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Von Thorsten Cmiel

Drei intensive Wochen gefüllt mit grandiosem Schach und zuletzt vielen Emotionen gehen heute zu Ende. Wir haben einen neuen Weltmeister. Gukesh heißt der Junge. Manche Geschichten sind noch nicht aufgeschrieben und manche werden vermutlich nie erzählt. Manche Gespräche kommen noch, andere sind für die Schublade, wie es neuerdings unter Schachjournalisten heißt.

Bildmaterial

Ich habe es genossen das angebotene Bildmaterial des Weltschachbundes FIDE zu nutzen. Nach meiner Vorstellung sollte Schachberichterstattung die Kombination aus hochwertiger Fotografie und engagiertem Text einsetzen, um das Produkt Schachsport besser zu vermarkten und tiefergehendes Interesse am Schachspiel zu wecken. Es gab in Singapur zwei offizielle Fotografen, die uns täglich mit hervorragendem Bildmaterial versorgten.

Chin An (Singapur)

Sein erstes Schachevent dokumentierte Eng Chin An. Er ist ein 27-jähriger Musikfestival- und Sportfotograf aus Singapur, dem nach eigener Aussage seine Arbeit hier viel Spaß gemacht hat in den letzten drei Wochen. Wer mehr über ihn erfahren will und seine Fotos, dem sei der Besuch seiner Homepage empfohlen. Ich hoffe das Turnier war nicht sein letztes Engagement in der Schachfotografie.


Maria Emelianova

Maria Emelianova (37) ist eine bekannte und langjährige russisch-englische Schachfotografin. Maria (Photochess) arbeitet als feste Fotografin für die Plattform Chess.com und dokumentiert Topevents. Wer mehr wissen will, der sei auf ihre Homepage verwiesen. Wenn ich es richtig sehe ist sie nicht ganz ausgelastet und versucht sich ebenfalls als Streamerin. In Singapur gehörte sie jeden Tag bei den Pressekonferenzen zu den eifrigsten Fragestellerinnen.


Broadcasting

Bewegte Bilder aus Singapur lieferte ein überwiegend niederländisches Team. Die Geschichte von Menno Pals, der sich mir als „Head of Broadcasting“ vorgestellt hat, seinem Unternehmen und seinem Team erzähle ich in einem anderen Zusammenhang. Auf den Fotos nicht zu sehen sind andere Teammitglieder: der als Fotograf bekannte Lennart Ootes und Freek Cool, der für den Einsatz der Künstlichen Intelligenz im Team zuständig ist. Das war in Budapest besonders wichtig, weil dort die Zahl der Kameras viel größer ausfiel.


Ab jetzt erlaube ich mir in diesem Beitrag die Qualität der Fotos erkennbar runter zu fahren. Alle Fotos ohne Namen eines Fotografen sind aus meiner Handykamera. Ich denke das sieht man meist. Macht nichts. Manche der folgenden Bilder erzählen Geschichten, die ich bisher gar nicht erzählen konnte.

Tagein Tagaus

Mein Arbeitstag in Singapur begann meist gegen zehn Uhr im Hotel Ora auf Sentosa Island. Ich bin ein Gewohnheitstier und daher kombinierte ich fast jeden Tag eine heiße Schokolade mit einem Mandelteilchen. Die Preise waren anspruchsvoll auf der Vergnügungsinsel und diese Kombination kostete umgerechnet etwa 14 Euro. Dafür hatte ich einen Arbeitsplatz und wurde zufrieden gelassen. Zudem sind Singapur und die Vergnügungsinsel bestens digitalisiert und überall gab es von den Hotels angebotenes frei zugängliches schnelles WLan.

Die Partien begannen erst um 17 Uhr, also selbst für Schachprofis eher spät am Tag. Für Journalisten ergab sich daraus ein Problem, denn die Partien dauerten fast immer mindestens vier Stunden. Danach gab es eine etwa halbstündige Pressekonferenz und wir waren meist zu spät für die Restaurants auf Sentosa Island. Die erste Anlaufstelle für Essen nach den Partien war in den ersten Runden die Kantine des Spielkasinos. Über das Treiben dort könnte man einige Geschichten erzählen. Ich fasse mich kurz: Wir haben dort viele Asiaten gesehen, die gelangweilt ihr Geld verspielten. Ich erfahre, dass Singapurer dort Eintritt berappen müssen, was gegen die Spielsucht Einheimischer wirken soll. Das Geld von Touristen ist natürlich herzlich willkommen. Es blinkt überall im Kasino, unzählige einarmige Banditen sind in dutzenden langen Reihen aufgestellt. Was wie Entertainment aussieht ist nichts anderes als ein Geldschlund neben dem anderen. Selbst das altehrwürdige Roulettespiel wird hier nur elektronisch angeboten. Ich habe nicht versucht in diesem Spieltempel Fotos zu machen, da das verboten ist.

Anfangs fanden Gespräche unter deutschen Journalisten nach den Partien in der Kantine des Kasinos statt. Das Essen war preiswert und wie in einer der unzähligen Garküchen in Singapur. Zu Ullrich und mir gesellte sich einmal im Casino Harry Schaack Chefredakteur und Herausgeber des Schachkulturmagazins Karl. Harry schlug eines Abends vor in Chinatown Essen zu gehen. Das war ein kulinarischer Aufstieg, den wir an den folgenden Tagen öfters in Anspruch nahmen. In Chinatown sind die Küchen nachts länger geöffnet. Gegessen habe ich viele Gerichte, deren Namen ich nicht wiedergeben kann und die ich via Bildern in den Karten ausgewählt habe. Um es kurz zu machen: das Essen war hervorragend. Wer gutes Essen mag, der dürfte in Asien fündig werden.

Einen Abend verbrachten wir in Chinatown, um einen unerwarteten Preis der FIDE für Ulrich Stock von der „Die ZEIT“ zu feiern. Uns war nicht so ganz klar warum er den Preis bekam, denn die Laudatio war schnell verlesen worden und später nicht zu haben. Am gleichen Tag wurden beispielweise noch Leontxo Garcia und Mike Klein von Chess.com und manche eigene Mitarbeiter der FIDE ausgezeichnet. Maria Emelianova bekam einen Preis für ihre Fotoarbeiten. Immerhin schick sah er aus.

Ich versuchte ein Interview mit Ulrich zu machen, aber es war nicht sein Tag und vermutlich wandern meine Aufzeichnungen in die Schublade. Ulrich war am Morgen sein Handy irgendwann runtergefallen und ein weißes Hemd bei einem scharfen chinesischem Pot, das ist eine Art Suppe in der wir unterschiedliches Fleisch gegart haben, war keine Idealkleidung. Das Unterfangen führte unweigerlich zu einer farblichen Veränderung des Shirts.

Mehr zum Thema Garküchen findet sich in einem Artikel, den ich für die Zeitschrift Schach verfasst habe. Inklusive einiger Fotos von Sehenswürdigkeiten, die ich in der Nähe des Finanzzentrums entdeckt habe. In einem bekannten Hotel hatte einer, der hier in Singapur keine Rolle spielte, halb nackt am Brett gesessen. Ulrich Stock hat es für Die ZEIT aufgeschrieben. Einige Artikel finden sich hier.


Little India – Wer ist Gukesh?

Am Ruhetag nach der zwölften Runde fand ich Zeit mir Little India anzuschauen. Hier meine unbearbeiteten Notizen vom Tag.


Aus der Vivo City geht es in der Harbor Front Station in die Nordost Linie, eine von sechs U-Bahn-Linien in Singapur in Richtung Little India, nach zwei Stationen passiert man Chinatown, das ich bisher dreimal, aber immer nur nachts besucht habe. Meist aus kulinarischen Gründen und einmal endete ich mit einem US-Amerikaner und einem Briten in einer Cocktailbar, die zu den Top 50 in Asien gehört, hieß es. In Chinatown hatte ich dort an einem Abend Dopplings komischerweise mit Sauerkraut gegessen, was die Bedienung selbst verwunderte. Immerhin ihr Kollege konnte die eigene Karte übersetzen. In Chinatown sind die Restaurants zahlreich, günstig und wir waren bisher sehr zufrieden. Zurück muss man dann allerdings ein Taxi nehmen, um auf die Vergnügungsinsel Sentosa Island zu kommen. Dann kommt die Station Little India das Stadtbild ist geprägt von vielen kleinen Geschäften. Neben Schmuckläden, sind das vor allem Friseurgeschäfte und Obstverkäufer zahlreich vertreten. Unzählige Möglichkeiten Essen zu bekommen tun sich auf. Mein Reiseführer rät dazu die Gerüche aufzusaugen. Gold und Götter spielen eine Rolle, das sieht man an den Auslagen. Es gibt hier alles von Kitsch über T-Shirts bis hin zu Schuhen und Spielzeug. Auffällig für mich ist, dass es die Männer sind, die an den Nähmaschinen sitzen. Blumenbinden ist auch ein Handwerk, das man hier beobachten kann. Ich erinnere mich an Fotos indischer Spieler am Flughafen, die mit Blumengirlanden behängt werden. Was hat es damit auf sich? Rechercheauftrag an mich selbst. Ein Goldschmied ist hier neben dem anderen in einer der Straßen in Little India. Fotografieren der Schmuckstücke ist verboten. Neben filigran gearbeiteten goldenen Gehängen, die schwerer aussehen als sie sind, bieten einige Goldschmiede auch Diamanten.

