nach seiner Niederlage am Tag zuvor zeigt auch Jorden Van Foreest eine überzeugende Leistung und gewinnt gegen den Inder Aravindh.
Von Thorsten Cmiel
Vincent Keymer geriet in dieser Runde weitgehend selbstverschuldet unter die Räder und muss sich wieder mit 50 Prozent im Feld einreihen. Kampfgeist ist eine gute Einstellung, aber etwas Objektivität täte auch manchem jungen Großmeister gelegentlich gut. Der Sieg vom 14-jährigen Türken im Feld gegen Arjun Erigaisi ist schon etwas besonderes für den Jungen aus Bursa, der in diesem Turnier seine ersten Top-Scalps einsammeln kann. Sein Sieg gegen Gukesh dürfte Anish Giri wieder etwas Selbstbewusstsein einhauchen. Der Inder wiederum ist vermutlich nach seinen zwei Niederlagen in Folge (Abdusattorov und Giri) erstmal niedergeschlagen.
Turkish Delight
In der Heimatstadt von Yagis Kaan, in Bursa, gibt es traditionell Iskender Kebap, benannt nach seinem Erfinder Iskender Efendi. Aber der Junge vertritt die gesamte Türkei und für das ganze Land sind die Süßspeisen vermutlich bekannter. Erdogmus wurde erst kürzlich von Magnus Carlsen geadelt, sondern er lässt sich davon scheint sich von zu viel Lob nicht beeinflussen zu lassen. Anders als etwas bei Alireza Firouzja, der bereits zwei Anläufe via Kandidatenturnier nicht nutzen konnte und diesmal nicht mal mehr dabei ist.
Weiß steht gefühlt etwas gestaucht und hinten drin. Wie sollte Schwarz hier fortsetzen, um sich gutes Spiel zu sichern?
Bleiben wir bei der Sichtweise von Yagis Kaan. Der Türke fand hier mit Schwarz einen starken nächsten Zug.
Eine Einschätzungsfrage: Ist hier das Schlagen mit dem Läufer auf d4 richtig, oder nicht?
Hier ist Arjun Erigaisi mit Weiß am Zuge. Wie sollte er warum hier fortsetzen und wie ist die Stellung einzuschätzen?
Keymer verliert erneut
Vincents Gegner kannte die Eröffnung offensichtlich besser als der Deutsche, war aber wohl mit Remis zufrieden. Vincent wich aus und stand sofort schlechter. Das erinnerte an dessen Partie vom Vortag als der US-Amerikaner Hans Niemann gegen ihn ebenfalls die Objektivität verlor.
Objektiv richtig war es für Weiß mit der eigenen Dame nach f3 zu ziehen und nach der schwarzen Antwort, die schwarze Dame zieht nach c2, kann Weiß seine Dame zurück nach d1 beordern und Nodirbek könnte mit dem Hinweis, seine Dame erneut nach g6 zu ziehen, dreimalige Stellungswiederholung erreichen. Angesichts des Turnierstands keine schlechte Idee für den Usbeken. Vincent zog stattdessen in der obigen Stellung seinen Läufer nach a5 und wurde kurzerhand mit dem Vorstoß des e-Bauern nach e5 ausgekontert.
Another win for Abdusattorov as top-seed Vincent Keymer resigns! He has now extended his lead to 5.5/7 🔥.
— Tata Steel Chess Tournament (@tatasteelchess) January 24, 2026
Gukesh verliert erneut
Anish Giri gewinnt seine erste Partie im Turnier und bringt gleichzeitig Gukesh in eine erste Minikrise. Vielleicht hat der grobe Fehler vom Tag zuvor seine Spuren hinterlassen. Beide Spieler liegen bei einem Minus-Eins-Score.
Fifty-Fifty-Frage: Welcher zu ist besser? Weiß kann mit seiner Dame nach b5 ziehen und den gegnerischen Turm auf e8 attackieren. Oder er schlägt einfach auf f5. Was ist besser?
Remis-Partien im Masters
Drei Partien endeten Remis. Lediglich Thai Dai Van Nguyen hatte von den sechs beteiligten Spielern so etwas wie einen dauerhaften leichten Vorteil. Letztlich hatte Nguyen kurz vor der Zeitkontrolle ein strukturell besseres Endspiel und daher realistische Chancen, mehr als einen halben Punkt zu erreichen. Seine Vorteile zu verdichten gelang ihm allerdings nicht. In der Partie zwischen den zwei Kandidaten scheint Matthias Blübaum seinem Gegner in eine vorbereitete Variante gelaufen zu sein, ihm gelang es aber die Stellung zusammen zu halten. Eine starke Verteidigungsleistung.
In dieser Stellung stehen die schwarzen Bauern angreifbar auf weißen Feldern (a6, b7 und d5). Sie sind dadurch vom gegnerischen Läufer angreifbar und Weiß hat einen stabilen Vorteil. Was ist vom Rückzug des Turmes nach c3 zu halten?
Lösung (Hier Klicken)
Nguyen spielte den Turmzug nach c3. Vladimir Fedoseev antwortete mit einem Turmschwenk nach b6. Der vorherige weiße Turmzug erweist sich als Tempoverlust, denn Schwarz will ohnehin seinen a-Bauern vorschieben, um später seinen Läufer mit Angriff auf den Bauern b2 abzuziehen. Mit einem Turm auf c5 ist der a-Bauer verlässlich gestoppt und Läuferabzüge können schlicht mit dem Doppelschritt des b-Bauern beantwortet werden. Es war in der Diagrammstellung besser den weißen Läufer via d3 mit dem Ziel f5 zu entwickeln. Schwarz hätte danach ein schweres Leben.
Paarungen der Kandidaten
Anish Giri
Praggnanandhaa
Sindarov
Bluebaum
Ergebnis
Anish Giri
X
Remis
Remis
Runde 10
1.0 – 1.0
Praggnanandhaa
Remis
X
Runde 12
Remis
1.0 – 1.0
Sindarov
Remis
Runde 12
X
Niederlage
1.5 – 0.5
Bluebaum
Runde 10
Remis
Sieg
X
0.5 -1.5
Inzwischen haben die Kandidaten einige Partien untereinander gespielt. Einzig entschiedene Partie war die Niederlage von Matthias Blübaum gegen Javokhir Sindarov.
Eline ohne Fortune
Partien von Eline Roebers machen oft viel Spaß. Das sagte mir mal ein Redakteur einer bekannten internationalen Website. Ihm kann man nur zustimmen. Solange sie noch etwas schwächer als ihre Gegner ist gilt das natürlich für Elines Partien mit den weißen Steinen. Manchmal verlaufen Partien allerdings auch tragisch. Nach einer sehr spannenden Partie kollabiert Eline in ihrer Partie gegen eine starken Großmeister. Schade.