In einem Laden in der Nähe der U-Bahnstation dachte ich eine spontane Recherche starten zu müssen. Chennai Trading heißt der Shop. Weder die Verkäuferin noch eine Kundin, die nach eigener Aussage aus Chennai stammt, wussten von der Schachweltmeisterschaft in der Stadt und Gukesh kannten die Frauen ebenfalls nicht….Vielleicht ist das jetzt anders.


Die Geschichte hinter diesem Foto ist teilweise bereits erzählt und handelt von einem massiven Elo-Export nach Asien. Ulrich Stock und ich hatten zur Abwechslung an einem Blitzturnier teilgenommen. Anfangs lief es bei mir gefühlt ganz gut, aber nach vier Punkten nach fünf Runden kam nur noch ein halber Punkt hinzu und was für einer.

Ich sah erst bei Ansicht des Videos von John Brezina, dass ich nach dem Schlagen des Turmes auf b3 im Schach (der Turm steht auf a4) stand und mein Springerschach auf b6 war damit ein illegaler Zug. Ich hätte also einen ganzen Turm verloren in der Situation. Wir haben es beide nicht bemerkt und so ging es munter weiter und endete Remis.


Diese namenlose* junge Frau ist aus St. Angeles und spielt seit der Pandemie Schach. Zum Schach ist sie wegen eines komischen Videos von Hikaru Nakamura gekommen, mit der Netflix-Serie Queensgambit hatte es nichts zu tun. Sie war in Asien und auf dem Weg nach Berlin zu einer Hackerkonferenz, wenn ich es richtig verstanden habe. Sie hörte von der Schachweltmeisterschaft in Singapur und suchte nach dem Match einen Spielpartner in dem Hotel in dem ich täglich morgens gefrühstückt habe. Ich hatte keine Zeit für eine Partie, aber später fand sich jemand. Immerhin konnte ich sie auf eine Veranstaltung am Nachmittag hinweisen, eine Autogrammstunde vor der Siegerehrung. Sie konnte ein Autogramm ergattern. Ich sah sie später in der Schlange stehen mit Hunderten anderen Fans. Einer davon ist dieser junge Spieler, der zusammen mit seinem Vater seine Präferenz offen zeigt.

*Ich wollte ihr eigentlich per e-Mail eine Nachricht zukommen lassen, aber meine Aufzeichnung unseres kurzen Gespräches ist gecrasht.

Im Vergleich dieser beiden Fotos erkennt man sehr gut, warum man auf professionelle Fotos zurückgreifen sollte.


Ein letzter Blick aus dem Hotelzimmer auf Sentosa Island am Abend vor der Abreise. Traumhaft.

Von Thorsten Cmiel Drei intensive Wochen gefüllt mit

Dieses Titelbild von Dariusz Gorzinski zeigt eine antike Schachuhr.

Eigentlich müssen Turnierpartien von den Spielern dokumentiert, mitgeschrieben werden. Das gilt Zug für Zug. Aber das ist keineswegs immer so und hängt an der Bedenkzeitregelung. Ein Beitrag vom Internationalen Schiedsrichter Gerhard Bertagnolli über eine wenig bekannte Regel beim Turnierschach, Besonderheiten in Zeitnot und was das mit der dritten Partie bei der Schachweltmeisterschaft zwischen Ding Liren und Gukesh in Singapur zu tun hat.

Jüngere Spieler könnten überrascht sein, denn in Partien mit klassischer Bedenkzeit gibt es die Mitschreibpflicht immer. Ältere Spieler erinnern sich aber an andere Zeiten, nämlich wenn man sich in Zeitnot befand und dann in ganz speziellen Situationen nicht mitschreiben musste. Beginnen wir mit den offiziellen Regeln:

Im Laufe der Partie ist jede Spielerin / jeder Spieler verpflichtet, ihre / seine eigenen Züge und die ihres / seines Gegenübers auf korrekte Weise, Zug für Zug, so klar und lesbar wie möglich aufzuzeichnen.

(8.1.1 Laws of Chess in die deutsche Sprache übersetzt.)

Die Mitschrift hat auf dem dafür vorgesehen Formular in algebraischer Notation zu erfolgen. Eine Eingabe in ein elektronisches und dafür von der FIDE zertifiziertes Gerät ist ebenfalls möglich, aber hier nicht unser Thema. Es besteht die Pflicht zum kontinuierlichen Mitschreiben – und zwar Zug für Zug, nicht erst im Nachhinein.

Doch wie bei vielen Regeln gibt es auch hier Ausnahmen: Die Pflicht Mitzuschreiben entfällt in einer Spielphase in der sich ein Spieler in Zeitnot befindet. Zeitnot ist dabei definiert als eine Restbedenkzeit von weniger als fünf Minuten bis zur nächsten Zeitkontrolle. Aber das gilt nur für Spielphasen in denen ein Spieler keinen Zeitzuschlag von 30 Sekunden oder mehr pro Zug (Inkrement) erhält. Zudem gilt: Sobald die Spielphase der knappen Bedenkzeit (Zeitnot) vorbei ist, muss der Spieler die Züge auf seinem Partieformular nachtragen.


Im Turnierschach dienen Partieformulare dazu, um die wichtigsten Informationen zu einer Turnierpartie zu dokumentieren. Das sind Datum, Turnier, Runde, Namen der Spieler, die Züge und am Ende das Resultat und die Unterschriften der Spieler.

Bei internationalen Turnieren und in Team-Wettbewerben ist es üblich, dass Partien auf Durchschlagspapier mindestens ein weiteres Mal aufgezeichnet werden. Die Föderation, also der Weltschachbund oder der deutsche Schachbund beispielsweise, bestehen darauf, dass man das Original abgibt. Dem Spieler bleibt der Durchschlag. Partieformulare von wichtigen Ereignissen haben für manche Sammler einen hohen Wert. Beim Kandidatenturnier in Toronto beispielsweise konnten Fans im Shop originale Durchschläge von Partieformularen der Spieler kaufen und mussten dafür 200 kanadische Dollar hinblättern. (TC)


Es gibt also zwei Fälle zu unterscheiden:

Fall 1

Der Spieler erhält für jeden Zug mindestens 30 Sekunden Zeitbonus. Eine typische Bedenkzeit im klassischen Schach beträgt: 90 Minuten für 40 Züge, gefolgt von 30 Minuten für den Rest der Partie, mit einem Bonus von 30 Sekunden pro Zug.

Mitschreibpflicht

Hier bleibt die Mitschreibpflicht bestehen. Der Spieler muss sowohl seine eigenen Züge als auch die des Gegners Zug für Zug notieren und darf keine Züge überspringen.

Fall 2

Der Spieler erhält zu einem gewissen Zeitpunkt nicht diese zusätzlichen 30 Sekunden (also zusätzlich „nur“ 0 bis 29 Sekunden). Als Beispiel dient uns eine Bedenkzeit von zwei Stunden für 40 Züge und danach nochmals eine Stunde zum Ende der Partie geben (jeweils ohne Zeitgutschrift pro Zug). Es gibt also zwei Perioden pro Spieler: Die erste Periode läuft bis zum Ende der Grundbedenkzeit von zwei Stunden des jeweiligen Spielers. Die zweite Periode zwei findet zum Ende der Gesamtbedenkzeit von drei Stunden eines Spielers statt.

Keine Mitschreibpflicht

Nach 1.55 und 2.55 verbrauchter Zeit in unserem Beispiel entfällt in den jeweiligen Perioden die Mitschreibpflicht. Der Spieler ist die letzten fünf Minuten der Restbedenkzeit (jeder Periode!) nicht verpflichtet, bis zum Ende der jeweiligen Periode mitzuschreiben.

Nachtragen von Zügen

Auch die Pflicht zum Nachtragen der Züge ist geregelt. Ist ein Spieler zum Nachtragen nach der ersten Periode verpflichtet, kann er das Partieformular seines Gegners nutzen und darf erst danach weiterspielen.

Schreiben beide Spieler nicht mehr mit, dann springt der Schiedsrichter oder ein Assistent ein. Nachdem eines der Fallblättchen gefallen ist, hält der Schiedsrichter die Schachuhr an. Die Spieler müssen dann ihre Aufzeichnungen vervollständigen mit jeder verfügbaren Hilfe wie der Notation des Schiedsrichters oder des Gegenübers. Dadurch sollte gesichert sein, dass immer die vollständige Notation vorhanden ist. Im Spitzenschach werden viele Partien live übertragen, wodurch eine zusätzliche Notation zur Verfügung steht.

Praktische Bedeutung

Ob man Schachspielern empfehlen soll in Zeitnot zu geraten, ist natürlich keine Regelfrage. Aber: Nicht mitzuschreiben während einer Zeitnotphase kann Nachteile mit sich bringen. Es könnte bei hochgradiger Zeitnot sein, dass man sich verzählt. Eventuell führt man dann beispielsweise einen „Alibizug“ im 41. Zug aus und verspielt ausgerechnet dann einen Vorteil oder verliert genau wegen dieses einen unüberlegten Zuges Material und möglicherweise die Partie. Ein anderer Nachteil könnte es sein, dass man ohne Notation Schwierigkeiten bekommt, eine dreimalige Stellungswiederholung zu rekonstruieren. Das gilt freilich nicht für Supergroßmeister wie die beiden Spieler in Singapur. Die können das.


Dritte WM-Partie in Singapur

Die Bedenkzeitregelung des WM-Kampfes sah wie folgt aus: Zu Beginn 120 Minuten für 40 Züge (ohne Bonus). Ab dem 41. Zug zusätzlich 30 Minuten plus 30 Sekunden Bonus pro Zug. Das hat Auswirkungen auf die Mitschreibpflicht.


Nach Gukeshs 31. Zug (Tcd1, Restzeit: 18:34) grübelte Ding für den Antwort-Zug etwas länger und verblieb nach seinem 31. Zug …Ke8 mit einer Restbedenkzeit von 1:50 für neun Züge zum Erreichen der 40-Züge-Marke. Als erfahrener Spieler kannte er die Regeln und nutzte die Möglichkeit des Nicht-Mitschreibens. Bis zum vierzigsten Zug gab es keine(!) Mitschreibpflicht in Zeitnot. Danach schon. Die Partie endete allerdings vorher, aber das ist eine andere Geschichte.


Gerhard Bertagnolli (48 Jahre) ist seit 2006 Schiedsrichter, seit 2014 Internationaler Schiedsrichter und seit 2019 der Kategorie A. Als Kommissionsmitglied engagiert er sich zusätzlich seit 2022 in der „FIDE Arbiters Commission“.
Als internationaler Schiedsrichter kommt er in der Schachwelt rum. Am häufigsten Station macht der Südtiroler in Italien, Deutschland und Österreich. Zuletzt war Bertagnolli als Hauptschiedsrichter bei der FIDE Schach-WM der Kadetten in Montesilvano 2024 im Einsatz. Davor als Match-Schiedsrichter bei der Schach-Olympiade Budapest 2024. Zu seinen wichtigsten Erfahrungen gehören das WM-Match in Astana 2003 zwischen Ding Liren und Ian Nepomniachtchi sowie der FIDE Grand Prix in Hamburg 2019 (Sieger: Alexander Grischuk). Hinzu kamen noch zahlreiche weitere Events wie Amateur- und Seniorenweltmeisterschaften und Team-EMs. Die Liste seiner internationalen Einsätze ist länger.

Foto: Niklesh Jain für FIDE Chess.


Anmerkung

Wurde hier die männliche Form gewählt, dann geht das nicht auf den Autor zurück, sondern es handelt sich um eine redaktionelle Entscheidung. Natürlich gibt es im Schach erfreulicherweise viele Frauen, die hervorragende Schiedsrichterinnen sind und die sollen damit keinesfalls ausgeschlossen oder unerwähnt bleiben. Allerdings sind Texte mit politisch korrekten Formen inzwischen fast unlesbar und Lesbarkeit ist uns hier und an anderer Stelle wichtiger. (TC)

Dieses Titelbild von Dariusz Gorzinski zeigt eine

Von Thorsten Cmiel

Die Idee der Lasker Aufgaben ist es, einmal in der Woche, in der Regel an Sonntagen, einige wenige Schachaufgaben unterschiedlicher Art an alle Interessierten des Vereins Lasker Köln zu verschicken. Es wird Taktikaufgaben und immer wieder auch mal Fragen zum Endspiel geben. Der Schwierigkeitsgrad wird unterschiedlich sein, damit für Spieler jeder Mannschaft und Spielstärke etwas dabei ist. Die Lösungen gibt es zwei Tage später. Los geht’s.


1. Aufgabe: Weiß am Zuge sollte wie fortsetzen?

Diese Aufgabe ist ein Social Media Fund. Dort findet man sonst zwar ziemlich viel Unsinniges, aber manchmal auch solche Aufgaben. Das sollte jeder lösen können. Wer etwas mehr Zeit dafür benötigt, macht nichts. Nicht jeder ist Frühaufsteher.


2. Aufgabe: Weiß ist am Zuge. Was tun?

Nicht zu schwierig glaube ich, aber jeder sollte das bis zum Ende durchrechnen. Es gibt eine merkwürdige Lösungssymmetrie zu entdecken.


3. Aufgabe: Weiß ist am Zuge.

Hier gibt es einen klar besten Weg und es kommt auf die Zugfolge an. Ich glaube ein sehr praktisches Beispiel.


4. Aufgabe: Wie würdet ihr mit Schwarz am Zuge hier fortsetzen?

Bei dieser Aufgabe kann man eine längere Variante rechnen. Das Ende ist nicht zu schwierig zu finden, aber wunderschön. Die Stellung ist zwar nicht von Emanuel Lasker, sondern ein von mir leicht bearbeiteter Internetfund, aber die Schlusspointe hat etwas mit Lasker zu tun.

Wer Spaß am Lösen von Schachaufgaben hat, der wird ab nächstem Jahr hier in der Schachakademie fündig werden. Für den Anfang findet ihr unter den Links weitere Aufgaben und einige Hinweise darauf wie schwer Schachaufgaben sein sollten.


Von Thorsten Cmiel Die Idee der Lasker Aufgaben

Foto: John Brezina

Von Thorsten Cmiel

Entscheidend war ein Remis auf der anderen Seite der Welt. Arjun Erigaisi kam über ein Remis gegen Esipenko in der letzten Runde in Katar nicht hinaus. Daher bleibt der US-Amerikaner Fabiano Caruana vorne im FIDE Circuit 2024. Aber das Rennen wird erst in wenigen Tagen entschieden. Sollte der Inder Schnellschachweltmeister werden, sichert ihm das gleichzeitig einen Platz im Kandidatenturnier.

Photo: Anna Shtourman

Arjun Erigaisi hatte seine Chance auf die erneute Führung im FIDE Circuit 2024. Zunächst hatte er seinen Landsmann Murali Karthikeyan geschlagen und dann gab es erneut die weißen Steine für ihn gegen den mit einem halben Punkt führenden Russen Andrey Esipenko. Auch wenn diese Partie spannend war, der Inder hatte keine wirklichen Chancen auf einen vollen Punkt an diesem Tag.




NameLandCircuit Points 2024Tournaments #
1Fabiano CaruanaVereinigte Staaten130.427
2Arjun ErigaisiIndien124.407

Die Übersicht zeigt die zwei führenden Spieler im aktuellen FIDE Circuit. Würde Arjun die Schnellschachweltmeisterschaft gewinnen, dann wäre er knapp qualifiziert für das Kandidatenturnier 2026. Ein geteilter erster Platz mit zwei Wettbewerbern würde ebenfalls genügen. Das schlechteste Ergebnis des Inders würde dann ersetzt. Ein Sieg bei der Blitz-WM würde hingegen nicht ausreichen, nach jetzigen Berechnungen. Das liegt daran, dass für Schnellschach- und Blitzturniere geringere Punkte vergeben werden als im klassischen Schach.


Foto: John Brezina Von Thorsten Cmiel Entscheidend war ein

Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess)

Von Thorsten Cmiel

Dijana Dengler ist bekannt in der Schachwelt und hat in München die Schachakademie und die Münchner Schachstiftung mitbegründet. Dijana lebt seit sieben Jahren in Singapur und arbeitet an der Overseas Family School, einer privaten internationalen Schule, an der Schach als reguläres Unterrichtsfach angeboten wird. Als  „Head of Chess“  ist sie dort gemeinsam mit ihrem Kollegen für die Integration und Förderung des Schachs im Schulalltag verantwortlich. Sie erzählt was in Singapur schachlich los ist.

Wer ist Dijana Dengler

Du kennst mich aus München. Dort war ich zusammen mit Roman Krulich, Stefan Kindermann und Gerald Hertneck aktiv. Gemeinsam haben wir 2005 die Münchener Schachakademie und 2007 die Münchener Schachstiftung gegründet.

Aufgabe in Singapur

Ich habe hier eine Mission: Schach weiter zu verbreiten. Ich arbeite an einer internationalen Schule, an der Schach als reguläres Unterrichtsfach angeboten wird. Ich bin der Head of Chess – so nennt man das hier. Unsere Schule ist tatsächlich eine der wenigen weltweit, an der Schach als echtes Unterrichtsfach etabliert ist und ernst genommen wird. Die Leistungen der Kinder werden sogar im Zeugnis dokumentiert, wobei wir konkret beschreiben, was sie gelernt haben und welche Fähigkeiten sie entwickelt haben. Unsere Schüler kommen aus über 70 Ländern – meist Kinder von Eltern, die beruflich in Singapur sind und später in andere Länder weiterziehen. Es handelt sich um eine private Schule mit einem internationalen Fokus.

Die Weltmeisterschaft bringt Aufmerksamkeit

Während der Schachweltmeisterschaft haben wir an unserer Schule ein zweiwöchiges Schachfestival organisiert. Wir haben zahlreiche Veranstaltungen durchgeführt, darunter ein Familienturnier, einen Wettkampf zwischen Schülern und Lehrern von der Vorschule bis zur High School, Simultanpartien, eine Puzzle-Solving-Challenge und mehr.

Wir hatten Besuch von vielen Gästen, darunter eine Großmeisterin, Journalisten, Dana Reizniece, sie ist Managing Director bei der FIDE, einer Buchautorin und von Vertretern der ARD. Im Rahmen des Festivals haben wir außerdem einen schachbezogenen Kunstwettbewerb veranstaltet. Zu unserer großen Freude wurde unser Schachprogramm mit dem Gold FIDE School Award ausgezeichnet – eine Anerkennung als eines der besten Schachprogramme weltweit.

Seit wann lebst du hier in Singapur?

Seit sieben Jahren lebe ich in Singapur. Mein Mann ist etwa ein halbes Jahr vor mir hierhergezogen, und ursprünglich war es nicht mein Plan, dauerhaft umzuziehen. Auf zwei verschiedenen Kontinenten zu leben, ist jedoch schwierig. Schließlich wurde mir eine Stelle an dieser Schule angeboten. Der damalige Miteigentümer der Schule, ein Neuseeländer, wollte mich unbedingt kennenlernen. Bei unserem Treffen sagte er zu mir: „Jedes Kind auf der Welt sollte Schach lernen.“ Ich dachte zunächst, da wären irgendwo Kameras und er erlaubt sich einen Scherz mit mir. Genau diese Idee hatte ich nämlich schon in München propagiert: „Jedes Kind sollte Schach lernen“.

Arbeiten in Singapur

Man kann hier nicht einfach so bleiben – der Aufenthalt ist an einen Job gebunden. Zumindest einer von uns muss arbeiten, damit wir hierbleiben können. Singapur ist dabei relativ flexibel was das Alter und die Altersgrenzen für die Rente betrifft. Verliert man jedoch seinen Job, hat man nur einen Monat Zeit, eine neue Stelle zu finden. Andernfalls muss man das Land verlassen.

Leben in Singapur

Ich mag es hier. Ich mag die Menschen – sie sind sehr freundlich und zuvorkommend. Das Klima ist tropisch, heiß und feucht. Zu Beginn der diesjährigen Schachweltmeisterschaft hatten wir allerdings zwei Wochen mit überwiegend Regen – das war etwas Pech. Aber normalerweise ist es einfach wunderschön, morgens aufzustehen und aus dem Fenster die Sonne zu sehen. Es ist immer warm, und alles hier ist hervorragend digitalisiert. Man hat fast das Gefühl, jeden Tag ein bisschen Urlaub zu erleben. Meine Arbeit bereitet mir viel Freude, und inzwischen haben wir viele Freunde kennengelernt.

Schach in Singapur

Ich arbeite sehr gut mit der Schachföderation Singapur zusammen, und gemeinsam organisieren wir große Turniere für Kinder, auch an unserer Schule. Die Schachcommunity wächst stetig. Als ich vor sieben Jahren nach Singapur kam, sah das noch ganz anders aus. Der aktuelle Schachboom, den wir hier erleben, hat viel mit Kevin Goh  zu tun.

Kevin ist nicht nur Schachgroßmeister, sondern auch Cheforganisator der Schachweltmeisterschaft und CEO der Schachföderation Singapur. Das heißt, er widmet sein Leben vollständig dem Schach. Dafür hat er sogar einen sehr gut bezahlten Job aufgegeben, um diese Position zu übernehmen – vermutlich verdient er jetzt nur noch die Hälfte seines früheren Gehalts. Aber er bringt eine unglaubliche Leidenschaft für das Schach mit, und das macht einen spürbaren Unterschied.

Geld und Sponsoren

In Singapur gibt es keine Vereine wie in Deutschland. Stattdessen wird viel Gruppentraining von der Schachföderation organisiert. Dieses Training wird in der Regel von den Eltern der Kinder finanziert. Kevin und sein Team arbeiten intensiv daran, Sponsoren zu gewinnen, um das Schach weiter zu fördern.

Schach hatte hier lange Zeit ein Nischendasein in der öffentlichen Wahrnehmung, doch inzwischen ist es deutlich sichtbarer geworden – und das ist einfach schön. Es werden auch weitere Projekte aufgegriffen, wie zum Beispiel Schach im Gefängnis oder Schach mit körperbehinderten Menschen. Diese Initiativen sind Teil der weltweiten FIDE-Projekte, und 2025 wurde von der FIDE sogar als das „Year of Social Chess“ ausgerufen. Solche Programme tragen dazu bei, Schach noch stärker in die Gesellschaft zu integrieren.

Das Gespräch fand am Rande der Siegerehrung für den neuen Schachweltmeister Gukesh in Singapur statt.


Dijana Dengler ist bekannt in der Schachwelt und hat in München die Schachakademie und die Münchner Schachstiftung mitbegründet. Dijana lebt seit sieben Jahren in Singapur, nachdem ihr Mann dorthin gezogen ist. Sie arbeitet an der Overseas Family School, einer privaten internationalen Schule, an der Schach als Unterrichtsfach angeboten wird. Dort ist sie „Head of Chess“ und verantwortlich für die Integration und Förderung des Schachs im Schulunterricht. Die Schule ist einzigartig, da sie das Schulfach Schach anbietet und Kinder aus 70 verschiedenen Ländern dort lernen. Die Schule arbeitet mit der Schachföderation in Singapur zusammen und hat bereits einen bedeutenden FIDE-Preis für eines der besten Schulschachprogramme weltweit erhalten. Ihr Leben in Singapur beschreibt Dijana wie einen täglichen Urlaub, aufgrund des ganzjährig warmen Klimas und des digitalisierten Lebensstils.




Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess) Von Thorsten Cmiel Dijana

Foto: Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess)

Der ehemalige Schachweltmeister Ding Liren erhält für seinen WM-Kampf 40.6 Punkte, die ihm für den FIDE Circuit 2025 zur Verfügung stehen. Das teilte FIDE CEO Emil Sutovsky via sozialen Medien mit.

In der jüngeren Vergangenheit hatte der unterlegene Spieler um eine Schachweltmeisterschaft einen Platz im Kandidatenturnier sicher. Das hat der Weltschachbund für diesen Qualifikationspfad zuletzt geändert. Für den Wegfall diese Privilegs war ein Ausgleich geplant. Zudem hatten beide Spieler einen Nachteil: Im FIDE Circuit 2024 konnten weder Ding Liren noch Gukesh ernsthaft eingreifen, da beide Spieler mit Vorbereitungen auf das Match beschäftigt waren. Für den FIDE Circuit erhält jetzt der Unterlegene des WM-Kampfes eine Art Bonus. Es ist nicht klar, ob dieses Startguthaben als ein Turnier zählt. Jeder Spieler kann bis zu sieben Turniere gewertet bekommen. Davon müssen laut Regularien mindestens zwei Turniere aus Schweizer System Modus worden gespielt sein.

Wie geht es weiter mit Ding Liren?

Ding Liren hat sich noch nicht geäußert, ob er versuchen will nochmals einen WM-Kampf zu erreichen. Er sagte bei der Abschlusspressekonferenz nach der für ihn enttäuschenden 14. Partie in Singapur lediglich, dass er weitermachen will mit Turnierschach. Eine erfreuliche Nachricht. Aber weniger Turniere sollen es sein. Es wird vermutet, dass sich Ding mehr Turniere mit kürzerer Bedenkzeit in den Turnierplan legt.

Ding hatte in Singapur einen großen Kampf geliefert, den ihm weltweit Experten und Kollegen nicht zugetraut hatten. Bemerkenswert war jedoch, dass die chinesische Delegation am Tag der 14. Partie abgereist war. Auch hatte 2024 nach Angaben von einem Verantwortlichen keine Übertragung von Livebildern stattgefunden. Das war 2023 noch anders gewesen. Mein Take: Niemand sollte ein Comeback von Ding Liren auf die ganz große Bühne ausschließen.

UPDATE 14.12.2024: Ding sagte zu Mike Klein (Chess.com) zur Qualifikation: „Vielleicht spiele ich beim Weltcup oder bei einem Qualifikationsturnier, aber ich denke, ich werde es nicht über den FIDE Circuit versuchen – dafür sind zu viele Turniere nötig.“



Foto: Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess) Der ehemalige

Foto: Eric Rosen (FIDE Chess)

Ding Chilling ist während des Wettkampfes eine Art Markenzeichen des Chinesen geworden. Es begann mit einer Frage einer Mitarbeiterin des Deutschen Schachbundes. Inzwischen gibt es sogar einstündige Videos mit unterlegter Musik zur Entspannung.

Note: There is an automatic error using „Ding“ in German language it is „thing“ in English. So I for the moment changed the name in the headline to Liren.



Foto: Eric Rosen (FIDE Chess) Ding Chilling ist

Foto: Eng Shin An (FIDE Chess)

Von Thorsten Cmiel

Ein schrecklicher Fehler von Ding Liren beendet die Schachweltmeisterschaft 2024 zugunsten des 18-jährigen Inders Gukesh. Der ist überwältigt von seinen Gefühlen nach drei anstrengenden Wochen in Singapur mit vielen Aufs und Abs. In der abschließenden Pressekonferenz zeigt der neue Weltmeister Größe als tadelloser Sportler. Ein wichtiger Tag für Indien und die gesamte Schachwelt.

Schach kann brutal sein. Sehr sogar. Nach vier Stunden und fünfundfünfzig Zügen unterläuft dem Chinesen und Titelverteidiger Ding Liren ein grober Fehler, der nur durch die spezielle Drucksituation eines WM-Kampfes und mentale Erschöpfung zu erklären ist. Ein Blackout. Der Chinese gibt seinem Gegner die Chance seines Lebens und der bemerkt es nicht sofort. Der Inder hat noch eine Stunde und zehn Minuten, kann sich also Zeit nehmen für den wichtigsten Zug seiner Karriere bisher.

Zeitgleich im Studio von Chessbase India bemerken die Moderatoren zunächst nichts und plaudern vor sich hin, spannend war es nicht mehr. Dann springen einige Zuschauer auf, es wird laut, irgendwer hat vermutlich die Bewertung auf einem Bildschirm gesehen. Zeitgleich schrecken in der Fanzone im Spielhotel auf Sentosa Island die Zuschauer in Singapur auf. Der Vater von Gukesh läuft schon einige Zeit im Zugangsbereich zur Fanzone hin und her. Dr. Rajinikanth ist nervöser als sein Sohn, das ist immer so wenn der Junge spielt. Plötzlich erscheint Grzegorz Gajewski, von Gukesh Gaju genannt, der Sekundant des Inders, ebenfalls im Zugang zum Pressezentrum. Er hat gesehen was alle an den Bildschirmen gesehen haben und informiert Rajinikanth. Der scheint es noch nicht zu glauben. Dann kommt Nitin Narang angerannt, der Präsident der All India Chess Federation (AICF) umarmt Gukesh Vater. Der Lärmpegel steigt im Equarius Hotel. Gukesh richtet sich im Stuhl etwas auf, er weitet die Augen und erkennt seine Chance.


Als er den Turm f2 spielte, habe ich das nicht bemerkt. Ich meine, ich wollte fast Turm b3 spielen, aber dann sah ich, dass dieser Läufer tatsächlich gefangen wird. Und nach König e1 habe ich König e5 im Bauernendspiel, das einfach zu gewinnen ist. Ich meine, als ich das erkannte, war das wahrscheinlich der beste Moment meines Lebens.

Gukesh über den historischen Moment.

Die Livekameras zeigen beide Spieler, aufgenommen von sehr kleinen hochauflösenden Kameras, die in die Spieltischen integriert sind. Ding erkennt seinen Fehler, schaut entsetzt.


Ich war total schockiert, als ich merkte, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Der erste Gesichtsausdruck zeigt, dass er sehr glücklich und aufgeregt ist, und mir wurde klar, dass ich einen Fehler gemacht hatte.

Ding Liren als er Gukesh’s Reaktion bemerkt.

Gukesh bleibt cool. Ruckelt auf seinem Gamingstuhl hin und her. Die Zuschauer in Mumbai sehen die Reaktion. Sagar Shah, Gründer von Chessbase India, wird immer aufgeregter. Er sieht es, er sieht es, ruft Sagar in den Raum. Der Jubel steigert sich noch. Dann eine Geste von Gukesh, der presst die flachen Hände zusammen, es sieht aus als würde er beten. Sagar ist sicher, Gukesh wird Weltmeister, heute noch. Die Co-Moderatorin Tania Sachdev ruft mehrmals, das ist der Moment. Ding schaut für einen Moment zu seinem Gegner. Er weiß, es ist vorbei.


Gukesh kann die Türme tauschen und die unglückliche Postierung des gegnerischen Läufers ausnutzen und diesen ebenfalls tauschen, indem er seinen Läufer auf d5 tauscht. Gukesh atmet kurz durch, seine Hände sind zum Gebet gefaltet, scheint es. Er kann sein Glück nicht fassen. In Mumbai wollen ihn die Inder zu seinem Glück anfeuern und rufen Gukesh, Gukesh, Gukesh. Den stört es nicht, er nimmt einen Schluck Wasser aus der Flasche. Ding reagiert erneut, streicht sich mit der rechten Hand durch die Haare. Gukesh trinkt weiter. Nur nichts überstürzen. Er schließt die leere Flasche und bringt sich kurz in Denkerpose. Dann schlägt er auf f2 und spielt den erwarteten Läufertausch. Gukesh steht auf, die Anspannung ist zu groß. Ding tauscht die Läufer und benötigt noch einen kurzen Moment, dann gibt er sich geschlagen.

Gukesh ist von seinen Gefühlen überwältigt. Sein Kindheitstraum geht in Erfüllung. Kurz darauf sammelt sich der Inder wieder und wiederholt sein Ritual. Er baut die Figuren auf, tippt auf den Tisch und zeigt Respekt für das Spiel. Dann macht er eine Art Bekreuzigungsbewegung, rückt seinen Stuhl zurecht und schiebt diesen an den Spieltisch.



Gukesh der Champion

Auf der Pressekonferenz zeigt der Achtzehnjährige was ihn auszeichnet. Er beginnt mit einem Lob für seinen Gegner: „Zunächst möchte ich ein paar Worte über meinen Gegner sagen. Wir alle wissen, wer Ding ist. Er ist seit einigen Jahren einer der besten Spieler der Geschichte. Und zu sehen, wie er sich abmüht und wie sehr er unter Druck stand und wie er in diesem Kampf gekämpft hat. Ich meine, in diesem Kampf zeigt sich, was für ein echter, wahrer Champion er ist. Und egal, wer auch immer sagt, was ist mit Ding? Für mich ist er ein echter Weltmeister…Er hatte offensichtlich während der Partien zu kämpfen. Er war wahrscheinlich körperlich nicht in Bestform, aber er hat in allen Spielen gekämpft. Er hat gekämpft wie ein echter Champion und ja, es tut mir wirklich leid für Ding und sein Team. Ich meine, sie haben eine großartige, Show hingelegt und ich möchte mich wirklich zuerst bei meinem Gegner bedanken. Das wäre nicht dasselbe gewesen ohne meinen Gegner.“


Ein Geheimnis wurde gelüftet: Im Team des Weltmeisters waren die Polen Gregorz Gajewski, Radosław Wojtaszek, Jan-Krzysztof Duda und Jan Klimkowski. Der Inder Pentala Harikrishna und der Deutsche Vincent Keymer gehörten ebenfalls zum Team für Singapur. Über Keymers neuen Job wurde bereits spekuliert als er kürzlich nicht in der Bundesliga antrat. Jetzt gab es die bestmögliche Bestätigung.


Foto: Eng Shin An (FIDE Chess) Von Thorsten

Foto: Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess)

Von Thorsten Cmiel

Nach dem Ruhetag ändert sich ein wesentliches Detail der letzten zwei Wochen, noch vor dem Beginn der Partie. Diesmal steigt Gukesh als Erster aus dem Fahrstuhl. In einer Pressekonferenz hatte Ding gesagt, er habe gelernt, dass er immer zuerst im Spielbereich des Hotels ankomme. Beide kommen jeden Tag mit dem Fahrstuhl im Spielbereich an. Gukesh wird heute begleitet von seinem Vater und seinem Sekundanten Gajewski. Gukesh stürmt an den wartenden Fans vorbei. Er scheint bereits im Tunnel zu sein, fokussiert auf die anstehende Partie. Kurz danach steigt Ding Liren aus dem Fahrstuhl.

Heute ist die Schachwelt früh dran, eigentlich sogar zu früh. Drei Minuten, so registriert es ein heute prämierter Kollege neben mir. Ob es daran liegt, dass die Vorstellung des eigenen Präsidenten zu kurz ausfällt? Normalerweise listet Maurice Ashley minutenlang die Verdienste der Ehrengäste auf und langweilt Zuschauer und Spieler. Heute nicht. Der FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich zieht Gukesh’s Königsspringer nach f3 und lächelt in die Kameras. Der Inder will so nicht spielen, nimmt den Zug schnell zurück und startet wie in der ersten Partie mit seinem Königsbauern. Ding bleibt der französischen Verteidigung treu. Im siebten Zug weicht Gukesh als Erster von der Ersten ab, er zieht diesmal seinen a-Bauern ein Feld nach vorne. Es sind vor allem Randbauernzüge, die wir von beiden Seiten in diesem Match immer wieder gesehen haben und die den Unterschied machen sollen.


Ding wirkt überrascht. Schwarz steht vor einer grundlegenden Entscheidung: Er kann am Damenflügel spielen, indem er seinen a-Bauern zwei Felder vorschiebt beispielsweise und am Damenflügel expandiert. Ein anderer typischer Hebel besteht in frühem f7-f6 – das führt allerdings meist zu großen Verwicklungen. Zehn Minuten sind rum und die Fotografen verlassen wie immer den Cube. Ding grübelt noch an seiner Antwort. Dabei ist die Spielweise von Weiß eine bekannte Herangehensweise für das weiße Spiel. Tatsächlich hat sich das Team des Inders erneut eine kleine Gemeinheit ausgedacht. In der so genannten Vorzugsvariante ist der Zug 6.a3 viel bekannter. In der Klassischen Variante, die heute auf dem Brett steht, befindet sich ein schwarzer Springer auf d7 und das ist keine Kleinigkeit. Der Weltmeister muss sich am Brett die Unterschiede und Gemeinsamkeiten erarbeiten.

Gukesh hat es sich derweil in seinem Sitzmöbel eingerichtet. Er lehnt zurück, entspannt sich. Die Augen sind geschlossen. Während der Inder sein Jackett immer anbehält und unter dem Hemd ein T-Shirt anhat, zieht Ding sein Jackett meist früh aus. Genauso heute, sogar vor dem ersten Zug. Ist dem einen kalt und dem anderen warm? Dann spielt Ding einen bekannten Läuferzug nach e7. Gukesh antwortet sofort mit seinem Läufer, den er nach e3 stellt, das ist überraschenderweise neu an dieser Stelle, zumindest im Meisterschach. Nach acht Zügen besitzt der Inder erneut einen ordentlichen Vorteil auf der Schachuhr und hat selbst erst 55 Sekunden verbraucht. Das Spielszenario kennen wir schon.


Einige Züge später wirkt das Spiel des Herausforderers überhastet. Nach nicht einmal zweieinhalb Minuten spielt Gukesh nicht den natürlichen Zug in diesem Stellungstyp. Aggressiv agierende Weißspieler würden hier ohne zu zögern die eigene Dame nach g4 ziehen. Das ist Standard in vielen ähnlichen Situationen. Danach muss man allerdings noch einige Züge des Gegners durchdenken. Das Damenschach auf a5 beispielsweise oder das Schlagen mit dem Springer auf d4. Danach beispielsweise ginge es weiter mit der langen Rochade und Schwarz stünde bereits sehr schlecht. Zu kritisieren an dieser Stelle ist nicht die Entscheidung als solche, sondern erneut zeigt sich der Inder in einer wichtigen Spielphase spieltaktisch nicht auf der Höhe. Die Situation erinnert an die elfte Partie in der Gukesh ebenfalls eine Stunde mehr auf der Uhr hatte und seinen ordentlichen Stellungsvorteil nach guter Eröffnungswahl mit zwei ungenauen Zügen verspielte.

Ich habe kurz gesehen, dass der Damenzug nach g4 möglich war, aber ich dachte nicht, dass es sehr stark ist. Ich dachte, dass das was ich gespielt habe, auch sehr gut ist.

Gukesh in der Pressekonferenz später zu der Situation.


Ein bemerkenswerter Moment. Inzwischen ist der Bedenkzeitverbrauch wieder balanciert. Mit seinem letzten Zug, Gukesh hatte seine Dame von d1 nach f3 gezogen und greift den ungedeckten Springer auf c6 an, opfert der Inder den Bauern auf d4. In dieser Phase wirkt Ding Liren ein wenig nervös und rückt ständig auf seinem Bürostuhl hin und her. Die Unterarme bieten ihm ausreichend Halt und liegen auf dem Tisch in dieser Phase. Nach drei Minuten entscheidet sich Ding Liren dagegen zuzugreifen und deckt stattdessen den Springer mit der Dame von e8 aus. So richtig klar ist nicht warum das passiert. Vielleicht spielt hier Psychologie eine Rolle. Der Herausforderer tauscht den Springer gegen den gegnerischen Läufer und muss sich jetzt um den Bauern auf f4 keine Sorgen mehr machen. Der Chinese spielt etwas schneller in dieser Phase, vielleicht zu schnell.


Zuletzt hatte Ding Liren seinen Springer nach e7 zurück gezogen und so das Feld d5 besser kontrolliert. Er will auf den weißen Felder seinen Läufer via b7 ins Spiel bringen. Allerdings hat der Inder in diesem Moment eine Überraschung für seinen Gegner parat. Gukesh aktivierte seinen Läufer und zog diesen nach f4. Ding hatte diesen Zug nicht vorhergesehen und gerät in der Folge in ernsthafte Probleme mit der Koordination seiner Kräfte. Der Zug mit dem Läufer ist möglich weil der schwarze Turm die ungedeckte Figur nicht schlagen sollte, da Weiß danach mit seiner Dame von e5 beide Türme attackieren würde.

Der kritische Moment in dieser Partie ist erreicht. Hier sollte der Weltmeister die Dame für zwei Türme auf e1 geben, objektiv gesprochen. Nach dem doppelten Tauch auf der e-Linie und dem Rückzug des Turmes nach e8 kann Weiß zwar seinen Springer nach e4 ziehen, aber das reicht überraschend nicht. Ding hätte danach einen mirakulösen Zug finden müssen. Die Entscheidung von Ding Liren darauf zu verzichten ist also durchaus verständlich, insbesondere angesichts wenig restlicher Bedenkzeit.


(Eventualstellung). In der Vorausberechnung musste Schwarz an dieser Stelle den nicht ganz intuitiven Zug mit dem b-Turm nach e7 finden, um nach der logischen Antwort, der Springer zieht nach d6 und attackiert Turm und Läufer gleichzeitig, verfolgt der Turm die gegnerische Dame und diese seltene Form einer Schaukel hält die schwarze Stellung zusammen. Die Verteidigungsaufgabe war also extrem schwierig. Ding entscheidet sich in der Stellung des letzten Diagramms nach 19 Sekunden für den Zug mit der Dame nach f7. Acht Minuten bleiben dem Chinesen noch für zehn Züge. Jetzt ist Gukesh dran und hat die größte Chance in dieser Partie.


Der Inder sollte hier zunächst auf e8 die Türme tauschen und dann mit seinem Springer nach e4 ziehen. Schwarz hat danach keine ausreichende Verteidigung mehr. Gukesh konnte die Details aber nicht ausarbeiten, oder war zu nachlässig, jedenfalls zog er seinen Springer sofort nach e4 und der Weltmeister reagierte mit dem Zug seines Turmes nach f8. Die Idee war es nach dem unwillkürlichen Springerzug nach d6 mit seinem Turm die ungedeckte weiße Dame auf c5 mit dem Zug von c7 anzugreifen. Dieser sehr starke Verteidigungszug war dem Inder entgangen.


Zum Kontrollzug haben die Spieler zum letzten Mal in dieser Partie eine Stellung mit einer interessanten Entscheidung auf dem Brett. Ding kann hier im vierzigsten Zug mit seiner Dame auf c1 ein Schach geben und nach dem erzwungen Königsmarsch nach f2 sogar mit Schach den Bauern b2 vertilgen. Gukesh würde seinen König nach g3 ziehen und Ding muss einen Zug finden. Zum einen ist der Läufer auf d7 bedroht und zum anderen steht der Turm auf f8 ungedeckt. Ding ist unschlüssig, soll er oder soll er nicht zuschlagen? Vermutlich sieht er nicht, dass er danach seinen Läufer nach f5 ziehen kann und sein Gegner keinen gefährlichen Abzug mit seinem Turm zur Verfügung hat. Am Schluss entscheidet Pragmatismus. An der Stellungsbeurteilung hätte auch eine andere Spielweise nichts geändert.

Die Spieler lassen noch 29 weiter Züge folgen, aber es gibt keinen weiteren Aufreger an diesem Abend. Die Pressekonferenz im Nebenhotel ist eher geprägt von dem Blick nach vorne. Manche stellen die gleichen gefühligen Fragen wie an den Tagen zuvor. Gelacht wird kaum heute. Der Druck auf die Spieler ist enorm hoch und steigt in der letzten klassischen Partie erneut an. Tatsächlich hatte die erhöhte Anspannung Einfluss auf die Qualität der vorletzten Partie gehabt. Die Dreizehnte schneidet qualitativ etwas schwächer ab an diesem Mittwoch in Singapur. Donnerstag haben wir einen Weltmeister oder am Freitag einen Stichkampf. Großartig.

Die Fotografin Maria Emelianova (PhotoChess) kommentiert ihr eigenes Foto auf X vormals Twitter mit der Frage, wer von den drei Personen auf dem Foto wohl am nächsten Tag nicht um die Schachweltmeisterschaft spielen müsse.


Die Diagramme stammen von Mehmet Ismail und dokumentieren seine Bewertungslogik: Im ersten Diagramm schlug Gukesh im fünfundzwanzigsten Zug auf e7. Das war überhastet. Der Inder wollte den Zug des Springers nach d5 nicht zulassen. Aber er konnte das genauso mit dem Zug des f-Turmes nach e1 dauerhaft unterbinden. Der Königszug nach f7 unterbricht die Deckung des Turmes durch die Dame, bringt also nichts. Gleichzeitig droht bei nur einfach gedecktem Turm auf e8 kräftig der Vormarsch des weißen d-Bauern. Im zweiten Diagramm sollte Schwarz seine Dame gegen zwei Türme tauschen. Das wird er allerdings nur tun, wenn er den Gewinn des Gegners im nächsten Diagramm vorher sieht. Die 0.47 Punkte, die beiden Spielern als Malus angerechnet werden in der Logik von Mehmet Ismail sind also fair verteilt. (Anmerkung: In einer späteren Version der Berechnungen gibt Ismail leicht korrigierte Werte zu den obigen Diagrammen an. Die ändern aber an der Interpretation hier nichts.)

Ismail weist auf X vormals Twitter darauf hin, dass die Genauigkeit leicht ansteigt, wenn die Spieler wie hier ein gleichstehendes Endspiel ausspielen. Diese Rate lag für die 13. Partie des Matches bei 98 Prozent. Die verpassten Punkte der Spieler legen heute eine andere Interpretation nahe: „Jeder Spieler hatte 1,20 verpasste Punkte, was bedeutet, dass die verpassten Punkte mehr als einen spielverlierenden Fehler in einer Gewinnstellung ausmachen.“


Fotos: Alle nicht speziell gekennzeichneten Fotos dieses Beitrages sind von Eric Rosen für FIDE Chess.

Foto: Maria Emelianova Chess.com (FIDE Chess) Von Thorsten

Von Thorsten Cmiel


Leontxo García ist unzweifelhaft der Großmeister im Raum. Leontxo arbeitet als Journalist bei El País. Ich sitze zufällig neben ihm heute während die zwölfte Partie in Singapur läuft. Ding Liren scheint Gukesh früh am Wickel zu haben. Ich frage Leontxo nach Ähnlichkeiten zur Schachweltmeisterschaft 1987 zwischen Garri Kasparov und Anatoli Karpov. Kasparov war amtierender Weltmeister, hatte die 23. Partie verloren und musste die letzte Partie gewinnen. Als Leontxo antwortet, kommt mir die Idee seine Ausführungen aufzuzeichnen, er ist einverstanden. Dann sprudeln die Worte aus ihm heraus und ich erfahre viel mehr von einem, der Schach lebt und liebt.

Leontxo war 1987 Kommentator im Fernsehen

Die Weltmeisterschaft 87. Das war das vierte Match zwischen Kasparov und Karpov. Es war extrem ausgeglichen. Alles hing von der allerletzten Partie, der 24. ab. Also hatte das spanische Fernsehen jeden Abend ein Sonderprogramm. Und weil die Situation so emotional, so angespannt war, beschlossen die spanischen Fernsehbosse, die allerletzte Partie live zu übertragen. Das ganze Spiel. Laut offizieller Statistik hatten wir damals 13 Millionen spanische Zuschauer, die Schach im Fernsehen sahen. Ich bin mir sicher, dass mehr als 90 Prozent dieser 13 Millionen keine Ahnung von Schach hatten, aber sie drückten einem der beiden aus politischen oder anderen Gründen die Daumen. Ich meine, wir müssen bedenken, dass Karpov und Kasparov Symbole für zwei völlig gegensätzliche Lebensauffassungen im größten Land der Welt waren. Karpov war ein Vertreter der alten kommunistischen Garde, und Kasparov repräsentierte die Perestroika, den Erneuerungsgeist Gorbatschows. Deshalb war es möglich, dass 13 Millionen Menschen dem Schach folgten. Und das ist aus schachlicher Sicht sehr wichtig, denn das ist der Schlüsselmoment, warum Spanien seit dem folgenden Jahr, 1988, das Land in der Welt ist, das jedes Jahr mehr internationale Turniere organisiert, denn unter diesen 13 Millionen gab es natürlich viele potenzielle Sponsoren oder Medienredakteure oder Schuldirektoren oder einfach Mütter und Väter. Ich meine, viele Menschen, die mit dem Schach sympathisierten. Seit diesem Moment.

Das Topturnier Linares. Das gibt es nicht mehr. Was ist passiert?

Es gibt nicht zwei verschiedene Realitäten. Spanien ist immer noch das Land in der Welt, das jedes Jahr die meisten internationalen Turniere organisiert. Hunderte. Wenn man Wochenendturniere, Rapid und so weiter mitzählt. Das Linares-Problem ist ein sehr spezifisches. Linares hatte zwei große Probleme zur gleichen Zeit. Zum einen die Wirtschaftskrise, die weltweite Krise im Jahr 2008, und zum anderen die lokale Krise, weil diese allgemeine Krise den Santana-Motor, den größten Industriezweig in Linares und den Schlüsselfaktor für die lokale Wirtschaft, dazu zwang die Fabrik zu schließen. Und das bedeutete, dass die Arbeitslosigkeit in Linares auf über 50 Prozent anstieg. Es war also eine schreckliche Situation eingetreten, und dann mussten sie sich entscheiden, etwas zu ändern. Es tut mir leid, dass sie ihre Herangehensweise an das Schachspiel komplett geändert haben, anstatt Geld zu investieren, um die Stadt in der ganzen Welt berühmt zu machen. Was sie nun seit vielen Jahren tun, ist, dass sie jedes Jahr einige spanische Meisterschaften in verschiedenen Kategorien organisieren, zu denen viele Leute anreisen und die Kosten selbst tragen. Und jetzt lässt das Schachspiel Geld in Linares, anstatt Geld zu nehmen.

Wie beliebt ist Schach in Spanien?

Fußball ist natürlich wie eine Religion in Spanien. Fußball ist also eine andere Kategorie. Schach ist besonders beliebt als pädagogisches Mittel. Am 11. Februar 2015. In unserem Parlament geschah etwas, was ich ein Wunder nenne. An diesem Tag war ich sehr versucht, den Vatikan anzurufen, um ein Wunder zu melden, denn alle spanischen politischen Parteien, ohne Ausnahme, waren sich einig. Dies ist ein Wunder in Spanien. Und ich hatte Schach als pädagogisches Mittel empfohlen. Nach der Empfehlung des Europäischen Parlaments vor drei Jahren hatten wir in Spanien ein föderales System für die Bildung, was bedeutet, dass jede Region, abgesehen von den sehr großen autonom über die Bildung entscheidet. Von unseren 17 Regionen haben zehn bereits Schach in den Lehrplan aufgenommen, wobei Tausende von Schulen, die Schach als außerschulische Aktivität nutzen, nicht mitgezählt werden.

Leontxo ist nicht nur Journalist


Ganz am Anfang, als ich anfing, als Schachjournalist zu arbeiten, 1983 entdeckte ich, dass Schach sehr interessante Verbindungen zu wichtigen Bereichen des menschlichen Wissens hat: Bildung, Psychologie, Psychiatrie, Neurologie, Mathematik, künstliche Intelligenz, Kino, Literatur, internationale Politik und so weiter. Deshalb ist meine Zeitung, El Pais, diejenige in der Welt mit den meisten Schachinhalten. Einige dieser Schachinhalte sind nur Schach, für echte Schachliebhaber. Meine tägliche Kolumne beispielsweise ist eine kommentierte Partie einer Woche. Mein wöchentliches Video zeigt meist eine der brillantesten Partien der Geschichte, kommentiert von mir. Aber es gibt auch andere Inhalte. Zum Beispiel schicke ich jeden Donnerstag einen Newsletter an die Abonnenten, und nutze das als eine Art Entschuldigung, um über alles zu schreiben. Am interessantesten ist sicherlich der Bezug zum Thema Bildung. Wir haben starke wissenschaftliche Beweise und lange und ernsthafte Erfahrungen in der ganzen Welt. Man kann sagen, dass Schach ein sehr mächtiges Instrument ist oder sein kann.

sondern auch Vortragsreisender


Ich halte viele Vorträge und gebe auch Workshops. Ich habe mehr als 30.000 Lehrerinnen und Lehrer in mehr als 30 Ländern darin geschult, wie man Schach als transversales und interdisziplinäres Werkzeug einsetzen kann. Transversal bedeutet zum Beispiel, dass Schach mit emotionaler Intelligenz kombiniert wird, was transversal für alle Fächer ist und ein sehr wichtiges Feld für innovative Bildung im 21. Interdisziplinär bedeutet, dass zum Beispiel, aber nicht nur, ein großer Teil der Mathematik, Geometrie, Arithmetik, Algebra durch Schach auf eine sehr lustige Art und Weise erklärt werden kann. Die Schüler lernen durch das Spielen und das Spielen durch das Lernen, und für die Lehrer ist das sehr effizient. Und das funktioniert sehr gut in mehreren Ländern.

und internationaler Botschafter


Ich war bisher in vielen Ländern, das am weitesten fortgeschrittene und eines der Länder, das ich als Modell für gute Praktiken empfehlen kann, ist natürlich Ungarn. Die Judit Polgar Stiftung macht das sehr gut. Einige spanische Regionen, fünf davon, nämlich Katalonien, Aragonien, Andalusien, die Kanarischen Inseln und die Balearen. Dann drei argentinische Provinzen Santa Fe, San Luis und Buenos Aires City. Und Uruguay. In Mexiko gibt es einige sehr interessante Erfahrungen an verschiedenen Orten. Die Regierungen von Panama, Paraguay und Costa Rica haben in den letzten Jahren Entscheidungen zugunsten des Schulschachs getroffen. Wir müssen also noch ein wenig auf die Entwicklung warten. Dann im Vereinigten Königreich. Diese Stiftung von Malcolm Pein läuft schon seit einigen Jahren recht gut, mit einem guten Grad an Zufriedenheit unter den Lehrern. In Deutschland, ich glaube in Hamburg, hat man einige interessante Erfahrungen gemacht, und ich spreche hier von einem rein pädagogischen Test. Wenn wir über Schach in Schulen als Sport sprechen, dann müssen wir natürlich auch über Russland, Kuba, die Türkei und einige andere Länder sprechen. Andorra habe ich nicht erwähnt. Andorra ist sehr klein, aber die Qualität dessen, was sie im Schulschach tun, ist sehr hoch. Das ist gut.

Leontxo über den Argentinier Faustino Oro


Natürlich ist ein Wunderkind wie Faustino aus Sicht der Vermarktung von Schach erfreulich. Ich kann Beispiele nennen: Jeder weiß, was Rafael Nadal für das Tennis in Spanien bedeutet. Oder wenn wir über Schach sprechen, Vishy Anand in Indien. Faustino ist ein sehr interessanter Glücksfall, kann ich sagen. Natürlich ist das nicht objektiv, aber ich bin davon überzeugt. Faustino ist der intelligenteste zehnjährige Schachspieler, den ich je gesehen habe. Ich meine, ich kann mich an keinen anderen zehnjährigen Spieler erinnern, der so gut gespielt hat wie Faustino im Alter von zehn Jahren. Aber eine Einschränkung bei historischen Betrachtungen gibt es. Wenn wir vergleichen, wie viele Stellungen pro Tag haben Bobby Fischer oder Judit Polgar jeden Tag auf Papier gesehen? Ich meine Bücher, Zeitschriften, Zeitungen. Und wir vergleichen diese Zahl mit der Zahl an Positionen die Faustino Oro jeden Tag mit der modernen Technologie sieht. Das bedeutet zunächst, dass seine Entwicklung viel schneller voran schreitet. Meine Schlussfolgerung ist, dass Faustino Oros Talent nicht unbedingt ein größeres Talent haben muss als Bobby Fischer. Aber erkennbar macht er größere Fortschritte.

Argentinien oder Spanien?

Sie sind jetzt in Argentinien, weil Faustino die argentinische Meisterschaft gespielt hat und jetzt zur Rapid-Weltmeisterschaft in New York fährt. Aber soweit ich weiß, ist es ihr Plan, nach Badalona zurückzukehren, das ganz in der Nähe von Barcelona liegt. Faustino ist ein sehr liebenswerter Junge. Er ist nicht nur ein Kindergenie, sondern er ist auch sehr nett. Es ist sehr nett, mit ihm zu reden, ich war bei ihm zuhause. Wir sind sehr froh, ihn in Spanien zu haben, natürlich.


Leontxo García (WIKI)

Leontxo Garcia (El Pais)

Leontxo (El Pais) Youtube Kanal


Kurz und Bündig

  • 13 Millionen Zuschauer verfolgten die 24. Partie im spanischen Fernsehen
  • seit 1988 richtet Spanien immer mehr internationale Turniere aus
  • Schach ist in Spanien ein Bildungsinstrument
  • Leontxo hat mehr als 30.000 Lehrer in mehr als 30 Ländern ausgebildet
  • Schachwunderkinder wie der Argentinier Faustino Oro tragen zur Popularität des Sports bei

Fotos: Budapest Kongress 2024 (FIDE Chess)

Von Thorsten Cmiel Leontxo García ist unzweifelhaft der